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Wortbildungskonkurrenzen: Darstellung am Beispiel einer Umfrage zu Diminutiva

Hausarbeit 2008 25 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitendes

2. Wortbildungskonkurrenzen

3. Konkurrenz zwischen den Diminutivsuffixen -chen und -lein

4. Erstellung eines Fragebogenkorpus

5. Auswertung der Fragebögen

6. Ergebnisse

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Bibliographie

Anhang

1. Einleitendes

Diminutive begegnen uns in der heutigen Sprache sehr häufig. Sowohl in Literatur (typisch beispielsweise in Märchen), als auch in Film und Fernsehen, in Redewendungen, bei Spitznamen und auch im alltäglichen Sprachgebrauch sind Verkleinerungsformen üblich. Doch bedeutet ein Diminutiv nicht immer nur eine Verkleinerung des Benannten, sondern häufig wird auch eine emotionale Einstellung ausgedrückt.

Gegenstand der folgenden Arbeit ist nun die Untersuchung der Diminutive anhand einer Umfrage. Zunächst wird auf Wortbildungskonkurrenzen allgemein und schließlich auf die Konkurrenz zwischen den Diminutiva -chen und -lein eingegangen.

Um eben diese Konkurrenz beurteilen zu können, wurde die Umfrage eingeleitet und die Teilnehmer dazu aufgefordert zu den angegebenen Worten die passende Verkleinerungsform zu finden. Hier ist zu erwähnen, dass sich die Umfrage nur auf Substantive beschränkt, welche aber ohnehin die Domäne der Diminutiva sind.1 Wichtig bei einer solchen Untersuchung ist natürlich, dass das Material repräsentativ ist, denn besteht diese Repräsentativität nicht, so kann man keine allgemeingültigen statistischen Aussagen treffen.

Ziel dieser Seminararbeit ist es durch die Umfrage zu klären, wann welche Diminutivsuffixe benutzt werden beziehungsweise benutzt werden dürfen, welches Diminutivsuffix häufiger verwendet wird und ob der Sprecher tatsächlich freie Wahl zwischen ihnen hat oder sich an gewisse Gesetzmäßigkeiten halten muss.

2. Wortbildungskonkurrenzen

Um auf die Wortbildungskonkurrenzen eingehen zu können, muss man zunächst wissen wie Wortbildung überhaupt stattfinden kann.

Es gibt drei Bereiche der Wortbildung, nämlich Derivation, Komposition und Konversion.2 Unter Derivation versteht man die Kombination eines Stammes mit einem Affix wie beispielsweise könig + -lich - königlich. Werden zwei selbstständige Wörter miteinander verbunden, wie Honig + Biene - Honigbiene, so spricht man von Komposition. Die Konversion schließlich ist die Veränderung einer Wortart, beispielsweise von Verb zu Nomen wie laufen - Lauf.

Im Gegensatz zur Grammatik nun, die Jahrhunderte braucht, um sich durchzusetzen, wandelt sich der Wortschatz schnell, denn er „(…) unterliegt kulturhistorischen, sozialpolitischen, auch ökonomischen Veränderungen, selbst Moden.“3 Wenn es nun geschieht, dass Wortbildungen formal in einem Wortbildungsbestandteil übereinstimmen und sich funktional äquivalent verhalten, sie also in einem Kontext ohne größeren Informationsunterschied austauschbar sind,4 so spricht man von Wortbildungskonkurrenzen.

Besteht zwischen zwei Wörtern eine Konkurrenz, so setzt sich für gewöhnlich jenes Wort durch, welches semantisch, morphologisch und phonologisch weniger beschränkt ist, oder es entsteht ein Art Konkurrenz durch die abnehmende Produktivität des älteren Wortes, welches die Entstehung eines neuen Wortes hervorruft.5 Ein Beispiel für eine solche Konkurrenz sind die Derivationssuffixe -bar und -lich: Im Althochdeutschen war -bāri nur schwach produktiv gegenüber -līch, entwickelte sich aber zum Konkurrenten für -līch und im Mittelhochdeutschen waren -lîch und -bære sogar häufig austauschbar. Im Neuhochdeutschen nun ist -bar zu einem sehr produktiven Suffix geworden. Die Konkurrenz zwischen den beiden Derivationssuffixen wurde geringer, da -lich und -bar nun beide ihre eigenen Funktionsbereiche haben.6

Des Weiteren sind die Wortbildungssynonyme zu erwähnen. Stefanie Stricker definiert diese in ihrem Aufsatz über Konkurrenzen im Wortbildungssystem um 1800 (aufgezeigt an der Wortbildung Goethes) als „bedeutungsäquivalente Bezeichnungseinheiten (…), die eine partielle formale Identität aufweisen“7 und nennt hier Beispiele wie Führung - Führer oder Häufchen - Häuflein. Und hier stellt sich nun wieder die Frage, ob die Diminutivsuffixe -chen und -lein wirklich austauschbar, also Konkurrenten sind, oder ob sie vielleicht doch auch ihre eigenen Funktionsbereiche haben, nicht beliebig verwendbar sind.

