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Die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention für die Soziale Arbeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 40 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Teil I Thematische Einführung
1. Einleitung
1 .lAufbau und Vorgehensweise
1.2 Problemstellung
1.3 Zielsetzung der Arbeit

Teil II Theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik
2. Behinderung und Recht
2.1 HistorischerAbriss
2.2 Definition des Terminus und Formen der Behinderung
2.2.1 Die Definition der Behinderung gemäß der Weltgesundheitsdefinition (World Health Organization (WHO))
2.2.1.1 Die soziologische Definition
2.2.1.2 Die sozialrechtliche Behinderungsdefinition
2.3 Die Arten von Behinderungen
2.4 Die Kategorisierung der Behinderung S.11
2.5 Gesetzliche Grundlagen der Rechte von Menschen mit Behinderung S.12
2.5.1 DerVerfassungsrechtliche Behindertenschutz Art. 3 Abs. 3S.2 GG
2.5.2DasBehindertengleichstellungsgesetz(BGG) S.13
2.5.3 Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG)
2.5.4 Das Gesetz zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen (SGB IX) S.13
2.6 Die UN- Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)
2.6.1 Zentrale Begrifflichkeiten
2.6.1.1 DasVerständnis vonBehinderung
2.6.1.2 Die Begriffe Integration, Inklusion und Partizipation S.15
2.7 Allgemeine Grundsätze der UN-Behindertenrechtskonvention S.17
2.8 Die Zielsetzung derUN-Behindertenrechtskonvention S.17
2.9Zwischenfazit
3. Die Profession der SA im Bereich des Integrationsfachdienstes
3.1 Der Integrationsfachdienst (IFD)
3.2 Die Bedeutung der Arbeit für den Menschen
3.3 Die Arbeitssituation behinderter Menschen in Deutschland
3.4 Die gesetzlichen Rahmenbedingungen zur beruflichen Inklusion
3.4.1 Die Pflichten des Arbeitgebers gemäß dem IX SGB
3.4.2 Arbeit und Beschäftigung behinderter Menschen im Sinne der UN­Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)
3.5 Interventionsschritte
3.5.1 Der nationale Aktionsplan- „Unser Weg in eine inklusive Gesellschaft“
3.5.1.1 Kampagne „Behindern ist heilbar“
3.5.1.2 Die „Initiative Inklusion“
3.6 Die Bedeutung für die Soziale Arbeit (im Lebensbereich der Arbeit)

Teil III Fazit und Ausblick
4. Schlussbetrachtung
4.1 Zusammenfassung und Fazit
4.2 Ausblick
5. Literaturverzeichnis

IV. Anhang

6. Artikel 27 „Arbeit und Beschäftigung“

Teil I Thematische Einführung

1. Einleitung

„Was wir zu lernen haben ist so schwer und doch so einfach und klar: Es ist normal verschieden zu sein.“ (Richard von Weizsäcker (1920*))

Mit diesen Worten schließt Richard von Weizsäcker im Jahre 1993 seine beeindruckende Rede, im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung der Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte. Er weist mitjener Direktive empathisch daraufhin, dass hinsichtlich des Menschseins keine Norm existiert - eine Behinderung daraus folgend, lediglich eine, der vielen Verschiedenheiten menschlichen Daseins reflektiert (vgl. Offizielle Seite des Bundespräsidialamtes, 05.08.2011). Von Weizsäcker, der bereits seinerzeit menschlich und kompetent für Menschen mit Behinderung eingetreten ist, war darüber hinaus vor allem eines, vorausschauend. In Europa haben über 50 Millionen Menschen eine Behinderung (vgl. Plangger 2009, S.12f.). Den Angaben des statistischen Bundesamtes zufolge sind es in Deutschland 9,6 Millionen Menschen. Das entspricht 12% der Gesamtbevölkerung (vgl. Offizielle Seite des Statischen Bundesamtes, 10.08.2011). Die definitorischen Bestimmungen des Phänotypus der Behinderung sind vielschichtig und die Maßstäbe nach denen sie „gemessen“ werden, nicht selten zufällig sowie fragwürdig, so dass in folge dessen stetig komplexe, gesellschaftspolitische Debatten kovarrieren. In Anbetracht seiner

Behindertenpolitik, gehörte Deutschland vor allem in puncto Teilhabe, im weltweiten Vergleich bislang zu den eher rückständigen Ländern (vgl. Offizielle Seite der Kooperation Behinderter im Internet e.V., 20.08.2011). Durch die Unterzeichnung der UN­Behindertenrechtskonvention (Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen bzw. Convention on the Rights of Persons with Disabilities (CRPD)) am 03. Mai 2008, sollte diese Konstitution geändert werden.

