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Religiöse Argumentationsstrukturen am Beispiel des salafistischen Bid’a-Verständnisses

Eine qualitative Videoanalyse

Studienarbeit 2012 28 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Methode: Interpretative Videoanalyse

3. Wissensquellen des Islam
3.1 Sinneswahrnehmung
3.2 Ratio
3.3 Überlieferung

4. Videodaten, Interpretation und das Thema Bid’a im Video
4.1 Bild
4.2 Das Milieu
4.3 Habitus
4.4 Körperbewegung als Kommunikation

5. Inhaltsanalyse: Bid’a im Video

6. Resümee

7. Transkription

8. Quellen
8.1 Literaturverzeichnis
8.2 Internetquellen

1. Einführung

Diese Arbeit zeigt anhand eines Videos, das bei YouTube angeboten wird, wie anhand eines Beispielthemas über den Islam gesprochen wird. Dabei konzentriert sich die Arbeit auf die religiöse Wissensvermittlung und die dabei angewendeten Argumentationsstrukturen in diesem Video. Die Antwort auf die Frage, wie religiöses Wissen vermittelt wird und welche Argumentationsstrukturen und Wissensquellen Einfluss nehmen, hat diverse Ausprägungen. Die Vermittlung über das Internet ist nur ein Vermittlungsweg von vielen. Hier ist das Beispiel YouTube zu nennen, wo versucht wird, durch Videos religiöses Wissen zu vermitteln. Diese Arbeit möchte einen Ausschnitt aus diesem Medium analysieren und darlegen, wie religiöses Wissen vermittelt und strukturiert wird. Sie ist nicht repräsentativ für das ganze Angebot bei YouTube, dennoch zeigt die Arbeit anhand des vorgelegten Videos, wie in einem bestimmten Milieu, und zwar in dem der Salafisten, über den Islam gesprochen wird.

Das Video, auf das sich diese Arbeit bezieht, wurde bei YouTube gefunden. Zur Erhebung ist Folgendes zu sagen:

Als Erstes wurde ein von Muslimen produziertes Video ausgewählt, in dem über den Islam und das Thema Bid’a berichtet wird. Für die Auswahl wurden die Stichworte Islam und Bid’a im YouTube-Suchmodus eingegeben und anschließend das entsprechende Video aus der Ergebnisliste ausgewählt. Die Wahl fiel auf das Video von Pierre Vogel, der zum Kreis der Salafisten gehört. Dies hat folgenden Grund: Pierre Vogel und der Salafismus sind in Deutschland und der islamischen Welt eine Randgruppe.

Die Frage, wer auf das Video zugreift, ist nicht leicht zu beantworten. Fest steht jedoch, dass man nach den sogenannten Tags suchen muss, um das Video bei YouTube abrufen zu können. Die Tags stehen unter dem Video. Sie lauten:

Islam pierre vogel ditib
tesbih
bideat
bidaa
Bekir Alboğa hat keine Ahnung
folge der wahrheit

Durch die Suche nach einem dieser Wörter kann das Video gefunden werden. Teilweise bestehen die Wörter aus Fachwörtern, wie etwa Tesbih oder Bidaa. Daher liegt die Vermutung nahe, dass dieses Video vor allem von Muslimen angeschaut wird, die sich speziell für dieses Thema interessieren. Andere Absichten können jedoch nicht ausgeschlossen werden. Das Publikum zu erfassen ist daher wichtig, weil das einen Hinweis gibt, an wen sich das Video richtet. Diese Information macht das Video erst verständlich. Das Video wurde etwa 4.000 Mal angeschaut oder angeklickt.

