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Skulpturverfahren in der familientherapeutischen Arbeit

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition
2.1. Familienskulptur

3. Funktionen und Ziele von Skulpturverfahren

4. Ebenen der Analyse von Familienskulpturen

5. Einteilung der Skulpturverfahren

6. Strukturell orientierte Skulpturverfahren
6.1. Lebende Skulptur
6.2. Symbolische Darstellung des Lebensraumes der Familie
6.3. Familienbrett nach Ludewig
6.4. Familien-System-Test (FAST)

7. Interaktionell orientierte Skulpturverfahren
7.1. Verwendung von Szenopuppen
7.2. Familienpuppeninterview
7.3. Das Handpuppenspiel
7.4. Die Familienzeichnung nach Bing

8. Projektiv orientierte Skulpturverfahren
8.1. Szentotest nach Stab
8.2. Die verzauberte Familie (VZ)
8.3. Imagination von Landschaften

9. Zusammenfassung

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Nicht erst seit Schultz von Thuns Klärungshilfe-Trilogie wissen wir, dass im Beratungskontext der Einsatz von erlebnisorientierten Mitteln häufig große Wirkung zeigt. Ob nun durch das Doppeln, das Zeichnen eines Bildes oder eine Botschaft aus dem Körperinneren. Immer geht es darum, einen neuen, weniger sprachlichen Weg zu den Innerungen des Klienten oder der Klientengruppe zu gewinnen.

In einem Familiengespräch, das Virginia Satir leitete, beginnt die Mutter sich über die Tochter zu beklagen und diese anzugreifen. Satir unterbricht: „Ich möchte Ihnen einmal zeigen, was ich gesehen habe, darf ich?“ Und dann nimmt sie die Hand der Mutter und fordert sie auf, mit ausgestrecktem Finger auf die Tochter zu zeigen. Auf die Frage an die Tochter, was sie tue, wenn die Mutter sich so verhalte, dreht diese der Mutter den Rücken zu. „Ist es das, was sie wollen?“, fragt Satir die Mutter. Diese verneint. Satir lässt die Mutter nun das Bild stellen, was ihr vorschwebt: Die Tochter steht ihr gegenüber und blickt ihr offen ins Gesicht. „Wie können Sie erreichen, dass Ihre Tochter das tut?“ Die Mutter verwandelt den anklagenden Finger in eine offene Hand- und es wird möglich über die Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte der beiden Menschen aneinander zu sprechen. (Metzmacher et al. 1982 zitiert nach Schlippe und Schweitzer 2007, S. 164)

In dieser Miniskulptur wird deutlich, dass eine Geste häufig mehr sagt als tausend Worte. Sie stellt mit einem mal all die vielen parallel ablaufenden Gedanken, Wünsche und Ängste dar und komprimiert sie auf das Wesentliche. Skulpturverfahren in der Familiendiagnostik arbeiten fast ausschließlich an dieser „Gesten-Arbeit“.

Wir wollen in diesem Referat folgende Fragen klären:

- Wie heben sich Skulturverfahren von anderen Interventionsmethoden ab, insbesondere der Aufstellung?
- Wann sind sie angezeigt?
- Wie lassen sich die einzelnen Skulpturverfahren klassifizieren?
- Wie führt man sie durch?

2. Definition

2.1. Familienskulptur

Die Familienskulptur ist eine Technik, durch die die Beziehungen und das Verhalten der Familienmitglieder zueinander von der Familie selbst in einer metaphorischen Figur symbolisch dargestellt werden. (Schweitzer und Weber 1982, S. 113)

In ihrer Definition legen Schweitzer und Weber ihr Hauptaugenmerk auf die Transformation der Beziehungen der Familienmitglieder, d.h. die Familienstruktur, in eine erlebbare „metaphorische Figur“. In poetischer Weise führen sie weiter aus:

Die „innere Landkarte“ über die Beziehungen wird in ein lebendiges Portrait projiziert und die sich wiederholenden Sequenzen der Interaktion in Bewegung übertragen. (Schweitzer und Weber 1982, S. 113)

Das besondere an den Skulpturverfahren ist somit die Subjektivität, mit der jedes Familienmitglied, das sich als „Bildhauer“ zur Verfügung stellt, die Familienstruktur darstellt. In diese Struktur projiziert das Familienmitglied seine Wünsche, Ängste und Erfahrungen und gibt so ein Bild seiner „inneren Landkarte“ und damit seiner subjektiven Wahrheit wieder.

