Lade Inhalt...

Wahrnehmungsförderung durch Klettern als Ergänzung zur SI-Mototherapie

Projektarbeit 2008 53 Seiten

Physiotherapie, Ergotherapie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABSTRACT

EINLEITUNG

1 WAHRNEHMUNG UND SENSORISCHE INTEGRATION
1.1 WAHRNEHMUNGSBEREICHE
1.2 SENSORISCHE INTEGRATION
1.3 SENSORISCHE INTEGRATIONSSTÖRUNGEN

2 KLETTERN MIT KINDERN
2.1 ALLGEMEINES
2.2 AUSRÜSTUNG UND SICHERHEIT
2.3 METHODIK UND DIDAKTIK BEIM KLETTERN MIT KINDERN
2.4 PÄDAGOGISCH-THERAPEUTISCHE ASPEKTE

3 FÖRDERUNG VON KINDERN MIT SI-STÖRUNGEN DURCH KLETTERN
3.1 TAKTILE WAHRNEHMUNG
3.2 KINÄSTHETISCHE WAHRNEHMUNG
3.3 VESTIBULÄRE WAHRNEHMUNG
3.4 WEITERE WAHRNEHMUNGSBEREICHE
3.5 KÖRPERORIENTIERUNG
3.6 PRAXIE
3.7 KOGNITIVE FÖRDERUNG
3.8 EMOTIONALE UND SOZIALE FÖRDERUNG
3.9 WICHTIGE ASPEKTE BEIM KLETTERN MIT SI-KINDERN

4 PRAKTISCHER TEIL
4.1 KOMBINATION KLETTERN UND SI-MOTOTHERAPIE®
4.2 ÜBUNGEN UND SPIELE ZUR WAHRNEHMUNGSFÖRDERUNG
4.3 FALLBEISPIEL LUISA

ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSWORT

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABSTRACT

Wahrnehmungsförderung durch Klettern als Ergänzung zur SI-Mototherapie®

Diese Arbeit wurde von Mag. Maria Ablinger zum Abschluss der Weiterbildung Mototherapie beim PGA Linz eingereicht. Thema der Arbeit ist der Einsatz von Klettern in der Förderung von Kindern mit Wahrnehmungsstörungen sowie die Kombination von Klettern und SI-Mototherapie®. Sie beginnt mit einer kurzen Einführung über Wahrnehmung und Sensorische Integration, gibt anschließend einen Einblick in das Klettern mit Kindern und analysiert die Wirkung des Kletterns auf die verschiedenen Bereiche der sensorischen Integration. Kognitive, emotionale und soziale Wirkfaktoren werden beschrieben. Im praktischen Teil der Abschlussarbeit werden Spiele und Übungen an der Kletterwand zur Wahrnehmungsförderung beschrieben und anhand eines Fallbeispiels die Umsetzung der Förderung durch Klettern veranschaulicht.

Schlüsselwörter: Sensorische Integrationsstörung, Wahrnehmungsstörung, Klettern, Klettertherapie, SI-Mototherapie®

Perception stimulation by climbing as a complement to SI-Mototherapie®

This thesis was written by Mag. Maria Ablinger at the end of the training Mototherapie at the PGA Linz. It treats the use of climbing in the stimulation of children with perceptual disorders and the combination of climbing and SI-Mototherapie®. It starts with a brief introduction about perception and Sensory Integration, then an insight into the climbing with children and analyses the effect of climbing on the various areas of Sensory Integration. Cognitive, emotional and social effects are described. In the practical part of the thesis there will be described some games and exercises on the climbing wall. The implementation of the stimulation by climbing is demonstrated based on an example case.

Keywords: Sensory Integration, perceptual disorders, climbing, SI-Mototherapie®

EINLEITUNG

Als Lehrerin und Sozialpädagogin und in meiner Tätigkeit in der Lern- und Entwicklungsförderung treffe ich immer wieder auf Kinder mit großen Schwierigkeiten in der motorischen Entwicklung sowie deutlichen Defiziten in den verschiedenen Wahrnehmungsbereichen. Um diesen Kindern noch besser helfen zu können, entschied ich mich für die Weiterbildung zur SI-Mototherapeutin.

