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Die Ideologisierung des Ersten Weltkriegs

Über die ‚Sinnstiftung des Sinnlosen’ in den Diskursen der Intellektuellen des Deutschen Kaiserreiches 1914 bis 1918

Hausarbeit 2008 26 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Gliederung

1. Die Ideologisierung des Ersten Weltkrieges – Aufgabenstellung und Leitfragen der Seminararbeit

2. Ausgangspunkt ‚Augusterlebnis’ 1914 und der ‚Geist von 1914’: Kriegsbereitschaft und Kriegsmentalität zwischen Mobilmachung und Burgfrieden

3. Die ‚geistige’ Selbstmobilisierung der kulturellen Elite im Kaiserreich (1914-16)
3.1. Intellektuelle Eliten im „Krieg der Geister“ und die ‚Ideen von 1914’
3.2. ‚Gott mit uns’: Die Nationalisierung der Religion im Ersten Weltkrieg und die Sakralisierung des Politischen
3.3. Kriegsdichtung im Ersten Weltkrieg: Die ‚poetische Mobilmachung’

4. Desillusionierung und Polarisierung im ‚Krieg der Geister’ 1916-18

5. Zusammenfassung der ‚intellektuellen Mobilmachung’ im Deutschen Kaiserreich – Ausblick

6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1. Quellenverzeichnis
6.2. Sekundärliteratur

1. Die Ideologisierung des Ersten Weltkrieges – Aufgabenstellung und Leitfragen der Seminararbeit

„ Eine neue geschichtliche Epoche begann für die Welt und (…) für das deutsche Volk mit dem August 1914.“[1]

Derart äußerte sich Friedrich Meinecke 1916 rückblickend zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Dass „die große Urkatastrophe (des Zwanzigsten Jahrhunderts)“[2] in der Tat in vielerlei Hinsicht eine Zäsur im Sinne einer historischen Epochenscheide darstellt, ist weitgehend Konsens in der Geschichtsschreibung.[3]

Nicht nur gesellschaftliche Prozesse wie der Niedergang des Bürgertums als führende gesellschaftliche Schicht in Europa nehmen hier ihren Ausgangspunkt. Der ‚Große Krieg’ bedeutet auch das Ende der traditionellen Hegemonie des europäischen Kontinents in der Welt und kann überdies – indem es nach dem Zusammenbruch des noch das 19. Jahrhundert bestimmenden europäischen Mächtesystems durch den Ersten Weltkrieg nicht gelingt, eine stabile politische Ordnung zu etablieren – als Eröffnung des „Zeitalter(s) der Extreme“[4] gelten, wobei er mit seinen Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft der verschiedenen Staaten bereits den Keim des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges in sich zu tragen scheint.[5]

Ausgehend von der Annahme, dass die Nation als kulturell geformtes Ideengebilde im Wesentlichen als „vorgestellte politische Gemeinschaft“[6] verstanden werden kann, die durch „erfundene Tradition(en)“[7] zum scheinbar objektiven und naturgegebenen Tatbestand stilisiert wird, wird sich diese Arbeit dem Ersten Weltkrieg hinsichtlich seiner Qualität als „nationalismusgeschichtliche Zäsur“[8] widmen.

