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Wilhelm Liebknecht – Studentenführer von Geburt an?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 25 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Liebknecht – Systemfeind von Geburt an?
2.1 Kindheit in Gießen
2.2 Vorbilder
2.3 Der politische Rahmen – Europa
2.4 Der politische Rahmen – Gießen

3. Liebknecht – Studentenführer qua Existenz?
3.1 Gießen
3.2 Berlin
3.3 Zurück in Gießen
3.4 Marburg - und weg

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit geht es um die Jugend- und Studienzeit des Revolutionars und spateren Politikers Wilhelm Liebknecht. Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, welche Ereignisse, Schriften oder Personen den jungen Wilhelm Liebknecht gepragt und seinen Charakter geformt haben. Die Idee zu dieser Hausarbeit kam, weil bei der Beschaftigung mit dem Leben des spateren Mitbegrunders der Sozialdemokratie der Eindruck entstanden war, dass seine Jugend- und Studienzeit im Vergleich zu seinem restlichen, sehr bewegtem Leben haufig sehr verkurzt dargestellt wird. Dies hat die Aufmerksamkeit auf diesen Abschnitt in Liebknechts Leben gerichtet. Die weitere Lekture uber das bewegte Studentenleben Liebknechts hat dann dafur gesorgt, dass diese Hausarbeit daraus entstanden ist. Die Frage, die sich eingangs der Arbeit stellte war: Wie und wann wurde aus dem jungen Wilhelm Liebknecht ein Studentenfuhrer und spater ein Revolutionar und Staatsfeind erster Gute?

Es geht in dieser Hausarbeit also darum, heraus zu finden, welche Personen und welche Ereignisse Liebknecht in jungen Jahren derart erschuttert haben, dass er diese Verwandlung durchmachen konnte. Eigentlich kam Liebknecht aus einem gemachten Nest und es war nicht vorgesehen, dass er dieses je verlassen sollte. Die Familie war hoch angesehen und er hatte Zugang zu Posten gehabt, die ihm ein angenehmes Leben beschert hatten, sowohl von der finanziellen Seite als auch vom gesellschaftlichen Ansehen her. Die Hausarbeit orientiert sich an dem Werdegang Liebknechts. Das bedeutet, dass zunachst die Jugendzeit analysiert werden wird. Bereits an dieser Stelle wird nach pragenden Ereignissen und Personen in seinem familiaren Umfeld und daruber hinaus gesucht. Nicht ausgespart werden auRerdem die politischen Umstande, sowohl auf regionaler, nationaler als auch auf internationaler Ebene, dies kann jedoch lediglich als ein kurzer Anriss der Ereignisse geschehen. Bei der Analyse der Studienzeit wird insbesondere die Rolle Liebknechts in der jeweiligen Studierendenschaft betrachtet. Dabei wird auch generell nach dem Verhaltnis zwischen Studierenden und der restlichen Bevolkerung geforscht.

2. Liebknecht - Revolutionar von Geburt an?

2.1 Kindheit

Wilhelm Liebknecht stammte aus GieRen, welches damals zum GroRherzogtum Hessen gehorte. Die Familie Liebknecht war in der Region bekannt und durchaus angesehen. In Liebknechts Familie befanden sich neben Militars und Staatsbeamten unter anderem auch Universitatsprofessoren. Das familiare Umfeld von Wilhelm Liebknecht entstammte also keiner bildungsfernen Schicht. Geboren wurde Liebknecht am 29. Marz 1826. Er war das dritte Kind von Ludwig Christian Liebknecht, welcher als Registrator im Staatsdienst tatig war. Als Registratoren wurden diejenigen Staatsbeamten bezeichnet, die die vom Staatsapparat ausgehenden Dokumente verwalteten und auf ihre Richtigkeit hin uberpruften. Dies war eine Stellung, die ein hohes MaR an Vertrauen in die Zuverlassigkeit und auch in die Verschwiegenheit dieser Personen voraussetzte. Wilhelm Liebknechts vollstandiger Vorname lautete Wilhelm Philipp Martin Christian Ludwig. Seine Mutter hieR Katharina Elisabeth Henriette, geborene Hirsch. Liebknecht war in erster Ehe mit Ernestine Landolt, gestorben 1867, verheiratet und in zweiter Ehe mit Natalie (1835-1909). Liebknecht hatte vier Kinder, namentlich Alice, Getrud Elise, Theodor und Karl Otto.[1]

