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Jesus als Davidide - Exegese von Lk 18,35-43 (Heilung eines Blinden bei Jericho)

Seminararbeit 2010 19 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Text
2.1. Übersetzung Lk 18, 35-43
2.2. Gliederung
2.3. Textkritik Lk 18, V 40T

3. Textsortenanalyse: Wundererzählung

4. Motivanalyse: Jesus als Sohn Davids ( υἱός Δαυίδ )

5. Skopos und Bedeutung des Textes

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Hilfsmittel
6.3. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Erzählung der Heilung eines Blinden in Lk 18,35-43 ist Teil des lukanischen Reiseberichtes[1] und stellt eine der letzten Stationen vor Beginn der Passion Jesu dar. Trotz des Spannungsaufbaus (V 39: die Menschenmenge macht es dem Blinden schwer, sich an Jesus zu wenden) weiß der aufmerksame Leser bereits aus Lk 7,21-22[2], dass Jesus den blinden Mann erhören und heilen wird. Jesus gilt als Retter, der gekommen ist, um allen Blinden ihr Augenlicht zu schenken. Eindrucksvoll an dieser Perikope ist vor allem die Beharrlichkeit des Blinden, der nicht aufgibt und so unerschütterlich an seinem Glauben festhält.

Diese signifikante Hartnäckigkeit manifestiert sich besonders im zweifachen Bittruf des blinden Mannes ἐλέησόν με[3] (VV 38/39). Dabei spielt auch der christologische Würdentitel „Sohn Davids“ eine große Rolle, welcher für das Textverständnis von erheblichem Belang ist. Mit Hilfe einer Motivanalyse sollen hier theologiegeschichtliche Zusammenhänge dargelegt werden, welche Auskunft darüber geben, ob es sich hierbei um einen Hoheitstitel handelt oder ob dem Namen in diesem spezifischen Kontext lediglich eine genealogische Bedeutung beizumessen ist.

Zuvor jedoch ist es sinnvoll, einen Blick auf die vorliegende Textsorte zu werfen, die nicht völlig bedenkenlos als reine Wundererzählung klassifiziert werden darf. Üblicherweise steht nämlich die eigentliche Wunderhandlung im Zentrum und nicht etwa ein Gespräch zwischen dem Hilfebedürftigen und dem Wundertäter. Da sich dieser Aspekt vermutlich auf die Bestimmung der literarischen Gattung ausübt, ist die Anwendung dieser synchronen Methode durchaus interessant.

In Hinsicht auf die Textkritik beschränke ich mich auf die Untersuchung einer einzigen Stelle mit drei verschiedenen Lesarten.

2. Text

2.1. Übersetzung Lk 18, 35-43

35 Es geschah aber, als[4] er sich Jericho näherte, dass irgendein[5] Blinder bettelnd neben dem Weg saß[6].

36 Als er aber hörte, wie die Menge vorbeizog, erkundigte[7] er sich, was dieses sei[8].

37 Man[9] berichtete ihm aber:[10] „Jesus der Nazoräer geht vorbei.“

38 Und er schrie[11]: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“

39 Und die, die vorgingen, tadelten[12] ihn, damit er schweige, er aber schrie umso[13] mehr: „Sohn Davids, erbarme dich meiner!“

40 Nachdem Jesus aber stehen geblieben war, befahl er, dass er zu ihm geführt werde. Als er sich aber näherte, fragte er ihn:

41 „Was willst du, dass ich für dich tun soll[14] ?“ Er aber sagte: „Herr, dass ich mein Sehvermögen wieder erhalte[15].“

42 Und Jesus sagte zu ihm: „Erhalte dein Sehvermögen wieder! Dein Glaube hat dich gerettet[16].“

43 Und augenblicklich erhielt er sein Sehvermögen wieder und folgte ihm, während er Gott pries. Und nachdem [es] das ganze Volk gesehen hatte, lobte es Gott[17].

