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Europäische Öffentlichkeit - Eine Analyse zur Berichterstattung zur Debatte um den EU-Reformvertrag in ausgewählten europäischen Tageszeitungen

von Mag. Rychetsky (Autor) Fertsak (Autor) Fituch (Autor) Koch (Autor) Krois (Autor) Tagwerker (Autor)

Forschungsarbeit 2008 87 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Öffentlichkeit
2.1.1 Definitionsansätze
2.1.2 Öffentliche Meinung
2.1.3 Ebenen von Öffentlichkeit
2.1.4 Öffentlichkeitsfunktionen
2.1.5 Öffentlichkeitsmodelle
2.1.5.1 Systemtheoretische Spiegelmodelle
2.1.5.2 Diskursmodelle
2.2 Europäische Öffentlichkeit
2.2.1 Modelle europäischer Öffentlichkeit
2.2.1.1 Länderübergreifende europäische Öffentlichkeit
2.2.1.2 Europäisierung nationaler Öffentlichkeiten
2.2.2 Indikatoren europäischer Öffentlichkeit
2.3 Kommunikationswissenschaftliche Theorien zur Herstellung von Öffentlichkeit
2.3.1 Gatekeeper-Theorie
2.3.2 Agenda-Setting

3 Boulevard- und Qualitätsmedien
3.1 Boulevardzeitung
3.2 Qualitätszeitung

4 Forschungsstand: Berichterstattung zur EU und zur europäischen Öffentlichkeit

5 Empirischer Teil
5.1 Forschungsfragen und Hypothesen
5.2 Untersuchungsgegenstand, Stichprobe und Methodik
5.2.1 Untersuchungsgegenstand und Stichprobe
5.2.2 Methodik
5.3 Darstellung der zentralen Ergebnisse
5.3.1 Themenstruktur
5.3.2 Aufmerksamkeit der Berichterstattung
5.3.3 Bewertung des EU-Reformvertrages
5.3.4 Anzeichen europäischer Öffentlichkeit

6 Resümee zur Berichterstattung zum EU-Reformvertrag

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang Codebuch

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ebenen der Öffentlichkeit (Jarren/Donges 2006: 105)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Anzahl der untersuchten Artikel in den jeweiligen Medien

Tabelle 2: Anzahl der untersuchten Aussagen in den jeweiligen Medien

Tabelle 3: Kalenderwochen/Qualitäts- und Boulevardmedium

Tabelle 4: Kalenderwochen/Herkunft des Mediums

Tabelle 5: Platzierung der Artikel

Tabelle 6: Aufmachung der Artikel

Tabelle 7: Umfang der Artikel

Tabelle 8: Bedeutung des EU-Reformvertrages in den Artikel

Tabelle 9: Platzierung der Artikel nach Herkunft der Medien

Tabelle 10: Aufmachung der Artikel nach Herkunft der Medien

Tabelle 11: Umfang der Artikel nach Herkunft der Medien

Tabelle 12: Bedeutung des EU-Reformvertrages nach Herkunft der Medien

Tabelle 13: Beurteilung des EU-Reformvertrages nach Qualitäts- und Boulevardmedium

Tabelle 14: Bewertung des EU-Reformvertrages nach untersuchten Zeitungen

Tabelle 15: Bewertung des EU-Reformvertrages nach Herkunft der Medien (Artikelebene)

Tabelle 16: Bewertung des EU-Reformvertrages nach Herkunft der Medien (Aussagenebene)

Tabelle 17: Herkunft der Sprecherinnen und Sprecher nach Medientyp

Tabelle 18: Herkunft der Sprecherinnen und Sprecher nach Ländern

Tabelle 19: Herkunft der passiven Akteurinnen und Akteure nach Qualitäts- und Boulevardmedium

Tabelle 20: Herkunft der passiven Akteurinnen und Akteure nach Ländern

Tabelle 21: Herkunft der Akteurinnen und Akteure nach Boulevard- oder Qualitätsmedium

Tabelle 22: Herkunft der Adressatinnen und Adressaten nach Boulevard- oder Qualitätsmedium

Tabelle 23: Herkunft der Akteurinnen und Akteure nach Herkunft des Mediums

Tabelle 24: Bewertung des EU-Reformvertrages durch Journalistinnen und Journalisten nach Qualitäts- und Boulevardmedium

1 Einleitung

„In diesen Tagen erfährt die Kategorie ‚Öffentlichkeit ’ in der Europadiskussion eine unverhoffte Aufwertung.“ (Pfetsch 2005: 1)

Auch in der öffentlichen Debatte um den Vertrag von Lissabon und dessen Ablehnung durch die irische Bevölkerung war häufig die Rede vom Demokratiedefizit bzw. Öffentlichkeitsdefizit der Europäischen Union. Die zentrale Fragestellung der vorliegenden Studie ist daher, ob im Zuge der Berichterstattung zum Reformvertrag der Europäischen Union Anzeichen von Europäischer Öffentlichkeit erkennbar sind.

Der Vertrag von Lissabon (auch EU-Reformvertrag genannt) wurde am 13. Dezember 2007 von den Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Europäischen Union unterzeichnet und soll die Handlungsfähigkeit der erweiterten Union gewährleisten. Kurz zusammengefasst sind die wichtigsten Ziele des Vertrags von Lissabon:

- Stärkung der Demokratie und Transparenz: Die Kompetenzen des Europäischen Parlaments (EP) sollen erweitert und die nationalen Parlamente stärker eingebunden werden. Durch die Möglichkeit von Bürgerinitiativen auf europäischer Ebene sollen die Bürgerinnen und Bürger mehr Mitspracherecht bekommen.
- Mehr Effizienz: Durch eine Vereinfachung der Abstimmungsregeln und Arbeitsmethoden soll die Handlungsfähigkeit der EU erhöht werden, vor allem durch qualifizierte Mehrheitsentscheidungen im Rat. Die Kommission wird verkleinert und die Zusammensetzung des EP neu berechnet.
- Rechtsverbindlichkeit der Grundrecht-Charta, Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten, Stärkung der vier Grundfreiheiten, Stärkung der Kompetenzen in den Bereichen Sicherheit, Freiheit und Recht.
- Stärkung der außenpolitischen Kompetenz der EU

(vgl. http://europa.eu/lisbon_treaty/glance/index_de.htm, 9.November 2008)

Die Ratifizierung des Vertrags von Lissabon findet in den Mitgliedstaaten je nach den Bestimmungen der nationalen Verfassungen statt. In den meisten Mitgliedsländern wurde der Reformvertrag bereits in den nationalen Parlamenten ratifiziert, in einem einzigen Mitgliedstaat, Irland, fand ein Referendum statt. Der Reformvertrag wurde am 12. Juni 2008 von der irischen Bevölkerung abgelehnt. Da der Vertrag von Lissabon von allen

Mitgliedstaaten ratifiziert werden muss um in Kraft zu treten, gelten bis auf weiteres die bestehenden EU-Verträge.

