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Neuroorthopädische Rehabilitation in Albanien

Beschreibung eines Bausteins zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung im Bereich Neuroorthopädie

Masterarbeit 2012 68 Seiten

Medizin - Orthopädie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abstract

1 Einleitung

2 Rehabilitation - eine globale Herausforderung für alle Nationen
2.1 Das Recht auf Rehabilitation
2.2 Medizinische Rehabilitation
2.3 Erschwerter Zugang zur Basisgesundheitsversorgung

3 Republik Albanien
3.1 Die geographische Lage der Republik Albanien
3.2 Bevölkerungsstruktur in Albanien
3.3 Zusammensetzung der Religionsgruppen
3.4 Politische Situation
3.5 Wirtschaftliche Situation
3.6 Das staatliche Gesundheitssystem in Albanien
3.6.1 Die Auswirkungen der Vergangenheit auf das derzeitige Gesundheitssystem
3.6.2 Zur Epidemiologie von Menschen mit Behinderungen
3.6.3 Zur Anzahl der Menschen mit Behinderung im Jahr 2009
3.7 Die Gesundheitsversorgung in Albanien aus Sicht der Regierung und der von Nichtregierungsorganisationen im Bereich der neuroorthopädischen Rehabilitation
3.7.1 Stellungnahmen der Regierung
3.7.2 Stellungnahmen von Nichtregierungsseite zu den offiziellen Verlautbarungen (Monitoring Report Disability Rights)
3.7.3 Exkurs Korruption: Under- The-Table-Payments als integraler Bestandteil des Gesundheitssystems
3.7.4 Persönliche Einschätzung
3.8 Neuroorthopädische Versorgungsmöglichkeiten in Albanien, aus der Sicht des Verfassers
3.8.1 Orthopädietechnische Realität
3.8.1.1 Das National Prothetic Orthotic Center (NPOC) in Tirana
3.8.1.2 Qendra Drita e Shpresës (QDS) Rehabilitations Zentrum, Pogradec
3.8.1.3 Kukes Prothetic and Physiotherapy Workshop (KPPW)
3.8.1.4 Die rehabilitationstechnische Realität
3.8.2 Die therapeutische Realität
3.8.2.1 Physiotherapie
3.8.2.2 Ergotherapie, Logopädie und medizinisches Personal
3.8.3 Die diagnostischen Möglichkeiten
3.8.4 Die Realität der neuroorthopädischen Chirurgie
3.8.5 Die Realität der neuropädiatrischen Beratung
3.8.6 Die Vergütungssituation der albanischen Krankenversicherung
3.9 Ausbildung neuroorthopädischer Fachleute in der Alltagspraxis

4 Beschreibung eines Bausteins zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit neuroorthopädischen Beeinträchtigungen
4.1 Die vorgefundene Situation
4.2 Ziele eines Bausteins zur Verbesserung des sozialen, psychischen und körperlichen Wohlbefindens in Pogradec Albanien
4.3 Umsetzung der Ziele
4.3.1 Voraussetzung zur Umsetzung: Rechtliche Strukturen
4.3.1.1 Juristische Verankerung der Organisation MNA in Deutschland
4.3.1.2 Juristische Verankerung des Vereins Qendra Drita e Shpresës in Albanien
4.4 Konzeption von Qendra Drita e Shpresës
4.4.1 Ziele der Arbeit
4.4.2 Wege zur Zielerreichung des Projekts im Bereich Verhaltensprävention
4.4.2.1 Orthopädie-Technik
4.4.2.2 Physiotherapie
4.4.2.3 Die ärztliche Koordination
4.4.2.4 Neuroorthopädische Chirurgie
4.4.2.5 Komplementäre Dienste
4.4.2.6 Komplementäre Dienste - Fachärzte
4.4.3 Die Infrastruktur des Projekts
4.4.3.1 Das Rehabilitationszentrum Qendra Drita e Shpresës in Pogradec
4.4.3.2 Die lokale Mobilität
4.4.4 Die Mitarbeiter
4.5 Einblick in den derzeitigen Stand des Projektes
4.5.1 Orthopädie-Technik – Aktueller Stand
4.5.2 Physiotherapie – Aktueller Stand
4.5.3 Die ärztliche Koordination – Aktueller Stand
4.5.4 Neuroorthopädische Chirurgie – Aktueller Stand
4.5.5 Komplementäre Dienste – Aktueller Stand
4.5.6 Komplementäre fachärztliche Dienste – Aktueller Stand

