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"Nur noch fünf Minuten ..." Das Internet als eine moderne Droge?

Seminararbeit 2009 44 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klärung zentraler Begriffe

3. Studien zum Phänomen
3.1. Kimberly Young - „Caught in the net”
3.2. Hans Zimmerl - „Internetsucht - eine neumodische Krankheit?“
3.3. Frank van Well - „Psychologische Beratung im Internet“
3.4. Andrè Hahn & Matthias Jerusalem - „Internetsucht: Jugendliche gefangen im Netz“
3.5. Silvia Kratzer - „Pathologische Internetnutzung“
3.6. Chronologische Zusammenfassung der Erforschung
3.7. Analyse und Vergleich der Vorgangsweisen diverser Studien

4. Pathologische Internet Nutzung - die Krankheit
4.1. Ursachen
4.2. Symptomatik
4.3. Diagnosemethoden
4.4. Behandlung
4.5. Präventionsmöglichkeiten

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1. “Internet addiction Test” von Kimberly Young
7.2. “Internetmißbrauchs-Test” (IMT) von David N. Greenfield
7.3. “Internetsucht-Test” (IST) von David N. Greenfield

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: „Prävalenz der Internetsucht getrennt nach Alter und Geschlecht“

Abb. 2: „Nutzungszeiten nach Orten der Internetnutzung in Stunden pro Woche“

Abb. 3: „Anzahl pathologischer bzw. nicht-path. Nutzer mit CIDI-Diagnosen“

Abb. 4: „Teufelskreis von suchtartigem Verhalten am Beispiel Internet“

1. Einleitung

Ist Internetsucht eine Erfindung der Medien […], oder ist Internetsucht ein reales psychologisches Phänomen […]? (Hahn/Jerusalem 2001: 2).

Eine Studie des europäischen Marktforschungsinstitutes „EITO“, welche vom „BITKOM1 “ in Auftrag gegeben wurde, ergab, dass 2009 bereits 1,421 Milliarden Menschen das Internet nutzen. Im Vergleich dazu lag die Nutzerzahl im Jahr 1989 lediglich bei 500.000 Menschen (vgl. Morahan-Martin 2005: 39), dies verdeutlicht die explosive Entwicklung des Internets zum Massenmedium. Forscht man mit der Suchmaschine „Google“ nach dem Begriff „Internetsucht“ bekommt man binnen Sekunden 117.000 Ergebnisse geliefert, bei den Begriffen „TV Sucht“ und „Telefon- sucht“ bietet die Suchmaschine nur 17.900, bzw. 47.000 Seiten an. Trotz, oder gerade wegen der kurzen Zeitspanne in der sich das neue Medium Internet entwickelt hat, ist die Angst vor dieser neuen Technologie scheinbar besonders stark ausgeprägt.

Die internationalen Medien wurden auf das Thema „Internetsucht“ durch den 1997 in der Online-Publikation „ ABC NEWS “ von E.J. Gong Jr. beschriebenen Fall der Sandra Hacker (Nomen est omen) erstmals aufmerksam. Die dreifache Mutter wurde in Cincinnati verhaftet, weil sie ihre Kinder völlig vernachlässigt hatte, um bis zu zwölf Stunden täglich online zu verbringen. Der amtshandelnde Polizeioffizier beurteilte den Zustand der Wohnung als „Trümmerfeld“ und verglich diese mit der Behausung eines Heroin- oder Crackjunkies (vgl. Zimmerl 1998: 1).

As long as books can be sold, Internet Addiction will be a topic of debate. (Dvorak 1999: o.S., zit. nach van Well 2000: 86)

Der Begriff „Internetsucht“ und sogar deren Existenz sind sehr umstritten, die Frage spaltet WissenschaftlerInnen in zwei Lager, die absoluten BefürworterInnen und die strikten GegnerInnen.

Viele Psychologen und Psychologinnen reagieren auf die Bezeichnung „Internet- sucht“ sehr ablehnend, da bei dieser Sucht keine Zeichen von lebensbedrohlicher Abhängigkeit zu erkennen sind, wie es zum Beispiel bei der Alkohol- oder Drogen- sucht der Fall ist, es fehlen auch die lebensbedrohlichen Entzugssymptome. Es gibt zwar eindeutige Entzugsmerkmale wie Angstzustände, Schüttelfrost und Nervosität, die sich körperlich äußern, jedoch können diese nicht zum Tod führen, wie es zum Beispiel beim Alkohol- oder Drogenentzug der Fall ist. Auch existiert keine Möglichkeit, an einer Überdosis Internet zu sterben, wie bei anderen Süchten.

