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Maya und Azteken: Zwei Kulturen, zwei Epochen – ein Schicksal?

Bachelorarbeit 2010 53 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kulturhistorische Einbettung
2.1 Mesoamerika – ein gemeinsamer Kulturraum
2.2 Gemeinsame Wurzeln von Maya und Azteken: Die Olmeken
2.3 Maya
2.3.1 Begriffsklärung
2.3.2 Das Land
2.3.3 Zeitliche Einteilung
2.3.4 Die Entwicklungsgeschichte der Maya
2.3.5 Aktueller Wissensstand
2.4 Azteken
2.4.1 Begriffsklärung
2.4.2 Das Land
2.4.3 Zeitliche Einteilung
2.4.4 Die Entwicklungsgeschichte der Azteken
2.4.5 Aktueller Wissensstand
2.5 Fazit

3 Kultur, Gesellschaft und Religion auf ihrem Höhepunkt
3.1 Maya
3.1.1 Die Struktur des Reiches
3.1.2 Die gesellschaftliche Ordnung
3.1.3 Kalender
3.1.4 Schrift und Zahlensystem
3.1.5 Religion und Kult
3.1.6 Menschenopfer
3.2 Azteken
3.2.1 Die Struktur des Reiches
3.2.2 Die gesellschaftliche Ordnung
3.2.3 Kalender
3.2.4 Schrift und Zahlensystem
3.2.5 Religion und Kult
3.2.6 Menschenopfer
3.3 Fazit

4 Der Untergang einer Hochkultur
4.1 Maya
4.1.1 Niedergang der Maya-Hochkultur am Ende der Klassik
4.1.1.1 Fremde Eindringlinge
4.1.1.2 Interne Ursachen
4.1.2 Die Conquista
4.2 Azteken
4.2.1 Die Conquista
4.3 Fazit

5 Maya und Azteken heute

6 Schlussbetrachtung

7 Quellenverzeichnis
a) Literatur
b) Internet
c) Grafiken

1 Einleitung

Die meisten Menschen heutzutage werden vermutlich schon von den Maya und Azteken gehört haben, obgleich die meisten sie wahrscheinlich nicht genau einzuordnen vermögen. Man weiß im Allgemeinen, dass es sich hierbei um zwei indigene Hochkulturen handelt, die nach der Eroberung Amerikas durch die Europäer wie alle anderen indigenen Kulturen dem Untergang anheim fielen. Manche wissen vielleicht auch noch, dass beide in Mexiko angesiedelt waren. Vermutlich haben viele, bedingt durch die mediale Aufmerksamkeit, welche diesem im Verlauf des letzten Jahres zuteil wurde, inzwischen vom berühmten Kalender der Maya gehört. Viel mehr weiß man jedoch gemeinhin nicht. Wenn man hört, dass beide in Mexiko lebten, so fragt man sich vielleicht: Wie war es möglich, dass zwei so hoch entwickelte Kulturen in derselben Region nebeneinander existieren konnten? Oder lebten sie dort vielleicht zu unterschiedlichen Zeiten? Was waren die Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser Völker? Wie genau ging ihr Untergang vonstatten und existieren ihre Nachkommen noch heute? Auf diese Fragen möchte ich in der folgenden Arbeit versuchen, Antworten zu geben, wobei ich jeweils zuerst über die Maya und danach über die Azteken berichten und am Ende jedes Kapitels die beiden Hochkulturen einander gegenüberstellen werde. Mein erster Punkt hierbei wird die kulturhistorische Einbettung sein, wobei ich auf folgende Fragen eingehen werde: Was genau ist Mesoamerika? Wer waren die Maya bzw. die Azteken und wo und wann lebten sie? Wie haben sie sich entwickelt, und haben sie gemeinsame Wurzeln? Wie verlässlich sind überhaupt die Daten, die wir über diese Völker haben? Im nächsten Punkt, welcher der wichtigste meiner Arbeit ist, werde ich über Kultur, Gesellschaft und Religion auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung berichten, wobei ich mich hierbei mit der Struktur des Maya- bzw. Aztekenreiches, der gesellschaftlichen Ordnung, Schrift-, Zahlen- und Kalendersystem sowie mit Religion, Kult und Menschenopfern beschäftigen werde. Im nächsten Kapitel werde ich mich mit dem Untergang dieser einzigartigen Kulturen auseinandersetzen, wobei der Untergang der Maya im Gegensatz zu dem der Azteken in zwei Etappen vonstatten ging. Zum Schluss werde ich noch kurz die Situation der Indigenen nach der Conquista sowie deren heutige Situation anreißen, wobei ich bei diesem letzten Punkt im Gegensatz zu den früheren Kapiteln Maya und Azteken gemeinsam behandeln werde.