Nach jahrelangen Mühen zuvorderst von Seiten von Nichtregierungsorganisationen, insbesondere von Behindertenorganisationen, wurde erstmals im Jahre 2001 in Mexiko ein Vorstoß erzielt, eine eigenständige Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung zu verhandeln. Nach eingangs vielfach unternommenen Konterkarierungsversuchen sowie anfänglicher Ignoranz, wurde die UN­ Behindertenrechtskonvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, nach neun Verhandlungssitzungen mit allen 192 UN-Mitgliedsstaaten schließlich am 13. Dezember 2006 beschlossen und barrierefrei verfasst (vgl. Schulze 2011, S.14f.). Seit dem 30. März 2007 lag sie sodann in der Zentrale der Vereinten Nationen zur Unterzeichnung und Ratifizierung aus, bevor sie schließlich am 3. Mai 2008 in Kraft getreten ist. Sie zielt darauf ab, die weltweite Inklusion behinderter Menschen fortan voranzubringen und den Blick in eine andere Richtung zu lenken. Behinderte Menschen sollen nunmehr nicht weiter als Objekte (passiv) der Fürsorge und des sozialen Schutzes angesehen werden, sondern vielmehr als Subjekte (aktiv) mit eigenen Rechten, welche sie selbstbestimmt und barrierefrei verwirklichen können, um als gleichberechtigte Gesellschaftsmitglieder ein freies Leben zu führen. Dies verdeutlicht einen hochdynamischen Paradigmenwechsel, der erstmalig den Fokus weg von medizinischen Kenngrößen hin zu den sozialen Parametern einer Behinderung lenkt oder wie es Simon Walker so trefflich zu pointieren vermochte: ,,It is not about fixing people but about fixing society“ (vgl. Schulze 2011, S. 16).

1.1 Aufbau und Vorgehensweise

Die Ausarbeitung der vorliegenden Arbeit gliedert sich in insgesamt drei aufeinander aufbauende Teile, welche wiederum in vier Kapitel segmentiert sind. Der erste Teil der Arbeit, die „Thematische Einführung“, soll zunächst einen Einstieg in die Thematik der UN­Behindertenrechtskonvention ermöglichen. Im Anschluss daran folgen die Problemstellung hinsichtlich der Thematik sowie die Zielsetzung der Arbeit. Im Teil II, dem Hauptteil, als „Theoretische Grundlagen“ deklariert, werden einem historischen Abriss folgend, die definitorischen Bestimmungen, Arten sowie Kategorisierungen der Behinderung erläutert und im Zuge dessen die grundlegenden Begrifflichkeiten definiert. Im Anschluss daran folgen die gesetzliche Struktur- und Rahmenbedingungen bevor fokussiert auf die rechtliche Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention Bezug genommen wird. Folgend ermöglicht ein Zwischenfazit die Internalisierung des Grundlagenwissens, was zu einem besseren Verständnis der weiteren Themenführung beitragen soll. Neben der Darstellung der Profession der Sozialen Arbeit im Bereich des Integrationsfachdienstes, folgt im dritten Kapitel die Erläuterung des Stellenwertes der Arbeit. In diesem Zusammenhang findet daraufhin die Evidenz der rechtlichen bzw. verbindlichen Grundlagen des Arbeitgebers statt, ehe diese im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention Bezug in Betracht gezogen und die Interventionsschritte der Bundesregierung veranschaulicht werden, womit die theoretische Auseinandersetzung schließt. Zu guter Letzt wird im dritten Teil der Arbeit „Fazit und Ausblick“, eine Schlussbetrachtung gegeben, welche die vorangegangene Literaturrecherche einer kritischen Analyse unterzieht. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit überwiegend das maskuline Genus verwendet, wobei die feminine Form selbstverständlich gleichermaßen mit inbegriffen ist. Des Weiteren wird vorrangig die Bezeichnung „Menschen mit Behinderung“ verwendet, in einigen Fällen aber ebenso der Ausdruck „behinderte Menschen“, welcher zwar als diskriminierender gilt, manchmaljedoch grammatikalisch besser einsetzbar ist.

