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Indisch-türkische Beziehungen

Untersuchung mit Fallstudien

von Ferdinand Frisch (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 17 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Beziehungsanalyse beider Nationen vor der Unabhängigkeit

2. Theoretisch-methodischer Zugang

3. Der Neoliberalismus auf dem Prüfstand (Fallanalyse)
i. Beginn der Kooperation 1950 -
ii. Bilaterales Handelsabkommen (ab 1973)
iii. Ende des Ost-West Konflikts

4. Fazit und Ausblick

5. Literatur

Beziehungsanalyse beider Nationen vor der Unabhängigkeit

Schon weit vor der Unabhängigkeit und der Aufnahme erster diplomatischer Beziehungen im Jahre 1947 haben beide Länder ein überaus differenziertes Verhältnis zueinander gepflegt. Als zu Beginn des 17. Jahrhunderts das Britische Königreich die Portugiesen vor der indischen Küste besiegte und die East Indian Company in Surat gründete, wurde damit der Grundstein zur Kolonialisierung gelegt. Das Reich der Mughalen, der damalige muslimische Teil Indiens, versuchte mehr oder weniger verzweifelt die langjährigen, freundschaftlichen Beziehungen zum Osmanischen Reich zu intensivieren (während des 15. und 16. Jahrhunderts kam es zwischen den osmanischen Kalifen und indischen Prinzen in regelmäßigen Abständen zu einem Austausch von Botschaftern, die meistens Geschenke und Friedensbriefe mitbrachten sowie einer formalen osmanischen Unterstützung gegen die portugiesische Expansion) und bat Sultan Murad IV um Hilfe gegen die Briten. Die Osmanen waren allerdings vermehrt an Europa gebunden und verwehrten aus Eigeninteresse eine militärisch- strategische Anbindung an die religiös Gleichgesinnten Mughalen. Auch die Entsendung von Geschenken und Delegierten ins Osmanische Reich als Reaktion auf den wachsenden britischen Druck auf die Mughalen im 18. Jahrhundert brachte kein Einlenken bei den Osmanen, die mittlerweile sogar einen Freundschaftsvertrag mit dem Empire hatten. Erst im 19. Jahrhundert, als Europa vermehrt das Osmanische Reich in die Knie zwang und es anhaltende, innenpolitische Probleme gab, näherte man sich den Mughalen auf diplomatischer und wirtschaftlicher Ebene (vgl. Pasha 2006 und Hale 2000).

Kurzum: Die Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und den Mughalen in Indien beschränkte sich von Anfang an aufgrund egoistischer, ökonomischer und opportunistischer Gründe seitens der Osmanen auf eine sehr einseitige Beziehung. Während die Osmanen ihre Machterweiterung und -Sicherung sowie ihr Territorium stetig optimierten (etwa durch Freundschafts- und Allianzverträge mit Europa), mussten sich die Mughalen britischer Kolonialherrschaft beugen. Weder die muslimischen noch die hinduistischen Mughalen konnten die Osmanen davon überzeugen ihre sicherheitsorientierte Haltung gegenüber Europa zu Gunsten Indiens zu ändern. Machtpolitik überwiegte gegenüber ökonomischen, religiösen und kulturellen Beziehung mit Indien, in der Analyse ein ganz klarer Fall von realistischer Außenpolitik (vgl. Krell 2004). Die Aussage des indischen Premierministers Vajpayee von 2003 muss daher etwas kritischer betrachtet werden und gibt dieser Arbeit schließlich das historische Fundament zur Entwicklung einer Fragestellung (siehe unten):

“There was a close and regular mutual interaction between Indian rulers and the Ottoman Empire. The activism and ideology of Mustafa Kemal Ataturk made a deep impression on the Indian freedom struggle. The people of India watched with great sympathy the efforts of the Turkish people in freeing their country from the group of imperial power after the First World War” (Vajpayee 2003).

Für die Beziehungshistorie beider Länder nach deren Unabhängigkeit gilt es nun diese „historisch-realistische Prägung“ zu falsifizieren oder zu bestätigen. Sind die indisch- türkischen Beziehungen auch nach 1947 an einer egoistischen Machtsicherung und - optimierung orientiert oder „erzwingt“ das Internationale System, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg und während dem Kalten Krieg, eine andere Form der Kooperation? Zur Beantwortung dieser Frage gilt es in einem ersten Schritt die „tools“ für diese Analyse festzusetzen. Bei oberflächlicher Betrachtung der knapp 60 Jahre Beziehungen seit der indischen Unabhängigkeit zeigt sich, dass das Verhältnis beider Länder weniger von militärischen, sicherheitspolitischen Kooperationen und Anlehnungen geprägt ist (wenngleich auch ebenso wenig von bilateralen, tatsächlichen Konflikten) sondern vielmehr von wirtschaftlich-rationalen Verflechtungsmustern. Für den theoretischen Zugang erscheint daher der neoliberale Institutionalismus als wirksamstes Analyseinstrument (siehe unten). In einem zweiten Schritt gilt es innerhalb des theoretical framework of analysis anhand von drei Fallstudien stringente Handlungsmuster zu deuten und erklärbar zu machen. Hierbei ist es zudem interessant bilaterale Kooperationen spiegelbildlich zum internationalen System zu „lesen“. Inwiefern wird die bilaterale „Kooperationsmasse“ von äußeren Umständen beziehungsweise Einflüssen aktiv oder passiv beeinflusst?

Im letzten Schritt soll ein Ergebnis geerntet und die Frage nach der theoretischen Prägung beantwortet werden. Im Zuge dessen kann dann eine Prognose erfolgen die letztendlich als Handlungsanweisung genutzt werden darf.

Theoretisch-methodischer Zugang

Die Arbeit ist strikt nach einem deduktiv-methodischen Analysezugang strukturiert.

