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Tourismus mit Beigeschmack

Dark Tourism am explodierten Reaktor in Tschernobyl

Hausarbeit 2012 22 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung: Was ist Dark Tourism
2.1 Welche Ereignisse kommen in Frage
2.2 Wie verhalten sich Touristen an Orten von Dark Tourism
2.3 Was sind die Motive der Touristen

3. Der Tourismus in Tschernobyl
3.1 Ein Computerspiel als besondere Vermarktungs-/Werbeform

4. Analyse: Handelt es sich hier um Dark Tourism?
4.1. Kommt dieses Ereignis für Dark Tourism in Frage?
4.2. Wie verhalten sich die Touristen
4.3. Was sind die Motive der Touristen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis
Monografien und Artikel in Sammelbändern oder wissenschaftlichen Zeitschriften
Zeitungsartikel
Andere Medien

1. Einleitung

„Es beginnt an einem nassen, kalten Tag im März in Kiew. Treffpunkt ist McDonald's am Maidan. Um neun Uhr fährt ein weißer Kleinbus vor. Sergej Ivantschuk steigt aus und begrüßt einen Studenten aus Melbourne, einen Rechtsanwalt aus Aachen mit Unternehmensberatung im Kölner Raum, dessen ukrainische Freundin und zwei Journalisten aus Berlin. ,Guten Morgen zusammen‘, sagt Ivantschuk, ,dann fahren wir also mal nach Tschernobyl.‘ Vor sechs Jahren dachte der Reiseunternehmer: ,Wenn Techniker und Wissenschaftler dorthin dürfen, warum nicht auch Touristen? Ich dachte, das wäre eine coole Idee.‘ Die ukrainische Atombehörde ließ sich überzeugen und stellt seither Fahrer und Begleiter. Inzwischen bieten schon drei Reiseunternehmen in Kiew den Trip an.“[1]

Das Geschäft mit dem Tourismus in Tschernobyl scheint zu funktionieren. Bis 2008 haben bereits rund 200 000 Touristen den explodierten Reaktor besucht und die Reiseunternehmen mussten immer größere Busse besorgen, um teilweise bis zu 35 Touristen gleichzeitig in die Todeszone zu bringen.[2]

Die Todeszone gibt es seit dem 26. April 1986. Im vierten Reaktor des Atomkraftwerkes in Tschernobyl wird ein fehlerhafter Sicherheitstest durchgeführt. Reaktor Nummer Vier explodiert und setzt große Mengen an radioaktiver Materie aus und schleudert sie durch die Luft. Eine Sperrzone von rund 30 Kilometern wird rund um den explodierten Reaktor gezogen.

135 000 Menschen müssen umgesiedelt werden. Für die nächsten 24 000 Jahre ist dieses Gebiet für Menschen nicht bewohnbar. 90 Prozent der Aufräumarbeiter sind seit dem erkrankt, mindestens 50 000 von ihnen sind bereits gestorben.

In Bezug auf Tourismus ist Tschernobyl das Gebiet der Gegensätze. Mit Tourismus verbinden wir Begriffe wie Entdecken, Freizeit oder Urlaub. Auch Gregory Ashworth, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet des Dark Tourism, definiert Tourismus auch auf diese Weise und sagt: „Tourism is a discretionary leisure time activity freely indulged in for the pleasure it conveys, wheather that pleasure is composed of excitement, relaxation, or just fun.“[3]

Aber warum verbringen Menschen in einem Gebiet ihre Freizeit, in dem zehntausende Menschen gestorben sind und welches auf der gesamten Erde für Tod, Leid und Zerstörung steht wie kein anderer Ort? Kann es „Spaß“ machen einen solchen Ort zu bereisen?

Auch die Touristen selbst können nicht leugnen, dass diese Art von Tourismus einen merkwürdigen Beigeschmack hat und sich eine Tour nach Tschernobyl ganz klar von einer Tour zu den Niagarafällen oder ins Disneyland unterscheidet. Aber woher kommt sie? Diese Faszination für Tod, Leid und Zerstörung?

In der Tourismusforschung gibt es genau für diese Art von Tourismus einen Begriff: „Dark Tourism“. Bei dieser Art des Tourismus spielen Tod, Leid und Zerstörung eine sehr große Rolle in der Motivation der Touristen, weshalb sie einen Ort bereisen.

