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Suizid aufgrund von Alter und Krankheit

Seine Bewertung in der römischen Elite der Kaiserzeit

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

1. Das beschwerliche Alter
1.1 Medizin und Alter
1.2 Der krankheitsbedingte Alterssuizid
1.2.1 Die moralische Pflicht
1.2.2 Demenz

Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Vor Eintritt in das Alter sorge ich dafür, gut zu leben, im Alter, gut zu sterben: gut zu sterben, heißt aber, gern zu sterben.“[1],

argumentierte Seneca, ein Rhetoriker aus dem 1. Jh. n. Chr.[2]. Ob er mit dieser Aussage auch wirklich den freiwilligen Tod meinte, erklärt er in einer weiteren Passage, die sich ebenfalls auf das Alter und in seinen Augen auch auf den nahenden Tod bezieht:

„[…] es macht keinen Unterschied, ob er [der Tod] zu uns kommt oder wir zu ihm.[3]

Seneca formulierte hier in knappster Weise das, was bei der vorliegenden Arbeit zentrale Thematik ist, nämlich der Umgang mit dem Selbstmord aufgrund von Alter und Krankheit in der römischen Kaiserzeit. Speziell antike Aussagen, die sich mit der Bewertung dieses Themas beschäftigen, sollen in den Mittelpunkt der Analyse rücken. Aufmerksam auf die Beurteilung des Alterssuizids in der Kaiserzeit lassen uns die zahlreichen antiken Belege werden, die eine Problemlösung der Altersbeschwerden im Selbstmord gesehen haben.[4] Die Frage also, die sich bei der Eruierung zu stellen ist, lautet: Wie wurde der krankheitsbedingte Alterssuizid in der Kaiserzeit beurteilt? Eine erste These, die sich bereits aus dem anfänglichen Zitat ableiten lässt, ist, dass der Suizid aus Alters - und Krankheitsgründen durchaus befürwortet worden ist. Ob Ansichten, wie die von Senaca, eine Ausnahme in der kaiserzeitlichen Elite darstellten oder ob sie den Freitod der Alten begünstigten, wird sich im Laufe der Analyse herausstellen.

In seiner Schrift „Am Ende des Lebens. Alter, Tod und Suizid in der Antike“ zeigt uns Hartwin Brandt einen Überblick über die Geschichte des Alterssuizids in der Antike. Dabei stellt er heraus, dass neben den politisch begründeten Selbstmorden der Kaiserzeit, auch die altersbedingten Suizide keine Seltenheit waren.[5] Auch andere Autoren wie zum Beispiel Elisabeth Herrmann-Otto schlagen eine Brücke zwischen Alter, dem damit einhergehenden erhöhten Risiko für Krankheit und Armut, und Suizid.[6] Neben der zahlreichen Sekundärliteratur, ohne deren Ergebnisse diese Untersuchung nicht möglich wäre, sollen aber in erster Linie die antiken Quellen im Vordergrund stehen. Seneca, Plutarch, der jüngere Plinius, Juvenal um nur einige der Quellenschreiber zu nennen, bilden die Grundlage der Forschung.

Die Arbeit strukturiert sich in vier Teile. Im ersten Kapitel erfolgt eine Einführung in die Thematik und Quellenlage. Der zweite Absatz behandelt das Thema mit Blick auf die medizinische Versorgung der Alten. Um ein differenziertes Ergebnis zu ermöglichen wird im dritten und im vierten Abschnitt zwischen den bekanntesten Gründen für Alterssuizid, folglich Erkrankungen des Körpers und des Geistes, unterschieden. Denn bereits Hofmann stellte fest, dass oftmals den Ursachen für den Suizid eine größere Bedeutung bei der positiven oder negativen Bewertung zufiel als dem Selbstmord an sich.[7] Die anfangs gestellte These soll sich, im Verlaufe dieser Kapitel, durch wissenschaftliche Betrachtung der kaiserzeitlichen Quellen erhärten. Abschließend erfolgt eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse.

Die nachfolgende Arbeit bezieht sich auf die Stadt Rom und ihre unmittelbare Umgebung in der Kaiserzeit, das heißt im 1. und 2. Jh. n. Chr.[8] Unter Alterssuizid werden alle aktiven und passiven Handlungen verstanden, die eine Verkürzung des eigenen Lebens eines älteren Menschen zur Folge haben. Eine genaue Differenzierung des Themas zwischen einzelnen Gesellschaftsklassen, das heißt Bürger, Freigelassene oder Sklaven, kann aufgrund der Quellenarmut nicht vorgenommen werden. Alle Ergebnisse und Aussagen beziehen sich daher ausschließlich auf die männliche Elite Roms.[9]

1. Das beschwerliche Alter

Um in der Untersuchung kein falsches Bild vom Alter in der Kaiserzeit zu suggerieren, dürfen an dieser Stelle Lobpreisungen wie die vom jüngeren Plinius, der ein populärer Politiker Roms war[10], über seinen 78 jährigen Freund Spurinna nicht fehlen:

„Ich weiß nicht, ob ich jemals eine angenehmere Zeit verlebt habe als die kürzlich bei Spurinna verbrachte, so angenehm, daß ich im Alter – wenn anders es mir vergönnt ist, alt zu werden – niemandem lieber nacheifern möchte; eine geordnetere Lebensweise läst sich gar nicht denken. Wie mich der unfehlbare Lauf der Gestirne fesselt, so auch ein wohlgeordnetes Menschenleben, besonders bei alten Leuten. Der Jugend steht noch eine gewisse Unausgeglichenheit in Sturm und Drang nicht übel an, dem Alter ziemt alles, was Ruhe und Ordnung heißt; für Rastlosigkeit ist es zu spät, und Ehrgeiz wirkt abstoßend.“[11]

Die Bewunderung des Alten ist nicht zu übersehen.[12] Bei genauerer Betrachtung des gesamten Briefs fällt jedoch auf, dass die Lobpreisungen weniger dem Alter dienen, als dem Lebensstil des Älteren. Deutlich wird es vor allem, wenn folgender Nachsatz betrachtet wird:

„Daher denn auch im 78. Lebensjahre die ungeschwächte Schärfe seines Gehörs und Gesichts, daher seine körperliche Gewandtheit und Lebendigkeit, und als einzige Alterserscheinung seine Weisheit.“[13]

Plinius führte die Tüchtigkeit des 78 jährigen auf seine vorbildhafte Lebensweise zurück. Erklärte aber gleichzeitig, dass sein Freund vom Alter gar nichts als die Erfahrung habe. Diese Aussage lässt eine positive Einseitigkeit beim beschreiben erahnen. Nicht dem Alter gebührt nach Plinius die Ehre, denn vom Alter habe Spurinna nur die Erfahrung, sondern der besonders freien Lebensweise seines Freundes. Plinius skizziert ein Idealbild des Alten, der weder von Altersgebrechen noch von jugendlichem Ehrgeiz geprägt ist. Lediglich die zusagenden Seiten des Alters scheinen Spurinna zu betreffen, folglich die Weisheit und die Ruhe.

Es ist durchaus möglich, dass diese Lebensweise dem einen oder anderen betagten Alten vergönnt war. Die Voraussetzungen wie Reichtum, stabile soziale Beziehungen, ein hoher Bildungsstand und natürlich Gesundheit lassen den Kreis der betagten Alten eher klein vermuten.[14]

[...]


[1] Sen. ep. 61, 2.

[2] Vgl. Dingel, Joachim, L. Annaeus Seneca (der Jüngere), Der Neue Pauly 11 (2001), 411 – 419.

[3] Sen. ep. 69, 6.

[4] Vgl. Herrmann – Otto, Elisabeth, Altersdiskurse und Altsein in historischer Vergangenheit. Frühchristliche Altersmodelle in der römischen Antike, in: Sylvia Buchen / Maja S. Maier (Hg.), Älterwerden neu denken. Interdisziplinäre Perspektiven auf den demografischen Wandel, Wiesbaden 2008, 85.

[5] Vgl. Brandt, Hartwin, Am Ende des Lebens. Alter, Tod und Suizid in der Antike, München 2010, 92.

[6] Vgl. Herrmann – Otto, Elisabeth, Altersdiskurse und Altsein in historischer Vergangenheit. Frühchristliche Altersmodelle in der römischen Antike, in: Sylvia Buchen / Maja S. Maier (Hg.), Älterwerden neu denken. Interdisziplinäre Perspektiven auf den demografischen Wandel, Wiesbaden 2008, 81 – 87.

[7] Vgl. Hofmann, Dagmar, Suizid in der Spätantike. Seine Bewertung in der lateinischen Literatur, Stuttgart 2007, 12 f., 29.

[8] Vgl. Sommer, Michael, Römische Geschichte Bd. 2. Rom und sein Imperium in der Kaiserzeit: mit 16 Zeittafeln, Stuttgart 2009, Einleitung.

[9] Vgl. Brandt, Hartwin, De senectute oder: Alt sein in althistorischer Perspektive, in: GWU 55, 2004, 526. Parkin, Tim, Das antike Griechenland und die römische Welt. Das Alter – Segen oder Fluch?, in: Pat Thane (Hg.), Das Alter. Eine Kulturgeschichte, Darmstadt 2005, 32.

[10] Vgl. Kaletsch, Hans, Plinius Caecilius Secundus, C. (der Jüngere), Der Neue Pauly 9 (2000), 1141 – 1144.

[11] Plin. ep. 3, 1, 1 - 2.

[12] Vgl. Brandt, Hartwin, Am Ende des Lebens. Alter, Tod und Suizid in der Antike, München 2010, 168.

[13] Plin. ep. 3, 1, 10.

[14] Vgl. Brandt, Hartwin, Wird auch silbern mein Haar. Eine Geschichte des Alters in der Antike, München 2002, 167.

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656215257
ISBN (Buch)
9783656216285
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195617
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Schlagworte
Antike Altersbilder Alter Suizid und Alter Krankheit und Alter Kaiserzeit römische Elite

Autor

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