Wie vermittelt diese Gruppe Wissen und welche Erkenntnisquellen werden dabei verwendet? Durch die Analyse der Argumentationsstruktur können Vergleiche mit weiter verbreiteten Ausprägungen des Islam gezogen und Unterschiede gezeigt werden. Die Konzentration auf das Thema Bid’a geschah nachträglich. Ursprünglich sollte die Wissensvermittlung über den Islam allgemeinen analysiert und herausgearbeitet werden, welche Themen wie vermittelt werden. Doch diese Aufgabenstellung hat sich als problematisch erwiesen, da die Fülle an Daten nur schwer zu bearbeiten ist. So wurde beschlossen, anhand eines Themas, in diesem Fall das Thema Bid’a, dessen Vermittlung und die Quellenlegitimation zu untersuchen.

Mit der Analyse des Videos sollen epistemologische Kategorien gebildet werden, in die das im Video vermittelte Wissen eingeordnet werden kann. Zwar ist auch ein Kategorienentwurf vor der Videoanalyse denkbar, doch es soll sich auf das Notwendige konzentriert werden. Jo Reichertz und Carina Jasmin Englert schildern dieses Vorgehen wie folgt:

Gewiss kann man bei der Analyse das st ö rende Vorabwissen ein- und somit auch ausklammern (also nicht das notwendige und produktive Wissen um die Welt und deren Bedeutung und das innere Kontextwissen) (Reichertz 2011, S.49).

2. Methode: Interpretative Videoanalyse

Diese Arbeit folgt dem von Schnettler empfohlenen Ablauf:

Die Forschung beginnt mit der Datenerzeugung. Dem folgt die Datenanalyse und schließlich der Bericht. Die Datenerzeugung kann durch eine ethnographische Feldarbeit gewonnen werden. Die Datenanalyse oder die Aufbereitung setzt die Sequenzselektion und Transkription voraus. Dem folgt die Feinanalyse, woraus der Bericht bzw. die Arbeit entsteht (Schnettler 2011, S.175). Auch diese Arbeit versucht, diesem Prinzip zu folgen.

Nach Schnettler und Knoblauch nimmt die Beschäftigung mit Videos in der Religionsforschung zu. Ihre Verwendung hat bestimmte Vorteile, auch wenn sie die komplexeste Datenproduktion in den Sozialwissenschaften sind (Bernt Schnettler und Hubert Knoblauch 2009, S.276). Nach Schnettler und Knoblauch kann die Videoanalyse folgende Gebiete beinhalten:

Neben Sprache, Prosodie, Gestik, Mimik, K ö rperhaltung und -formationen werden dadurch ebenso die Rolle von Settings, Accessoires, Bekleidungen und Geräuschen für die Interaktionsanalyse greifbar. Diese Elemente k ö nnen sowohl isoliert (diachron) wie auch in ihrem jeweiligen Zusammenspiel (synchron), in ihrer zeitlichen Abfolge und zugleich hinsichtlich ihrer sozialen Wechselwirkung studiert werden (Bernt Schnettler und Hubert Knoblauch 2009, S.276).

Auch im vorliegenden Beitrag werden einige, im Zitat aufgezählte Analysebereiche diachron interpretiert. Die Auswahl geschieht nicht zufällig, sondern ergibt sich aus der Analyse des Videos selbst, wobei eine Selektion des Verfassers nicht unausweichlich ist. Denn nicht die Analyse des Videos an sich ist der Zweck der Arbeit, sondern vielmehr die Forschung und Analyse der Fragestellung, die dieser Arbeit zugrunde liegt.