Mit dem Fokus auf das Deutsche Kaiserreich sollen dabei weniger die innen- und außenpolitischen Ereignisse der Jahre 1914 bis 1918 im Zentrum der Darstellung stehen. Vielmehr werden die Rechtfertigung des Krieges, die sinnstiftende Deutung des ‚Sinnlosen’ vonseiten der Intellektuellen im ‚Krieg der Geister’ und die damit verbundenen Konstruktionen von nationalen Selbst- und Fremdbildern das Thema dieser Arbeit bilden. So soll dabei verdeutlicht werden, dass der ‚Große Krieg’ nicht nur aufgrund der bislang unbekannten Dimension der Inanspruchnahme der Opferbereitschaft von militärischen und zivilen Kräften und neuen Formen der Massenvernichtung, sondern auch aufgrund der „Totalisierung von Legitimation und Loyalität im Namen der Nation“[9] in die Nähe eines ‚totalen Krieges’ rückt:[10] Mit Blick auf die spontane Selbstmobilisierung der kulturellen Eliten des Kaiserreiches – Akademikern, Schriftstellern, Künstlern und Geistlichen – soll dabei zunächst vor allem mit Blick auf die Jahre 1914 bis 1916, also der Zeit, in der die nationale Euphorie in diesen Kreisen noch weitgehend erhalten ist, gezeigt werden, in welchem Maße sich die damit verbundene Ideologisierung des Ersten Weltkrieg, der die Bevölkerung als „Nationsbildungskrieg“[11] erstmals zu einer einheitlichen Willensgemeinschaft zusammenfügen scheint, von der Deutung vorheriger Nationalkriege unterscheidet.[12] In einer Art Überblick werden dabei sowohl die Ursachen für die Kriegsbegeisterung der gebildeten Schichten als auch wesentliche Formen und Tendenzen des intellektuellen Engagements berücksichtigt werden. Nach der Erläuterung der Polarisierung und Desillusionierung der Intellektuellen im weiteren Kriegsverlauf wird abschließend die langfristige Wirkungsmächtigkeit der im Zuge der ‚intellektuellen Mobilmachung’ entwickelten Deutungen des Ersten Weltkrieg besprochen werden – unter der besonderen Berücksichtigung von deren verheerenden Auswirkungen auf die Nachkriegszeit.

2. Ausgangspunkt ‚Augusterlebnis’ 1914 und der ‚Geist von 1914’: Kriegsbereitschaft und Kriegsmentalität zwischen Mobilmachung und Burgfrieden

„Niemand mehr erlaubt die Stunde, irgend etwas anderes zu sein als einzig und gar nur national, (...), er ist nicht mehr länger sein eigenes Zentrum, er ist ein kleinstes Stück von einem sehr geliebten Ganzen. Die Masse weiß das nicht, aber sie fühlt es unter der Schwelle des Bewusstseins.“[13]

Lange Zeit hielt sich der Topos von der einhelligen Begeisterung der deutschen Bevölkerung bei Kriegsausbruch mit den heraufbeschworenen Bildern von jubelnden, von patriotischer Gesinnung erfüllten Menschenmassen und im Zuge der am 2. August 1914 begonnenen Mobilmachung freudig in den Kampf ziehenden Soldaten in der historischen Forschung.[14] Durch neuere Auswertungen von zeitgenössischen Quellen in einzelnen Regionalstudien und neuerdings auch umfassenderen Untersuchungen wurde diese Vorstellung allerdings weitgehend relativiert und die Notwendigkeit sozialer und räumlicher Differenzierungen deutlich gemacht: Während vor allem die ländliche Bevölkerung und die Arbeiterschaft in den Städten auf den Kriegausbruch eher verhalten und zum Teil auch durchaus mit Sorge oder Verzweiflung angesichts des Kommenden reagierten, ergeben neuere Forschungen eindeutig, dass wirklicher Enthusiasmus nur beim städtischen Bildungsbürgertum und der Aristokratie vorhanden war.[15] Dennoch kann vor allem angesichts der kaum vorhandenen Proteste gegen den anstehenden Krieg von einer allgemeinen Kriegsentschlossenheit ausgegangen werden, die sich auch durch die Annahme, das Deutsche Reich führe einen aufgezwungenen Verteidigungskrieg, konstituiert.[16]

