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Positiver Selbstwert als erlernbarer Resilienzfaktor

Interesse und Bedarf der Sozialen Arbeit an spezifischen Methoden und Konzepten zur Resilienzförderung im Erwachsenenalter

Bachelorarbeit 2012 86 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Resilienz
2.1. Definition
2.2. Verwandte Begriffe und Konzepte
2.2.1. Salutogenese
2.2.2. Hardiness
2.2.3. Coping
2.3. Ergebnisse der Resilienzforschung
2.3.1. Das Risiko- und Schutzfaktorenkonzept
2.3.2. Wirkprozesse und Mechanismen
2.3.3 Resilienzmodelle
2.3.4. Resilienzfaktoren
2.4. Resilienzkonzept und Soziale Arbeit: Einfluss und Bedeutung

3. Theoretische Grundlagen des Selbstwertes
3.1. Definitorische Annäherung an den Selbstwertbegriff
3.1.1. Selbst und Selbstkonzepte
3.1.2. Selbstwert und Selbstwertgefühl
3.2. Strukturelle Aspekte des Selbstwertes
3.2.1. Strukturelle Konzeptionen
3.2.2. Globaler und bereichsspezifischer Selbstwert
3.2.3. Stabilität und Variabilität
3.2.4. Die Säulen des Selbstwertgefühls
3.3. Selbstwertdynamik
3.3.1. Selbstwert im Lebenslauf
3.3.2. Selbstwertmotiv und Konsistenz
3.4. Einflussfaktoren
3.4.3. Soziale Aspekte
3.3.4. Quellen und Bedrohungen
3.3.5. Selbstwertdienliches Verhalten

4. Korrelate des Selbstwertes
4.1. Soziale Integrität und Selbstwert
4.2. Partnerschaftliche Beziehung und Selbstwert
4.3. Beruf, sozioökonomischer Status und Selbstwert
4.4. Physische Beeinträchtigungen und Selbstwert
4.5. Psychische Störungen und Selbstwert

5. Funktionen des Selbstwertes
5.1. Selbstwert als Glücksfaktor
5.2. Selbstwert als Copingressource
5.3. Selbstwert als Resilienzfaktor

6. Förderung des Selbstwertgefühls?
6.1. Hoher Selbstwert als „Must-Have“ der Resilienz?
6.2. Das Interesse der Sozialen Arbeit an der Förderung eines positiven Selbstwertes
6.3. Bedarf an spezifischen Methoden und Konzepten
6.4. Die Eignung der Sozialen Arbeit

7. Zusammenfassende Betrachtung, offene Fragen und Empfehlungen

Literaturverzeichnis

~Ein jeder gibt den Wert sich selbst~

(Friedrich von Schiller)

1. Hinführung

Zu leben bedeutet, sich im Verlauf des Lebens Risiken, Krisen und alltäglichen Belastungen stellen zu müssen, die es zu meistern gilt. Kritische Lebensereignisse, also existenzielle Herausforderungen und Krisen, können das alltägliche Leben stark erschüttern und negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Häufig treten diese überraschend auf und sind dem Betroffenen unbekannt. Ereignisse sind umso kritischer zu betrachten, je mehr sie das Gefühl von Sicherheit bedrohen und den Selbstwert auf den Prüfstand stellen. Kritische Lebensereignisse besitzen das Potential wichtige Grundlagen des Selbstwertgefühls zu zerstören und die Widerstandskraft der Betroffenen zu übersteigen. Nicht selten kommt es zu einer Chronifizierung von Belastungsreaktionen.[1] Doch auch über kritische Lebensereignisse hinaus, kann der Umgang mit alltägliche Belastungen, wie angeborenen gesundheitlichen Einschränkungen oder ein negatives soziale Milieu, eine Herausforderung für die Lebensbewältigung und psychische Gesundheit sein. Eine gelingende Lebensbewältigung wird hier verstanden als die Bewältigung von persönlichem Alltag, die Gestaltung gesunder sozialer Beziehungen, eine optimistische aktive Lebenseinstellung und die Überwindung von kritischen Lebensereignissen und schwierigen Lebensumständen ohne Folgen für die psychische Gesundheit. Die Überwindung von, und der Umgang mit, schwierigen Lebensumständen erfordern hohe persönliche Kompetenzen und Ressourcen[2], die die nicht jede Person in gleichem Maße aufweisen kann. Soziale Arbeit hat es sich zum Ziel gemacht, Menschen bei dieser Überwindung zu unterstützen, Hürden abzubauen und persönliche sowie soziale Ressourcen (präventiv) zu fördern, mit dem Ziel von Selbstbefähigung und Autonomie ihrer Klientel und Kunden.[3] Welche Faktoren es sind, die einen Menschen gegenüber Risiken widerstandsfähig machen, ist Gegenstand der Resilienzforschung. In dieser Arbeit soll der Fokus dabei auf dem Selbstwert als Resilienzfaktor, und seiner Rolle zum Aufbau und Erhalt von Resilienz im Erwachsenenalter liegen. Ziel ist es, zu einem Standpunkt bezüglich der Bedeutung des Selbstwertgefühls für die gelingende Lebensbewältigung zu kommen. Anhand dieser Bedeutung soll das Interesse und der Bedarf der Sozialen Arbeit nach spezifischen Resilienzkonzepten und Methoden für Erwachsene überprüft werden. Als Arbeitsgrundlage werden dazu dieser Thesis drei Thesen vorangestellt:

These I: Resilienz ist erlernbar.

These II: Ein positives Selbstwertgefühl ist ein elementarer Faktor der Resilienz.

These III: Es besteht Bedarf diesen durch spezifische Methoden und Konzepte der Sozialen Arbeit zu fördern.