3. Konkurrenz zwischen den Diminutivsuffixen -chen und -lein

Zunächst einmal zur Definition des Begriffs Diminutiv: Es handelt sich hierbei um ein „abgeleitetes Wort, durch das eine reduzierte, verkleinerte Form des im Stamm bezeichneten Objekts bezeichnet wird, z.B. Häus-chen zu Haus, Reh-lein zu Reh; (…) Diminutive werden auch zur Signalisierung emotionaler Einstellungen verwendet (…), z.B. Mütterlein, Früchtchen;“8

Die beiden üblichsten deutschen Diminutivsuffixe sind -chen und -lein, welche auch in dieser Arbeit untersucht werden.

Wie bereits erwähnt setzt sich für gewöhnlich ein Konkurrent gegen den anderen durch. Um diesen Sachverhalt genauer untersuchen zu können, braucht man allerdings Fakten. Da Konkurrenzen bis heute aber weitgehend unerforscht sind,9 mag es vielleicht auch nicht erstaunen, dass „die Geschichte des Nebeneinanders der beiden Formen [-chen und -lein] durch die deutsche Sprachgeschichte hindurch [weniger bekannt ist].10 Material zu diesen Diminutivsuffixen war erst mit dem mittelhochdeutschen -lîn und -chîn auffindbar, daher ist die Herkunft der Suffixe an dieser Stelle schwer zu beurteilen. Regional lassen sich die beiden Diminutivsuffixe allerdings einordnen: -chen wird vorwiegend in den mitteldeutschen Dialekten verwendet wie dem Saarländischen und Hessischen, aber auch im Niederdeutschen, -lein hingegen in den oberdeutschen Dialekten wie dem Schwäbischen, Fränkischen und Bairischen.11

Im Mittelhochdeutschen, haben K.-P. Wegera und H.-J. Solms in ihrer Untersuchung der Wortbildung des Mittelhochdeutschen festgestellt, trat die Liquid-Variante der Diminutivsuffixe, das heutige -lein, sogar im Mitteldeutschen viel häufiger auf als die Guttural-Variante, das heutige -chen.12 Diese Tatsache ist überraschend, denn heute ist das Diminutivsuffix -chen viel gebräuchlicher als sein Konkurrent -lein. Leider können auch Wegera und Solm nur vermuten, wieso -chen damals so selten verwendet wurde: Sie meinen, das mundartliche -chen sollte im Mittelhochdeutschen in der Schriftlichkeit gemieden werden und nur schriftlich verwendet werden, wenn man beispielsweise in einer Predigt seine Zuhörer erreichen möchte.13 Das bedeutet, dass -chen vielleicht häufig im Mundartlichen vorkam. Aber darüber liegen keine schriftlichen Belege vor und somit weiß man auch nicht wie es schließlich zu dem Dominanzwechsel vom häufig gebrauchten -lein zum nun viel verwendeten -chen kam.

Heute wird also -chen wesentlich häufiger verwendet als -lein, doch auch dies kann man nicht so stehen lassen. Denn -lein wird sehr wohl häufig verwendet, nämlich in den dialektalen Varianten: „[Im Bairischen in der Variante -al,] -el und -erl (Raderl), [im Schwäbischen mit] -le (Vögele), [im Schweizerdeutschen mit] -li (Blättli)“14 und im Fränkischen mit -la. Der Grund dafür, dass uns -chen so viel üblicher scheint als -lein ist der, dass die dialektalen Varianten nicht in der Schriftsprache verwendet werden, sie gehören nicht zum Standart. Also ist hier festzuhalten, dass -chen im Standard eindeutig häufiger vorkommt als -lein, was jedoch nicht für das Mundartliche gelten muss. Aber auch -chen tritt in dialektalen Varianten auf wie im Saarländischen mit -sche, -elsche (Äugelsche), im Hessischen mit -che (Kätzche) und im Niederdeutschen mit der Variante -ken.