In dieser Hausarbeit möchte ich am Beispiel des explodierten Reaktors in Tschernobyl empirisch überprüfen, ob es sich um einen, nach der Tourismustheorie typischen, Ort für „Dark Tourism“ handelt. In Zeitungen und im Fernsehen gibt es einige Berichte über Touristen die Tschernobyl bereist haben. Allerdings stellt sich die Frage, ob die vorhandene wissenschaftliche Literatur Tschernobyl tatsächlich als Paradebeispiel für Dark Tourism ansieht oder nicht.

Mit der Literatur über Dark Tourism möchte ich mich zunächst dem Begriff nähern. Ich möchte klären welche Ereignisse nach der Theorie für Dark Tourism in Frage kommen, wie sich die Touristen an einem solchen Ort verhalten (oder sich nach der Theorie zu verhalten haben) und einen Schwerpunkt darauf legen, die möglichen Motive der Touristen zu zeigen. Was sind die Gründe, die sie an solche extremen Orte von Tod und Leid ziehen?

Anhand des theoretischen Teils möchte ich eine Art Kriterienkatalog aufstellen, der ein Ort für Dark Tourism mitbringen muss. Daraufhin werde ich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl noch einmal kurz umreißen, aber vor allem beschreiben wie man dort „Tourismus“ erleben kann. Im letzten Teil dieser Hausarbeit möchte ich den für Dark Tourism entwickelten Kriterienkatalog auf das Beispiel Tschernobyl anwenden, um zu analysieren ob es sich um einen typischen Ort für Dark Tourism handelt oder nicht.

Quellen für meine Hausarbeit sind die Texte aus dem Seminar und andere Artikel und Bücher aus der Bibliothek der Universität Frankfurt. Zur empirischen Analyse greife ich auf ein großes Zeitungsarchiv zurück und kann so mit vielen Zeitungsartikeln so gut wie möglich den Tourismus rund um den explodierten Reaktor rekonstruieren.

2. Begriffserklärung: Was ist Dark Tourism

Der Begriff „Dark Tourism“ ist im Englischen ein sehr weit gefasster Begriff. Andere Begriffe wie „Sensationstourismus“ oder „Katastrophentourismus“ können den englischen Begriff nicht in seiner vollständigen Bedeutung übersetzen und fassen ihre Definition meist auf einen zu engen Teilbereich des Dark Tourism ab. Eine Übersetzung des Begriffs „Dark Tourism“ ist also nur schwer möglich.

Um dem Begriff näher zu kommen, möchte ich in diesem Kapitel drei zentrale Fragen rund um Dark Tourism erläutern. Zunächst möchte ich klären, welche Ereignisse überhaupt für Dark Tourism in Frage kommen, bevor ich das Verhalten von Touristen an einem solchen Ort schildere und mögliche Motive für den Reiz des Dark Tourism erörtere.

2.1 Welche Ereignisse kommen in Frage

Gregory Ashworth erörtert in seinem Buch aus dem Jahr 2005 Kriterien, um potentielle Orte oder Ereignisse für Dark Tourism zu identifizieren. Der wohl wichtigste Begriff für ihn lautet "Atrocity", was auf Deutsch so viel bedeutet wie „Gräueltat“. Ashworth weist jedoch darauf hin, dass es sich hierbei nicht um Gräueltaten handelt so wie wir sie in unserer Alltagssprache gebrauchen würden. Es geht immer um die Beziehung von Gräueltaten zu Tourismus, über die Ashworth geforscht hat und für die er eine Definition und verschiedene Kriterien[4] aufgestellt hat.

Zunächst muss es sich bei einer Gräueltat, die für Dark Tourism in Betracht kommen könnte, um eine Tat handeln, bei der es sowohl menschliche Opfer als auch menschliche Täter gegeben hat. Das schließt Naturkatastrophen nicht kategorisch aus, so lange auch diese von Menschen verursacht sind. Gräueltaten gegen Tiere sieht Ashworth dagegen ganz klar nicht als Gräueltat im touristischen Sinne.

Des Weiteren muss das Opfer dieser Gräueltat auf jeden Fall unschuldig sein. Ashworth spitzt dieses Kriterium sogar noch weiter zu und sagt: „The more innocent the victim, the more atrocious the event“[5].