Wir gehen von der Annahme aus, dass die Debatte um den Vertrag von Lissabon durch das irische Referendum eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit erhielt und wollen daher in der vorliegenden Forschungsarbeit untersuchen, ob in der medialen Berichterstattung zum Reformvertrag Ansätze einer Europäischen Öffentlichkeit festgestellt werden können. Hierfür wurden Zeitungsartikel zum Thema „Vertrag von Lissabon“ in einem Untersuchungszeitraum von zwei Wochen vor bis zwei Wochen nach der irischen Volksabstimmung (29. Mai bis 26. Juni 2008) einer Inhaltsanalyse unterzogen. Eingang in die Analyse fanden alle relevanten Artikel im Untersuchungszeitraum aus Qualitätszeitungen sowie Boulevardzeitungen aus drei EU-Mitgliedstaaten, um sowohl die Berichterstattung im Ländervergleich darstellen als auch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Boulevard- und Qualitätsmedien herausarbeiten zu können. Die Auswahl der zu untersuchenden Staaten - Deutschland, Großbritannien und Österreich - erfolgte aufgrund unserer sprachlichen Möglichkeiten. Ursprünglich sollten auch Artikel aus Irland analysiert werden, dies scheiterte jedoch an der Verfügbarkeit der Zeitungen.

In Kapitel 2 werden zunächst die theoretischen Grundlagen unserer Forschungsarbeit dargelegt. Das Hauptaugenmerk liegt hier auf der Definition des Öffentlichkeitsbegriffs, den Ebenen und Modellen von Öffentlichkeit, sowie einigen kommunikationswissenschaftlichen Theorien zur Herstellung von Öffentlichkeit. Weiters thematisieren wir hier den Begriff der Europäischen Öffentlichkeit. Nachdem in Kapitel 3 Merkmale von Boulevard- und Qualitätszeitungen dargestellt werden, gehen wir in Kapitel 4 auf den Forschungsstand zur Berichterstattung zur Europäischen Union und der Europäischen Öffentlichkeit ein. In Kapitel 5, dem empirischen Teil, werden zunächst die zentralen Forschungsfragen und Hypothesen der vorliegenden Forschungsarbeit dargelegt. Der Untersuchungsgegenstand, die Stichprobe und die Methodik werden erläutert. Danach stellen wir die zentralen Ergebnisse der Analyse dar. Zuletzt ziehen wir in Kapitel 6 ein abschließendes Resümee zur Berichterstattung zum EU-Reformvertrag anhand unserer Forschungsergebnisse.

2 Theoretische Grundlagen

In diesem Abschnitt wird auf die theoretischen Hintergründe eingegangen, die eine wesentliche Basis für die praxisorientierte Behandlung des Themas darstellen. Hierzu zählen vor allem die Definition des Öffentlichkeitsbegriffs sowie die Erläuterung der einzelnen Ebenen und der Funktionen von Öffentlichkeit. Schließlich wird neben den Öffentlichkeitsmodellen auch die Europäische Öffentlichkeit thematisiert.

2.1 Öffentlichkeit

Um in weiterer Folge die öffentliche Debatte um den Vertrag von Lissabon in ausgewählten europäischen Tageszeitungen beleuchten und Anzeichen von Europäischer Öffentlichkeit identifizieren zu können, erfolgt einleitend eine Darstellung der Definitionsansätze des Begriffs Öffentlichkeit. Von ebenso großer Relevanz ist es, die Ebenen und Funktionen von Öffentlichkeit zu erörtern.

2.1.1 Definitionsansätze

Zur Begriffsgeschichte ist zu erwähnen, dass der Ausdruck Öffentlichkeit erst im 18. Jahrhundert aus dem Adjektiv ö ffentlich abgeleitet worden ist.

Jede einzelne Bürgerin und jeder einzelne Bürger beeinflusst in einer demokratischen Gesellschaftsform als freie Bürgerin bzw. freier Bürger die politischen Angelegenheiten. Die Vorstellung, politische Herrschaft sei von den Willensbekundungen der Bevölkerung geprägt und durch sie legitimierbar, bildet die Voraussetzung für die Entfaltung des Begriffs Öffentlichkeit. (vgl. Gerhards 1998: 268) Was eigentlich mit Öffentlichkeit im Detail gemeint ist, bleibt hier unklar.

Zum Öffentlichkeitsbegriff existieren zahlreiche Definitionsansätze, die im Folgenden exemplarisch erläutert werden sollen.

Öffentlichkeit lässt sich - mit Bezugnahme auf Habermas und sein normatives, basisdemokratisch orientiertes Modell von Öffentlichkeit - bezeichnen als „ein Netzwerk für die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen, also von Meinungen; dabei werden die Kommunikationseinflüsse so gefiltert und synthetisiert, dass sie sich zu themenspezifisch gebündeltenöffentlichen Meinungen verdichten.“ (Habermas 1992: 436).

Neidhardt versteht unter moderner Öffentlichkeit „ ein relativ frei zugängliches Kommunikationsfeld, in dem „Sprecher“ mit bestimmten Thematisierungs- und Überzeugungstechniken versuchen,über die Vermittlung von „Kommunikateuren“ bei einem „Publikum“ Aufmerksamkeit und Zustimmung für bestimmte Themen und Meinungen zu finden. Politische undökonomische Interessen der Öffentlichkeitsakteure strukturieren diese Kommunikation ebenso wie die Unterhaltungs- und Orientierungsbedürfnisse eines Publikums“.