Es wäre leichtsinnig, dieses Phänomen als eine neue Krankheit zu definieren, da es zu wenige psychologische Forschungsarbeiten gibt, so der Tenor der Gegner, man könne aufgrund einiger Erfahrungsberichte und Umfragen keine neue Krankheit bestimmen. Zudem könne man auch nicht feststellen, was beim Internet abhängig macht, bei anderen Drogen, wie Alkohol oder suchterzeugenden Stoffen, sind es die enthaltenen Substanzen, die den Körper abhängig machen, im Falle des Internets gäbe es so etwas nicht.

Einen Schwerpunkt wird dabei die Arbeit der amerikanischen Psychologin Kimberly Young, die bereits 1995 mit der Erforschung der Internetsucht begann und damit die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema einleitete bilden. Ein weiterer Eckpunkt meiner Arbeit wird die Studie von Hans Zimmerl sein, der sich 1998 mit dem Thema beschäftigte und seine Studie 8 bzw. 10 Jahre später aktualisierte. Auch Silvia Kratzers Pilotstudie zum Störungsbild stellt einen zentralen Aspekt in dieser Arbeit dar.

Ziel dieser Arbeit ist es nun, anhand vorliegender Literatur zu versuchen, Kriterien für die Definition der Internetsucht als typische Suchterkrankung zu finden. Untersucht werden sollen dabei sowohl die sozialen Hintergründe der Betroffenen, mögliche Ursachen für die Abhängigkeit und natürlich die psychischen und physischen Symptome, die die Abhängigen aufweisen. Die gesellschaftliche Relevanz wird durch die sozialen Hintergründe und Auswirkungen aufgearbeitet, das neue Medium Internet spiegelt die kommunikationswissenschaftliche Relevanz wieder. Es werden auch Therapie- und Diagnosemaßnahmen vorgestellt, vor allem soll aber geklärt werden, ob die Internetabhängigkeit aus medizinischer Sicht als Suchtkrankheit definiert werden kann. Die in dieser Arbeit aufzuarbeitende Forschungsfrage lautet demzufolge: „Kann Internetabhängigkeit als typische Suchtkrankheit definiert werden?“

Im Resümee dieser Arbeit werden die aufgearbeiteten Studien auf einen Nenner gebracht, um diese Frage zu beantworten.

2. Klärung zentraler Begriffe

Bevor näher auf das Thema eingegangen werden kann, sollte zuerst die allgemein anerkannte Definition des Begriffs „Sucht“ angeführt werden: 1957 definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Arzneimittelsucht (addiction) als ein Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation, hervorgerufen durch wie- derholte Zufuhr eines Arzneimittelstoffes. […] Charakteristisch sind: 1. Der überwältigende Wunsch oder Zwang den betreffenden Stoff weiter einzunehmen und ihn sich mit allen Mitteln zu verschaffen […], 2. die Tendenz, die Dosis zu stei- gern (Toleranz), 3. eine psychische und gewöhnlich auch eine physische Abhängigkeit von den Effekten des Stoffes, 4. ein Effekt, der für das Individuum und für die Gesellschaft von hoher Gefahr ist. (Tölle 1988:. 137f.)

Das Abhängigkeitssyndrom nach dem ICD-102 der WHO:

Die […] internationale Klassifikation psychischer Störungen […] präzisiert beim Abhängigkeitssyndrom […] neben den genannten Kennzeichen von ‚Wunsch oder … Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren‘, und dem ‚Nachweis einer [Substanz-]Toleranz‘ folgende Kriterien: ‚Die Kontrollunfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums, ein … Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums, [und] … die fortschreitende Vernachläs- sigung … anderer Interessen zugunsten des Substanzkonsums‘. (ICD-10, F1x.2 S. 92f, zitiert nach van Well 2000: 78)