1.2 Problemstellung

Deutschland gehörte im Jahr 2008 zu den Staaten, welche das Protokoll der UN­Behindertenrechtskonvention gleich bei deren Eröffnung zeichneten, doch ließ die Ratifizierung verhältnismäßig lange auf sich warten. Diese wurde erst am 24. Februar 2009 unterschrieben. Vor diesem Hintergrund wurde die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland, folglich erst nach Ablauf der 30-Tage-Frist am 26. März 2009 als gültig anerkannt (vgl. Behinderung & Pastoral 2009, S. 5). Zentrales Element der Konvention ist der Inklusionsgedanke. Das ihm zugrunde liegende Parameter ist das Postulat der Veränderung der Lebensbereiche in solcherart, dass die Einbeziehung von Menschen möglich wird. Entsprechend wird die Überwindung von sozialen Barrieren erforderlich, welche eine stufenübergreifende Justierung aller Strukturen gebietet (vgl. Hirschberg 2009, S.63). Die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention war ein Meilenstein in der Behindertenhilfe, welche zugleich extensive Folgen für das Aufgabenspektrum der Sozialen Arbeit mit sich brachte. Mit der Einführung des neunten Sozialgesetzbuches (SGB IX) vor zehn Jahren, wurde bereits ein Umbruch eingeleitet, der sich nunmehr verstärkt (vgl. Achterhold 2011, S.37). So zeigt sich eine deutliche Entwicklung weg von einer stationären Betreuung in Sondereinrichtungen hin zu einer ambulanten Unterstützung, die sich sozialraumorientiert vollzieht (vgl. ebd.).

Eine Behinderung wirkt sich für die Betroffenen Personen auf die verschiedensten Bereiche des Lebens aus. In Anbetracht dessen sind Menschen mit Behinderung nicht selten in ihren beruflichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten eingeschränkt und so zählen sie zu einer der am meisten von Armut, Benachteiligung und Exklusion gefährdeten Bevölkerungsgruppen (vgl. Plangger 2009, S.14). Die Betrachtung der Arbeitslosenquote, welche sich in den Jahren 2008/ 2009 auf 14,6% belief, war nahezu doppelt so hoch, wie die Arbeitslosenquote insgesamt und verdeutlicht diesen Missstand mit Nachdruck. Ebenso zeigte Hubert Hüppke Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, einen akuten Handlungsbedarf an, gegeben durch die hohe Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung und die stetig wachsende

Zahl Beschäftigter in Werkstätten für behinderte Menschen (vgl. Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 20.08.2011).

Untermauert wird dies durch die Berechnungen des Sozialverbandes Deutschland, denen zufolge die Arbeitslosenzahl von Menschen mit Behinderung im Vergleich zum allgemeinen Trend überdurchschnittlich gestiegen ist. Aus diesem Grund fordern sie bessere Beratungs-, Vermittlungs- und Weiterbildungsangebote durch die Arbeitsagenturen sowie die kommunalen Träger (vgl. Focus Online, 19.08.2011).

Deutschland hat sich im Zuge der Ratifizierung zu einer zeitgerechten Behindertenarbeit bekannt und dazu verpflichtet, jegliche Formen der Diskriminierung aufgrund einer Beeinträchtigung zu annullieren, um behinderten Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe an allen Lebensbereichen, Dienstleistungssystemen sowie gesellschaftlichen Bezugsfeldern zu ermöglichen (z.B. dem Gesundheits-, Erziehungs- und Bildungswesen, der Arbeitswelt, des Wohnens, der Freizeit, uvm.) (vgl. Schwalb 2009, S. 9).

