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Analyse und Bewertung der Darstellung von Nationalsozialismus und Holocaust in drei ausgewählten Bilderbüchern

Masterarbeit 2012 53 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Anforderungen an die Gestaltung von Bilderbüchern zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust
2.1 Kriterien aus erziehungspädagogischer Sicht
2.2 Kriterien aus geschichtsdidaktischer Sicht

3. Analyse und Bewertung der Bilderbücher
3.1. Rosa Weiss von Roberto Innocenti (1986)
3.1.1 Inhaltsangabe
3.1.2 Literarische Gestaltung
3.1.3 Analyse nach den unter Kapitel 2 genannten Kriterien
3.2 Judith und Lisa von Elisabeth Reuter (1988)
3.2.1 Inhaltsangabe
3.2.2 Literarische Gestaltung
3.2.3 Analyse nach den unter Kapitel 2 genannten Kriterien
3.3. Papa Weidt. Er bot den Nazis die Stirn von Inge Deutschkron
(1999)
3.3.1 Inhaltsangabe
3.3.2 Literarische Gestaltung
3.3.3 Analyse nach den unter Kapitel 2 genannten Kriterien

4. Vergleichende Betrachtung und Bewertung der Bilderbücher

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

„Die Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte ist heute dringender denn je: Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit haben das Dritte Reich nicht nur überdauert; sie nehmen in Deutschland inzwischen ein beängstigendes Ausmaß an“[1].

Aufgabe der Schule sollte es deshalb auch sein, diese Themen im Unterricht zu behandeln. Die theoretische Diskussion über die Frage, ob die Thematisierung des Holocaust und Nationalsozialismus bereits in der Grundschule zulässig bzw. erforderlich ist, war zwar in der Vergangenheit von großer Bedeutung, erscheint aber weitgehend erschöpft . [2] Gegenstand der aktuellen Debatte ist also nicht mehr die Frage nach dem „Ob“, sondern nach dem „Wie“ [3] . Für die Behandlung dieses schwierigen Themas in der Grundschule sind Bilderbücher für den Einstieg in das Thema von nicht zu unterschätzendem Wert.

Bilderbücher, die sich dieser Aufgabe verschrieben haben, stehen vor dem Dilemma, einerseits die historischen Fakten richtig wiederzugeben und andererseits sich dem Alter der Zielgruppe anpassen zu müssen, um diese nicht zu überfordern. Es ist offensichtlich, dass die Schrecken des Nationalsozialismus und Holocaust in ihrer ungeschminkten Grausamkeit Kindern dieser Altersgruppe noch nicht zugemutet werden können. Ebenso eindeutig ist, dass sich diese erziehungspädagogische Rücksichtnahme dem Vorwurf aussetzen muss, die historische Wahrheit auf eine „Light-Version“[4]zu verkürzen und zu bagatellisieren. Bilderbücher, die beiden Anforderungen gerecht werden wollen, stehen vor der Aufgabe, zwischen diesen Gegenpositionen einem dem Thema angemessenen Kompromiss zu finden.

Ziel dieser Arbeit ist es, bei drei exemplarisch ausgewählten Bilderbüchern für Kinder im Grundschulalter zu untersuchen, ob und inwieweit dieses Vorhaben gelungen ist. Zu diesem Zweck werden im zweiten Kapitel aus erziehungspädagogischer und geschichtsdidaktischer Sicht Anforderungen an die Gestaltung von Bilderbüchern zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust entwickelt. Im anschließenden dritten Kapitel werden drei Bücher dieser Gattung - Rosa Weiss (1986) von Roberto Innocenti, Judith und Lisa (1988) und Papa Weidt (1999) von Inge Deutschkron - untersucht und bewertet. Die Untersuchung der literarischen Gestaltung dient hierbei als Grundlage für eine tiefergehende Analyse anhand der erziehungspädagogischen und geschichtsdidaktischen Anforderungen. Der vierte Abschnitt beinhaltet eine vergleichende Betrachtung und Bewertung der Bilderbücher im Hinblick auf ihre Eignung für die Zielgruppe. Der Schlussteil enthält eine Zusammenfassung der Ergebnisse und einen Ausblick auf bisher unzureichend erforschte Gesichtspunkte.