In Bezug auf die weitere Erklärung der zumindest allgemein vorhandenen Kriegsakzeptanz, die auch durch die große Zahl der Freiwilligenmeldungen bestätigt wird,[17] müssen für die unterschiedlichen sozialen und politischen Gruppierungen im Kaiserreich sicher verschiedene Faktoren berücksichtigt werden: Neben dem im Kaiserreich weitverbreiteten Gesinnungsmilitarismus lässt sich dabei sicher auch die Verkennung der tatsächlichen Realität eines zukünftigen Weltkrieges anführen: Ein Großteil hat noch Erwartungen an den Krieg, die aus den Erfahrungen von 1870/71 hervorgehen. Der Gedanke an einen kurzen Krieg herrschte nicht nur in der Militärplanung, sondern auch bei vielen Soldaten zu Beginn des Krieges 1914 vor. Wichtig ist auch, dass die waffentechnischen Entwicklungen seit 1870/71 und die mögliche Qualität eines zukünftigen modernen, technischen, tendenziell totalen Kriegs von vielen nicht genügend berücksichtigt oder einfach ausgeblendet wurden. Symptomatisch dafür ist, dass ein Großteil der bürgerlichen Jugendlichen der Krieg fälschlicherweise als ein großes Abenteuer betrachtet, bei dem sie ihre Männlichkeit und Tapferkeit unter Beweis stellen möchten – was sich insgesamt als eine sehr große Fehleinschätzung der Situation erweisen wird.[18]

Dass sich schließlich Vorstellungen von einem einheitlichen ‚Geist von 1914’, der die Bevölkerung jenseits aller Klassen, Konfessionen und Parteien in einer „gewaltige(n) Woge der Kriegsbegeisterung“[19] vereint, herausbilden, erklärt sich dabei vor allem durch das weitgehende Fehlen kriegskritischer Stimmen in der Öffentlichkeit – von deren gänzlichem Fehlen auch obiges Zitat aus dem ‚Berliner Tageblatt’ zeugt:[20] Ob durch den sozialdemokratischen Burgfriedensschluss am 4. 8. 1914, mit dem die bislang in der Opposition befindliche sozialdemokratische Partei als stärkste Fraktion im Reichstag den Kriegskrediten zustimmt und der Regierungspolitik für die Dauer des Krieges Unterstützung zusagt[21] oder ähnliche Affirmationen von bisher gesellschaftlich marginalisierten Gruppen wie der katholischen Kirche oder dem ‚Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens’:[22] Bei vielen Zeitgenossen entsteht zumindest der Eindruck, dass „das ganze deutsche Volk einig bis auf den letzten Mann!“[23] hinter den Truppen stehe – wie dies Reichskanzler Bethmann Hollweg in einer Rede vor dem Reichstag am 4. 8. 1914 behauptet.Bedeutsam für die Fragestellung der Seminararbeit ist das ‚Augusterlebnis’ auch deshalb, weil dieses den Ausgangspunkt für die ‚Sinndeutung des Sinnlosen’, also der sinnstiftenden Ideologisierung des Krieges bietet, die im Folgenden besprochen werden soll.

3. Die ‚geistige’ Selbstmobilisierung der kulturellen Elite im Kaiserreich (1914-16)

„Propaganda, die Zerstörung bestimmter Überzeugungen und die Schöpfung anderer“:[24] Darin liegt für den englischen Schriftsteller H. G. Wells in seiner 1914 verfassten Schrift The War That Will End War geradezu der eigentliche Sinn des Ersten Weltkrieges. In der Tat gewann die Meinungslenkung und damit die Ideologisierung des Krieges von 1914 bis 1918 – auch da die Stimmung der Massen durch die neue Dimension der Einbeziehung der Bevölkerung an der ‚Heimatfront’ zu einem wesentlichen Faktor der Kriegsführung wurde – an Bedeutung, so dass in verschiedenen Staaten ‚Aufklärungs’- und ‚Informations’-Organisationen entstanden und der Erste Weltkrieg gerade in Bezug auf das Deutsche Kaiserreich zum Beginn staatlich organisierter Propaganda wurde. Zu Beginn des Krieges steckte diese allerdings noch in den Kinderschuhen, der Einfluss des Staates auf die öffentliche Deutung des Krieges beschränkte sich weitgehend auf Zensurmaßnahmen, im Rahmen derer die Militärbefehlshaber seit Ausrufung des Kriegszustandes vor allem militärische Meldungen kontrollierten.[25]

Zunächst bestand allerdings auch wenig Notwendigkeit für die Regierungen, eine patriotische Öffentlichkeit künstlich zu schaffen: Vielmehr wird der Krieg aus eigenem Antrieb vor allem von Journalisten, Intellektuellen und Geistlichen in nationale Sinnzusammenhänge gestellt, die sich im Zuge des Kriegsnationalismus „hemmungslos zu den Vorurteilen ihres Volkes“[26] bekannten.

