Lade Inhalt...

Ein Land, eine Sprache, zwei Wege?

Der Mutterspracherwerb im Kindesalter. Ein Vergleich der DDR und der heutigen BRD

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 28 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Erwerb und Förderung der Muttersprache in der DDR
2.1. Aufbau und Inhalt des Bildungsplanes
2.2. Erwerb und Förderung der Muttersprache
2.3. Die Bedeutung der Muttersprache im Kindergartenalltag

3. Umgang mit Kommunikation und Sprache in den Kindertagesstätten des 21. Jh.
3.1. Aufbau und Inhalt der Bildungspläne
3.2. Umgang mit Kommunikation und Sprache
3.3. Die Besonderheit der Mehrsprachigkeit

4. EinVergleich

5. Ausblick

6. Eigenständigkeitserklärung

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

,,Früher war alles besser“ lautet heutzutage der Spruch vieler ehemaliger DDR-Bürger mit dem sie sich häufig auf das vorherrschende Bildungssystem beziehen. Die Kinder „damals“ sollten mit dem Schuleintritt „[,] Willenseigenschaften wie Zielstrebigkeit, Ausdauer, Auf­merksamkeit und Konzentration [,]“ [1] ausgebildet sowie die Bereitschaft und Fähigkeit ent­wickelt haben, „[,] sich anzustrengen und diszipliniert zu verhalten [,]“. [2] Dies war auch eindeutig in dem Bildungsprogramm definiert, wohingegen sich die Ziele der Bildungssyste­me von heute mehr an der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und den damit verbundenen Kompetenzen orientieren. [3] „Die Kompetenzen sollen das Kind in die Lage versetzen, in ver­schiedenen Situationen seines Lebens selbständig und verantwortungsbewusstzu handeln,“ [4] Im Fokus dieser Hausarbeit soll nun die Frage beantwortet werden: Inwiefern unterscheidet sich das Bildungsprogramm für Kindergärten der DDR hinsichtlich des Spracherwerbs und dessen Förderung zu dem Heutigen? Als Grundlage dient dazu u.a. das Original des Bil­dungsprogramms für die Bildungs- und Erziehungsarbeit in Kindergärten der DDR. [5] Auf­grund des föderalistischen Systems hat heutzutage jedes Bundesland seine eigenen Vorstel­lungen von der Arbeit in den Kindertageseinrichtungen formuliert. Im Rahmen dieser Haus­arbeit kann natürlich nicht auf jedes Programm im Detail eingegangen werden, stattdessen wird sich dabei hauptsächlich auf das Berliner Bildungsprogramm [6] gestützt und dieses ab­schnittsweise mit Auszügen des Programms für Sachsen-Anhalt sowie Mecklenburg- Vor­pommern abgeglichen. Hervorzuheben ist dabei, dass es sich bei der Betrachtung der ver­schiedenen Konzepte stets um staatliche Einrichtungen handelt und pädagogische Konzepte nach Freinet oder Montessori nicht berücksichtigt werden sollen.

Die Sprache wird hierbei in den Mittelpunkt gestellt, da sie immer gegenwärtig ist und man sich wohl kaum naturwissenschaftliche Phänomene, mathematische Regeln oder Musikstücke aneignen kann, ohne wenigstens eine Sprache zu beherrschen. „Die Grenzen meiner Spra- che(n) sind die Grenzen meiner Welt:“ [7]

2. Erwerb und Förderung der Muttersprache in der DDR

2.1 Aufbau und Inhalt des Bildungsplanes

Im Folgenden soll nun kurz auf den Aufbau des Bildungsplans der Kindergärten der DDR eingegangen sowie deren Aufgaben und Ziele erläutert werden. Im Anschluss daran werden die Details zum Thema des Erwerbs und der Förderung der Muttersprache hervorgehoben, sodass nachvollzogen werden kann, welche Anforderungen an die Kinder gestellt und welche Ziele damit verfolgt wurden.