2. Anforderungen an die Gestaltung von Bilderbüchern zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust

Im Folgenden werden aus erziehungspädagogischer und geschichtsdidaktischer Perspektive Kriterien für die Analyse der drei ausgewählten Bilderbücher entwickelt. Die Anforderungen der beiden Bereiche widersprechen sich an manchen Stellen und überschneiden sich an anderen. Aus erziehungspädagogischer Sicht geht es um die Vermittlung von Werten und die Entwicklung und Förderung von Charaktereigenschaften bei den Kindern. Diese sollen „für derzeitige und künftige nationalsozialistische Tendenzen weniger empfänglich“ sein „und vertrauensvoll und verantwortlich in dieser multikulturellen Gesellschaft handeln können“[5]. Bei der geschichtsdidaktischen Perspektive steht vor allem die Faktizität der historischen Darstellung im Vordergrund. Darüber hinaus sollte Kinderliteratur einem problematischen Geschichtsverständnis entgegenwirken.

2.1 Kriterien aus erziehungspädagogischer Sicht

Die Anforderungen, die an Kinderbücher zum Holocaust aus erziehungspädagogischer Sicht gestellt werden, orientieren sich im Wesentlichen bis heute an den von Adorno[6]entwickelten Thesen zu einer „Erziehung nach Auschwitz“, die darauf ausgerichtet seien müsse, zu erkennen, warum die Menschen damals solche Taten begangen haben und welche geistigen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen eine Wiederholung verhindern können[7]. Aus diesen Thesen Adornos lassen sich nach Abram/ Mooren für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Grundschulunterricht folgende Ziele ableiten:

1. Die Förderung von Empathie (sich in andere Menschen und Situationen versetzen können) und Wärme (ein Klima von Geborgenheit und Offenheit);
2. Die Förderung von Autonomie: Steigerung der Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung und zum Nicht-Mitmachen;
3.Die Förderung der Empathie mit den Tätern, den Opfern und den Zuschauern des Holocaust sowie mit der Täterschaft, der Opferschaft und der Zuschauerschaft im

Allgemeinen, sowie mit dem Grauen von Auschwitz, das das Grauen unserer Welt ist (Erweiterung zu Punkt 1)[8]

Im Vordergrund der erziehungspädagogischen Zielsetzung steht nach Abram/ Mooren damit nicht die Vermittlung von historischen Kenntnissen, sondern die Auseinandersetzung mit menschlichen Verhaltensweisen während des Nationalsozialismus.[9]Die Entwicklung von Empathie nicht nur mit den Opfern (Nr. 1), sondern auch mit Tätern und Zuschauern (Nr. 3), verfolgt nicht den Zweck, Schuldgefühle bei den Schülern[10]auszulösen. Stattdessen sollen diese durch ein Hineinversetzen erkennen, wie aus Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen jüdischer Bürger Täter und Zuschauer der Judenverfolgung wurden, welche die zunehmende Entrechtung und Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung befürwortet oder zumindest tatenlos hingenommen haben. Die Unterordnung unter das nationalsozialistische System und die damit einhergehende Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der jüdischen Mitmenschen sollen den Schülern bewusst gemacht und sie zu einer mitfühlenden Betrachtung gegenüber den Opfern angeregt werden (Wärme). Schließlich sollen die Schüler zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Verhalten der historischen Akteure angeregt und ermuntert werden, hierzu selbst Stellung zu beziehen und sich eigene Werturteile zu bilden (Autonomie).

Für die literarische Behandlung des Themas anhand von Kinderbüchern ergeben sich hieraus folgende Anforderungen:

Hineinversetzen in Situationen oder Figuren einer Geschichte können sich Kinder im Grundschulalter am leichtesten, wenn diese aus einer kindlichen Perspektive erzählt wird und an den Erfahrungshorizont der Schüler anknüpft. Für diesen Zweck geeignet und auch vielfach verwendet sind deshalb sogenannte „Freundschaftsgeschichten“ zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Kindern, die an den politischen Verhältnissen zerbrechen.[11]Auch das Thema der Desintegration und Diskriminierung bietet sich hier an, da viele Schüler im Grundschulalter bereits solche Erfahrungen gemacht, wodurch sie in der Lage sind, die Gefühle und den Schmerz der jüdischen Opfer der Ausgrenzung nachzuempfinden.

Die Entwicklung von Empathie im Hinblick auf Opfer, Täter und Zuschauer wird gefördert, wenn weder eine Idealisierung der Opfer im Sinne eines Philosemitismus noch eine Dämonisierung der Täter als Monster stattfindet. Eine Darstellung im Sinne eines trivialen „Gut“/“Böse“-Schemas würde eher zu einer Distanzierung führen [12] . Empathie mit den einzelnen Figuren wird erschwert, wenn diese - beispielsweise SS/SA-Männer oder die deutschen Juden - als gesichts- und namenlose Gruppe erscheinen. Daher sollten die Personen im Text differenziert beschrieben und auch auf der Bildebene dargestellt werden.