Methodisch betrachtet bildet dieser Beitrag eine Zwischenstufe zwischen der hyopthetico- deduktiven Methode und der induktiven Methode. Denn der Fragestellung dieser Arbeit geht eine Theorie voraus: Die Arbeit fragt, welche Argumentationsstrukturen Pierre Vogel anwendet, stellt jedoch zuvor durch nicht empirische Daten fest, dass sich der salafistische Islam aus insbesondere zwei Erkenntnisquellen speist, welche die Argumentation strukturieren. Dennoch besitzt diese Arbeit einen Mehrwert: Es wird überprüft, ob Pierre Vogel dieser Struktur folgt und wie sich diese im Video und im Internet niederschlägt. Falls Pierre Vogel sich der in der Literatur beschriebenen Erkenntnisquellen bedient, kann dies nachgewiesen werden. Sollte sich Pierre Vogel einer anderen Argumentationsstruktur als der klassisch salafistischen bedienen, dann kann dies ebenso anhand der Daten empirisch nachgewiesen werden. Kritisch sei angemerkt, dass der hyopthetico-deduktiven Methode eine induktive Analyse folgen sollte. So könnte empirisch überprüft werden, ob die im Video entdeckten Strukturen auch in weiteren salafistischen Veröffentlichungen zu finden sind. Es wird in dieser Arbeit der Versuch unternommen, eine abduktive Haltung einzunehmen, das heißt, bisherige Überzeugungen werden ernsthaft auf die Probe gestellt, um gegebenenfalls neue Erkenntnisse zu gewinnen (Jo Reichertz 2009, S.119).

3. Wissensquellen des Islam

Um die Argumentationsstruktur und die Wissensquellen bestimmen zu können, die in den Videos vorzufinden sind, ist es notwendig, sich stichpunktartig mit den Wissensquellen des Islams auseinanderzusetzen. Die islamische Theologie bzw. die islamische Wissenschaft hat durch eine interne epistemologische Diskussion ihre Wissensquellen definiert. Einige der Hauptquellen werden hier vorgestellt. Neben Sinneswahrnehmung, Ratio und Offenbarung sind auch Wissensquellen wie die Sprache im Gebrauch, jedoch beschränkt sich die vorliegende Arbeit auf diese selektive Auswahl. Anhand dieser Quellen wird versucht, die Argumentationsstruktur Pierre Vogels zu analysieren. Da auch die Erkenntnisquellen der Salafisten beschrieben werden, der Koran und die Sunna, wird so auch untersucht, ob Pierre Vogel dem Milieu der Salafisten angehört.

3.1 Sinneswahrnehmung

Die fünf Sinne bilden die Spitze der Erkenntnisquellen, denn die anderen beiden Erkenntnisquellen, die Wahrnehmung der wahren Überlieferung und die Ratio, sind von den fünf Sinnen abhängig (Kılavuz 2010, S. 102). Die fünf Sinne als Quelle des Wissens sind als eine eigenständige Größe ausreichend. Wenn jemand mit den Augen etwas sieht, dann kann er dessen Existenz sicher sein, ohne weitere Quellen heranziehen zu müssen. In dieser Phase der Erkenntnis benötigt der Mensch keine Ratio. Deshalb sind die Erkenntnisse, die durch die fünf Sinne gewonnen werden, höher zu bewerten als andere Erkenntnisquellen (İzmirli İsmail Hakkı 1339/41, S. 56-57). Die religiöse Erklärung dazu liefert der Koran, indem er sagt: „Sind sie denn nicht auf der Erde herumgereist, mit Denkvermögen ausgestattet, durch das sie verstehen und mit Ohren, mit denen sie hören können“ (Koran, 22:46). Die fünf Sinne sind eine empirische Methode, mit deren Hilfe empirische Gegebenheiten erkannt werden können. Auch in der westlichen empirischen Sozialforschung wird so Objektivität angestrebt (Atteslander 2006, S. 6). Dass für die islamischen Wissenschaften die Objektivität des Wissens im Vordergrund steht, ist kein Zufall. Die Theologie und andere Wissenschaften hatten den Anspruch, universal zu sein, und stellten deshalb die fünf Sinne und somit die Empirie an die Spitze der Wissensquellen. Daraus ergibt sich kein Subjektivitätsdilemma.