Der Aufbau der Arbeit erfolgt entlang der Thesen. In Kapitel 2 soll dem Leser ein Überblick über das Konzept der Resilienz gegeben werden. Dieser enthält sowohl definitorische Bestimmungen, Abgrenzungen zu verwandten Konzepten, wichtige Erkenntnisse zu Risiko- und Schutzfaktoren, den daraus resultierenden Resilienzfaktoren und Resilienzmodelle, als auch die Einflüsse der Resilienzforschungsergebnisse für die Soziale Arbeit. Kapitel 3 lenkt den Fokus auf den Schwerpunkt der Arbeit: dem Selbstwert. Als Grundlage sollen in diesem Abschnitt die theoretischen Grundlagen der Selbstwertforschung dargestellt werden. Nach einer definitorischen Annäherung und Differenzierung werden strukturelle und dynamische Aspekte beleuchtet und schließlich Einflussfaktoren des Selbstwertes beschrieben. Eine Überprüfung von These II soll in Kapitel 4 und 5 erfolgen, indem zunächst die Korrelate des Selbstwertes vorgestellt werden, um sich im Anschluss daran der Funktion des Selbstwertgefühls für den Menschen zu widmen. In Kapitel 6 ist es, in Anbetracht von These III, notwendig zu klären, inwieweit Soziale Arbeit für die Förderung eines positiven Selbstwertes zuständig und geeignet ist und ob tatsächlich Bedarf an spezifischen Konzepten, eben dieser, besteht. Die zusammenfassende Schlussbetrachtung in Kapitel 7 soll auf offene Fragen bezüglich konzeptioneller Umsetzungen hinweisen, Empfehlungen geben und ein Resümee für die Soziale Arbeit ziehen.

Um eine flüssige Lesbarkeit dieser Arbeit zu gewährleisten, wird die männliche Form „Sozialarbeiter“ verwendet, worin weibliche Fachkräfte gleichermaßen eingeschlossen sind. Schlagwörter und wichtige Aussagen jeder Seite werden hervorgehoben.

2. Resilienz

Die Resilienzforschung entwickelte sich in den 70er Jahren aus der Entwicklungspsychopathologie. Diese konzentrierte sich in ihrer Forschung bis zu diesem Zeitpunkt vor allem auf Risikofaktoren, welche die Entwicklung von Kindern beeinflussen können. Seit den 70er Jahren richtete die Entwicklungsforschung dann mehr und mehr ihren Blick auf Kinder, die sich trotz schwieriger Lebensumstände gut entwickelten und keine oder kaum psychischen Auffälligkeiten zeigten. Diese Kinder waren u.a. in der Lage Beziehungen einzugehen und zu gestalten, Leistungsanforderungen adäquat zu bewältigen und besaßen eine optimistische Lebenseinstellung. In der Forschung rückte die Frage in den Mittelpunkt, wie es manchen Personen gelingt, sich trotz hoher Risiken psychisch gesund zu entwickeln? Mit diesem Perspektivenwechsel, von einflussnehmenden Risikofaktoren hin zu entwicklungsunterstützenden Schutzfaktoren, begann Ende der 70er Jahre die systematische Resilienzforschung in Großbritannien und Nordamerika und wurde auch in Deutschland in den 80er Jahren zu einem festen Bestandteil der deutschen Entwicklungsforschung. Diese Blickwinkelverlagerung wurde stark beeinflusst von Aaron Antonovsky, der das Salutogenesekonzept (Gesundheitsentwicklungskonzept) als Gegenmodell zur Pathogenese (Krankheitsentstehung) entwickelte.[4] Opp und Fingerle vermerken hierzu, dass dieser Perspektivenwechsel deshalb von Bedeutung sei, weil sich die effektive Beseitigung von externen Risikofaktoren häufig als schwer durchführbar erwiesen habe[5]. Nicht jedes Kind kann beispielsweise vor Armut geschützt werden.

Vor allem Namen, wie der vielfach für seine Forschungsarbeiten geehrte Rutter, werden mit der Resilienzforschung in Verbindung gebracht. Weiterhin trieben Werner und Smith, mit ihrer über 40 Jahre laufenden Kauai-Längsschnittstudie, sowie Lösel, die Forschung weit voran. Besonders Opp, Fingerle und Wustermann hätten mit ihren Veröffentlichungen das Resilienzkonzept in Deutschland bekannt gemacht.[6]

In diesem Kapitel sollen neben einem Definitionsversuch die Kernelemente der Resilienzforschung dargestellt werden. Dazu ist es sinnvoll eine Abgrenzung zu verwandten Konzepten vorzunehmen, bevor im Anschluss auf die Ergebnisse der Resilienzforschung direkt eingegangen werden soll. Abschließend zu diesem Kapitel soll die Bedeutung des Resilienzgedankens für die Sozialen Arbeit kurz skizziert werden.

2.1. Definition

„Resilienz“ leitet sich vom Englischen Wort „ resilience “ (Widerstandsfähigkeit, Elastizität, Belastbarkeit) ab. Seinen Ursprung findet der Begriff in der Physik, wo er einen Werkstoff definiert, der die Fähigkeit besitzt sich verformen zu lassen, im Anschluss aber in der Lage ist, in seine ursprüngliche Form zurückzufinden[7].

