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Zur Rechtstellung Odovacars 476 - 493

Seminararbeit 2011 15 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Altertum

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Zur Quellenlage

3.Odovacars Werdegang bis zum Amtsantritt1

4.Odovacars Position nach dem Putsch des Jahres

5.Kontaktaufnahme mit Zeno

6.Das Verhältnis des Julius Nepos zu Zeno und Odovacar

7.Die Rechtsstellung Odovacars 476-480

8.480 - 488: Ruhige Zeiten

9.488 - 493: Der Bruch mit dem Osten

10.Odovacars Verhältnis zu den Eliten

11.Fazit

12.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach immer noch populärer Lehrmeinung war die Absetzung Romulus Augustulus` im Jahre 476 ein epochemachendes Ereignis, mit dem das Kaisertum in Italien endete[1]. Ihm folgte ein Barbar namens Flavius Odovacar. Wie ist diese neue Figur zu bewerten? Welche Position und Titulatur hatte Odovacar inne? Hatte er die Macht schlichtweg usurpiert[2]. Konnte er zumindest im Nachhinein seine Herrschaft legitimieren und anerkennen lassen? Mit Antworten auf diese Fragen befassen sich die folgenden Ausführungen.

2. Zur Quellenlage

Für das Jahr 476 mit dem Herrschaftsantritt, auf dem das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegen soll, ist die Quellenlage dürftig. Recht übereinstimmend und knapp berichten Prokop, Anonymus Valesianus und Marcellinus Comes. Marcellinus konzentriert sich auf die Ereignisse im Osten, alle Informationen zum Westen sind dürftig und stimmen mit denen anderer Autoren überein[3]. Eine Schilderung von Johannes von Antiochia liegt fragmentarisch vor und weiß über die Zeit vor und nach dem Herrschaftsantritt, nicht jedoch währenddessen, zu berichten. Für den Zeitraum von 475- 489 berichtet das AuctariumHauniense ebenso knapp, aber durchgehend[4]. Von hoher Relevanz für Erkenntnisse über die Art der Herrschaft ist vor allem die Diplomatie mit Zeno. Die aufschlussreichste und in ihrem Umfang unübertroffene Schilderung der Ereignisse findet sich bei Malchus. Dieser findet in der Sekundärliteratur am meisten Beachtung, weil er sich wenig auf andere Autoren stützte und offensichtlich exklusive Informationen besaß[5].

3. Odovacars Werdegang bis zum Amtsantritt

Odovacar[6] war der Sohn des Hunnen Edeco[7]. Dennoch ist seine ethnische Zugehörigkeit umstritten[8]. Er übernahm die Macht im Sommer 476. Orestes verweigerte den Föderaten ihre Forderung nach einem Drittel[9]. Das Heer, welches zu großen Teilen barbarisiert war[10], meuterte. Förderlich für den Machtantritt Odoacars war, dass er sich in seiner Zeit unter Ricimer eine feste Gefolgschaft und einen guten Ruf unter den Föderaten erarbeitet hatte[11]. Er nutzte seine Akzeptanz unter den Föderaten, um das System der hospitalita s durchzusetzen: Die „Barbaren“ erhielten als hospites ein Drittel des Landes[12]. Als Gegenleistung erwartete er, von ihnen als Anführer anerkannt zu werden und infolge ernannten sie ihn zu ihrem rex[13]. Odovacar tötete am 28. August 476 Orestes in Pavia[14] und der Usurpator Romulus wurde abgesetzt und auf ein Landgut verbannt[15]. Damit war Odovacar faktisch einziger Herrscher über Italien[16].

4. Odovacars Position nach dem Putsch des Jahres 476

Über die Art der Position, in der sich Odovacar nun befand, gibt es verschiedene Ansichten.Mommsen kommt in seinen Ostgotischen Studien zu dem Schluss, dass Odovacar König der Barbaren und gleichzeitig Heermeisterwar[17].Für das Heermeisteramt gibt es jedoch keine Beweise[18]. Herrschaftliche Macht war bereits unter den barbarischen Herrschern vor Odovacar (Aetius, Ricimer, Gundobad und Orestes) über den Rückhalt im Heer legitimiert worden[19]. Der Verzicht auf dieses Amt bedeutete einen Machtverlust, den Odovacar über gute Diplomatie auszugleichen versuchte. Anstatt einen Schattenkaiser wie Romulus einzusetzen oder Nepos zurückzuberufen und unter ihm Heermeister zu werden, suchte Odovacar, seine Position durch die Akzeptanz des Oströmischen Kaisers zu festigen.[20] Denn aus dem nicht klar bezeichneten regnum Odovacars heraus ließ sich die Herrschaft nicht legitimieren. Seine Position stand und fiel mit der Anerkennung durch den Osten[21]. Aus der räumlichen Distanz zu Konstantinopel und dem Fehlen eines möglichen Gegenspielers in Italien ergab sich allerdings die Chance größerer Handlungsfreiheit[22].