Bereits in jungen Jahren musste Wilhelm Liebknecht den Tod seiner Eltern verkraften. Sein Vater starb 1832, die Mutter bereits ein Jahr zuvor. An der Lebensplanung der Familie fur den jungen Liebknecht anderte sich dadurch allerdings nichts. Er lebte von dieser Zeit an bei Verwandten, welche bei seiner Erziehung darauf achteten, dass er seine Schulbildung ernst nahm. Eigentlich war es ihm vorbestimmt, eine ahnliche Laufbahn wie sein Vater einzuschlagen. Ein sichereres, burgerliches Leben mit einem geregelten Einkommen und uberschaubaren Perspektiven. Liebknecht erkannte jedoch fruh, dass er Schwierigkeiten mit dem Leben als Staatsbediensteter bekommen wurde. Ein Erster Ausloser dafur war das Schicksal eines Verwandten von Liebknecht. 1835 wurde sein GroRonkel, der Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig verhaftet. Er wurde beschuldigt, einer Gemeinschaft anzugehoren, die den Umsturz der poltischen Ordnung als Ziel verfolgte und zu zwei Jahren Haft verurteilt. Dieser beging im Gefangnis Selbstmord, dafur mitverantwortlich waren die unmenschlichen Haftbedingungen, auRerdem wurde er vermutlich gefoltert. Das Schicksal seines GroRonkels war eines der ersten pragenden Ereignisse fur Liebknecht.[2]

2.2 Vorbilder

Liebknecht war elf Jahre alt, als Weidig Selbstmord beging. Er hatte ihn nie personlich kennengelernt und dennoch hatte der Tod dieses Mannes groRen Einfluss auf das Denken und Handeln des spateren Mitbegrunders der Sozialdemokratie. Dies lag auch daran, dass Weidig sich als einer der ersten aus Liebknechts Familie kritisch mit dem Staat auseinandersetzt hatte, er war in diesem Zusammenhang auch journalistisch tatig. Zusammen mit anderen Gesinnungsgenossen brachte er zwei politische Denkschriften in Umlauf. Die erste erschien in funf Ausgaben und trug den Titel „Leuchter und Beleuchtete fur Hessen oder der Hessen Notwehr" und zwei Auflagen erschienen von dem Blatt „Der hessische Landbote", auRerdem einige kleinere Druckschriften. Die Aufgabe von Weidig war es, die Manuskripte mit Bibelversen zu versehen. Nach mehreren Verhaftungen legte einer der Mitstreiter am 21. April 1835 ein umfassendes Gestandnis ab, in welchem er auch Weidig belastete. Am Tag darauf wurde Weidig verhaftet und wurde zunachst nach Friedberg gebracht und zwei Monate spater nach Darmstadt verlegt. Im Darmstadter Gefangnis verbrachte er unter folterahnlichen Zustanden seine letzte Zeit. Am 23. Februar 1837 nahm er sich in seiner Zelle das Leben.[3]

Aus Liebknechts Sicht lag die Schuld an Weidigs Tod bei der Justiz. Es stellt sich die Frage, welchen Einfluss dieses Ereignis, das Liebknecht nur aus Geschichten kannte, auf den damals elfjahrigen Heranwachsenden hatte. Nach der Theorie von Siegmund Freud, hatte er als Kind Verantwortung und Schuld fur, beziehungsweise an diesem Verlust gefuhlt. Im Allgemeinen ist eine Moglichkeit, dieser Schuld zu entgehen, diese Schuld auf eine Quelle von auRerhalb zu projizieren, also sich einen Sundenbock zu suchen. In Liebknechts Fall war dies der Staat. Dadurch versucht derjenige, der dieses Trauma erlitten hat, den selbstzerstorerischen Schmerz von sich an etwas anderes weiter zu geben. Der Tod on Weidig hat moglicherweise dafur gesorgt, dass Liebknecht unterbewusst den Staat mit als Schuldigen auch fur seine fruheren Verluste identifizierte. Dadurch konnte eine emotionale Grundlage fur sein spateres Auftreten wahrend der Revolution geschaffen worden sein.[4] Liebknechts spatere Rolle als Revolutionar und Staatsfeind mit Theorieansatzen aus der Psychologie erklaren zu wollen ist fur Historiker nur bedingt brauchbar, weil sich die Methoden und das Erkenntnisinteresse zwischen den historischen Wissenschaften und der Psychologie doch sehr unterscheiden. Erwahnenswert ist dieser Ansatz dennoch, weil, und dies schreibt Liebknecht selbst, er durch dieses Ereignis zum ersten Mal bewusst eine Abneigung gegen den Staat entwickelte.

