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Luthers Angriff auf den „freien Willen“ nach dem vierten Teil seiner Schrift „De servo arbitrio“

Hausarbeit 1998 16 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Einführung in die Auseinandersetzung zwischen Erasmus und Luther

III. Einordnung des vierten Teils der Schrift in den Gesamtzusammenhang

IV. Luthers Argumentationsgang im vierten Hauptteil seiner Schrift
1. Einleitung
2. Argumente aus dem Römerbrief
3. Argumente aus dem Johannesevangelium
4. Persönliches Bekenntnis
5. Zusammenfassung seiner Ausführungen
6. Schlusswort

V. Zusammenfassung und Bewertung

VI. Quellen- und Literaturverzeichnis
1. Quellen
2. Literatur

Luthers Angriff auf den „freien Willen“ nach dem vierten Teil seiner Schrift „De servo arbitrio“

I. Einleitung

Im Jahr 1524 veröffentlichte Erasmus von Rotterdam auf Drängen einiger Gegner Luthers seine Schrift De libero arbitrio diatribe sive collatio[1]. In ihr behandelte er die Frage nach dem freien Willen des Menschen, eine Kernfrage der reformatorischen Lehre. Im Herbst 1525 antwortete Luther mit seiner Gegenschrift De servo arbitrio[2].

Der vorliegenden Arbeit liegt der vierte Teil dieser Schrift zugrunde.[3] Beginnen werde ich mit einer kurzen Einführung in die Auseinandersetzung zwischen Luther und Erasmus. Aufgrund der Komplexität dieses Themas erhebe ich mit der Einführung keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern möchte nur kurz über die Vorgeschichte zu Luthers Antwortschrift informieren.

Es folgt eine Einordnung des vierten Teils von De servo arbitrio in den Gesamtzusammenhang der Schrift.

Im Hauptteil der Arbeit werde ich den Argumentationsgang Luthers analysieren und darstellen, um abschließend eine Bewertung seiner Schrift vorzunehmen.

II. Einführung in die Auseinandersetzung zwischen Erasmus und Luther

In den ersten Jahren von Luthers Auftreten fühlte sich Erasmus dessen Ansichten nahe stehend. Doch Luthers ungestümes Vorgehen gegen die katholische Kirche und den Papst lehnte er ab. Erasmus, hin- und hergerissen zwischen Zustimmung und Ablehnung, wollte daher nicht öffentlich zu den Fragestellungen der Reformation Position beziehen. Er wollte nicht in engerer Beziehung zu reformatorischem Gedankengut gesehen werden.[4]

Aus verschiedenen Gründen[5] bezog er 1524 schließlich doch Stellung. Zum einen wollte er eine gewisse Distanz zwischen seinem und reformatorischem Gedankengut aufzeigen. Weiterhin wurde er von verschiedenen Gegnern Luthers gedrängt, sich zu einigen Problemen sachlich zu äußern. Daraufhin gab er im September 1524 die Schrift De libero arbitrio diatribe sive collatio heraus. In dieser Schrift setzte er sich mit dem Problem der Willensfreiheit[6] auseinander, das von Luther schon einige Male thematisiert worden war. Luther hatte den freien Willen immer verworfen, Erasmus prüfte nun Argumente für und gegen die freie Entscheidung des Willens. Er bediente sich dabei der deliberativen Rhetorik, was ihm erlaubte, eine eindeutige Entscheidung zu vermeiden und stattdessen gemäßigt und besonnen das Thema zu behandeln.[7] Zur Klärung der Frage nach der Willensfreiheit zog Erasmus zahlreiche Bibelstellen heran, anstatt sie „nur“ auf philosophischem Weg beantworten zu wollen. Aufgrund der für und gegen den freien Willen sprechenden Bibelstellen kam er zu dem Schluss, dass der freie menschliche Wille und die Gnade Gottes miteinander verbunden seien, „die Gnade Gottes die Erstursache und der Wille des Menschen die Zweitursache bei der Erlangung des Heils ist“.[8] Dies betrachtet Bernhard Lohse als Zusammenfassung der Position des Erasmus.

Insgesamt ist festzustellen, dass Erasmus in seiner Schrift die eigene Position zur begrenzten Willensfreiheit nur sehr zurückhaltend darlegte.

III. Einordnung des vierten Teils der Schrift in den Gesamtzusammenhang

Im Herbst 1525 verfasste Luther die Schrift De servo arbitrio als Antwort auf Erasmus´ De libero arbitrio diatribe sive collatio. Nach einer sehr scharfen Einleitung geht Luther Punkt für Punkt auf die Argumentationsschritte des Erasmus ein. Im Gegensatz zu Erasmus ist Luther an klaren Aussagen gelegen und weist also darauf hin, dass diese unbedingt zum Glauben dazugehören.[9] Solche verbindlichen Aussagen (assertiones) sind nach Luther aufgrund der Klarheit der Hl. Schrift zu treffen. Im Gegensatz zu Erasmus, der die Meinung vertritt, dass einige Fragen im Dunkeln bleiben, ist Luther davon überzeugt, dass durch Christus alles geklärt sei.[10] Diese Klarheit gliedert Luther dann noch in eine äußere und eine innere Klarheit. Laut Lohse geht es bei der äußeren Klarheit, die er auch als die objektive Klarheit bezeichnet, „um die Eindeutigkeit insbesondere des Christuszeugnisses, bei der subjektiven [inneren] um die innere Klarheit des Herzens beim Hörer oder Leser des biblischen Zeugnisses“.[11] Durch diese Hinweise auf die doppelte Klarheit unterstreicht Luther, dass die Schrift in sich selbst klar ist. Sie muss nicht durch die Kirche speziell ausgelegt werden.