2 Kulturhistorische Einbettung

2.1 Mesoamerika – ein gemeinsamer Kulturraum

Mesoamerika bezeichnet den Kulturraum auf der mittelamerikanischen Landbrücke, in welchem sich eine Anzahl von Hochkulturen befand, unter ihnen die Maya, Azteken, Tolteken und Olmeken, welche trotz aller Unterschiede eine gemeinsame Kulturgeschichte hatten und somit einen einheitlichen Kulturraum bildeten. Diese Hochkulturen siedelten dort zwischen ca. 1500 v. Chr. bis zur Eroberung Lateinamerikas durch die Spanier im 16. Jahrhundert (vgl. Mexiko-Lexikon: Mesoamerika).

2.2 Gemeinsame Wurzeln von Maya und Azteken: Die Olmeken

Die olmekische Kultur im Osten des heutigen Mexiko war die erste Hochkultur des präkolumbianischen Amerika. Sie entstand vor über 3000 Jahren, wobei ihre Hochblüte vermutlich zwischen 1200 v. Chr. und 400 v. Chr. war. Sie gilt als Grundstein aller weiteren mesoamerikanischen Hochkulturen, da die Olmeken die Urheber der wichtigsten Erfindungen des präkolumbianischen Amerika waren. Die Forschung vermutet, dass auf die Olmeken auch die Kalendersysteme sowie das Schrift- und Zahlensystem der Maya und Azteken zurückgehen. Hinzu kommt, dass die Olmeken die Tradition des rituellen Ballspiels hatten, welches auch bei den Maya und Azteken von großer Bedeutung war und auf welches ich in den Kapiteln 3.1.5 und 3.2.5 noch detailliert eingehen werde. Interessant ist hier auch der religiöse Aspekt: Sowohl bei den Maya als auch bei den Azteken war der Gott des Regens von großer Bedeutung. Man vermutet, dass diese Regengötter auf ein bedeutendes Wesen der olmekischen Mythologie zurückgehen könnten, welches ein Mischwesen aus Mensch und Jaguar war. Auch Quetzalcoatl, welcher bei Maya und Azteken gleichermaßen verehrt wurde, war ein Gott der Olmeken. Überdies scheinen auch die Olmeken bereits Menschenopfer dargebracht zu haben, was später auch von anderen Hochkulturen wie den Azteken und den Maya praktiziert wurde (wobei sich die Forschung hierüber nicht ganz einig ist, siehe 3.1.6). Die Olmeken trieben mit anderen Völkern Handel und kamen dabei vermutlich sogar bis nach Guatemala, El Salvador und Costa Rica. Dies erklärt, warum sich ihre Kultur so weit verbreiten und solch einen großen Einfluss auf Völker haben konnte, die gar nicht in ihrem direkten Einflussgebiet lebten. Aufgrund des differenzierten Religionssystems der Olmeken sind einige Forscher jedoch der Meinung, dass die Entwicklung der epi-olmekischen Kulturen nicht nur auf eine Vertiefung der Handelsbeziehungen mit den Olmeken zurückzuführen sei, sondern auch auf eine mögliche Missionierung durch diese. Diese Annahme ist jedoch nicht gesichert. Nachdem um das Jahr 400 v. Chr. herum die Hauptstadt der Olmeken zerstört worden war, neigte sich deren Blütezeit schließlich dem Ende zu (vgl. Riese 2002: 25-53; Prem 1999: 32-55; Indianer-Welt: Die Kultur der Olmeken/Maya – Mythologie; Mexiko-Lexikon: Olmeken/Kukulcán/Menschenopfer).

