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Methoden und Konzepte des offenen Unterrichts

Eine kritische Auseinandersetzung (unter Einbeziehung der Seminarkenntnisse aus dem Bereich Unterrichtsorganisation und -kommunikation)

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Dilemma einer fehlenden Definition von offenem Unterricht

III. Historische Einflüsse des offenen Unterrichts

IV. Kommunikation und Organisation des offenen Unterrichts
1. Architektonische Gegebenheiten
2. Lernmethoden
3. Organisationsform
4. Lernzeit
5. Öffnung von Lernzielen und -inhalten
6. Alternative Bewertungsmaßstäbe

V. Klassische Unterrichtsorganisation im Unterschied zum offenen Unterricht

VI. Fazit

VII. Literaturnachweise

I. Einleitung

Nach dem schlechten Abschneiden der deutschen Schüler in der PISA-Studie wird viel am deutschen Schulsystem kritisiert. So werden unter anderem Lehr- und Lernmethoden in Frage gestellt, die im deutschen Schulalltag Einzug gehalten haben. Von den einen gefordert, von den anderen abgelehnt, polarisiert der offene Unterricht in der Methodenauswahl die Kritiker. Erweckt er bei dem einen den Anschein, es herrsche Chaos, sieht der andere die Stärken in der kreativen und selbstständigen Lernleistung der Schülerinnen und Schüler. Welche Methoden und Konzepte jedoch genau den offenen Unterricht zu gerade diesem machen und wo Probleme auftauchen, das gilt es zu untersuchen. Dazu werde ich die historischen Ursprünge aufzeigen, die die Vielschichtigkeit dieses Konzeptes verdeutlichen und einen Grund für das Dilemma einer fehlenden Definition dieses Unterrichtkonzeptes liefern. Um über ein gemeinsames Verständnis von offenem Unterricht ausgehen zu können, werde ich daran anschließend die Merkmale skizzieren, die elementare Grundfesten des offenen Unterrichtes implizieren. Des Weiteren möchte ich in meiner Ausarbeitung einen besonderen Schwerpunkt auf die Unterrichtsorganisation und –kommunikation legen, welche einen grundlegenden Unterschied zwischen klassischem und offenem Unterrichtsmodell darstellen. Wird dem klassischen Unterricht oftmals Frontalunterricht vorgeworfen, so wird am offenen Unterrichtskonzept Planlosigkeit und mangelnde Struktur kritisiert. Doch was ist eigentlich didaktisch für Schülerinnen und Schüler sinnvoll? Von welcher Form des Unterrichtskonzeptes profitieren Schülerinnen und Schüler? Diese der eigentlichen Diskussion zu Grunde liegenden Fragestellungen weitestgehend zu beantworten, ist Ziel meiner Ausarbeitung.

II. Das Dilemma einer fehlenden Definition von offenem Unterricht

Um eine gemeinsame Basis zu erhalten, auf Grund derer man über den offenen Unterricht diskutieren könnte, fällt „[…] das Fehlen einer konsentierten definitorischen Bestimmung seiner didaktisch-methodischen Merkmale und Elemente […]“[1] auf. Das hängt zum einen damit zusammen, dass es keine einheitliche und gemeinsame Entwicklung dieses Konzeptes gibt, da der so genannte offene Unterricht sich aus vielen unterschiedlichen Unterrichtskonzepten heraus entwickelt hat. Auch bestand am Anfang keine These, die sich auf eine bestimmte Vorstellung von Schule gründete und an deren Bestätigung man kontinuierlich arbeitete. Falko Peschel (2002) benennt dieses mit einem Sammelbegriff von alternativen Vorstellungen zum „traditionellen Unterrichtsverständnis“[2]. Gruehn (2000) stellt dabei heraus, dass allen diesen „Ansätzen das Bemühen“ gemeinsam ist, „[…] einen geringeren Strukturierungsgrad des Unterrichts als im lehrergeleiteten zu implementieren, der eine stärkere Beteiligung der Schüler/-innen an Unterrichtsplanungen und –inhalten ermöglicht, damit [dieses] zu einem erhöhten Aktivierungs- und Motivierungsgrad bei den Lernenden führt und sie zu selbstorganisierten, autonomen Lernern erzieht.“[3] Zentral scheint allen Definitionen des offenen Unterrichts die Schülerzentrierung zu sein. Um zu verstehen, dass sich Überlegungen und Planungen zu offenem Unterricht aus verschiedenen Ursprüngen speisen, sind die historischen Einflüsse von großer Wichtigkeit.

