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Sozialstrukturanalysen und ihre Bedeutung für die Erwachsenenbildung/Weiterbildung

Seminararbeit 2012 25 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Umbruche: Die Bildungsexpansion als Reaktion auf den Wandel der Wirtschaft und der Erwerbsstruktur

3. Die neuen sozialen Ungleichheiten: Die ungleich verteilteRessource Bildung‘
3.1 Wie sind soziale Ungleichheiten definiert?
3.2 Die Auswirkungen auf das Bildungswesen

4. Zielgruppenarbeit - der Versuch bildungsferne Schichten zu erreichen

5. Sozialstrukturanalyse Deutschlands: Schichtungskonzepte und Klassenmodelle

6. Sozialstrukturanalyse Deutschlands und ihr Gehalt fur die Erwachsenenbildung
6.1 Ulrich Beck: „Individualisierungsthese“
6.2 Der Bedarf an neuen Konzepten zur Strukturierung der Gesellschaft
6.3 Pierre Bourdieu - „Die feinen Unterschiede“
6.4 Das moderne Konzept der Lebensstilforschung und der sozialen Milieus

7. Das „SINUS-Milieu-Modell“
7.1 Die „Freiburger Studie“
7.2 Resultat der Studie

8. Personliches Fazit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

III Literaturverzeichnis

II Sozialstrukturanalysen und ihre Bedeutung fur die Erwachsenenbildung/Weiterbildung

1. Einleitung:

Bildung gewinnt im heutigen gesellschaftlichen Kontext mehr und mehr an Bedeutung. War Bildung fruher noch ein Privileg was nur wenigen zu Teil wurde, ist sie heute fest in Institutionen eingebunden und damit auch pragend fur die Biographie eines jeden Individuums in unserer Gesellschaft. Die Bezeichnung des modernen, postindustriellen Zeitalters als „Wissensgesellschaft“ spiegelt genau diese Entwicklung wieder. Je wichtiger der Stellenwert der Bildung ist, desto groBer werden auch die Anforderung, die an die einzelnen Gesellschaftsmitglieder gestellt werden, um ein funktionierendes Glied der Wissensgesellschaft zu sein.[1] Selbst wenn Bildung heute teilweise jedem zuganglich ist, gibt es trotzdem innerhalb des Bildungssystems groBe Differenzen bezuglich des Bildungsgrades der einzelnen Individuen und der hiermit einhergehenden sozialen Anerkennung - vor allem hinsichtlich bestimmter Bildungszweige. Bildung stellt somit eine Ressource dar, die zwar faktisch jedem Mitglied zur Verfugung steht, dies jedoch in unterschiedlichem MaBe. Aufgrund dieser ungleichen Verteilung, besteht en suite nach wie vor eine Privilegierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen.2 Die Aneignung und Weiterentwicklung von Bildung, beziehungsweise von Wissen ist demzufolge zu einem zentralen Element der Wissensgesellschaft geworden, wobei insbesondere das allgemeinhin anerkannte Schlagwort desLebenslangen Lernens‘ diesen 3. Doch obwohl Institutionen der Erwachsenenbildung und Weiterbildung diesbezuglich einen besonderen sozialen Stellenwert haben, werden die Bildungsangebote nicht entsprechend von der Bevolkerung genutzt. Eine wichtige Aufgabe der Bildungsarbeit ist es daher zu ermitteln, wer sich an den Weiterbildungsangeboten beteiligt und wer nicht, um somit sozialproblematische Konstellationen zu identifizieren, welche als relevant fur die teils mangelhafte Reichweite unseres Weiterbildungssystems erachtet werden konnen. Denn es ist in einem Sozialstaat Aufgabe der Politik und somit des Bildungswesens, moglichst alle Gesellschaftsmitglieder in dasWissens-Boot‘ zu holen, um ihnen die Partizipation an der (Wissens-)Gesellschaft zu ermoglichen und somit letztendlich auch erst deren Funktionieren zu gewahrleisten. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, bezieht sich die Weiterbildungsforschung seit geraumer Zeit auf diverse Sozialstrukturanalysen der deutschen Gesellschaft.[4] Die hierdurch gewonnene Erkenntnisse eroffnen den Weiterbildungseinrichtungen Moglichkeiten auch auf die zunehmend feststellbaren Marktzwange zu reagieren - also nicht nur die Zielgruppe der Benachteiligten anzusprechen, sondern samtliche soziale Teilgruppen fur sich zu gewinnen, um somit auch ihre eigene Existenz zu sichern. Auch gerade hinsichtlich dieser Thematik bietet die Sozialstrukturanalyse vielversprechende, zukunftsorientierte Moglichkeiten.[5]