3. Funktionen und Ziele von Skulpturverfahren

Die Skulpturverfahren haben zwei wesentliche Funktionen. So sind sie:

- diagnostische Werkzeuge zur Datengewinnung, indem sie die Familienkonstellation durch die einzelnen subjektiven Sichtweisen erfassen und
- therapeutisches Mittel um Veränderungen in den Beziehungsmustern zu erzeugen. (Schweitzer und Weber 1982, S. 113)
Im Gegensatz zu andern Interventions- und Diagnostikmethoden lassen sich mit den Skulpturverfahren besondere Zielstellungen verwirklichen. Skulpturverfahren sollen
- Abwehrphänomene wie Intellektualisieren und Rationalisieren verhindern, indem sie wenig mit Sprache arbeiten,
- ein rasches Vordringen zu Konflikten in tieferliegenden abgewehrten Gefühlen ermöglichen,
- sinnlich-konkrete Erfahrungen ermöglichen, indem weniger benutzte Wahr-nehmungskanäle angesprochen werden (z.B. kinästhetischer und visueller),
- Metaphern über das Familiengeschehen bereitstellen, die für alle verständlich sind und so die Intersubjektivität in der Familie erhöhen. (bis hier Schweitzer und Weber 1982, S. 114)
- familiäre Abläufe in ihrer Gleichzeitigkeit und Bedingtheit darstellen (Schlippe und Schweitzer 2007, S. 164) und
- den Sinn der Symptome eines Familienmitgliedes für die Familie und deren Interaktionen klären (vgl. Papp et al. in Arnold et al. 2003. S. 341).

4. Ebenen der Analyse von Familienskulpturen

Je nachdem auf welche Elemente der Skulptur geachtet wird, lassen sich unterschiedliche Erkenntnisse über ein und dieselbe Familienskulptur finden. Ziel ist es, flexibel alle Elemente der Aufstellung zu analysieren. Hierzu zählen vor allem die Ebenen:

- Horizontaler Abstand als Symbol für emotionale Nähe,
- Vertikaler Abstand als Symbol für hierarchische Strukturierung: Wer setzt sich am stärksten durch, steht evtl. auf einem Stuhl o.ä.?
- Mimik und Gestik als Ausdruck differenzierter Familienstrukturen: Wer sieht wen an? Wer steht gebeugt und mit geballten Fäusten da? Wer rüttelt heimlich am Fuß des “auf dem Podest” Stehenden? usw. (Nach Schlippe und Schweitzer 2002, S.165)

Ein Skulpturverfahren kann in seiner Wirkung nur so kraftvoll sein, wie der Therapeut die Auswertung forciert und unterstützt. Im Gespräch nach der Skulpturaufstellung sollte er die Gedanken der Familienmitglieder auf relevante Punkte lenken. Hierbei helfen Fragen wie:

- Was ist es für ein Gefühl, in dieser Position zu sein? Passt es zu dem Gefühl, welches der oder die Betroffene in der Familie hat?
- Wussten Sie, dass der „Bildhauer“ die Familie so sieht?
- Stimmen Sie mit dem Bild überein? Was soll geändert werden?
- Welche Veränderungen wünscht sich jeder, um sich besser zu fühlen? (vgl. Schlippe und Schweitzer 2002, S. 165)

Bei aller Akribie in der Analyse sollte sich der Therapeut aber auch bewusst sein über seine Verantwortung der Integrität der Familie gegenüber. Übermäßiges Hineininterpretieren in die Skulptur oder Arbeiten unter Druck können die Familienmitglieder bloßstellen und damit über das Ziel hinausschießen. Erfolgreich kann ein Therapeut die Methode einsetzen, wenn er frühzeitig kleine „Miniskulpturen“ einbringt und das Arbeiten mit Skulpturverfahren als etwas Auflockerndes und Spielerisches einführt.

5. Einteilung der Skulpturverfahren

Je nachdem, was bertachtet wird, lassen sich verschiedene Klassen von Skulpturverfahren eröffnen. Steht die Abbildung der Beziehungsstruktur im Vordergrund, so handelt es sich um strukturell orientierte Verfahren. Geht der Therapeut mehr auf das Interaktionsgeschehen zwischen den Familienmitgliedern ein, so liegt ein interaktionell orientiertes Verfahren vor. Wenn der Fokus psychoanalytisch ausgeprägt ist, so bestehen projektiv orientierte Skulpturverfahren.

Nahezu alle Skulpturverfahren lassen sich in diese Drei-Gliederung einteilen, wobei Arnold et al. klar machen, dass es eine Verschiebung geben kann, sobald der Therapeut seine Fragestellung verändert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einteilung der Skulpturverfahren nach Arnold et al. 2008, S. 307

6. Strukturell orientierte Skulpturverfahren

6.1. Lebende Skulptur

Die Familienskulptur (oder auch lebende Skulptur) wird dem erlebnisorientierten Ansatz (z. B. Satir 1990, Whitaker 1991) innerhalb der Systemischen Therapie zugeschrieben und ist bis heute Standardmethode in der systemischen Arbeit (vgl. Schlippe und Schweitzer 2000, S. 24 f.).

