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Begabung und Förderung in der Musikerziehung

Ist musikalische Begabung angeboren oder erlernbar?

Bachelorarbeit 2011 56 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Begabung - musikalische Begabung - Begriffs- und Gegenstandsbestimmung
2.1. Was versteht man unter Begabung
2.2. Musikalische Begabung und Musikalität
Exkurs: Musikalitätstests

3. Begabung vererbt oder erlernbar? – Darstellung der Anlage- Umwelt Debatte
3.1. Vererbungsthesen
3.2. Anlage- Umwelteinflüsse

4.Musikalische Entwicklungspsychologie
4.1. Musikalischen Früherziehung

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1. Angloamerikanische Begriffsverwendung
7.2. Grafiken
Abbildung 1: tabellarische Übersicht Musikalitätstests
Abbildung 2: vier Stadien der musikalischen Entwicklung

1. Einleitung

Musikalische Begabung und musikalische Früherziehung, zwei Disziplinen die in ihrem speziellen Bezug zur Musik der Forschung der systematischen Musikwissenschaft angehören. Diese setzt sich bekanntlich aus verschiedenen Teilbereichen zusammen. Spätestens mit der Auseinandersetzung dieser verschiedenen Bereiche wird deutlich, dass die Begabtenforschung und pädagogische Bemühungen rund um die Erziehung nicht der gleichen Teildisziplin angehören. Hieraus ergibt sich für die vorliegende Arbeit folgende Fragestellung: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der musikalischen Begabung und der musikalischen Früherziehung und wenn ja, wie kann dieser im Einzelnen aussehen?

Um dieser Fragestellung gerecht zu werden, muss zunächst einmal geklärt sein, was eigentlich eine Begabung und speziell auch die musikalische Begabung ist. Hierbei tritt im Alltag immer wieder die für manch einen unerklärliche Tatsache auf: Zwei Pianisten, die die selbe musikalische Entwicklung, bei ein und demselben Lehrer für den gleichen Zeitraum teilten, spielen dessen zum Trotz verschieden. Man gewinnt den Eindruck, dem Einen fällt es etwas leichter als dem anderen und man würde dies wohl damit in Verbindung bringen, dass derjenige vermutlich eine Begabung für das Klavier spielen besitzt. Es steht außer Frage, dass in jedem Falle nur das Benennen aufgrund erbrachter Leistungen nicht ausreichen kann, um Begabung in all ihren Facetten zu erfassen. Da sich der wissenschaftliche Diskurs rund um die Begabung durch eine ungeheuere Begriffsvielfalt auszeichnet, soll der erste Teil meiner Arbeit dazu dienen, Aufschluss über diese Vielfalt und die unterschiedliche Nutzung des Terminus Begabung zu geben und klären, auf welchen Ebenen eine Begabung diagnostiziert werden kann.

In Hinblick auf die musikalische Begabung muss auf Grund der geschichtlichen Zusammenhänge auch näher auf den Begriff der Musikalität und der sich aus ihr schließenden Merkmale eingegangen werden. Ausdrücklich soll hier entgegen der oftmals in der Literatur äquivalenten Benutzung der Begriffe musikalische Begabung und Musikalität gearbeitet werden. Mit dem ersten Kapitel möchte ich nicht nur die Auswahl und Nutzung der von mir verwendeten Fachtermini verdeutlichen und abgrenzen, sondern auch näher auf die Merkmale der Musikalität eingehen, da diese im Verlauf meiner Arbeit in Hinblick auf zum Beispiel die Musikalitätstests und die musikalische Früherziehung nochmals relevant sein werden. Das Verständnis von Musikalität ist zudem in beiden Teilbereichen, sowohl in der Musikpädagogik als auch in der Musikpsychologie von zentraler Bedeutung, sodass dieses nicht außen vor gelassen werden kann. Eine wichtige Rolle in der Bestimmung solcher Merkmale nehmen Musikalitätstests ein. Da dies an und für sich schon ein sehr breites Forschungsgebiet darstellt, soll hierauf nur der Zweckgebundenheit wegen in einem Exkurs eingegangen werden.