Für Kinder im Grundschulalter ist es relevant, dass Geschichten über den Holocaust „Aspekte einer verträglichen Vergangenheit, sicheren Gegenwart und hoffnungsvollen Zukunft“ [13] enthalten. Bilderbücher, die mit dem Tod des jüdischen Protagonisten in der Gaskammer abschließen, würden keinen „Hoffnungsschimmer“ bieten und ein Kind im Grundschulalter noch emotional überfordern [14]. Aus erziehungspädagogischer Sicht ist es auch nicht notwendig, dieses letzte Kapitel des Holocaust zu schildern.

Die von Flügel[15]mit Grundschulkindern durchgeführten Interviews haben gezeigt, dass Kinder Erzählungen über den Nationalsozialismus und Holocaust emotional dadurch verarbeiten, dass sie die nicht-jüdische Bevölkerung fast immer als Retter jüdischer Nachbarn oder Widerständler des Nazi-Regimes darstellen. Eine geeignete Lektüre sollte dieses verzerrte Geschichtsbild korrigieren, ohne zu verstören. Beiden Anforderungen werden Geschichten gerecht, die die nicht-jüdischen Protagonisten als Menschen darstellen, die das an Juden begangene Unrecht zwar erkennen, hierzu aber schweigen. Der Förderung von Autonomie in dem Sinne, dass Kinder hinterfragen können und sollen, warum sich die nicht­jüdischen Figuren in bestimmten Situationen so und nicht anders verhalten haben, wird eine derartige Darstellung am ehesten gerecht. Geschichten, die die nicht-jüdischen Protagonisten als Retter von Juden darstellen, sind jedenfalls dann ungeeignet, wenn sie nicht deutlich machen, dass es sich dabei um heldenhafte Einzelfälle handelt. Eine Konzentration auf Helfer und Retter wäre nicht nur historisch fehlerhaft, sondern auch aus pädagogischer Sicht ineffektiv, weil sie die beabsichtigte Reflexion der Grundschulkinder über die Entstehungsbedingungen des Holocaust verhindert und das Schicksal der deutschen Juden in den Hintergrund drängt.

2.2 Kriterien aus geschichtsdidaktischer Sicht

Kinderliteratur über den Nationalsozialismus und Holocaust sollte nicht nur aus erziehungspädagogischer, sondern auch aus geschichtsdidaktischer Perspektive analysiert und bewertet werden. Die Kriterien für eine solche Analyse werden im Folgenden aus dem Vorwissen und Geschichtsvorstellungen von Kindern im Grundschulalter zu diesem Thema entwickelt. Es ist darauf hinzuweisen, dass es hierzu noch keine Studien in größerem Umfang gibt.

Qualitative Untersuchungen zum Vorwissen der Kinder in dritten und vierten Klassen zum Thema Holocaust und Nationalsozialismus von Deckert-Peaceman, Flügel, Terrahe, Becher und Hanfland[16]zeigen, dass Schüler dieses Alters über ein bruchstückhaftes, aber nicht hinterfragtes und verarbeitetes Vorwissen verfügen. Ihre Informationen beziehen die Kinder größtenteils aus dem Fernsehen, aber auch aus dem Internet, aus mitgehörten Gesprächen von Erwachsenen, von Geschwistern oder Freunden oder durch Geschichten aus der eigenen Familienbiographie. [17] Viele dieser Informationen sind für Kinder nicht zu verstehen, da sie hauptsächlich an Erwachsene gerichtet sind[18]. Wenn das so „aufgeschnappte“ unsortierte Halbwissen der Kinder nicht gemeinsam mit einem Erwachsenen besprochen wird und sie mit möglichen Fragen allein gelassen werden, sind problematische Geschichtsvorstellungen unausweichlich. Folglich sollte Kinder- und Jugendliteratur zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust dazu beitragen, „Mythenbildungen und einem verzerrten Geschichtsverständnis vorzubeugen“[19].

In qualitativen Untersuchungen zum Vorwissen und Geschichtsverständnis von Grundschulkindern zeigte sich, dass diese oft Hitler als alleinigen Verursacher für die Verbrechen der NS-Zeit betrachten. Dadurch entbinden sie alle anderen Personen von jeglicher Verantwortung und Schuld . [20] Dieser Konzentration auf die Person Hitler kann Kinderliteratur entgegenwirken, indem sie auch andere Verantwortliche zeigt, wie zum Beispiel SS-Leute, und die Vielschichtigkeit der Gesellschaft thematisiert. Im Idealfall sollten also neben den Opfern auch Täter, Mitläufer und Zuschauer Figuren der Geschichte sein.