Der historische Abriss und die daraus resultierende Fragestellung (siehe oben) bilden das Fundament, der nun folgende theoretische Exkurs dient als Analyseinstrument und die anschließende Fallstudie zur letztendlichen Ergebnislieferung und Beantwortung der Ausgangsfrage.

Wie schon erwähnt, erscheint der neoliberale Institutionalismus nach kurzem, zeitgerafftem Rückblick auf circa 60 Jahre Beziehungen zwischen Indien und der Türkei als geeignetes „Analysetool“ um die Frage nach der Kooperationsstruktur nach dem Zweiten Weltkrieg sowie während und nach dem Kalten Krieg zu beantworten. So versteht sich der neoliberale Institutionalismus als Theorie internationaler Kooperation und Verflechtung um die internationale Anarchie (insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg) zu überwinden. Wie der Name schon sagt, wird dies durch die Schaffung und Etablierung von Institutionen erreicht um die Akteure langfristig aneinander zu binden. Knüpft man an diesem Punkt mit der pazifistisch geprägten Außenpolitik Indiens in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit sowie dem ersten offiziellen, türkischen Botschafterbesuch 1947 in Neu Delhi als Zeichen der offiziellen Anerkennung und den damit beginnenden bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern an, wird eine rational geprägte Motivation in den bilateralen Beziehungen erkennbar. Möglich wird dieser Rationalismus durch ein rational kalkuliertes Eigeninteresse, also einem vorhanden Nutzenkalkül der Akteure. Der Wunsch nach Kooperation, und das ist das Hauptaugenmerk dieser Arbeit, geht aus einer Schnittmenge gemeinsamer, ausschließlich wirtschaftlicher Interessen hervor. Dies wird vor allem nach der Analyse der Fallstudien deutlich. Der neoliberale Kooperationsbegriff erscheint daher als Erklärungsansatz warum beide Länder überhaupt ein Interesse an bilateralen Beziehungen haben: „…goal directed behaviour that entails mutual policy adjustments so that all sides end up better off than they would otherwise be…(Milner, 1991: S. 468)“. Was diese policy adjustments tatsächlich sind und wie sie begründet werden, versuchen die Fallstudien zu liefern.

Ebenso wichtig zu untersuchen und auf ihre Beständigkeit hin zu überprüfen sind die kooperationsfördernden Elemente des neoliberalen Institutionalismus (vgl. Keohane 1989):

(1) Zunächst einmal das Interesse an absoluten Gewinnen, sozusagen als Grundmotivation zur Kooperation.
(2) Des Weiteren die Umsetzung dieser rationalen Kooperationsmotivation durch eine möglichst geringe Anzahl an Akteuren um das akteursbezogene Gestaltungspotential möglichst hoch zu halten.
(3) Eine auf lange Sicht angelegte Kooperation erhöht grundsätzlich die Motivation zur unmittelbaren Beziehungsaufnahme. Diese Erwartungsmoment spiegelt erneut das Kostennutzenkalkül der Akteure wieder, weil hier kurzfristig gehandelt (Verträge, Initiativen, Joint Work Groups etc.) aber langfristig geplant (Gewinnorientierung) wird.
(4) Kenntnisse über das jeweils andere Regime sowie ein prinzipiell kooperationsfreundliche Verhalten der Akteure versprechen Gewinne, schaffen Vertrauen und Vertragstreue. Dieser Ansatz geht einher mit der Regimethese.
(5) Der Einbezug von so genannten „epistemic communities“ (akteursübergreifenden Expertengruppen) in den Entscheidungsprozess der jeweiligen Akteure verstärkt die Argumente von Punkt 4, besonders dann, wenn diese Expertengruppen gleiche Grundannahmen und Werte vertreten.
(6) Eine asymmetrische Machtverteilung unter den Kooperationspartnern ist vor allem für die Motivation zur Zusammenarbeit bei schwächeren Akteuren förderlich, weil sie ihnen Gewinne in Aussicht stellt. Der stärkere Akteur erhofft sich entweder einen wirtschaftlichen Aufstieg des schwächeren oder hat Partikularinteressen.

Allgemein gilt festzuhalten, dass die Akteure (im neoliberalen Institutionalismus können dies gesellschaftliche Gruppen, Regime, Institutionen oder sogar internationale Organisationen sein) im Gegensatz zur realistischen Machtgewinn und -Sicherungsorientierung eine Netto- Mehrung ihres Wohlfahrtsnutzen anstreben (vgl. Krell 2004 und Keohane 1989). Dies lässt sich nicht durch aggressives, an militärischer Aufrüstung geleitetes Sicherheitsdenken erreichen, sondern durch gewinn-maximierende Kooperation. Die Aussicht und Erwartung auf zukünftige Gewinne zwingt die Akteure zu regelkonformen Verhalten und erzeugt Kooperation in the long term.

Die langfristige, regelkonforme Kooperation zwischen den Akteuren wird nach dem neoliberalen Institutionalismus durch die Bildung und Entstehung von Institutionen ermöglicht. Institutionen sind dabei als Strukturen, Normen und Regeln zu verstehen die durch das „treue“ Verhalten der Akteure über einen längeren Zeitraum entstanden sind, beziehungsweise durch die tatsächliche Schaffung von übergeordneten Regime zur Überwachung, Einhaltung und Durchführung des Kooperationsprozesses. Diese Institutionen haben im Grunde vier Funktionen:

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Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656215615
ISBN (Buch)
9783656217275
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195744
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Süd-Asien Institut
Note
2,0
Schlagworte
Indien Türkei Internationale Beziehungen Neoliberaler Institutionalismus

Autor

  • Ferdinand Frisch (Autor)

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