III. Historische Einflüsse des offenen Unterrichts

Die Vorläufer des offenen Unterrichts sind in der Reformpädagogik zu finden, durch deren Vertreter ein Wandel im Denken über Kinder, Schule und Bildung stattfand. Überlegungen von Rousseau stellen hier den gemeinsamen Ursprung dar, aus dem sich die Reformpädagogik herausbildete mit Schlagwörtern wie „Selbstständigkeit“[4] (Kerschensteiner), „Pädagogik vom Kinde aus“[5] (Rousseau) oder „freie geistige Schularbeit“[6] (Gaudig). Festzuhalten ist, dass die Reformpädagogik sich aus verschiedenen Interessen herausbildete, aus denen sich im weiteren Verlauf die unterschiedlichen Konzepte der Alternativschulen wie zum Beispiel Waldorf- oder Montessorischulen zusammensetzten. Auch sind Versuche aus Amerika und England in das heutige Verständnis von offenem Unterricht eingeflossen, die Gruehn (2000) unter den Begriffen „’child- rsp. Studentcentered’ und ‚progressive education’ (Drewey)“[7] zusammenfasst. Auch eine Gegenbewegung zu den geschlossenen Curricula entstand in den Siebzigern, durch „[…] die Auseinandersetzung mit der ‚open education’ (USA), mit dem ‚informellen’ Unterricht (England) der Anschluss an die in Deutschland vernachlässigte Traditionen der Reformpädagogik gewonnen werden […]“[8] konnte.

Aus den kurz skizzierten unterschiedlichen Strömungen wird deutlich, dass sich offener Unterricht, so wie er sich im aktuellen Schulbezug darstellt, nicht auf eine geschlossene Theorie stützen kann. Vielmehr wird deutlich, dass es sich um eine ständige Weiterentwicklung eines langen Prozesses handelt, der geprägt von einer eigenen Dynamik ist. Gerade durch den neueren Diskurs des radikalen Konstruktivismus wird ein Paradigmenwechsel der Didaktik postuliert, der auf der Erkenntnis basiert, dass Lernen ein Prozess des eigenen Konstruierens ist und aus lernpsychologischer Sicht heraus das aktiv-entdeckende, handlungsorientierte Lernen das Belehren ersetzen soll. Um diesen Schritt vollziehen zu können, ist eine Änderung der Methodik in der Wissensaneignung und Wissensvermittlung notwendig. „Nach der Proklamation einer verstärkten, vom Lehrer ausgehenden Differenzierung in den siebziger bzw. achtziger Jahren wird heute die allgemein-pädagogisch-didaktische Forderung nach individualisierendem, vom Schüler selbst gesteuerten Unterricht laut.“[9] Diese Forschungsergebnisse liefern folglich reichlich Argumente für die offene Unterrichtsgestaltung. Festzustellen ist, dass keine einheitliche Form des offenen Unterrichtes existiert, was Wallrabenstein (2001) als „[…] viele unterschiedliche Formen im Sinne einer strukturierten Offenheit mit positiven Entwicklungen und überzeugenden „Leistungsnachweisen“, aber auch mit problematischen Praxisformen (Wochenplantechnologie, Freiarbeit als Beschäftigungstherapie, Überbetonung der Individualisierung u.a.) […]“[10] beschreibt. Laut Peschel (2002) liegt das Problem in der Kommunikation über offenen Unterricht schon in der antithetischen Bedeutung im Bewusstsein des Menschen über „Offenheit“ und „Unterricht“ begründet. Unterrichten ist in der Methodik des offenen Unterrichtes jedoch nicht mehr der Frontalvortrag. „Intensives und verstehendes Lernen erfolgt eher in Zeiten selbstgesteuerter Aktivitäten denn im 45-Minuten-Takt fremder Belehrungen und „Unterrichtungen“. Versteht man Schule als einen auf das Lernen des Individuums ausgerichteten Raum, so kann man Schule und Lernen nicht mehr einfach mit dem Besuch von Unterricht gleichsetzten.“[11] Auch darf nicht der Fehler begangen werden, das Adjektiv „offen“ als etwas Unbestimmtes und Vages zu definieren, sondern der offene Unterricht muss Kriterien entwickeln, die eine Überprüfung ermöglichen. Wallrabenstein gibt eine allgemeine Definition, die in der weiteren Ausarbeitung, in Kapitel IV., spezifiziert werden soll. Offener Unterricht ist ein „[…] Sammelbegriff für Reformansätze in vielfältigen Formen inhaltlicher, methodischer und organisatorischer Öffnung mit dem Ziel eines veränderten Umgangs mit dem Lernenden auf der Grundlage eines veränderten, aktiven Lernbegriffs.“[12]