Eine weitere problematische Vorstellung zahlreicher Kinder ist die der Zwangsläufigkeit der Ereignisse. Sie glauben, dass die Menschen den Verlauf des Geschehens nicht beeinflussen konnten, da sie über keine Handlungsspielräume verfügten [21] - eine Annahme, die korrigiert werden sollte. Dies ermöglicht Kinderliteratur, indem sie Handlungs- und Entscheidungsspielräume und moralische Dilemmata aufzeigt und demonstriert, dass es sich bei der Geschichte des Holocaust um eine von Menschen gestaltete Geschichte handelte. [22] Die Bücher sollten deutlich machen, dass es auch Helfer und Retter gab, die die Juden unterstützten. Dabei ist zu beachten, dass eine Konzentration auf derartige „Helden“ zu vermeiden ist, da diese der Wirklichkeit des Holocaust nicht entsprechen würde. [23]

Andrea Bechers Untersuchung [24] stellte heraus, dass die Kinder Juden vor allem als Opfer des Nationalsozialismus und nicht als konkrete Menschen definieren. Dem könnte Kinderliteratur entgegenwirken, indem sie auch das Alltagsleben der jüdischen Deutschen vor der Verfolgung schildert. Ohne die Darstellung eines „normalen“ Lebens der deutschen Juden, würde die schrittweise Ausgrenzung und Diskriminierung derselben weniger spürbar werden. [25] Darüber hinaus zeigte Bechers Untersuchung auch, dass die Kinder Juden oft als Ausländer und Fremde ansehen. Folglich ist es Aufgabe der Kinderliteratur, zu demonstrieren, dass Juden der NS-Zeit genauso Deutsche waren wie nicht-jüdische deutsche Bürger.

Die oben genannten Kriterien, welche Kinderbücher erfüllen sollten, um einem problematischen Geschichtsbild entgegenzuwirken, können durch weitere Anforderungen ergänzt werden. Wille entwickelte geschichtsdidaktisch begründete Kriterien zur Analyse von Kinderliteratur, von denen eine kleine Auswahl im Folgenden aufgeführt ist.

- Um den Kindern eine Orientierung im geschichtlichen Zeitablauf zu ermöglichen, sollten Kinderbücher genaue Daten zum nationalsozialistischen Regime und dem Holocaust anführen[26]. - Die Geschichte muss deutlich machen, was historische Realität und was Fiktion ist. Hierbei ist die Verwendung von authentischen Quellen von Vorteil. Diese dürfen aber nicht verfremdet oder abgetrennt vom historischen Kontext erscheinen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die historischen Fakten stimmen und dass die Figuren nicht modernisiert werden. Ihr Verhalten sollte authentisch und der damaligen Zeit angepasst sein. [27]

Darüber hinaus sollte das Bilderbuch nicht nur als literarische Erzählung thematisiert werden, sondern einen ersten Einblick in die Entstehungszusammenhänge und Entwicklung der Ausgrenzung und Verfolgung der deutschen Juden im Dritten Reich ermöglichen [28] . Hierfür ist es sinnvoll, wenn sich die Geschichte nicht nur auf ein punktuelles Ereignis konzentriert, sondern einen größeren Zeitraum umfasst und die Entwicklung sowohl auf der Text- als auch auf der Bildebene thematisiert wird. [29]

3. Analyse und Bewertung der Bilderbücher

Im Folgenden werden die drei Bilderbücher - Rosa Weiss (1986) von Roberto Innocenti, Judith und Lisa (1988) und Papa Weidt (1999) von Inge Deutschkron - anhand der zuvor entwickelten Kriterien untersucht und bewertet.

3.1 Rosa Weiss von Roberto Innocenti (1986)

Die Originalfassung (1985) dieses Bilderbuches entstand aus einer Zusammenarbeit von Roberto Innocenti mit Christophe Gallaz. Innocenti lieferte die Idee für die Geschichte und illustrierte das Buch, Gallaz formulierte den Text für „Rose Blanche“. Mit Rosa Weiss erschien 1986 in Deutschland im Frankfurter Alibaba Verlag [30] „ das erste Bilderbuch, das den Holocaust direkt thematisiert“ [31] . Abraham Teuter hat den Text ins Deutsche übersetzt. Das Werk weist ein DIN-A4-Format auf und umfasst 27 Seiten. Der Verlag empfiehlt das Bilderbuch Kindern von fünf bis sieben Jahren.