5 Ausblick - Ein Blick in die Zukunft
5.1 Erster Strukturkreis: Die lokale Ebene
5.1.1 Day care
5.1.2 Integratives Caféhaus - Projekt Pogradec
5.1.3 Die Öffentlichkeitsarbeit auf kommunaler Ebene
5.1.4 Die Öffentlichkeitsarbeit auf überregionaler Ebene
5.2 Zweiter Strukturkreis: Die überregionale Ebene
5.2.1 Der Sonderfall mobiler Dienste zwischen Verhaltensprävention und Verhältnisprävention
5.2.2 Inhaltliche Elemente der Verhältnisprävention
5.2.2.1 Community Based Rehabilitations (CBR)
5.2.2.2 Einrichtung von Ausbildungsbausteinen
5.2.2.3 Ausbau eines nationalen und internationalen neuroorthopädischen Netzwerks

6 Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

„Shqiperia (Albanien) - Land der Adler“

Als ich 9 Jahre alt war, las mir meine Mutter den Bericht einer Menschenrechtsorganisation über Albanien und seinen Diktator Enver Hoxha vor. Seit dieser Zeit ließ mich dieses Land nicht mehr los. Wann immer ich Bilder, Berichte oder Artikel über das Land fand, las ich diese voll Neugierde.

Über fünf Jahrzehnte lange Isolation der Bevölkerung des politisch abgeschotteten Landes machte mich betroffen, aber zugleich auch neugierig auf das Land und die Menschen, die in diesem politischen System leben.

Anfang der 90.er Jahre bereisten meine Frau und ich Albanien für einige Wochen. Wir durften die gastfreundlichen und herzlichen Menschen in diesem ehemals isolierten Land kennen lernen. Sofort fielen uns die Besonderheiten Albaniens ins Auge: Die unzähligen, kugelförmigen kleinen Bunker, die hohe Mercedesdichte (die höchste Europas), das bunte Treiben auf den Straßen und nicht zuletzt die Fröhlichkeit der Menschen.

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich dieses wundervolle Land mit seinen atemberaubenden Berglandschaften und der reizvollen Mittelmeerküste besuchen sollte. Zehn Jahre später 2003 war ich Teil eines Teams, das die medizinische Versorgungssituation von Menschen mit Behinderung in Albanien evaluierte. Über dieses Projekt bekam ich Kontakt zur deutschen Nichtregierungsorganisation Medizinische Nothilfe Albanien (MNA). Aus der Erkundungstour wurde ein Rehabilitationsprojekt und ich wurde in den Vorstand der Hilfsorganisation berufen.

In den vergangenen Jahren bin ich vielen interessanten Menschen in Albanien begegnet, habe mit einem Team gemeinsame Strecken zurückgelegt und gesehen, wie das Projekt auch über Hindernisse hinweg gewachsen ist.

Ich bin zuversichtlich, dass sich in den kommenden Jahren die verschiedenen schon in Albanien bestehenden Mosaiksteine der Rehabilitation zusammenfinden werden und von neuen ergänzt zu einem Bild der Hoffnung für die Menschen werden.

Abstract

Deutsch

In der vorliegenden Arbeit wird der Aufbau einer Einrichtung in Pogradec (Albanien) für Menschen mit neuroorthopädischen Problemen geschildert. Hierbei wird eingegangen auf die Vorbedingungen der Impulsgeber aus Deutschland. Die Gestaltung des Vorgehens wird in mehreren Dimensionen vorgestellt. Neben der Verbundenheit mit den betroffenen Familien aber auch der im Ort und der Region wird ebenso die politische Ebene mit einbezogen.

Auf der Basis aktueller Verlautbarungen offizieller Stellen in Albanien sowie der von NGO´s wird an Hand von Literaturveröffentlichungen und aufgrund eigener Beobachtungen aus zahlreichen Besuchen im Land ein Bild der Gesundheitsversorgung im Land skizziert, das neben einer kritischen Bestandsaufnahme dessen was ist, einen eigenen Beitrag zur Verbesserung der Situation des Individuums und auch dem gesamten Land bieten möchte.