Eine allgemeingültige Definition von „Resilienz“ liegt bis zum heutigen Tage nicht vor. Vielmehr lässt sich in der Literatur eine Vielzahl von Definitionen finden, die, je nachdem welche Kriterien für den Maßstab von Resilienz verwendet werden, unterschiedlich ausfallen. Manche Definitionen beziehen sich ausschließlich auf externale Kriterien (z.B. soziales Umfeld, Eltern-Kind-Beziehung, Status etc.) zur Beschreibung der Resilienz, andere beziehen internale Kriterien (innere Befindlichkeiten wie beispielsweise Intelligenz, Interessen, Selbstbild etc.) mit ein[8]. So definieren Masten und Reed Resilienz als: „Good adaption under extenuating circumstances. From a developmental perspective, meeting age-salient developmental tasks in spite of serious threats to development“ [9] , und beziehen sich dabei eher auf die externalen Kriterien. Die anerkannte Definition von Wustmann bezeichnet Resilienz als “… die psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken…[10]. Antonovskys Verständnis von Resilienz umfasst sowohl das relativ unbeschadete Überstehen der Folgen von belastenden Lebensumständen sowie auch die Entwicklung von Bewältigungskompetenzen, die aus solchen Umständen entstehen können[11]. Durch die Veränderung des Resilienzverständnisses wird sich heute hauptsächlich auf Definitionen bezogen, die den Interaktionsprozess zwischen Individuum und Umwelt mit einbeziehen.

2.2. Verwandte Begriffe und Konzepte

Für Resilienz werden häufig andere Begriffe synonym verwendet wie z.B.: Invulnerabilität, psychische Widerstandsfähigkeit, Stress-Resistenz etc.[12]. Darüber hinaus existieren Konzepte und Erklärungsansätze, die das Resilienzkonzept ergänzen oder selbst durch dieses ergänzt werden. Die wichtigsten sollen im Anschluss kurz dargestellt werden.

2.2.1. Salutogenese

Ein Konzept, dass seinen Schwerpunkt, ähnlich wie das der Resilienz, auf die Ressourcen und Schutzfaktoren des Menschen legt und sich so auf die Erhaltung und Entstehung von Gesundheit bezieht, ist die Salutogenese von Antonovsky. Das Konzept wurde von ihm 1979 erarbeitet und sollte einen Gegensatz zur vorherrschenden Pathogenese darstellen. Salus (lat.) bedeutet so viel wie Glück, Heil, Unverletzlichkeit und Genese (griech.) steht für „Entstehung“ (beispielsweise einer Erkrankung).[13] Er fragte sich, wie es Menschen gelingt unter schwierigen Lebensbedingungen gesund zu bleiben.[14] Anstatt sich auf die Bekämpfung von Risikofaktoren zu konzentrieren, wird auch in der Salutogenese der Fokus auf die Stärkung von Ressourcen gelegt.[15] Gesundheit und Krankheit schließen sich nach diesem Modell nicht gegenseitig aus, sondern werden als Endpunkte eines Kontinuums verstanden[16]. Das bedeutet, ein Mensch kann z.B. zu einem Viertel krank aber zu drei Vierteln gesund sein. Risiken werden als normale Begleiterscheinungen des Lebens betrachtet, die erst durch die Bewertung des Menschen selbst an Bedeutung gewinnen. Antonovsky beschreibt eine Reihe von Widerstandsressourcen, die auf die Bewältigung von belastenden Situationen Einfluss nehmen. Bereits hier wird auf die Bedeutsamkeit einer resilienten Persönlichkeit verwiesen, die zur emotionalen Stabilität und einem positivem Selbstwertgefühl beitragen.[17] Eine zentrale Rolle im Konzept der Salutogenese nimmt das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence) ein. Kohärenz „drückt das Maß aus, in dem man ein durchdringendes , andauerndes, aber dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, das die eigene interne und externe Umwelt vorhersagbar ist und dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass sich die Dinge so entwickeln werden, wie es vernünftigerweise erwartet werden kann“[18].

Die Suche nach Widerstandfaktoren im Salutogenesekonzeptes weist eindeutige Parallelen zum Resilienzkonzept auf. Herausstellen lässt sich, dass die Kernannahmen beider Konzepte zwar Ähnlichkeiten aufweisen, die Salutogenese ihren Schwerpunkt jedoch auf die Schutzfaktoren zur Erhaltung von Gesundheit legt, während sich die aus der Entwicklungspsychologie entstammende Resilienzforschung eher auf den „Prozess der positiven Anpassung und Bewältigung konzentriere.[19] Der Resilienzansatz lasse sich in das Salutogenesekonzept integrieren und könne dies, durch seine Methodenorientierung, wertvoll ergänzen[20].

2.2.2. Hardiness

Der Begriff „ Hardiness “ (engl.= Widerstandsfähigkeit) wurde 1979 von Kobasa geprägt und bezeichnet ein Persönlichkeitsmerkmal, dass Menschen gegenüber negativer Auswirkungen widriger Lebensereignisse resistent macht. Menschen mit „Hardiness“ sind darüber hinaus in der Lage, in schwierigen Situationen einen Sinn zu sehen und ggf. sogar aus ihnen einen Gewinn zu ziehen. Kennzeichen von Hardiness sind u.a., dass die jeweilige Person nicht so leicht resigniert und Verantwortung für ihre Lebensgestaltung übernimmt. Veränderungen sehen sie als Möglichkeit sich weiterzuentwickeln. Demnach bedeutet ein hohes Maß an Hardiness einen guten Schutz vor psychischen Störungen, die aus Stresserleben resultieren.[21]