Des Weiteren erscheint laut Neidhardt Öffentlichkeit als „ ein offenes Kommunikationsforum für alle, die etwas sagen oder das, was andere sagen, hören wollen.“ (Neidhardt 1994: 7)

Für die vorliegende Forschungsarbeit ist allerdings in erster Linie die Definition von Gerhards relevant:

„(Politische) Kommunikation besteht aus einer Vielzahl von Kommunikationsforen, deren Zugang prinzipiell offen und nicht an Mitgliedschaftsbedingungen gebunden ist und in denen sich individuelle und kollektive Akteure vor einem breiten Publikum zu politischen Themenäußern. Das Produkt der Kommunikationen in der Öffentlichkeit bezeichnet man alsöffentliche Meinung, die man von den aggregierten Individualmeinungen der Bürger unterscheiden kann.“ (Gerhards 1998: 694)

Anschließend soll auf das Ergebnis der öffentlichen Kommunikation - die öffentliche Meinung - näher eingegangen werden.

2.1.2 Öffentliche Meinung

Ähnlich wie beim Begriff der Öffentlichkeit hat sich auch für das Produkt von Öffentlichkeit, die öffentliche Meinung, keine eindeutige Verwendung des Begriffs durchgesetzt.

Öffentliche Meinungen können als die im Öffentlichkeitssystem kommunizierten Themen und Meinungen, die sich wie bereits erwähnt von den Individualmeinungen der Bürgerinnen und Bürger abheben, definiert werden. Daher können die Standpunkte der Bürgerinnen und Bürger zu politischen Inhalten und die öffentlich kommunizierten Meinungen durchaus voneinander abweichen.

Öffentlichkeit in gegenwärtigen Gesellschaften bedeutet in erster Linie massenmediale Öffentlichkeit. Dieser kommt somit im Prozess der öffentlichen Meinung eine hohe Bedeutung zu (vgl. Gerhards 1998: 269).

Es lassen sich drei Konzepte unterscheiden, bei denen jeweils andere Subjekte als Träger der öffentlichen Meinung dominieren: (vgl. Jarren/Donges 2006: 109)

- Medienkonzept

In diesem Konzept werden die Medien als Träger der öffentlichen Meinung bestimmt. Die veröffentlichte Meinung wird also mit der öffentlichen Meinung gleichgesetzt und die in den Massenmedien vorherrschende Meinung kann somit als öffentliche Meinung bezeichnet werden.

- Elitenkonzept

Im Elitekonzept sind die Einflussreichen und Wohlinformierten Träger der öffentlichen Meinung. Diese entscheiden, welche Themen relevant sind und auch was als öffentliche Meinung anerkannt wird.

- Demoskopiekonzept

Im demoskopischen Konzept ist es die Bevölkerung, genauer gesagt die Mehrzahl der befragten Bürgerinnen und Bürger zu einem bestimmten Thema, die die öffentliche Meinung vorgibt.

Aufgrund der unterschiedlichen Konzepte der Trägerschaft öffentlicher Meinung ergibt sich auch das methodische Problem, ob und wie öffentliche Meinung gemessen werden kann. Beim Medienkonzept kann öffentliche Meinung durch Inhaltsanalysen gemessen werden, beim Elite- bzw. Demoskopiekonzept erfolgt dies aufgrund von Befragungen.

2.1.3 Ebenen von Öffentlichkeit

Wird Öffentlichkeit als offenes Kommunikationssystem bzw. -forum definiert, so sieht man sich mit einer diffusen Größe konfrontiert, die eine Vielzahl von Foren in unterschiedlicher Ausdehnung umfasst und nur teilweise miteinander vernetzt sind.

In der Literatur wird aus diesem Grund häufig von drei Ebenen der Öffentlichkeit gesprochen, die nachfolgend auch in dieser Forschungsarbeit erläutert werden sollen. Die Vorstellung eines Öffentlichkeitssystems, das in mehrere Ebenen differenziert ist, kann in zweifacher Hinsicht unterschieden werden: zum einen nach der Menge der Kommunikationsteilnehmer und zum anderen nach dem Grad der strukturellen Verankerung der Ebenen (vgl. Gerhards/Neidhardt1991: 49ff, vgl. Donges/Imhof 2001: 106f).

- Encounter-Ebene (oder auch „Kommunikation au trottoir“)

Der geringste Grad an struktureller Verfestigung von Öffentlichkeit ist auf der Encounter- Ebene zu finden. Dabei handelt es sich um einfache Interaktionssysteme, die sich immer dann bilden, wenn Menschen heterogener Herkünfte mehr oder minder zufällig aufeinander treffen. Als Beispiele für eine solche Form von Öffentlichkeit wären spontane öffentliche Gespräche auf der Straße, am Arbeitsplatz oder im Wohnbereich zu nennen. Diese elementaren Interaktionssysteme differenzieren sich nicht weiter in Leistungs-(bzw. Sprecher-) und Publikumsrollen, mit anderen Worten, jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer kann zugleich als Sprecherin bzw. Sprecher oder als Publikum auftreten. Die Vermittlerrolle ist auf der untersten Ebene nicht vorhanden. Weiters ist für diesen Öffentlichkeitstypus seine Zerbrechlichkeit sowie relative Strukturlosigkeit kennzeichnend und dass die Kommunikation meist räumlich, zeitlich und sozial beschränkt ist. Somit ist die Chance der Beeinflussung von öffentlicher Meinung auf dieser Stufe des Kommunikationssystems erheblich beschränkt.

- Themen- oder Versammlungsöffentlichkeit

Die zweite Ebene der Interaktionssysteme bilden Themen- oder Versammlungsöffentlichkeiten wie zum Beispiel Veranstaltungen und Demonstrationen. Diese treten thematisch zentriert auf und können sowohl spontan entstehen als auch einen hohen Organisationsgrad aufweisen. Strukturbildend für öffentliche Veranstaltungen ist - wie eben genannt - das Thema, welches dazu führt, dass sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer einfinden, die eine homogene Meinung vertreten. Diese Homogenität steigert die Chancen für die Herstellung einer öffentlichen Meinung, wenn auch die Quantität des erreichbaren Publikums häufig gering bleiben wird. Die Themen- und Versammlungsöffentlichkeiten differenzieren sich in Leistungs- und Publikumsrollen, genauer gesagt Sprecherinnen und Sprecher, Vermittlerinnen und Vermittler und Publikum wechseln seltener die Rollen. Insbesondere beschränken sich dabei die Äußerungsmöglichkeiten des Publikums. Im Vergleich zur Encounter-Ebene weisen Veranstaltungen bzw. Demonstrationen eine größere innere Stabilität auf und erreichen eher ein breites Publikum sowie allgemeine Aufmerksamkeit.