Englisch

This work presents and describes the establishment of an institution in Pogradec (Albania) for people suffering from neuro-orthopedic problems. In the process, the work goes into great detail with the preconditions of the initiator from Germany. The constitution of the procedure shall be presented in several dimensions. In addition to the connection with the affected families, the site and the region, the political aspect is also incorporated into the equation.

In light of current announcements by official sites in Albania as well as the intents of NGOs (according to literary publications), and also based on this author’s own individual observations from numerous visits to the country itself, this work provides an outline of the healthcare situation in Albania that, adjacent to a critical survey of the things as they are, would go about offering improvement for the situation of the individual and – in the long run – the system for the entire country.

1 Einleitung

In dieser Arbeit gilt es herauszufinden, in was für einem Zustand sich das albanischen Rehabilitationssystem in Bezug auf die Behandlungsmöglichkeiten neuroorthopädischer Krankheitsbilder befindet. Die hier für verwendete Methodik basiert auf textanalytischer Arbeit in die teilnehmende Beobachtungen und Einzelfallanalysen einbezogen wurden. Im Folgenden wird ein Baustein neuroorthopädischer Rehabilitation in Albanien, die der Verfasser neben seiner Berufstätigkeit in den vergangen zehn Jahren begleitet hat, vorgestellt (Kapitel 4). Um die Strukturen dieses Bausteins besser einordnen zu können, wird zunächst ein Überblick über medizinische Rehabilitation gegeben (Kapitel 2). Dieser Ausgangspunkt wird um Informationen zur politischen, religiösen, geographischen und wirtschaftlichen Situation eines kleinen Mittelmeeranrainerstaates erweitert (Kapitel 3), um dann das Gesundheitssystem der Republik Albanien zu skizzieren (Kapitel 3.6). In einem nächsten Schritt wird dieser Gedanke auf die Darstellung der neuroorthopädischen Rehabilitation an drei Beispielen, die grundsätzlichen Charakter haben für die Gesundheitsversorgung in Albanien, verengt (Kapitel 3.8). Die Darstellung von Qendra Drita e Shpresës erfolgt dann im 4. Kapitel detailliert. Sie ist vor allem verhaltenspräventiven Aspekten verpflichtet. Das ist der wenig ausgeprägten Situation geschuldet, die der Verfasser vor Ort antraf. Der sich anschließende Schritt der Verhältnisprävention, der als notwendig erachteter Baustein zur Verselbstständigung des Projekts vorgesehen und derzeit schon ansatzweise umgesetzt wird, wird im 5. Kapitel deshalb separat ausgewiesen. Dieser Teil ist nicht nur die folgerichtige zweite Hälfte des Bausteins, er ist gleichzeitig auch ein Ausblick in das, was noch umzusetzen sein wird.

2 Rehabilitation - eine globale Herausforderung für alle Nationen

Im folgenden Kapitel wird dargestellt, dass laut neuestem World Report on Disability die Anzahl der Menschen mit einer Behinderung weltweit keineswegs rückläufig sondern in den letzten Jahren gestiegen ist. Das Grundrecht auf Rehabilitation für alle ist noch immer nicht für alle Menschen verwirklicht (Kapitel 2.1). Nun wird dieser Begriff häufig benutzt, viel wird darüber geschrieben, welcher Art Inhalt sich darin verbirgt, oft aber auch nicht dargestellt. Deshalb wurde in Kapitel 2.2 auf zentrale Anteile dessen, was in dieser Arbeit mit medizinischer Rehabilitation bezeichnet wird, auf der Grundlage von Forschungsergebnissen der Weltgesundheitsorganisation eingegangen. Dieses Verständnis leitet die vorliegende Arbeit, in der dann in Kapitel 2.3 das Vorfeld dessen, was im Bereich Rehabilitation und dem, was an Konzepten der Entwicklungszusammenarbeit konzipiert und durchgeführt wird, bedacht sein will: Welcher Art sind die Erkenntnisse, die den Zugang zu Angeboten der Rehabilitation erschweren oder gar unmöglich machen. Der zentrale Seismograph, der weltweit die Gesundheitsentwicklung verzeichnet wird als erstes genauer dargestellt.