In der folgenden Ausarbeitung mochte ich daher die Relevanzstrukturen hinsichtlich der Sozialstrukturanalysen und der allgemeinen Bildung, aber speziell auch bezogen auf Weiter- und Erwachsenenbildung, aufzeigen. Beilaufig mochte ich mich somit auch der These annahern, dass die makrodidaktische Programmplanung innerhalb des Weiterbildungsmarktes seit Aufkommen der Notwendigkeit gesamtgesellschaftlicher Bildung auf soziologische Instrumentarien angewiesen war und auch zukunftig angewiesen sein wird und sie somit sich dieser bewusst und effektiv bedienen sollte. Demnach halte ich im Hinblick auf das Gesamtverstandnis, insbesondere auch einen Blick auf die Historie der Bildung, beziehungsweise des Bildungsverstandnisses, in Zusammenhang mit der Wirtschafts- und Erwerbsstruktur in der BRD fur unerlasslich. Des Weiteren werde ich die damit zusammenhangendenneuen sozialen Ungleichheiten‘ in Bezug auf den Aspekt der Bildungsbenachteiligung erlautern und auch die BegriffeBildungsschere‘ undDoppelte Selektivitat‘ knapp erklaren. Angesichts derneu entstandener sozialen Ungleichheiten‘, werde ich mich auch auf die Notwendigkeit, die Aufgabe und die Problematik der Adressaten-, beziehungsweise Zielgruppenforschung, beziehen, so wie auch kurz auf deren historische Entwicklung eingehen. Zudem werde ich die damit im Zusammenhang stehenden Schicht-und Klassenmodelle zur Differenzierung einzelner gesellschaftlicher Gruppen im Wesentlichen vorstellen. Um einerseits den explikativen Zusammenhang der Reproduktion sozialer Ungleichheiten darstellen zu konnen, werde ich mich auch knapp auf Pierre Bourdieus Theorie des „Habitus“ beziehen. Die Skizzierung von Bourdieus Theorie im Rahmen dieser Arbeit erweist sich fur den Untersuchungsgegenstand dahingehend als unerlasslich, da seine Theorie Ausgangspunkt einiger angesehener Stratifizierungsmodelle ist, die ich in meine Arbeit notwendigerweise mit einbeziehen werde. Auch werde ich mich der Vollstandigkeit wegen, auf die „Individualisierungsthese“ des Soziologen Ulrick Beck beziehen und vornehmlich die daran anknupfenden verschiedenen Ansatzeneuer‘ Sozialstrukturanalysemodelle der sozialen Milieus und Lebensstile diskutieren. Mein besonderes Augenmerk werde ich jedoch dabei auf das Milieu-Modell von SINUS richten und die darauf aufbauende „Freiburger Studie“ von Heiner Barz und Rudolf Tippelt und deren Befunde dazu verwenden, um letztendlich die Relevanzstrukturen transparent machen zu konnen. Hiermit inbegriffen ist die Explikation der Forschungsergebnisse der „Freiburger Studie“, die fur die Individuen innerhalb der Wissensgesellschaft und vor allem auch fur den Weiterbildungsmarkt von groBem Interesse sind, beziehungsweise sein konnen.