- Medienöffentlichkeit

Mit der Entwicklung der Massenmedien weitet sich die Öffentlichkeit auf die Gesellschaft insgesamt aus. Die Öffentlichkeit wird zu einer dauerhaft bestimmenden gesellschaftlichen und politischen Größe. Die dritte Stufe des Interaktionssystems unterscheidet sich von den anderen Ebenen in mehrerlei Hinsicht. Die Herstellung von medialer Öffentlichkeit obliegt spezialisierten Organisationen sowie Berufen (z.B. Journalistinnen und Journalisten), die dauerhaft und auf Basis spezifischer Berufsregeln arbeiten. Die Ausdifferenzierung und Professionalisierung von Leistungsrollen in Form von Kommunikatoren erhöht die Chance einer breiten und kontinuierlichen Beeinflussung von öffentlicher Meinung in sozialer Hinsicht. Damit ist schließlich auch eine Veränderung der Publikumsrolle verbunden, da das Publikum abstrakter, viel größer und in seinen Handlungsmöglichkeiten reduzierter wird.

Zwischen den einzelnen Ebenen der Öffentlichkeit sind Selektionsstufen zu finden. Auf der untersten Stufe, der Encounter-Ebene, werden eine Vielzahl von Themen behandelt, von denen nur ein Bruchteil auf die Ebene der Themen- oder Versammlungsöffentlichkeit aufsteigt und ein noch geringerer Teil hiervon auf die Ebene der Medienöffentlichkeit.

In der folgenden Darstellung sind die behandelten Öffentlichkeitsebenen in anschaulicher Form zusammengefasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ebenen der Öffentlichkeit (Jarren/Donges 2006: 105)

2.1.4 Öffentlichkeitsfunktionen

In der Literatur finden sich verschiedene Funktionsbestimmungen von Öffentlichkeit.

Gerhards und Neidhardt weisen darauf hin, „dass Öffentlichkeit ein intermediäres System bildet, dessen politische Funktion in der Aufnahme (Input) und Verarbeitung (Throughput) bestimmter Themen und Meinungen sowie in der Vermittlung der aus dieser Verarbeitung entstehendenöffentlichen Meinungen (Output) einerseits an die Bürger, andererseits an das politische System besteht.“ (Gerhards/Neidhardt 1991: 34f)

Im Zuge des Vermittlungsprozesses wird die öffentliche Meinung erzeugt, eine Meinung, die sich in der Öffentlichkeit weitgehend durchzusetzen vermag. Öffentlichkeit als intermediäres System konstituiert sich durch den Austausch von Informationen und Meinungen durch Personen, Gruppen und Organisationen sowie durch die Offenheit gegenüber allen und potentiell allen Themen und die Möglichkeit zur Teilnahme als auch Abwesenheit. (vgl. Jarren/Donges 2006: 103)

Für die drei Elemente (Input, Throughput, Output) lassen sich nach Neidhardt (1994:8f) unterschiedliche normative Ansprüche formulieren:

- Transparenzfunktion

„Öffentlichkeit soll offen sein für alle gesellschaftlichen Gruppen sowie für alle Themen und Meinungen von kollektiver Bedeutung.“

- Validierungsfunktion

„Öffentlichkeitsakteure sollen mit den Themen und Meinungen anderer diskursiv umgehen und ihre eigenen Themen und Meinungen unter dem Druck der Argumente anderer gegebenenfalls revidieren.“

- Orientierungsfunktion

„Öffentliche Kommunikation, die von den Öffentlichkeitsakteuren diskursiv betrieben wird, erzeugt „ö ffentliche Meinungen“ , die das Publikum alsüberzeugend wahrnehmen und akzeptieren kann.“

2.1.5 Öffentlichkeitsmodelle

Das systemtheoretische Spiegelmodell und das Diskursmodell unterscheiden sich darin, welche normativen Ansprüche innerhalb der oben genannten Prozesselemente sie erheben.

2.1.5.1 Systemtheoretische Spiegelmodelle

Spiegelmodelle von Öffentlichkeit sind normativ „anspruchslos“ und ermöglichen demnach die „Selbstbeobachtung und die Herstellung einer Selbstbeschreibung von Gesellschaft mittels Veröffentlichung von Themen.“ (Jarren/Donges 2006: 98) Der Beobachter der Öffentlichkeit sieht wie durch einen Spiegel, wie er selbst in der öffentlichen Meinung abgebildet wird und er „sieht auch die Konkurrenten, die quertreibenden Bestrebungen, die Möglichkeiten, die nicht für ihn, aber für andere attraktiv sein könnten.“ (Jarren/Donges 2006: 98) Dies ist für all jene Akteurinnen und Akteure relevant, die ein breites Publikum ansprechen wollen, beispielsweise Politikerinnen und Politiker. Daher wird die politische Öffentlichkeitsarbeit für Akteurinnen und Akteure des politischen Systems auch immer wichtiger. (vgl. Jarren/Donges 2006: 98f)

Im Spiegelmodell lässt sich die Forderung nach Offenheit auf der Inputseite ableiten, das heißt, in diesem werden alle Akteurinnen und Akteure und Meinungen abgebildet und es wird nicht durch Ausschluss einzelner Gruppen oder Meinungen die Selbstbeobachtung beeinträchtigt (Transparenzfunktion). (vgl. Jarren/Donges 2006: 99)

2.1.5.2 Diskursmodelle

Diskursmodelle öffentlicher Meinungsbildung sind normativ anspruchsvoller und Habermas betont in seinem Hauptwerk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ die Relevanz aller drei normativen Funktionen von Öffentlichkeit. Bezüglich der Transparenzfunktion schreibt er:

„Die bürgerliche Öffentlichkeit steht und fällt mit dem Prinzip des allgemeinen Zugangs. Eine Öffentlichkeit, von der angebbare Gruppen eo ipso ausgeschlossen wären, ist nicht etwa nur unvollständig, sie ist vielmehr gar keine Öffentlichkeit.“ ( Jarren/Donges 2006: 99)

Des Weiteren unterscheidet Habermas einen sozialen und einen politischen Funktionswandel der Öffentlichkeit. Mit dem sozialen Strukturwandel kommt es zu einer Verschränkung der öffentlichen und der privaten Sphäre durch die wachsenden staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft und durch die Entwicklung des Sozialrechtes. Der bildungsbürgerliche Diskurs verliert an Bedeutung, da sich die Öffentlichkeit vom Bildungsbürgertum entgrenzt. Im politischen Funktionswandel entwickelt sich die Versammlungsöffentlichkeit hin zu einer von den Massenmedien hergestellten Öffentlichkeit. Diese löst sich vom Publikum ab und wird durch Staat, Parteien und organisierten Privatinteressen der Wirtschaft besetzt. (vgl. Jarren/Donges 2006: 100).