Diese ersten Schritte sind unerlässlich für ein allgemeines Verständnis, welches sich auch nicht unbedingt im Alltagsgebrauch mit einer Einheitlichkeit auszeichnet. Würde man zufällig ausgewählte Personen nach ihrem Verständnis von Musikalität oder "musikalisch sein" befragen, würden immer unterschiedliche Antworten zu Tage kommen. Einer würde vielleicht das Spielen eines Instrumentes nennen, ein anderer wieder die theoretische Kenntnis über Musik. Diese und andere Auffassungen von Musikalität oder musikalischer Begabung tragen unweigerlich zu der Begriffsvielfalt bei.

Für die Begabtenforschung ein weiteres unerlässliches Thema, ist die Diskussion rund um den Ursprung einer Begabung. Diese Diskussion, die zunächst aus einem starken Dualismus zwischen Anlage und Umweltbedingen besteht, muss zunächst einmal in ihren einzelnen Elementen dargestellt werden, um zum Beispiel den Zusammenhang zwischen dem Ursprung einer Begabung und der musikalischen Entwicklung, welche wiederum in Hinblick auf die musikalische Früherziehung bedeutend ist, zu verstehen. Dabei ist es nicht zu verachten dass auch in diesem Forschungsgegenstand nicht immer eine Einheitlichkeit in den Begriffsverwendungen zu erkennen ist. Auf Grund dessen scheint es mir auch hier angebracht zu sein, näher auf dies einzugehen, auch um zu verdeutlichen wie diese Begriffe für die vorliegende Arbeit abzustecken sind. Zudem tritt das Problem der Vielfältigkeit von Musikalität wieder auf, welches auch in Hinblick auf die gesamte Arbeit und den dargestellten Versuchen des Forschungsgebietes eine Rolle spielen. Da Musikalität nicht in einem zu fassen scheint, geht es nur in logischer Konsequenz einher, dass diese "Nicht- Fassbarkeit" dieses enormen Komplexes in allen Ansätzen, sei es die Beschreibung von Merkmalen oder die Suche nach dem Ursprung etc. als Hindernis zu verstehen ist.

Das folgende Kapitel der Entwicklungspsychologie setzt sich zum Ziel, Begriffe wie musikalische Entwicklung, die im Rahmen der Umweltbedingungen und der damit einhergehenden Sozialisation schon erwähnt worden sind, aufzufangen und in einen angemessenen Kontext zu stellen. Diese Darstellung der Entwicklungspsychologie und besonders auch der musikalischen Entwicklung soll an dieser Stelle nicht ausführlich behandelt werden, sondern dient als Brücke zum Bereich der musikalischen Früherziehung. Da diese wiederum in der vorliegenden Arbeit eher eine untergeordnete Funktion übernimmt und auch die Fragestellung mehr nach einer Beantwortung des Kontextes zur Begabung verlangt als eine ausführliche Beschäftigung mit der musikalischen Früherziehung in all ihren Facetten, soll dieser Abschnitt eben dazu dienen Aufgearbeitetes wieder aufzunehmen und es der musikalischen Früherziehung entgegen zu stellen. Ein zentraler Diskussionspunkt wird an dieser Stelle die Auffassung sein, dass die musikalische Früherziehung dazu diene, musikalische Begabungen frühzeitig zu entdecken, um sie dann zu fördern.

Als Mutter und angehende Musikpädagogin liegt mir auch ein persönliches Interesse daran Begabung und Früherziehung zu erfassen, um im Alltag sowie auch der Berufswegen einen Weg des adäquaten Umganges mit diesen Disziplinen zu finden.

