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Bildberichterstattung bei Medienereignissen am Beispiel der Grubenunglücke in Lengede und Chile

Hausarbeit 2012 14 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

1. Definition Medienereignis

Ein Medien- oder auch Schlüsselereignis ist ein Ereignis, dass in außergewöhnlicher Weise die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es hat Einfluss auf die allgemeine Berichterstattung, die medienübergreifend stattfindet. Medienereignisse finden zudem meist auch regionen- und auch länderübergreifend statt, d.h. ein eigentlich lokales Ereignis schafft es in die globale Berichterstattung. Die Reichweite ist ein wichtiges Kriterium: als Medienereignisse wahrgenommen werden bestimmte Themen meist erst in dem Moment, in dem die Medien über die lokalen Grenzen hinaus die Berichterstattung darauf fokussieren[1]. Das Thema rückt in den Mittelpunkt der Berichterstattung, Rezipienten und Journalisten sind gleichermaßen an mehr Informationen interessiert[2]. Friedrich Krotz definiert Medienereignis als „(…) ein Geschehen irgendwo auf der Welt und irgendwann, von dem die Medien als etwas Besonderem berichten und das die Publika, die Menschen in der Gesellschaft auch als einen hervorgehobenen Sinnzusammenhang zur Kenntnis nehmen (…)“[3].

Oft zeichnen sich Medienereignisse durch einen hohen Grad an Negativität aus, wenn also ein Unglück eine besonders große Tragweite wie viele Tote oder einen hohen Schaden aufweist - dennoch können per Definition auch positive Ereignisse zum Medienereignis werden, sofern sie eine besonders herausragende Neu- oder Einzigartigkeit aufweisen.[4]

Grundsätzlich stimmen die Kriterien, die ein Ereignis zu einem Medienereignis machen, mit den bekannten Nachrichtenfaktoren nach Galtung / Ruge[5] überein. Die wichtigsten Nachrichtenfaktoren außer „Negativismus“ für ein Schlüsselereignis sind u. a.: Schwellenfaktor / Außergewöhnlichkeit, Bedeutsamkeit, Überraschung, Elite-Nationen, Elite-Personen und Personalisierung.

1.1 Die Grubenunglücke in Lengede und Chile als Medienereignisse

Was machte nun die Grubenunglücke in Lengede und Chile zu Medienereignissen? Obwohl sie keine besonders hohe Negativität aufwiesen - gerade im Vergleich mit ähnlichen Unglücken, die viele Tote forderten – sprengten beide Ereignisse die Grenzen der lokalen Berichterstattung. Sie wurden zu Symbolen für globalen Zusammenhalt und Hoffnung und schufen Bilder, die um die Welt gingen.

In Lengede überflutete am 24.10.1963 ein Klärteich einen Teil des Stollens. Viele Kumpel konnten direkt in den folgenden Stunden gerettet werden. Bis zum 1. November wurde weiter nach Überlebenden gesucht, nach den letzten Geretteten dann aber die Rettungsaktion abgebrochen. Das Bohrgerät befand sich schon wieder auf dem Rückweg und die Trauerfeier war schon geplant, da kamen Klopfzeichen aus dem Stollen. Elf Bergleute hatten in einer Höhle überlebt und wurden schließlich am 7. November unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit geborgen.[6]

Am 5.8.2010 kam es in der Mine San José in Chile zu einem Einsturz. 33 Bergleute waren unter Tage eingeschlossen und konnten schließlich nach über zwei Monaten am 13.10. gerettet werden.[7]