3.1. Intellektuelle Eliten im „Krieg der Geister“ und die ‚Ideen von 1914’

„Eine spätere Zeit wird es kaum begreifen können[27], mit welcher Willenlosigkeit, um nicht zu sagen, welcher Unterwürfigkeit sich alle Strömungen in der Tatsache des Krieges selbst verloren haben und in ihr zu neuem Leben wiederzufinden zu können glaubten. Es gibt keine geistige und kulturelle Strömung in Deutschland und außerhalb desselben, welche nicht bereit gewesen wäre, dem Krieg als Ideologie zu dienen.“[28]

Mit einer verblüffenden Hellsichtigkeit sieht der Ökonom und Soziologe Emil Lederer in seiner 1915 verfassten Schrift ‚Zur Soziologie des Weltkrieges’ die auch noch heute vorherrschende Irritation angesichts des mit der militärischen Konfrontation einhergehenden ‚Kriegs der Geister’ voraus, im Zuge dessen Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller versuchen in ihrem Selbstverständnis als Meinungsführer der Nation die Kriegsführung des eigenen Landes zu rechtfertigen und dem Krieg eine höhere Bedeutung zu verleihen – wobei sich die intellektuellen Begleitkampagnen im Ersten Weltkrieg allein schon in ihrem Ausmaß von denen vorheriger Kriege unterscheiden.[29]

Den ‚Kriegsdienst mit der Feder’ leisten deutsche Intellektuelle vor allem in Form von zahlreichen Vorträgen, Kundgebungen an Universitäten, Zeitungsartikeln, wissenschaftlichen Schriften und Aufrufen. Eine besondere Rolle bei der großen Beteiligung an der geistigen Mobilmachung spielen dabei auch die Erwartungen und Hoffnungen, die sich für die Gebildeten – unter dem Eindruck einer als negativ empfundenen Friedenszeit vor 1914, in welcher die enormen gesellschaftlichen und geistigen Veränderungen von einem wachsenden Kulturpessimismus begleitet wurden – mit dem Ersten Weltkrieg verbinden.[30] Schriftsteller und Künstler begrüßen den Krieg dementsprechend aus ästhetischen Gründen, da sie auf eine kulturelle Erneuerung deutschen Kunstschaffens hoffen, wobei der Krieg die deutsche Nationalkultur sowohl von ausländischen Einflüssen befreien als auch ihre Vormachtsstellung in Europa bekräftigen soll. Dagegen versuchen die Akademiker – das Vorbild Fichtes vor Augen – mit ihrem Engagement vor allem in der Absage einer gelehrten ‚Elfenbeinturmexistenz’ ihre Bedeutung für die Gesellschaft als Orientierungshilfe in Krisensituationen zu bekräftigen.[31]

Inhaltlich zeichnen sich in den Äußerungen der intellektuellen Eliten bestimmte, wiederkehrende Argumentationslinien ab, die im Folgenden in zusammengefasster Form dargestellt werden und in der Forschungsliteratur häufig unter dem Schlagwort ‚Ideen von 1914’ auftauchen:[32] Ausgehend von dem zu Kriegsbeginn erfahrenen ‚Wunder’ des ‚Augusterlebnisses’ durch das sich die ‚wahre deutsche Nation’ als Volksgemeinschaft offenbart habe, geht man von einer als positiv verstandenen Revolution der Deutschen im August 1914 aus, die der Französischen Revolution, genauer gesagt den ‚Ideen von 1789’, gegenübergestellt wird.[33] Der Erste Weltkrieg wird dementsprechend als Kampf zwischen Deutschland und England bzw. Frankreich zu einem Krieg von epochaler Bedeutung um den Geltungsanspruch dieser unterschiedlichen Konzepte stilisiert.[34]