3.1.1 Inhaltsangabe

Das Bilderbuch beschreibt die Entwicklung und Folgen des zweiten Weltkrieges und den Holocaust aus der Perspektive eines ca. acht bis neun Jahre alten Mädchens, das in einer deutschen Kleinstadt zur Zeit des Nationalsozialismus aufwächst. Am Anfang der Geschichte werden die zur Front ziehenden Soldaten jubelnd verabschiedet. Rosas Leben bleibt zunächst recht unbeschwert bis zu dem Tag, an dem sie beobachtet, wie ein kleiner Junge aus einem Militärlastwagen springt und zu fliehen versucht. Er wird jedoch vom Bürgermeister aufgehalten und wieder den Soldaten übergeben, welche ihn zurück in das übervolle Fahrzeug befördern. Rosa Weiss ist neugierig und läuft dem Wagen hinterher, bis sie schließlich im Wald auf einer Lichtung ein von Stacheldraht eingezäuntes Lager entdeckt, in dem viele abgemagerte Kinder gefangen sind. Einem hungernden Kind reicht sie den Rest ihres Schulbrotes durch den Zaun. In den nächsten Wochen sucht Rosa Weiss immer wieder das Lager auf und bringt den jungen Gefangenen Lebensmittel. Durch die Stadt ziehen wieder Soldaten, die offensichtlich auf dem Rückweg von der Front sind. Sie sind erschöpft und verwundet. Nur der Bürgermeister ist noch optimistisch und hält tapfere Reden. Als eines Tages die Bevölkerung und die Soldaten aus der Stadt fliehen, sucht Rosa Weiss erneut das Lager auf. Die Baracken sind jedoch zerstört und die Kinder verschwunden. Im Nebel erscheinen fremde Soldaten und schießen, wobei offen bleibt, ob das junge Mädchen getroffen wird. Am Ende der Geschichte füllt sich die verlassene Stadt mit Soldaten der Roten Armee. Was mit Rosa Weiss geschehen ist, lässt die Erzählung offen. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie von fremden Soldaten erschossen wurde.

3.1.2 Literarische Gestaltung

Textanalyse

Der Titel Rosa Weiss wirkt durch seine Kombination zweier Farben verspielt und lässt ohne die Unterstützung des Titelbildes nicht die Ernsthaftigkeit erwarten, welche das Buch aufgrund seiner Thematik innehat. Der Titel könnte darauf hindeuten, dass Rosa etwas weiß, was sich später auch bewahrheitet, da sie die einzige ist, die Kenntnis von der Existenz des Lagers hat. Plath/ Seever und Thiele sehen in dem Titel des Buches eine Reminiszenz an die während des Nazi-Regimes verfolgte Organisation „Weiße Rose“ und die Geschwister Scholl [32] .

Der Text ist in einem altersgerechten Sprachstil und Satzbau geschrieben und zeichnet sich durch einfach strukturierte, meist kurze Sätze - vorwiegend Hauptsätze - aus. Die Schriftgröße ist im Vergleich zu anderen Bilderbüchern (beispielsweise Judith und Lisa) relativ klein, aber dennoch recht gut lesbar. Der Textanteil ist dem Alter der Zielgruppe angemessen. Auffällig ist, dass der Text auf den Seiten sehr wenig Platz einnimmt und immer an der gleichen Stelle positioniert ist - nämlich über den großflächigen Bildern. Die erzählte Zeit wird textlich nicht benannt. Durch die Verwendung des Präteritums wird lediglich deutlich, dass sich die Geschichte in der Vergangenheit abspielt. Das Bilderbuch erzählt chronologisch und zeitraffend.

