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Islamistische Selbstmordattentäter und ihre Leitmotive

von Lars Erol (Autor)

Hausarbeit 2011 15 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen zum Verständnis
2.1 Religiöse und gesellschaftliche Legitimation der Selbstmordattentate
2.2 Die Ideologie des Islamismus

3. Die Ursache, das Motiv und die Wirkung der Attentate
3.1 Die Machtverschiebung und das Trauma
3.2 Das altruistische Selbstmordattentat zur Wiederherstellung der Machtverhältnisse
3.3 Die Wirkung der Selbstmordattentate

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

Literatur

Internet

1. Einleitung

Suicide bombing, heilige Bombe, Islamikaze, Selbstmordattentat, Selbsttötungschanschlag – Das Phänomen, mit dem sich die internationale Sicherheitspolitik seit dem Ende der 60er Jahre auseinandersetzen muss, hat viele Namen.[1] Ausgehend von islamistisch geprägten Organisationen bedroht es aktuell vor allem die westlichen Gesellschaften, die von ihnen als amerikanische, israelische und europäische definiert werden. Spätestens seit den Anschlägen in Madrid im März 2004 und den Anschlägen in London im Juli 2005 ist die Bedrohung, die von diesem Phänomen ausgeht, für uns, den im europäischen Raum lebenden Menschen, bewusst geworden. Eine sicherheitspolitische Auseinandersetzung mit diesem Thema erscheint daher verpflichtend. Sie könnte für präventive Vorkehrungen oder militärische Interventionen dienen. Vielmehr versucht diese Arbeit jedoch zu klären, welche Vorstellungen, Gründe, Zwänge, oder Träume eine Gruppierung, in diesem Fall der Islamisten, so paralysieren können, dass sie ihrem eigenen Leben und dem Leben anderer Menschen keinen Wert mehr beimessen. Die individualpsychologischen Motive, wie Rache, Vergeltung oder die Belohnung für einen Märtyrer im Dies- und Jenseits, sind nur sekundär von Relevanz für diese Ausarbeitung.

Trotz dessen ist es unabdingbar sich zunächst anzusehen, welche religiösen Normen und ideologischen Vorstellungen von Islamisten ihr gemeinsames Grundethos bilden. Um dieses Ethos auf einen Selbstmordattentäter zu übertragen bedarf es einer genauen historischen Analyse, um womöglich ein Trauma festzustellen, welches destruktive Handlungen hervorrufen kann.[2] Daraufhin wird erörtert, welche Tatsachen ein altruistischer Selbstmord, dem Selbstmord zum Wohl der Allgemeinheit, nach der Meinung der Islamisten, unerlässlich machen.[3] Die Auswirkungen und Reaktionen auf ganze Wellen von islamistischen Selbstmordattentaten werden im letzten Teil dieser Arbeit behandelt.

2. Grundlagen zum Verständnis

2.1 Religiöse und gesellschaftliche Legitimation der Selbstmordattentate

Für die Erklärung von Selbstmordattentaten sind islamische Werte und Normen entscheidend, welche im Voraus geklärt werden müssen. Da der Koran und die Überlieferungen der Aussagen des Propheten Mohammed, aus denen sich die Grundwerte und die Regeln des alltäglichen und nicht alltäglichen Lebens der Muslime ergeben, in vielerlei Hinsicht verschieden interpretiert werden können, bedarf es an Entscheidungen und Auslegungen von Gelehrten und namhaften Personen der Öffentlichkeit in islamisch geprägten Gesellschaften.[4] Ihre Interpretationen prägen letztlich die Meinung ihrer Gesellschaft, was wiederum eine Auswirkung auf denjenigen hat, der womöglich die Absicht hat ein altruistisches Selbstmordattentat zu verüben.