2.2 Europäische Öffentlichkeit

Mit der Debatte um den EU-Reformvertrag gewinnt auch der Begriff Europäische Öffentlichkeit zunehmend an Relevanz. „Denn je mehr Kompetenzen die EU erhält und je tief greifender ihre Entscheidungen in das tägliche Leben eingreifen, umso mehr stellt sich die Frage deröffentlichen Debatte und der Legitimation der EU Institutionen durch die betroffenen Bürger. Denn Grundlage jeglicher Legitimation sindöffentliche Kommunikationsprozesse.“ (Pfetsch 2005: 3)

In diesem Abschnitt werden zunächst zwei Modelle einer möglichen massenmedialen europäischen Öffentlichkeit vorgestellt ehe auf Indikatoren eingegangen wird, mit deren Hilfe sich diese Öffentlichkeit „messen“ lässt.

2.2.1 Modelle europäischer Öffentlichkeit

Die Europäisierung der massenmedialen politischen Öffentlichkeit kann man sich in zweifacher Weise vorstellen: Als eigenständige europäische Öffentlichkeit, die die einzelnen nationalen Öffentlichkeiten überlagert oder als Europäisierung der jeweiligen nationalen Öffentlichkeiten. (vgl. Gerhards 1993: 100)

2.2.1.1 Länderübergreifende europäische Öffentlichkeit

Unter der länderübergreifenden europäischen Öffentlichkeit wird ein einheitliches Mediensystem verstanden, dessen Inhalte in den verschiedenen europäischen Ländern Verbreitung finden und von den Bürgerinnen und Bürgern rezipiert werden (vgl. Gerhards 1993: 100). Eine solche europäische Öffentlichkeit überlagert praktisch die nationalen Kommunikationsräume. Neben den historisch gewachsenen lokalen, regionalen und nationalen Kommunikationsräumen bildet sich ein grenzüberschreitender europäischer Kommunikationsraum. (vgl. Pfetsch 2005: 9)

Das Modell einer europäischen Öffentlichkeit durch gemeinsame grenzüberschreitende Massenmedien ist allerdings unwahrscheinlich. Obwohl die technischen Voraussetzungen dank umfassenden Kabel- und Satellitensystemen bestehen, konnten sich bisher kaum europäische Medien etablieren, die den nationalen Medien im Hinblick auf öffentliche Resonanz und politische Bedeutung auch nur annähernd gleichkämen. Angesichts der kommerziellen Ausrichtung des europäischen Medienmarktes gilt es für Medienunternehmen, die sich langfristig am Markt bewähren müssen, ein möglichst großes Publikum zu erreichen. Das erscheint unproblematisch wenn es sich bei den Medienangeboten um Musik- oder Unterhaltungsprogramme handelt. Geht es aber um öffentliche Information und politische Meinungsbildung, dann setzen europäische Medien ein ausgeprägtes Interesse an Europa und europäischer Politik, mindestens aber ein minimales Interesse am Geschehen in anderen EU- Ländern voraus. Dafür ist bisher aber nur eine kleine Minderheit der Europaeliten engagierbar (vgl. Pfetsch 2005: 13f).

Für Gerhards (2000: 292) ist neben der Sprachbarriere vor allem das Demokratiedefizit in der Europäischen Union eines der zentralen Hemmnisse bei der Entstehung eines einheitlichen europäischen Mediensystems

„Das viel diskutierte Demokratiedefizit der EU ist eine der Ursachen (und nicht die Folge) des Öffentlichkeitsdefizits der EU. Der Europäische Rat und der Rat der Europäischen Union sind nicht unmittelbar von einem europäischen Volk gewählt. Sie sind den verschiedenen nationalen demoi gegenüber verantwortlich, und an diese richtet sich entsprechend auch ihre Aufmerksamkeit. Als Sprecher in den Medien wollen sie ihr nationalstaatlich spezifisches Publikum erreichen und nicht ein europäisches Volk.“

2.2.1.2 Europäisierung nationaler Öffentlichkeiten

„Unter einer Europäisierung der nationalen Öffentlichkeiten soll: a) die Thematisierung europäischer Themen und Akteure in den nationalen Öffentlichkeiten einerseits und b) die Bewertung dieser Themen und Akteure unter einer nicht-nationalstaatlichen Perspektive andererseits verstanden werden.“ (Gerhards 2000: 293)

Europäisierung1 ist hier nicht notwendigerweise an eine grenzüberschreitende Diskussion gebunden, sondern kann innerhalb einer nationalen Öffentlichkeit entstehen. (vgl. Pfetsch 2005: 6) Für Eilders und Voltmer (2003: 253) bietet dieses Modell eher die Möglichkeit einer breiten europäischen Öffentlichkeit, die allen Bürgern offen steht. Zunächst existiert auf nationaler Ebene eine flächendeckende Infrastruktur der Massenkommunikation. Auf dem nationalen Markt können die Medien auf Publikumsbindungen bauen, sprachliche und kulturelle Besonderheiten ausnutzen, um Aufmerksamkeit zu erzielen und für die Informationsbeschaffung auf eingespielte Interaktionsmuster mit Politikerinnen und Politikern zurück greifen. Zudem sind die entscheidungsrelevanten Institutionen der Europäischen Union nach wie vor eng mit den nationalen Regierungen der Mitgliedsstaaten verknüpft und von diesen dominiert (siehe Gerhards’ Kritik zum länderübergreifenden Modell). Für Wimmel (2004: 10) sollte diese Form der europäischen Öffentlichkeit zumindest das kurzfristige Ziel sein, denn:

„[ … ] schließlich würde niemand behaupten wollen, es liege per se ein nationales Öffentlichkeitsdefizit vor, nur weil Bürger viele verschiedene Informationsquellen nutzen und nicht alle die gleicheüberregionale Tageszeitung lesen. Im Gegenteil: Gerade eine vielfältige Medienkultur ist eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale demokratischer Öffentlichkeit, die auch auf europäischer Ebene zu erhalten wäre.“

2.2.2 Indikatoren europäischer Öffentlichkeit

Tobler (2003) nennt in seinem Forschungsbericht einige Indikatoren anhand derer sich eine Europäisierung bzw. Transnationalisierung2 nationaler Öffentlichkeiten zeigt. Für die eigene Studie erscheint hier vor allem die „Konvergenzdimension“ (Tobler 2003: 114ff), auf die im Folgenden näher eingegangen wird, zentral.