2. Begabung - musikalische Begabung – Begriffs - und Gegenstandsbestimmung

2.1. Was versteht man unter Begabung

Der Terminus Begabung birgt auf Seiten der Definition eine Komplexität in sich, die je nach Wissenschaftsgebiet, gemeint sind in diesem Fall Pädagogik, Musikwissenschaft und Psychologie, und deren Ziele unterschiedliche Schwerpunkte setzt. Es ist in der Literatur schier unmöglich eine einheitliche Begriffsbestimmung zu finden. Im Bedeutungswörterbuch des Dudens wird unter Begabung eine natürliche Anlage, eine angeborene Befähigung zu bestimmten Leistungen gesehen (DUDEN 2010: 187). Hier wird auch auf die synonyme Verwendung des Begriffes Intelligenz verwiesen[1]. In der vorliegenden Arbeit sollen diese Begriffe getrennt von einander verwendet werden. Da die Verwendung eines Begriffes sehr stark vom Verwendungszusammenhang und theoretischer Bezugsbasis abhängig ist, lassen sich Unterschiede in Bezug auf die Definitionen jenes Begriffes kaum vermeiden. Trotz dieser Differenzen, die sich im Verständnis rund um die Diagnostik und Definition von Begabung in der Literatur oftmals bemerkbar machen, erkennt man in allen Ansätzen die Tendenz, dass die besagte begabte Person, bestimmte Fähigkeiten besitzen muss, die in einem oder mehreren Bereichen extrem über dem Durchschnitt liegen, gemessen an Altersgenossen.

"Wenn man von einem Menschen sagt, er sei begabt, so bescheinigt man ihm in verschiedener Hinsicht Auffälligkeit. [...] Mühelosigkeit offenbart sich im Tun des Begabten. Dinge, die sich andere mit Anstrengungen aneignen müssen, derer sie vielleicht nie in vollem Umfang teilhaftig werden, fallen ihm zu" (Motte- Haber 1984: 104).

Motte- Haber spricht hier ein zentrales Bewusstsein an. Unzweifelhaft kann auch jemand mit viel Übung und Anstrengung ein bestimmtes Niveau oder Ziel erreichen, doch macht sich eine Begabung eben durch das Erreichen eines Ziels ohne jegliche Anstrengung bemerkbar, in einem Wort durch Mühelosigkeit. Begabung ist demnach ein positives Merkmal, eine "positiv bewertete Abweichung" (Motte- Haber 1984: 104).

Welche Dinge jemandem "leicht fallen", hängt natürlich davon ab, welche Fähigkeit oder Anlage eine begabte Person besitzt. Mit Fähigkeit im Allgemeinen ist eine: „geistige, praktische Anlage, die zu etwas befähigt“ und die „Voraussetzung, die neben der Motivation zur Leistungserbringung erforderlich ist (Leistung = Motivation · Fähigkeit)“, gemeint. „Fähigkeiten können sowohl angeboren (Begabungen) als auch erworben (Fähigkeiten) sein und variieren nach dem Grad ihrer Ausprägung von Person zu Person."[2] Diese Notwendigkeit der Spezifizierung einer Begabung zweckentfremdet den Versuch einer allgemeinen Definition von Begabung. Betrachtet man nun das Wort Begabung an sich, wird schnell deutlich, welche Probleme bei der Definition dieses Begriffes mitschwingen. Begabung deutet auf etwas "Gegebenes" hin, auf eine Gabe, die in der äußersten Definition sogar als von Gott gegeben angesehen werden kann (vgl. Hemming 2002: 13). Hieran wird das Kernproblem der ‚Begabung‘ deutlich. Wieso ist ein Mensch begabter als ein anderer? Ist eine Begabung angeboren oder sogar erlernbar? Diese und viele andere Fragestellungen treten unweigerlich auf, wenn es um die Bestimmung von Begabung geht. Im Laufe meiner Arbeit werde ich dieses näher beleuchten.

An dieser Stelle sei zunächst einmal, auch der Vollständigkeit halber, kurz auf den Unterschied zu dem Begriff der Hochbegabung hingewiesen.

