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Mehrsprachigkeit als Chance

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1 Spracherwerb

2 Spracherwerbstheorien
2.1 Behaviorismus
2.2 Nativismus
2.3 Kognitivismus
2.4 Interaktionismus
2.5 Fazit

3. Mehrsprachigkeit – individuelle Chancen
3.1 Begriffsklärung Mehrsprachigkeit
3.2 Wann ist ein Mensch mehrsprachig?
3.3 Mehrsprachigkeit aus neurologischer Sicht
3.4 Individuelle Vorteile bei Mehrsprachigkeit

4. Chancen für den Unterricht
4.1 Generelle und konkrete Ziele für den Unterricht
4.2 Möglichkeiten der Einbindung von Mehrsprachigkeit im Unterricht
4.3 Folgerungen für das Bildungssystem

Literaturverzeichnis

Anhang

0. Einleitung

Sprache ist ein lebenswichtiger Bereich des menschlichen Lebens. Das Sprach- und Kommunikationsvermögen unterscheidet den Menschen deutlich von anderen Lebewesen. Sie lässt uns am gesellschaftlichen Leben teilhaben und ermöglicht uns den Austausch mit anderen Menschen. Doch nicht für die Kommunikation ist Sprache ein unerlässliches Werkzeug. Sie erlaubt uns auch unsere Gefühle und Emotionen, Gedanken und Wünsche zu äußern, auszudrücken und mitzuteilen.

Die Sprache befähigt uns, sich über sprachliche und kulturelle Grenzen hinwegzusetzen und zu verständigen. Daher sollte die sprachliche Vielfalt als Chance wahrgenommen werden.

Eine generelle Sprachkompetenz wird vorwiegend in den ersten Lebensjahren erworben. Innerhalb kürzester Zeit erlernen Kinder ihre Muttersprache. Bei mehrsprachigen Kindern können sogar zwei oder drei Sprachen nahezu vollständig und perfekt beherrscht werden.

Die Arbeit soll zunächst die verschiedenen Spracherwerbstheorien erläutern und daraufhin auf die jeweiligen Vorteile, die sich durch eine frühe Mehrsprachigkeit ergeben eingehen. Es werden die Chancen für das Individuum an sich und für den Unterricht an Schulen näher erläutert.

1. Spracherwerb

Es ist immer wieder faszinierend, mit welch scheinbarer Leichtigkeit und Schnelligkeit Kinder etwas lernen. So sind sie durchaus dazu fähig eine oder mehrere Sprachen innerhalb weniger Jahre fast vollständig zu beherrschen. Dass dahinter eine enorme Leistung steckt, wird meist erst dann deutlich, wenn man eine deutsche Grammatik oder ein Wörterbuch der jeweiligen Sprache aufschlägt. Ein Kind beherrscht deren Inhalt mühelos. Es beherrscht die Grammatik und begreift den größten Teil der Wörter seiner Sprache. Erwachsene kostet es viel Mühe und Zeit eine neue Sprache zu erlernen und sie erreichen auch bei weitem nicht die Kompetenz, zu welcher Kinder gelangen können.

Um diese Zusammenhänge besser erfassen zu können, sollten die neurologischen Befunde mit einbezogen werden. Dazu erfolgt jedoch im weiteren Verlauf der Arbeit eine genauere Betrachtung.

Die Sprachentwicklung eines Kindes lässt sich grob in vier Phasen unterteilen. Selbstverständlich erfolgt aber auch bereits vor der Geburt (pränatal) ein gewisser Spracherwerbsprozess, beispielsweise erkennt das Kind die Stimme seiner Mutter, doch darauf werde ich im Folgenden nicht näher eingehen.