2.3 Maya

2.3.1 Begriffsklärung

Die Maya-Indianer selbst bezeichneten sich als Menschen aus Mais, ein Begriff, der aus dem Popol Vuh stammt. Das Popol Vuh erzählt die Geschichte der Quiché-Maya[1] von der Erschaffung der Welt bis zur Ankunft der Spanier. Am Anfang des Werkes wird berichtet, wie die Schöpfer der Welt mehrmals versuchten, Menschen zu schaffen, zuerst aus Ton und danach aus Holz; doch sie vernichteten beide Versuche wieder. Schließlich schufen sie vier Männer und vier Frauen aus Mais, welche die ersten Menschen und die Urahnen der Quiché wurden (vgl. Taube 1994: 92-107; Mexiko-Lexikon: Menschen aus Mais/Quiché).

2.3.2 Das Land

Die Maya-Indianer lebten im Süden und Südosten Mexikos sowie in Guatemala, Belize und im Westen von El Salvador und Honduras; das gesamte Gebiet hat eine Größe von ca. 350000 km2 und ist somit in etwa der Größe Deutschlands ähnlich. Im Norden des Gebiets liegt die ins Karibische Meer hineinragende Halbinsel Yukatan. Im Süden befinden sich die Hochländer von Chiapas, Honduras, Guatemala und El Salvador, welche die Landverbindung zwischen dem nördlichen Mesoamerika und Zentralamerika darstellen. Die westliche Grenze bildet der Río Grijalva im heutigen mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Die Grenze im Südosten ist hingegen nicht genau bestimmbar. Sie verläuft in etwa entlang des Westrandes des Río Ulua-Tales im heutigen Honduras und biegt nach Südwesten hin zum Pazifischen Ozean ab, welcher die südlichste Grenze bildet (vgl. Riese 2002: 9; Die Indianer in Nord-, Mittel- und Südamerika: Die Maya – Aufstieg und Fall der Maya-Staaten; Mexiko-Lexikon: Maya (Hochkultur) – Geographische Eingrenzung der Mayawelt).

Das Maya-Gebiet befindet sich in den gemäßigten Tropen. Im nördlichen Teil Yukatans wächst jedoch aufgrund des sehr niedrigen und ungleich verteilten Niederschlages sehr wenig, sodass die Vegetation dort durch eine Dornbuschsteppe geprägt ist. Obwohl das südliche Tiefland im Gegensatz dazu heute von tropischem Regenwald bewachsen ist (soweit dieser nicht durch Rodung zerstört worden ist), befand sich dort in der Vergangenheit eine Wald- und Savannenlandschaft (vgl. Riese 2002: 9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Planet Wissen: Politik/Geschichte: Maya – ein ewiges Rätsel)

2.3.3 Zeitliche Einteilung

Die Geschichte der Maya kann in drei Epochen eingeteilt werden: die Vorklassische Periode (1500 v. Chr. bis 250 n. Chr.), die Klassik (250 bis 900 n. Chr.) und die Postklassik (900 bis 1541 n. Chr.) (vgl. Mexiko-Lexikon: Maya (Hochkultur) – Zeitliche Abschnitte/Maya Epocheneinteilung).

Die Vorklassische Periode (1500 v. Chr. bis 250 n. Chr.)

Während des Frühen Vorklassikums (1500 bis 900 v. Chr.) gründeten die Olmeken, welche großen Einfluss auf die Maya hatten und als deren geistige Urväter bezeichnet werden können, die ersten Königreiche. Dies waren die ersten komplexeren politischen Systeme des gesamten amerikanischen Kontinentes. Die Jahre von 900 bis 300 v. Chr., die Zeit des Mittleren Vorklassikums, waren der Beginn von komplizierterer Architektur. Es kam zur Entwicklung einer Hieroglyphenschrift und eines Kalendersystems und zur Entstehung von Astronomie und Mathematik. Ab dem Späten Vorklassikum (300 v. Chr. bis 250 n. Chr.) wurde der König nicht mehr nur als Herrscher, sondern als Verbindung zwischen der Welt der Menschen und der der Götter betrachtet. Zudem bildete sich eine Adelsschicht heraus und die Gesellschaftsstruktur differenzierte sich zunehmend (vgl. Mexiko-Lexikon: Maya (Hochkultur) – Zeitliche Abschnitte).