Der Begriff „Internetsucht“ wurde 1995 vom New Yorker Psychiater Ivan Goldberg als scherzhafte Scheindiagnose zur Belustigung seiner KollegInnen erstmals verwendet (vgl. Hahn/Jerusalem 2001a: 2). In der Experten-Mailingliste „ Psycholo- gy of the Internet “ veröffentlichte Goldberg, im Übrigen heute einer der Kritiker der Internetsucht, eine Liste mit Symptomen, welche auf den diagnostischen Richtlinien des DSM-IV3 (APA, 1994) beruhen. Seitens der Medien wurde diese neue Sucht begeistert aufgenommen und entwickelte sich durch einen längeren Artikel in der New York Times im Dezember 1996 zum Selbstläufer (vgl. Hahn/Jerusalem 2001a :2).

Im Zuge der Erforschung des neuen Phänomens wurden laufend neue Begriffe erfunden um diesem einen Namen zu geben. So werden in der englischsprachigen Fachliteratur gleichermaßen häufig die Begriffe „Internet Addiction“ von Goldberg (1995), „Internet Addiction Disorder“ von Young (1996), sowie der im späteren Verlauf ebenfalls von Young eingeführte Begriff der „Pathological Internet Use“ (PIU) gebraucht. Deutschsprachige ForscherInnen sprechen von „Internetabhängig- keit“ (IA), „Internetsucht“ (IS), oder vom „Problematischen od. Pathologischen Internet Gebrauch“ (PIG), bzw. von der „Pathologischen Internet Nutzung“ (PIN) (vgl. Kratzer 2006: 16). Im weiteren Verlauf der Arbeit wird, im Sinne der Einheit- lichkeit, der Begriff „Pathologische Internet Nutzung“, bzw. dessen Kürzel „PIN“ beibehalten.

3. Studien zum Phänomen

Trotzdem die Forschungen auf diesem Gebiet noch nicht allzu weit fortgeschritten sind, kann man durchaus schon auf einige Studien und Publikationen zurückblicken. Sookeun Byun et al. publizierten 2009 in der Fachzeitschrift „ Cyberpsychology & Behavior “ immerhin bereits eine quantitative Erforschung der empirischen Studien, welche zum Thema „Internet Addiction“ im Zeitraum von 1996 bis 2006 in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wurden (vgl. Byun et al. 2009: 203ff). Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden nun diverse Studien chronologisch aufgelistet und im Anschluss miteinander verglichen und interpretiert, wobei auch die Analyseergebnisse von Byun eine gewichtige Rolle spielen werden.

3.1. Kimberly Young - „ Caught in the net ”

Die erste Studie zur pathologischen Internet Nutzung wurde von Kimberly Young 1998 veröffentlicht, nachdem sie bereits 1996 auf der „ Annual American Psycholo gical Association Conference “ auf dieses Thema aufmerksam gemacht hatte. Mit der Veröffentlichung von „ Cought in the net - how to recognize the signs of internet addiction and a winning strategy for recovery ” legte sie den Grundstein für die Erforschung der neuen Krankheit.

I feel guilty about it, but when I tried to break free, I simply didn`t have the strength…I`m a long-time smoker, but I`ve found the craving to go on the internet first thing every morning is stronger than my urge to light a cigarette. - Marylou, 40

- Rückmeldung einer Betroffenen. (Young 1998a: 258)

Die TeilnehmerInnen an Youngs Studie waren Freiwillige, welche sich auf nationale und internationale Zeitungsannoncen, über Flyer an Universitäten, sowie Einträge in einschlägigen „Newsgroups“ oder direkt über Youngs Homepage gemeldet hatten. Die Probanden konnten telefonisch, oder auf elektronischem Wege einen Fragebogen beantworten, welcher anschließend ausgewertet wurde. Insgesamt kam Young auf eine Teilnehmerzahl von 596 Personen, davon 221 männliche mit einem Durch- schnittsalter von 27 Jahren und 375 weibliche Probanden, welche ein durchschnittliches Alter von 35 Jahren erreichten (vgl. Young 1998b: 239). Eine demographische Auswertung ergab, dass knapp die Hälfte der Probanden (42%) keiner geregelten Arbeit nachging (vgl. ebd.).

