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Feste und ihre kulturelle Bedeutung

Wissenschaftliche Studie 2012 47 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

INHALT

1. Weihnachtskultur: Adventsrummel und göttliches Geheimnis

2. Faschingskultur

3. Osterkultur: Temporale Aspekte einer Auferstehungs- und Heilskultur

4. Die Pfingstbotschaft für den Menschen des globalen Zeitalters

WEIHNACHTSKULTUR

Adventsrummel und göttliches Geheimnis

Io sono la via la vita e la verità

Papst Paul VI

Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe,

Der bringt reiche Frucht.

Ohne mich könnt ihr nichts tun.

Alljährlich pilgern tausende Schweizer aus den südlicher von uns gelegenen Schwyzer Kantonen nach Norden, entgegen der Zugvögel Flugrichtung, nach Stuttgart – zum Weihnachtsmarkt. Sie kommen in Heerscharen in aberdutzenden Bussen. Wenn ich Schweizer Deutsch vom Gehsteig vor meinen Fenstern höre, ist das ein untrüglicher Hinweis darauf, dass die Weihnachtszeit sich ankündigt, dass der Advent angebrochen ist; dass mit dieser ethnisch-religiösen Migration die große Ankunft nahe ist, ob meterhoch Schnee liegt oder ob die Sonne noch lacht oder beides zusammen, wie in diesem Jahr. Hört man nicht ihr etwas weniger kehlkopflautiges Deutsch als das deutsche Deutsch, so wird man ihrer Ankunft durch das besondere Grollen der mächtigen Motoren ihrer für die Bergwelt ausgerüsteten Busse gewahr. Doch in diesem Jahr ist die Freude etwas getrübt, denn das Damoklesschwert des Terrorismus hängt über deutschen Landen und der anti-westliche Fundamentalismus sucht sich, um seine gottlose Angst und Schrecken zu verbreiten, Ziele, die die westlich-christliche Zivilisation insbesondere repräsentieren. Daher mag so mancher Polizist in Zivil unter den Besuchern des Marktes sein. Hat man doch Beamte mit Maschinenpistolen im Anschlag im benachbarten Bahnhofsareal patrouillieren sehen. Die kleine Ankunft der Schweizer - und anderer Touristen aus dem Morgen- und dem Abendland bis ins ferne nordostasiatische Japan - aus all ihren Kantonen wird nur von der Hoffnung auf die alljährliche große Ankunft am 24. Dezember überstrahlt. Doch da ist eben noch jene Ungutes verheißende Ankunft, die einen Schatten auf das Licht dieser Zeit wirft, die befürchtete Ankunft des Terrorismus in unseren Breiten. Doch das vermag das alljährliche Ritual nicht über Gebühr zu beinträchtigen. Die Menschen leben ihren Rhythmus fort, was auch kommen mag. Wie bei der ersten großen Ankunft vor zweitausend Jahren hatten die Menschen ihre persönlichen Agenden und zollten dem Christkind zusammen mit seiner Mutter und seinem Pflegevater trotz ihres Ersuchens keine Aufmerksamkeit. Sie wiesen ihren eigenen Schöpfer ab. Und tun sie dies nicht bis heute? Die Bibel lehrt, dass die Ankunft der Sintflut gleichermaßen aus heiterem Himmel zuschlug und die Menschen mitten in ihrem geschäftigen Dasein überraschte und für sie, mit Ausnahme Noahs und Mensch und Vieh in der Arche, das Ende bedeutete. Die Bibel lehrt gleichermaßen, dass die erneute Ankunft Christi, ebenso unabsehbar eintritt - nur der Vater kennt den Zeitpunkt - und das Ende der Zeit und den Beginn des Ewigen besiegelt.

Advent im Sinne der Ankunft deutet auf Kommen und Gehen, auf Beginn und Ende auf Alpha und Omega hin. Und wie jeder Beginn ist sie mit Hoffnung verbunden, aber auch mit Furcht, denn außer der Ankunft des Erlösers zur Rettung von der Furcht vor einem ungewissen Ende sind alle zeitlichen Ankünfte zweischneidige Schwerter, man hofft und bangt bezüglich der Natur dessen, was ankommt. Allein Weihnachten und dessen alljährliche Erinnerung ist frei von dem Makel der Zweischneidigkeit. Es verkörpert Freiheit und Befreiung – Erlösung des Menschen pur, ohne Makel, ohne Tadel, ein Akt der Liebe, der an Ostern zum Sieg über das Ende aller Enden, den Tod und den Beginn der Beginne, des ewigen Lebens führt.