Die Klassik (250 bis 900 n. Chr.)

Die Klassik war die Blütezeit der Maya-Kultur. Im Zentrum des Reiches wurden gigantische Stadtstaaten gebaut, die Kultur war höchst entwickelt, die Wissenschaft hatte einen hohen Status und auch im Bereich des Handwerks kam es zu immer neuen Entwicklungen. Es wurden gigantische Tempel gebaut und die Architektur schwang sich zu immer neuen Höhen auf. Im 8. Jahrhundert befand sich die Maya-Kultur auf ihrem absoluten Höhepunkt; im 9. Jahrhundert wurden jedoch alle Städte des zentralen Tieflandes verlassen und die einstige Hochkultur dort verging (vgl. Mexiko-Lexikon: Maya (Hochkultur) – Zeitliche Abschnitte). Auf die genauen Gründe hierfür werde ich in Kapitel 4.1.1 eingehen.

Die Postklassik (900 bis 1541 n. Chr.)

Ab dem Beginn des 10. Jahrhunderts wanderten immer mehr Maya in die Zentren des nördlichen Tieflandes ein, nachdem die klassische Hochkultur des zentralen Tieflandes zusammengebrochen war. Nachdem im Jahr 1492 Kolumbus auf dem amerikanischen Kontinent gelandet war, dauerte es nicht lange, bis die ersten Spanier auf Yukatan eintrafen und die Kultur der Maya gegen Mitte des 16. Jahrhunderts endgültig dem Untergang anheim fiel (vgl. Mexiko-Lexikon: Maya (Hochkultur) – Zeitliche Abschnitte).

2.3.4 Die Entwicklungsgeschichte der Maya

Zwischen 2500 und 2000 v. Chr. wurden an der Pazifik- und Karibikküste die ersten Siedlungen des späteren Maya-Gebietes gegründet. Diese waren noch relativ klein und waren vermutlich von nicht mehr als jeweils zwanzig Familien bewohnt. Woher diese ersten Siedler kamen, ist nicht bekannt (vgl. Riese 2002: 20).

Die Neolithisierung des Maya-Gebietes, also der Prozess der Sesshaftwerdung und der Beginn von Ackerbau, vollzog sich keineswegs schnell, sondern erstreckte sich im Gegenteil über ein Jahrtausend, weshalb man hier nicht von einer neolithischen Revolution sprechen kann. Die hochentwickelte Zivilisation, für welche die Maya berühmt sind, entwickelte sich also sehr langsam (vgl. Riese 2002: 21-23).

Die Frühgeschichte der Maya lässt sich in groben Zügen in etwa folgendermaßen darstellen: Bis ca. 1500 v. Chr. lebte im Hochland von Guatemala eine kleine Gruppe von Indigenen, die man als Ur-Maya bezeichnen kann. Zu jener Zeit spaltete sich ein Teil der Bevölkerung von den Ur-Maya ab, wanderte nach Norden und ließ sich auf der Halbinsel Yukatan nieder. Diese Gruppe stellte den Ursprung der Mayat’an -Sprecher, also jener indigenen Gruppen, welche der Sprache der Maya mächtig waren, dar. Nur kurze Zeit später verließ eine zweite Gruppe den Stamm und wanderte zuerst an die Golfküste, welche zu dieser Zeit von den Olmeken beherrscht war. Später wanderte sie nach Norden in das Gebiet, welches heute die Grenze zwischen den mexikanischen Bundesstaaten Tamaulipas und Veracruz bildet. Bei dieser Gruppe handelte es sich um die so genannten Huaxteken[2]. Für sie hatte ihre Abspaltung von den Ur-Maya jedoch zur Folge, dass sie nicht an deren kultureller Entwicklung teilhatten. Das Urwaldgebiet am Abhang der Kordilleren wurde als letztes besiedelt. Ein möglicher Grund hierfür ist wahrscheinlich, dass dieses für die Landwirtschaft nicht sonderlich geeignet war. Mit der Besiedlung dieser Region durch die so genannten Chol-Maya war um das Jahr 500 v. Chr. bereits das gesamte Gebiet, in dem die Maya für die nächsten 2000 Jahre leben würden, besiedelt (vgl. Riese 2002: 23/24).