In der Einwortphase stehen einzelne Worte bzw. Laute für einen komplexen Sinnzusammenhang: z.B. „Ba“ – „Ich will Ball spielen.“ „Wo ist der Ball?“. Die darauf folgende Zweiwortphase ist durch einen telegrammartigen Stil von meist zwei Worten (Substantiv und Verb im Infinitiv) geprägt, beispielsweise „Ba ham“ – „Ich möchte den Ball haben.“. Daraufhin setzt die Mehrwortphase ein, in welcher die Kinder drei oder mehr Wörter, häufig Substantive oder Verben bzw. Adjektive im Infinitiv verwenden. Ein treffendes Beispiel wäre „Mama, tomm nell!“ – „Mama, komm schnell!“. Die Kinder entwickeln einen eigenen grammatischen Bauplan und sind bereits in der Lage ihre Aussagen zu variieren, Fragen zu stellen und Ausrufe zu tätigen. In der letzten Phase beginnen die Kinder Mehrwortsätze zu bilden. Sie drücken sich differenziert aus und sind im Stande Nebensatzkonstruktionen zu formulieren. Ihre Aussprache verbessert sich zunehmend und sie beherrschen mannigfaltige Laute und Lautkombinationen wie „sch“ oder „kn“. Auch der Wortschatz wächst rasant an.

Der Spracherwerb an sich läuft jedoch nicht über bewusste Lernprozesse ab. Bei Kindern erfolgt dieser Vorgang implizit und unbewusst. Das Hirn eines jeden Kindes ist dafür prädestiniert jegliche Art von Information als wertvollen Input aufzunehmen. Auch die Sprache der anderen Personen aus dem unmittelbaren Umfeld des Kindes, vornehmlich die der Eltern stellt eine Art von jenem Input dar. „Indem Eltern mit ihren Kindern sprechen, werden die dabei wahrgenommenen Lauteinheiten und ihre Beziehungen zueinander in neuronalen Netzwerken abgebildet.“[1] Da das Kind mit den immer gleichen sprachlichen Strukturen konfrontiert wird, werde die dabei aktivierten Verbindungen zunehmend stabiler. Dadurch erlernt das Kind Regelmäßigkeiten und kann auf jene bei seinem eigenen Spracherwerbsprozess zurückgreifen. Das eigene, selbstständige Sprechen unterstützt diesen Prozess zusätzlich. Um die weiteren Lernschritt zu festigen, sollten die Eltern ihr Kind auch unerlässlich bestätigen, „denn Neues prägt sich umso besser ein, je mehr es mit Emotionen wie dem guten Gefühl der freudigen Bestätigung durch die Eltern verbunden ist.“[2]

Laut dem Ulmer Psychiater und Lernforscher Manfred Spitzner sind Gehirne „Regelextraktionsmaschinen“, das heißt sie sind nicht darauf ausgelegt einzelne Wissenselemente wie Fakten oder Ereignisse detailliert abzuspeichern, sondern darauf „programmiert“ bedeutsame Einzelheiten anzusammeln.

Der Prozess des Erstspracherwerbs verläuft, wie bereits beschrieben, unbewusst und automatisch, „sowie aufgrund der besonderen Sensibilität der entsprechenden Gehirnareale für diese Lernprozesse in der frühen Kindheit auch sehr schnell.“[3]

Bei einem späteren Erwerb einer Zweitsprache (beispielsweise in der Schule oder im Erwachsenenalter) ergaben neueste Forschungen, dass sich ein neues neuronales Netzwerk in den Sprachzentren des Gehirns entwickelt. Wenn aber ein Mensch bereits im Kindesalter eine zweite Sprache erwirbt, entwickelt sich interessanterweise nur ein einziges neuronales Netzwerk für beide Sprachen. Wenn aber ein Mensch erst im Erwachsenenalter eine neue Sprache erwirbt, so werden teilweise neue Netzwerke gebildet und es kostet den Betroffenen wesentlich mehr Mühe und Kraft die neue Sprache zu erlernen. Zudem wird in dieser Sprache nie die Perfektion bzw. Vollkommenheit erreicht, wie es zu einem früheren Zeitpunkt möglich gewesen wäre.

Überdies hat derjenige Mensch, der in seiner Kindheit zweisprachig aufgewachsen ist, nur ein neuronales Netzwerk aufgebaut und kann jenes Netz auch für den Erwerb von Dritt- oder Viertsprachen benutzen. Es gilt als erwiesen, dass sich dadurch erhebliche Vorteile bei dem Erwerb dieser Sprachen abzeichnen, denn er erfolgt ähnlich einfach und intuitiv wie bei den Erstsprachen.