World Report on Disability 2011

Am 9. Juni 2011 wurde der aktuelle World Report on Disability 2011 in Genf veröffentlicht, der von der WHO und der Weltbank in Auftrag gegeben worden war. Laut WHO fasst der zu erscheinende Weltbehindertenbericht erstmals seit 30 Jahren die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen und gibt Empfehlungen zu Maßnahmen, die eine Einführung der Konvention für die Rechte der Menschen mit einer Behinderung unterstützen. Laut WHO leben mehr als eine Milliarde Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung. Die einstmals angenommenen 10% der Weltbevölkerung (Deutscher Bundestag 2010) mussten von der WHO auf 15% nach oben korrigiert werden. Der Anstieg lässt sich durch die Alterung der Weltbevölkerung sowie den Anstieg an chronisch verlaufenden oder durch Unfälle verursachten Behinderungen erklären (World Health Organisation 2011: 254ff). Die Ergebnisse des aktuellen WHO Reports zeigen anschaulich auf, dass der Anstieg der Anzahl der Menschen mit Behinderung eine globale Herausforderung für alle Nationen bedeutet.

2.1 Das Recht auf Rehabilitation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: „Wir haben Recht auf Rehabilitation“ Kinder demonstrieren für das Recht auf Zugang zu Rehabilitation (Quelle: www.cbm.de).

Die WHO geht davon aus, dass etwa 80% der in Entwicklungsländern lebenden Behinderten in ländlichen Regionen leben und dadurch nur unzureichend Zugang zu rehabilitierenden Maßnahmen haben. Da sich in den Entwicklungsländern die wenigen Rehabilitationszentren meist im städtischen Umfeld, befinden wird der Zugang zu Rehabilitation für diese Menschen zusätzlich erschwert. Dies verschärft die Situation der auf dem Land lebenden Menschen. Menschen mit Behinderung erfahren weltweit Diskriminierung und werden vom sozialen und ökonomischen Leben oft ausgeschlossen. Die UN- Behindertenrechtskonvention vom 13. Dezember 2006 ist hier ein notwendiger Schritt in die richtige Richtung. Es sind neben den Problemen der Immobilität auch andere Barrieren, die zur Ausgrenzung behinderter Menschen führen (Bowers/Esmond 2003: 443ff).

2.2 Medizinische Rehabilitation

Rehabilitation und die daraus resultierende Verbesserung des „Quality-of-Life“ wird aus der Sicht der verschiedenen Kulturen unterschiedlich definiert. Gesundheitsfördernde Maßnahmen finden niemals in einem kulturfreien Raum statt, sie sind immer Ausdruck einer Zielsetzung und Wertebestimmung innerhalb bestimmten Kulturen (Gobara 2011).

International geltende Klassifikationen wie die ICD-10 und ICF (siehe hierzu, idw, http://idw-online.de/pages/de/news183571) müssen vor dem Hintergrund der persönlichen Lebenssituation der Betroffenen und der jeweiligen soziokulturellen Gegebenheiten betrachtet werden, damit die Umsetzung der Rehabilitationsmaßnahmen auch zum Erfolg führen kann. Dies ist besonders zu beachten, wenn Personen aus unterschiedlichen Kulturkreisen an der Rehabilitation beteiligt sind, wie es oft in international agierenden Hilfsorganisationen der Fall ist.

Die Definition der medizinischen Rehabilitation im WROD Bericht (2011: 94ff) und ICD-10 und ICF Klassifikationen kann weltweit über kulturelle Barrieren hinweg als allgemeingültig angesehen werden.

Der Rehabilitationsprozess

Der Rehabilitationsprozess beginnt mit der Identifizierung von Problemen und Bedürfnissen der betroffenen Personen. Erst wenn diese Bedürfnisse ermittelt wurden und in den Zusammenhang der Person und ihres Umfeldes gebracht wurden, ist es sinnvoll, mit der Auswahl der Maßnahmen zu beginnen. Ist dieser Schritt abgeschlossen, kann mit der Koordination und der Implementierung der Maßnahmen begonnen werden. Der Erfolg der eingeleiteten Schritte kann nur über eine Bewertung der voran gegangenen Schritte erfolgen (sieh Abb. 2) (Weltgesundheitsorganisation 2011: 94f). Diese Bewertung ist nicht immer einfach. Vor allem, wenn mehrere Personen an den Interventionen beteiligt sind. Deshalb ist es sehr wichtig, dass eine gute Kommunikation zwischen dem Rehabilitationsteam und dem Patienten besteht, oder eine Person im Team als Rehabilitationskoordinator bestimmt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Was ist Rehabilitation? (Quelle: Weltgesundheitsorganisation 2011: 95)

