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Georg Büchner: Woyzeck und Andreas Rossmann: Maschine Woyzeck: Gotscheff skelettiert Büchner in Düsseldorf

Analyse und Interpretation der Rezension Rossmanns

Referat / Aufsatz (Schule) 2010 4 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Vorliegt eine Rezension von Andreas Rossmann, die die Aufführung des Dramenfrag- ments „Woyzeck“ von Georg Büchner am Düsseldorfer Schauspielhaus bewertet. Er- schienen ist die Rezension am 25. November 1993 in der Frankfurter Allgemeinen Zei- tung, entsprechend werden deren Leser mittlerer Bildung von Andreas Rossmann adressiert.

Mit seiner informierenden, aber auch wertenden Rezension möchte Rossmann den Leser dazu anregen, das Theaterstück zu besuchen beziehungsweise sich darüber eine Meinung zu bilden, ohne es vorher gesehen zu haben.

Die Rezension lässt sich in mehrere Abschnitte gliedern, eine Art Einleitung dient zur Interessenweckung beim Leser und zeichnet sich durch Hauptsatzgefüge, syndetischen Satzbau und derbe Wortwahl („spreizt die Beine“) aus. Rossmann argumentiert in die- sem Abschnitt noch nicht, sondern beschreibt nur seine ersten Eindrücke von der Auf- führung.

Im zweiten Abschnitt beschreibt Rossmann die Ausstattung, die er „kahl und kalt“ nennt, sowie die Körpersprache der Schauspieler. Rossmann bezeichnet die Aufführung des Stückes als „armes Theater, aber reich“, was zum einen auf die ärmliche und spärliche Ausstattung der Bühne bezogen ist, zum anderen die Darstellung der Schauspieler be- zeichnet: Durch „exakt[e] und ausdrucksvoll[e]“ Körpersprache, die Darstellung der Charaktere und die Skelettierung des Stückes wirkt „Woyzeck“ in Düsseldorf derartig „reich“. Ausgezeichnet wird dieser Abschnitt durch einen Satzbau, der von Parenthesen geprägt ist, und durch kurze, aber prägnante Sätze, die die beschriebene Kälte der In- szenierung untermalen. im dritten Abschnitt beschreibt Rossmann die Figuren, die er zu sehen bekam. Seiner Aussage nach erregt „Woyzeck kein Mitleid“, eine These, die Rossmann in den folgenden Sätzen durch Aufzeigen der Verhaltensweisen Woyzecks plausibel belegen kann. Ross- mann beschreibt den Arzt als „Zwangsneurotiker“, findet hierfür jedoch keine Belege, die diese These untermauern. Kennt man jedoch das Dramenfragment, wird man Ross- mann in diesem Punkt nur zustimmen können, ebenso in dem Punkt, dass der Doktor Woyzeck nur als „Fall“, nicht als Menschen behandelt. Im Werk „Woyzeck“ wird dies be- sonders in He 1 deutlich.

Rossmann kommt weiter zu der Aussage, dass sich Woyzeck selbst schinde; belegt werden kann diese Aussage mit der Tatsache, dass Woyzeck die Erbsenernährung weiter auf sich nimmt, trotz der offensichtlichen „Nebenwirkungen“. Sprachlich verwendet Rossmann hier vor allem Satzgefüge, die sich durch eine Vielzahl von Relativsätzen auszeichnen. Dieser Abschnitt endet mit der Ellipse „Woyzeckmaschine“. Diese Aussage stellt eine klare Deutung Rossmann dar und ist nicht belegt.

Im folgenden Abschnitt beschreibt Rossmann die Darstellungsweise der Marie; er be- schreibt ihre Sehnsucht als „wild“ - verständlich, wo Marie doch eine Affäre mit dem Tambourmajor sucht - und ihr Kind als „Hindernis und eine Hoffnung“ zugleich, eine Aussage, die sich plausibel belegen lässt, ist das Kind für Marie doch die letzte Verbin- dung zu Woyzeck. Zum einen bindet es sie an Woyzeck und verhindert so eine Trennung, zum anderen lässt es Marie auf ein besseres Leben mit Woyzeck hoffen. Die von Ross- mann angesprochene Unvereinbarkeit von Maries Bedürfnissen und den Anforderungen der Bibel lässt sich anhand Hd 16 belegen. Weiterhin geht der Verfasser der Rezension auf dem Tambourmajor kurz ein.

