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Frauenarbeit zur Zeit der Industrialisierung

Vergleich von Ober- und Unterschicht bezüglich ihrer emanzipatorischen Intentionen

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

1. Begriff der Emanzipation

2. Proletarische und bürgerliche Frauenarbeit im Vergleich
2.1 Frauenarbeit im Proletariat
2.1.1 Belastungen durch die Arbeit
2.1.2 Die Besserung
2.2 Das Bürgertum
2.2.1 Das bürgerliche Frauenbild
2.2.2 Bürgerliche Frauenbewegung
2.2.3 Bürgerliche Frauenarbeit

Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Arbeitende Frauen sind seit Anbeginn der Historiographie bekannt. Ob in der Antike als Näherin, oder im Mittelalter als Bäuerin. Auch die Trennung von wohlhabenden nicht arbeitenden Frauen und armen arbeitenden Frauen ist seit der Antike bekannt.[1] Dazu Butschek: „Erwerbstätigkeit der Frau existierte in den Oberschichten ebenso wenig wie für den Mann.“[2]

Zur großen Veränderung der Frauenarbeit kam es in Deutschland erst mit der Industrialisierung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dieser Wandel vollzog sich nicht in dem Sinne, dass die Mehrheit der Frauen zu arbeiten anfing, denn das taten sie schon vorher, sondern dass sie eine Erwerbsarbeit annahmen, die außerhalb ihres Hauses lag.[3] Erst die Industrialisierung ermöglichte dieses Vorgehen, denn wie Ritter und Tenfelde es beschreiben, sei die Industrialisierung nicht nur quantitativ zu betrachten, als Vermehrung der Massenproduktion, sondern auch qualitativ als Fortschritt in Technik und Produktion. Denn die Industrie gibt es schon sehr lange, aber erst durch die Industrialisierung nahm sie, im Vergleich zur Landwirtschaft, überhand. Der Einschnitt in die Arbeitsweise der Menschen sei so tiefgreifend, dass er auch die gesellschaftlichen Verhältnisse stark beeinflusste.[4]

Fällt der Blick nun auf die Gegenwart, so ist die außerhäusliche und bezahlte Arbeit der Frau absolute Normalität. Die Erwerbsarbeit der Frau bildet einen Grundstein ihrer Unabhängigkeit und damit der Emanzipation. Die vorliegende Untersuchung soll daher die Auswirkungen der Industrialisierung auf das weibliche Geschlecht genauer betrachten. Es soll geprüft werden, ob der Wandel der Frauenarbeit von den überwiegend innerhäuslichen Tätigkeiten zu den außerhäuslichen bzw. betrieblichen Tätigkeiten als erster Schritt zur Emanzipation betrachtet werden kann. Die sich daraus ergebende Fragestellung lautet daher wie folgt: Kann die Frauenerwerbsarbeit im Verlaufe der Industrialisierung als emanzipatorischer Fortschritt bezeichnet werden? Die speziellen Unterschiede der Ober- und Unterschicht sollen dabei nicht außer Acht gelassen werden. Denn obwohl das bürgerliche Frauenbild auch das Ideal des Proletariats war, konnte dieses nicht in die realen Gegebenheiten integriert werden. Für die Analyse ist es daher unumgänglich, die proletarische Arbeiterfrau von der bürgerlichen Erwerbstätigen zu trennen. Die Untersuchung bezieht sich auf Deutschland im Zeitraum vom 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts.

Für die Analyse ergibt sich folgende Gliederung. Zunächst soll der Begriff der Emanzipation und dessen Merkmale bestimmt werden, um in den weiteren Schritten festzustellen, ob in der Frauenerwerbsarbeit des 19. Jahrhunderts ein Emanzipationsstreben erkennbar ist. Anschließend wird die Frauenarbeit im Proletariat analysiert. Um auch die bürgerliche Frauenarbeit zu verstehen, wird erklärt, was sich hinter dem Begriff des Bürgertums verbirgt und welche Ideale es verfolgte. Die anschließende Betrachtung der bürgerlichen Frauenarbeit verlangt eine konträre Abfolge von Frauenarbeit und Frauenbewegung, denn anders als in der Unterschicht entstand in der oberen sozialen Schicht erst durch die Frauenbewegung das Recht auf Erwerbstätigkeit für Frauen.