Barrieren, die den Zugang zu Rehabilitation verhindern

Drei wichtige Barrieren die den Zugang an Rehabilitation verhindern, am Beispiel zweier Regionen (Uttar Pradesh und Tamil Nadu) in Indien (World Bank 2009):

1. Keine Finanzen, die Behandlung zu bezahlen
2. Keine Behandlungsmöglichkeiten in der Region
3. Keine Transportmöglichkeiten zu den Rehabilitationseinrichtungen

Die oben genannten Zugangsbarrieren können und müssen hauptsächlich durch die Regierungen der einzelnen Ländern verbessert werden (World Health Organisation 2011: 63), indem sie ein funktionierendes Krankenkassensystem, eine geregelte Ausbildung von Rehabilitationsfachleuten und eine über das Land verteilte Gesundheitsinfrastruktur fördern und ausbauen. Abgesehen von Spezialeinrichtungen zur Rehabilitation benötigen Menschen mit einer Behinderung auch einen Zugang zur allgemeinen Basisgesundheitsversorgung, um eine umfassende Gesundheitsversorgung (siehe nächstes Kapitel) zu erreichen.

2.3 Erschwerter Zugang zur Basisgesundheitsversorgung

Menschen mit Behinderung benötigen neben der speziellen Zuwendung der auf die jeweilige Behinderung zugeschnittenen medizinischen Betreuung auch eine allgemeine Gesundheitsversorgung. Es kann gesagt werden, dass Menschen mit Behinderung weniger Zugang zur Basisgesundheitsversorgung haben als nicht behinderte Menschen (Drum 2005: 29ff). Die Gründe hierfür sind vielfältig. Angefangen von baulichen Hindernissen wie z.B. fehlenden Rampen, Aufzügen, schmalen Türen, nicht behindertengerechten Diagnosegeräten (Trösken/Geraedts 2005: 613ff) können aber auch kommunikative Probleme durch Sprach- oder geistige Behinderung entstehen. Ein weiterer Hinderungsgrund der mangelnden oder inadäquaten Basisgesundheitsteilnahme ist oft ein nicht für die Belange von Menschen mit Behinderung geschultes medizinisches Personal. Die WHO teilt in einem differenzierten Blick den erschwerten Zugang zum Gesundheitssystem in drei unterschiedliche Stufen ein, die sie primär, sekundär und co-morbid nennt. Das soll im folgenden Abschnitt deutlicher dargestellt werden.

Primary Health Conditions

Primary Health Condition ist ein möglicher Auslöser für eine Beeinträchtigung, am täglichen Leben teilzunehmen. Beispiele für Primary Health Conditions könnten z.B. Depressionen, Cerebralparesen, MS, Blindheit, Taubheit, Down Syndrom aber auch Krankheiten wie Arthritis oder koronare Krankheiten sein. Ein primärer Gesundheitszustand kann zu einer Vielzahl von Beeinträchtigungen wie Einschränkung der Mobilität, sensorische Defizite so wie zu geistigen und kommunikativen Beeinträchtigungen führen (Weltgesundheitsorganisation 2011: 57).

Secondary Conditions

Resultierend aus dem Zustand der Primary Health Condition entstehen gesundheitliche Probleme, die als Secondary Condition bezeichnet werden. Beispiele hierfür sind Druckgeschwüre, Harnwegsinfektionen oder Depressionen. Diese sekundären Bedingungen können zur Reduzierung der Lebensqualität beitragen und zu einer unnötigen Erhöhung der Kosten für den Einzelnen und das Gesundheitswesen führen (Weltgesundheitsorganisation 2011: 57).

Co-morbid Conditions

Die Co-morbid Conditions sind unabhängig von Primary Health Conditions. Das können z.B. Krebs, Bluthochdruck oder Diabetes sein. Dies kann zu lebensbedrohlichen Situationen der betroffenen Person führen.

Alle drei oben aufgeführte „Health Conditions“ stehen miteinander in einem engen Zusammenhang. Wird nur eine Ebene vernachlässigt, hat dies ungünstige Auswirkungen auf die anderen Ebenen (vgl. Weltgesundheitsorganisation 2011: 57).