- Themenkonvergenz

In sachlicher Hinsicht gilt eine Konvergenz gleicher Themen als notwendige Bedingung für die Konstitution transnationaler Kommunikationsereignisse und somit für die Existenz einer transnationalen Öffentlichkeit.

- Synchronität

Die gleichen Themen sollen darüber hinaus zeitgleich thematisiert werden. Nicht nur Konvergenz von Aufmerksamkeitsstrukturen, sondern auch synchrone Kommunikation ist für transnationale Diskurse notwendig. Die Fokussierung etwa des Klimaproblems durch nationale Öffentlichkeiten zu unterschiedlichen Zeitpunkten ist ein Beleg für nationalstaatlich segmentierte Thematisierung gleicher oder ähnlicher Probleme. Dies ist umso deutlicher der Fall, je größer die zeitlichen Abstände zwischen den Thematisierungen in den verschiedenen nationalen Öffentlichkeitsarenen sind.

- Konvergenz der Berichterstattungsintensität

Kommunikationsereignisse müssen ein Mindestmaß an Resonanz erzeugen, um vom Publikum überhaupt wahrgenommen zu werden. Eine gewisse Intensität der Medienberichterstattung muss also vorliegen, was sich in Themenkarrieren mit unterschiedlichen Beachtungswellen niederschlägt. Kommunikationsereignisse von hohem Beachtungsgrad verweisen auf konfliktträchtige Konstellationen. Solche Situationen wird man in Form von Kommunikationsverdichtungen vorfinden.

- Deutungskonvergenz

Die zeitgleiche Fokussierung auf dieselben Kommunikationsereignisse äußert sich in gemeinsam geltenden Aufmerksamkeitsstrukturen (Themenkonvergenz). Um zu ermitteln, ob zusätzlich auch gemeinsame Relevanzstrukturen vorliegen ist zentral, dass die zeitgleich thematisierten Ereignisse auch unter gleichen Relevanzgesichtspunkten behandelt werden. Darunter versteht man „ü bereinstimmende Problemdeutungen zu einem Thema bei durchaus kontroversen Meinungen.“ (Kantner 20023, zit. nach Tobler 2003: 115) Dahinter steckt die Überlegung, dass die Meinungsbildung zu einem strittigen Thema für ein anonymes Publikum über große Distanzen hinweg dann in Gang gesetzt werden kann, wenn ein Mindestmaß an einem übereinstimmenden Verständnis dessen herrscht, worüber überhaupt Dissens besteht. Solange Probleme im Horizont völlig unterschiedlicher Deutungskategorien wahrgenommen bzw. diskutiert werden, lässt sich keine anschlussfähige Kommunikation über das strittige Thema realisieren. Transnationale Kommunikationsereignisse sind auf einen hinreichenden Bestand an gemeinsamen Deutungsressourcen angewiesen. Erfolgt die Interpretation lediglich in nationalen Deutungskategorien, dann ist dies ein Anzeichen für eine nationalstaatlich segmentierte Diskursführung.

- Sprecherkonvergenz

Auseinandersetzungen über strittige Themen lassen sich neben der Sach- und der Zeitdimension auch als Kommunikationsereignisse konfligierender Diskurskoalitionen operationalisieren. Wenn solche Themen in den Fokus unterschiedlicher nationaler Öffentlichkeitsarenen gelangen, können in den jeweiligen Öffentlichkeiten, obwohl die Diskurskoalitionen überall stets dieselben sind, trotzdem verschiedene, meist nationale Sprecherinnen und Sprecher sichtbar werden. Aufgrund der Sichtbarkeit der einzelnen Sprecherinnen und Sprecher lassen sich drei Formen von Transnationalisierung bzw. Europäisierung unterscheiden.

Von einer vertikalen top-down-Europäisierung ist die Rede, wenn supranationale Sprecherinnen und Sprecher in nationalen Öffentlichkeitsräumen Resonanz erzeugen. (siehe die Europäisierung nationaler Öffentlichkeiten von Gerhards in Kapitel 2.1.2) Die so genannte horizontale Europäisierung oder Transnationalisierung nationaler Öffentlichkeiten liegt vor, wenn zeitgleich ein Ensemble nationaler Akteurinnen und Akteure A in der Medienarena B und ein Ensemble nationaler Akteurinnen und Akteure B in der Medienarena A Resonanz erzeugen. In diesem Fall spricht man von reziproker Sprecherkonvergenz nationaler Akteurinnen und Akteure. Eine vertikale bottom-up-Europäisierung ist schließlich dann vorhanden, wenn zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure transnationalen Typs oder nationale Akteurinnen und Akteure mit europäischen Themen in den nationalen Öffentlichkeitsarenen Resonanz erzeugen.

2.3 Kommunikationswissenschaftliche Theorien zur Herstellung von Öffentlichkeit

Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist eine wesentliche Funktion der Massenmedien Öffentlichkeit herzustellen. (vgl. Ronneberger 1974: 198) In diesem Zusammenhang wurden bereits zahlreiche Theorien formuliert, unter anderem die Gatekeeper Theorie sowie die Agenda Setting Hypothese. Beide unterstellen Medien, die öffentliche Meinung durch selektive Berichterstattung beeinflussen zu können.