"Hochbegabung meint die intellektuelle, d.h. eine besondere geistige Befähigung auf allen Gebieten “ (Billhardt 1997: 65).[3] Die gebräuchlichste Methode, um Hochbegabung zu diagnostizieren, ist die des Intelligenztestes. Auch an dieser Stelle wird der wichtige und unvermeidliche Zusammenhang von (Hoch)Begabung[4] und Intelligenz deutlich. Gewiss ist, dass mit Hochbegabung eine sehr hohe Intelligenzausprägung gemeint ist, die in Zahlen, dem Intelligenzquotienten, ausgedrückt werden kann. Man spricht von "hochbegabt" bei einem IQ von 130 und mehr (vgl. Götting 2006: 33). Allerdings verhält es sich mit dieser Definition ähnlich wie mit der Definition von Begabung. Eine einheitliche Definition von Hochbegabung fehlt, was nicht letzten Endes mit der Tatsache zusammenhängt, dass auch eine Hochbegabung individuelle Ausprägungen hat und nicht alle Hochbegabten eine bestimmte Anzahl von Fähigkeiten aus verschiedenen Bereichen besitzen, sondern dass auch diese Fähigkeiten variieren können.[5] Resümierend kann festgehalten werden, dass Definitionen, Modelle und Konzepte rund um Begabung und Hochbegabung sich allein schon zwecks des ähnlichen Untersuchungsgegenstandes ähneln und, dass dadurch eine Abgrenzung der beiden Begriffe nicht einfacher zu werden scheint. Hemming schreibt hierzu: „Mit Hilfe dieser Begriffe [gemeint sind hier Hochbegabung und Spitzenbegabung] wird das allgemeine Konzept von Begabung weiter ausdifferenziert“ (Hemming 2002: 22).[6]

Mit dieser Aussage wird deutlich, dass Begabung und Hochbegabung zwar begrifflich zu trennen sind und in keinem Fall synonym verwendet werden sollten, aber ihnen verwandte Forschungsbemühungen inne wohnen.

Neben der nahe liegenden Unterscheidung zwischen Begabung und Hochbegabung soll im Kommenden der Zusammenhang zwischen Begabung und Leistung verdeutlicht werden. Unangefochten ist die Trennung zwischen Begabung und Leistung. Dies macht dieses Begriffspaar aber nicht weniger bedeutend. Die Frage, ab wann jemand begabt oder sogar hochbegabt ist, bleibt auch nach vorangehenden Definitionsansätzen und Andeutungen auf mögliche Testverfahren[7] offen. Meint Begabung, die Fähigkeit, die jemanden dazu befähigen würde auf einem bestimmten Gebiet etwas leisten zu können? Oder spricht man erst von Begabung, wenn jemand eine Leistung, die zum Beispiel über dem Durchschnitt liegt, erbracht hat? (vgl. Freund- Braier 2001: 20). Gewiss kann gesagt werden, dass eine Begabung in keinem Fall die Leistung ist, die eine Person unter größter Anstrengung erbringen würde. Ferner darf Begabung auch nicht mit Leistung gleichgesetzt werden, doch ist nicht zu verachten, dass Begabung diesen Begriff impliziert. Richtet man sich nach dem Alltagsverständnis von Begabung, kann man die Behauptung aufstellen, dass Begabung sich immer durch eine bessere Leistung im Vergleich zu Altersgenossen definieren lässt. Man schließt also "aus Grad der vorhandenen [...] Leistungen auf den Umfang des individuellen Potentials an [...] Begabung" (Gembris 2010: 67). Ein Grundproblem der Begabtenforschung bleibt, dass Begabung niemals unmittelbar erfasst oder gemessen werden kann, auch wenn es unzählige Versuche gibt einen Test zur Messung dieser oder der Intelligenz aufzustellen. Ein Rückschluss auf eine Begabung ist immer nur im Zuge der bisher erbrachten Leistung möglich. Deswegen lässt sich in der Theorie der Begabung auch keine eindeutige Antwort auf das Begabung- Leistungsproblem finden. Vielmehr stehen sich beide Möglichkeiten, Begabung als inne wohnende Fähigkeit und Begabung als Leistung, in Modellen gegenüber.