2.2. Gliederung

Die Erzählung von der Heilung eines Blinden ist die letzte Wundergeschichte im Lukasevangelium und beschreibt zugleich als einzige ausführlich eine Blindenheilung.[18] Unmittelbar vorangestellt ist die dritte Leidensankündigung Jesu, in der er ankündigt, gemeinsam mit seinen Jüngern nach Jerusalem zu ziehen, damit sich die Prophezeiung von der Auferstehung des Menschensohnes erfüllen könne. Der Kontrast zwischen Leidensankündigung und Heilungserzählung ist beabsichtigt: Die Jünger sind trotz ihres Augenlichts unverständig in Bezug auf die Botschaft Jesu, der Blinde hingegen versteht und wird durch seinen Glauben an Christus belohnt.[19]

Bereits durch die Konstruktion ἐγένετο δὲ, welche die Perikope 18,35-43 einleitet, ist ersichtlich, dass sich der nun folgende Textabschnitt deutlich von der dritten Leidensankündigung abhebt.[20] Diese Tatsache wird zusätzlich durch einen Orts-, Themen- und Personenwechsel[21] unterstrichen: Anders als bei Markus (10,46-52) wird das Geschehen in V 35 vor Jericho lokalisiert.[22] In Jericho dagegen ist die darauf folgende Perikope über den Zöllner Zachäus angesiedelt, die eine ähnliche Intention verfolgt: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ (Lk 19,10) Dieser Schlusssatz der Zachäuserzählung bezieht sich meines Erachtens auf Ausgestoßene der Gesellschaft, was an dieser Stelle sowohl (blinde) Bettler als auch Sünder, hier in Gestalt von Zöllnern, meint. Aufgrund dieser Thematik sieht beispielsweise Schneider diese beiden aufeinander folgenden Perikopen als eine bewusste redaktionelle Komposition an.[23] Durch den Ortswechsel und die Einführung des Zachäus als neue Hauptfigur lässt sich die Perikope der Blindenheilung aber durchaus als eine in sich geschlossene Erzählung wahrnehmen.

Dabei ist V 35 als Exposition zu verstehen. Hier werden die Örtlichkeit, die Handlungsträger und ihre Situation benannt: Jesus nähert sich Jericho, während ein Blinder[24] am Wegrand sitzt. Neben diesen Protagonisten wird in V 36 die Menschenmenge eingeführt, die später in V 43 als Volk bezeichnet wird. Von den in der Leidensankündigung erwähnten Jüngern ist in dieser Perikope an keiner Stelle die Rede.

Der Beginn der eigentlichen Handlung wird in der indirekten Rede in V 36 eingeleitet: Der Blinde erkundigt sich, weshalb so viele Menschen vorbeigehen. Die VV 37-39 und 40-42 bezeichnet Busse als einen zweiszenigen Aufbau[25]: Die VV 37-39 stellen dabei die beiden in direkter Rede verfassten Hilferufe des hartnäckigen Blinden dar sowie den Tadel der Menge (in indirekter Rede), er solle schweigen. Jesus, der zuvor lediglich erwähnt wurde, tritt ab V 40 in Aktion, indem er stehen bleibt. An dieser Stelle wird offenkundig, dass sich die Situation des Blinden nun ändern wird:[26] Jesus ordnet an, den Blinden zu ihm zu bringen. Nach einem Dialog in direkter Rede (VV 41-42), der zwischen Jesus und dem blinden Mann stattfindet und zudem als Klimax der Erzählung ausgemacht werden kann, vollzieht sich schließlich anhand eines Befehls von Jesus das eigentliche Heilungswunder.

Den abschließenden V 43 kennzeichnet neben dem Aspekt des Nachfolgens besonders der doppelte Lobpreis[27], den der Blinde und das ganze Volk zu Ehren von Gott und Jesus anstimmen. In diesem doxologischen Schluss[28] wird vor allem auf die Macht des Glaubens sowie Jesu Rolle als Retter und Heilsbringer verwiesen.

Mit seiner Variante der Heilung eines Blinden folgt Lukas insgesamt der markinischen Überlieferung[29]. Wie für ihn charakteristisch glättet er seine Vorlage und liefert auf diese Weise eine in sich geschlossene, kohärente Erzählung mit stringentem Aufbau.

2.3. Textkritik Lk 18, V 40T

An dieser Textstelle ist zwischen drei verschiedenen Lesarten zu unterscheiden:

Die von Nestle-Aland27 verwendete Lesart ἐπηρώτησεν αὐτόν bezeichne ich im Folgenden als Variante I. Diese wird von den Codices Sinaiticus (א), Vaticanus (B), Bezae Cantabrigiensis (D), Angelicus (L) und Borgianus (T) überliefert. Minuskeln, die diese Variante aufweisen, sind 892, ein ständiger Zeuge zweiter Ordnung (*) aus dem neunten Jahrhundert, welcher die Evangelien (e) beinhaltet, die Handschrift 1241 aus dem 12. Jahrhundert, welche ebenfalls Evangelien, aber zusätzlich auch Apostelgeschichte und katholische Briefe (a) sowie Paulusbriefe (p) enthält, und Minuskel 2542, eine Handschrift aus dem 13. Jahrhundert, die ebenfalls in Bezug auf Lukas einen ständigen Textzeugen zweiter Ordnung darstellt. Zudem wird diese Lesart noch von wenigen weiteren griechischen Handschriften (pc), einzelnen altlateinischen Handschriften (e) sowie der gesamten koptischen Überlieferung (co) belegt.

