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Lyrikanalyse: Husum als „Die Stadt“ Theodor Storms

Hausarbeit 2008 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lyrikanalyse: „Die Stadt“
2.1 Textimmanente Analyse
2.1.1 Metrik und Klang
2.1.2 Wortwahl und Satzbau
2.1.3 Perspektive, Raum und Zeit
2.1.4 Zwischenfazit
2.2 Interpretation in Hinblick auf Storms Biographie
2.2.1 Storms Heimatverbundenheit
2.2.2 Literaturprogrammatik des Realismus

3. Schluss

4. Literaturangaben

1. Einleitung

Im Folgenden werde ich mich mit Storms Gedicht „Die Stadt“ beschäftigen. Hierbei möchte ich feststellen, ob Theodor Storms „Die Stadt“ tatsächlich, wie in der Forschungsliteratur dargestellt wird, Husum ist.

Zu Beginn werde ich daher eine textimmanente Interpretation vornehmen und dabei das Gedicht nach den Aspekten Metrik, Klang, Wortwahl, Satzbau, Perspektive, Raum und Zeit[1] analysieren. Im Anschluss daran möchte ich eine Verknüpfung mit Storms Biographie vornehmen, um dessen Verbundenheit zu Husum darzustellen und diesbezügliche Parallelen zum Gedicht aufzuzeigen. Auf Grund des gegebenen Rahmens der Hausarbeit kann dieser biographische Teil nicht Theodor Storms Leben umfassend wiedergeben, sondern beinhaltet ausgewählte Aspekte. Zum besseren Verständnis möchte ich jedoch zusätzlich vorab einen kurzen Überblick über Stroms Lebensgeschichte bieten und dabei insbesondere seinen Wohnortswechsel nachzeichnen, um auch die Heimatverbundenheit Storms erklären zu können.

Angebunden an den biographischen Teil möchte ich außerdem kurz die Literaturprogrammatik des Realismus aus der Sicht Storms andeuten, um hierdurch ein Verständnis von der Epoche des poetischen Realismus zu erhalten und dadurch Rückschlüsse auf „Die Stadt“ vornehmen zu können.

Wie bereits angedeutet werde ich versuchen auch die Forschungsliteratur bedingt zu berücksichtigen. Bei der Fülle an Sekundärliteratur, die sich häufig wiederholt und aufeinander zurückgreift, werde ich auch hier wieder nur einige Analysen berücksichtigen und diese stellvertretend für weitere Interpretationen beleuchten.[2]

2. Lyrikanalyse: „Die Stadt“

Das Gedicht „Die Stadt“ entstand 1851 und wurde 1852 von Storm in seinem ersten Gedichtband veröffentlicht. In jenem Jahr also, in dem Storm auf Grund seines Engagements für den Anschluss Schleswig und Holsteins an Preußen seine Zulassung verlor und Husum deshalb verlassen musste.

Inhaltlich auffallend ist der Aufbau des Gedichts, denn folgt man der gedanklichen Struktur lässt es sich in zwei Abschnitte gliedern. Die ersten beiden Strophen bilden einen Teil und die dritte den zweiten. Festmachen lässt sich dies daran, dass es in den ersten beiden Strophen um die Beschreibung der Stadt und der Landschaft geht. In der dritten Strophe weicht diese Beschreibung dann einer Ansprache an die Stadt, in der das lyrische Ich seine Empfindung für die Stadt ausdrückt.

2.1 Textimmanente Analyse

2.1.1 Metrik und Klang

Die drei Strophen des Gedichts setzen sich aus je fünf Versen zusammen. Die Verse sind nach dem Schema abaab gereimt. Die Reimordnung ist nicht eindeutig zuzuordnen, da es sich auf Grund der Wiederholung des auf a reimenden vierten Verses nicht um einen Kreuzreim im eigentlichen Sinne handelt. Es ist aber auch kein umarmender Reim, denn bei diesem dürfte der erste Vers nicht vorhanden sein. So lässt sich über die Reimordnung nur sagen, dass sie eine Mischform aus Kreuzreim und umarmendem Reim sein könnte, da die Strophen fünfzeilig sind und sich so keine der beiden Reimordnungen eindeutig zuordnen lässt.