Kein Wunder, dass die Menschen auf Adventsmärkten, die in ihrem Lichterglanz den Abglanz der Makellosigkeit der Unbeflecktheit und Reinheit der Kindheit und die höchste Form von Freiheit – der Erlösung – verkörpern, diese kostbarsten Werte suchen. Alle Reinheit des Herzens der Kindheit und das Werk der Erlösung, die menschliches Sorgen und Bangen in der Zeitlichkeit beenden, konvergieren in der Ankunft dessen, der das fleischgewordene Wort ist und dem alle Macht über alle Welten vom Vater gegeben ist. Die Allmacht in der Armut einer Krippe im Stall in der Gestalt menschlicher Hilflosigkeit verschafft dem Menschen einen konkreten, nachvollziehbaren Zugang zum Geheimnis der Geheimnisse, zum Schöpfer selbst und der Schöpferkraft, die dem Menschen sonst unnahbar und unerreichbar verhüllt blieben. Einfachheit und geistige Armut - selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich - sind die Pforten zur Erkenntnis der höchsten Wahrheit, der Gotteserkenntnis. Das Absolute scheut menschlichen Pomp und Gepränge. So war es bei der ersten Ankunft und so war es bei der Ankunft in Jerusalem. Die Allmacht kleidet sich in Armut und Ohnmacht. So besiegt sie beispielhaft menschlichen Hochmut und Habgier und weist den Weg und verleiht den Schlüssel zur Gotterkenntnis. Alle wahren Gottsucher werden daher auch den Weg der Armut, Enthaltsamkeit und des Gehorsams – der Armut im Geiste – suchen, um die Allmacht zu erkennen. Die Ohnmacht und die Allmacht sind offenbar interdependent. Akzeptiert man die erstere, so kann man auch der letzteren teilhaftig werden. Zu groß ist die Größe der Allmacht, als dass sie von einem vollen Gefäß empfangen und umfasst werden könnte.

Der Kommerz steht dem kosmischen Geheimnis daher im Weg. Das Chris-Biz (Christmas Business), das Weihnachtsgeschäft, füllt das Gefäß des Menschen so sehr, dass es keine Krippe verkörpern kann, in der die Größe der Allmacht Platz hätte. Damit der Allmächtige geboren werde, muss das Gefäß makellos sein, empfänglich für das Geheimnis, das den Klugen und Weisen verborgen bleibt.

Es ist daher klug, sich gleich den Weisen aus dem Morgenland oder auch den Schweizern auf den Weg zu machen, alles hinter sich zu lassen und zum alleinigen Gefäß für die Ankunft der Größe Gottes zu werden. Es ist eine innere Reise der Befreiung, an deren Ende, bzw. Ankunft, gleichermaßen die Ankunft des Christkindes im Herzen ermöglicht wird. Die Geist, Körper und Seele reinigende und läuternde Reise führt in beiden Gestalten zur Ankunft, zur physischen am symbolischen rituellen Ort des Weihnachtsmarktes, die gleichzeitig die Vorbereitung der Ankunft des Christkinds im Herzen des ankommenden Reisenden ermöglicht. Die physische und geistige Reise sind die beiden Aspekte der Geburt – der Ankunft, des Advents im eigenen Leben.

Der kommerzielle Aspekt, die Überlagerung des kosmischen Geheimnisses durch die kommerziellen Umtriebe des Menschen sind schlicht Bestandteil jener weisgesagten Tatsache, dass die Menschen trinken, feiern, heiraten und ihren persönlichen Agenden nachgehen, wenn die großen kosmischen Ankünfte sich vollziehen. So war es zu Noahs Zeiten, so war es in Bethlehem und so ist es heute und ebenso ist es für die Wiederkunft, die finale Ankunft, prophezeit.

Die Überlagerung des kosmischen Geheimnisses durch den Kommerz, die Geschäfte des Menschen, erfordern eine alljährliche Bereitmachung und Vorbereitung des Tempels des Menschen, damit der Erlöser Einzug halten und uns von den Geschäftigkeiten und der Mühsal des menschlichen Lebens erlösen kann, damit wir durch seine Geburt selbst eine Widergeburt erfahren können.

Der Vollzug des kosmischen Geheimnisses erfordert eine Bereitmachung des Menschen, eine innere Vorbereitung, das Polieren des menschlichen Geistes, sodass die Wahrheit reflektiert werden kann. Es ist erforderlich ihm entgegenzugehen.

