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Die Schweigespirale - Eine kritische Analyse

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Schweigespirale
2.1. Konzept
2.2. Prämissen
2.2.1. Wertgeladenheit
2.2.2. Aktualität
2.2.3. Wandelnde Mehrheitsverhältnisse

3. Hypothesenkritik
3.1. Isolationsfurcht
3.2. „Quasi-statistischer Wahrnehmungsapparat“
3.3. Artikulationsfunktion der Massenmedien
3.4. Redebereitschaft

4. Methodische Kritik

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der berühmte Satz Noelle-Neumanns ‚Return to the Concept of Powerful Mass Media’ stellte einen Paradigmenwechsel in der Geschichte der Medienwirkungsforschung der Kommunikationswissenschaft dar und bewegte Wissenschaftler in der Vergangenheit wie auch heute dazu, sich intensiv mit den Annahmen und den daraus resultierenden Folgen der Theorie der Schweigespirale auseinanderzusetzen (vgl. Bonfadelli/Wirth 2005: 590). Es gibt nur wenige Theorien in der Medienwirkungsforschung, die so umstritten und stark diskutiert worden sind wie die Theorie der Schweigespirale.

Noelle-Neumann ging davon aus, dass Medien sofort und direkt auf die Rezipienten einwirkten so „als würde ihnen eine Spritze gesetzt“. (Noelle-Neumann 1994: 521) Diese eminente Äußerung illustriert besonders welch radikale Umwälzung in der Kommunikationswissenschaft stattfand – weg von der Ohnmacht, hin zur Allmacht der Medien. Das Werk Noelle-Neumanns ‚Die Schweigespirale – öffentliche Meinung – unsere soziale Haut’, das in den 1970er Jahren entstand, wurde innerhalb der Scientific Community einerseits als revolutionäre Theorie der öffentlichen Meinung und andererseits als absurd bezeichnet.

Mit Hilfe dieses Konzepts versuchte die Wissenschaftlerin in ihren populären Publikationen die Entstehung der öffentlichen Meinung und den Zusammenhang zur Massenkommunikation zu erklären. Dabei war die Definition der öffentlichen Meinung eine wichtige Prämisse, um den sozialpsychologischen Prozess der Schweigespirale zu verstehen (vgl. Schenk 1987: 526). Hierbei wurden auch Disziplinen wie die Soziologie, Politologie und andere Sozialwissenschaften in das neue Konzept mit eingebracht. Noelle-Neumann geht in ihren Arbeiten sowohl auf das Publikum als Rezipienten, als auch auf den Einfluss von Kommunikatoren und Medien ein und initiiert besonders dadurch eine heftige internationale Debatte um die Validität ihrer Theorie. (Vgl. Deisenberg 1986: 51ff.)

Aufgrund der enormen Skepsis, die bis heute an der Theorie der Schweigespirale geäußert wird, ist es Ziel dieser Arbeit, sich kritisch mit den Hypothesen der Schweigespirale auseinanderzusetzen. Dabei sollen vorerst das grundlegende Konzept und die Bedingungen der Theorie kurz erläutert werden, um eine erste grundlegende Basis für das Verständnis zu generieren. Hauptkern der Arbeit wird letztlich die Klärung der Frage sein, inwiefern die Grundannahmen der Theorie der Schweigespirale zu bewerten sind. Die vier Grundannahmen Isolationsfurcht, der quasistatistische Wahrnehmungsapparat, die Artikulationsfunktion der Massenmedien und die Redebereitschaft sollen dabei hinsichtlich ihrer inhaltlichen Güte kritisch hinterfragt und analysiert werden. Darüber hinaus soll auch Noelle-Neumanns methodisches Vorgehen kurz porträtiert und anschließend kritisiert werden, so dass letztlich ein Fazit über die Qualität und Haltbarkeit der Theorie der Schweigespirale gezogen werden kann.

2. Schweigespirale

In den folgenden Kapiteln sollen das Konzept der Theorie der Schweigespirale und ihre Randbedingungen in ihren Grundzügen näher erläutert werden, um einen Ausgangspunkt für die darauffolgenden Hypothesen und deren einzelnen Kritikpunkte zu liefern.

2.1. Konzept

Das Konzept der Schweigespirale ist ein Teil der theoretischen Fundierung der öffentlichen Meinung, wie sie durch Elisabeth Noelle-Neumann in den 1970er Jahren verstanden wurde. Öffentliche Meinung wird hierbei verstanden als „Meinungen, Verhaltensweisen in wertgeladenen Bereichen, die man öffentlich äußern, zeigen kann, ohne Gefahr, sich zu isolieren“ (Noelle-Neumann 1989: 419) Die Theorie Noelle-Neumanns hat ihre Wurzeln in der Frage nach der Wirkung der Massenmedien auf das öffentliche Meinungsklima. Es wird davon ausgegangen, dass Medien einen entscheidenden Beitrag bei der Vermittlung des öffentlichen Meinungsklimas in der Gesellschaft leisten und dieses darüber hinaus zumindest teilweise erschaffen. (Vgl. Haferkamp 2008: 274) Kernaussage der Theorie ist hierbei die Feststellung, dass die Bereitschaft einer großen Masse von Menschen, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, in vielerlei Situationen von der wahrgenommenen Mehrheitsmeinung abhängig ist. Bei diesem Prozess können Massenmedien, wie zum Beispiel das Fernsehen, enorme Einflüsse auf den Rezipienten nehmen und somit auch auf die öffentliche Meinung. Die Schweigespirale geht demnach von einer großen Wirkungsmacht der Massenmedien aus und zählt somit zu den neueren Ansätzen der Medienwirkungsforschung. (Vgl. Bonfadelli/ Wirth 2005: 590)

Als Ausgangsbasis der Konzipierung der Schweigespirale bezog sich die Demoskopin Noelle-Neumann auf das Ergebnis der Bundestagswahl 1972, wo die SPD erstmalig in der Geschichte der BRD als dominanteste Partei hervorging, obwohl die CDU in den Umfrageergebnissen noch kurz vor dem Wahltermin führend war. Die Theorie der Schweigespirale begründet diesen Umschwung durch eine vom Fernsehen verursachte Änderung des Meinungsklimas, dem in besonderem Maße die eher unpolitischen, aber viel fernsehenden Wähler nachgegeben hätten. (Vgl. Noelle-Neumann 1980: 164ff.)