[...]


[1] Lk 9,51–19,27; vgl. Schnelle, Einleitung, 291.

[2] Vgl. WBC, 899.

[3] Dieser Ausruf wird später zu einem der beliebtesten christlichen Gebete (vgl. Bovon, Lukas, 258).

[4] Der substantivierte Infinitiv mit Präposition im Dativ ἐν τῷ ἐγγίζειν wird vorwiegend temporal übersetzt (vgl. BDR §405).

[5] Der Gebrauch des Indefinitpronomens τις weist diese Geschichte als Beispielerzählung aus (vgl. Busse, Wunder, 329).

[6] Die Verwendung des Imperfekts betont den Umstand, dass der blinde Mann schon längere Zeit in seiner Position verharrt.

[7] Hier steht das Prädikat ἐπυνθάνετο im Imperfekt, was einerseits im iterativen Sinn verstanden werden könnte, aber nach BDR §329 andererseits eine unvollendete Handlung darstellen soll, die nur durch das Tun eines anderen realisiert werden kann.

[8] Hier liegt ein Optativus obliquus vor, was für das Neue Testament eher eine Ausnahme darstellt, da direkte Aussagen präferiert werden, vgl. BDR §387.

[9] Das Prädikat ἀπήγγειλαν in der 3. Person Plural, Aorist, Aktiv übersetze ich an dieser Stelle mit dem unpersönlichen Ausdruck „man berichtete“, was mir hier in Bezug auf die zuvor genannte Menge sinnvoller erscheint als „sie berichteten“ (vgl. Bovon, Lukas, 253).

[10] An dieser Stelle leitet ὅτι mit seiner Funktion als recitativum sicherlich direkte Rede ein. Somit findet sich diese Konjunktion in der deutschen Übersetzung in Gestalt von Anführungszeichen wieder (vgl. BDAG, Art. ὅτι, Abs. 3).

[11] Nach einem finiten Verb des Sagens (in diesem Fall ἐβόησεν) wird die direkte Rede im Hebräischen gewöhnlich mit dem pleonastischen Partizip λέγων eingeleitet, was im Neuen Testament an zahlreichen Beispielen belegt werden kann. Demnach liegt an dieser Stelle ein Semitismus vor, der eine ausdrückliche Übersetzung von λέγων überflüssig macht (vgl. BDR §420).

[12] Vgl. LSJ, Art. ἐπιτιμάω .

[13] Verstärkung des Komparativs durch πολλῷ, vgl. BDR §246.

[14] Mit ποιήσω liegt ein Konjunktiv in der 1. Person Singular, Aorist, Aktiv vor, der meines Erachtens eine deliberative Funktion aufweist.

[15] Vgl. LSJ, Art. ἀναβλέπω.

[16] Hier steht das Prädikat im Perfekt, um den erreichten Zustand zu bezeichnen.

[17] Vgl. Gemoll, Art. δίδωμι, Abs. Ib.

[18] Vgl. Bovon, Lukas, 257.

[19] Vgl. Trilling, Christusverkündigung, 149.

[20] Vgl. Busse, Wunder, 328.

[21] Vgl. Ebner/Heininger, Exegese, 96.

[22] Diese Änderung des Ortes wird bei Lukas vermutlich dadurch hervorgerufen, dass Lukas die Zachäuserzählung aus seinem Sondergut einbaut, welche in Jericho stattfindet. (Vgl. Trilling, Christusverkündigung, 148.)

[23] Vgl. Busse, Wunder, 333, Fußnote 2.

[24] Markus 10, 46 spricht an dieser Stelle von Bartimäus, dem Sohn des Timäus.

[25] Vgl. Busse, Wunder, 332.

[26] Vgl. Klein, Lukasevangelium, 595.

[27] Vgl. Bovon, Lukas, 254.

[28] Vgl. Trilling, Christusverkündigung, 149.

[29] Vgl. Burger, Davidssohn, 108.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656184409
ISBN (Buch)
9783656185406
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193253
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Evangelisch-Theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Heilung Neues Testament David Textkritik Jesus Exegese Griechisch Jericho Blinder Übersetzung Textsorte Motiv

Autor

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