Die Verse beginnen auftaktlos mit einer unbetonten Silbe und sind jambisch. Es gibt einen regelmäßigen Wechsel von Senkungen und Hebungen, also handelt es sich hierbei um ein alternierendes Metrum. Die Verslänge ist unterschiedlich; es wechseln Dreiheber und Vierheber, wobei dieser Wechsel dem Reimschema insofern entspricht, als dass jeder Vers der auf a reimt vier Hebungen hat und die auf b reimenden Verse drei Hebungen besitzen, also dem Muster 43343 folgen. Die Kadenzen sind männlich und es gibt keinen Wechsel.

Abweichungen vom Metrum gibt es zum einen am Anfang des letzten Verses der ersten Strophe, da „eintönig“ auf der ersten Silbe betont ist und der Vers (X x x X x X) so nicht dem Muster des sonst alternierenden Metrums (x X x X x X) folgt. Dieser Ausbruch aus dem Metrum mit dem Auftauchen eines Trochäus führt zu einer besonderen Hervorhebung des Wortes „eintönig“ und verdeutlicht noch einmal die Trostlosigkeit dieser Stadt.

Eine andere Abweichung in dem Gedicht ist eine Unregelmäßigkeit der Verslängen in der dritten Strophe. Der erste Vers besteht aus nur drei Hebungen, wobei er, wenn er dem Muster der vorangegangenen Strophen folgen würde, vier Hebungen besitzen müsste. Diese Besonderheit markiert den Stimmungswechsel des Gedichtes auch deutlich in der Metrik, da Storm sich in der dritten Strophe der Stadt zuwendet.

Bei den Reimen dieses Gedichts handelt es sich um Endreime. Diese sind ihrer Kadenz nach männliche Reime. Die auftretenden identischen Reime sind in dem Gedichtkontext nicht zwingend als Kunstlosigkeit oder Einfallslosigkeit zu sehen. Viel mehr sind es die Reizwörter dieses Gedichts Meer und Stadt und Storm hebt hiermit vielmehr noch mal ihre Wichtigkeit hervor. Die von Storm verwendeten Reime sind unreine Reime, ausgenommen natürlich der identischen Reime. Die Elision „ohn Unterlaß“[3] (V: 7) bewirkt, dass das Metrum beibehalten wird und so handelt es sich um eine insgesamt flüssige, klanglich weiche Verssprache.

2.1.2 Wortwahl und Satzbau

Storm bedient sich einer recht einfachen, klaren Sprache, die weder Wörter aus Fachsprachen noch gehobene oder nicht mehr geläufige Ausdrücke enthält.

Bei den Verben fällt auf, dass es sich bei diesen in den ersten beiden Strophen um Tätigkeitsverben (wie z. B. drücken, brausen, ...) handelt. In der dritten Strophe werden jedoch Zustandsverben (hängen, ruhen) verwendet, die etwas Andauerndes ausdrücken.

Bei den Substantiven gibt es kaum Abstrakta, es überwiegen Konkreta aus dem Bereich der Natur und Landschaft (wie z. B. Meer, Wald, Vogel,...). Lediglich die dritte Strophe besitzt auffallend andere Substantive, wie „Herz“ und „Zauber“, mit denen man eher etwas Abstraktes und etwas vielleicht ein wenig Geheimnisvolles verbindet. Im Allgemeinen fällt bei den Substantiven auf, dass „Meer“ und „Stadt“ mehrfach wiederholt werden und so ihre Wichtigkeit noch einmal verdeutlicht wird.

Bei den Artikeln ist zu bemerken, dass ausschließlich bestimmte Artikel im Singular verwendet werden. Diese verweisen auf Bekanntes und lassen so für gewöhnlich keine Allgemeingültigkeit zu.

Bei der Wahl der Adjektive handelt es sich um dunkle Gefühlswörter (grau, eintönig, ...), die die Bedeutung der Substantive präzisieren. Es handelt sich hierbei um wertende Adjektive, die das Gefühl der vermittelten Trostlosigkeit noch verstärken. Insbesondere die viermalige Wiederholung von „grau“ produziert das Gefühl von einer düsteren Atmosphäre, da sowohl der Strand, das Meer und auch die Stadt als „grau“ beschrieben werden. Die einzige Ausnahme der Adjektive stellt „lächelnd“ in der dritten Strophe dar, welches ganz im Gegensatz zu den sonstigen Adjektiven steht und die Andersartigkeit dieser Strophe hervorhebt.