2.3.1 Gatekeeper-Theorie

Entwickelt 1949 von David Manning White, basierend auf den Forschungserkenntnissen des Psychologen Kurt Lewin (vgl. Claus-Erich Boetzkes 2008: 20), geht die Gatekeeper-Theorie von der Annahme aus, dass Journalistinnen und Journalisten in ihre Funktion in den Massenmedien als Gatekeeper dienen. Sie wählen Nachrichten aufgrund von individuellen Prädispositionen aus. (vgl. Burkart 2002: 276)

Westley und Maclean erkannten neben den persönlichen Prädispositionen die Bedeutung von institutionellen Faktoren. Journalistinnen und Journalisten sind nicht nur als Individuen zu betrachten, sondern stets als Mitglieder einer Nachrichtenbürokratie. Neben den individuellen und institutionellen Ansätzen, existiert eine kybernetische Perspektive, welche das Gesamtsystem und somit auch Feedback aus der Umwelt berücksichtigt (vgl. Robinson 1973: 346).

2.3.2 Agenda-Setting

Im Gegensatz zur klassischen Stimulus-Response Theorie, die auf der Annahme beruht, dass Medien Einfluss auf Einstellungen und Verhaltensweisen nehmen, geht die Agenda-Setting Hypothese davon aus, dass Medien vor allem über kognitive Effekte wirken. Durch die Selektion bestimmter Inhalte beeinflussen sie die tägliche Agenda, also das, worüber wir nachdenken (vgl. Burkart 2002: 248ff).

McCombs und Shawn formulierten und überprüften die Agenda-Setting Hypothese 1968 im Zuge einer Studie zum US-amerikanischen Wahlkampf (vgl. Burkart 2002: 249ff). In ihrer ursprünglichen Fassung lautete sie wie folgt:

"While the mass media may have little influence on the direction or intensity of attitudes, it is hypothesized that the mass media set the agenda for each political campaign, influencing the salience of attitudes toward the political issues." (Mc Combs/Shaw 1972: 177)

Nach Dearing und Rogers haben drei Komponenten Einfluss auf den Agenda-Setting Prozess: die Medien, das Publikum und die Politik. Diese Komponenten stehen in unterschiedlichen Relationen zueinander, daraus ergeben sich drei Formen des Agenda-Settings: (vgl. Dearing/Rogers 1996: 5ff)

- Media Agenda-Setting: Einfluss des Publikums und der Politik auf die Medienagenda
- Public Agenda-Setting: Einfluss der Medien und der Politik auf die Publikumsagenda
- Policy Agenda-Setting: Einfluss des Publikums oder der Medien auf die politische Agenda

Kommunikationswissenschaftliche Forschungsarbeiten konzentrieren sich meist auf den Kausalzusammenhang der Medienagenda als Einflussfaktor auf die Publikumsagenda. Zu diesem Zweck unterscheiden McCombs und Shawn zwischen drei Wirkungsmodellen (vgl. Rössler 1997: 93) Das Awarness-Modell geht lediglich davon aus, dass der Rezipientin oder dem Rezipienten ein Thema der Berichterstattung bewusst wird.

Das Salience-Modell integriert den Grad der Zuschreibung von Wichtigkeit als inhaltlichen Aspekt in die Annahme.

Das Priorities-Modell zieht vorrangig das Verhältnis der Themen zueinander in Betracht.

3 Boulevard- und Qualitätsmedien

In diesem Abschnitt werden die zentralen Merkmale von Boulevard- und Qualitätszeitungen beschrieben.

3.1 Boulevardzeitung

Der Marktauftritt von Boulevardzeitungen ist zunächst dadurch gekennzeichnet, dass sie täglich erscheinen und im Straßenverkauf vertrieben werden. Der Abonnentenanteil ist relativ gering. Diese Vermarktungsform ist mitverantwortlich für die Gestaltung des Produktes. Die Titelseite dient mit ihren charakteristischen Schlagzeilen und großen Photos als optischer und semantischer Kaufanreiz (vgl. Bruck/Stocker 2002: 21).

- Optische Gestaltung

Entscheidend ist hier zunächst die Handlichkeit, die eine beiläufige Rezeption ermöglichen soll. Daneben ist allerdings auch visuelle Auffälligkeit entscheidend (vgl. Bruck/Stocker 2002: 23). Ein wichtiges optisches Merkmal ist daher zunächst das Kleinformat, früher eine österreichische Besonderheit (vgl. Haas 2005: 84). Die Titelseite, sie spielt eine zentrale Rolle bei Boulevardmedien, wird meist von einem großen Foto und der dazugehörigen Schlagzeile beherrscht. Bildorientierung und Übersichtlichkeit sind auch im Inneren das wesentliche Charakteristikum. Großformatige, oft farbige Fotos und dazu fette, überdimensionale Schlagzeilen ermöglichen eine schnelle Identifizierung. Vor allem kommen sie dem Lesemodus des raschen Überfliegens entgegen. Hier zeigt sich eine Anlehnung an televisuelle Rezeptionsweisen (vgl. Bruck/Stocker 2000: 24). Auch durch populäre narrative Techniken versuchen sie, dem Zeitungslesen das Anstrengende zu nehmen (vgl. Haas 2005: 84).

- Bestandteile der Zeitung

Neben der von Schlagzeilen und Bildern dominierten Titelseite sind ein großer Unterhaltungsund Serviceteil sowie Cartoons, Ratgeber, Kochrezepte, Horoskope und Rätsel wesentliche Bestandteile des Boulevardformats. Gerade in dieser unterhaltenden Verpackung können politische Inhalte an ein weniger interessiertes Publikum weitergegeben werden. Charakteristisch ist weiter der hohe Anteil an Kolumnen und anderen Meinungsformen. Reportagen und Berichte spielen eine untergeordnete Rolle. Berichte werden zudem häufig mit Meinungsformen vermischt (vgl. Bruck/Stocker 2002: 25).