Es gilt im folgenden zu untersuchen, wie die von Rimmer/Rowland (2008: 409ff) in Anlehnung an die WHO genannten Bedingungen in der Republik Albanien ausgeprägt sind, wo die Stärken bzw. Schwächen aus der Sicht von Patienten mit neuroorthopädischen Problemen liegen und wo Potentiale für eine Verbesserung der Situation liegen könnten.

3 Republik Albanien

Politische, geographische, demographische ebenso wie wirtschaftliche Aspekte eines Landes beeinflussen mittelbar und unmittelbar auch das Gesundheitswesen. Das gilt ebenso für Albanien. Um hier einen vertieften Einblick zu ermöglichen, wird deshalb zu Beginn ein kurzer Überblick über diese Faktoren der jungen Republik gegeben. Im Anschluss hieran wird das albanische Gesundheitswesen ausführlicher dargestellt. Insbesondere wird der Blick auf die unterschiedlichen Aspekte der für die Versorgung neuroorthopädischer Patienten notwendigen Anteile in Bezug auf Qualität und Verfügbarkeit gerichtet.

3.1 Die geographische Lage der Republik Albanien

„Republika e Shqiperise" (Republik Albanien) ist ein Land in Europa, das nordöstlich an Montenegro und östlich an das Kosovo und Mazedonien, südlich an Griechenland, westlich an das adriatische und ionische Meer grenzt. Albanien ist einer der Anrainerstaaten des Mittelmeers. Die Gesamtfläche von Albanien beträgt 28.748 qkm, davon sind 27.398 qkm Land und 1.350 qkm Wasserfläche. Die Landkarte zeigt eine Landesgrenze von insgesamt 720 km. Das kleine Land an der Adriaküste wird wegen seiner vielen Berge oft als die Schweiz des Balkans beschrieben. Rund ein Drittel der Fläche ist bewaldet und mehr als zwei Drittel des Staatsgebietes ist Bergland, das zum Teil als Hochgebirgsregion gilt. Vom Shkodrasee im Norden bis nach Vlora im Süden erstreckt sich eine teilweise nur wenig Kilometer breite Schwemmlandebene entlang der Küste (ipicture.de 2011).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Karte Albanien (Quelle: public domain)

Nach dem Sturz des Diktators Enver Hoxha Anfang der 90er Jahre arbeitete der albanische Staat mit Hilfe der Europäischen Union kontinuierlich an der Verbesserung der Infrastruktur, um die 36 Regierungsdistrikte besser miteinander zu verbinden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4: Karte Albanien mit der Einteilung der 36 Regierungsdistrikte (Quelle: mygeo.info 2011)

Die 36 Distrikte sind: Berat, Bulquize, Delvine, Devoll (Bilisht), Dibre (Peshkopi), Durres, Elbasan, Fier, Gjirokaster, Gramsh, Has (Krume), Kavaje, Kolonje (Erseke), Korce, Kruje, Kucove, Kukes, Lac, Lezhe, Librazhd, Lushnje, Malesia e Madhe (Koplik), Mallakaster (Ballsh), Mat (Burrel), Mirdite (Rreshen), Peqin, Permet, Pogradec, Puke, Sarande, Shkoder, Skrapar (Corovode), Tepelene, Tirane, Tropoje (Bajram Curri), Vlore

3.2 Bevölkerungsstruktur in Albanien

Auf einer Fläche etwas kleiner als Belgien hat Albanien mit einer Bevölkerungszahl von 3.194.417 Einwohnern nur knapp weniger Einwohner als Berlin. Die Mehrheit der Bevölkerung (90%) sind Albaner. Es gibt eine griechische Minderheit, die vorwiegend im Süden des Landes lebt. Eine weitere Minderheit sind slawische Mazedonier. Sie leben hauptsächlich im östlichen Grenzgebiet wie Roma und Aromunen. Die Albaner gliedern sich in zwei große Volksgruppen, zum einen in die Gegen, die im Norden Albaniens wohnen, und in die Tosken, die in der Südhälfte des Landes leben. In den ländlichen Gebieten des gegischen Nordens herrschen immer noch archaische Strukturen, wie z.B. die Blutrache.

3.3 Zusammensetzung der Religionsgruppen

Die größte religiöse Gruppe im Land sind Muslime (65,0%), gefolgt von Christen (33,0%) und sonstigen religiösen Gruppen (2,9%) (ipicture.de 2011).