Die Indigenen im Inneren Yukatans und an den Küsten sowie in den angrenzenden Gebieten lebten zunächst relativ einfach, und mehrere Jahrhunderte lang waren keine Anzeichen von der Entwicklung der Hochkultur, die hier einmal entstehen sollte, zu bemerken. Dennoch waren diese Indigenen direkte Vorfahren der Maya und sprachen bereits Vorformen heutiger Maya-Sprachen. Erst um das Jahr 800 v. Chr. herum ist im Maya-Gebiet eine spürbare Weiterentwicklung zu einem komplexeren Gesellschaftssystem sowie ein wirtschaftlicher Aufschwung zu bemerken, zu einer Zeit, in der ganz Mesoamerika von einer zweiten Blütephase der olmekischen Kultur ergriffen wurde. Man vermutet, dass die Olmeken der Auslöser für diesen Aufschwung waren, da im Maya-Gebiet mit den Olmeken Handel getrieben wurde. Durch die Beschäftigung mit den olmekischen Erzeugnissen wurden gleichzeitig auch die eigenen künstlerischen und intellektuellen Fertigkeiten verbessert (vgl. Riese 2002: 25).

Die erste Dynastie des Maya-Tieflandes wurde vermutlich um das Jahr 200 n. Chr. herum in Tikal gegründet. Im Abstand von einigen Jahrzehnten kam es auch an anderen Orten zur Gründung eines Herrschergeschlechtes; insgesamt dauerte der Prozess der Dynastiegründungen knapp 200 Jahre lang an. Am Ende dieser Zeit schließlich hatte sich im gesamten Tiefland eine Vielzahl kleiner Fürstentümer etabliert (vgl. Riese 2002: 40).

2.3.5 Aktueller Wissensstand

Als die Europäer zum ersten Mal das Maya-Gebiet betraten, war die Blütezeit dieser Hochkultur schon seit Jahrhunderten vorbei, ein Umstand, der es der Forschung erschwert, etwas über diese zu erfahren, da die Spanier als Augenzeugen somit wegfallen (vgl. Die Indianer in Nord-, Mittel- und Südamerika: Die Maya – Aufstieg und Fall der Maya-Staaten).

Es gibt jedoch auch noch andere Methoden, sich Wissen über die Maya anzueignen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Interesse der Wissenschaft für die Kultur der Maya geweckt, als gewaltige Ruinenstädte gefunden wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann man damit, diese auszugraben. Außerdem gelang es bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts einigen europäischen und nordamerikanischen Forschern, das Zahlensystem der Maya zu entschlüsseln, und nur wenig später konnten sogar die astronomischen Rechentabellen dekodiert werden. Ständig wurden neue Steinschriften entdeckt, auf welche die neugewonnen Erkenntnisse dann angewandt werden konnten. Dadurch hatte die Wissenschaft eine recht gute Grundlage für die weitere Erforschung der Maya-Kultur. Mittlerweile hat man auch den größten Teil der Schriftzeichen dekodieren können; es fehlen jedoch noch immer ca. 20 Prozent. Ein weiterer wichtiger Faktor für die Wissenschaft ist der Umstand, dass bis ins 20. Jahrhundert hinein das Gebiet der Maya sehr dünn besiedelt und zudem sehr ländlich geprägt war. Dies war ein Vorteil für die Völkerkundler, da diese dort auf noch relativ traditionell lebende Menschen stießen, was ebenfalls dabei half, sich ein Bild von der Maya-Kultur vor der Conquista zu machen (vgl. Riese 2002: 12-17).

Insgesamt lässt sich sagen, dass es zwar noch viel zu erforschen gibt und sich bei weitem noch nicht alle Wissenslücken geschlossen haben, es der Forschung jedoch trotz der oben erwähnten Schwierigkeiten gelungen ist, ein relativ scharf umrissenes Bild von der Kultur der alten Maya zu entwerfen, da man über eine Vielzahl von noch vorhandenen Überresten jener Kultur verfügt, bei welchen vor allem die noch vorhandenen Ruinen der Maya-Städte und die Hieroglyphenschriften von Bedeutung sind. Hinzu kommen ethnische Studien anhand von heutigen Maya (vgl. Riese 2002: 18; Die Indianer in Nord-, Mittel- und Südamerika: Die Maya – Aufstieg und Fall der Maya-Staaten).