Beide Rettungsaktionen waren spektakulär und fanden unter den Augen und vor den Kameras der Weltöffentlichkeit statt. Auf der ganzen Welt verfolgten Menschen zusammen die Entwicklung der Ereignisse, es entstand ein Gefühl des „globalen Zusammenrückens“. Die Besonderheit in der öffentlichen Wahrnehmung erhielten die Unglücke sicher durch die Tatsache, dass es jeweils die Geschichte eines modernen Märchens war. Es war in beiden Fällen nicht „noch ein Unglück“, wie der Zuschauer sie zuhauf aus den Nachrichten kennt – die Geschichten boten Stoff zur Mythologisierung: schon aufgegebene Kumpel geben plötzlich ein Lebenszeichen von sich, Hoffnung erwacht. Alles menschen- und technisch mögliche wird unternommen, um sie zu retten und schließlich folgt das „happy end“. Im Fall von Chile wurde die Rettung der einzelnen Arbeiter von den Medien im Stil eines Countdowns inszeniert, der Zuschauer konnte bis zum Schluss mitfiebern. Auch die jeweils geringe Zahl der Eingeschlossenen trug vermutlich zum großen öffentlichen Interesse bei. Die überschaubare Anzahl der Kumpel bot Möglichkeiten zur Identifikation, über die Medien wurden ihre Namen und persönlichen Geschichten bekannt. So war nicht eine anonyme Masse betroffen, wie z. B. im Fall von großen Naturkatastrophen, sondern die einzelnen Personen bekamen ein „Gesicht“. Der Zuschauer konnte sich mit den Schicksalen emotional identifizieren, unterstützt durch z. B. Interviews mit Angehörigen oder – in Chile – durch Videobotschaften, die die Männer nach „oben“ schickten.

2. Bildjournalismus

Das Foto gilt nach wie vor als „Beweis“ für den Text des Artikels. Das Ziel ist es, den „entscheidenden Moment“[8] eines Ereignisses einzufangen und zu komprimieren.

Es bleibt die Authentizitätsfrage - wie Dr. Elke Grittmann schreibt: „Nicht die Wirklichkeit lichtet sich auf dem Film ab (…)“[9]. Denn trotz journalistischem Ethos – der Fotograf selektiert natürlicherweise immer. Sei es das Motiv, den Ausschnitt oder die Perspektive. Um Authentizität zumindest glaubhaft zu inszenieren, gilt in der Pressefotografie meist das nach Erich Salomon benannte „Prinzip des unbeobachteten Augenblicks“[10]. Das heißt, die abgebildeten Personen wirken so, als wäre kein Fotograf anwesend. Sie blicken zum Beispiel nicht direkt in Kamera und verhalten sich natürlich. „Die visuelle Nachrichtenberichterstattung präsentiert so zudem eine Welt, die scheinbar von unbeobachteten Beobachtern beobachtet wird.“[11] Gerade bei Medienereignissen werden Szenen aber speziell für die anwesenden Fotografen inszeniert[12], um ihnen ein perfektes Setting für das Bild zu schaffen – und somit auch Kontrolle zu haben über die Berichterstattung, die die Öffentlichkeit präsentiert bekommt.

[...]


[1] Vgl. Rauchenzauner, E. : Schlüsselereignisse in der Medienberichterstattung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, S. 35 (künftig: Rauchenzauner)

[2] Vgl. Rauchenzauner, S. 21

[3] Krotz, F.: Mediatisierung: Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, S. 257

[4] Vgl. Rauchenzauner, S. 21

[5] Eilders, C.: Nachrichtenfaktoren und Rezeption. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, S. 25

[6] Vgl. http://www.geschichtsatlas.de/~gb2/rettung.htm, am 20.1.2011

[7] Vgl. http://www.sueddeutsche.de/panorama/minenunglueck-in-chile-das-wunder-von-copiapo-1.991193-2, am 20.1.2011

[8] Grittmann, E.: Das politische Bild. Herbert v. Halem Verlag, Köln 2007, S. 40

[9] Grittmann, E.: Die Konstruktion von Authentizität. Was ist echt an Pressefotos im Informationsjournalismus? In: Knieper, T., Müller, M.G. (Hrsg.): Authentizität und Inszenierung von Bilderwelten. Herbert v. Halem Verlag, Köln 2003, S. 124 (künftig: Grittmann)

[10] Grittmann, S. 138

[11] Grittmann, S. 138

[12] Vgl. Grittmann, S. 139

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656222002
ISBN (Buch)
9783656222682
Dateigröße
5.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196107
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
Schlagworte
Fotojournalismus Bildberichterstattung Medienereignisse

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