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Spuren Schwarzer Pädagogik im heutigen gesellschaftlichen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Schwarze Pädagogik?
2.1 Vorbemerkungen zur Geschichte der Erziehung
2.2 Begriffsgeschichte und Definition
2.3 Ausgewählte Methoden Schwarzer Pädagogik
1. Brechung des kindlichen Willens
2. Macht über den Zögling
3. Gott als Erzieher

3. Schwarze Pädagogik heute
3.1 Bernhard Bueb: Erziehung als Disziplinierung
3.2 Amy Chua: Erziehung als Kampf um Erfolg
3.3 Michael Winterhoff: Erziehung als Vermeidung von Tyrannen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

„[...] Ich wandte jede Waffe und jede Taktik an, die mir einfiel. Wir arbeiteten ohne Abendes- sen bis in die Nacht hinein, und ich ließ Lulu nie aufstehen, sie bekam weder Wasser, noch durfte sie aufs Klo. Das Haus war zum Kriegsgebiet geworden, ich war heiser vom Schreien [...]“.2 Mit ihrem Bestseller „Battle Hymn of the Tiger Mother“ hat die in den USA lebende Amy Chua ein Millionenpublikum mit ihren Erziehungsproblemen als überehrgeiziger und er- folgssüchtiger Mutter zweier Mädchen vertraut gemacht. Das Buch hat seit seinem Erschei- nen im letzten Jahr die populär-pädagogische Debatte auch in Deutschland angeheizt.3 Im Fol- genden wird deshalb auch davon zu sprechen sein, inwieweit „Die Mutter des Erfolgs“ eine neue Botin Schwarzer Pädagogik ist.

Der derzeitige gesellschaftliche Diskurs ist mit dem Thema Erziehung angefüllt wie nie zuvor. Ein vergeht kaum ein Tag, wo der Deutschlandfunk nicht ein Feature oder eine Expertenrunde zu pädagogischen Fragestellungen sendet. Aber auch die Printmedien nehmen sich des Themas Erziehung in immer größerem Maße an.4 Michaela Schmid konstatiert in ihrer weitsichtigen Analyse, dass der gesellschaftliche und damit verbunden auch der erziehungswissenschaftliche Diskurs zu pädagogischen (Streit-)Themen seit etwa zehn Jahren an Fahrt aufnehme.5 Wortführer seien dabei die Medien, populäre „Ratgeber“ und „[...] schließlich in Auseinandersetzung damit [...]“6 auch Erziehungswissenschaftler.7

Über den fachlich bedeutsamen Gehalt jener Einzeldiskussionen darf man sich streiten. Je- doch besteht angesichts der Panik machenden Tendenzen, die viele Streitschriften, Lobeshym- nen und sonstige Beiträge zu diesem Thema aufweisen, dringend Aufklärungsbedarf. Vorbei an fachlicher Prüfung gelangen jährlich neue Brand stiftende pseudowissenschaftliche Beiträ- ge auf den Markt und erfreuen sich steigender Verkaufszahlen. Die Überprüfung des benann- ten Diskurses auf Spuren Schwarzer Pädagogik soll einmal mehr warnend zeigen, wie not- wendig eine sachliche Analyse jenseits von „PISA-Schock“, „Erziehungsnotstand“ und kind- lichen „Tyrannen“ ist. Statt weiterer Panikmache erscheint eine nüchterne Dechiffrierung in flationär gebrauchter pädagogischer Begriffe angebracht, wie sie z.B. auch Schmid anstrebt.8 Im Folgenden soll neu sensibilisiert werden für Tendenzen Schwarzer Pädagogik im heutigen Diskurs und daraus resultierend in der pädagogischen Praxis. Eine Betrachtung verschiedener Publizisten zu aktuellen pädagogischen Fragestellungen will auf Nuancen Schwarzer Pädago- gik aufmerksam machen und eine abschließende Bewertung des derzeitigen Diskurses ermög- lichen. Vorher wird jedoch zu klären sein, was der Begriff „Schwarze Pädagogik“ überhaupt impliziert.