1.3 Zielsetzung der Arbeit

"Man weiß nie, was daraus wird, wenn die Dinge verändert werden. Aber weiß man denn, was daraus wird, wenn sie nicht verändert werden?" (Elias Canetti (1905-1994) )

Die Ratifizierung liegt nunmehr zwei Jahre zurück. Fernerhin wurde die Gesetzeslage ebenso wie die Verwaltungsstandards im Sinne der Standards der UN- Behindertenrechtskonvention angepasst. So wirft sich nun die Frage auf: „Zwei Jahre UN-Behindertenrechtskonvention- Was hat sich getan?“. Da diese Fragestellung an Varianz übersteigt, um ihr im Rahmen einer Hausarbeit gerecht zu werden, möchte ich sie auf die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen am Lebensbereich der Arbeit, reduzieren. Entsprechend richtet sich der inhaltliche Fokus meiner Untersuchung auf die gleichberechtigte Teilhabe der Menschen mit Behinderung an diesem, so bedeutenden Lebensbereich, unter Einbezug der Handlungskonsequenz und Bedeutsamkeit für die Profession der Sozialen Arbeit. Ziel ist es, das Fundament der theoretischen und rechtlichen Herkunft der Rechte behinderte Menschen und nicht zuletzt der UN-Behindertenrechtskonvention, zu veranschaulichen und daraus die Signifikanz der Thematik herauszuarbeiten.

II Theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik

2. Behinderung und Recht

2.1 Historischer Abriss

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung, blickt auf eine weitreichende Historie zurück, welche sich in keiner Weise linear vollzog. Galt der Phänotyp Behinderung im Altertum gar als Gottesstrafe oder dämonische Inbesitznahme, wurde im Mittelalter mit der originären Entwicklung der Sozial- bzw. Armenfürsorge, bereits ein Grundstein für die spätere Behindertenhilfe als ein Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit gelegt (vgl. Röh 2009, S. 14). Zu Anfang des 19. Jahrhunderts begann man im Anschluss daran, zahlreiche Anstalten aufzubauen, welche im Dritten Reiche sodann vorwiegend zu Euthanasieverbrechen sowie wissenschaftlichen Experimenten an Menschen mit Behinderung umgenutzt und missbraucht wurden (vgl. Kreft & Mielenz 2008, S.147T). Nach der Zerschlagung des Faschismus ist die Zeit der Nachkriegsentwicklung durch den Aufbau einer humanen Pädagogik und Versorgung von behinderten Menschen geprägt. Diese Fortentwicklung ist sowohl durch den Bau von so genannten Hilfsschulen bzw. Sonderschulen in den 50er Jahren gekennzeichnet, als auch durch integrative Ansätze in den 70er Jahren im Schul- und Arbeitsbereich, wie auch in Wohneinrichtungen (vgl. Röh 2009, S.19).

Die Historie zeigt die Ambivalenz, welche sich im Verlauf ihrer Entwicklung vollzog: zum Einen erkannte man Menschen mit Behinderung einen besonderen Schutz an, zum Anderen erfuhren sie jedoch ebenso drakonische Behandlungen (vgl. Schwalb & Theunissen 2009, S.16).

2.2 Definition des Terminus und Formen der Behinderung

„Es gibt keine allgemeine Definition von Behinderung. Ebenfalls ist es nicht erwünscht, dass für alle Zeiten allgemeingültig festgelegt werde, wer als behindert zu gelten hat und wer nicht“ (Bleidick 1998, S.18)

Das vorangegangene Zitat nach Bleidick (1998) exemplifiziert den stetigen Wandel dem der Begriff der Behinderung unterworfen ist und sich entlang der jeweiligen gesellschaftlichen Diskurse vollzieht.

Entsprechend pluralistisch gestalten sich die Definitionen, welche im Anschluss im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, bevor die verschiedenen Formen von Behinderung erläutert werden.

2.2.1 Die Definition der Behinderung gemäß der Weltgesundheitsdefinition (World Health Organization (WHO))

Im Jahre 1980 verfasste die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization (WHO)) eine erste internationale Definition des Begriffes der Behinderung (International Classification of Impairment, Disability and Handicaps (ICIDH)), wobei sie diesen in drei Kategorien rubriziert:

1.Schädigung (impairment)

Diese Begrifflichkeit bezeichnet die Abnormalität oder auch Mängel hinsichtlich anatomischer, psychologischer oder physiologischer Strukturen oder Funktionen des Organismus beziehungsweise eine Störung auf organischer Ebene (funktional, objektiv) (vgl. Hanselmeier - Prockl 2009, S.15f).