Als nächstes Kriterium muss das Ereignis außergewöhnlich grausam sein. Selbstverständlich ist es sehr schwer, eine klare Definition zu treffen, was außergewöhnlich grausam ist. Aber unter anderem Einzelschicksale können das Ausmaß einer außergewöhnlichen Gräueltat darstellen. Ashworth führt hier das Beispiel von Anne Frank im Rahmen der Tötung von Millionen von Juden an.

Außerdem könnte es nach Ashworth ein viertes Kriterium geben. Es muss ein Ereignis sein, an das sich die Menschen noch Jahre später erinnern.

John Lennon und Malcolm Foley setzen dagegen in ihrem Buch über Dark Tourism vor allem auf den Einfluss der Medien und den Grad der Institutionalisierung von Orten des Dark Tourism. Was die Institutionalisierung betrifft, gibt es an Orten von Dark Tourism tatsächlich „Anbieter“ die dieses Ereignis und den Tourismus um dieses Ereignis als Produkt vermarkten. Somit sind Ereignisse von Dark Tourism zum großen Teil Ergebnisse von bestimmten Umständen aus der Vergangenheit. Aber eben auch zu einem großen Teil das Ergebnis von Politik, Wirtschaft, Soziologen und Technik, die einen Ort erst zu einem Ort von Dark Tourism und letztendlich zu einem Produkt formen.[6]

Aber auch die Rolle der Medien spielt eine entscheidende Rolle. „Events as diverse in place and time as the assassination of John Kennedy and the death of Diana, Princess of Wales, provide the touchstones for this form of media commodity. Finally, televised and cinematic presentations put characters in tragic, deadly or dangerous circumstances - either as „real“ individuals (e.g. the characters in the film Schindler‘s List) or as fictionalized characters operating within the context of „real“ events (e.g. the characters in the film Titanic)“[7]. Durch die mediale Aufmerksamkeit für solche Ereignisse entsteht eine Art „mediale Ware“, die selbstverständlich auch vermarktet und verwaltet werden kann. Und vor allem durch das Vermarkten auch von schrecklichen Ereignissen oder Gräueltaten im Film und Fernsehen werden Ereignisse in den Köpfen der Menschen gefestigt.

2.2 Wie verhalten sich Touristen an Orten von Dark Tourism

Elizabeth Greenspan analysiert in einem Artikel[8] wie sich Touristen an Orten von Dark Tourism verhalten. Sie untersuchte das Verhalten von Touristen am Ground Zero in New York, kurz nach den Anschlägen von 11. September 2001.

Eine von Greenspans zentralen Thesen ist, dass Menschen sich an Orten des Dark Tourism mit dem Ereignis an sich auseinander setzen möchten. Nach dem 11. September zeigte sich das sehr deutlich am Ground Zero. „Sites of heritage are those spaces at which groups, individuals, and institutions negotiate how to use aspects of the past in the present, often by manipulating the space of the site itself.“[9] schreibt Greenspan und meint damit, dass an solchen Orten eine Art Vergangenheitsbewältigung stattfindet. Die Besucher solcher Orte sorgen mit ihrem Verhalten außerdem dafür, dass „Sites of heritage“, also ein „kulturelles Erbe“, entsteht.

Interessant ist außerdem, wie die Besucher diese Vergangenheitsbewältigung praktizieren. Ihr Werkzeug ist „Manipulation“. An Greenspans Beispiel, dem Ground Zero, äußert sich das manipulieren des Ortes unter anderem an Teddybären, Flaggen, Blumen und vielen anderen Gegenständen, welche die Besucher an die Absperrwände rund um den Ground Zero abgelegt haben. Dieses Ablegen von Gegenständen hat viele einfache Sperrholzplatten, die eigentlich nur dazu gedacht waren den Ground Zero vor Schaulustigen zu schützen, über Nacht zu richtigen Gedenktafeln gemacht und so „Sites of heritage“, also kulturelles Erbe, erschaffen. Dies tun die Menschen vollkommen unbewusst, vollkommen im Rahmen ihres alltäglichen Verhaltens. Ein Zitat von Greenspan bringt die Relevanz dieser Handlungen wunderbar auf den Punkt: „They became the first new architecture of the site“[10].