2.4 Azteken

2.4.1 Begriffsklärung

Zunächst möchte ich den Begriff Azteken klären. Dieser bezieht sich auf die Einwohner eines Ortes der indianischen Mythologie (Aztlan), in welcher die in Tenochtitlan, der Hauptstadt des aztekischen Reiches, und ihrer Schwesterstadt Tlatelolco lebenden Indigenen ihre ursprünglichen Wurzeln sahen. Die Azteken selbst nannten sich jedoch Mexikaner (Mexi‘ca‘) bzw. die Einwohner von Tenochtitlan Tenochca‘ und die von Tlatelolco Tlatelolca‘. Der Begriff Azteken entstand erst im 18. Jahrhundert durch Clavigero, einen jesuitischen Historiker. Seit damals werden die Angehörigen jener mächtigen Hochkultur nicht mehr als Mexikaner, sondern als Azteken bezeichnet, vor allem auch deshalb, um sie nicht mit den Einwohnern des heutigen Mexiko zu verwechseln (vgl. Prem 1999: 9/10).

Unter dem Begriff Azteken versteht man heutzutage also die Einwohner des Beckens von Mexiko, welche Nahuatl (die Sprache der Azteken) sprachen. Unter den Oberbegriff aztekische Kultur fallen auch die indigenen Völker der umliegenden Gebiete, da ihre Kultur mit der der Azteken verwandt war, was auch dem Selbstverständnis der Azteken entsprochen haben dürfte (vgl. Prem 1999: 10).

2.4.2 Das Land

Tenochtitlan, die Hauptstadt der Azteken, befand sich am selben Ort, an dem heute Mexiko-Stadt liegt: In der zentralmexikanischen Hochebene in einem Becken, welches sich auf 2240 Metern Höhe befindet und von teilweise über 5000 Meter hohen vulkanischen Bergketten eingerahmt wird. In diesem Becken befand sich der Texcoco-See, welcher heute größtenteils trockengelegt ist. Inmitten dieses Sees lag zu jener Zeit eine Vielzahl von Inseln. Auf einigen dieser Inseln waren Tenochtitlan sowie einige weitere, weniger bedeutende Orte, gebaut. Das Ufer des Sees war jedoch ebenfalls dicht besiedelt. Um den See herum war das Gebiet sumpfig und mit Schilf bewachsen, während das Klima in nördlicher Richtung immer trockener und die Landschaft immer steppenartiger wurde. Im Osten und Westen des Beckens von Mexiko befinden sich hinter den Bergketten Tallandschaften, welche mit diesen zusammen das zentralmexikanische Massiv, die so genannte Mesa Central, formen. Im Osten wird das Tal von Mexiko von den Vulkanen Popocatepetl und Iztaccihuatl begrenzt. Jenseits dieser Vulkane liegt das so genannte Tal von Puebla, welches etwas niedriger ist als die Mesa Central und bis zur Sierra Madre Oriental, der östlichen Kordillere, reicht. Diese ist wiederum sehr hoch (bis zu 5000 Meter). Dahinter befindet sich die Küstenebene, welche am Golf von Mexiko liegt. Im Westen befindet sich das Tal von Toluca, welches wiederum von einem Vulkangebiet begrenzt wird. Dahinter schließen sich abwechselnd Bergländer und Beckenzonen an, welche sich bis zur Sierra Madre Occidental, der westlichen Kordillere, ziehen. Südlich der Mesa Central liegt die zentralmexikanische Vulkanzone sowie das Flusssystem des Río Balsas. Nördlich der Mesa Central schließt sich das nordamerikanische Plateau an, welches durch Steppenlandschaften charakterisiert ist (vgl. Prem 1999: 16-18; Mexiko-Lexikon: Texcoco-See).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Palomino 2005: Der Amerikanische Holocaust in Mexiko).