Ungeachtet der Tatsache, ob begabt oder hochbegabt, lassen sich zwei Richtungen festlegen. "(Hoch)Begabung als Leistung" und "(Hoch)Begabung als Disposition". Ersteres setzt das Kriterium der Beobachtbarkeit voraus, letzteres bezieht sich auf die Anlage, die sich nicht zwangläufig im Verhalten manifestieren muss. In der Literatur stößt man in diesem Zusammenhang auch oft auf die zur Differenzierung verwendeten Begriffe Potenz, damit ist die zugrunde liegende Begabung gemeint und Performanz, die in Leistung umgesetzte Begabung (vgl. Freund- Braier 2001: 21, Hervorhebungen durch den Verfasser).[8]

Abschließend für dieses Kapitel ist zu sagen, dass es bei der begrifflichen Klärung des Terminus Begabung unerlässlich ist das Alltagsverständnis neben den Versuchen wissenschaftlichen Definierens einzubeziehen, um den Praxisbezug, der gerade durch das rationale Einordnen und Eingrenzen von Begriffen verloren geht, zu wahren. Ohne den wissenschaftlichen Bezug wiederum gäbe es kein Fundament, auf welches sich die Forschung stützen könnte. Beide Herangehensweisen, ob wissenschaftlich oder über das Alltagsverständnis, ergeben zusammen eine vollständige Basis, mit der in der Pädagogik umgegangen werden kann. Diese Basis ist Grundlage für einen adäquaten Umgang mit Begabung in der Praxis.

Da die Begabtenforschung nicht nur im deutschsprachigen Raum Vertreter findet und das "voneinander profitieren" beider Seiten Gang und Gäbe ist, kann es durchaus hilfreich sein, sich die Begriffsverwendungen im angloamerikanischen Raum zu Gemüte zu führen. Da diese Begriffe für meine Arbeit keine Relevanz haben, befindet sich hierzu ein Abschnitt im Anhang. (→ Anhang: angloamerikanische Begriffsverwendung)

2.2. Musikalische Begabung und Musikalität

Wie schon angedeutet kann Begabung auf den verschiedensten Gebieten auftreten. So auch auf der Ebene der Musik. Im Folgenden soll daher näher auf die musikalische Begabung und deren begriffliches Umfeld eingegangen werden.

Zu Beginn dieses Abschnittes möchte ich auf das schon angesprochene Alltagsverständnis eines Begriffes zurückkommen. Denn zweifelsohne stellt sich auch hier die Frage, wie musikalische Begabung und Musikalität außerhalb des wissenschaftlichen Fundus verstanden werden. Das Alltagsverständnis dieser beiden Begriffe setzt sich aus einer weiten Spanne zusammen. Es lässt sich wohl kaum in ein paar Sätzen zusammenfassen. Jeder Mensch hat wohl seine eigene Vorstellung vom "musikalisch sein". Trotzdem lassen sich vier grobe Richtungen in den Beschreibungen dieser Begriffe erfassen: Erlebnisfähigkeit, (damit ist das Musikempfinden/- nachempfinden und der Sinn für Musik gemeint) musikpraktische Fähigkeiten (hierzu gehören z.B. Lieder singen, Rhythmus haben, Musik gestalten), kognitive Fähigkeiten (Musik und Noten gut lernen können) und einen allgemein- musischen Bereich (z.B. kreativ sein) (vgl. Gembris 2002: 24). Sicherlich ist das Alltagsverständnis nicht belanglos, vor allem für die Praxisrelevanz, doch die alleinige Beschäftigung mit Begriffen über das Alltagsverständnis reicht nicht aus, um den Versuch des Absteckens jener Begriffe zu unternehmen. Deswegen soll im Folgenden dargestellt werden, welche wissenschaftlichen Definitionen für den Begriff der musikalischen Begabung unternommen wurden.

"Der Begriff >musikalische Begabung< ist ein theoretisches Konstrukt, dass die individuelle unterschiedliche Disposition oder Kapazität zur Entwicklung musikalischer Fähigkeiten meint und zur Erklärung von Unterschieden in musikalischen Fähigkeiten herangezogen wird" (Gembris 2010: 67, Hervorhebungen durch den Autor).

Die musikalische Begabung meint demnach zunächst einmal die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Gebiet, hier zur Musik gehörend.