2. Spracherwerbstheorien

2.1 Behaviorismus

Dieser lerntheoretische Ansatz, auch Empirismus genannt, ist die Lehre vom Verhalten. „Sprache wird in diesem Erklärungsrahmen als eine spezifische Form menschlichen Verhaltens angesehen.“[4] Der behavioristische Ansatz „vertritt die Auffassung, dass die menschliche Sprache nach den gleichen Prinzipien wie alle anderen Verhaltensweisen des Kindes gelernt wird.“[5] Durch Bekräftigungen wie Lob und Wertschätzung bzw. Tadel wird dieses Verhalten verstärkt. Vor allem der Behaviorist B.F. Skinner beschäftigte sich mit jener Theorie und lieferte einen der ältesten Erklärungsansätze dieses imitativ-orientierten Ansatzes. Laut ihm wird der Mensch zum Sprechen abgerichtet, er entwickelt also Verhaltensgewohnheiten. Nach Skinner existieren außerdem auch keine grammatischen Regeln, da es nur Verhaltensgewohnheiten gibt.[6] „Die Behavioristen betrachten das Kind als passives Wesen, dass die Sprache über die Außenwelt aufnimmt.“[7] Laut Skinner geschieht dieses „Abrichten“ mittels des klassischen Konditionierens, aber auch in dem spontanes Verhalten bzw. spontane Äußerungen verstärkt werden. Lebewesen tendieren dazu, Verhalten, welches verstärkt bzw. belohnt wurde, häufiger zu zeigen. Dadurch kann das imitierende Verhalten geformt werden.

Nach dem behavioristischen Ansatz hätten Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen große Chancen, den Spracherwerb einzuleiten, zu unterstützen und zu fördern.

2.2 Nativismus

Der Nativismus vertritt die These, dass Sprache angeboren sei. „Der Nativist Chomsky (1959) leitete mit seiner kritischen Rezension von Skinners Buch ‚Verbales Verhalten‘ (1957) eine wissenschaftliche Revision hinsichtlich der Betrachtung des Spracherwerbs ein.“[8] Demnach ist Sprache eine spezifische menschliche Grundlage, die ihr Fundament auf einer genetischen Basis haben muss. Er begründet dies damit, da die sprachliche Entwicklung in verschiedenen Kulturen und Gesellschaften ähnlich abläuft. Dieser Ansatz „betrachtet den Erwerb der Sprache als Reifungsprozess, der weitgehend biologisch bestimmt und angeboren ist.“[9] Die Sprache wird als die Eigenschaft betrachtet, die die Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Sie wird als humanspezifische Fähigkeit betrachtet. Die menschliche Sprache sei genetisch vorprogrammiert und entwickelt sich nach festgelegten Abläufen. Daher spielt die Lernumgebung seiner Meinung nach eine untergeordnete Rolle. „Dabei soll deutlich werden, dass Sprache eine hierarchische Struktur besitzt, […] eine Oberflächen- und Tiefenstruktur aufweist und eine eigene Dynamik und Kreativität in sich trägt.“[10] Die sprechende Umwelt spielt im nativistischen Erklärungsansatz eine eher untergeordnete Rolle, da Chomsky der Auffassung ist, dass jedes sprechende Individuum fähig ist, eine unendliche Anzahl von Sätzen zu produzieren und zu verstehen. „Chomsky geht sogar so weit, dass er behauptet, Kinder könnten keine sprachliche Kompetenz entwickeln, wenn sie ausschließlich auf die unvollständigen und fehlerhaften Äußerungen ihrer direkten und indirekten Bezugspersonen angewiesen wären.“[11] Daher beruhen die Annahmen der Vertreter des nativistischen Ansatzes auf einem angeborenen Sprachmechanismus.