Die Anthropologin Setha Low hat auch an diesem Aspekt geforscht und spricht von „Zwei Kräften“ die bestimmte Plätze formen. Auf der einen Seite gibt es die Kraft der „Sozialen Produktion“ welche physisch dafür sorgt, dass ein Ort manipuliert wird. Hierzu zählen zum Beispiel Entscheidungen aus der Politik, bestimmte Denkmäler von langer Hand zu planen und einzurichten. Ein Paradebeispiel ist das „9/11 Memorial“[11], welches den Opfers des 11. Septembers gewidmet ist und am heutigen Ground Zero steht. Gebaut wurde es, weil Politiker und andere Entscheidungsträger sich zusammengesetzt und dieses Denkmal ausgedacht und umgesetzt haben.

Auf der andern Seite gibt es nach Setha Low die Kraft der „Sozialen Konstruktion“ von Orten. Damit gemeint ist die Veränderung eines Raumes durch alltägliche Handlungen von Besuchern. Die „Manipulation“ der Absperrwände am Ground Zero ist ein sehr gutes Beispiel dafür.

In der ersten Zeit nach dem Anschlag vom 11. September fand vor allem eine Menge von Setha Lows „Sozialer Konstruktion“ statt. Elizabeth Greenspan entdeckte am Ground Zero eine „Wand der Erinnerungen“, verschiedene „Gucklöcher“, teilweise „Gedenkwege“ entlang der Absperrung des Ground Zero und selbstverständlich viele von den Touristen liegen gelassenen Gegenstände.

2.3 Was sind die Motive der Touristen

„Devianz bezeichnet die nicht mit den anerkannten und generell gültigen Standards und Maßstäbe der Gesamtgesellschaft übereinstimmenden Standards und Maßstäbe einer Gruppe, die ihrerseits negativ sanktionierte Handlungen und Verhaltensweisen dieser Gruppe bestimmen und zur Folge haben.“[12]. So definiert ein soziologisches Grundlagenbuch Devianz, also von der gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten von Menschen. Durch den Widerspruch zwischen Tourismus und Tod, Leid und Zerstörung wäre es auf den ersten Blick durchaus ein logischer erster Schritt, Dark Tourism als von der Gesellschaft abweichendes Verhalten zu klassifizieren. Gregory Ashworth stößt mit seinem Artikel allerdings in die andere Richtung und präsentiert seine These, dass Dark Tourism vielleicht gar kein von der Gesellschaft abweichendes Verhalten, sondern vollkommen normales Verhalten ist.[13]

Auf die zentrale Frage weshalb nun Touristen von Tod, Leid und Zerstörung angezogen sind, findet Ashworth Drei zentrale Argumente, die ich nun vorstellen werde.

Der erste Grund, wieso Menschen von Gräueltaten angezogen sind ist das das reine Interesse an ungewöhnlichen Dingen, Personen oder Orten. Dabei ist es den Menschen egal, ob sich das „Ungewöhnliche“ in einem spektakulären Naturschauspiel wie dem Grand Canyon oder am „ungewöhnlichen“ Grad der Zerstörung am Ground Zero zeigt. Dies entspricht auch der eigentlichen Definition von Tourismus. Denn ein Grund, weshalb Menschen überhaupt Urlaub machen, ist der Wunsch, aus dem Alltag aus zu brechen und nicht alltägliche Dinge zu erleben. Ashworths erstes Argument bezieht sich also auf die Neugier an Ungewöhnlichem.

Ein weiterer Grund für den Reiz von Tod, Leid und Zerstörung ist nach Ashworth „Empathie“. Touristen die Dark Tourism betreiben, könnten eine Art Empathie sowohl zu den Tätern als auch zu den Opfern aufbauen. Diese Empathie führt dann dazu, dass die Touristen vom schrecklichen Ereignis fasziniert sein.

Ashworths dritter Grund lautet „Horror“. „It may see repugnant and just not morally acceptable for people to be entertained by the accounts of the suffering of others“[14]. Es könnte also eine Gruppe von Menschen geben, die allein vom Leid anderer Menschen unterhalten werden. Als Beispiele nennt Ashworth Führungen durch alte Burgen, in denen früher Menschen gefoltert wurden oder übliche Touristenführungen wie eine „Jack the Ripper-Tour“.