Weiterhin geht Luther auf die Unterscheidung zwischen dem Deus absconditus (verborgener Gott) und dem Deus revelatus (offenbarer Gott) ein. Dieser Abschnitt wurde von der Forschung häufig und kontrovers diskutiert, so dass ich darauf nicht eingehen möchte. Da Luther auf die dort gemachten Aussagen zu einem bestimmten Gottesbild in dieser Form jedoch nicht mehr zurückgekommen ist, sollte man sie wohl nicht überbewerten. Die Meinung, Luther betreibe hier eine Spaltung des Gottesbegriffs, wird von Lohse im Hinblick auf den Schlussabschnitt der Schrift zurückgewiesen.[12]

Das Hauptthema der Schrift, die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit, wird von Luther immer wieder angesprochen. Er vertritt die Meinung, dass der Mensch in den Dingen, die über ihm sind, nicht frei sei. Luther greift dabei oft auf Augustin zurück, geht aber auch weiter als dieser.[13] An manchen Stellen lässt sich eine deterministische Haltung herauslesen, die besagt, dass der Mensch selbst in äußeren Dingen von Gott gelenkt wird und nicht frei entscheiden kann. Es lässt sich jedoch erkennen, dass Luther dem menschlichen Willen nicht jegliche Freiheit absprechen möchte. Dazu führt er die Begriffe der unbedingten Notwendigkeit (necessitas consequentis) und der bedingten Notwendigkeit (necessitas consequentiae) an.

Zusammenfassend kann man grob folgenden Aufbau feststellen: Der Einleitung folgen Erörterungen über die assertiones und die claritas scripturae. Weiterhin geht Luther auf den Unterschied zwischen dem Deus absconditus und dem Deus revelatus ein. Ebenfalls stellt er den Unterschied zwischen der necessitas consequentis und der necessitas consequentiae dar. In der ganzen Schrift beruft sich Luther immer wieder auf die Kirchenväter (vor allem Augustin) und stellt sich damit in ihre Tradition. Aber auch Renaissance-Philosophen wie Laurentius Valla werden von Luther herangezogen, der damit seinen Streit mit Erasmus in den Zusammenhang der spätmittelalterlichen theologisch-philosophischen Auseinandersetzungen über die Willensfreiheit einordnet.

Damit ist man nun bei dem vierten Teil der Schrift angelangt, in dem Luther vor allem mit Hilfe von paulinisch und johanneisch fundierten Argumenten Erasmus widerlegen will.

IV. Luthers Argumentationsgang im vierten Hauptteil seiner Schrift

1. Einleitung

Zu Beginn des vierten Teils wendet Luther sich persönlich an Erasmus. Einleitend weist er diesen darauf hin, dass er „mit ruhiger Überlegung“[14] an die Arbeit gegangen sei. Den Vorwurf, er sei häufig zu heftig vorgegangen, nimmt Luther gern hin. Weiterhin wirft er Erasmus vor, mit seinem Buch der Sache Christi geschadet zu haben. Allerdings räumt er zugleich ein, dass Erasmus „in bezug auf die Lehre und die Sache selbst nichts [habe] ausrichten“[15] können.

[...]


[1] Hg. v. Johann von Walter (Quellenschriften zur Geschichte des Protestantismus 8), Leipzig 1910; hg. u. übers. v. Winfried Lesowsky (Erasmus von Rotterdam, Ausgewählte Schriften Bd. 4), Darmstadt 1969.

[2] WA 18, 600-787.

[3] WA 18, 756-787. Zitiert nach: Aland, Kurt (Hg.): Martin Luther, Der neue Glaube. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, Bd. 3, Stuttgart u.a. 1961³.

[4] Brecht, Martin: Martin Luther, Bd. 2, Stuttgart 1986, S. 210.

[5] Zu diesen Gründen: Schwarz, Reinhard: Luther, Göttingen 1998², S. 178.

[6] Def. der Willensfreiheit nach Erasmus, de libero arbitrio Ib (p.36): „liberum arbitrium hoc loco sentimus vim humanae voluntatis, qua se possit homo applicare ad ea, quae perducunt ad aeternam salutem, aut ab iisdem avertere“, („Unter dem freien Willen verstehen wir die Kraft des menschlichen Willens, mit welcher der Mensch sich demjenigen, was zum ewigen Heil führt, zuwenden oder von ihm abwenden kann.“).

[7] Lohse, Bernhard: Luthers Theologie in ihrer historischen Entwicklung und in ihrem systematischen Zusammenhang, Göttingen 1995, S. 179.

[8] Ebd. S. 180.

[9] WA 18, 603.

[10] WA 18, 606, 29: „Tolle Christum e scripturis, quid amplius in illis invenies?“ („Nimm Christus aus der Schrift, was wirst du sonst noch in ihr finden?“).

[11] Lohse, Bernhard: a.a.O., S. 183.

[12] Ebd., S. 185.

[13] Ebd.: „Für Luther ist die Unfreiheit des menschlichen Willens gegenüber Gott und dem Heil nicht mehr wie für Augustin und die gesamte Tradition erst eine Folge des Sündenfalles; sie resultiert vielmehr bereits aus der Geschöpflichkeit des Menschen.“

[14] Aland, Kurt (Hg.): a.a.O., 756.

[15] Ebd.

Details

Seiten
16
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783656186281
ISBN (Buch)
9783656187684
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193661
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Schlagworte
Luther Erasmus Freier Wille De servo arbitrio libero arbitrio Kirchengeschichte unfreier Wille

Autor

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Titel: Luthers Angriff auf den „freien Willen“ nach dem vierten Teil seiner Schrift „De servo arbitrio“