2.2.3. Coping

Das Transaktionale Stressmodell von Lazarus wurde 1974 veröffentlicht. Lazarus beschäftigte sich noch vor der Resilienzforschung mit einer Abgrenzung zwischen herausfordernden Situationen (positiver Stress) und Situationen, die sich negativ auf Menschen auswirken können (negativer Stress).[22] „Jemand empfindet Stress, wenn er meint, dass eine Situation seine adaptiven Möglichkeiten übersteigt“[23] Demnach ging Lazarus im Gegensatz zu früheren Stresstheorien davon aus, dass nicht der Stressor selbst den Stress erzeugt, sondern die Bewertung dieses Stressors, durch den Menschen, eine Situation bewältigbar oder unüberwindbar mache[24]. Um Stress aufzulösen entwickelt der Mensch Bewältigungsstrategien (Coping-Strategien). „ Coping “ ist ein vielfältiger Begriff aus dem Englischen und kann mit „fertig werden mit“ übersetzt werden. „Als Bewältigungs- oder Coping-Strategien werden konkrete Handlungsabsichten und –abfolgen bezeichnet, mit denen auf bedrohliche oder herausfordernde Situationen reagiert wird“[25]. Strategien können z.B. kognitive Umstrukturierungen sein. Dabei müssen nicht alle Strategien positiv sein, sondern können sich langfristig auch negativ auswirken, wie beispielsweise bei Problemlösungsversuchen durch Gewalttaten.[26] Bei der Bewältigung von Stress unterscheidet Lazarus zwischen problemorientiertem Coping, also direkte Handlungen die darauf abzielen das Problem zu lösen und emotionsorientiertem Coping, bei dem ein Weg gesucht wird negative Emotionen zu mildern und Stressreaktionen abzubauen.[27] Allerdings seien Coping-Strategien abhängig von Vulnerabilität, Situation und Kompetenzen der jeweiligen Person, so Schmitt[28]. Als eigenständiges Konstrukt kann „Coping“ durchaus als Bestandteil des Resilienzkonzeptes verstanden werden, da Resilienz nicht als „Abwesenheit von psychischen Störungen“ verstanden werden soll, sondern als Fähigkeit, vorhandene Ressourcen und Strategien zur Bewältigung widriger Lebensumstände zu aktivieren[29]. Coping ist demnach schon laut Definition ein Bestandteil der Resilienz, auf das im weiteren Verlauf der Arbeit noch wiederholt Bezug genommen wird.

Zusammenfassende Darstellung

Scharnhorst fasst zusammen, dass auch, wenn es derzeit noch keine einheitliche Definition von Resilienz gäbe und die fachlichen Debatten des Konzeptes in Expertenkreisen weiter fortgeführt werde, Resilienz ein Konzept sei, dass über die bisherigen Modelle hinausgehe und umfassende Faktoren berücksichtige[30]. Besonders die Fokussierung der Resilienzforschung auf die Bedingungen einer gelingenden und gesunden Entwicklung, hebt diese von anderen ähnlichen Konzepten ab.

2.3. Ergebnisse der Resilienzforschung

Die Resilienzforschung ist klar ressourcen- und nicht defizitorientiert und geht davon aus, „dass Menschen aktive Bewältiger und Mitgestalter ihres Lebens sind und durch soziale Unterstützung und Hilfestellungen die Chance haben, mit den gegebenen Situationen erfolgreich umzugehen und ihnen nicht nur hilflos ausgeliefert zu sein“[31]. Hervorzuheben ist, dass sich ebenfalls eine Entwicklung des Resilienzverständnisses beobachten lässt. Frühere Veröffentlichungen beschrieben protektive Faktoren bzw. Resilienz als zeitlich stabile, situationsübergreifende Eigenschaft. Doch bereits seit den 80er Jahren wird Resilienz in erster Linie als eine temporäre Eigenschaft angesehen, die sich im Verlauf des Lebens verändern kann.[32] Diese Betrachtung beinhaltet, dass der Mensch selbst aktiv regulierend auf seine Umwelt einwirkt[33]. Eine immerwährende Widerstandsfähigkeit existiert in der Regel nicht, vielmehr sei Resilienz „eine zumeist zeitlich begrenzte, von verschiedenen (personalen und sozialen) Schutzfaktoren gespeiste psychische Widerstandsfähigkeit oder Bewältigungskapazität“[34]. Teilweise ist in der Literatur die Rede von „ bereichsspezifischen Resilienzen “ wie z.B. „soziale Resilienz“ etc. Ein Mensch kann also für eine bestimmte Art von schwieriger Situation Resilienz aufweisen, indem er hierfür gute Bewältigungsstrategien entwickelt hat, an anderen Krisensituationen aber durchaus scheitern[35]. Offensichtlich wird, dass für die Bildung von Resilienz verschiedene Faktoren verantwortlich sind, sowohl biologische, psychologische als auch psychosoziale. Daher muss Resilienz immer „ multidimensional “ betrachtet werden[36]. Bislang beschäftige sich vor allem die deutsche Forschung hauptsächlich mit der Resilienz im Kindesalter. Verständlich, in Anbetracht der zu Beginn vorherrschende Auffassung, dass Resilienz eine in der frühen Kindheit erworbene Kompetenz darstellt und eine Art immerwährende Immunität und Widerstandsfähigkeit gegen belastende Lebenssituationen böte[37]. Nach heutigem Stand der Forschung scheint es zurzeit am ehesten die USA, die Resilienz bei Erwachsenen immer stärker in den Fokus rückt und Konzepte entwickelt, die vorwiegend der Persönlichkeitsstärkung und -entwicklung dienen.[38] Der Beleg für Resilienz als Variable und durchaus erlernbare Fähigkeit, bildet die Basis dieser Arbeit, auf der aufgebaut werden soll und bestätigt These I.

2.3.1. Das Risiko- und Schutzfaktorenkonzept

Wie bereits erwähnt, sucht die Resilienzforschung gezielt nach Faktoren, die auf die Entwicklung begünstigend wirken und die Menschen ermöglicht mit widrigen Lebensumständen adäquat umzugehen.[39] Trotz der Konzentration auf die potentiellen, sich positiv auf die Entwicklung auswirkenden Schutzfaktoren, ist vorab eine Betrachtung der Risikofaktoren im Bezug von Resilienz nicht unwichtig. Forschungsergebnisse der Risikofaktorenforschung dienen der Resilienzforschung als Grundlage zur Erforschung von protektiven Faktoren.