Auch A.V. Seaton widmet sich 1999 den Motiven von Touristen, die dem Dark Tourism nachgehen. Er benutzt das Synonym „Thanatourism“ und definiert ihn wie folgt: „The purest form of Thanatourism is travel motivated exclusively by fascination with death in itself, irrespective of the person or persons involved.“[15]

Seaton erklärt die Motivation der Touristen eher mit einem historischen Ansatz und bezieht sich auf das Mittelalter. Denn bereits im Mittelalter sind die Menschen zu Hinrichtungen gefahren oder haben sich angeschaut wenn jemand gefoltert wird. Das Menschen also zu einem bestimmten Ereignis reisen und sich dann ausschließlich durch das Leid oder den Tod von anderen Menschen „unterhalten lassen“ klingt ganz stark nach dem Horror-Argument von Ashworth.

Eine weitere Studie aus dem Jahr 2007 hat einen neuen Blick darauf geworfen, was Touristen an Orten von Tod, Leid und Zerstörung reizt.

Am 26.12.2004 ereignete sich im Indischen Ozean ein Erdbeben mit einer Stärke von 9,1 und löste einen Tsunami aus. Besonders hart traf es die touristische Küstenregion rund um Phuket in Thailand. Hier starben 279 Menschen und infolge des Tsunamis ging der Touristenandrang um 50,4% zurück.[16] Nur kurze Zeit später hat der Thailänder Ngamsom Rittichainuwat das Gebiet rund um Phuket für eine empirische Studie genutzt. Er wollte von Touristen aus Thailand und Skandinavien wissen, weshalb sie an diesen Ort gereist sind, wo immer noch die Auswirkungen des Tsunamis zu sehen sind.

Ich möchte gar nicht weitere Details aus Rittichainuwats Studie darstellen, sondern einfach nur sein Ergebnis präsentieren. Im Fazit seiner Studie nimmt er Bezug auf den Thanatourism-Text von Seaton aus dem Jahr 1999 und widerspricht ihm: „Unlike the study by Seaton, this study found that thanatourists were not motivated by death but were curious to see the magnitude of a natural disaster in changing nature (landscape and quality of sea and beach).“[17] Rittichainuwats Studie machte also die überraschende Erkenntnis, dass die Touristen rund um den zerstörten Ort Phuket nicht am Tod und Leid von Anderen interessiert waren. Stattdessen antworteten viele Befragte mit dem Interesse einfach nur das Ausmaß dieser Naturkatastrophe mit eigenen Augen sehen zu wollen. Dies wiederum klingt nach dem ersten Argument von Ashworth, wonach Menschen einfach etwas Ungewöhnliches sehen möchten.

Zusammenfassend hat Gregory Ashworth die Hauptmotivationsgründe von Dark Tourism-Touristen herausgefunden und in diese drei Strichpunkte zusammengefasst: Neugier, Empathie und Horror. Sicherlich, die Motivation von Dark Tourism-Touristen kann unterschiedlich sein, aber nach meiner Erkenntnis beschränken sich die verschiedenen Motive auf die von Ashworth angeführten drei. Auch in anderen Texten oder Studien zu diesem Thema werden Motivationsgründe erörtert oder analysiert. Sie beziehen sich aber eigentlich immer auf die Erkenntnisse von Ashworth und fügen keine neuen Impulse hinzu.

3. Der Tourismus in Tschernobyl

„The most helpful, friendly travel service in Kyiv“ steht ganz oben in großen Lettern auf der Webseite www.tourkiev.com. Die Firma „Solo East Travel“ betreibt diese Webseite. Daneben ein Logo von einem berühmten Reiseführer, dem „Lonely Planet“. Der Satz mit dem hier groß geworben wird ist keine selbst ausgedachte Werbefloskel. Es ist (anscheinend) ein Zitat aus der ukrainischen Version des Lonely Planet. Den Tourveranstaltern scheint klar zu sein, welche Touristenzielgruppe sie ansprechen wollen. Denn, wie wir im Seminar erörtert haben, reisen eher die abenteuerlustigen Individualreisenden mit einem Lonely Planet im Gepäck.

Auf der Unterseite zur „Chernobyl Tour“ stehen alle Termine bis Juli 2012. Solo East Travel bringt fast täglich mehrere Touristen zum explodierten Reaktor.