Nach ausführlicher Auswertung der Fragebögen wurden 496 Personen als pathologi- sche Internet Nutzer klassifiziert und die restlichen 100 Probanden wurden der Gruppe der Nicht pathologischen Internetnutzer zugeordnet, wobei bei den PIN der Anteil der Frauen und bei den Nicht-PIN der Männeranteil überwog (vgl. ebd.). Für die Gruppe der PIN wurde eine durchschnittliche Onlinezeit von ca. 38,5 Stunden pro Woche (ausschließlich für außerberufliche Arbeiten) erhoben, im Vergleich dazu nutzten die Nicht-PIN das Internet lediglich für 4,9 Stunden in der Woche (vgl. Young 1998a: 74). Die bevorzugten Internetanwendungen waren für die PIN Chatrooms (35%), MUDs4 (28%), sowie Newsgroups (15%) und Email (13%), die Nicht-PIN hingegen nutzten das Internet hauptsächlich für Email (30%), Surfen im Netz (25%), Informationssuche (24%) und Newsgroups (10%) (vgl. ebd.). Nach Abschluss dieser Studie spricht Young von einer Quote von 20% PIN, diese Zahl wird allerdings von ihr selbst in späteren Publikationen auf 6% korrigiert (vgl. Zimmerl 1998b: 1). Weiters stellte Young fest, dass 25% der PIN bereits innerhalb des ersten halben Jahres süchtig werden, 58% zwischen 6 und 12 Monaten und lediglich 17% erst nach dem ersten Jahr, auch dies zeigt das enorme Suchtpotential des Internets (vgl. Young 1998a: 41).

3.2. Hans Zimmerl - „ Internetsucht - eine neumodische Krankheit? “

Im Zeitraum von Februar 1998 bis April 1998 platzierte Hans Zimmerl, im Rahmen der ersten deutschsprachigen „Internetsucht“-Studie, einen Online-Fragebogen zum Thema PIN im Gesundheitsinformationsnetz des Instituts für Biostatistik der Universität Innsbruck, sowie im Chatzentrum „ Metropolis “ (vgl. Zimmerl 1998: 8). Der Bogen umfasste Fragen zu demographischen Daten, zu Chatgewohnheiten, sowie Fragen zu Einstellung und Erfahrungen der UserInnen (vgl. ebd.). Die Studie konzentrierte sich auf die Anwendung „Chatroom“, in der Zimmerl das größte Suchtpotential sah.

Ha, ich fühle mich wie ein Alkoholiker, der die Schnapsflasche gefunden hat… - Aussage eines Chatters, nachdem der Chat für einige Stunden wegen technischer Probleme stillgelegt war. (Zimmerl 1998: 3)

Insgesamt konnte Zimmerl nach den 2 Monaten der Rekrutierungsphase 473 Fragebögen auswerten und kam zu folgendem Ergebnis: Die meisten ChatterInnen sind zwischen 18 und 29 Jahren alt, wobei eine knappe Mehrheit (55%) männlich ist. 40% sind Single und leben noch im Elternhaus, 31,5% leben in einer festen Bezie- hung, einen Schulabschluss haben 26 bzw. 32% (ohne bzw. mit Abitur), 25% sind SchülerInnen, 34% Angestellte und 23% studieren (vgl. Zimmerl 1998: 8). Betref- fend der Chatnutzungsdauer ergab die Studie eine Mehrheit von 57,1% bei den NutzerInnen, welche länger als 7 Stunden pro Woche chatten, dies geschieht dann am liebsten von Zuhause (79%) (vgl. ebd.).

Aufgrund der im Fragebogen enthaltenen Kernfragen, welche ähnlich dem Prozedere nach DSM III-R für die Spielsuchtdiagnostik formuliert waren, konnte Zimmerl einen Anteil von 12,7% der Probanden, die mindestens 4 der 7 Kernfragen mit „richtig“ beantwortet hatten, als PIN diagnostizieren (vgl. ebd.). Es ließ sich allerdings eine sehr hohe Bereitschaft der Probanden zur Selbstreflexion erkennen, da sich immerhin 40,9% der diagnostizierten PIN selbst als „süchtig“ einstuften. „Dies kann als Indiz herhalten für Problembewusstsein einerseits, wobei eine gewisse ‚Koketterie‘ mit dem Begriff ‚Sucht‘ allerdings auch eine Rolle spielen dürfte“. (Zimmerl 1998: 16)