Anknüpfend erscheint es sinnvoll, erstmal zu klären in welchem Verhältnis die angeführten Begriffe "musikalische Begabung" und "Musikalität" stehen.[9] Dieses Vorhaben stellte sich im Laufe des Erarbeitens als nicht so einfach heraus, denn durch die oftmals äquivalente Benutzung der Begriffe, zeichnen sich Definitionen in der Literatur oftmals durch Willkürlichkeit aus (vgl. Gembris 2002/: 62). Ähnlich wie es in der Psychologie keinen einheitlichen Begabungsbegriff gibt, findet auch der Musikalitätsbegriff keine einheitliche Verwendung.

"Musikalität" meint, in der Literatur oftmals nichts anderes als "musikalische Begabung".[10] Dessen ungeachtet können Unterschiede festgestellt werden. Hemming ist der Ansicht, dass "...die neutralste Form, um eine Vorstellung von Begabung zu evozieren, [...] mit Hilfe der Begriffe Musikalität oder musicality" erfolgt (Hemming 2002: 19). Somit steht der Begriff auch der Anlage- Umwelt Debatte neutraler gegenüber und wird nicht so stark dem Vererbungsaspekt zugeordnet. Allgemein kann man von einer weit verbreiteten Musikalität und einer hohen musikalischen Begabung ausgehen (vgl. Abel- Struth 1985: 158). Im Alltagsverständnis kann ein Mensch zwar musikalisch sein, das beinhaltet aber noch nicht notwendiger Weise eine Begabung auf dem Gebiet der Musik. Dem Begriff der musikalischen Begabung kann also nachgesagt werden, dass er irrtümlicher Weise nur zwischen dem Alternativmerkmalen begabt und unbegabt unterscheidet (vgl. Motte- Haber 1984: Seite). Indessen lässt der Musikalitätsbegriff mehr Bedeutungsnuancen zu.[11] Unterstützt wird diese Ansicht daher das Musikalität zunächst einmal ein Persönlichkeitsmerkmal ist, welches zweifelsohne unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Es ist also sinnvoll zwischen Musikalität und musikalischer Begabung zu unterscheiden.[12]

Aus den vorangehenden Definitionen war immer zu erkennen, dass sich der Begabungsbegriff "auf das individuelle Fähigkeitspotential fokussiert" (Heller 2004: 9).

"Musikalische Begabungen oder Talente bezeichnen außergewöhnliche Fähigkeiten im Bereich der Musik, die freilich sehr unterschiedliche Facetten in dieser Domäne repräsentieren können" (Heller 2004: 9).

Welche "musikalischen" Fähigkeiten gemeint sind, ist in der Literatur unterschiedlich. Abhängig vom zeitlichen Kontext und dem Definitionsverständnis, könnte man an dieser Stelle nur eine exemplarische Liste erstellen. Dies soll sich im Verlauf dieses Kapitels durch den Vergleich der unterschiedlichen Auffassungen über Musikalität und dem zeitlichen Kontext zutragen.[13] Die Fragen nach: Wer ist musikalisch? Und welche Fähigkeiten gehören dazu? werden seit Beginn der Musikalitätsforschung diskutiert. Die historischen Wurzeln der Musikalitätsforschung liegen in musikpädagogischen und musikästhetischen Schriften des frühen 19. Jahrhunderts.[14] Das früheste in der Literatur zu findende Beispiel, ist der Aufsatz "Über die Prüfung musikalischer Fähigkeiten" von Christian Friedrich Michaelis, der 1805 in der Berlinischen Musikalischen Zeitung erschien. Dieser Artikel beinhaltet die Beschäftigung mit musikalischen Merkmalen und deren detailliere Darstellung, sowie das Zusammenfügen dieser Merkmale mit entwicklungspsychologischen Beobachtungen. Ziel war es eine Lösung für das Problem der frühzeitigen Erkennung von musikalischer Begabung zu finden. Dies beweist auch, dass von Beginn an in der Begabtenforschung über Findung und Förderung nachgedacht wurde. Exemplarisch möchte ich an dieser Stelle nur einige Merkmale aus diesem Aufsatz nennen. Michaelis zählt unter anderem zu den musikalischen Merkmalen: das Wiedererkennen von gehörten Tönen und Melodien; das musikalische Gedächtnis; den Grad der Leichtigkeit, Genauigkeit und Feinheit, mit der etwa eine Melodie nachgesungen oder nachgespielt werden kann; musikalische Einbildungskraft; und musikalischen Geschmack (vgl. Gembris 2002: 68). An dieser Stelle ist von Bedeutung, dass diese Merkmale, nach dem Verständnis von Michaelis anhand des Grades der Ausprägung Hinweise auf die Stärke der musikalischen Begabung geben können. Dies ist in Hinblick auf die heutige Begriffsunterscheidung von musikalischer Begabung und Musikalität wichtig.[15] Der Unterschied zwischen einem musikalischem Menschen und einem musikalisch begabten Menschen wird durch die Zuteilung von Nuancen und durch die Chance der Bestimmung eines bestimmten Ausprägungsgrades gewährleistet.[16]