Ich selbst bewege mich sehr gerne und habe seit längerem eine Sportart für mich entdeckt, die mir sehr Spaß macht, mich umfassend fordert und einen guten Ausgleich zum beruflichen Alltag bietet: Klettern. Nach einer Ausbildung zum Übungsleiter im Sportklettern leite ich auch regelmäßig Kindergruppen oder gehe mit einzelnen Kindern zum Klettern. Meist sind dies Kinder und Jugendliche aus Familien mit schwierigem sozialem Hintergrund, sie weisen Verhaltens- oder Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten auf. Sie bewegen sich großteils wenig und qualitativ schlecht und viele von ihnen haben Probleme mit der Wahrnehmung.

Nach und nach entdeckte ich immer mehr Parallelen zwischen der mototherapeutischen Förderung und der ganzheitlichen Wahrnehmungsförderung, die beim Klettern möglich ist. Klettern bietet den Kindern eine umfassende Körper- und Materialerfahrung, es spricht alle Sinne an, bezieht den ganzen Körper ein und macht nicht zuletzt einfach Spaß. Meiner Erfahrung nach sind die Kinder beim Klettern unglaublich motiviert und bewegen sich plötzlich gerne, obwohl sie dies sonst häufig vermeiden.

So ergab sich für mich für die Abschlussarbeit der Weiterbildung die Kombinationsmöglichkeit „Klettern und Mototherapie“ und ich möchte mich in der vorliegenden Arbeit nach einer kurzen Einführung über Wahrnehmung und Sensorische Integration mit folgenden Fragen näher beschäftigen:

- Was ist beim Klettern mit Kindern besonders zu beachten und welche Methoden sind geeignet?
- Welche Bereiche der sensorischen Integration werden wodurch beim Klettern besonders angesprochen?
- Welche sozialen, emotionalen und kognitiven Wirkungen hat das Klettern?
- Wie lässt sich SI-Mototherapie® mit Klettern sinnvoll verbinden oder ergänzen?
- Welche Übungen und Spiele in der Kletterhalle bieten sich bei der Förderung von Kindern mit SI-Störungen an?
- Wie kann mit Luisa, einem hypotonen Mädchen mit Sprachentwicklungsverzögerung, allgemeinem Entwicklungsrückstand und Wahrnehmungsstörungen in mehreren Bereichen sinnvoll unter Einbeziehung beider Methoden gearbeitet werden?

Bei der Beantwortung der Fragen werde ich sowohl die - sehr spärlich vorhandene - aktuelle Fachliteratur als auch meine eigenen Praxiserfahrungen einfließen lassen sowie mehrere Förderstunden mit Luisa in der Kletterhalle absolvieren und anschließend reflektieren. Dabei erhebt vor allem das Kapitel über Klettern mit Kindern keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, es soll nur ein erster Einblick in die Materie gegeben werden. Eine genauere Auseinandersetzung mit Methodik und Didaktik des Klettern- und Sichern-Lehrens ist nicht das Ziel dieser Arbeit und würde auch ihren Rahmen sprengen.

1 WAHRNEHMUNG UND SENSORISCHE INTEGRATION

1.1 WAHRNEHMUNGSBEREICHE

Um etwas über die Welt erfahren zu können und sich in ihr zu bewegen, muss das Kind große Wahrnehmungsleistungen erbringen. „Wahrnehmungsleistungen nehmen eine Schlüsselfunktion hinsichtlich der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen aus der Umwelt ein. Jede neue Situation muss zunächst mit Hilfe der Sinnesorgane erfasst und an das Zentralnervensystem weitergeleitet werden, bevor sinnvolle motorische Handlungen folgen können“ (Zimmer 2004, 68). Schon in der neunten Schwangerschaftswoche beginnt beim Fötus die Entwicklung der Wahrnehmung und stellt eine entscheidende Grundlage für die Gehirn- und Bewegungsentwicklung dar. Unter Wahrnehmung ist dabei die Aufnahme und Verarbeitung von Reizen zu verstehen. Dies erfolgt über die verschiedenen Sinnessysteme mit Hilfe der Sinnesorgane.