2.4.3 Zeitliche Einteilung

Spätes Postklassikum (1200 bis 1519)

Der genaue Ursprungsort der Azteken ist nicht bekannt. Man weiß jedoch, dass sie vermutlich Anfang des 14. Jahrhunderts in die Gegend um den See von Texcoco einwanderten, wo sie auf mehreren Inseln die Hauptstadt Tenochtitlan gründeten. Diese wuchs rasch auf eine enorme Größe an und die Azteken begannen, die umliegenden Gebiete zu unterwerfen. 1433 ging Tenochtitlan mit zwei anderen mächtigen Städten, Tetzcoco und Tlacopan, einen Dreierbund ein. Zu dem Zeitpunkt, als die Spanier das Aztekenreich zum ersten Mal betraten, umfasste dieses ganz Zentralmexiko sowie einen Teil Südmexikos (vgl. Prem 1999: 60; Mexiko-Lexikon: Azteken (Hochkultur) – Geschichte; Indianer-Welt: Azteken – Zeittafel).

Spanische Eroberung (1519 bis 1521)

1519 erfuhr Motecuzoma, der damalige Herrscher Tenochtitlans, von der Ankunft der Spanier. Nach seinem Tod im Jahr 1520 zogen sich die Spanier zunächst zurück; 1521 gelang es ihnen jedoch, die Stadt zu erobern. Nur wenige Jahre später brach der Widerstand der Azteken völlig zusammen (vgl. Indianer-Welt: Azteken – Zeittafel).

2.4.4 Die Entwicklungsgeschichte der Azteken

Die Wissenschaft hat leider keine gesicherten Kenntnisse bezüglich der Herkunft der Azteken und des Jahres, in welchem sie in das Becken von Mexiko einwanderten. Auf linguistischer Ebene ist man sich jedoch sicher, dass ihre Sprache, das Nahuatl, den Uto-aztekischen Sprachen angehört, welche vom Westen der heutigen Vereinigten Staaten bis nach Nicaragua verbreitet waren. Bis heute werden im mexikanischen Hochland zwischen der Sierra Madre Oriental und dem Becken von Mexiko Varianten des Nahuatl gesprochen. Den Sprachwissenschaftlern zufolge könnte man aus der Art und Weise, in welcher die Dialekte verteilt sind, darauf schließen, dass die Azteken einst aus westlicher Richtung einwanderten. Der Zeitpunkt dieser Einwanderung bzw. ein genauer Ursprungsort lassen sich jedoch daraus nicht erschließen (vgl. Prem 1999: 60).

Den einzigen Hinweis auf den Ort ihrer Herkunft liefert der so genannte Aztlan-Mythos: Den Azteken selbst zufolge entstammten sie einer Stadt namens Aztlan, welche auf einer Insel inmitten eines Sees lag. Wo genau dieser Ort gelegen haben soll, wird jedoch nicht erwähnt. Es wird lediglich angedeutet, dass er im Nordwesten in großer Entfernung zum Becken von Mexiko gelegen habe, was sich mit den Erkenntnissen der Wissenschaft, dass die Azteken aus westlicher Richtung kamen, deckt. Die Forschung hat mehrmals versucht, Aztlan zu finden, ein Versuch, der gescheitert ist, da wohl sogar die Azteken selbst Aztlan eher als Mythos denn als wirklich vorhandenen Ort betrachteten. Es wurden zwar einige Orte gefunden, die unter Umständen in Frage kämen; die Wahrscheinlichkeit, dass es sich tatsächlich um diesen Ort handelt, ist jedoch eher gering (vgl. Prem 1999: 60-63).

Der Sage zufolge verließen die Azteken eines Tages ihre Heimat Aztlan und folgten ihrem Gott Huitzilopochtli, der sie zum Texcoco-See führte, wo sie schließlich die Stadt Tenochtitlan gründeten. Es ist der Forschung jedoch nicht möglich gewesen, das tatsächliche Gründungsdatum Tenochtitlans herauszufinden, da die überlieferten Quellen sich gegenseitig hierüber widersprechen: Das früheste angegebene Datum ist 1194 und das späteste 1366. Die heutigen Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Gründung der Stadt vermutlich ungefähr zwischen 1320 und 1350 erfolgte. Nur wenige Jahre nach der (angeblichen) Gründung Tenochtitlans spaltete sich der nordwestliche Teil ab und bildete eine eigene Stadt namens Tlatelolco. Man vermutet, dass die Ursache hierfür interne Streitigkeiten des Adels waren. Von diesem Zeitpunkt an war das Verhältnis zwischen den beiden Städten trotz der gemeinsamen Wurzeln angespannt und oft sogar feindschaftlich (vgl. Prem 1999: 60-76).