Der Bildungsplan ist in drei große Abschnitte untergliedert, welche sich jeweils mit der ent­sprechenden Altersgruppe beschäftigen. Im Kindergarten durchlaufen die Kinder die Stufen der „Jüngeren Gruppe“ (3-4 Jahre), der „Mittleren Gruppe“ (4-5 Jahre) und der „Älteren Gruppe“ (5-6 Jahre). [8] In jedem der einzelnen Kapitel wird detailliert auf die moralisch­sittliche, geistige, ästhetische und körperliche Erziehung eingegangen sowie die Inhalte, Ab­folge und Dauer der Beschäftigungen mit den Themen wie z.B. Kunst, Musik, Sport oder Muttersprache und Kinderliteratur genauestens erläutert. Dabei ist ergänzend aufgelistet, wie sich die Erzieherin zu verhalten hat, auf welche Besonderheiten geachtet werden muss und welche Fähigkeiten die Kinder dabei erwerben sollen. Der Anhang enthält stets Anregungen und Vorgaben zu z.B. Liedern, Gedichten, Märchen oder Kenntnissen über bestimmte Sach­verhalte, welche die Kinder erlernen sollen. [9]

Die Hauptaufgabe des Kindergartens der DDR bestand in erster Linie darin, jedes Kind für­sorglich zu betreuen, sozialistisch zu erziehen und dabei eine gute Vorbereitung für die Schu­le zu leisten. Die Kinder sollen die Bereitschaft und Fähigkeit erlangen, sich aktiv am Leben in der Gruppe zu beteiligen sowie den freundschaftlichen Umgang miteinander, Hilfsbereit­schaft, Ehrlichkeit und Disziplin zu erlernen. Es wird Wert darauf gelegt, dass das Denken und die Sprache der Kinder ausgebildet und ihre muttersprachliche Entwicklung gefördert wird. Während der Auseinandersetzung mit Reimen, Gedichten, Märchen, Bildern oder Lie­dern soll die Phantasie der Kinder entwickelt, wichtige Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernt und ihre Beziehung zur Umwelt vertieft werden. Dazu führt die Erzieherin täglich Beschäfti­gungen durch, um zu der allseitigen Entwicklung der Kinder beizutragen.

Bis zum Eintritt in die Schule sollen die Gefühle, Charakter- und Willenseigenschaften stetig ausgebildet, die Aufmerksamkeit, Ausdauer, Freude und das Interesse am Lernen entwickelt sowie die Einstellung, sich stets diszipliniert zu verhalten und anzustrengen, erworben worden sein. [10]

2.2 Erwerb und Förderung der Muttersprache

,,Wer eine Sprache sprechen will, muss diesen Wortschatz erwerben“. [11] Die Sprache gilt als wichtigstes Kommunikationsmittel der Menschen, weshalb die Wortschatzerweiterung bereits Aufgabe der Spracherziehung im Vorschulalter ist. In dieser Zeit können die Kinder sprachli­che Anregungen besonders schnell aufnehmen und Defizite ausbessern. Die Sprachimpulse, welche sie in diesem Zeitraum bekommen, prägen sich in ihr späteres Sprachverhalten ein. Grundlegende Fähigkeiten des Sprachverständnisses und des Sprachgebrauchs sind jedem Menschen angeboren. Jeweiligen Besonderheiten der Muttersprache und der Grad der Beherr­schung dieser können nur durch Lernen erworben werden. Jedes Kind, ganz gleich welcher Herkunft, durchläuft dazu verschiedene Entwicklungsstufen wie z.B. das Schreien oder Lal­len. Besonders während der sogenannte Resonanzphase (18 Monate bis 12 Jahre) kann auf den Spracherwerb erheblich Einfluss genommen werden. [12] Aus diesem Grund nimmt die Sprachförderung im Vorschulalter eine besonders wichtige Position ein, da hierbei gleichzei­tig eine Kommunikationsförderung sowie eine Förderung sozialer Verhaltensweisen stattfin­det. [13] Die meisten Kinder, welche mit 3 Jahren in den Kindergarten kommen, beherrschen eine gewisse Anzahl von Wörtern, die sich meist auf bekannte Dinge wie Personen, Tätigkei­ten, die Krippe, Familie oder eigene Wünsche beziehen. In der jüngeren Gruppe soll nun da­ran angeknüpft und der vorhandene Wortschatz durch neue Begriffe erweitert werden. Dies kann z.B. gezielt während der vorgesehenen Beschäftigungen erfolgen. Eine Beschäftigung in dieser Altersstufe umfasst 15 Minuten, wobei einmal pro Woche der Bereich Muttersprache behandelt und die sprachliche Entwicklung systematisch gefördert wird. [14]