2.2. Prämissen

Nicht alle Prozesse, die die öffentliche Meinung tangieren, weisen grundsätzlich einen Zusammenhang mit der Theorie der Schweigespirale auf. Daher fixierte Noelle-Neumann in ihren Schriften drei Randbedingungen, die unerlässlich sind, um den Spiralprozess zu initiieren. Laut Donsbach hängen die miteinander verbundenen Prozesse der gesellschaftlichen und persönlichen Meinungsbildung und -änderung von den im Folgenden aufgeführten drei Auslösefaktoren ab (vgl. Donsbach 1987: 324ff.).

Diese Prämissen werden in Kürze vorgestellt, um zu demonstrieren, welche Bedingungen gewährleistet sein müssen, um den Spiralprozess einzuleiten. Kritiker bemängeln jedoch oftmals, dass die folgenden Aspekte hinsichtlich ihrer Anzahl unzureichend sind, um den Prozess der öffentlichen Meinung umfassend zu erklären. (Vgl. Scherer 1992: 103ff.)

Welche Faktoren setzen nun den Spiralprozess laut Noelle-Neumann in Gang?

2.2.1. Wertgeladenheit

Die Wahl des Themas ist eine sehr wichtige Bedingung, denn für die Theorie der Schweigespirale sind lediglich Themen geeignet, die moralisch oder ethisch besetzt sind (vgl. Zeidler 2007: 8). Noelle-Neumann spricht hierbei von einer sogenannten Wertgeladenheit (vgl. Noelle-Neumann 2001: 296; Hervorheb. d. Verf.) von Themen. Damit sind Diskussionen um die Frage gemeint, bei denen es nicht um richtig oder falsch, sondern um gut oder schlecht geht (vgl. Scherer 1992: 91, Hervorheb. d. Verf.).

„Das kontroverse Element, Voraussetzung für ein Isolationspotential, tritt erst beim Verstoß in Erscheinung, wenn fest gewordene öffentliche Meinung, wenn Tradition und Sitte verletzt werden.“ (Noelle-Neumann 2001: 91)

Themen, die damals wie auch heute dazu zählen, sind solche wie die Kindererziehung, die Rassentrennung, die Meinung zu Gastarbeit oder die Debatte um die Kernkraft (vgl. Kunczik/Zipfel 2005: 379, Hervorheb. d. Verf.).

2.2.2. Aktualität

Die Themen, die für den Prozess der Schweigespirale geeignet sind, müssen außerdem das Kriterium der Aktualität aufweisen. Demnach müssen sie auf der gesellschaftlichen Ebene zu einer bestimmten Zeit kontrovers diskutiert werden (vgl. Noelle-Neumann 2001: 91).

2.2.3. Wandelnde Mehrheitsverhältnisse

Zudem muss gewährleistet sein, dass die Mehrheitsverhältnisse zu einer bestimmten Thematik in der Gesellschaft einem Wandel unterzogen sind und die Massenmedien müssen in diesem Prozess stark involviert sein (vgl. Deisenberg 1986: 25). Das heißt, dass die klassischen Medien eine klar erkennbare Position in einer konkreten Diskussion oder Debatte einnehmen. Viele Wissenschaftler sprechen davon, dass sich Meinungen und Einstellungen der Bevölkerung in diesem Fall im Fluss befinden. Dies ist vor allem bei politischen Wahlkämpfen ganz typisch. (Vgl. Jäckel 2005: 253) Denn hier befinden sich Meinungs- und Einstellungsbereiche in einem ständigen Wandel, so dass die daraus resultierenden vorherrschenden Normen, Werte, Einstellungen und Meinungen ununterbrochen neu gebildet werden können (vgl. Strausbach 2003: 6).

3. Hypothesenkritik

Die Kritik, die an der Schweigespirale geübt wurde und wird, hat vor allem theorieimmanente, also inhaltliche, Ursachen. Denn die Theorie der Schweigespirale umfasst kommunikationstheoretische, gesellschaftstheoretische und verhaltenstheoretische Bestandteile und Hypothesen, die das Gesamtkonstrukt überkomplex werden lassen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Konstrukt nicht systematisch entwickelt worden ist, sondern im Laufe der Diskussion immer weitere Zusatzprämissen angefügt und Revisionen vorgenommen wurden. Eine ganzheitliche Überprüfung der Theorie, die alle relevanten Variablen impliziert, steht daher bis heute aus. Versucht man angesichts dieser Problematik trotzdem eine Analyse der Theorie der Schweigespirale, so scheint es ratsam, innerhalb der Theorie der Schweigespirale zentrale, im Kernbereich der Theorie liegende Bestandteile von eher peripheren Elementen zu differenzieren:

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Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656270461
ISBN (Buch)
9783656270737
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193212
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Schweigespirale Öffentliche Meinung Noelle-Neumann

Autor

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Titel: Die Schweigespirale - Eine kritische Analyse