„Die islamischerseits gegen das Subjektivitätsdilemma und Standortgebundenheit des Soziologen befürwortete Lösung beruht auf der Übernahme der universal ausgerichteten prophetischen Offenbarung (in ihrer textlichen Gestalt). Überhaupt nur diese verfüge über den intersubjektiven Rahmen, welche dem Forscher die allgemein gültigen - weil göttlich sanktionierten - Wertmaßstäbe und Entscheidungskriterien liefern könne.“ (Edipoglu 2006, S. 33)

3.2 Ratio

Die Ratio ist ein weiterer islamischer Erkenntnisweg (Kılavuz 2010, S. 109). Dass die Ratio als eine Erkenntnisquelle anerkannt wird, hängt größtenteils vom Koran ab. Im Koran wird die Ratio (Akl) als ein Mittel definiert, mit dessen Hilfe man sich Wissen aneignet (Ragib al Isfahani 2010, S. a-k-l). Im Koran ist die Rede von der richtigen und falschen Anwendung der Ratio (Kılavuz 2010, S.110). Daraus folgt, dass die Ratio, wie es einige islamische Soziologen bezeichnen, falsche und unislamische Schlussfolgerungen ziehen kann (Kılavuz 2010, S.110). Für Mimouni ergibt sich die Rechtfertigung für den Einbezug von Offenbarungsquellen in die Soziologie aus dem für ihn feststehenden Sachverhalt, dass eben diese Quellen die islamische Gesellschaft mit ihrer besonderen Struktur hervorgebracht hätten und dass diese noch immer auf theoretischer Ebene inspirierend bei der Entwicklung der Umma (der islamischen Gesellschaft) wirkten (Edipoglu 2006, S.67). Laut Koutoub Moustapha müsse die soziale Wirklichkeit verstanden und im Sinne der Offenbarung verändert werden, um die Religion zum bestimmenden gesellschaftlichen Faktor zu machen (Edipoglu 2006, S-69). „Eine der Grundannahmen der islamischen Soziologie ist die Vorstellung von der Einheit des Wissens, das aus verschiedenen Quellen, hauptsächlich aus Empirie und Offenbarung (in ihrer Textform als Koran und Hadith) gespeist wird.“ (Edipoglu 2006, S.46)

Dementsprechend wird in den islamischen Quellen kein Widerspruch zwischen Ratio und Offenbarung gesehen, vielmehr wird darauf hingewiesen, dass sie sich gegenseitig vervollständigen.

3.3 Überlieferung

In der westlichen Philosophie und der Erkenntnistheorie ist die Überlieferung nicht als eine Wissensquelle anerkannt (Kılavuz 2010, S. 103). Nach Aristoteles ist die Ratio als Erkenntnisquelle ausschlaggebend (Rudolph 1998, S. 18,66). In der islamischen Tradition ist jedoch die Überlieferung als Erkenntnisquelle anerkannt, was die Offenbarung einschließt. Zu dieser Quelle gelangt der Intellekt nur durch unmittelbaren Kontakt zum Propheten.

„Insofern ist ein Unterschied zwischen diesem Wissen und dem notwendigen. Aber wer es unmittelbar erfährt, für den ist es auch notwendig. Zu dieser unmittelbaren Erfahrung hat der Intellekt keinen Zugang, es sei denn, er wird von einem Unfehlbaren belehrt.“ (Meyer 1986, S. 296)

In dieser Tradition ist der Koran die wahre Überlieferung. Er wurde den Menschen durch Gabriel und Mohammad überliefert, Gott selbst überwachte die sichere Überlieferung. Die Inhalte des Koran wurden deshalb dogmatisch übernommen.

4. Videodaten, Interpretation und das Thema Bid’a im Video

In dieser Arbeit wird das Thema Bid’a zunächst anhand der ausgewählten Videos aufbereitet. Das Video stammt von Pierre Vogel, der als deutscher Konvertit das Internet sehr intensiv nutzt, um Muslimen und Menschen, die er bekehren möchte, zu predigen.

Als Erstes wird eine Videosequenz auf Bild, Milieu, Habitus, Gebärden und institutionalisierte Handlungen analysiert. Erst im Anschluss wird der Inhalt des Videos untersucht.

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Details

Seiten
28
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656192770
ISBN (Buch)
9783656193340
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193775
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Religionssoziologie
Note
Schlagworte
Salafisten Salafismus Bida Religiöse Argumentation Videoanalyse

Autor

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