Über die darauffolgenden Jahre ist nicht viel bekannt. Erst ab ca. 1350 hat die Forschung wieder einige Anhaltspunkte bezüglich der Geschehnisse, da es ab dieser Zeit zu großen Veränderungen in der aztekischen Gesellschaft kam. Bis zu jener Zeit waren die Azteken von mehreren Anführern, die vor allem religiöse Aufgaben innehatten, regiert worden. Nun begann sich jedoch eine monarchische Struktur herauszukristallisieren und es kam zur Gründung von Herrscherdynastien. Ein Mann namens Acamapichtli, welcher von ca. 1371 bis 1391 regierte, wurde der erste Herrscher Tenochtitlans (vgl. Prem 1999: 77).

2.4.5 Aktueller Wissensstand

Die Europäer erfuhren erst zu jenem Zeitpunkt von der Existenz der Azteken, als deren Kultur gerade aufgrund der Conquista dem völligen Niedergang anheim fiel. Leider hat die Forschung nur über die zwei davor liegenden Jahrhunderte gesicherte Daten. Über alles, was davor war, weiß man kaum etwas. Die einzigen Hinweise sind in Legenden enthalten, welche natürlich lediglich zu einem Teil der Wahrheit entsprechen und mit allerlei Mythen angereichert sind. Die Geschichte der aztekischen Hochkultur ist also im Gegensatz zu der der Maya nur sehr kurz (vgl. Prem 1999: 7).

Erschwerend hinzu kommt, dass die Aufzeichnungen, welche die spanischen Conquistadoren der Nachwelt hinterließen, sich nicht als verlässliche wissenschaftliche Quelle eignen, da die Spanier nicht in der Lage waren, diese einzigartige Kultur wirklich zu verstehen. Sie hatten auch wenig Zeit dazu – kurz nach ihrer Ankunft fiel das aztekische Reich dem völligen Untergang anheim. Fast alle vorkolumbianischen schriftlichen Zeugnisse, welche mittels Bilderschrift über die aztekische Geschichte und Kultur berichtet hatten, wurden im Verlauf der Conquista zerstört. Bemerkenswert ist hierbei dennoch, dass nur wenige Jahre später einige Indigene begannen, kurze Berichte über ihre Geschichte niederzuschreiben, allerdings in lateinischer Schrift. Zusätzlich gab es einige Conquistadoren, wie zum Beispiel der berühmt-berüchtigte Hernán Cortés, die Berichte über ihre Erlebnisse in der Neuen Welt schrieben. All diese Aufzeichnungen waren jedoch äußerst subjektiv und voller Vorurteile der jeweils anderen Kultur gegenüber. Während des 16. Jahrhunderts berichteten immer mehr Autoren in umfangreichen Werken von der aztekischen Geschichte vor der Eroberung durch die Spanier. Es war nun jedoch viel schwieriger, Informationen zu erlangen, da niemand mehr da war, der zu dieser Zeit gelebt hatte (vgl. Prem 1999: 11/12).

[...]


[1] Die Quiché waren eine Großgruppe der Maya in der Epoche der Klassik. Sie lebten im Hochland im Gebiet des heutigen Guatemala (vgl. Mexiko-Lexikon: Quiché).

[2] Huaxteken: Weitgegend eigenständige Hochkultur, welche jedoch im Gegensatz zu anderen mesoamerikanischen Kulturen über keine Hieroglyphenschrift verfügte (vgl. Mexiko-Lexikon: Huaxteken).

Details

Seiten
53
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656191025
ISBN (Buch)
9783656192145
Dateigröße
832 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193831
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim
Note
1,7
Schlagworte
maya azteken unterschiede gemeinsamkeiten hochkulturen

Autor

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Titel: Maya und Azteken: Zwei Kulturen, zwei Epochen – ein Schicksal?