4. Erstellung eines Fragebogenkorpus

Bei der Erstellung des Fragebogens mussten mehrere Aspekte berücksichtigt werden: Zunächst war es wichtig festzulegen, welche Ergebnisse die Umfrage bringen soll. Zum einen sollte sie zeigen, ob jedes beliebige Substantiv verkleinert werden kann. Welche Diminutivsuffixe werden überhaupt hierfür verwendet und welches dieser Suffixe wird am häufigsten gebraucht?

Weiter sollte sie klären, ob der Sprecher freie Wahl zwischen den Diminutivsuffixen hat oder ob bei bestimmten Substantiven auch nur eine bestimmte Verkleinerungsform verwendet werden kann.

Schließlich sollte sie auch Aufschluss darüber bieten, ob die jeweiligen Sprecher eine dialektale Variante oder die Standardvariante der Diminutiva anwenden und welche Form sie selbst als standardsprachlich einschätzen.

Um diese Fragen zu beantworten, wurden unterschiedliche Substantive vorgegeben: Einige Fallen, manche Wörter, bei denen nur -chen und manche Wörter, bei denen nur -lein möglich ist und schließlich auch Wörter, bei denen beide Formen möglich sind, aber eine unterschiedliche Aussage erzielt wird.

Die Umfrage wurde per Email an 10 Personen unterschiedlichen Geschlechts, Alters und Herkunft versendet: Es handelt sich um fünf Männer und fünf Frauen. Das Alter variiert zwischen zehn und 65 Jahren. Vier der Teilnehmer stammen aus Nordrhein Westfahlen, sechs aus Bayern. Durch diese Mischung soll eine möglichst hohe Repräsentativität erreicht werden. Es soll deutlich werden, ob es stimmt, dass -chen vorwiegend im mitteldeutschen Sprachraum und -lein im oberdeutschen Sprachraum verwendet wird.

5. Auswertung der Fragebögen

Bei der Auswertung der Fragebögen ist zunächst zu beachten, dass alle Personen die Umfrage unterschiedlich beantwortet haben, was die Auswertung erschwert. Einige Teilnehmer haben keine Angaben zur Standardsprache gemacht. Andere haben sowohl die dialektale Variante als auch den Standard angegeben, sodass man nicht genau sagen kann, welche Variante sie im Alltag gebrauchen. Daher wird im Folgenden besonders die Standardeinschätzung berücksichtig.

Und wieder andere suchten zwanghaft nach einer Verkleinerungsform und haben daher Umschreibungen gebildet, die eigentlich nicht als Diminutiv gelten.

Um die Frage zu beantworten, ob ein Diminutiv bei jedem Substantiv möglich ist, wurden drei Wörter in die Umfrage eingebaut, zu denen es laut Duden keine Verkleinerungsform gibt: Dazu gehören Sand, Mehl und Keule.15

Bei Sand haben 60% der Umfrageteilnehmer das Diminutiv verneint, 20% waren sich nicht sicher, tendierten aber auch eher zu einer Verneinung und 20% lösten die Aufgabe durch eine Umschreibung, nämlich Sandkörnchen.

Mehl wurde von 80% der Teilnehmer als nicht zur Diminutivbildung geeignet befunden, 20% umschrieben wieder mit Mehlstaub und Mehlkörnchen.

50% der Umfrageteilnehmer gaben an, dass zum Wort Keule keine Verkleinerungsform existiert, 30% bildeten das Diminutiv mit -chen und die restlichen 20% waren sich nicht sicher, ob ein Diminutiv möglich ist.

Daraus folgt, dass über die Hälfte der Befragten, nämlich 63%, die Aufgabe richtig löste, indem sie das Diminutiv verneinten.

Doch eine Regel scheint es hier nicht zu geben. Ein abstrakter Begriff wie Liebe lässt sich nicht verkleinern, jedoch kann man an jemandem sein Mütchen kühlen. Auch gibt es keine Verkleinerung zu Dunkelheit, hingegen kann aber ein Lichtlein brennen. Tatsächlich war keine Regel auffindbar, doch durch Introspektion können die meisten Sprecher beurteilen welche Worte man verkleinern kann und zu welchen es kein Diminutiv gibt. Nun zu den Wörter, bei denen nach den Duden nur das Diminutivsuffix -lein möglich ist: Die Regel lautet, dass -chen „aus artikulatorischen Gründen (…) nicht nur nach dorsalem Frikativ, sondern auch nach dorsalem Nasal [ŋ] und stimmhaftem Plosiv [ɡ] vermieden wird. Meist wird es hier ersetzt durch lein“.16