Weidig war ein Vorbild fur Liebknecht. Dies geht auch aus einer Autobiographie hervor. Er beschreibt darin vor allem das Leid, welches seinem GroRonkel in der Haft widerfuhr. Aus seinen Aufzeichnungen geht auch hervor, dass Weidig der Burschenschaftsbewegung, welche in GieRen besonders stark war, nahe stand. Er beschreibt auRerdem, dass die Verfolgung der oppositionellen im GroRherzogtum Hessen besonders viele Opfer gefordert habe. Dies, so Liebknecht weiter, habe sich tief in seine Seele eingebrannt, auch weil ihm durch den fruhen Tod seiner Eltern die Bezugspersonen fehlten, um seine Gedanken und Gefuhle mit jemand zu teilen.[5]

Ein weiterer Mensch, der das Denken und Handeln Wilhelm Liebknechts stark beeinflussen sollte, war Sylvester Jordan. Jordan (geboren 30. am Dezember 1792 in Axam bei Innsbruck, gestorben am 15. April 1861 in Kassel) war Staatsrechtler und Politiker im GroRherzogtum Hessen. Aus armlichen Verhaltnissen stammend, erlangte er 1815 den Doktortitel der Philosophie und wurde 1821 auRerordentlicher Professor fur Staatsrecht in Marburg. Jordan war in den 1830er Jahren maRgeblich an der Erarbeitung einer Verfassung fur Kurhessen beteiligt. Mit dem Beginn seiner politischen Kariere, begannen jedoch auch die Spannungen zwischen ihm und der Landesregierung. Ab 1830 war er fur die Universitat Marburg Mitglied im kurhessischen Landtag. Ab 1833 stand Jordan unter polizeilicher Beobachtung, weil er auf einem Fest, welches ihm zu Ehren am 31.Dezember 1833 stattfand, die Burger der Stadt Kassel zur Verteidigung der mehrfach verletzten Landesrechte aufforderte. Dies vertiefte die Spannungen zwischen ihm und den Regierenden. Nachdem ein Bekannter Jordans ihn wegen der „Beteiligung an revolutionaren Umtrieben" bei der Polizei denunziert hatte, wurde eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet. Angezeigt wurde er von einem Marburger Apotheker, welcher kurz zuvor wegen Totschlags zu 6 Jahren Haft verurteilt worden war. Diesem wurde das Angebot gemacht, bei einer Aussage gegen Jordan die Haftzeit verkurzt zu bekommen. Er nahm dieses Angebot an und, mit der Hilfe weiterer, zweifelhafter Zeugenaussagen wurde Sylvester Jordan am 28. August 1839 in Untersuchungshaft genommen. 1843 wurde er dann zu funf Jahren Haft im Marburger Schloss verurteilt. 1845 wurde seine Strafe aufgehoben und Jordan kam frei.[6] Liebknecht besuchte ihn wahrend der Schulzeit und auch gelegentlich als Student. Durch sein Schicksal vergroRerte sich die innere Distanz zwischen Liebknecht und dem politischen System der Zeit noch weiter. Liebknecht wurdigt Jordan in seinen Erinnerungen ausdrucklich. Er beschreibt Jordan als „Vater der Verfassung"[7], und vergleicht das Schicksal des Universitatsprofessors mit dem seines GroRonkels. In wie weit die Darstellung seiner damaligen Ansichten der Wahrheit entsprechen, kann nur schwer nachvollzogen werden. Dennoch ist bemerkenswert, dass Liebknecht als eines seiner Vorbilder einen liberalen Politiker nennt. Liebknecht bewunderte vor allem die Standfestigkeit, die Prinzipientreue und den Charakter von Jordan. Liebknecht vergleicht sich in seinen Memoiren mit Jordan. Anstatt „Jordansche Erfahrungen zu sammeln"[8] setzte er, als ihm in Marburg die Verhaftung drohte, seine Auswanderungsplane schneller in die Tat um, als geplant.[9] Jordan und Weidig waren zu Liebknechts Jugendzeit durchaus bekannte Namen und galten fur viele als Idole des Widerstands. Fur den jungen Liebknecht verkorperten sie die Ideale von politischer Wahrhaftigkeit, idealistischer Begeisterung und personlicher Opferbereitschaft. Insbesondere Weidig behielt einen festen Platz im Denken Liebknechts. Er sah ihn als einen Wegbereiter fur die Entwicklung der Sozialdemokratie an und nutzte die von Weidig mit herausgegeben Texte des „Hessischen Landboten" fur eigene Projekte, wie die sozialdemokratische Zeitschrift: „Die neue Welt". Dabei ubernahm er allerdings nicht den gesamten Text, sondern veranderte, beziehungsweise verscharfte einzelne Passagen.[10]