Risikofaktorenkonzept

Das Risikofaktorenkonzept beruht auf den Grundlagen des biomedizinischen Modells und unterliegt einer pathogenetischen Sichtweise. „Risikofaktoren werden als krankheitsbegünstigende, risikoerhöhende und entwicklungshemmende Merkmale definiert, von denen potentiell eine Gefährdung der gesunden Entwicklung des Kindes ausgeht“[40]. Demnach stehen Faktoren im Mittelpunkt, die die Entwicklung negativ beeinträchtigen und zu seelischen Störungen führen können. Das Risikofaktorenkonzept definiert zum einen Vulnerabilitätsfaktoren[41] sowie auch Risikofaktoren. Dabei scheinen sich, laut Mannheimer Risikokinderstudie, Vulnerabilitätsfaktoren (wie Prä-, peri-, postnatale, psychophysiologische und genetische Faktoren, chronische Erkrankungen, geringe kognitive Fähigkeiten, schwierige Temperamenteigenschaften etc.[42] ) weniger schwerwiegend auf die Entwicklung auszuwirken wie psychosoziale Risikofaktoren.[43] Als Risikofaktoren lassen sich unter anderem ein niedriger sozioökonomischer Status, chronische familiäre Disharmonie, Trennung oder Scheidung der Eltern, psychische Störungen oder Alkohol-/Drogenmissbrauch der Eltern, Migrationshintergründe, ein niedriges Bildungsniveau, Mobbing, traumatische Erlebnisse und außerfamiliäre Unterbringung des Kindes identifizieren.[44]

Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse ergänzen hierzu, dass der Einfluss von Risikofaktoren auch von der Entwicklungsphase abhänge, in der sich das Kind befinde. Es gäbe Phasen, in denen Kinder anfälliger für risikoerhöhende Faktoren seien (Phasen erhöhter Vulnerabilität). Dies sei z.B. in sogenannten „ Übergangsphasen “ der Fall, beispielsweise beim Übergang vom Kindergarten in die Schule.[45] Dies lässt sich auch auf das Erwachsenenalter übertragen. Wohnortswechsel, Übergang vom Studium zum Beruf etc. stellen ebenso Übergangsphasen dar, die eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber Risikofaktoren darstellen können. Weiterhin hat das Geschlecht einen Einfluss auf die Vulnerabilität. „Jungen gelten vor allem im frühen Kindesalter als vulnerabler (verletzbarer), während dies bei Mädchen eher ab der Pubertät zutreffend ist[46].“

Schutzfaktorenkonzept

„Schutzfaktoren werden als Merkmale beschrieben, die das Auftreten einer psychischen Störung oder einer unangepassten Entwicklung verhindern oder abmildern sowie die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung erhöhen[47].“ Wobei von Schutzfaktoren, im engeren Sinne, nur dann gesprochen wird, wenn ein erhöhtes Entwicklungsrisiko besteht. Ohne erhöhtes Risiko werden Schutzfaktoren eher als „förderliche Bedingungen“ beschrieben.[48] „Das Konstrukt der risikomildernden Faktoren wurde als positiver Gegenbegriff zu dem der risikoerhöhenden Faktoren konzipiert“[49]. Während der ersten beiden Jahrzehnte der Resilienzforschung lag der Schwerpunkt eher auf allgemeinen protektiven Faktoren. Lösel und Bender stellen als allgemeine protektive Faktoren u.a. eine stabile emotionale Beziehung zu mindestens einem Elternteil/ Bezugsperson, ein emotional positives Erziehungsklima, Temperamentsmerkmale wie Flexibilität und Annäherungstendenz, kognitive Kompetenzen, ein aktives Bewältigungsverhalten bei Belastungen, Erfahrungen der Selbstwirksamkeit und ein positives Selbstkonzept heraus.[50] Allgemeingültige Schutzfaktoren können auch als Ressource für eine gesunde Entwicklung gesehen werden, da sie teilweise, sowohl bei geringem als auch bei hohem Risiko, Kinder fördern. Dies hat vor allem Bedeutung für die Praxis der Pädagogik, Psychologie, Medizin und der Sozialen Arbeit.[51] Also jenen Gebieten, die sich mit Förderung und Entwicklung beschäftigen und daraus Interventions- und Präventionsmethoden entwickeln.

Der Forschungsschwerpunkt wendete sich mit der Zeit von allgemeinen Schutzfaktoren hin zu spezifisch protektiven Prozessen. Der Erforschung differenzierter protektiver Faktoren widmeten sich, in der wohl bekanntesten und bedeutendsten Längsschnittstudie der Resilienzforschung auf der Insel Kauai, die Pionierinnen Werner und Smith. Untersucht wurde der gesamte Geburtsjahrgang 1955 (698 Kinder) von der pränatalen Entwicklungsperiode an, sowie im Alter von 1, 2, 8, 10, 18, 32 bis zum Alter von 40 Jahren. Bei ca. einem Drittel dieses Geburtsjahrgangs konnte, zum Teil schon in der pränatalen Entwicklungsperiode, ein hohes Entwicklungsrisiko festgestellt werden. Diese Kinder waren bereits vor ihrem zweiten Lebensjahr schon vier oder mehr risikoerhöhenden Bedingungen ausgesetzt. Risiken waren hierbei unter anderem chronische Armut, Disharmonie in der Familie, psychische Störungen der Eltern u.v.m. Zwei Drittel dieser sogenannten „ Hochrisikokinder “ zeigten im weiteren Entwicklungsverlauf schwere Lern- und Verhaltensstörungen. Sie wurden unter anderem z.T. straffällig, wiesen frühe Schwangerschaften auf oder zeigten andere psychische Störungen. Das restliche Drittel entwickelte sich dagegen, trotz erheblicher Risikobelastung, zu zuversichtlichen, selbstsicheren, standhaften, fürsorglichen und leistungsfähigen Erwachsenen. Dieser prozentuale Anteil wurde als „resilient“ betrachtet und genauer durch Werner und Smith untersucht. Im Vergleich zu den restlichen „Hochrisikokindern“ sollte herausgearbeitet werden, was die ca. 30% zu resilienten Persönlichkeiten heranwachsen ließ.[52] Auch die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie von Lösel und Bender (Quer-, Längsschnittstudie), erforschte an einer Hochrisikogruppe von Jugendlichen aus 27 Heimen der Wohlfahrtspflege, potentielle Schutzfaktoren.[53] Unter anderem identifizierten die Ergebnisse beider eben benannten Studien differenzierte protektive Faktoren. Zusammenfassend lassen sich aber die Wichtigsten wie folgt darstellen[54]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse betonen, dass Schutzfaktoren differenziert betrachtet werden müssten. Alter, Geschlecht und kultureller Hintergrund müssten ebenso in die Berücksichtigung mit einbezogen werden. Deutlich wird ebenso, dass kein Individuum alle Schutzfaktoren aufweisen kann und wird. Dies sei aber auch nicht nötig um gegenüber Belastungen als resilient zu gelten. Es ginge vielmehr darum, die Erfahrung zu machen, dass es gelingt Anforderungen erfolgreich bewältigen zu können und vor allem, dass auf die Bewältigung selbst Einfluss genommen werden könne.[55]