Diese Regel trifft auf die Umfragewörter Tisch, Buch und Ring zu. 90% der Befragten ordneten den Wörtern richtigerweise das Suffix -lein zu, wobei eine der Personen die dialektale Variante -erl verwendete, welche dem standarddeutschen -lein entspricht. Beim Wort Tisch, welches mit dem stimmlosen postalveolaren Frikativ [ʃ] endet, ist ein -chen aussprachetechnisch möglich, jedoch gehört Tischchen nicht zum Standard, wobei 10% -chen jedoch für die Standardvariante hielten. Der Grund, weshalb -lein hier vielleicht die Standardvariante ist, mag an dem Grimmschen Märchen Tischlein, deck dich! liegen, welches die Diminutivvariante -lein verbreitet hat.

Das Diminutivsuffix -chen wird nun gebraucht, „wenn -l(e) vorliegt, wobei es zur Tilgung des Vokals -e kommt“.17 Als Beispiel nennt Lohde hier unter anderem Keule - Keulchen, obwohl dies kein standardsprachliches Wort ist. Der Duden nennt als Substantive, die nur mit -chen kombinierbar sind, Blume und Schatz. Rein theoretisch wären aber sowohl die mundartliche Variante Blümlein oder poetisch Blümelein möglich als auch Schatzi oder Schatzilein. Bei Blume wählten dennoch 80% der Umfrageteilnehmer das Suffix -chen. Zwei Personen, beide Dialektsprecher, wählten die Variante -lein beziehungsweise -erl. Bei Schatz nannten alle Teilnehmer Sch ä tzchen als standardsprachliche Lösung, es wurden aber auch die Varianten Schatzal von den Dialektsprechern erwähnt und auch -ilein oder -i wurde als mögliche Diminutivvarianten erwogen. Einig waren sich alle Teilnehmer, dass das Diminutiv bei Schatz aber keine Verkleinerung eines Geldschatzes oder dergleichen bedeutet, sondern, dass hier die meliorative Konnotation des Diminutivs deutlich wird. In ihrer kosenden Funktion wird hier durch die Verkleinerungsform eine vertraute und/oder geliebte Person benannt.18

An dieser Stelle soll nun eine weitere Begleiterscheinung des Diminutivs vermerkt werden: Nämlich, dass „(…) Diminutivsuffixe meist Basisumlaut (d.h. Aufhellung der Basisvokale a, o, u, au zu ä ,ö,ü, ä u) bewirken (…)“,19 wobei durch „die Diminution (…) das durch das Substantiv bezeichnete Konzept sehr stark [verändert wird]: Ein B ä umchen evoziert eine andere Vorstellung als ein Baum.“20

[...]


1 Vgl. Lohde (2006), S. 120.

2 Vgl. Nübling (2006), S. 68.

3 Nübling (2006), S. 131.

4 Vgl. Habermann (2002), S. 315.

5 Vgl. Nübling (2006), S. 79.

6 Vgl. Nübling (2006), S. 79.

7 Habermann (2002), S. 315.

8 Glück (2005), S. 146.

9 Vgl. Habermann (2002), S. 315.

10 Habermann (2002), S. 160.

11 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Diminutivaffix

12 Vgl. Habermann (2002), S. 164.

13 Vgl. Habermann (2002), S. 165.

14 Lohde (2006), S. 120.

15 Drosdowski (1989): Die in der Umfrage vorgegebenen Wörter wurden in ihrer Verkleinerungsform im Duden gesucht. Wurde kein Diminutiv gefunden, so wurde die Diminutivform für nicht standardsprachlich befunden, eine Existenz mag nur im Umgangssprachlichen möglich sein. (Die Ausgabe des Universalwörterbuchs ist leider nicht aktuell, aber es stand in der Bibliothek keine aktuellere Ausgabe zur Verfügung.)

16 Eisenberg (2004), S. 274.

17 Lohde (2006), S. 121.

18 Vgl. Lohde (2006), S. 122.

19 Erben (2000), S. 87.

20 Nübling (2006), S. 217.

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656184454
ISBN (Buch)
9783656185727
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193241
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1,3
Schlagworte
wortbildungskonkurrenzen darstellung beispiel umfrage diminutiva

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Titel: Wortbildungskonkurrenzen: Darstellung am Beispiel einer Umfrage zu Diminutiva