Aber Anfang und Ende sind zeitliche Konstrukte. Sie bilden einen Kreis in der zeitlichen Welt. In der Zeitlichkeit ist daher immer wieder ein Aufbruch vonnöten, um lebendig zu bleiben. Advent ist somit ein Aufruf zu einem Aufbruch zu einem Neuanfang. Die Ankunft bedeutet nicht das Ende der Reise, sondern den Beginn, den Aufbruch zu einer neuen Reise, einer Reise mit Gott - Immanuel heißt Gott mit uns -. Somit ist die geistig-physische Reise immer wieder die Vergewisserung der Gegenwart Gottes auf dem Weg durch die Zeit, bis diese Gegenwart für immer in der Ankunft der Endzeit bewirkt ist.

Der Aufbruch ist eine Loslösung von Banden, die Ankunft ist eine Begegnung und ein Neubeginn. Die Weihnachtsreise-Rituale sind also Begegnung, ob über große Distanzen im frostigen Winter oder über den Gesang „macht hoch die Tür die Tor macht weit“ in einer Kirche. Der Mensch weiß, dass er die Begegnung mit seinem Schöpfer braucht und sucht sie auf seiner Wahrnehmungs- und Erkenntnisebene zu verwirklichen.

Der kitschig, kommerzielle Lichterglanz ist nur ein Schatten des Lichtes allen Lichtes, das die Welt erleuchten möchte, des Wortes aller Worte, das die Welt leiten möchte. Es ist erforderlich, hinter den Schatten dieses Lichtes zu treten, um den unbeschreiblichen Glanz jenes Lichtes zu erahnen, das kein irdisches Auge je gesehen hat und hinter das Weihnachtsgeräusch des Weihnachts-Biz (Business) mit seinen das menschliche Herz ansprechenden Liedern und Tönen zu horchen, um die Stimme des Erlösers zu vernehmen, die kaum ein allzu irdisches Ohr je gehört hat. In der Geburt des Erlösers im Tempel des Heiligen Geistes wird der Tempel zur Wohnstatt des Lichtes und des Wortes Gottes. In dieser Ankunft besteht der Sinn des Advents.

Wenn nun der Mensch durch die Geburt Christi in ihm neu geboren wird, dann ist er von seiner Zeitlichkeit und Endlichkeit durch das in ihm geborene Undendliche gleichermaßen der Unendlichkeit teilhaftig geworden und wird der Ewigkeit, das heißt der Erlösung, teilhaftig.

Um den Menschen zu erlösen musste Gott in die tiefste Menschlichkeit im Mutterschoß hinabsteigen, in einer Krippe in einem kalten, winterlichen Stall geboren werden, um ihn aus seinen Banden der Zeitlichkeit zu erlösen. Er musste aufbrechen vom Vaterhaus - gemäß dem Ratschluss des Vaters - und dem Menschen in seiner tiefsten Menschlichkeit begegnen, um ihm die Rückreise, die Rückkehr zu Gott durch seine Heimkehr zum Vater zu ermöglichen. Gott selbst hat den gesamten Kreislauf einer Reise vom VATER durch das dunkle Tal des Menschlichen zurück zum Vater vorgelebt und somit den Weg der Erlösung geebnet. Deshalb soll auch der Mensch seinen Aufbruch und seine Heimkehr zum Vaterhaus immer wieder allweihnachtlich über das Beispiel des eingeborenen Sohnes nachvollziehen. Sonst könnte er sich auf dem Weg durch das Tal des Zeitlichen verirren und den Weg zurück ins Vaterhaus nicht finden.

Diese Rückkehr zu Gott, den Rückweg zum Vater, den wir allweihnachtlich zelebrieren, ist nur durch den möglich, der der Weg selbst ist. Und dieser Weg ist die einzige Wahrheit, das einzige Leben, neben dem es kein zweites gibt. Weinachten ist das Fest des Lebens und Lichtes, biologisch und geistig. Wer es nicht annimmt, läuft Gefahr, mit der Finsternis und dem Tod zu paktieren. Doch Weihnachten ist auch der Inbegriff der Liebe, denn der Weg, den Christus auf Geheiß des Vaters durchwanderte ist der Inbegriff unermesslicher Liebe selbst, die alle Menschen, auch jene, die es nicht erkennen, zum einen Licht, zur einen Wahrheit und zum einen Leben führen möchte. Somit ist Weihnachten ein universelles Fest, denn es gibt nur ein Leben. Es ist das Fest des Lebens. Und in diesem Fest jubelt alles Leben in der Schöpfung, denn es wird erneuert. Es ist eine kosmische Hochzeit, in der die gesamte Schöpfung frohlockt; die Wiederbegegnung des Schöpfers mit seinem Geschöpf, das von ihm ausging und zu ihm zurückkehrt. Es ist die Zelebrierung des Vaters vermittels des Sohnes im heiligen Geist, das A und O christlicher Kultur. Weihnachten, die Ankunft im Vaterhaus ist der Weg und das Ziel aller menschlichen Reisen, der gesamten Reise durch das Leben und die Zeit des Menschen. Es symbolisiert Einheit in und mit Gott.

