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Lucas Cranach d.Ä. - Venus und Amor als Honigdieb

Wissenschaftlicher Aufsatz 2006 4 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Lucas Cranach d.Ä.: Venus und Amor als Honigdieb

Nach 1537

Lindenholz, 174,5 x 65,5 cm

Kat. Nr. 1190

Die literarische Vorlage für das Motiv, das Cranach in großer Anzahl variierte,[1] liefert Theokrit. In seinen Idyllen berichtet der Dichter, wie Amor den Honig der Bienen stielt, die ihn daraufhin stechen. Seinen Schmerz darüber klagt er seiner Mutter Venus, der Göttin der Schönheit und Liebe. Venus antwortet ihrem klagenden Sohn: „Du bist den Bienen gleich, da du so klein bist und doch so große Schmerzen verursachst.“ Venus offenbart ihrem Sohn, dass die Wunden seiner Pfeile schmerzhafter seien als die Stiche der Bienen. Theokrit legt damit den Schwerpunkt seiner Erzählung auf die Betonung der Macht Amors und gibt dem Leser keine moralische Lehre. Cranachs künstlerische Rezeption des Mythos setzt einen anderen Akzent. Alle Varianten des Themas sind mit einer moralisierenden Inschrift versehen, die den Betrachter vor der Wollust der Venus und ihren verderblichen Konsequenzen warnt.

Das hochformatige Gemälde zeigt lebensgroß die nackte Gestalt der Venus mit ihrem Sohn Amor vor monochromen schwarzen Hintergrund. Venus steht rechts in Schrittstellung auf einem schmalen, steinigen Bodenstreifen und wendet sich mit einer leichten Drehung dem Betrachter zu. In ihren Poportionen entspricht die Venus dem Typus der Mädchen- und Frauengestalten Cranachs, dessen Kennzeichen gelängte, mädchenhafte Gestalten mit ausschwingenden Hüften und puppenartig stilisierten Gesichtern sind. Mädchenhafte Unschuld und erotische Verlockung kommen darin gleichermaßen zum Ausdruck. Die hochstilisierte Typisierung wird in der Cranach-Literatur als Resultat seiner Anstellung als Hofmaler im Jahr 1504 gewertet, die künstlerische Gestaltung passte sich den Bedürfnissen und Erwartungen der höfischen Gesellschaft an. Der Kopf der Venus neigt sich zur linken Schulter, der Blick geht aus dem Bild heraus zu dem Betrachter. Das lange blonde Haar ist kunstvoll hochgesteckt, ein zierlicher Reif schmückt ihren Kopf. Mit der linken Hand hat die Göttin einen durchsichtigen Schleier ergriffen, der in elegantem Schwung vom Haar über den ausgestreckten rechten Arm und Hüfte herabfällt. Die verlockenden Reize der Venus betont der zarte Schleier eher, als dass er die unverhohlen zur Schau gestellte Nacktheit verdeckt. Die direkte Blickwendung und die zu einem rätselhaften Lächeln gebogenen Mundwinkel unterstützen das erotische Moment des Gemäldes. Venus neigt sich mit deutend zu Amor herab, ihr Zeigefinger der rechten Hand zielt direkt auf das Gesicht des Sohnes, der unmittelbar neben ihr zur linken Bildseite steht. Cranach hat die Figur des Cupido so gestellt, dass sein rechter Flügel vom linken Bildrand überschnitten wird. Der kindlich dargestellte Amor ist gleich der Venus frontal erfasst und wendet sich in gedrehter Haltung der Mutter zu. Der Kopf ist im ¾ Profil nach rechts gewendet, mit verzweifeltem Ausdruck blickt er empor zu Venus. In der Hand des rechten angewinkelten Armes hält er eine Honigwabe vor seinem Bauch, mit dem linken erhobenen Arm scheint er die ihn umschwirrenden Bienen fortscheuchen zu wollen. Die Amor umschwirrenden Bienen konzentrieren sich in Kreisform um seinen Kopf und den erhobenen linken Arm. Erstaunlich ist die Beobachtung, dass die Cranachschen Bienen acht Beine haben, die natürlichen hingegen besitzen sechs Beine; auf diese Eigentümlichkeit soll in der Bildbeschreibung nicht näher eingegangen werden.

Den Sinngehalt der Darstellung klärt die Inschrift am oberen Bildrand, die visuell dominierend in heller Farbigkeit vom dunklen Grund abgesetzt ist. Den Kopf der Venus umschließend, heißt es in Hexametern: „DUM PUER ALVEOLO FURATUR MELLA CUPIDO / FURANTI DIGITUM CUSPITE FIXIT APIS / SIC ECIAM NOBIS BREVIS EST PERITURA VOLUPTAS / QUAE PETIMUS TRISTI MIXTA DOLORE NOCET.“

[...]


[1] Über die eigentliche Anzahl der Versionen gibt es in der Literatur unterschiedliche Angaben. Bekannt sind heute mehr als 20 verschiedenen Versionen, von denen die frühesten auf das Jahr 1527 datiert sind. J. Friedländer zählt 27, E. de Jongh geht von mindestens 22 Versionen aus.

Details

Seiten
4
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656182962
Dateigröße
330 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193061
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
lucas cranach venus amor honigdieb

Autor

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Titel: Lucas Cranach d.Ä. - Venus und Amor als Honigdieb