3.3. Frank van Well - „ Psychologische Beratung im Internet “

Die Thematik „Internetnutzung“ wurde des Weiteren noch von Frank van Well in seiner im Jahr 2000 erschienenen Publikation behandelt. Seinerseits wurde bereits im Jahr 1997 eine Studie durchgeführt, welche eine sechsmonatige Erhebungsphase beinhaltete, bei der auf die Befragungsaktion anhand eines Verweises auf der Homepage der „ Psychologischen Beratung im Internet “ aufmerksam gemacht wurde. Nach der Erhebungsphase konnte van Well auf 144 ausgefüllte Fragebögen zurückgreifen, dieser Fragebogen enthielt drei offene Fragen, acht Fragen zur sozio- biographischen Lebenssituation, sowie 195 standardisierte Single-Choice Fragen (vgl. van Well 2000: 278).

Van Well konnte, wie Zimmerl auch, eine sehr hohe Selbstbezichtigungsrate feststellen, diese lag zwischen 22 und 23%. Diese Quote stellt van Well allerdings selbst gleich wieder in Frage, da es möglicherweise in bestimmten Gruppen als „schick“ gelten könnte, als Internetsüchtiger zu gelten und des Weiteren die „Entdeckungswahrscheinlichkeit“ bei dieser Sucht besonders hoch sei, da sie mit einem hohen Zeitaufwand einhergeht und ein solches Verhalten relativ schnell vom sozialen Umfeld bemerkt werden kann (vgl. ebd.: 279).

Die sozio-biografische Auswertung ergab keine signifikanten Unterschiede zwischen PIN und Nicht-PIN hinsichtlich durchschnittlichem Alter (28,2 vs. 30,1) und Geschlecht der Probanden (vgl. ebd.: 281). Sehr wohl signifikante Unterschiede waren bei der Erhebung der biografischen Daten festzustellen, so waren bedeutend weniger Berufstätige (35,7% vs. 60,8%) in der Gruppe der PIN, dafür aber mehr SchülerInnen und StudentInnen (53,6% vs. 25,5%), außerdem waren die PIN signifikant seltener verheiratet (3,4% vs. 17,5%) (vgl. ebd.: 282f).

Wie bereits beim Großteil der bis dahin durchgeführten Studien, konnte auch hier das Segment „Chat“ bei den Internetanwendungen als eindeutiger Favorit der PIN ausgemacht werden (vgl. ebd.: 284). Diese nutzten diese Anwendung mit 51,7% fast doppelt so häufig als die Nicht-PIN mit 25,9%. Die Nutzungsdauer wies ebenso einen signifikanten Unterschied auf, nutzten doch die Nicht-PIN mit 8,67 Stunden pro Woche nur halb so lange das Internet als die PIN mit 17,71 Stunden (vgl. ebd.).

Die psychologische Auswertung ließ auf einen deutlich ungezwungeneren und kontaktfreudigeren „Offline-Umgang“ der Nicht-PIN mit anderen Menschen schließen, wohingegen es den PIN wesentlich wichtiger war, Zeit zum Ordnen der Gedanken zu haben um Missverständnissen vorzubeugen (vgl. ebd.). Außerdem konnten als charakteristische Eigenschaften der PIN eine größere spontane Aggressivität, depressive Verstimmungen, Ungeselligkeit, Irritierbarkeit und Gehemmtheit im Kontakt, Introvertiertheit, emotionale Labilität, Schüchternheit und höhere Offenheit in Untersuchungssituationen definiert werden (vgl. ebd.: 287).

Man kann also festhalten, daß [sic] es eine besondere Gruppe von Netz-Nutzern […] gibt, die hinsichtlich der genannten Parameter charakteristische Eigenschaften auf- weist und die in Richtung einer übertriebenen, nur noch eingeschränkt kontrollierbaren Verhaltensstruktur, mit zum Teil durchaus selbstschädigenden An- teilen […] tendiert. Von einer Störung von Krankheitswert zu sprechen erscheint allerdings nach den bisher vorliegenden Untersuchungsergebnissen eher gewagt (van Well 2000: 315).