[...]


[1] Durch die enge Verknüpfung dieser beiden Begriffe, werden diese oftmals in der Literatur fälschlicher Weise synonym verwendet (vgl. Heller 1976: 7). Dies erscheint mir nicht immer sinnvoll, vor allem, wenn von Begabung im Zusammenhang mit Leistung die Rede ist (im Verlauf der Begriffsbestimmung wird dies noch angesprochen). Daraus hervorgehend stellt sich die Frage nach einem sinnvoll benannten Zusammenhang der Begriffe Intelligenz und Begabung. Intelligenz meint im Allgemeinen ein Problemlöseverfahren auf verschiedenen Ebenen und die Anwendung von Lösungsstrategien auf neuartige Probleme (vgl. Brackmann 2007: 153). Allein die Tatsache, dass Intelligenz eine stärkere Tendenz zum Allgemeinen als zum Spezifischen hat, lässt erahnen, warum die synonyme Verwendung problematisch ist. Es ist davon auszugehen, dass eine Begabung immer Bezug auf ein bestimmtes Gebiet nimmt. Nicht ohne Grund schwingt immer ein „begabt wofür/ für was“ in einer Erläuterung dieser mit. Intelligenz darf anderseits aber auch nicht als ein reiner IQ- Wert betrachtet werden.

[2] Lexikon für Psychologie und Pädagogik (o. J. ); Begabung. URL: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/faehigkeit.html (eingesehen am 16.06.2011).

[3] Ursprünglich wurde zunächst der Begriff des Genies für einen Menschen benutzt, der auf einem bestimmten Gebiet etwas Gegenwarts- und Zukunftsbedeutendes vollbringt. Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dieser Begriff vom Begriff der Hochbegabung abgelöst (vgl. Freund– Braier 2001: 20).

[4] Das Wort "hoch" ist hier in Klammern gesetzt, um zu verdeutlichen, dass es sich um zwei Begriffe handelt, die in keinem Fall synonym verwendet werden sollen.

[5] Am Rande sei noch erwähnt, dass die Identifikation von Hochbegabung durch den IQ- Wert eine Möglichkeit ist, um diese zu diagnostizieren. Weitere fasst Inez Freund- Braier zusammen. Sie beschreibt die Identifikation von Hochbegabung mit vier Methoden. Identifikation über nicht- kognitive Spezialbegabungen, Identifikation durch ein „Expertenurteil“, Identifikation über Leistung und die eben schon erwähnte Identifikation über Intelligenz. Offensichtlich ist, dass die Identifikation über die Intelligenz aus Sicht empirischen Forschung und methodischer Ansätze am sichersten scheint (vgl. Freund- Braier 2001: 31).

[6] An dieser Stelle tritt, wie so oft, die Gaußsche Normalverteilung ein, um das Verhältnis von Begabten, weniger Begabten und Hochbegabten zu verdeutlichen. Vergleichsweise gibt es in einer Klasse in vielen verschiedenen Bereichen begabte Kinder aber nur wenig hochbegabte und auch wenig weniger begabte Kinder.