In der Zeit nach 1990 kam es zu großen demographischen Verschiebungen. Hunderttausende Albaner emigrierten nach Nordamerika und in die verschiedenen EU - Staaten. Aber auch eine große Binnenmigration aus den ländlichen Bergregionen in die städtischen Zentren setzte ein. Vor allem die Hauptstadt Tirana wuchs von 250.000 Einwohnern im Jahr 1990 auf heute über 600.000 Einwohner (wikipedia.org 2011). Das wirtschaftliche Leben spielt sich weitgehend in den größeren Städten der Adriaküste ab und fördert somit weiter die Landflucht.

3.4 Politische Situation

Die Republik Albanien gilt als eines der ärmsten Länder Europas. Die ersten freien Wahlen wurden nach 50-jähriger Diktatur 1992 abgehalten, führten aber zu keiner wirklich stabilen politischen Lage (Bislimi 2004: 24f). Korruption und die Selbstbedienungsmentalität der Politiker in den letzten 20 Jahren ließen die Bevölkerung politisch sehr apathisch werden. Die dadurch entstandene Rechtsunsicherheit beeinträchtigte mögliche Investoren. Selbst Aktionen wie „1€ Land“ für ausländische Investoren 2008/09 brachte in den vergangen Jahren keine Kehrtwende der Situation. Die ersten zaghaften Verbesserungen der albanischen Wirtschaft nach dem Zerfall des kommunistischen Regimes wurden 1997 jäh zunichte gemacht. Nach dem Zusammenbruch eines Pyramidenkapitalanlagesystems verlor ein Großteil der albanischen Bevölkerung seine ersparten Rücklagen durch betrügerische Machenschaften Weniger. Aus dieser Situation heraus entlud sich die über Jahrzehnte aufgestaute Frustration der Albaner schlagartig. Mehr als 2000 Zivilisten wurden bei bürgerkriegsartigen Unruhen getötet, es wurden Waffenlager des Militärs geplündert, Industrieanlagen, Schulen, Läden, Krankenhäuser und öffentliche Gebäude zerstört und/oder ausgeraubt. Viele Organisationen wurden von den eigenen Mitarbeitern beraubt und geplündert, aber teilweise auch von mutigen Zivilisten verteidigt (Geiger 2011). Nach den Unruhen wurden ca. 600 000 Waffen bei Zivilisten beschlagnahmt (Rechel/McKee 2003: 5f). Diese Ereignisse bedeuteten einen herben Rückschlag für die Entwicklung der Infrastruktur, die mit Hilfe verschiedener Geberländer zwischen 1993 -97 aufgebaut worden war. Eine weitere Herausforderung bestand darin, die 500 000 Kosovaren aufzunehmen, die durch den Kosovokonflikt 1999 nach Albanien flüchteten.

3.5 Wirtschaftliche Situation

Rund 58% der erwerbstätigen Bevölkerung (1,09 Millionen, 2006) lebt von Erträgen der Landwirtschaft, 15 % arbeitet in der Industrie und 27% im Dienstleistungsbereich. Landwirtschaftliche Produkte tragen hierbei 21,7%, Industriele 20,4%, dienstleistende Tätigkeiten 58% zum Bruttoinlandsprodukt bei. Das Einkommen pro Kopf beträgt 3.840 USD (2007). Dabei leben 25% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze (2004). Die Inflationsrate lag 2007 bei 3% für Verbraucherpreise. Die Staatsverschuldung betrug in diesem Zeitraum 53,7% des BIP. Die industrielle Produktion wies 2007 eine Wachstumsrate von 2% aus (ipicture.de 2011). Einen Überblick der Basisdaten zeigt Abb.5.

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Details

Seiten
68
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656215646
ISBN (Buch)
9783656216995
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195712
Institution / Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung – Zentrum für Medizinische Spezialisierung der Donau-Universität Krems
Note
1,0
Schlagworte
Albania neuro-orthopedic NGO Community Based Rehabilitations Orthopädie-Technik Orthesen medizinische Rehabilitation Neuroorthopädie neuroorthopädische Rehabilitation Verhaltensprävention Verhältnisprävention Mobile medizinische Einheiten Neuroorthopädiesche Chirurgie Republik Albanien

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