Die Erzieherin soll die Kinder dabei stets zu sprachlicher Mitteilung und Verständigung anre­gen und sie dazu ermuntern, die eigenen Wünsche, Fragen und Antworten verständlich in kurzen Sätzen zu formulieren. [15] In der mittleren Gruppe, in welcher bereits zwei Beschäfti­gungen am Tag vorgesehen sind, die 20 bzw. 15 Minuten umfassen, werden die Anforderun­gen dahingehend erweitert, dass die Kinder auch Vorstellungen und Ideen ihrer Freunde wie­dergeben und kompliziertere Inhalte verstehen können. [16] Während der älteren Gruppe verlän­gert sich die Zeit der Beschäftigungen erneut umjeweils 5 Minuten. In diesem Alter sollen sie die Inhalte des Gesprochenen genau verstehen, ihre eigenen Gedanken sprachlich richtig und treffend formulieren sowie sich mit anderen Kindern in der zusammenhängenden Rede ver­ständigen. Mit dem Übergang in die Schule sollen alle Kinder im Wesentlichen richtig spre­chen, Dinge und Merkmale korrekt bezeichnen, Zusammenhänge und Handlungen in ver­schiedenen Satzarten erläutern und ihre eigene Meinung begründen können. [17] Teil der Be­schäftigung der jüngeren Gruppe ist zudem, dass die Erzieherin Adjektive zur richtigen Be­zeichnung von Merkmalen, Substantive mit unterschiedlichen Nachsilben sowie lautmalende Wörter einführt. Auch die Pluralbildung, die richtige Konjugation von Verben und Wendun­gen zur Wiedergabe räumlicher, zeitlicher und anderer Beziehungen sind Thema dieser Be­schäftigung. Daneben achtet sie stets darauf, dass die Kinder die Fälle und Possessivprono­men richtig gebrauchen. [18] Diese Übungen ziehen sich in unterschiedlichem Schwierigkeits­grad durch diejeweiligen Gruppen und dienen der Festigung der Grammatik. Kinder der mitt­leren Gruppe sollten z.B. in der Lage sein, Antonyme einander zuzuordnen und lautmalende Wörter spielerisch zu verwenden. [19] In der älteren Gruppe wiederum wird darauf geachtet, dass Wortkombinationen mit Verben und Adjektiven sowie Wortzusammensetzungen ver­wendet werden. Außerdem müssen sie im Stande sein, Substantive richtig zu deklinieren, Ad­jektive zu steigern und verschiedene Satzarten zu bilden. Überdies lernen die Kinder die Aus­sprache und Bedeutung von Monaten und Wochentagen. [20] Bereits in der jüngeren Gruppe sollen die erforderlichen Sinnestätigkeiten, die akustische, rhythmische und melodische Un­terscheidungsfähigkeit sowie das deutliche und lautrichtige Sprechen entwickelt werden.

In diesem Zusammenhang wird auch das geduldige Zuhören geübt [21] , da die Sprachentwick­lung bereits an dieser Stelle einsetzt. [22] Ab dem 4. Lebensjahr soll jedes Kind alle Laute und Lautverbindungen der Muttersprache richtig aussprechen sowie eigene Gedanken in gramma­tisch ordentlichen zusammenhängenden Sätzen formulieren können. Die Erzieherin kann ver­schiedene Sprech-, Sprach- und Hörspiele wie das Richtungshören, Flüsterspiele oder (Ab- zähl-)Reime einsetzen und so die Sprache mit dem praktischen Handeln der Kinder verbin­den, um diese Fähigkeiten auszubauen. Im Laufe der mittleren Gruppe werden diese Übungen erschwert, indem die Kinder z.B. bestimmte Worte aus einem gehörten Text heraushören oder falsch zusammengesetzte Wörter richtigstellen müssen. [23] Ab dem 5. Lebensjahr sollen sie während dieser Übungen bestimmte Laute aus Wörtern heraushören, kleine Reime bilden, ähnlich klingende Substantive, Verben und Pronomen unterscheiden, unvollständige Wörter ergänzen oder die Position von Vokalen in einem Wort bestimmen. Dadurch kann das pho- nematische Hören geschult werden. [24] Des Weiteren achtet die Erzieherin darauf, dass die Kinder eine angemessene Lautstärke beim Reden wählen und sie verschafft sich während jeder Übung einen genauen Überblick über denjeweiligen Entwicklungsstand. [25] Bei der mitt­leren Gruppe soll der Fokus besonders auf dem deutlichen und phonetisch [26] richtigen Spre­chen liegen sowie auf der Sprachaktivität des Kindes und seiner Fähigkeit, zusammenhängend zu erzählen. Um dies zu überprüfen, kann sie sich u.a. verschiedener Schnellsprechverse oder schwieriger Wörter bedienen, welche vom Kind wiederholt werden müssen. Dabei ist zu be­achten, dass die Erzieherin überhastetem Sprechen entgegenwirkt und Sprachnachlässigkeiten einfühlsam korrigiert. Ab der mittleren Gruppe sollen die Kinder ihre bereits erworbenen Fähigkeiten im Rahmen der moralisch-sittlichen Erziehung dahingehend ausbauen, dass sie gemeinsam mit anderen Kindern Pläne für ein Spiel umsetzen oder auch Konflikte im ge­meinsamen Interesse lösen können. Während der geistigen Erziehung ist die zielgerichtete Wahrnehmung, das Denken und die Sprache zu vervollständigen. [27] Um das zusammenhän­gende Reden zu fördern, werden die Kinder bereits ab der jüngeren Gruppe an das Erzählen herangeführt.