2.3 Kognitivismus

Nach dem Kognitivismus strukturiert Sprache das Denken und das Denken die Sprache. Der Hauptvertreter dieses Ansatzes ist der Genfer Entwicklungspsychologe Jean Piaget. Er vertritt die Auffassung, dass die Sprachentwicklung als ein Teil der allgemeinen kognitiven Entwicklung zu betrachten ist. Sie bezweifeln sowohl die These des angeborenen Sprachmechanismus, als auch die These über die Kraft der Imitation und Nachahmung. Laut Piaget erwirbt das Individuum seine Sprache durch die stetige kognitive Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. „Die Entwicklungspsychologen glauben, dass die kognitive Entwicklung sich im Spracherwerbsprozess wiederspiegelt."[12] Dieser konstruktivistische Ansatz behauptet, dass das Fundament der menschlichen Sprache in der sensomotorischen Phase liegt, also dass Wahrnehmung und Bewegung die Grundlage der sprachlichen Entwicklung darstellen. „Piaget betrachtet die Sprache als logische Folge der sensomotorischen Entwicklung und betont die wechselseitige Verknüpfung zwischen Sprache und Denken.“[13] Die Sprache und das Denken beeinflussen sich demnach gegenseitig. Die Sprachentwicklung kann laut diesem Ansatz durch die Förderung der sensomotorischen Entwicklung beeinflusst werden unter Berücksichtigung des Konzeptes „Lernen mit allen Sinnen“. Auf diesen Vorstellungen basierend ist das Kind ein konstruktiv vorgehendes, intelligentes Individuum.

2.4 Interaktionismus

Das Prinzip des Interaktionismus beruht auf der Vorstellung, dass Sprache über Interaktionen und Wechselbeziehungen erworben wird. Die Vertreter des Interaktionismus wie beispielsweise George H. Mead oder Herbert Blumer gehen davon aus, dass sowohl sprachliche Strukturen als auch Strategien und Regeln existieren. Als Ausgangspunkt des interaktionistischen Ansatzes werden die vorsprachlichen Interaktionen des Säuglings mit seiner Mutter betrachtet. Bereits das Schreien, Lautäußerungen und Mimik und Gestik des Säuglings werden als erste Frühformen von Kommunikation und als Grundlage der Sprachentwicklung gesehen. „Das Kind lernt über seine primären Bezugspersonen, sprachliche Äußerungen unter Einbeziehung ihres situativen und sozialen Kontextes zu produzieren und zu verstehen.“[14] Demnach ist die Entwicklung der Sprache und der Kommunikation untrennbar miteinander verbunden. Die Sprache wird als Mittel zur Herstellung sozialer Kontakte betrachtet, dessen Erfolg hauptsächlich an der Qualität der Vermittlung bei den Eltern liegt. Um den Spracherwerb schulisch zu fördern, sollten Pädagogen den Kindern adäquate „Sprech-Handlungssituationen in einem breit gefächerten und vielseitigen Interaktionsumfeld anbieten.“[15]

[...]


[1] Küls, Holger: Gehirnforschung, Lernen und Spracherwerb: http://www.kindergartenpaedagogik.de/1024.html (24.03.2012)

[2] A.a.O.

[3] A.a.O.

[4] Apeltauer, Ernst: Grundlagen des Erst- und Fremdsprachenerwerbs: eine Einführung. Berlin, München 2003. S. 34.

[5] Günther, Britta; Günther, Herbert: Erstsprache und Zweitsprache: Einführung aus pädagogischer Sicht. Weinheim 2004. S. 47.

[6] Vgl.: Apeltauer, Ernst: Grundlagen des Erst- und Fremdsprachenerwerbs: eine Einführung. Berlin, München 2003. S. 34.

[7] Günther, Britta; Günther, Herbert: Erstsprache und Zweitsprache: Einführung aus pädagogischer Sicht. Weinheim 2004. S. 48.

[8] Günther, Britta; Günther, Herbert: Erstsprache und Zweitsprache: Einführung aus pädagogischer Sicht. Weinheim 2004. S. 48.

[9] A.a.O.

[10] A.a.O.

[11] A.a.O.

[12] Apeltauer, Ernst: Grundlagen des Erst- und Fremdsprachenerwerbs: eine Einführung. Berlin, München 2003. S. 36.

[13] Günther, Britta; Günther, Herbert: Erstsprache und Zweitsprache: Einführung aus pädagogischer Sicht. Weinheim 2004. S. 49.

[14] A.a.O.

[15] Ebd. S. 50.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656194118
ISBN (Buch)
9783656194415
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193864
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Schlagworte
Mehrsprachigkeit Spracherwerbstheorien Unterricht Chance Vorteile

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Titel: Mehrsprachigkeit als Chance