5. Kontaktaufnahme mit Zeno

Zeno herrschte seit 474 im Osten des Reiches, wurde jedoch zeitweilig vom Usurpator Basiliskos ins Exil verdrängt[23]. Julius Nepos war bereits im Oktober 475 nach Dalmatien, vertrieben worden[24] und war nur noch de jure Kaiser des Westreiches[25]. Er führte ein Schattendasein im Exil faktisch ohne jeglichen Einfluss auf die Geschehnisse im Zentrum Westroms. Da Julius Nepos de facto als Machtfaktor ausgeschaltet war, oblag Zeno nun die Reichsverwaltung, der er zunächst exiliert nicht nachkommen konnte. Nachdem er Basiliskos gestürzt hatte, brach im Winter 476/7 eine Gesandtschaft von Ravenna aus zu Zeno auf[26]. Der Auftraggeber ist umstritten. Malchus führt Romulus an, der jedoch im nachfolgenden Text keine weitere Erwähnung findet[27]. Bury folgt der Darstellung der Quelle[28], Kent nennt unbelegt Odovacar als Urheber[29]. Thompson jedoch zieht die Integrität der Quellenausgaben in Zweifel: Romulus hat die politische Sphäre vorher unter Zwang verlassen müssen, sodass nur Odovacar als Urheber infrage kommt[30]. Meiner Meinung nach erscheint es unglaubwürdig, dass Romulus sich um die Diplomatie des Mannes bemühte, der ihn gestürzt hat. Dem mag entgegengehalten werden, dass Romulus gezwungen wurde, was am plausibelsten anmutet: Eventuell war Romulus nur von offizieller Seite Urheber, aber Odovacar zog im Hintergrund die Fäden und instrumentalisierte Romulus für sich[31]. Die Botschafter überreichten Zeno die Kaiserinsignien (ornamentapalatii) des Romulus. In der Mitteilung des Senats wurde verdeutlicht, dass ein Kaiser im Westen nicht mehr nötig wäre, ein Herrscher über beide Reichshälften ausreichend[32]. Damit wurde anerkannt, dass dem byzantinischen Kaiser die Hoheit über die westlichen Reichsteile oblag. Odovacars Botschafter forderten, dieser solle als politisch und militärisch erfahrener Mann von Zeno den Patriziat erhalten und mit Italien als Herrschaftsgebiet betraut werden. Zeno mahnte in seiner Antwort, dass Julius Nepos immer noch legitimer Herrscher über den Westen des Reiches sei und damit Ansprechpartner für die Amtsvergabe[33]. Der formalen Zurückweisung des Titels folgte jedoch kurioserweise ein Brief, in dem Odovacar als patricius angesprochen und wegen seiner angeblichen Bemühungen, Nepos wieder einzusetzen, gerühmt wurde[34]. Wenn die Überlieferung bei Malchus den Tatsachen entspricht, hat Zeno einen sehr schwer zu durchschauenden Schachzug ausgeführt. Odovacar wurde formal nicht mit der Patriziatswürde bekleidet, jedoch anschließend so tituliert. Folglich ist der Status Odovacars ungewiss. Thompson formuliert hierzu eingänglich, bleibt jedoch eine Erklärung schuldig: „Thus, theemperoradressed Odoacer as a patricianwhen in fact he was not formally a patrician.[35] “ Denn entgegen anderslautender Darstellungen ist von einem formalen Akt bei Malchus nichts zu lesen[36], ferner führte der Barbar den Titel nie[37]. Über die Motive Zenos kann nur spekuliert werden. Vielleicht ließ er bewusst die Amtsfrage offen. Blockley sieht gar eine gezielte Täuschung[38]. Henning weist plausibel darauf hin, dass eine Täuschung Odovacars Julius Nepos nicht zur Hilfe gereicht und Zeno somit nicht genützt hätte[39]. Als Lösung bietet er folgenden Hinweis an:

Die Titulatur des patricius galt im Osten und Westen des Reiches nicht gleich viel. Im Westen zunehmend synonym zum Amt des magisterutriusquemilitiae et patricius benutzt, wurde die Bezeichnung in der anderen Reichshälfte als Ehrbezeugung ohne weitere Amtswürden verwendet[40]. Odovacar forderte demnach wahrscheinlich das Verbundamt nach westlichem Verständnis[41]. Als Anspielung darauf können die Lobpreisung der politischen und militärischen Kompetenzen im Fragment gedeutet werden[42]. Ob Zeno gezielt die minderwertige Würde nach oströmischem Verständnis vergab, wie Henning schlussfolgert[43], bleibt Spekulation. Und selbst die Machtstellung eines ernannten magisterutriusquemilitae etpatricius kann an dieser Stelle nur strittig bleiben[44] und hätte nicht per se eine Ausstattung mit allen Herrscherkompetenzen bedeutet.