[...]


[1] Ministerrat der DDR Ministerium für Volksbildung: Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten, 1. Auflage, 1985, S. 175ff.

[2] Ebd., S.9.

[3] Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin: Berliner Bildungsprogramm für die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen bis zum Schuleintritt, 2004, S. 11ff.

[4] Ebd., S.26.

[5] Ministerrat der DDR Ministerium für Volksbildung: Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten, 1. Auflage, 1985.

[6] Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin: Berliner Bildungsprogramm für die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen bis zum Schuleintritt, 2004.

[7] Wittgenstein, Ludwig zit. nach: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin: Berliner Bil­dungsprogramm für die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen bis zum Schuleintritt, 2004, S.61.

[8] Ministerrat der DDR Ministerium für Volksbildung: Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten 1. Auflage, 1985, S. 5.

[9] Ebd., S. 12, 82, 174.

[16] Ministerrat der DDR Ministerium für Volksbildung: Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten 1. Auflage, 1985, S.7ff.

[10] Brumme, Gertrud- Marie: Muttersprache im Kindergarten, 1973, S.20.

[11] Huss, Katharina, Duhm, Erna (Hsrg.): Förderung sprachlicher Kommunikation 4- 6jähriger Kinder, 1. Auflage, 1977, S.12.

[12] Ebd., S.8f.

[13] Ministerrat der DDR Ministerium für Volksbildung: Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten, 1. Auflage, 1985, S.16ff.

[14] Ministerrat der DDR Ministerium für Volksbildung: Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten 1. Auflage, 1985, S.37f.

[15] Ebd., S.109f.

[16] Ebd., S.202f.

[17] Ebd., S.40f.

[18] Ebd., S.111f.

[19] Ebd., S.205f.

[20] Ministerrat der DDR Ministerium für Volksbildung: Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten 1. Auflage, 1985, S.13ff.

[21] Huss, Katharina, Duhm, Erna (Hsrg.): Förderung sprachlicher Kommunikation 4- 6jähriger Kinder, 1. Auflage, 1977, S.16.

[22] Ministerrat der DDR Ministerium für Volksbildung: Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten, 1. Auflage, 1985, S.109f.

[23] Ebd., S.203f.

[24] Ebd., S.37ff.

[25] Phonetisch: die Sprachlaute betreffend, lautlich, vgl. Wortbedeutung Online unter: http://www.wortbedeutung.info/phonetisch/.

[26] Ministerrat der DDR Ministerium für Volksbildung: Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten 1. Auflage, 1985, S.83ff.

[27] Ministerrat der DDR Ministerium für Volksbildung: Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten 1. Auflage, 1985, S.83ff.

Details

Seiten
28
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656211440
ISBN (Buch)
9783656212881
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195306
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
DDR BRD Deutsche Demokratische Republik Bundesrepublik Deutschland Kita Kindergarten Spracherwerb Muttersprache Migration Bildungspläne

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Ein Land, eine Sprache, zwei Wege?