- Die Sprache im Boulevardformat

Wichtig ist auch hier eine schnelle und mühelose Aufnahme (vgl. Haas 2005: 84). Die Sprache ist zumeist der Alltagssprache nahe. Kurze und unkomplizierte Sätze und simple chronologische Abfolgen sind typisch für Boulevardzeitungen. Umgangssprachliche Redewendungen und Begriffe dienen ebenfalls einer raschen Aufnahme. Handlungsträgerinnen und Handlungsträger werden mittels Spitznahmen und Abkürzungen simpel etikettiert und mit deutlichen moralischen Bewertungen versehen. Die Umgangssprache erzeugt Nähe. Die Verwendung von Metaphern schließt an die Visualisierung der formalen Präsentation an. Häufig treten auch Appelle und rhetorische Fragen auf. Neben Verunglimpfung und Verhöhnung sind sie Bestandteile der Emotionalisierung. Die Sprache ist nicht notwendigerweise professionelle Journalismussprache. Es werden weder Quellen sichtbar gemacht, noch Zitate näher abgeprüft. Starke Gefühlsbetonung, etwa durch die Verwendung von Adjektiven, ist fester Bestandteil der Sprache.

- Themenspektrum

Boulevardzeitungen geben beispielsweise dem Sport mehr Raum als der Politik. Sie konzentrieren sich mehr auf „human interest“-Themen als auf Wirtschaft. Sie beschäftigen sich mehr mit lokalen und unmittelbaren als mit internationalen und langfristigen Themen (vgl. Fabris/Renger 1997: 29). Auch Geschichten mit Themen wie Gewalt, Verbrechen und Katastrophen nehmen weitaus mehr Platz ein. Prominente und Stars finden breite Berücksichtigung. Damit einher geht eine oberflächliche und knappe Behandlung von traditionellen Nachrichtenthemen. Bei der Nachrichtenauswahl konzentriert man sich vor allem auf persönliche Geschichten, auf das Subjektive, das Familiäre und Nahe (vgl. Bruck/Stocker 2002: 27).

- Erzählstrategien

Zentral sind hier vor allem die - teilweise bereits erwähnten - Merkmale Familiarisierung, Simplifizierung, Personalisierung, Melodramatisierung und Visualisierung. Familiarisierung soll den Leserinnen und Lesern in erster Linie das Gefühl geben, die Welt im Griff zu haben. Es soll Nähe zur privaten Erfahrungswelt suggeriert werden (vgl. Bruck/Stocker 2002: 28). Hier geht es auch darum, die Wir-Werte (Leserfamilie) zu betonen (vgl. Haas 2005: 84). Durch Personalisierung von politischen und wirtschaftlichen Problemen wird Überschaubarkeit garantiert. Nicht nur Personen aus Politik, Kunst oder Wirtschaft sind Objekte der Personalisierung, auch die Zeitung selbst stellt sich in den Mittelpunkt des Geschehens, als Führsprecherin oder Anwältin. Melodramatisierung ist mit der Personalisierung eng verbunden. Immer wieder werden persönliche Tragödien hervorgehoben und konstruiert. Visualisierung schlägt sich nicht nur im hohen Bildanteil nieder. Vor allem bei Kriminalberichten erzeugt die teilweise detaillierte optische Beschreibung des Tathergangs oder des Tatortes Authentizität und Spannung (vgl. Bruck/Stocker 2002: 28ff).

3.2 Qualitätszeitung

Im Rahmen des Projekts „Ökonomie und Zukunft der Printmedien“ wurden drei europäische Qualitätszeitungen untersucht und eine „Charakteristik europäischer Qualitätszeitungen“ beschrieben (vgl. Meier/Schanne/Trappel 19944, zit. nach Haas 2005: 83f):

Ein redaktionelles Programm, das geistige Herausforderungen für ein lesewilliges und interessiertes Publikum bieten möchte. Ein Journalismus mit Anspruch, der gelegentlich schwierig sein kann. Keine einfache Lösung, keine Feindbilder, kein Rat, kein abschließender Kommentar.

Die Aufmachung spielt zwar bei jeder Zeitung eine wichtige Rolle, allerdings steht bei der Qualitätszeitung der Inhalt vor der Aufmachung.

Der Auftritt der Zeitung ist leise: gute Papier- und Druckqualität, Mittel- bis Großformat, vornehm-dezente Gestaltung und sparsamer Farbeinsatz. Quellentransparenz ist ebenso selbstverständlich wie die Einhaltung des Trennungspostulats. Nachrichten und Meinungen werden getrennt bzw. kommt es zu keiner Vermischung von Werbung und redaktionellen Inhalten.

Eine der Bedeutung des Ereignisses angemessene Berichterstattung. Keine eindimensionale Berichterstattung. Es werden unterschiedliche Aspekte aufgezeigt. Den Strukturen, Ursachen, Bedingungen und Konsequenzen von Ereignissen kommt große Bedeutung zu. Aktualität wird nicht zum Fetisch. Es gilt: „Get it first, but get it right.“

Durch Gastautoren kommen originäre Informationen ins Blatt. Zudem werden auch dadurch unterschiedliche Aspekte eines Problems aufgezeigt. Eine differenzierte Berichterstattung für Leser, die sich ihr eigenes Urteil bilden wollen.

Qualitätspresse braucht gut ausgebildete Journalistinnen und Journalisten mit Fremdsprachenkenntnissen, die zusätzlich über eine gewisse Expertise auf dem Thema verfügen, über das sie berichten.

[...]


1 Zur Unterscheidung zwischen vertikaler und horizontaler Europäisierung siehe die Ausführungen von Tobler im Kapitel 2.2.2

2 Die Erläuterung, was genau unter Transnationalisierung nationaler Öffentlichkeiten verstanden wird, erfolgt in Punkt e) Sprecherkonvergenz.

3 Kantner, Cathleen (2002): Transnationale Öffentlichkeit und die Demokratiefähigkeit der Europäischen Union, Dissertation, Humboldt-Universität in Berlin, S. 60.

4 Meier, Werner/Schanne, Michael/Trappel, Josef (1994): Produktstrategien und Marktnischenpolitik. In: Bruck, Peter (1994) (Hrsg.): Print unter Druck. Zeitungsverlage auf Innovationskurs, Verlagsmanagement im internationalen Vergleich, München, S. 276ff.

Details

Seiten
87
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656221425
ISBN (Buch)
9783656222538
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v195914
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
Sehr Gut
Schlagworte
Journalismus EU-Reformvertrag europäische Öffentlichkeit

Autoren

  • Autor: Julia Rychetsky

    Mag. Rychetsky (Autor)

    4 Titel veröffentlicht

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Titel: Europäische Öffentlichkeit - Eine Analyse zur Berichterstattung zur Debatte um den EU-Reformvertrag in ausgewählten europäischen Tageszeitungen