Während der berühmten Schlacht bei Badr offenbarte sich dem Propheten Mohammed das Korankapitel „Al-Hadsch“, die Pilgerfahrt.[5] In dieser Sure wurde ihm und seinen Anhängern „Die Erlaubnis zur Verteidigung“ erteilt.[6] Diese Erlaubnis ist unter der im deutschen Sprachgebrauch bekannten Bezeichnung „heiliger Krieg“ bekannt. Er wird im Koran als „der kleine Dschihad“ bezeichnet.[7] Der kleine Dschihad erlaubt, sich gegen Unterdrückung und Verfolgung zu verteidigen und das Land, in dem man lebt und seinen Glauben, gegebenenfalls unter Einsatz von Waffen, zu schützen.[8] Wer auf diesem Weg stirbt, wird nach der Lehre des Islam als Märtyrer bezeichnet. Zum Dschihad muss ein Stellvertreter der Glaubensgemeinschaft oder des Staates ausrufen. So forderte beispielsweise einer der großen Imame der Al-Azhar Universität in Ägypten, Scheich Muhammed Said Tantawi, das gesamte palästinensische Volk auf mit aller Macht Märtyreroperationen gegen den Feind auszuüben und erklärte, diese seien die höchste Form des Dschihads.[9] Das Interesse der Öffentlichkeit entstand mit der öffentlichen Diskussion über die Legitimation der Selbstmorde als Märtyrertode. Viele namhafte Autoritäten der islamischen Welt waren sich einig, dass die Attentäter keine Selbstmörder darstellten.[10] Sie seien vielmehr Märtyrer, welche in einer Konfliktsituation, angesichts des vorherrschenden Dschihads, zur Selbstverteidigung handelten. Hierbei sei die Absicht, die dahinter stecke, ausschlaggebend. Wenn sie sich töteten, weil sie „das Leben satt“ hätten, wären sie Selbstmörder. Weil sie sich jedoch opferten um den Feind zu treffen, und/oder um Gottes Willen und/oder um das Leben der kommenden Generationen zu gewährleisten, seien sie Märtyrer.[11] Eine Bedeutung gewinnt dieser Aspekt erst, wenn man sich vergegenwärtigt, dass nach der Lehre des Islam einem Selbstmörder grundsätzlich der Eintritt in das Paradies verweigert wird, wohingegen einem Märtyrer nach dem Tod „die Tür zum Paradies offensteht“.[12]

Nach Thorsten Gerald Schneiders sei die mögliche Begründung durch die Lehren des Islam und die öffentliche Debatte von Selbstmordattentaten normativ für die Ergebnisse empirischer Studien in Palästina zwischen 1997 und 2002 gewesen.[13] Demnach stimmten im Dezember 2001 74% der palästinensischen Bevölkerung für die Selbstmordattentate, im März 2002 waren es 72% und im Juni 2002 68,1%. Im März 1999 hingegen waren 67% gegen die Anschläge. Meinungsverschiedenheiten habe es bei der Frage gegeben, ob man die Selbstmordattentate gegen israelische Ziele unter den vorherrschenden politischen Bedingungen unterstütze. Im März 2002, dem Monat mit den meisten Anschlägen, sank die Zahl derer, die auf diese Frage keine Antwort wussten von 4% auf 0,2%, während 1997 knapp 13% keine Meinung hatten. Laut Schneiders könne man feststellen, dass im Laufe der Zeit die Öffentlichkeit die Selbstmordattentate als gewöhnliche und wirkungsvolle Waffe wahrnahm. Diese Wahrnehmung der Allgemeinheit beeinflusse den unentschlossenen potentiellen Attentäter in seiner Entscheidungsfindung. Ihm würden religiöse, moralische und gesellschaftliche Bedenken genommen.[14] Der Wissenschaftler, Dawud Gholamasad stellt aus seinen Forschungen zusätzlich fest, dass die Meinung der Gesellschaft kontrollierend auf die Mitglieder einer Gruppe, somit auch auf den potentiellen Selbstmordattentäter, wirke. Weiterhin meint er, dass die vom Islam geprägte Gruppenmeinung über den altruistischen Selbstmord als national und religiös verlangtes und unterstütztes Handlungsziel hervorgehoben werde. Die Erreichung dieses Handlungsziels werde als „verpflichtend“ und „zwingend“ empfunden. Doch sei, für diese Art der Aufopferung für das Allgemeinwohl nach den Prinzipien des Dschihads, wie schon oben genannt, ein Zustand der Verteidigung notwendig.[15] Hier bietet der Islamismus in seiner Definition einen möglichen Ansatz für solch eine Verteidigungssituation. Der Islamismus lebt von dem Glauben, der Westen sei infektiös.[16]