2.3.2. Wirkprozesse und Mechanismen

Durch das Darstellen einzelner Risiko- und Schutzfaktoren entsteht ggf. der Eindruck, dass Schutzfaktoren als das Gegenteil von Risikofaktoren zu verstehen sind. Bedacht werden muss hierbei, dass ein fehlender Schutzfaktor als Risikofaktor angesehen werden kann, im Umkehrschluss aber ein fehlender Risikofaktor keine Schutzfunktion garantiert.[56]Schutz- und Risikofaktoren können auch nicht einfach gegeneinander aufgerechnet werden, sodass sie sich am Ende gegenseitig aufheben. Einzelne Faktoren stehen in der Hierarchie höher als andere.“[57] Lösel und Bender weisen darauf hin, dass eine der wichtigsten Erkenntnisse der Entwicklungspsychopathologie sei, dass sowohl Risiko- als auch Schutzfaktoren eine Art „Doppelgesicht“ haben können. Dies bedeutet, dass beispielsweise ein ungünstiger Faktor unter bestimmten Umständen auch eine schützende Funktion besitzen kann und umgekehrt.[58] „Insgesamt muss das Zusammenspiel von Risiko- und Schutzfaktoren als ein integrierter, komplexer Prozess verstanden werden, in dem a-priori-Unterscheidungen zwischen Risiko- und Schutzfaktoren nicht unbedingt sinnvoll sind“.[59] Von zentraler Bedeutung scheine eher zu sein, in welcher Weise eine Risikolage bearbeitet werde, so Opp und Fingerle[60].

2.3.3 Resilienzmodelle

Aus den vorangestellten Risiko- und Schutzfaktoren ergeben sich verschiedene Modelle der Resilienz, die versuchen, das Zusammenwirken beider Faktoren zu beschreiben. Dabei müssen sich die Modelle nicht gegenseitig ausschließen, sondern können durchaus nebeneinander oder nacheinander im Bewältigungsprozess von Belastungen eine Rolle spielen.[61] Hervorzuheben ist, dass alle Resilienzmodelle von einem Zusammenwirken von Risiko- und Schutzfaktoren ausgehen. Die unterschiedlichen Resilienzmodelle sind als theoretische Konstrukte zu verstehen, mit dem Versuch Forschungsergebnisse zusammenzuführen und zu kategorisieren. Sie sind teilweise nur schwer durch Studien überprüf- und belegbar[62].

Modell der Kompensation: Das Modell der Kompensation geht davon aus, dass ein Risikofaktor nur von einem Schutzfaktor kompensiert (ausgeglichen) werden kann. Der Schutzfaktor würde in dem Fall den Risikofaktor sozusagen „neutralisieren“. Das Konzept rechnet gewissermaßen die einzelnen Faktoren gegeneinander auf. Überwiegen die protektiven Faktoren gegenüber den entwicklungshemmenden Faktoren, kann eine positive Entwicklung stattfinden.[63] Wie aber bereits in Punkt 2.3.2. dargestellt, ist es nicht möglich Risiken- und Schutzfaktoren gegeneinander aufzurechnen, da Faktoren immer auch hierarchisch eingeordnet sind und im Kontext der aktuelle Lebenssituation und durch individuelle Bewertung an Bedeutung gewinnen oder verlieren können[64]. Das Modell bezieht weder Entwicklungsverläufe noch individuelle Gewichtungen der Faktoren mit ein und kann somit nach modernem Forschungsstand keine ausreichende Grundlage zur Entwicklung von Präventions- und Interventionsangeboten bieten.

Modell der Herausforderungen: Dieses Konzept betrachtet Risikofaktoren als Herausforderungen, durch deren Bewältigung Ressourcen und Kompetenzen aktiviert werden. Es ist durchaus ein dynamischeres Konzept als das Kompensationsmodell, da es von Weiterentwicklungsmöglichkeiten des Menschen ausgeht. Mit der Bewältigung erwirbt der Mensch neue Strategien, auf die er in anderen Krisensituationen zurückgreifen kann. Des Weiteren wächst das Selbstvertrauen mit Krisen erfolgreich umgehen zu können.[65]

Kumulationsmodell: Das Kumulationsmodell nach Rutter ist gewissermaßen eine Erweiterung des Interaktionsmodells. Treffen mehrere Risikofaktoren aufeinander, so steigert sich ihre Wirkung. Das gleiche gilt für das Zusammentreffen mehrerer risikomindernder Faktoren. Je größer die Risikobelastung im Verhältnis zu den Schutzfaktoren ist, umso geringer ist der Erwerb von Resilienz.[66]