Im Folgenden möchte ich zunächst aufzeigen, wie eine solche Tour in Tschernobyl aussieht und was genau Touristen erleben können. Danach möchte ich mich mit dem theoretischen Kriterienkatalog an die Analyse begeben und herausfinden ob dieser Ort ein, nach der Theorie typischer, Ort für Dark Tourism ist oder nicht.

Es gibt mehrere Firmen die Touristenführungen nach Tschernobyl anbieten. Nach einer aktuellen Recherche sind die Reiseveranstalter „Solo East Travel“[18] als auch „Ukrainian Web“[19] wohl aktuell die aktivsten Anbieter solcher Touren. Ich möchte am Beispiel von „Solo East Travel“ eine Tschernobyl Tour weiter darstellen. Diese Firma macht den modernsten Eindruck.

Zunächst einmal handelt es sich hier um eine vollständig geführte Tour durch das Gebiet in Tschernobyl mit Tourpersonal. Es ist für Touristen nicht möglich auf eigene Faust das Gebiet zu durchqueren. Der Tourismus in Tschernobyl ist also vollkommen organisiert und lässt spezielle Bedürfnisse oder Wünsche nicht zu.

Das Tourpersonal holt seine Touristen gegen 9 Uhr morgens in Kiev ab, überprüft die Ausweise und Kleidung der Touristen. Danach geht es nach Dytyatky, einer der Orte am Rand der „30-Kilometer-Zone“ rund um Tschernobyl. Die fast zweistündige Fahrt wird im Tourbus mit einer Dokumentation über die Explosion des Reaktors überbrückt.

Angekommen in Dytyatky müssen die Touristen verschiedene Papiere ausfüllen und unterschreiben. Unter anderem eine Erklärung, bei der die Touristen versichern im Falle von Gesundheitsschäden nicht gegen den Veranstalter zu klagen.[20]

Wieder im Bus geht die Fahrt mit den Touristen, vorbei an der „10-Kilometer-Grenze“, zum Kühlungskanal des Reaktors in Tschernobyl. Dort können die Touristen, sollte es warm genug sein, Fische entdecken und füttern. Als nächstes folgt die Hauptattraktion. Aus nur rund 100 Metern Entfernung dürfen die Touristen den Sarkophag des Katastrophenreaktors Nummer 4 aus nächste Nähe betrachten.

Auf der Rückfahrt fährt der Touristenbus durch den „Roten Wald“. „Dieses Waldstück ist neben dem Sarkophag der am stärksten verstrahlte Ort in der Zone.“[21] Danach wartet Pripyat, die Geisterstadt der Tschernobyl-Arbeiter, auf die Touristen. 50.000 Menschen mussten plötzlich ihre Wohnung und Häuser verlassen. Die Tour geht durch verlassene Hotels, Schulen und am berühmten Riesenrad vorbei. Hier sieht noch alles exakt so aus wie im Jahr 1986.

Die Siedlung „Opachychi“ ist die letzte Station der Tour und nur optional. In „Opachychi“ wohnen so genannte „Neusiedler“, die nach der Evakuierung auf eigene Faust zurückgekehrt sind. „Und da Gastfreundschaft auch in der Ukraine erste Bürgerpflicht ist, bewirten die Rückkehrer Besucher mit Horilka - Wodka mit Pfefferschote - und allem, was Küche und Keller hergeben: Salzgurken, Speck und eingelegte Pilze, gesammelt in den verseuchten Wäldern.

Und schließlich werden die Touristen noch auf radioaktive Strahlung gemessen bevor sie die Busfahrt zurück nach Kiev antreten. Die Preise für diese Tour belaufen sind auf rund 170 $ wenn die Gruppe mehr als vier Leute enthält. Bei kleineren Gruppen steigen die Preise auf bis zu 480 $ für eine einzelne Führung. Zur Grundausstattung gehört für jeden Touristen ein Dosimeter, um die ihnen ausgesetzt Strahlung zu messen. Das Dosimeter fängt an zu piepsen, sobald eine außergewöhnlich hohe Strahlung gemessen wird.