1.1.1 TAKTILES SYSTEM - TASTSINN

Nach Ayres (2002) entwickelt sich die taktile Wahrnehmung als erstes Sinnessystem im Mutterleib, wenn das Kind Hautreize durch Bewegungen der Mutter erfährt. Das zuständige Sinnesorgan ist die Haut. Sie ermöglicht das Erfühlen und Tasten von Materialien und Gegenständen und die Wahrnehmung von Temperatur. Außerdem wird dem Kind durch Stimulierung der Haut mittels Berühren und Streicheln Wohlbefinden, Sicherheit und Geborgenheit vermittelt.

1.1.2 KINÄSTHETISCHES SYSTEM - BEWEGUNGSSINN

„Die kinästhetische Wahrnehmung umfasst die Empfindung von Bewegungen des eigenen Körpers oder einzelner Körperteile gegeneinander und den dabei auftretenden Kraftleistungen“ (Zimmer 2004, 71). Durch Muskeln, Sehnen und Gelenke wird die Bewegung wahrgenommen und über die so genannten Propriozeptoren erhält das Gehirn Informationen über Muskelspannung und Körperstellung.

1.1.3 VESTIBULÄRES SYSTEM - GLEICHGEWICHTSSINN

Ayres (2002, 324) beschreibt das Vestibularsystem als „Sinnessystem, das auf die Kopfhaltung in Bezug zur Schwerkraft der Erde sowie auf verlangsamte oder beschleunigte Bewegung reagiert.“ Das Gleichgewichtsorgan hat seinen Sitz im Innenohr und steuert den sehr komplexen Prozess der Gleichgewichtsregulation. Dabei sind immer auch andere Sinne beteiligt und im Gegenzug beeinflusst die vestibuläre Wahrnehmung auch das Funktionieren der anderen Sinne.

1.1.4 VISUELLES SYSTEM - SEHSINN

Über das Auge nimmt der Mensch die meisten Informationen aus seiner Umwelt auf. Neben einer intakten Sehfähigkeit des Sinnesorgans muss aber auch die Verarbeitung der aufgenommenen Reize problemlos voll funktionstüchtig sein, um die Informationen im Gehirn richtig aufnehmen zu können.

1.1.5 AUDITIVES SYSTEM - HÖRSINN

Eine intakte auditive Wahrnehmung ist eine grundlegende Voraussetzung für die Sprach- und Kommunkationsentwicklung. Wiederum müssen sowohl das Sinnesorgan Ohr als auch die Weiterleitung der Informationen funktionieren.

Weiters gibt es noch das gustatorische System, den Geschmackssinn, und das olfaktorische System, den Geruchssinn (vgl. Zimmer 2004).

1.2 SENSORISCHE INTEGRATION

Damit jede Art von Lernen funktionieren kann, müssen die Sinnesreize nicht nur aufgenommen, sondern auch erkannt, interpretiert, zugeordnet, miteinander verknüpft und schließlich abgespeichert werden. Ayres (2002, 322) nennt diesen Vorgang „Sensorische Integration“ und definiert ihn folgendermaßen:

„Die sinnvolle Ordnung und Aufgliederung von Sinneserregung, um diese nutzen zu können.

(…) Durch die sensorische Integration wird erreicht, daß alle Abschnitte des Zentralnervensystems, die erforderlich sind, damit ein Mensch sich sinnvoll mit seiner Umgebung auseinandersetzen kann und eine angemessene Befriedigung dabei erfährt, miteinander zusammenarbeiten.“

Kesper (2002) spricht auch von einer Assoziation zwischen den Sinnen und betont die große Bedeutung einer guten sensorischen Integration als Voraussetzung für eine ungestörte kindliche Entwicklung und intakte Lernfähigkeiten.