3.4. Andr è Hahn & Matthias Jerusalem - „ Internetsucht: Jugendliche gefangen im Netz “

Andrè Hahn und Matthias Jerusalem veröffentlichen 2001 die erste Studie für die Bundesrepublik Deutschland, von Juli bis September 1999 wurden, im Rahmen einer internetbasierten Online-Befragung, 8851 Personen mit jeweils 158 Fragen konfron- tiert, die Probanden wurden zur Teilnahme wurde per Radio- und TV-Interviews aufgefordert (vgl. Hahn/Jerusalem 2001a: 6). Nach eingehender Prüfung der Fragebögen konnte eine Auswahl von 8266 Personen (85% aus der BRD) zur weiteren Auswertung genutzt werden (vgl. ebd.: 8). Als PIN konnten 3,2% der Teilnehmer identifiziert werden, diese Gruppe erreichte eine durchschnittliche Online-Nutzungszeit von 34,6 Stunden pro Woche, weitere 6,6% wurden seitens der Autoren als „Risikogruppe“ eingestuft, diese Gruppe verbrachte 28,6 Stunden in der Woche online, lediglich 7,6 Stunden waren die „unauffälligen Internetnutzer“ pro Woche online (vgl. ebd.).

I don`t mean to spend all my time this way, but I can`t stop. It`s the only place my opinion matters and I feel important. - Bob, 38 - Rückmeldung eines Betroffenen. (Young 1998a: 258)

Signifikante Unterschiede wurden in Abhängigkeit vom Alter und Geschlecht der TeilnehmerInnen festgestellt. „Dieser Befund bestätigt die Hypothese einiger Autoren und die Befunde von Greenfield (1999), sowie Petrie und Gunn (1998), nach denen Internetsucht vornehmlich als Jugendproblematik zu verstehen ist“ (Hahn/Jerusalem 2001a: 8). Wiesen die unter 15-jährigen Probanden noch eine Quote von 10,3% PIN auf, so fiel dieser Anteil stetig und erreichte bei der Gruppe der 21- bis 29-jährigen nur noch einen Anteil von 2,2% PIN (Abb.1). Bei einer geschlechtsspezifischen Auswertung ergab die Studie, dass bis zum Alter von 18 Jahren die Mehrheit der PIN männlich ist, ab diesem Zeitpunkt jedoch vermehrt weibliche PIN in den jeweiligen Altersgruppen zu finden sind (vgl. ebd.: 9). Wie bereits aus anderen Studien eindeutig hervorging (vgl. Zimmerl 1998a, bzw. Young 1998b), nutzen die PIN bevorzugt Kommunikationssysteme im Internet (35,1%), den zweithöchsten Wert nahmen „Musikanwendungen“ mit nur mehr 14,7% ein (vgl. Hahn/Jerusalem 2001a: 9).

[...]


1BITKOM “ ist laut Eigendefinition das Sprachrohr der IT-, Telekommunikations- und Neue Medienbranche und vertritt mehr als 1.300 Unternehmen (vgl. http://www.bitkom.org/de/wir_ueber_uns/99.aspx (29.07.2009)).

2 Das „ International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems” ist das wichtigste, weltweit anerkannte Diagnoseklassifikationssystem der Medizin. Es wird von der WHO herausgegeben, die aktuelle, international gültige Auflage ist das ICD-10, Version 2006 (vgl. Online im Internet unter: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/index.htm (31.07.2009)).

3 Das “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders” ist ein Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, welches seit 1952 in den USA herausgegeben wird (vgl. Online im Internet unter: http://www.dsmivtr.org/ (31.07.2009)).

4 MUD ist die Kurzform für „ Multi-User Domain (oder Dimension, oder Dungeon) “ eine Bezeichnung für virtuelle Online-Rollenspiele (vgl. Bell 2004: 135)

Details

Seiten
44
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656197003
ISBN (Buch)
9783656198024
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194434
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – Kommunikationswissenschaft
Note
1,00
Schlagworte
Internetsucht Internetabhängigkeit Pathologische Internet Nutzung Internet addiction Nur noch fünf Minuten Caught in the net Kimberly Young

Autor

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Titel: "Nur noch fünf Minuten ..." Das Internet als eine moderne Droge?