Was die „Vermarktung“ dieses Ereignisses angeht, so deutet die Webseite von Solo East Travel auf ein sehr gut organisiertes Tourismusunternehmen hin. Es ist möglich mit wenigen Klicks direkt eine Tour für einen bestimmten Tag zu reservieren, nach einem entsprechenden Flug lässt sich ebenfalls direkt auf der Startseite suchen und natürlich werden auch ständig auf die Hotels rund um das Gebiet hingewiesen. Oder der Tourist nimmt gleich eins der firmeneigenen „SoloEastApartments“ zur Unterkunft.

In wiefern das Unternehmen Solo East Travel diese Tour in Zeitungen, Fernsehen oder Internet noch weiter bewirbt lässt sich leider nicht herausfinden. Unabhängig davon genießt das Gebiet Tschernobyl eine ganz besondere Form der medialen Aufmerksamkeit, abseits von üblichen Werbeformen, die ich nun kurz vorstellen möchte.

[...]


[1] Waldherr, Gerhard: „Ausflug ins GAU-Gebiet“ in: Süddeutsche Zeitung, 20.04.2006, Seite 43

[2] Vgl Nickoleit, Katharina: „Tages-Tourismus in der Todeszone“ in: WELT AM SONNTAG, 05.08.2008, Seite 31

[3] Ashworth, Gregory und Rudi Hartmann (2005): “Introduction: Managing Atrocity for Tourism”, in: Dies. (Hrsg.): Horror and Human Tragedy Revisited: The Management of Sites of Atrocities for Tourism. New York/Sydney/Tokyo. S. 1

[4] Vgl.: Ashworth, Gregory und Rudi Hartmann (2005): “Introduction: Managing Atrocity for Tourism”, in: Dies. (Hrsg.): Horror and Human Tragedy Revisited: The Man- agement of Sites of Atrocities for Tourism. New York/Sydney/Tokyo. S. 2

[5] Ebd.: S. 2

[6] Vgl.: Lennon, John und Foley, Malcolm (2000): „Dark Tourism“, Padstow, Cornwall: TJ International, Seite 3

[7] Ebd.: Seite 6

[8] Greenspan, Elizabeth (2005): “A Global Site of Heritage. Constructing Spaces of Memory at the World Trade Center”, in: International Journal of Heritage Studies 11, 5: S. 371-384.

[9] Ebd.: S. 372

[10] Greenspan, Elizabeth (2005): “A Global Site of Heritage. Constructing Spaces of Memory at the World Trade Center”, in: International Journal of Heritage Studies 11, 5: S. 375

[11] Siehe: http://www.911memorial.org/about-memorial Letzter Zugriff: 14.02.2012

[12] Goetze, Dieter, (1991): Kultur. Kapitel 2, in Reimann, Horst (Hrsg), Basale Soziologie: Hauptprobleme, Opladen: VS Verlag für Sozialwissenschafte, Seite 51

[13] Ashworth, Gregory und Rudi Hartmann (2005): “Introduction: Managing Atrocity for Tourism”, in: Dies. (Hrsg.): Horror and Human Tragedy Revisited: The Man- agement of Sites of Atrocities for Tourism. New York/Sydney/Tokyo. S. 7

[14] Ebd.: S. 8

[15] Seaton, A.V. (1996): “Guided by the dark”, in: International Journal of Heritage Studies, Jahrgang 2, Ausgabe 4. Seite 240

[16] Rittichainuwat, Ngamsom (2007): „Responding to Disaster: Thai and Scandinavian Tourists‘ Motivation to Visit Phuket, Thailand“ in Journal of Travel Research (2008), Ausgabe 46, Seite 424

[17] Ebd.: Seite 430

[18] Internetauftritt: http://tourkiev.com/chernobyltour/ Letzter Zugriff: 17.02.2012

[19] Internetauftritt: http://www.ukrainianweb.com/chernobyl_ukraine.htm?gclid=CMH3qdPIpa4CFVMNfAod8Wy8mw#Chernobyl%20Tour Letzter Zugriff: 17.02.2012

[20] Film: Gellinek, Anne und Strumpf, Roland (2011): „S-Bahn nach Tschernobyl“, für das ZDF, Minute 10:54

[21] Film: Gellinek, Anne und Strumpf, Roland (2011): „S-Bahn nach Tschernobyl“, für das ZDF, Minute 11:50

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656198901
ISBN (Buch)
9783656199519
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194478
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3

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Titel: Tourismus mit Beigeschmack