Rahmenmodell von Resilienz: Das Rahmenmodell ist derzeit das umfassendste Modell der Resilienz und wurde von Karol L. Kumpfer (1999) modifiziert. „Er unterscheidet vier Einflussbereiche (der akute Stressor, Umweltbedingungen, personale Merkmale und das Entwicklungsergebnis) sowie zwei Transaktionsprozesse (das Zusammenspiel von Person und Umwelt sowie von Person und Entwicklungsergebnis). Stressoren bzw. Belastungen treffen auf Umweltbedingungen mit spezifischen Risiko- und/oder Schutzfaktoren. Im Zusammenwirken zwischen Person und Umwelt kommen die personalen Schutzfaktoren bzw. Resilienzfaktoren zum Tragen. Aus diesem Zusammenspiel ergibt sich eine Anpassung, letztlich also eine Bewältigung der stressauslösenden Situationen- oder es kommt zu einer Fehlanpassung, also zur Nichtbewältigung und damit zu einem negativen Entwicklungserlebnis“[67].

2.3.4. Resilienzfaktoren

Neben empirisch belegten Risiko- und Schutzfaktoren, wurde eine Reihe von Resilienzfaktoren definiert. In der gängigen Literatur zur Resilienz ist die Kategorisierung der Schutzfaktoren in Resilienzfaktoren derzeit noch recht selten zu finden. Häufiger werden Schutzfaktoren synonym für Resilienzfaktoren verwendet. Eine Differenzierung, und auch Kategorisierung, zur gezielten Erstellung von Präventions- und Interventionskonzepten macht hierbei allerdings durchaus Sinn, zumal es sich bei Resilienzfaktoren um internale Schutzfaktoren handelt, die einer anderen Förderungsart bedürfen. Wustmann führt gezielt, unter den personalen Schutzfaktoren, Resilienzfaktoren auf. Bereits Werner und Smith stellten in der Kauai-Studie bestimmte Merkmale heraus, die sich auf die Resilienz von Kindern auswirkten. Die aufgeführten Resilienzfaktoren können dazu befähigen, Belastungen zu überstehen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Dazu zählen u.a.[68]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse fassen Studienergebnisse der Schutzfaktorenforschung zu sechs Faktoren zusammenfassen, die sich als bedeutend, zur Entwicklung von Resilienz, herausgestellt haben. Sie bemerken hierzu, dass diese sechs Faktoren nicht als voneinander unabhängige Konstrukte zu verstehen seien, sondern im Zusammenhang und Wechselwirkung zueinander stehen würden.[69]

Selbstwahrnehmung: „Im Vordergrund einer guten Selbstwahrnehmung steht die ganzheitliche und adäquate Wahrnehmung der eigenen Emotionen und Gedanken, also von sich selbst. Gleichzeitig ist es wichtig sich selbst dabei zu reflektieren, d.h., sich zu sich selbst in Beziehung setzen zu können und andere Personen ebenfalls angemessen wahrzunehmen und sich ins Verhältnis zu ihrer Wahrnehmung zu setzen (Fremdwahrnehmung).“[70] Besonders die Schutzfaktorenforschung bewies, dass eine gute Selbstwahrnehmung eine schützende Funktion besitzt[71], hauptsächlich auch im Zusammenhang mit dem Selbstwertgefühl, wie im weiteren Verlauf der Arbeit noch deutlich werden wird. Laut Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse erkennen resiliente Kinder ihre eigenen und differenzierten Gefühle und können diese auch adäquat ausdrücken. Dabei gelänge es ihnen ebenfalls, auch Gefühle von anderen wahrzunehmen und sich durch Reflexion zu anderen in Bezug zu setzen.[72]

Selbststeuerung: Ein Kind entwickelt bereits von Geburt an die Fähigkeit, Emotionen und Spannungszustände zu erzeugen, zu erhalten und dabei die Dauer und Stärke zu regulieren. Resiliente Kinder haben die Fähigkeit sich selbst um die Regulation ihrer Emotionen und Anspannungen zu kümmern und wissen wo sie Unterstützung finden.[73]

Selbstwirksamkeit: „Selbstwirksamkeitserwartung wird definiert als die subjektive Gewissheit, neue oder schwierige Anforderungssituationen auf Grund eigener Kompetenz bewältigen zu können. Dabei handelt es sich nicht um Aufgaben, die durch einfache Routine lösbar sind, sondern um solche, deren Schwierigkeitsgrad Handlungsprozesse der Anstrengung und Ausdauer für die Bewältigung erforderlich macht.“[74] Das Konzept der Selbstwirksamkeit beruht auf der sozial-kognitiven Theorie von Albert Bandura. Demzufolge werden kognitive, motivationale, emotionale und aktionale Prozesse durch subjektive Überzeugungen gesteuert. Dies geschehe vor allem durch Handlungs-Ergebnis-Erwartungen bzw. Konsequenzerwartungen (outcome expentancies) und Selbstwirksamkeitserwartungen (perceived self-efficacy).[75] Vereinfacht gesagt bedeutet dies, wer nicht davon überzeugt ist, eine Situation meistern zu können und ein positives oder zumindest akzeptables Ergebnis zu erzielen, der wird diese Situation eher meiden und sich selbst negativ bewerten. Das Konzept der Selbstwirksamkeit findet in verschiedenen Bereichen Anwendung. So auch in Erklärungsansätzen und Therapien verschiedener psychischer Störungen. Es steht in engem Zusammenhang zum Selbstkonzept und wird in dieser Arbeit noch weitere Beachtung finden.