2. Was ist Schwarze Pädagogik?

2.1 Vorbemerkungen zur Geschichte der Erziehung

Die Frage, wie man Kinder erziehen soll, stellte sich in der Anfängen der Menschheitsge- schichte und im Altertum nicht in der Weise wie heute. Kinder wuchsen mit ihrem Stamm, ih- rer Sippe und ihrer Familie auf; ganz selbstverständlich erlernten sie alle Fähigkeiten und das Wissen, was sie zum täglichen (Über-)Leben benötigten. Dass sich uns die Situation heute so gänzlich anders darstellt, lässt erkennen, dass die Frage nach der Herkunft pädagogischer Interventionsformen immer auch eine Frage nach der Geschichte der Erziehung überhaupt darstellt. Es können dieser Arbeit vorangestellt nur Schlaglichter aufgeworfen werden bei der Suche nach dem Woher pädagogischer Agitation und deren Begründung. Notwendig ist dieses Vorgehen, da sich in der Geschichte der Pädagogik - so die Hoffnung der Autorin - auch Hin- weise zu den Wurzeln der sogenannten „Schwarzen Pädagogik“ werden erkennen lassen.

Martin Luther hat einmal gesagt: „Vater und Mutter können an den Kindern den Himmel und die Hölle verdienen je nachdem, ob sie ihnen gut oder übel vorstehen“9. Was es heißt, seinen Kindern „gut oder übel vor[zu]stehen“, entnehmen die Juden seit mehreren Jahrtausenden den Weisungen der Torah. Diese Beobachtung ist deshalb wichtig, weil auch unsere Kultur ihre Wurzeln im jüdischen und später griechisch-hellenistischen, sowie christlichen Denken hat - Luther ist ein Beispiel dafür. Dass man bei der Analyse des Begriffs „Erziehung“ zu seinen jü- disch-christlichen Wurzeln gelangt, zeigt auch die Untersuchung von Dörpinghaus et al.10. Demnach geht das Wort „Pädagogik“ auf das griechische „peideia“ zurück, was eine Überset- zung des hebräischen Ausdrucks „musar“ ist. Dieser meint „[...] in erster Linie Zucht11 und Disziplinierung […;] das Ziel der Erziehung ist [hierbei, J.V.] der uneingeschränkte Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes [...]“12. Im griechischen Denken gibt es jedoch keine entsprechende Vorstellung von Erziehung: der Begriff „peideia“ ziele dort auf die „freie Selbstentfaltung“ ab, erklären Dörpinghaus et al.13 ; er meint also etwas völlig Anderes. Im deutschen Wort „Erziehung“ schwingen seither beide Bedeutungen mit und es ist eine der Aufgaben von Erziehungswissenschaft, das darin enthaltene Verhältnis von Zwang und Freiheit zu bestimmen. Kant hat dieses Problem mit der Frage „Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?“14 zu erfassen versucht. Anders ausgedrückt geht es im Erziehungsvorgang um das das rechte Verhältnis von „auf den Menschen einwirken“ und „aus dem Menschen zutage fördern“.

Unser heutiger Erziehungsbegriff speist sich weiterhin auch aus dem aristotelischen Verständnis des bereits erörterten „peideia“, was wörtlich soviel wie „Knaben-Führer“ bedeutet. Aristoteles sah im pädagogischen Verhältnis natürlicherweise ein hierarchisches, was durch den Altersvorsprung des Erziehenden begründet wurde. Wie Dietrich Benner herausarbeitet, bestimmt Aristoteles die pädagogische Intervention als einen politischen Vorgang, als das „[...] Verhältnis Regierender und Regierter [...]“15.

Wichtig für die vorliegende Untersuchung ist außerdem die Beobachtung, dass Erziehung von der Antike bis ins Mittelalter hinein teleologisch geschah, also auf ein Ziel hin16. Die Erziehungsmaximen Gewöhnung und Unterweisung etablierten sich im Rahmen einer Gesellschaft, die als Ganze teleologisch funktionierte. In der ständischen Gesellschaft bestimmten die Geburt (Stand und Geschlecht) und der Beruf des Vaters darüber, welche Bestimmung das eigene Leben haben würde. Da es in Bezug auf die Zukunft keine Wahlmöglichkeiten gab, bestand auch die Notwendigkeit zu umfassender Allgemeinbildung nicht.

Erst imzuge der „[...] neuzeitlichen Ausdifferenzierung der menschlichen Gesamtpraxis in Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft [...sei eine, J.V.] Verbesonderung des pädagogischen Handelns eingetreten [...]“17, konstatiert Benner. Erziehung sei so „[…] zu einer von […] den anderen Handlungsbereichen abgehobenen […] künstlichen Form menschlichen Handelns geworden [...]“18. Den nun folgenden Ausführungen zur Legitimität der pädagogischen Gewaltausübung stellt Benner die Einsicht voran, dass weder der blinde Verzicht auf Gewalt, noch die unreflektierte Anwendung selbiger zielführend sein können, dass es vielmehr darauf ankomme, sich der o.g. kant'schen Frage zu stellen.