Zum Hauptfeind wird die ‚westeuropäische Zivilisation’ erklärt, von der man behauptet, sie befördere mit ihrer „händlerische(n) (...) Weltanschauung“[35] einen negativen, egoistisch auf Genuss und Selbstbereicherung ausgerichteten Individualismus und gehe einher mit einer Tendenz zu Oberflächlichkeit, Kulturverfall und Bindungslosigkeit. Dieser stellt man die tiefe, sittliche volksgemeinschaftlich eingebundene ‚Kultur’ gegenüber, die zum wesentlichen Merkmal der deutschen Nation erhoben wird.[36] Gegenüber dem westlichen parlamentarischen System wird das eigene politische Staatsmodell idealisiert: Betont wird so die Überlegenheit der konstitutionellen Monarchie mit stark obrigkeitsstaatlichen und bürokratischen Zügen, die dem Einzelnen eine ‚deutsche Freiheit’, verstanden als einer aufs Gemeinwohl bedachte Entfaltung der Persönlichkeit in einem größeren Ganzen, gewähren würde.[37] Um das im ‚Geist von 1914’ erfahrene Gemeinschaftsgefühl, das die Konflikte der Parteien, Klassen und Konfessionen in der Vorkriegszeit scheinbar aufgehoben hat, auf längere Zeit zu erhalten, entwickeln sich dabei auch auf politisch-soziale Änderungen abzielende Ordnungsvorstellungen wie die ‚Volksgemeinschaft eines nationalen Sozialismus’ von Johann Plenge, die auf der Grundlage der sich abzeichnenden Umstellung von Wirtschaft und Gesellschaft auf den Kriegszustand formuliert werden.[38] Vergessen darf man im Rahmen der intellektuellen Mobilmachung nicht, dass die Stellungnahmen deutscher Gelehrter Reaktionen auf die Anschuldigungen ihrer internationalen Kollegen sind und in ein „polemisches Gespräch“[39] eingeordnet werden müssen, im Zuge dessen sich die verschiedenen nationalistischen Positionen gegenseitig radikalisieren und sich die jeweils eigene ‚Wahrheit’ zum objektiven Tatbestand festigt: Beispielhaft wird dies anhand des „Aufrufs an die Kulturwelt“ deutlich, der von 93, teilweise weltberühmten Gelehrten und Künstlern unterzeichnet und am 4. Oktober 1914 in allen großen Tageszeitungen des Reiches veröffentlich wird und international großes Aufsehen erregt.[40] Mit ihrem fünfmaligen „Es ist nicht wahr“ antworten die „Vertreter deutscher Wissenschaft und Kunst“[41] auf die Vorwürfe der Alliierten angesichts der von deutschen Soldaten in Belgien verübten Gräueltaten – und dies ohne den Realitätsgehalt der Anschuldigungen zu überprüfen. Geprägt von der Überzeugung, Opfer eines ‚Angriffs’ geworden zu sein, sehen sie in diesen keine Reaktion auf die Kriegsführung des eigenen Landes, sondern vielmehr nur ein besonders heimtückisches Kriegsmittel. Gleichzeitig wehren sie sich mit demselben Manifest gegen die ‚Zwei-Deutschland-These’, mit der man zu Kriegsbeginn besonders in England das ‚gute Deutschland’ Goethes und Kants vom ‚schlechten Deutschland’ des preußischen Militarismus trennen will – was insofern bemerkenswert ist, als eben jener Militarismus vonseiten deutscher Intellektueller in der Vorkriegszeit noch massiv kritisiert wurde.[42] In der zeitgenössischen Diskussion wird dieser nun umgedeutet und mit ‚typisch deutschen’ Tugenden wie Opferbereitschaft, Pflichterfüllung und Treue gleichgesetzt.[43]

[...]


[1] Meinecke, Friedrich: Geschichte und öffentliches Leben. In: Jäckh, Ernst (Hg.): Der große Krieg als Erlebnis und Erfahrung. Band 1. Gotha 1916, S. 18-26, hier S. 18;

[2] Kennan, George F.: Bismarcks europäisches System in der Auflösung. Die französisch-russische Annäherung 1875-1890. Frankfurt; Berlin; Wien 1981, S.12.