2.3 Der politische Rahmen - Europa

Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft wurde in einer Reihe von Kongressen die Grundlage die europaische Machtkonstellation fur das 19. Jahrhundert ausgehandelt. Angefangen mit dem Wiener Kongress von 1814/15 ging diese Ara bis etwa 1822. Diese Art der Verhandlungsdiplomatie der europaischen Machte wurde auch als „Europaisches Konzert" bezeichnet. Eine der meist diskutierten Fragen war, welche Entwicklung die deutschen Staaten nehmen sollten und in wie weit diese Entwicklung beeinflusst werden konnte. Ein, vielleicht der grundsatzliche gesellschaftliche und machtpolitische Konflikt bis 1848 war die Frage, ob und wenn ja, wie weit sich die deutschen Staaten liberalen Ideen offnen sollten. Zu diesen Ideen zahlten unter anderem der Konstitutionalismus, die Presse- und Versammlungsfreiheit oder auch das gleiche Wahlrecht fur Manner.

Clemens Graf von Metternich-Winneburg (1773-1853)[11], welcher als osterreichischer Staatskanzler auch zu einer Art Sprecher oder „Lobbyist" fur die Interessen der beiden anderen ostlichen Monarchien PreuRen und Russland, sowie einiger anderer kleinerer Furstentumer war, lehnte eine Liberalisierung kategorisch ab und ging damit auf Konfrontationskurs zu England und Frankreich. Bereits auf dem Kongress von Aachen 1818 zeichnete sich dieser Grundsatzkonflikt ab. Die Entwicklung in Deutschland, insbesondere der sich ausbreitende revolutionare Geist im Umfeld der Universitaten.

[...]


[1] Weber, Hermann: Liebknecht, in: NDB 14, hrsg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayrischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1985, S.503f.

[2] Tschubinski, Wadim: Wilhelm Liebknecht. Eine Biographie, Berlin (Ost) 1973, S. 9f.

[3] WyR, Arthur, „Weidig, Friedrich Ludwig", in: Allgemeine Deutsche Biographie 41 (1896), S. 450-453 [Onlinefassung]; URL:

http://www.deutsche-biographie.de/artikelADB pnd118630040.html, zuletzt abgerufen am 26.8.2010.

[4] Dominick, Raymond H. III: Wilhelm Liebknecht and the Founding of the German Social Democratic Party, Chapel Hill 1982, S.14.

[5] Liebknecht, Wilhelm: Erinnerungen eines Soldaten der Revolution, Berlin (Ost) 1976, S.36f.

[6] Wippermann, Karl, Jordan, Sylvester", in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 513-520 [Onlinefassung]; URL:

http://www.deutsche-biographie.de/artikelADB pnd118558358.html, letzter Zugriff: 27.8.2010.

[7] Liebknecht, Wilhelm: Erinnerungen eines Soldaten der Revolution, Berlin (Ost) 1976, S. 75.

[8] Liebknecht, Erinnerungen, S. 82.

[9] Grothe, Ewald: Die Ahnen des politischen Widerstands. Zu den Wilhelm Liebknechts Vor- und Leitbildern, in : Georg Buchner Jahrbuch 10 (2000-2004), S.261f.

[10] Grothe: Ahnen des Widerstands, S. 264f.

[11] Aretin, Karl Otmar Freiherr von: „Metternich-Winneburg, Clemens Graf von", in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 236-243 [Onlinefassung]; URL:

http://www.deutsche-biographie.de/artikelNDB pnd118581465.html, letzter Zugriff am 28.8.2010.

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656195528
ISBN (Buch)
9783656196761
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194228
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Historisches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
wilhelm liebknecht studentenführer geburt

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