Im nächsten Abschnitt beschreibt Rossmann aus ein Neues die Kulisse: Gottscheff habe „Buden. Lichter. Volk“ gestrichen und auf Gegenstände wie Leierkasten und Tiere ver- zichtet, weil der Jahrmarkt auch ohne derartige Kulissen allgegenwärtig sei. Nach Ross- mann „zucken und stolpern“ die Figuren als „Marionetten ihres Elends“. Die „ungewohn- ten Deutungen“ Gottscheffs werden ins Spiel gebracht. Rossmann interpretiert in diesem Abschnitt weniger den Inhalt des Fragments „Woyzeck“, sondern schreibt seine Eindrü- cke zum Theaterstück „Woyzeck“ nieder. In diesem Abschnitt fällt sprachlich auf, dass der Verfasser mehrerer Zitate aus dem „Woyzeck“ verwendet, um damit seine Rezension zu bereichern. Besonders auffällig ist auch der Parallelismus zur Kulisse.

Im letzten Abschnitt geht Rossmann auf den Mordkomplex und dessen Darstellung im Theaterstück ein. Gottscheff verändert hier die Geschichte des Fragments und entwickelt neue Mörder und Opfer, eine „verkehrte Welt“. Zum Abschluss seiner Rezension gibt Rossmann seine eigene Meinung zum Theaterstück wieder. In diesem letzten Abschnitt geht Rossmann nicht interpretierend auf Abschnitte des Fragments ein, sondern beschreibt und bewertet nur das Stück. Wie bereits im vorherigen Abschnitt nutzt Rossmann gerne die Parenthese als Stilmittel, um damit seine Sätze mit zusätzlichen Hintergrundinformationen auszustatten.

Bewertend lässt sich zur Rezension Rossmann sagen, dass diese klar strukturiert und inhaltlich stringent aufgebaut wurde. Belege zu aufgestellten Hypothesen bringt Ross- mann nicht immer, oft ist dies aber auch nicht notwendig, da der Leser des Dramen- fragment die Belege selbst aus dessen Inhalt entnehmen kann. Insgesamt möchte ich mich im Großen und Ganzen den Thesen Rossmann anschließen, da diese als plausibel bezeichnet werden können.

In Gottscheffs Inszenierung erregt Woyzeck nach Rossmanns Meinung kein Mitleid. Be- trachtet man diese Aussage im Kontext des Dramenfragments, möchte ich mich dieser Auffassung anschließen. So opfert sich Woyzeck für Marie auf, indem er sich vom Doktor für ein Experiment bezahlen lässt, um Marie jenes Geld für sich und das Kind zu geben (Hd 8). Trotz der Tatsache, dass Woyzeck von seiner Veränderung hinsichtlich seines Geisteszustands Kenntnis hat und auch von Anderen darauf ein hingewiesen wird (zum Beispiel in Ha 3), verändert er an seiner Situation nichts und leidet so weiter für sein Kind um Marie, über die er zwischenzeitlich erfahren hat, dass sie mit dem Tambourma- jor fremdgeht. Woyzeck kommt gar nicht auf die Idee, den Doktor zu sagen, er möge die „Behandlung“ abbrechen, vielmehr lässt er sich sogar vom Doktor - der nicht viel von seinem Fach versteht, das ist einem gebildeten Menschen offensichtlich (vgl. Hd 8) - wie ein Tier vor Studenten verführen (vgl. He 1) und beleidigen (vgl. He 1), ohne sich in ir- gendeiner Weise dagegen zu wehren.

Es ist offensichtlich, dass es Woyzeck an Bildung mangelt (vgl. Hd 5), woran es ihm aber noch viel mehr mangelt, ist an Selbstbewusstsein: Woyzeck lässt sich wie ein Ding, wie ein Tier, behandeln, ohne sich auch nur ein einziges Mal dagegen zur Wehr zu setzen.

In meinen Augen ist Woyzeck für dieses Verhalten nicht zu bemitleiden, schließlich wäre es ihm durchaus möglich, etwas gegen die Missstände zu tun. Woyzeck nutzt diese Möglichkeit aber nicht, stattdessen wird er zum Mörder, hoffend, damit seine Probleme aus der Welt schaffen zu können. Woyzeck ist nicht zu bemitleiden, vielmehr ist er für seine Wehrlosigkeit zu verachten, ist jedoch für seine Lage selbst verantwortlich und ändert nichts daran.

Um es mit Rossmann Worten zu sagen: Woyzeck wird nicht geschunden, er schindet sich selbst und ist dafür auch selbst verantwortlich - und ein solches Handeln verdient kein Mitleid.

[...]


1 Zu finden in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.1993.

Details

Seiten
4
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656194620
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194375
Note
2+
Schlagworte
georg büchner woyzeck andreas rossmann maschine gotscheff düsseldorf analyse interpretation rezension rossmanns

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Titel: Georg Büchner: Woyzeck und Andreas Rossmann: Maschine Woyzeck: Gotscheff skelettiert Büchner in Düsseldorf