Innocenti erklärt, er „habe versucht, in Bildern einzufangen, wie ein Kind Krieg erlebt, ohne wirklich zu begreifen“ [33] . Dieses Vorhaben ist ihm nicht nur auf der Bild- sondern auch auf der Textebene gelungen und zwar mit Hilfe einer internen Fokalisierung, was bedeutet, dass die Wahrnehmung stark an eine Person [34] - in diesem Fall an Rosa Weiss - gebunden ist. Hierbei sagt der Erzähler nicht mehr, als die Figur weiß, wodurch der Leser nur genau so viel erfährt, wie die Figur weiß bzw. erfährt. Dazu passt der kindlich, rein schildernde und nicht wertende Erzählstil und die Tatsache, dass die Begriffe „Krieg“, „Juden“, „Nationalsozialismus“ und „(Konzentrations)Lager“ als Schlüsselworte im Text nicht auftauchen. Rosa Weiss scheint nicht zu verstehen, dass die Soldaten in den Krieg ziehen und sich somit in Gefahr begeben. Sie nimmt den Krieg nicht als solchen wahr, sondern assoziiert mit diesem Ereignis zunächst lediglich „bunte Fahnen“ (S. 1), „winkende Kinder“ (S. 1) und „fröhliche“ Soldaten (S. 2). Das junge Mädchen erfährt zunächst die Jubelstimmung des Kriegsbeginns, bemerkt aber nach einiger Zeit einen Stimmungswandel bei den Bewohnern der Stadt: „Aber die Leute waren nicht mehr so fröhlich und blickten einander mißtrauisch nach“ (S. 17). Sie spürt diese Veränderungen, kann sie sich aber nicht erklären, da sie die Hintergründe nicht kennt. Dass es sich bei den eingesperrten Kindern im Lager um „Juden“ handelt, weiß Rosa Weiss ebenso wenig. Beim zweiten Besuch des Lagers bemerkt sie, dass „viele von ihnen“ einen „hellen gelben Stern auf den Kleidern“ tragen. (S. 18). Was dieses Zeichen bedeutet und warum die Kinder dort sind, versteht sie nicht. Der Sprachstil ist nüchtern, fast berichtend. Auch in den emotionalsten Momenten der Geschichte - als Rosa Weiss den Kindern ihr Brot gibt und als sie später das Lager verlassen vorfindet - wird über ihre Gefühle im Text nichts berichtet. Die Darstellung der „Innenwelt“ Rosas findet allein auf der Bildebene statt.

Nach dem wahrscheinlichen Tod von Rosa Weiss weicht die interne Fokalisierung zugunsten einer Nullfokalisierung, da nun nicht mehr aus dem Blickwinkel des jungen Mädchens erzählt werden kann. Diese Art der Fokalisierung bedeutet, dass der Erzähler mehr weiß bzw. mehr sagt, als irgendeine der Figuren weiß bzw. wahrnimmt. [35] So erfährt der Leser beispielsweise, dass die Soldaten der Roten Armee nach Freunden suchten (S. 25) und Rosas Mutter noch lange auf die Rückkehr ihrer Tochter gewartet hat (S. 26). Auf diese Weise kann die Geschichte trotz des wahrscheinlichen Todes des jungen Mädchens weitererzählt werden.

Es fällt auf, dass der Text keine Dialoge enthält - weder mit Rosa Weiss, noch mit irgendeiner anderen Figur in der Geschichte. Obwohl sie die Geschehnisse, die sich in ihrer Lebenswelt ereignen, nicht versteht, stellt sie ihrer Mutter oder anderen Erwachsenen in der Geschichte keine Fragen. Darüber hinaus erzählt sie auch niemandem von ihren Besuchen beim Lager. Sie wird somit zur stillen Helferin der jüdischen Kinder.

In der Geschichte werden nur zwei Figuren differenziert beschrieben. Neben Rosa Weiss ist dies der Bürgermeister, der sich im Laufe der Geschichte als charakterlicher und optischer Gegenpart der Protagonistin entpuppt. Rosa Weiss wird im ersten Teil der Geschichte als Kind beschrieben, dass die um sie eintretenden Veränderungen aufmerksam, aber mit fehlendem Verständnis zur Kenntnis nimmt. Ihre eher passive Rolle der Beobachterin gibt sie auf, als sie Augenzeuge der Verschleppung eines jüdischen Jungens wird und daraufhin das Lager entdeckt. Den hungernden Kindern bringt sie danach immer wieder Essen an den Zaun. Dadurch entwickelt sie Mitgefühl und Verantwortung für die Gefangenen. Ihre Geste der Hilfe erscheint heldenhaft, da sie selbst darunter leidet. So wird im Text berichtet, dass sie „immer magerer“ (S. 17) wird. Sie isst nichts mehr in der Schule, sondern überlässt den hungernden Kindern ihre Verpflegung.