[...]


[1] Eiko, J. (2004). Die ‚neue‘ Reformpädagogik und die Bewegung Offener Unterricht. Theorie, Praxis und Forschungslage (6.Auflage). Sankt Augustin: Academia Verlag, S. 40.

[2] Peschel, F. (2002). Offener Unterricht. Idee, Realität, Perspektive und ein praxiserprobtes Konzept zur Diskussion (Band 10). Baltmannsweiler: Schneider Verlag, S. 67.

[3] Gruehn, S. (2000). Unterricht und schulisches Lernen. Schüler als Quellen der Unterrichtsbeschreibung. In Rost, D. H. (Hrsg.), Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie (Band 12). Münster: Waxmann, S. 43 f.

[4] Schneider, T. (2009). Der Pädagoge Kerschensteiner – ein typischer Epochenvertreter? (1. Auflage). Norderstedt: GRIN Verlag, S. 8.

[5] Herrmann, U. (2005). Die großen Anreger der Pädagogikreform in Europa: Locke und Rousseau. In Hammerstein, N. & Herrmann, U. (Hrsg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band II. 18. Jahrhundert. Vom späten 17. Jahrhundert bis zur Neuordnung Deutschlands um 1800. München: C. H. Beck Verlag, S. 105.

[6] Scheibe, W. (1999). Die reformpädagogische Bewegung. Eine einführende Darstellung (10. Auflage). Weinheim/Basel: Beltz Verlag, S. 191.

[7] Gruehn, S. (2000). Unterricht und schulisches Lernen. Schüler als Quellen der Unterrichtsbeschreibung. In Rost, D. H. (Hrsg.), Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie (Band 12). Münster: Waxmann, S. 44.

[8] Wallrabenstein, W. (2001). Offener Unterricht – Was ist das? In Knobloch, J. & Dahrendorf, M. (Hrsg.), Offener Umgang mit Kinder- und Jugendliteratur. Grundlagen, Praxisberichte, Materialien (2. Auflage). Hohengehren: Schneider Verlag, S. 10.

[9] Peschel, F. (2002). Offener Unterricht. Idee, Realität, Perspektive und ein praxiserprobtes Konzept zur Diskussion (Band 10). Baltmannsweiler: Schneider Verlag, S. 69.

[10] Wallrabenstein, W. (2001). Offener Unterricht – Was ist das? In Knobloch, J. & Dahrendorf, M. (Hrsg.), Offener Umgang mit Kinder- und Jugendliteratur. Grundlagen, Praxisberichte, Materialien (2. Auflage). Hohengehren: Schneider Verlag, S. 10.

[11] Peschel, F. (2002). Offener Unterricht. Idee, Realität, Perspektive und ein praxiserprobtes Konzept zur Diskussion (Band 10). Baltmannsweiler: Schneider Verlag, S. 70.

[12] Wallrabenstein, W. (2001). Offener Unterricht – Was ist das? Knobloch, J. & Dahrendorf, M. (Hrsg.), Offener Umgang mit Kinder- und Jugendliteratur. Grundlagen, Praxisberichte, Materialien (2. Auflage). Hohengehren: Schneider Verlag, S. 9.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656214489
ISBN (Buch)
9783656217992
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195651
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Germanistik
Schlagworte
Offener Unterricht Frontalunterricht

Autor

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