2. Beeinträchtigung (disability)

Mit dem Begriff der Beeinträchtigung werden aus der Schädigung resultierende Funktionsbeeinträchtigungen oder -mängel expliziert, welche die Alltagssituationen einengen oder unmöglich machen und als eine Störung auf der personalen Ebene (das subjektive Ausmaß einer Schädigung) bezeichnet werden (vgl. ebd.).

3. Benachteiligung (handicap)

Der Terminus der Benachteiligung umfasst solche, die sich auf der sozialen Ebene (das Individuum ist nicht oder nur beschränkt befähigt, bestimmte Rollen zu übernehmen, die seinem Geschlecht, Alter, sozialen und kulturellen Gegebenheiten entsprechen) vollziehen und aus der Behinderung oder Schädigung resultieren (ebd.).

2.2.1.1 Die soziologische Definition

Im Kontext der vorangegangenen ICDIH - Definition ist die soziologische Definition von Cloerkes (2001) anzuführen, welche eine interaktionistische Sichtweise vertritt. Demnach ist eine Behinderung „eine dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein entschieden negativer Wert zugeschrieben wird“(vgl. Cloerkes (2001), S.7). Cloerkes (2001) stellt dabei ein ganz zentrales Moment heraus- das der sozialen Folge, die sich aus der jeweiligen Schädigung für das einzelne Individuum ergibt. Entsprechend eruiert er, dass die Gesellschaft Menschen mit Behinderung, aufgrund der durch die “Anormalität“ nicht erfüllbaren gesellschaftlichen Erwartungen, negativ begegnet (vgl. ebd.).

2.2.1.2 Die sozialrechtliche Behinderungsdefinition Gemäß dem SGB IX wird Behinderung wie folgt definiert:

1. „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.
2. Menschen sind im Sinne des Teils 2 schwerbehindert, wenn bei ihnen ein Grad der Behinderung von wenigstens 50 vorliegt und sie ihren Wohnsitz, ihren gewöhnlichen Aufenthalt oder ihre Beschäftigung auf einem Arbeitsplatz im Sinne des § 73 rechtmäßig im Geltungsbereich dieses Gesetzbuches haben.
3. Schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden sollen behinderte Menschen mit einem Grad der Behinderung von weniger als 50, aber wenigstens 30, bei denen die übrigen Voraussetzungen des Absatzes 2 vorliegen, wenn sie infolge ihrer Behinderung ohne die Gleichstellung einen geeigneten Arbeitsplatz im Sinne des § 73 nicht erlangen oder nicht behalten können (gleichgestellte behinderter Menschen)“ (§ 2 SGB IX zit. nach Stascheit 2009, S.1333).

2.3 Die Arten von Behinderungen

Wie bereits die Definitionen konstatieren, gestaltet es sich als äußerst diffizil eine Behinderung zu bestimmen und diejeweiligen Formen voneinander zu differenzieren.

Je nach Art der Schädigung sowie deren Auswirkungen lassen folgende Arten von Behinderung distinguieren:

- die geistige Behinderung

bezeichnet eine fortdauernde Restriktion der kognitiven Fähigkeiten, welche sich sowohl auf das Denken, die Wahrnehmung, das Lernen, als auch die Erinnerung und Konzentration beziehen. Diese spezielle Begrenzung beginnt bereits meist in der frühen Kindheit und induziert Erschwernisse in vielen Bereichen des Lebens (vgl. Portal für Kindertagesförderung in Mecklenburg-Vorpommern, 20.08.2011)

- die körperliche Behinderung

beschreibt eine intensive körperliche Einschränkung des Menschen, die durch eine Schädigung bzw. Dysfunktion des Stütz- und Bewegungssystems bedingt wird (vgl. Bleideck 2009, S.119).

- die seelische Behinderung

ist schwer zu bestimmen und umfasst eine Diskrepanz hinsichtlich des Erlebens und Verhaltens. Sie betrifft die menschlichen Dimensionen des Denkens und Fühlens ebenso wie die Wahrnehmung und Orientierung (vgl. Portal für Kindertagesförderung in Mecklenburg-Vorpommern, 20.08.2011).

An dieser Stelle ist das Kinder- und Jugendhilfeschutzgesetz (SGB VIII) zu erwähnen, welches den Begriff der seelischen Behinderung um die Aspekte der -> „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (Lesen, Schreiben, Rechnen) und der Sprache, wenn sie längerfristig die Integration gefährden wie auch der ^chronischen Störungen, die die psychische Entwicklung und Integration gefährden“, erweitert (§35a SGB VIII, zit. nach Mehler-Wex & Warnke (2005), 07.09.2011).