Vielleicht kann die Kugel im Lichterglanz der Kerze ein schemenhafter Abglanz dieses Lichtes und dieser Einheit sein. Insofern ist auch das Chris Biz (Christmas Business oder Weihnachtsgeschäft) ein Schritt auf dem Weg zur Ankunft; ein Bestandteil des Advents.

Doch es ist nicht erforderlich die Reise körperlich in VIP Cars, Limousinen oder in der Business Class der lokalen Airline anzutreten, noch auf dem Drahtesel, geschweige denn auf dem Esel anzutreten; es sei denn man bewohnt eine spanische Bergregion und möchte sich exklusiv zur nächsten eingeschneiten Kirche chauffieren lassen. Nein, die Reise kann sich im Inneren vollziehen, die Loslösung von dem Tohuwabohu der inneren und äußeren Welt ist der erste Schritt auf dem Weg. Den Weihnachtsmarkt mit seinen zahllosen Ständen, die die Güter dieser Welt jahreszeitgemäß süß, heiß und lichtvoll anpreisen, ja selbst die Krippe im kalten Stall findet man auch innen. Schließlich handelt es ich um einen Aufbruch, einen Weg und eine Ankunft physisch-geistiger Natur. Der Mensch kann in seinem eigenen Herzen den winterlichen Stall mit menschlicher Gefühlskälte zwischen tierischen, materiellen und geistigen Impulsen und seine Hoffnung auf Erlösung aus der Mühsal dieser widersprüchlichen Kräfte im Lichte der Wahrheit finden. Und er muss willens sein, die Pilgerschaft zu dieser Realität mit ihren Rosen und Dornen auf sich zu nehmen, sich zu läutern und sich für die Hochzeit des Lammes bereit zu machen; die Lampe nehmen und dem Bräutigam entgegen gehen, damit das wahre Licht in ihm erstrahlen möge.

Der Rummel ist ein schaler säkularisierter Abglanz, und bisweilen nur ein Schatten, der den Blick auf das Essentielle verstellt; ein gesellschaftliches Alibi, um sich um die Wahrheit herumzumogeln. Unerleuchtete gesellschaftliche Prozesse zwingen den Menschen jedoch zur Umkehr auf seinen Wegen, die er ohne den WEG per se, allein nach seinen Maßgaben und Gutdünken beschritten hat. Die Schöpfung duldet nicht, dass sie vom Schöpfer abgekoppelt wird. Und die Wahrheit holt die Gesellschaft alsbald ein, weil außer ihr nichts von Bestand und Permanenz ist, nicht zuletzt auch die gesamte Menschheitsgeschichte, nämlich durch die nächste Ankunft, die Wiederkunft, die das Ende aller Reisen durch die menschlichen Niederungen mit all ihrer vordergründigen Glorie ist. Alles ist Weg zwischen Alpha und Omega, Station mit Aufbrüchen und Ankünften, Begegnungen bis zur letzten Station, der Begegnung mit dem, der den Weg, den Raum und die Zeit mit ihren Stationen, Aufbrüchen und Ankünften geschaffen hat. Weihnachten dient der Erinnerung dieser wahren Heimat, des wahren Wegs, des wahren Lebens, denn es ist die Begegnung mit jenem unvergleichlichen EINEN, dem Schöpfer und HERRN des Universums in für ihn erfassbarer, fleischgewordener Gestalt, vor dem alle und selbst die Stolzesten und Mächtigsten die Knie beugen müssen, im Himmel und auf der Erde. Möge der Advent - die Ankunft - eine Ankunft von und bei und Begegnung mit dem Vater aller Dinge in der sichtbaren Gestalt des Kindes, seines Ebenbildes, in der Krippe sein, soweit es dessen Ratschluss ist.

Resümee: Der Autor zeigt, dass hinter dem Weihnachtsrummel ein kosmisches Geheimnis schlummert, durch das er trotz aller Säkularisierung oder gerade deshalb nach wie vor unendlich und unstillbar fasziniert ist, weil es von existenzieller Bedeutung für den Menschen ist. Der Sinn des rituellen Aufbruchs zu den Weihnachtsmärkten besteht darin, sich auf den Weg zu machen, um wieder bei sich selbst anzukommen. Erst muss der Mensch bei sich selbst ankommen, um für die große Ankunft (Advent) bereit zu sein.

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Details

Seiten
47
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656191063
ISBN (Buch)
9783656566670
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193720
Note
Schlagworte
kulturelle Rituale Feste und Feiern Jahreskreis

Autor

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