2. Soziale Umbruche: Die Bildungsexpansion als Reaktion auf den Wandel der Wirtschaft und der Erwerbsstruktur:

Um den Status Quo auf dem (Weiter-)Bildungsmarkt adaquat nachvollziehen zu konnen, sollte man einen genaueren Blick auf die geschichtliche Entwicklung des Bildungswesens nach 1950 in Deutschland werfen, die unmittelbar mit dem Wandel der Wirtschaftssektoren korreliert. Ab diesem historischen Zeitpunkt bis Ende 1970, so die Nachforschungen Regina Heimanns, auf die ich mich hier beziehe, kann man verschiedene Modernisierungs- und Umstrukturierungsmechanismen festmachen, die einen sozialen Wandel mit horrenden Auswirkungen auf das Bildungsverhalten der Bevolkerung mit sich zogen. Zum einen lasst sich die Entwicklung von der vorindustriellen Produktionsweise bis hin zum Ausbau des industriellen Dienstleistungssektors feststellen, welche mit der technischen Evolution in Zusammenhang gebracht werden kann.[6] So lasst sich auch nach der Theorie Staroskes, eine Regression bezuglich der Berufe des primaren Sektors, also der Rohstoffgewinnung, verzeichnen, jedoch einen Zuwachs des tertiaren Sektors der Dienstleistungen. Des Weiteren kann man seit den 60iger Jahren von einer „Offnung des sozialen Raums“ sprechen, da aufgrund der tendenziellen Entwicklung weg vom primaren und sekundaren Sektor, wofur nun vermehrt auslandische (Gast-)Arbeiter eingesetzt wurden, bis hin zum Ausbau des tertiaren Sektors, die Volkswirtschaft 7 boomte und sich somit die Lebensverhaltnisse der Bevolkerung drastisch verbesserten. Damit zusammenhangend sind neue Bildungsreformen, die zu der sogenannten „Bildungsexpansion“ fuhrten und wodurch vielen Menschen der Bevolkerung eine hohere Bildung ermoglicht wurde. Ressourcen wie Macht und Geld wurden innerhalb dieses sich neu gestaltenden sozialen Rahmens im Zeitalter der Prosperitat zu allgemein erstrebenswerten Zielen. Vor allem auch der Bildungsbereich der Weiterbildung expandierte in diesem Jahrzehnt mehr denn je. Besonders das Erlernen von Sprachen, das aufgrund des globalen Wandels immer mehr an Bedeutung gewann, fand auch in der deutschen Bevolkerung immer mehr Anklang. Allgemein wurde ein enormer Zuwachs der Teilnehmer in beruflicher und auch der allgemeinen Weiterbildung, vor allem an der VHS, festgestellt, was sich mit der bereits damals schon auftretenden indirekten Forderung nachlebenslangem Lernen‘ in Bezug setzen lasst. Denn durch die sich exponentiell entwickelnde Technisierung und durch die arbeitsorganisatorischen 8 Umstrukturierungen veranderten sich die Anforderungen an qualifiziertes Personal. Auch in den 70er Jahren lassen sich neue Bildungsreformen, die fur den weiteren sozialen Wandel, auch im Hinblick des Wandels der Wirtschaftssektoren von Gewicht waren, verzeichnen. Jedoch waren die einschlagigen Folgen der Weltwirtschaftskrise, die zu diesen Jahren hereinbrach, auch in Deutschland spurbar, da ein enormer Stellenabbau innerhalb des sekundaren und auch des tertiaren Sektors zu steigenden Arbeitslosenzahlen fuhrte. Demzufolge wurden die sozial angestrebten Ziele nach Geld und Macht durch den Drang nach Sicherheit der sozialen Verhaltnisse und dem standigen Optimierungswunsch von Wohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen der Individuen erganzt. Als Problem erkannte man bald, dass zwar im Zuge der Bildungsexpansion mehr Menschen die Erreichung hoherer Bildungsabschlusse ermoglicht wurde, diese jedoch dadurch auch gleichsam abgewertet wurden und somit auch keine Garantie mehr fur besser entlohnte Stellen auf dem Arbeitsmarkt darstelltenArbeitsmarkt darstellten.[9] Man spricht in diesem Sinne auch von einer Bildungsinflation, beziehungsweise von dem von Bourdieu verwendeten Begriff derTitelinflation‘.[10] Jedoch brachte nach Heimann die Bildungsexpansion auch beachtlich Positives mit sich, wobei sie in diesem Zusammenhang auf den generell hoheren Bildungsgrad verweist, welcher zu einer Zunahme der offentlichen Partizipation an der Politik fuhrte und die Herauslosung aus traditionellen familiaren Strukturen ermoglichte, wodurch vor allem Frauen von neuen Freiheiten und zunehmenden Selbststandigkeiten hinsichtlich dieser Entwicklung profitieren konnten. Aufgrund samtlicher im Zuge des Bildungsaufschwungs erfolgten strukturellen Veranderungen, wurden zumindest fur manche Teile der Gesellschaft, neue Chancen des sozialen Aufstiegs angenommen. Der vermutete Anstieg (intergenerationaler) sozialer Mobilitat blieb jedoch aus. Diejenigen, die vornehmlich von der Bildungsexpansion profitierten, waren namlich den Teilen der Bevolkerung zuzuordnen, die sich in der Regel zuvor schon nicht in einer prekaren Lebenslage befanden und Zugang zu Bildungsressourcen hatten.[11] Angesichts dessen gerieten auch in den 60iger Jahren zum ersten Mal die Dimensionen neuer sozialer Ungleichheiten ins Blickfeld des Bildungswesens, wobei sich diese im sozialen Diskurs bis in die 70er Jahre weiterhin verscharft haben[12]. Diese neue Form der Benachteiligung bestimmter sozialer Gruppen, die damit einhergeht, gilt es nun naher zu erlautern.