- die Sinnesbehinderung

fungiert als Hyperonym und zentralisiert alle Hör- und Sehschädigungen. Hörschädigungen werden unterteilt in

- Gehörlosigkeit

Die Gehörlosigkeit wird differenziert. Sie kann einerseits angeboren sein und vor bzw. im Frühstadium des Spracherwerbs eingebüßt werden (prälinguale Gehörlosigkeit) sowie andererseits nach der Spracherlernung verloren werden (postlinguale Ertaubung).

Dabei ist es von Relevanz darum zu wissen, dass nichtjeder gehörlose Mensch zugleich taubstumm sein muss. Mittels einer entsprechenden Förderung ist der Mensch auch ohne Gehör in der Lage mit Anderen zu kommunizieren bspw. durch das Erlernen einer Lautsprache oder Gebärdensprache (vgl.).

- Schwerhörigkeit

Sie umfasst die verminderte Hörfähigkeit, welche sich im Zuge eines vorübergehenden oder fortdauernden Defektes des Gehörs entwickelt, wobei die Fähigkeit der Wahrnehmung von akustischen Eindrücken und der Sprache beibehalten wird. Es wird zwischen leicht-, mittel- und hochgradiger

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Gehörlosigkeit und Schwerhörigkeit unterschieden (vgl. Portal für Kindertagesförderung in Mecklenburg-Vorpommern 2011, 20.08.2011).

Die Sehschädigung wiederum, wird aufgegliedert in

- Sehbehinderung

Sie deklariert die fulminante Reduktion des Sehvermögens.

- Blindheit

Die Blindheit hingegen definiert die umfassende Absenz des Sehvermögens. Sie kann sowohl angeboren sein als auch durch Allgemeinerkrankungen, Verletzungen oder Ähnlichem hervorgerufen werden (vgl.ebd.).

- die Sprachbehinderung

Umschließt Störungen des Spracherwerbs, die durch Schädigungen des Zentralnervensystems, der Hör- oder Artikulationsorgane, psychische Faktoren oder Hirnschädigungen induziert werden (vgl. ebd.).

- die Lernbehinderung

Bezeichnet eine andauernde sowie extensive Lehr- und Lernbeeinträchtigung. Ursachen für die Entwicklung einer Lernbehinderung können im Individuum selbst liegen aber auch in seinen Lern- und Lebensumständen. Expliziter umschreibt der deutsche Bildungsrat den Begriff der Lernbehinderung: „Als lernbehindert gelten Menschen, die infolge mangelhafter Entwicklung oder einer Schädigung des Nervensystems oder wegen soziokultureller Deprivation bei erheblich verminderten Intelligenzleistungen vornehmlich in ihren schulischen Lernleistungen soweit beeinträchtigt sind, dass die Aufnahme, Speicherung und Verarbeitung von Lerninhalten nicht in altersentsprechender Weise gelingt“ ( Philosophische Fakultät der Universität Rostock, 08.09.2011).

2.4 Die Kategorisierung der Behinderung

Die Behinderung wird in drei große Kategorien klassifiziert, welche nachfolgend erläutert werden.

- Die Mehrfachbehinderung

Eine immersive Bestimmung des Begriffes der Mehrfachbehinderung ist bislang nicht existent. Allgemein wird die Mehrfachbehinderung als das Vorliegen mehrer Formen der Behinderung verstanden, so dass eine besondere Schwere besteht. Das bedeutet, dass es sich bei einer Mehrfachbehinderung um eine Grundbehinderung (Primärbehinderung) handelt, welche eine oder weitere

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Details

Seiten
40
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656227458
ISBN (Buch)
9783656227892
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196464
Institution / Hochschule
Katholische Fachhochschule Mainz – Fachbereich Soziale Arbeit
Note
1,3
Schlagworte
UN-Behindertenrechtskonvention Soziale Arbeit Sozialpädagogik Betriebliche Sozialarbeit Integrationsfachdienst Behinderung Recht SGB IX Menschen mit Behinderung

Autor

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Titel: Die Bedeutung der UN-Behindertenrechtskonvention für die Soziale Arbeit