Die Frage, wie Kinder zu erziehen seien, ist - wie sich zeigt - eine Frage, die sich erst sei den Tagen der Aufklärung stellt. Alle Versuche, eine Antwort auf die Frage nach der rechten Gewaltausübung zu finden, sind als solche zu würdigen und mit der Erkenntnis zu verbinden, wie sie u.a. Arnold mitteilt: „Erziehung ist Beziehung“19. Erziehung ist ein offener Prozess, ein permanentes Suchen nach einem angemessenen Verhältnis von pädagogischer Intervention und freiheitlicher Offenheit dem Edukandus gegenüber.

2.2 Begriffsgeschichte und Definition

Elisabeth von Stechow hat mit ihrem Aufsatz unter der Frage „Rückkehr zur schwarzen Pädagogik?“ erst kürzlich gezeigt, dass „Schwarze Pädagogik“ auch heute noch ein gängiger „Sammelbegriff [ist J.V.] für Erziehungsmethoden, die Gewalt und Einschüchterung als Mittel der erzieherischen Beeinflussung beinhalten [...]“20. Angesichts pädagogischer Ratgeberliteratur, die tendenziell wieder mehr solche Methoden forciert oder zu forcieren scheint, wird der Begriff „Schwarze Pädagogik“ im erziehungswissenschaftlichen und auch gesellschaftlichen Diskurs neuerdings wieder öfter gebraucht.

Die Wendung „Schwarze Pädagogik“ ist verglichen mit der Anwendung solcher Erziehungs- methoden noch sehr jung: Katharina Rutschky zeichnet in ihrem vielerorts rezipierten Buch „Schwarze Pädagogik“ Ende der 70er Jahre die „[...] Naturgeschichte der bürgerlichen Erzie- hung“21 anhand von Quellen nach und führt die Metapher „Schwarze Pädagogik“ damit ein. Ob Rutschkys Werk „[...] als ein Beitrag zur Verteidigung der antiautoritären Erziehungsbe- wegung ihrer Zeit [...]“22 zu bewerten ist, wie Stechow meint23, sei dahingestellt. Allerdings macht diese Bemerkung auf die Gefahr aufmerksam, Begriffe ungenau, bzw. unreflektiert zu verwenden. Das Adjektiv „autoritär“ - als Beschreibung eines Erziehungsstils - ist in der Wendung „Schwarze Pädagogik“ zwar enthalten, es ist aber nicht mit ihr gleichzusetzen. Die Prüfung, ob es sich bei Bernhard Buebs Streitschrift um ein Plädoyer für Schwarze Pädagogik handelt, darf daher z.B. auch nicht nach dem Kriterium erfolgen, inwiefern dieser Pädagoge autoritärer Erziehung das Wort redet oder - im umgekehrten Sinne - die sog. „antiautoritäre“ Erziehung anfeindet.

Der Begriff „Schwarze Pädagogik“ bezeichnet jegliches erzieherisches Verhalten, was das Kind oder den Jugendlichen negiert, was ihm die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Verhalten abspricht, was zulasten seiner seelischen oder körperlichen Gesundheit geht, was nicht um des Kindes/ Jugendlichen willen geschieht, sondern um eines zweiten, externen Grundes willen, oder - und dies ist keine abschließende Begriffsdefinition, sondern lediglich der Versuch, einiges aus dem breiten Spektrum Schwarzer Pädagogik zu extrahieren - was die Würde des Kindes/ Jugendlichen missachtet. Mit Alice Miller kann „Schwarze Pädagogik“ abschließend mit „Erziehung als Verfolgung des Lebendigen“24 charakterisiert werden.

2.3 Ausgewählte Methoden Schwarzer Pädagogik

Aus dem bereits erwähnten breiten Spektrum von pädagogischen Interventionsformen, die der Schwarzen Pädagogik zuzuordnen sind, oder die zumindest Aspekte lebensverneinender Pädagogik enthalten, seien an dieser Stelle nur drei näher beschrieben. Es handelt sich dabei um eine willkürliche Auswahl.