Es treten viele Enjambements in dem Gedicht auf. Diese finden sich in der ersten Strophe im ersten und zweiten Vers und im dritten, vierten und fünften Vers. In der zweiten Strophe im ersten und zweiten und im dritten und vierten Vers. Lediglich der fünfte Vers steht für sich alleine. Die dritte Strophe ist in dieser Hinsicht wie die erste aufgebaut mit Enjambements im ersten und zweiten Vers und im dritten, vierten und fünften Vers. Dieses Verhältnis zwischen Satzgrenze und Versgrenze steht im Gegensatz zu dem sehr regelmäßigen Metrum des Gedichts, da die Häufung von Enjambements Unruhe mit sich bringt.

Storm verwendet viele Figuren der Wiederholung. So handelt es sich bei „Am grauen Strand, am grauen Meer“ (V. 1) um eine Epanalepse durch die er eine Vorstellung akzentuiert. Auch die Wörter „für“ (V. 13) und „dir“ (V. 14) werden wiederholt. Diese Wiederholungen wirken im Textzusammenhang „Der Jugend Zauber für und für / Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir“ (V. 13f.) wie eine Art Beschwörung.

Die nächste auffällige Figur ist die Anapher, diese findet sich in der ersten Strophe im zweiten und vierten Vers („Und“) und in der dritten Strophe in der sich „Du graue Stadt am Meer“ (V. 12 und 15) wiederholt. Besonders hierbei hebt Storm „die graue Stadt“ noch einmal hervor. Auch Epiphern treten in der ersten Strophe und in der dritten Strophe auf („Meer“ V. 1 und 4/ „Stadt“ V. 2 und 5/ „dir“ V. 11 und 14/ „Meer“ V. 12 und 15). Hierbei ist auffällig, dass die Epiphern nur in der ersten und dritten Strophe auftreten und in den Strophen an exakt denselben Positionen. Die wiederholte Wiederholung des Wortes „Meer“ zeigt deutlich, welche Wichtigkeit Storm ihm zumisst. Weitere Stilmittel sind zum einen die Personifikationen des Nebels: „Der Nebel drückt die Dächer schwer“ (V. 3), womit dem eigentlich passiv auftretenden Nebel eine aktive Rolle zugesprochen wird. Zum anderen wird der Zauber der Jugend personifiziert: „Der Jugend Zauber […]/ Ruht“ (V.13 f.). Dies erhebt die Jugend und das Zauberhafte, welches sie umgibt, zu etwas lebendigen, noch andauernden, wobei sie schon längst vergangen ist. Es verdeutlicht allerdings auch, dass sich in der Stadt nicht viel verändert hat, da sie eben immer noch den Zauber der Jugend besitzt.

„Doch hängt mein Herz an dir“ (V.11) ist hier als Metapher aufzufassen, da man etwas, an das man sein Herz hängt, liebt oder ihm zumindest eine große Bedeutung zuweist. Die Alliteration „ D er Nebel d rückt d ie D ächer schwer, / Und d urch d ie Stille braust das Meer“ (V. 3f.) verstärkt durch ihre monotone Wirkung beim Lesen noch einmal die Einöde, die diese Stadt umgibt. Auch wenn es sich um die einzige Alliteration des Gedichts handelt, sie eher zufällig wirkt und die Wortwahl nicht um eine Alliteration bemüht scheint, ist sie doch nicht außer Acht zu lassen, da sie einen weiteren Hinweis für die Stimmung des Gedichts darstellt.

[...]


[1] Vgl. Horst Joachim Frank: „Wie interpretiere ich ein Gedicht?“. Tübingen 2003.

[2] Vgl. z.B. Regina Fasold: „Theodor Strom“. Stuttgart 1997. Hartmut Vincon: „Storm”. 16. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2004. Und Peter Goldammer: „Theodor Storm – Eine Einführung in Leben und Werk“. Leipzig 1980.

[3] Theodor Storm: „Die Stadt“. In: Ders.: „Sämtliche Werke in vier Bänden“. Karl-Ernst Laage und Dieter Lohmeier (Hg.). Frankfurt am Main 1998. Bd. 1: Gedichte, Novellen 1848-1867. S.14.

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656217497
ISBN (Buch)
9783656218050
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195889
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Schlagworte
Gedichtanalyse Storm Stadt Realismus

Autor

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