Im Kontrast dazu steht Bürgermeister Schröder, welcher als mitleidloser, selbstgefälliger Machtmensch erscheint, dem es nur um sein eigenes Wohl geht. Im Gegensatz zu Rosa Weiss und dem Rest der Bevölkerung bleibt er als einziger „rund und fett“ (S. 17); er hat offensichtlich nicht unter den Entbehrungen des Krieges zu leiden. Im Gegensatz zu Rosa Weiss, welche den Juden hilft, sorgt er dafür, dass der Fluchtversuch des jüdischen Jungen scheitert. Er „schleppt“ den Jungen eigenhändig zum Lastwagen und „lächelt den Soldaten freundlich zu“ (S.8). Für die Bevölkerung, in der zunehmend die Kriegsbegeisterung schwindet, hält er „tapfere Reden“ (S. 17), ist dann aber einer der ersten, der die Uniform auszieht und verschwindet (S. 20), als in der Stadt eine hektische Aufbruchstimmung aufkommt. Er kehrt am Ende auch nicht mehr in die zerstörte Stadt zurück: „Bürgermeister Schröder war weit weg“ (S. 27).

Über die im Lager eingesperrten Kinder erfährt der Leser wenig. Die hierzu im Text enthaltenen Aussagen [„unbeweglich wie Holzpuppen“ (S. 14), „Sie sahen eingefallen und hungrig aus“ (S. 18)] sind von Apathie und Schicksalsergebenheit der gesamten Gruppe gekennzeichnet. Ein Dialog von Rosa mit einzelnen von ihnen findet nicht statt; sie reicht nur stumm das Essen durch den Zaun. Der Text vermittelt damit ein Verhältnis zwischen Rosa und den Kindern, das einerseits von Mitleid, andererseits aber auch von Sprachlosigkeit geprägt ist.

Die übrigen im Text vorkommenden Personen - die Zivilbevölkerung, Soldaten und SS- Männer - werden durch den Text ebenfalls nicht personalisiert, sondern treten nur als Gruppe in Erscheinung, deren Funktion es ausschließlich ist, den Niedergang der Kleinstadtidylle und den Verlauf des Krieges zu dokumentieren.

Bildanalyse

Auf dem Titelbild des Bilderbuches ist die Protagonistin Rosa Weiss zu sehen, wie sie durch ein Fenster verwundete und erschöpfte Soldaten auf einem Panzer, welche sich in der Scheibe spiegeln, beobachtet. Ihr Blick wirkt sehr ängstlich und erschrocken. Mit ihren blonden Haaren und blauen Augen entspricht Rosa Weiss den Vorstellungen eines „arischen“ Mädchens. Das Abbild der Soldaten in der Fensterscheibe taucht genau so - nur spiegelverkehrt - in der Geschichte wieder auf (S. 19). Das Coverbild deutet an, dass eine sehr ernste und traurige Geschichte erzählt wird. Dass diese während der Zeit des Nationalsozialismus spielt, lässt sich hier noch nicht erahnen. Das Titelbild füllt fast das ganze Cover aus und drängt somit Titel und Namen des Illustrators bzw. Co-Autors an den oberen Bildrand. Dieser Aufbau von „Text“ und Illustration findet sich auch in der Geschichte wieder und zieht sich durch das ganze Buch.

Der Text enthält keine genauen Angaben oder Hinweise auf die erzählte Zeit. Laut Plath/ Seever erstreckt sich die Geschichte von Kriegsbeginn bis -ende [36] . Diese Vermutung wird durch die bildliche Darstellung unterstützt, da am Anfang der Erzählung die deutschen Soldaten in den Krieg ziehen und am Ende Soldaten der Roten Armee die Stadt bevölkern (S. 24+25). Dass es sich um eine Geschichte handelt, die sich während der Nazi-Zeit abspielt, erkennt der Betrachter der Bilder an den vielen Hakenkreuzfahnen, den Sieges-Parolen an den Backsteinmauern der Stadt, dem Judenstern und an den Uniformen der SS-Männer. Inwieweit die Kinder diese Zeichen verstehen, ist unklar; es ist jedoch anzunehmen, dass alle schon einmal ein Hakenkreuz gesehen haben. Die Symbole der nationalsozialistischen Herrschaft sollten ggf. von der Lehrperson erklärt werden.