1. Brechung des kindlichen Willens 25

Miller, deren Untersuchung von der Einsicht geleitet ist, dass lebensfeindliche Pädagogik traumatisierende Wirkung habe, stützt sich zunächst auch auf Rutschkys Werk. Als Beispiel, welche Sorge den Erziehenden der kindliche „Eigensinn“26 mache, zitiert Miller (nach Rutschky) aus Sulzers Schrift zu „[den, J.V.] zwei Hauptaufgaben der Kleinkindererziehung“27: „[...] Wo der Eigensinn und die Bosheit nicht vertrieben werden, da kann man unmöglich einem Kinde eine gute Erziehung geben [...]“.28 Mit der Brechung des kindlichen Eigensinns, der erschreckend eng mit „Bosheit“ in Verbindung gebracht wird,29 wird die Schaffung einer Grundlage „guter Erziehung“ angestrebt. Es ist eine klare Frontstel- lung erkennbar: Der Zögling, dem imzuge dessen das Recht auf eigene Wünsche und einen ei- genen Willen abgesprochen wird, steht dem Erziehenden von Natur aus entgegen.

Die Vernichtung des kindlichen Willens hat einen weiteren Hintergrund: Sulzer möchte in dem geschaffenen Vakuum beim zu Erziehenden grundlegende Tugenden der bürgerlichen Gesellschaft verankern: Ordnung und Gehorsam.

[...]


2 Chua (2011): Die Mutter des Erfolgs, S. 71f.

3 Vgl. z.B. ohne Autor (2011): Wer hat Angst vor dieser Frau? URL: http://www.zeit.de/2011/05/China- Erziehung vom 27.3.12 oder Steinberger (2011): Laut gebrüllt, Tigermutter, URL: http://www.sueddeutsche.de/karriere/usa-debatte-um-strenge-erziehung-laut-gebruellt-tigermutter-1.1049095 vom 27.3.12.

4 So widmet etwa DER SPIEGEL eine Ausgabe dem Thema „Das überförderte Kind. Wie viel Ehrgeiz verträgt gute Erziehung?“ (Nr. 42/ 17.10.11); natürlich kommt die Schreiberin des Artikels „Kinder in Bedrängnis“ nicht um Amy Chua herum.

5 Vgl. Schmid (2011): Erziehungsratgeber und Erziehungswissenschaft, S. 335.

6 Ebda.

7 Der besseren Verständlichkeit halber verwende ich im Rahmen dieser Arbeit die grammatikalisch männliche (biologisch jedoch androgyne) Form - es sind damit aber ausdrücklich beide Geschlechter gemeint.

8 Vgl. Schmid (2011): Erziehungsratgeber und Erziehungswissenschaft.

9 Knuth (1984): Ein Herz, das voll Freude ist, S. 16.

10 Vgl. Dörpinghaus et al. (2011): Grundbegriffe der Pädagogik, S. 20f.

11 Möglicherweise ist Zucht wesentlich Strafe, wie Rutschky ein „Handbuch zur Metaphysik von Zucht und Strafe“ zitiert, vgl. Rutschky (1977): Schwarze Pädagogik, S. 381.

12 Dörpinghaus et al. (2011): Grundbegriffe der Pädagogik, S. 20.

13 Ebda.

14 Zit. nach: Benner (2010): Allgemeine Pädagogik, S. 211.

15 Ebda., S. 213.

16 Griechisch: Telos = Ziel.

17 Benner (2010): Allgemeine Pädagogik, S. 209.

18 Ebda.

19 Arnold (2007): Aberglaube Disziplin, S. 87 (Überschrift).

20 von Stechow (2010): Rückkehr zur Schwarzen Pädagogik? S. 135.

21 Rutschky (1977): Schwarze Pädagogik, S. III (Untertitel des Werkes).

22 von Stechow (2010): Rückkehr zur Schwarzen Pädagogik? S. 136.

23 Vgl. auch: Ebda., S. 143 und 147.

24 Miller (1980): Am Anfang war Erziehung, S. 16.

25 Dies kann auch als ein Ziel Schwarzer Pädagogik gedeutet werden. Hier wird damit allerdings eine Methode vorgestellt, die höheren Zielen dient, und deren Methoden als (Erziehungs-)Mittel gedacht werden.

26 „Eigensinn“ ist genau genommen Ausdruck des Willens, wird aber an dieser Stelle synonym für „Wille“ ge- braucht.

27 Rutschky (1977): Schwarze Pädagogik, S. 173 (Überschrift).

28 Sulzer, zit. nach: Miller (1980): Am Anfang war Erziehung, S. 25.

29 Vgl. auch Hegel, zit. nach: Benner (2010): Allgemeine Pädagogik, S. 216.

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656177845
ISBN (Buch)
9783656177371
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192706
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
spuren schwarzer pädagogik diskurs Schwarze Pädagogik Bernhard Bueb Michael Winterhoff Amy Chua Erziehungswissenschaft Disziplinierung Zwang Zucht Tedd Tripp Tigermutter Erziehungsratgeber Erziehungsnotstand Bibel Kinder Jugendliche

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