2.2 Die Ideologie des Islamismus

Die politische und totalitäre Ideologie des Islamismus entstand mit der Frage nach der Ursache einer westlichen Überlegenheit und des „Niedergangs“ der islamisch geprägten Gesellschaften.[17] Als Grund führen die Islamisten auf, dass der praktizierte Islam sich von seinen ursprünglichen Werten entfernt habe. Vor allem die islamisch geprägten Staaten müsse man in dieser Hinsicht kritisieren. Sie hätten sich an westlichen Vorstellungen orientiert und seien „gottlos“. Die Forderung sei, dass man sich zu den Grundwerten des Islam zurückfinden und sich von infektiösen und bedrohenden, westlichen Wertevorstellungen distanzieren sollte.[18] Charakteristisch für eine derartige Haltung ist eine Aussage von Osama bin Laden bezüglich der Präsenz von amerikanischen Soldaten in Kuwait.[19] Die größte Katastrophe, welche die Muslime seit dem Tod des Propheten erlitten hätten, sei laut bin Laden die Besetzung des Heiligen Landes von der Ka’ba und die Qible durch die Christen und ihre Verbündeten. Der Terrorismus gegen Sie sei ihre Pflicht. Die Amerikaner seien wie eine Riesenschlange, die in ihr Haus eingedrungen sei und getötet werden müsse. Der, der ihnen erlaube, bewaffnet in seinem Land umherzugehen, obwohl Sie Friede und Sicherheit genießten, sei ein Feigling.[20] Diese Aussage wirft viele Fragen auf, die noch zur Klärung ausstehen. Die Frage, welche Folgen die Okkupation des „heiligen Landes“ durch US-amerikanische Soldaten auf die islamisch geprägten Gesellschaften und insbesondere auf die Entscheidungsfindung und die Intention von potenziellen altruistischen Selbstmordattentätern hat, ist Bestandteil des nächsten Abschnitts dieser Arbeit.

[...]


[1] Vgl. Croituru 2003, S. 76.

[2] Vgl. Parens 2010, S. 32f.

[3] Vgl. Durkheim 1973, S. 248f.

[4] Aus den Überlieferungen kann man die Lebensweise Mohammeds erschließen.

[5] Vgl. Hübsch 2001, S. 29.

[6] Vgl. Hofmann 2011, S. 227.

[7] Der „große“ Dschihad meint die Anstrengung des Menschen gegen seine Triebe anzukämpfen.

[8] Vgl. Hirschmann 2006, S. 16.

[9] Vgl. Schneiders 2006, S. 80.

[10] z.B. Saddam Hussain.

[11] Vgl. Schneiders 2006, S. 76f.

[12] Vgl. Al-Buharyy 2010, S. 218 bzw. S. 328.

[13] Vgl. Schneiders 2006, S. 80f zitiert aus JMCC: Poll No. 46, September 21-25, 2002 - On Palestinian Attitudes Towards the Palestinian Situation and the Second anniversary of the Intifada.

[14] Vgl. Schneiders 2006, S. 81.

[15] Vgl. Gholamasad 2002, S. 13.

[16] Vgl. Kippenberg 2008, S. 75.

[17] Siehe hierzu Kapitel 3.1.

[18] Vgl. Hirschmann 2006, S. 15.

[19] Nach dem Sechs-Tage-Krieg.

[20] Vgl. Gholamasad 2002, S. 15 zitiert aus The Guardian: Extracts from the letters allegedly written by Osama bin Laden, S. 10.

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656203070
ISBN (Buch)
9783656205951
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194849
Institution / Hochschule
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel – Fakultät für Soziale Arbeit
Note
1,3
Schlagworte
Islamismus; Attentäter; Selbstmord; Altruismus; Leitmotive; Suicide bombing; Selbstmordattentat; Selbstmordanschlag; Machtverschiebung; Machtverhältnisse; machtstark; machtschwach; Al-Qaida; Hamas; Trauma; Islamikaze; Motive; Ideologie; islamistisch; altruistisch; Märtyrer; Märtyrertod; Der Westen; gewähltes Trauma; Terrorismus; Emile Durkheim; Max Weber; soziales Handeln; Martyrium Selbstmörder; Attentat;

Autor

  • Lars Erol (Autor)

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