Tnnocenti s Illustrationen sind fotorealistisch; sie „wollen den Abbildcharakter verblaßter Farbfotografien einfangen und zugleich etwas von der Stimmung und Eigenart der zitierten Zeit spiegeln: Die Enge der Gassen, die trügerische Idylle, die ,Normalität‘ des Alltags“ [37] . Dieser „semidokumentarische Stil“ schafft eine Balance zwischen Nähe und Distanz zu dem historischen Geschehen. Hierdurch macht er deutlich, dass es sich bei Rosa Weiss nicht um eine reale Geschichte aus der NS-Zeit in Deutschland handelt, sondern um eine fiktive Erzählung vor authentischem Hintergrund. [38] Die Bilder sind sehr detailreich gezeichnet, was den jungen Betrachter zum genauen Hinsehen auffordert - eine Fähigkeit, die viele Kinder aufgrund des Fernsehkonsums und der medialen Reizüberflutung verlernt haben.

Während Rosa Weiss am Anfang der Geschichte gemeinsam mit vielen anderen Menschen zu sehen ist, fällt auf, dass sie sich auf der Bildebene immer weiter von den Stadtbewohnern entfernt, je mehr sie über die Ortschaft, in der sie lebt, erfährt. So werden ab Seite 4 kaum noch Menschen der „Zivilbevölkerung“ dargestellt. Auch durch ihre Kleidung setzt sie sich von den anderen Personen ab. Während die meisten Leute in Grau- und Brauntönen gekleidet ist, trägt Rosa einen auffälligen pinken Rock, einen blauen Mantel und eine leuchtend rote Haarschleife, durch welche man sie in den Bildern schnell wiederfindet. Das alles deutet darauf hin, dass Rosa Weiss als Einzige von dem Lager weiß und nicht wegsieht. Vielleicht wollte Innocenti durch diese Darstellung auch noch einmal verdeutlichen, dass es sich bei Rosa Weiss und deren Handlungen um eine fiktive Figur und eine erdachte Geschichte handelt.

[...]


[1]Vinke 2005, S.8

[2]Vgl. Reeken 2007, S.211

[3]Vgl. Wyrobnik 2008, S.216; Enzenbach 2010b, S.4

[4]Heyl 1998, S.124

[5]Rohrbach 2005, S. 301

[6]Vgl. Adorno 1969, S. 85

[7] Vgl. Adorno 1969, S. 87-88

[8]Vgl. Abram/ Mooren 1998, S. 95-96

[9]Vgl. Kössler 1997, S. 42

[10]Aus Gründen der Vereinfachung wird im folgenden Text die männliche Form verwendet. Die jeweiligen Begriffe („Schüler“, „Leser“) gelten jedoch in der männlichen und weiblichen Form entsprechend.

[11]Vgl. Dahrendorf 2004, S. 62

[12]Vgl. Flügel 2009, S. 113

[13]Ebd., S. 235

[14]Vgl. Heyl 1998, S. 122

[15]Vgl. Flügel 2009, S. 238-240

[16]Vgl. Deckert-Peaceman 2002; Flügel 2008a; Flügel 2008b; Terrahe 2008; Becher 2008; Hanfland 2006

[17]Vgl. Terrahe 2008, S. 193

[18]Vgl. Deckert-Peaceman 2002, S. 50

[19]Illner 2010, S. 8

[20]Vgl. Flügel 2008b, S. 3-4; Terrahe 2008, S. 194; Becher 2008, S. 4-5.

[21]Vgl. Flügel 2008b, S. 3; Becher 2008, S. 4; Hanfland 2006, S. 145.

[22]Vgl. Heyl 1999, S.11

[23]Vgl. Flügel 2009, S. 200

[24]Vgl. Becher 2008, S. 5

[25]Vgl. Kingreen 2004, S. 51

[26]Vgl. Wille 2009, S. 8

[27]Vgl. Wille 2009, S.10

[28]Vgl. Beck 1998, S.115

[29]Vgl. Rohrbach 2005, S. 301

[30]Den Alibaba Verlag gibt es mittlerweile nicht mehr

[31]Thiele 2000, S. 172

[32]Vgl. Plath/ Seever 2005, S. 29; Thiele 1988, S. 137

[33]zitiert nach Thiele 2000, S. 173

[34]Vgl. Martinez/ Scheffel 2007, S. 64

[35]Vgl. Martinez/ Scheffel 2007, S. 64

[36]Vgl. Plath/ Seever 2005, S. 29

[37]Thiele 2000, S. 172

[38]Vgl. ebd., S. 172-173

Details

Seiten
53
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656206330
ISBN (Buch)
9783656213390
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194835
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Holocaust Nationalsozialismus Kinderbücher Bilderbücher Grundschule Deutschunterricht Rosa Weiss Judith und Lisa Papa Weidt

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Titel: Analyse und Bewertung der Darstellung von Nationalsozialismus und Holocaust in drei ausgewählten Bilderbüchern