Es ist ein in der Durchführung recht einfaches Diagnostik- und Therapieverfahren, hat jedoch keine standardisierte Vorgehensweise als Vorgabe. Man findet dennoch grundlegende Elemente, die immer Bestandteil der Skulptur sind, und je nach Situation und Intention des Diagnostikers entsprechende Modifikationen des Vorgehens. Es ist eine nicht-verbale Technik, wodurch sie für verschiedene Familienmilieus geeignet ist. Zum einen dort wo die Ausdrucksfähigkeit von Familien nicht sehr ausgeprägt ist, zum anderen bei Familien mit hohem Bildungsgrad und hoher Therapieerfahrung, weil die Abwehrstrategie des Rationalisierens nicht mehr beziehungsweise weniger greift (vgl. Arnold et al. 2003, S. 340 f.).

Vorgehensweise:

1. Eines der Familienmitglieder wird vom Therapeuten zum „Bildhauer“ ernannt. Der Protagonist hat dann die Aufgabe die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander räumlich darzustellen. Wenn Familienmitglieder fehlen, können diese durch Symbole wie Mobiliar repräsentiert werden. Es kann sein, dass es der Familie am Anfang schwer fällt sich auf diese ungewöhnliche Vorgehensweise einzulassen, um dem entgegenzuwirken kann man schon frühzeitig Bewegungen und kleine „Miniskulpturen“ in der Therapie einsetzen (vgl. Schlippe und Schweitzer 2000, S. 166).
2. Der „Bildhauer“ kann bei diesem Prozess mit Fragen wie „Wer steht wem wie nah oder wie fern?, Wer steht ganz unten in der Entscheidungshierarchie, sitzt vielleicht auf einem Stuhl oder gar auf dem Boden?, Wer fasst wen an?, Wer guckt wo hin? Wer steht gebeugt da oder eventuell mit geballten Fäusten?“ durch den Therapeuten unterstützt werden (vgl. Schweitzer und Weber in Schlippe und Schweitzer 2000, S. 165)
3. Nach der Aufstellung wird die Familie gebeten in der Skulptur zu verharren und in sich hinein zu fühlen.
4. Danach wird über die Empfindungen und Eindrücke in der jeweiligen Position gesprochen. Hilfreiche Fragen sind: „Was ist es für ein Gefühl in dieser Position zu sein? Stimmen Sie mit dem Bild überein? Welche Veränderungen wünscht sich jeder, um sich besser zu fühlen?“ (vgl. Schweitzer und Weber in Schlippe und Schweitzer 2000, S. 165).

Wichtig ist bei der Auswertung die Frage nach dem Erleben der Struktur der Familie insgesamt und nach den Beziehungen, der Nähe und Distanz untereinander (vgl. Schweitzer und Weber 1982, S. 117).

Die Auswahl des „Bildhauers“ am Anfang bleibt der Intuition des Therapeuten überlassen. Tendenziell ist der Bildhauer der ersten Skulptur ein Familienmitglied, welches nicht zentral im Konflikt steht. Häufig wird in der Literatur aber auch geraten, den Indexklienten zum Aufstellen der Lebenden Skulptur aufzufordern.

Weiterhin sind folgende Modifikationen in der Vorgehensweise möglich:

- Abstecken des auszufüllenden Raumes
- Ein Familienmitglied könnte aus der Skulptur heraustreten, um das System von außen zu betrachten
- Skulptur wird vom Therapeuten gestellt als „Outside-In-Perspektive“ um der Familie eine Rückmeldung zu geben (Gegensatz: „Inside-Out-Perspektive“ eines Familienmitgliedes)
- Austausch eines Familienmitgliedes durch den Co- Therapeuten, damit dieser die Gefühle an seiner Stelle aussprechen kann
- Einbeziehen von Freunden, Verwandten, Bekannten
- Vorgabe eines Ereignisses, welches System geändert hat, oder eines zukünftigen Ereignisses, welches das Potential hat das System zu verändern (Bsp.: Tod des Großvaters)
- Stellung einer Simultanskulptur zur Darstellung der momentanen Beziehung zu den anderen. Man spricht von einer Simultanskulptur, wenn die Familienmitglieder sich gleichzeitig aufstellen, statt von einer Person aufgestellt zu werden.
- Stellen von chronologischen Reihenfolgen mehrerer Skulpturen zwischen wichtigen Ereignissen
- Stellen einer idealen Skulptur oder Suche nach einem neuen Platz innerhalb der Struktur, der größere Zufriedenheit verspricht
- Einbeziehen der Bewegungen der Familienmitglieder, auch Veränderungen der Zeit der Bewegungen sind möglich (Zeitlupenmodus)
- Darstellung des Zustandes vor einer Symptombildung, oder auch eine Skulptur die zeigt wie das System aussähe, wenn das Symptom nicht mehr da wäre
- Finden einer Metapher für die Familienskulptur durch die Familie. (vgl. Schweitzer und Weber in Arnold et al. S. 341 und Schlippe und Schweitzer S. 166 f.)

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656227380
ISBN (Buch)
9783656228110
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196674
Institution / Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Görlitz – Studiengang Kommunikationspsychologie
Note
1,0
Schlagworte
Familiendiagnostik Kommunikationspsychologie Skulpturverfahren Familientherapie

Autor

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Titel: Skulpturverfahren in der familientherapeutischen Arbeit