3. Dieneuen‘ sozialen Ungleichheiten: Die ungleich verteilte -Ressource Bildung‘:

Um zu verstehen, warum man bei der ungleichen Verteilung von Bildung uberhaupt von sozialen Ungleichheiten spricht, muss knapp erlautert werden, wie sich diese im gesellschaftlichen Rahmen uberhaupt konstituieren.

3.1 Wie sind soziale Ungleichheiten definiert?

In allen Gesellschaften sind zu jeder Zeit gewisse Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen feststellbar, aufgrund derer manche Gesellschaftsmitglieder sozial anerkannt und bevorzugt - somit also privilegierten Zugang zu bewahrten Ressourcen haben - andere wiederum sozial abgelehnt und benachteiligt werden. Auf dieser Grundlage ist zu erwahnen, dass diese sozialen Zuschreibungen ausschlaggebend sind fur die letztendlich wahrnehmbaren Distinktionen innerhalb der Mitglieder eines sozialen Systems und sie somit in der Regel nichtnaturlicher‘ Herkunft sind, sondern ganzlich sozial konstruiert. Diese besagten Unterschiede werden in der Sozialstrukturanalyse alssoziale Ungleichheiten‘ bezeichnet. Somit stellen auch die Unterschiede in puncto Bildung, beziehungsweise Bildungsabschlussen, eine nicht unerhebliche Form sozialer Ungleichheit dar.

3.2 Die Auswirkungen auf das Bildungswesen:

Der Leitgedanke des Bildungswesens der 70er Jahre, der auf den Befunden der Sozialstrukturanalyse grundet, ist demnach eine allzugangliche Bildungspartizipation, wobei diese Idee unter dem Motto „Demokratisierung und Weiterbildung“ Eingang in den gesellschaftlichen Bildungsdiskurs fand. Husen forderte diesbezuglich, dass fur die Gleichheit von Lebenschancen, die Gleichheit von Bildungschancen als grundlegende Voraussetzung zu betrachten ist.[13] [14] Somit wurde es als neue fundamentale Aufgabe der Bildungsforschung betrachtet, die Sozialstruktur so zu analysieren, dass Informationsmaterial gewonnen werden konnte, welches Auskunft daruber gab, wo eine regelrechte Akkumulation von Bildung stattfand und in welchen Teilen der Bevolkerung es hingegen kaum moglich zu sein schien, Zugang zu Bildung zu erhalten. Im Zentrum der Analyse standen demnach auch die Ursachen dieser ungleichen Verteilung, die es galt aufzudecken, um dann, wenn moglich, gezielt einen Chancenausgleich durch bildungspolitische MaBnahmen bewirken zu konnen.[15] Die empirischen Befunde der ersten Analysen ergaben jedoch, dass es zwar aufgrund der Bildungsexpansion einkollektives Upgrading‘ der Bildungsabschlusse gegeben hat, jedoch die unterschiedliche Herkunft der Individuen nach wie vor als oberstes Distinktionsmerkmal ausschlaggebend fur die ungleiche Verteilung von Bildung festgemacht werden kann.[16] Um dem entgegenzutreten wurde in den 70iger Jahren - somit lasst sich nun auch der enorme Ausbau der VHS Angebote zu dieser Zeit erklaren - gezielt auf WeiterbildungsmaBnahmen gesetzt, denen somit eine kompensatorische Aufgabe zu Teil wurde. Ziel war es, denen aufgrund ihrer Herkunft benachteiligten Gruppen, die Moglichkeit zu geben Bildungslucken zu schlieBen.

[...]


[1] Vgl. Heimann 2009, 89-91.

[2] Baethge, Solga, Wieck 2007.

[3] Vgl. Beier 2005: http://www.diezeitschrift.de/42005/beier05_01.htm.

[4] Vgl. Heimann 2009, S.89-91.

[5] Vgl. Barz 2000.

[6] Vgl. Heimann 2009, S.180.

[7] Vgl. Staroske 1995.

[8] Vgl. Tippelt 1990, S. 65-67.

[9] Vgl. Heimann 2009, S.181.

[10] Bourdieu 1982, S.241.

[11] Vgl. Tippelt 1990, S.175.

[12] Vgl. Tippelt 1999, S.127.

[13] Vgl. Strzelewicz 1973.

[14] Vgl. Husen 1979, S.13.

[15] Vgl. Tippelt 1999, S.127.

[16] Vgl. Tippelt 1990, S.175.

Details

Seiten
25
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656201144
ISBN (Buch)
9783656202561
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194684
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
Schlagworte
Erwachsenenbildung Weiterbildung Soziale Milieus Sinus Milieus Programmol

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