Das Vorhaben die geschilderte Untersuchung durchzuführen, stellte sich als gar nicht so einfach heraus, da die Frauengeschichte in den aktuellen Diskursen eindeutig zu kurz kommt. In Wehlers Bänden der „Deutsche[n] Gesellschaftgeschichte“ ist die Geschichte der arbeitenden Frau und der Frauenbewegung auf neun Seiten begrenzt.[5] Meistens wird die Frauenarbeit, obwohl sie durch die Industrialisierung einen bedeutenden Teil des starken gesellschaftlichen Wandels für sich in Anspruch nimmt, nur als eine beiläufige Nebenerscheinung der Männerarbeit tituliert. Sichtbar wird dies, wenn zum Beispiel bei Wehler, Frauenarbeit und Kinderarbeit in einen Abschnitt gedrängt werden. So wird eine Randerscheinung dieser Arbeit suggeriert. Obwohl der Frauenanteil in manchen Betrieben rund die Hälfte der Arbeiterschaft ausmachte und Kinderarbeit hingegen nur rund 15 Prozent.[6] Ähnliches findet sich auch bei Kocka, der sich damit rechtfertigt, dass Männerarbeit eher Normalfall war und dass Frauen wie Kinder bei gleicher Arbeit einen geringeren Lohn erhielten und somit nur einen Zuverdienst beitrugen.[7] Dass diese Perspektive fraglich ist, verdeutlichen erst moderne Werke wie Butscheks „Industrialisierung“, der dafür plädiert, dass Frauen durch ihre Mitarbeit den Entwicklungsprozess der Industrialisierung erheblich begünstigt haben.[8] Aber auch Condraus „Die Industrialisierung in Deutschland“, der sich ebenfalls der speziellen Thematik der Frau annimmt.[9]

Der Mangel an Diskursen über das weibliche Geschlecht zur Zeit der Industrialisierung verdeutlicht noch einmal die Relevanz der vorliegenden Arbeit.

1. Begriff der Emanzipation

Emanzipation leitet sich aus dem lateinischen emancipare ab, was soviel bedeutet wie jemanden in die Selbstständigkeit zu entlassen. Heute wird unter Emanzipation die „recht. u. fakt. Befreiung einer Klasse oder Gruppe aus einem Abhängigkeitsverhältnis“[10] verstanden. Es gibt wohl kaum eine größere Gruppe als die der Frauen, die sich von den traditionsgebundenen Normen und Gesetzen der Vergangenheit emanzipieren musste. Für die Frauenemanzipation ergeben sich daher bestimmte Kriterien, anhand derer der emanzipatorische Wille erkennbar gemacht werden soll.

Am Anfang steht der Eindruck bzw. die Erkenntnis, dass die Rolle des eigenen Geschlechts in der Gesellschaft oder in der Familie benachteiligt wird.

Den zweiten Schritt bildet das Handeln gegen diese Benachteiligung.

Das Ziel dieser Handlungen ist stets die Anerkennung des weiblichen Geschlechts sowie die Gleichstellung mit dem männlichen Geschlecht.

Unter Emanzipationsbewegungen können folglich die Handlungen und Taten verstanden werden, die eine ökonomische oder soziale Gleichstellung von Mann und Frau zur Folge haben.

Ob diese Kriterien in der weiblichen Erwerbsarbeit des 19. und anfangenden 20. Jahrhunderts für alle Gesellschaftsklassen zutrafen, soll in der vorliegenden Arbeit geklärt werden.

2. Proletarische und bürgerliche Frauenarbeit im Vergleich

Soziale Schichten und Menschen mit viel und wenig Besitz gab es seit unzähliger Zeit, doch durch die Industrialisierung wurde die Situation noch verschärft. „… bestehen zunächst in der Gesellschaft zwei gegensätzliche Ökonomien nebeneinander, nämlich die neue des Überschusses und die alte der Armut. Denn zwei der drei Produktionsfaktoren, Kapital und Boden, standen nur begrenzt zur Verfügung, die Arbeit hingegen schien im Zeichen eines raschen Bevölkerungswachstums unbegrenzt verfügbar zu sein. Das drückte auf ihren Preis.[11] Deshalb muss die Frauenarbeit der Unter- und Oberschicht separat betrachtet werden, denn beide weisen grundsätzlich verschiedene Züge auf, die Einfluss auf die weiteren Emanzipationsentwicklungen hatten.

2.1 Frauenarbeit im Proletariat

Ende des 19. Jahrhunderts variierte der prozentuelle Anteil an Frauenarbeit, die zumeist in Fabriken absolviert wurde, von 33,4 Prozent im Königreich Sachsen bis zu 58 Prozent im Fürstenhaus Reuß. Der Anteil, der arbeitenden Frauen in der Industrie war also nicht unerheblich, obwohl die Fabrikarbeit mit zahlreichen Entbehrungen für Frau und Familie verbunden war.[12] Die berechtigte Frage, die sich der Bodenreformanhänger Adolf Damaschke bereits 1903 stellte, lautet daher:

„Was treibt dieses wachsende Heer deutscher Frauen und Mütter in die Fabriken?“[13]

Diese Frage beantwortete er auch unmittelbar mit der folgenden Erkenntnis:

„Wie Aufsichtsbeamte durchweg feststellten, lag die Veranlassung in der großen Mehrzahl der Fälle in der eigenen Not der Arbeiterin oder in der Notlage ihrer Angehörigen …“[14]

Die Notlage von der hier die Rede ist, betrifft meistens die besitzlose Unterschicht, die nur mit Hilfe der Familienarbeit, Frauen- und Kinderarbeit eingeschlossen, überleben konnte. Denn oftmals reichte der Verdienst, den die Väter aus den Betrieben nach Hause brachten, für die Versorgung einer ganzen Familie nicht aus. Das demonstriert auch der Vergleich zwischen dem 1848 von der Arbeiterversammlung errechneten Betrag für den Wochenbedarf einer vierköpfigen Familie und den üblichen Gehältern in der Industrie. Eine Familie benötigte demnach für Wohnung, Nahrung und Steuern in einer Woche 3 Taler, 5 Neugroschen und 9 Pfennig. Nicht mit eingerechnet waren Kosten für Genussmittel, Schule, Ärzte, Medikamente oder Todesfälle.[15] Dem entgegen stand der Lohn eines alleinverdienenden Vaters, der z. B. in einer Kattunfabrik zwischen 2 und 4 Talern und nur als Meister 6 oder 7 Taler verdiente.[16] Diese Bedingungen hatten auch noch im anfangenden 20. Jahrhundert bestand, wie eine Befragung über die betriebliche Abhängigkeit verdeutlicht.

[...]


[1] Vgl. Butschek, Felix, Industrialisierung. Ursachen, Verlauf, Konsequenzen, Wien 2006, S. 135 – 142.

[2] Ebd., S. 135.

[3] Vgl. Klinger, Cornelia, 1800 – Eine Epochenschwelle im Geschlechterverhältnis?, In: Rennhak, Katharina/ Richter, Virginia (Hg.), Revolution und Emanzipation. Geschlechterordnungen in Europa um 1800, Köln 2004, S. 18ff. Ritter, Gerhard/ Tenfelde, Klaus, Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914. Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Bonn 1992, S. 205f.

[4] Vgl. Ritter, Gerhard/ Tenfelde, Klaus, Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914. Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Bonn 1992, S. 9f.

[5] Vgl. Wehler, Hans - Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Von der Reformära bis zur industriellen und politischen <<Deutschen Doppelrevolution>> 1815 – 1845/ 49, München 1987, S. 254f. Wehler, Hans - Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Von der <<Deutschen Doppelrevolution>> bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges, München 2006, S. 1090-1097.

[6] Vgl. Wehler, Hans - Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Von der Reformära bis zur industriellen und politischen <<Deutschen Doppelrevolution>> 1815 – 1845/ 49, München 1987, S. 254.

[7] Vgl. Kocka, Jürgen, Arbeitsverhältnisse und Arbeitsexistenzen. Grundlagen der Klassenbildung im 19. Jahrhundert, Bonn 1990, S. 464ff.

[8] Vgl. Butschek, Felix, Industrialisierung. Ursachen, Verlauf, Konsequenzen, Wien 2006, S. 142.

[9] Vgl. Condrau, Flurin, Die Industrialisierung in Deutschland, Darmstadt 2005, S. 62 – 73.

[10] Varnhorn, Beate, Emanzipation, Bertelsmann Lexikon, Gütersloh/ München 2006, S. 236.

[11] Metz, Karl Heinz, Industrialisierung und Sozialpolitik. Das Problem der sozialen Sicherheit in Großbritannien 1795 – 1911, Göttingen 1988, S. 104.

[12] Siehe Kapitel 2.1.1.

[13] Damaschke, Adolf, Die Bodenreform. Grundsätzliches und Geschichtliches zur Erkenntnis und Überwindung der sozialen Not, Berlin 1903, S. 5. In: Pönicke, Herbert, Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Europas im 19. Jahrhundert. Quellen zur Geschichte des 19. Jahrhunderts, Paderborn 1970, S. 92f.

[14] Ebd., S. 93.

[15] Vgl. Chemnitzer Tagesblatt, 1848, Nr. 43. In: Pönicke, Herbert, Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Europas im 19. Jahrhundert. Quellen zur Geschichte des 19. Jahrhunderts, Paderborn 1970, S. 97.

[16] Vgl. Wochenblatt für Stollberg, Lößnitz, Grünhain und deren Umgegend, Chemnitz 1847, Nr.10. In: Pönicke, Herbert, Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Europas im 19. Jahrhundert. Quellen zur Geschichte des 19. Jahrhunderts, Paderborn 1970, S. 94f.

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656215134
ISBN (Buch)
9783656216773
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195703
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Schlagworte
Frauenarbeit Industrialisierung Bürgertum Proletariat Emanzipation Frauenbewegung Frauenvereine

Autor

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