[7] Hiermit sind neben den erwähnten Intelligenztest auch für den späteren Verlauf meiner Arbeit wichtigen Test zur Musikalität und musikalischen Begabung gemeint, die ich in einem separaten Exkurs darstellen werde.

[8] Zweifelsohne gibt es unumstrittene Vor- und Nachteile. Bei der Auswahl nach "Disposition" werden auch Personen berücksichtigt, die ihr Potential nicht in erkennbarer Leistung umsetzen ("Underachiever"), folgerichtig fallen diese bei der Auswahl über das Leistungskriterium weg. Anderseits werden beim Leistungskriterium auch neben begabten Personen, Personen dazu gezählt, die über ihre Möglichkeiten hinaus Leistung erbringen ("Overachiever"). Letzten Endes wäre es nur wichtig eindeutig zu benennen, welches Auswahlkriterium verwendet wurde. Diese Spezifizierung lässt sich jedoch in dem Zusammenhang in der empirischen Literatur kaum finden (vgl.Freund- Braier 2001: 21).

[9] Auch der der Begriff des musikalischen Talentes tritt oft in der Literatur auf. "Musikalisches Talent" wird aufgrund seiner Herkunft meist synonym mit dem Begriff der musikalischen Begabung, verwendet. Der Begriff "Talent" bedeutet ursprünglich "Gabe, Begabung" im Sinne einer gottgegebenen, angeboren besonderen Begabung (vgl. Duden 2001: 835). Rein etymologisch gesehen wird also beiden Wörtern, sowohl Talent, als auch Begabung eine Angeborenheit oder Vererbbarkeit beigemessen. Gembris plädiert für eine gleichwertige Benutzung, da es sonst nur zu noch mehr Verwirrung auf der begrifflichen Ebene führt. Diesem möchte ich mich anschließen und werde im weiteren Verlauf meiner Arbeit die beiden Begriffe Talent und Begabung synonym gebrauchen.

[10] Synonyme Verwendung zum Beispiel bei Motte- Haber, Helga de la. Musikalische Begabung. In: Motte Haber / Rötter 2005: 552.

[11] Dies wird auch besonders im Zusammenhang mit dem Begriffverständnis und dem Begriffsgebrauch im angloamerikanischen Raum deutlich (→ s. Anhang: Angloamerikanische Begriffsverwendung).

[12] Einen weiteren zentralen Unterscheidungspunkt dieser beiden Begriffe, möchte ich erst im Verlauf der Abreit nennen, da für diesen das Verständnis rund um Anlage und Umwelt eine Rolle spielen (→s. 3.2).

[13] Der Begriff "Musikalität" hat sich erst im 20. Jahrhundert etabliert. In der Zeit davor war die Rede von "musikalisch sein" oder "musikalischem Talent".

[14] Entstanden im Zusammenhang mit Musik- und Gesangspädagogischen Bewegungen.

[15] Ein vergleichendes Vorgehen in Bezug auf das Verständnis von Musikalität heute und Michaelis, lässt Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede feststellen. Zum einen liegen seinen Ansichten schon wahrnehmungspsychologische Einsichten zu Grunde, allerdings lassen sich seine Überlegungen zum Geschmack und dessen Rolle als Merkmal einer musikalischen Begabung heute wohl kaum legitimieren. Dies zeigt, das der zeitliche Kontext immer zu berücksichtigen ist (vgl. Gembris 2002: 67f).

[16] An dieser Stelle sei noch mal auf den Musikalitätsbegriff und der von ihm ausgestrahlten größeren Zulässigkeit von Nuancenbildung auf Ebene des Begriffverständnisses im Gegenzug zu dem eng gefassten Begriff der musikalischen Begabung hingewiesen.

Details

Seiten
56
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656182085
ISBN (Buch)
9783656182573
Dateigröße
793 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193196
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Musik und Musikpädagogik
Note
2,0
Schlagworte
musikalische begabung kontext früherziehung Anlage- Umwelt- Debatte Musikalität Testverfahren der musikalischen Begabung

Autor

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Titel: Begabung und Förderung in der Musikerziehung