[3] Zur Kritik an der These vom Ersten Weltkrieg als Zäsur: Vgl. Reimann, Aribert: Der Erste Weltkrieg – Urkatastrophe oder Katalysator? In: Aus Politik und Zeitgeschichte B29-30 (2004), S. 30-38.

[4] Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München; Wien 1995.

[5] Mommsen, Wolfgang J.: Die Urkatastrophe Deutschlands. Der Erste Weltkrieg 1914-1918. Zehnte, völlig neu bearbeitete Auflage. Band 17. Stuttgart 2002, S.14, 150-153. Vgl. auch Schulin, Ernst: Die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts. In: Michalka, Wolfgang (Hg.): Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse. München 1994, S.3-27.

[6] Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Konzeptes. Frankfurt am Main 1993, S.15. Vgl. dazu auch ebd., S.15-17.

[7] Hobsbawm, Eric: Das Erfinden von Traditionen. In: Conrad, Christoph; Kessel, Martina (Hg.): Kultur und Geschichte. Neue Einblicke in eine alte Beziehung. Stuttgart 1998, S.97.

[8] Weichlein, Siegfried: Nationalbewegungen und Nationalismus. Darmstadt 2006, S.142.

[9] Leonhard, Jörn: Die Nationalisierung des Krieges und der Bellizismus der Nation. Die Diskussion um „Volks“- und „Nationalkrieg“ in Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten seit den 1860er Jahren. In: Christian Jansen (Hrsg.): Der Bürger als Soldat : die Militarisierung europäischer Gesellschaften im langen 19. Jahrhundert. Ein internationaler Vergleich. Essen 2004, S. 104.

[10] Zur Definition des ‚totalen Krieges’: Vgl. Förster, Stig: Totaler Krieg, in: Hirschfeld, G.; Krumeich, G;. Renz, I. (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003, 924–926.

[11] Weichlein, Siegfried: Nationalbewegungen und Nationalismus, S.142.

[12] Vgl. Leonhard, Jörn: Vom Nationalkrieg zum Kriegsnationalismus. Projektion und Grenze nationaler Integrationsvorstellungen in Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten im Ersten Weltkrieg. In: Ulrike v. Hirschhausen (Hrsg.): Nationalismen in Europa : West- und Osteuropa im Vergleich. Göttingen 2001, S. 204 – 240.

[13] Berliner Tageblatt (M) vom 2. 8. 1914, S.6. Ähnliche Aussagen sind auch in anderen, zeitgenössischen Zeitungen zu finden, wie beispielsweise in der nationalliberalen „Kölnischen Zeitung“ vom 2. 8. 1914, S.1: „Da dachte keiner mehr daran, was ihn noch gestern von den Volksgenossen getrennt hatte, ob konservativ, ob liberal, ob Zentrumsmann oder Sozialdemokrat, sie alle einte der Schwur: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern!“

[14] Vgl. Müller, Sven Oliver: Die Nation als Waffe und Vorstellung. Nationalismus in Deutschland und Großbritannien im Ersten Weltkrieg. Göttingen 2002, S.56 ff.

[15] Unter den allgemeineren Untersuchungen wären so z.B. die Untersuchungen von Raithel oder Verhey zu nennen. (Vgl. Raithel, Thomas: Das „Wunder“ der inneren Einheit: Studien zur deutschen und französischen Öffentlichkeit bei Beginn des Ersten Weltkrieges. Bonn 1996. Siehe auch Verhey, Jeffrey: Der “Geist von 1914” und die Erfindung der Volksgemeinschaft. Hamburg 2000, S.129-193.) Regionalgeschichtliche Ansätze bietet unter anderem die Untersuchung von Stöcker. (Vgl. Stöcker, Michael: "Augusterlebnis 1914" in Darmstadt. Legende und Wirklichkeit. Darmstadt 1994.)

[16] Vgl. Raithel, Thomas: „Wunder“, S.498.

[17] In Bezug auf die Kriegsfreiwilligenzahlen vom August 1914 liegen unterschiedliche Angaben vor. Die Schätzung von 1,3 Millionen wird mittlerweile allerdings bezweifelt. (Vgl. Ulrich, Bernd: Die Desillusionierung der Kriegsfreiwilligen von 1914. In: Wette, Wolfgang (Hg.): Der Krieg des kleinen Mannes. München 1992, S.114.)