[...]


[1] Croke 1983, S. 81; Kent 1966, S. 146.

[2] Joh. Ant.Frg. 237.

[3] Croke 2001, S. 186.

[4] Kommentar bei Wes 1967, S. 57ff.

[5] Blockley 1981, S. 71ff.; Für eine Quellenübersicht s. PLRE S. 791ff.

[6] Auch Odoacer, Odoacar und weitere, vgl. PLRE S. 791.

[7] Anon. Val. X 45; Joh.Ant. Frg. 232.

[8] Ausführliche Diskussion bei Reynolds/Lopez 1946, S. 38ff.

[9] Proc. BG I 1,6.

[10] O’Flynn 1983, S. 136.

[11] Reynolds/Lopez 1946, S. 47; Gefolgschaft Ricimers: Joh.Ant. 232.

[12] Thompson 1982, S. 64f.

[13] Auct. Haun. ordo prior s.a. 476,2 = Chron. Min. I, S. 309; Auct.Haun. ord. post. Margo. s.a. 476,2 = Chron. Min. I S. 309; Marc. Com. s.a. 476,2 = Chron. Min. II S. 91;Anon. Val. VIII 37;Iord. Get. 242; Proc. BG I 1,6.

[14] FastiVind. Priores 620 = Chron. Min. I, S. 308/10; Auct.Haun. ordo prior s.a. 476,3 = Chron. Min. I, S.309/11; Auct.Haun. ordo post. s.a. 476,2 = Chron. Min. I, S. 309; Auct.Haun. ordo. post. margos.a. 476,2 = Chron. Min. I, S. 309.; Anon. Val. VIII 37;

[15] Anon. Val. VIII 38; Marc. Com. s.a. 476,2 = Chron. Min. II, S. 91.

[16] Börm 2008, S. 48.

[17] Mommsen 1910, S. 477f.

[18] Thompson 1982, S. 65.

[19] Demougeot 1978, S.373.

[20] O’Flynn 1983, S. 138.

[21] Henning 1999, S. 68.

[22] O’Flynn 1983,S. 138.

[23] Joh. Ant. Frg. 233.

[24] Anon. Val. VIII 36; Auct. Haun. Ordo post. s.a. 475,1 = Chron. Min. I, S. 307; FastiVind.Priores 616 = Chron. Min. I, S. 306/8; Evag. Hist. Eccl. II 16.

[25] Wes 1967, S. 61 weist auf eine Nennung Nepos als imperator in Chron. Min I S. 307 hin.

[26] Malchus Frg. 14.

[27] Ebd.

[28] Bury 1923, S. 407.

[29] Kent 1966, S. 146.

[30] Thompson 1982, S. 275, Anm. 14.; Wolfram 2005, S. 161 nimmt eine rasche Ablösung Romulus‘ an.

[31] Vgl. Henning 1999, S.62; implizit: Krautschick 1986, S. 352.

[32] Malchus Frg. 14.

[33] Ebd.

[34] Ebd.

[35] Thompson 1982, S. 67.

[36] Unbelegt Bury 1923, S. 407: „He sent to Odovacar a diploma conferring the Patriciate (…).“

[37] Henning 1999, S. 63; O’Flynn 1983, S.139; Wes 1967, S. 154f.

[38] Blockley1983, S. 458, Anm. 21.

[39] Henning 1999, S. 63.

[40] Ebd.

[41] Anders 2010, S. 520;Demougeot, 1978, S. 373; Jones 1962, S. 127.

[42] Várady 1984, S. 28.

[43] Henning 1999, S. 64.

[44] Henning 1999, S. 64vertritt, dass ein Heermeister im Patriziusrang auf Grundlage seines Amtes herrschen kann; analog dazu Jones 1962, S. 126; Ensslin 1947, S. 62 sieht den Patriziat als „staatsrechtliche Grundlage“; O’Flynn 1983, S. 140f. misst dem Amt keine Bedeutung bei.

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656190325
ISBN (Buch)
9783656191742
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193821
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Schlagworte
Odoacar Odoaker Odovacar 476

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