Soziale Kompetenz: Bereits seit Beginn der Resilienzforschung schien die „soziale Kompetenz“ ein Faktor zu sein, der sich konsequent als protektiv erwies[76]. Rüdiger Hinsch und Ulrich Pfingsten definieren: „Unter sozialer Kompetenz verstehen wir die Verfügbarkeit und Anwendung von kognitiven, emotionalen und motorischen Verhaltensweisen, die in bestimmten sozialen Situationen zu einem langfristig günstigen Verhältnis von positiven und negativen Konsequenzen für den Handelnden führen.[77] “ Dabei ist von Bedeutung wie soziale Situationen interpretiert werden. Hier ist eine deutliche Überschneidung zu anderen Resilienzfaktoren, wie der Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit, zu erkennen. Wer beispielsweise ein geringes Selbstwerterleben aufweist wird dabei in seinen sozialen Handlungen beeinflusst und schränkt so die förderlichen sozialen Interaktionsmöglichkeiten deutlich ein. Menschen mit guten sozialen Kompetenzen haben weniger Schwierigkeiten neue soziale Kontakte aufzubauen. Sie können sich in andere hineinversetzen und soziale Situationen einschätzen und adäquat auf diese reagieren.[78]

[...]


[1] Vgl. Filipp/Aymanns (2010) S.11, 15, 46, 66-98, 123

[2] Definition Ressource: All das was ein Mensch zur gelingenden Lebensbewältigung braucht. (Vgl. Grunwald/Thiersch (2008) S.72)

[3] Vgl. Mühlum/Gödecker-Geenen (2003) S.21

[4] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009 ) S.14f, Masten/Reed (2002) S.74f

[5] Vgl. Opp/Fingerle (2007) S.16

[6] Vgl. Griebel (2009) S.346

[7] Vgl. Scharnhorst (2009) S.378

[8] Vgl. Bengel (2001), zit. nach Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.9

[9] Masten/Reed (2002) S.76

[10] Wustmann (2011) S.22

[11] Schmitt (2009) S.325

[12] Vgl. Schmitt (2009) S.326

[13] Vgl. Schmitt (2009) S.333

[14] Vgl. Scharnhorst (2009) S.384f

[15] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.14

[16] Vgl. Scharnhorst (2009) S.384

[17] Straus/Höfer (2011) S.42f

[18] Antonovsky (1997) S.16

[19] Straus/Höfer (2011) S.51

[20] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.14

[21] Vgl. Schmitt (2009) S.342f

[22] Vgl. Schmitt (2009) S.339

[23] Davison et al. (2007) S.236

[24] Vgl. Schmitt (2009) S.339

[25] Griebel (2009) S.354

[26] Vgl. Wustmann (2011) S.79

[27] Vgl. Davison et al. (2007) S. 236, Schmitt (2009) S.339

[28] Vgl. Schmitt (2009) S.341

[29] Vgl. Masten/Powell (2003) zit. nach Lenz (2011) S.71

[30] Vgl. Scharnhorst (2009) S.385

[31] Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009 ) S.12

[32] Rutter (2000) zit. nach Opp/Fingerle (2007) S.15

[33] Vgl. Wustmann (2011) S.28

[34] Fingerle (2007) S.299

[35] Vgl. Scharnhorst (2009) S.381

[36] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse(2009) S.11

[37] Vgl. Fingerle (2007) S.299

[38] Vgl. Scharnhorst (2009) S.381f

[39] Vgl. Schmitt (2009) S.325

[40] Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.20

[41] Vulnerabilität: durch soziale, psych., organische, genetische u.a. Faktoren bedingte Anfälligkeit, auf Belastungen mit bestimmten Erkrankungen zu reagieren.

[42] Vgl. Wustmann (2011) S.38

[43] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009 ) S.20

[44] Vgl. Wustmann (2011) S.36ff

[45] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009 ) S.24

[46] Richter (2009) S.371

[47] Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.27

[48] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.27

[49] Wustmann (2011) S.44

[50] Vgl. Lösel/Bender (1998) S.57

[51] Vgl. Lösel/Bender (2007) S.59

[52] Vgl. Werner (2007) S.21f, Griebel (2009) S.351

[53] Vgl. Lösel/Bender (2007) S.57ff, Griebel (2009) S.353f

[54] Vgl. Werner (2007) S.22

[55] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.30

[56] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/ Rönnau-Böse (2009) S.32

[57] Fröhlich-Gildhoff/ Rönnau-Böse (2009) S.30

[58] Lösel/Bender (1996), zit. nach Opp/Fingerle (2007) S.64

[59] Lösel/Bender (1996), zit. nach Opp/Fingerle (2007) S.15

[60] Vgl. Opp/Fingerle (2007) S.15

[61] Vgl. Werner (2000), zit. nach Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.37

[62] Vgl. Scharnhorst (2009) S.380f

[63] Vgl. Wustmann (2011) S.56f

[64] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/ Rönnau-Böse (2009) S.30f

[65] Vgl. Wustmann (2011) S.59

[66] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.37

[67] Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.36f

[68] Vg. Wustmann (2011) S.115

[69] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.41

[70] Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.43

[71] Vgl. Lösel/Bender (1998), zit. nach Opp/Fingerle (2007) S.57

[72] Vgl. Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.43ff

[73] Vgl. Wustmann (2011) S. 115, Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2009) S.45

[74] Schwarz/Jerusalem (2002) S.35

[75] Vgl. Schwarz/Jerusalem (2002) S.35f

[76] Vgl. Wustmann (2011) S.115

[77] Hinsch/Pfingsten (2007) S.4

[78] Vgl. Coopersmith (1967) zit. nach Kanning (2000) S. 54, Schütz (2005) S.82

Details

Seiten
86
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656186465
Dateigröße
990 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193684
Institution / Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,0
Schlagworte
positiver selbstwert resilienzfaktor interesse bedarf sozialen arbeit methoden konzepten resilienzförderung erwachsenenalter

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Titel: Positiver Selbstwert als erlernbarer Resilienzfaktor