[18] Vgl. Rohkrämer, Thomas: August 1914 – Kriegsmentalität und ihre Voraussetzungen. In: Michalka; Wolfgang (Hg.): Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse. München 1994, S.759-777. Siehe auch die Aufsätze in: Dülffer, Jost; Holl, Karl (Hg.): Bereit zum Krieg. Kriegsmentalität im wilhelminischen Deutschland 1890-1914. Göttingen 1986.

[19] Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1966-1918. Zweiter Band. Machtstaat vor der Demokratie. München 1993, S.778.

[20] Vgl. Jeismann, Michael: Das Vaterland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstverständnis in Deutschland und Frankreich 1792-1918. Stuttgart 1992, S.300.

[21] Vgl. zu den Hintergründen dieses Beschlusses und der weiteren Entwicklung der sozialdemokratischen Haltung(en) zum Krieg: Mühlhausen, Walter: Die Sozialdemokratie am Scheideweg – Burgfrieden, Parteikrise und Spaltung im Ersten Weltkrieg. In: Michalka, Wolfgang (Hg.): Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse. München 1994, S.649-671.

[22] Vgl. hierzu Hürten, Heinz: Die katholische Kirche im Ersten Weltkrieg. In: Michalka; Wolfgang (Hg.), Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, München 1994, S. 725-735. Siehe auch: Picht, Clemens: Zwischen Vaterland und Volk. Das deutsche Judentum im Ersten Weltkrieg. In: Michalka; Wolfgang (Hg.), Der Erste Weltkrieg. Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, München 1994, S. 736-755.

[23] Bethmann Hollweg, Theobald v.: Sechs Kriegsreden des Reichskanzlers. Berlin 1916, S. 11f.

[24] Wells, H.G.: The War That Will End War, London 1914, S.90.

[25] Vgl. Jeismann, Michael: Propaganda. In: Hirschfeld, Gerhard; Krumeich, Gerd; Renz, Irina (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. München; Wien; Zürich 2003, S.198-209. Siehe auch: Verhey, Jeffrey: Krieg und geistige Mobilmachung. Die Kriegspropaganda. In: Kruse, Wolfgang (Hg.): Eine Welt von Feinden. Der große Krieg 1914-1918. Frankfurt am Main 1997, S.176-183.

[26] Russel, B.. Zitiert nach: Foerster, F.W.: Weltpolitik und Weltgewissen. München 1919, S.80.

[27] Dieses Schlagwort taucht zum ersten Mal als Titel der 1915 veröffentlichten Anthologie von Hermann Kellermann auf, der darin verschiedene Stellungnahmen der deutschen Intelligenz zum Ersten Weltkrieg versammelt. (Vgl. Kellermann, Hermann (Hg.): Der Krieg der Geister. Eine Auslese deutscher und ausländischer Stimmen zum Weltkriege. Weimar 1915.)

[28] Lederer, Emil: Zur Soziologie des Weltkrieges (1915). In: Lederer, Emil: Kapitalismus, Klassenstruktur und Probleme der Demokratie in Deutschland 1910-1940. Göttingen 1979, S.119-144, hier S.137.

[29] Vgl. Ungern-Sternberg, Jürgen von: Wissenschaftler. In: Hirschfeld, Gerhard; Krumeich, Gerd; Renz, Irina (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. München, Wien, Zürich 2003. S.169 f..

[30] Vgl. Fries, Helmut: Die große Katharsis. Der Erste Weltkrieg in der Sicht deutscher Dichter und Gelehrter. Band 1. Die Kriegsbegeisterung von 1914: Ursprünge – Denkweisen – Auflösung. Konstanz 1994, S.125-138.

[31] Vgl. Schneider, Uwe; Schumann, Andreas: Einführung. In: Schneider, Uwe; Schumann, Andreas (Hg.): Krieg der Geister. Erster Weltkrieg und literarische Moderne. Würzburg 2000, S.7 f. Mommsen, Wolfgang J.: Einleitung: Die deutschen kulturellen Eliten im Ersten Weltkrieg. In: Mommsen, Wolfgang J. (Hg.) Kultur und Krieg. Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. München 1996, S.1-9.

[32] Dieser Begriff wurde von dem Nationalökonomen Johann Plenge geprägt und bezeichnet ein spezifisches, von ihm entwickeltes politisches Ordnungsmodell. (Plenge, Johann: 1789 und 1914. Die symbolischen Jahre in der Geschichte des politischen Geistes. Berlin 1916.) Der Begriff wird aber in den zeitgenössischen Diskussionen aufgegriffen und wird in der Forschung dementsprechend meist als Schlagwort auch mit anderen Konzepten in Verbindung gebracht. (Vgl. Joas, Hans: Die Sozialwissenschaften und der Erste Weltkrieg: Eine vergleichende Analyse. In: Mommsen, Wolfgang J. (Hg.) Kultur und Krieg. Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. München 1996, S.19.)

[33] Der Nationalökonom Plenge fasst den Eindruck, der August 1914 bilde den Auftakt zu einer neuen, von Deutschland bestimmten Epoche der Weltgeschichte dementsprechend mit folgenden Worten: „Da ist ein neuer Geist geboren, der Geist der stärksten Zusammenfassung aller wirtschaftlichen und ökonomischen Kräfte zu einem neuen Ganzen, in dem alle mit gleichem Anteil leben. Der deutsche Staat!“ (Vgl. Plenge, Johann: Der Krieg und die Volkswirtschaft. Münster 1915, S.187 f.)

[34] Vgl. Rürup, Reinhard: Die Ideologisierung des Krieges: Die „Ideen von 1914“. In: Böhme, Helmut; Kallenberg, Fritz (Hg.): Deutschland und der Erste Weltkrieg. Ringvorlesung an der technischen Hochschule Darmstadt im Wintersemester 1984/85. Darmstadt 1987, S.129-137.

[35] Sombart, Werner: Händler und Helden. München; Leipzig 1915, S.4.

[36] Vgl. Kruse, Wolfgang: Krise und nationale Identität: Die Ideologisierung des Krieges. In: Kruse, Wolfgang (Hg.): Eine Welt von Feinden. Der große Krieg 1914-1918. Frankfurt am Main 1997, S.173.

[37] Vgl. Meineke, Stefan: Friedrich Meinecke und der „Krieg der Geister. In: Mommsen, Wolfgang J. (Hg.) Kultur und Krieg. Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. München 1996, S.111 f. Vgl. Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1966-1918. Zweiter Band, S.779.

[38] Vgl. Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft oder Volksstaat. Die „Ideen von 1914“ und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Berlin 2003, S.93-141.

[39] Ungern-Sternberg, Jürgen von: Wie gibt man dem Sinnlosen einen Sinn? Zum Gebrauch der Begriffe ‚deutsche Kultur’ und ‚Militarismus’ im Herbst 1914. In: Mommsen, Wolfgang J. (Hg.) Kultur und Krieg. Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. München 1996, S.90.

[40] Zur Entstehung und Wirkung des Manifests: Vgl. Ungern-Sternberg, Jürgen von; Ungern-Sternberg, Wolfgang von: Der Aufruf ‚An die Kulturwelt!’ Das Manifest der 93 und die Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1996, S. 17-60, 81 ff.

[41] Aufruf: „An Die Kulturwelt“. Zitiert nach: Von Ungern-Sternberg, Jürgen; Von Ungern-Sternberg, Wolfgang: Der Aufruf ‚An die Kulturwelt!’ Das Manifest der 93 und die Anfänge der Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1996, S.144 f.

[42] Vgl. Ungern-Sternberg, Jürgen von: Wie gibt man dem Sinnlosen einen Sinn, S.91 f.

[43] Vgl. Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft oder Volksstaat, S.91.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656210221
ISBN (Buch)
9783656211006
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195275
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,00
Schlagworte
Erster Weltkrieg Augusterlebnis Propaganda Kriegsliteratur Universitäten Kirche Religion 1914-1918 Kaiserreich Nationalismus

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Titel: Die Ideologisierung des Ersten Weltkriegs