Sensorische Integration vollzieht sich nach Kesper (2002) auf vier Ebenen. Auf der neuralen Ebene werden Empfindungen und Reize im zentralen Nervensystem aufgenommen, auf der sensorischen Ebene werden Informationen registriert, gehemmt, verstärkt und verknüpft. Schließlich folgt die kognitive Ebene, hier kommt es zum Bewerten, Verstehen und Planen von Handlungen und zum Erarbeiten von Problemlösungen. Die vierte Ebene stellt die motorische Ebene dar. Sie vermittelt zwischen den drei anderen Ebenen und der Umwelt. Wenn ein Prozess auf nur einer Ebene nicht funktioniert, kann dies Störungen im gesamten System zur Folge haben.

1.3 SENSORISCHE INTEGRATIONSSTÖRUNGEN

1.3.1 ERSCHEINUNGSBILD

Von Integrations- oder Wahrnehmungsstörungen spricht man, wenn trotz Intaktheit der Sinnesorgane die Informationsverarbeitung im Gehirn nicht genügend gut erfolgt. Nach Ayres (2002) bedeutet eine Störung der sensorischen Integration, dass das Gehirn nicht richtig mit den Sinnesorganen zusammenarbeitet und Sinneseindrücke unzureichend einordnen und verarbeiten kann. Dadurch ist es einem Kind mit Wahrnehmungsstörungen nicht möglich, genaue Informationen über sich und seine Umgebung zu erhalten und jegliches Lernen fällt schwer. Ayres (2002) gibt an, dass in den USA in etwa fünf bis zehn Prozent der Kinder an Sensorischen Integrationsstörungen leiden. Man nimmt an, dass diese Zahlen auch bei uns realistisch sind (vgl. Ayres 2002).

Über die Ursache dieser Störungen ist recht wenig bekannt. Von Fachleuten wird angenommen, dass gewisse Kinder eine genetische Veranlagung für einen minimalen Hirnschaden haben. Weitere in Betracht gezogene Gründe sind die Zunahme der Umweltgifte und Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt. Kinder, die kaum Kontakt zu anderen Menschen haben und zu wenig Sinnesreize erhalten, entwickeln ebenfalls Wahrnehmungsdefizite. Die Schwierigkeiten des Gehirns bei der Integration der Sinnesreize können bisher nicht medizinisch nachgewiesen werden. Die Diagnostik besteht darin, das Kind genau zu beobachten und die einzelnen Wahrnehmungsbereiche zu testen und dadurch eine Beurteilung der Gehirnfunktionen zu versuchen (vgl. Ayres 2002).

Sensorische Integrationsstörungen haben keine einheitliche Symptomatik, sie äußern sich bei jedem Kind etwas anders. Die ersten auffälligen Zeichen einer derartigen Störung zeigen sich oft schon im Säuglingsalter. Hier ergeben sich Zusammenhänge mit Entwicklungsverzögerungen und Überspringen von Entwicklungsphasen. Manche Säuglinge, die Schwierigkeiten mit der Einordnung der Wahrnehmungsreize haben, können nicht altersgemäß rollen, kriechen, krabbeln, sitzen oder stehen. Wenn sie älter sind, haben sie Schwierigkeiten beim Radfahren oder Maschenbinden und wirken meist ungeschickt und tollpatschig. Obwohl Muskeln und Nerven zusammenarbeiten, kommt es durch die Probleme des Gehirns zu unkoordinierten Bewegungen. Sekundäre Symptome sind Überaktivität und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten. Verhaltensprobleme und ein schwach entwickeltes Selbstbewusstsein sind ebenfalls bei vielen Kindern zu beobachten (vgl. Ayres 2002). Hinzu kommen häufig Sprach- und Artikulationsstörungen. „Da Sprache und Sprechvermögen auf zahlreichen Integrationsprozessen sinnlicher Wahrnehmung beruhen, sind sie besonders geeignet, Entwicklungsverzögerungen aufzuweisen, wenn es zu irgendeiner Unregelmäßigkeit bei Prozessen der Sinnesverarbeitung kommt“ (Ayres 2002, 99). Dabei sind die betroffenen Kinder ansonsten meist durchschnittlich intelligent.

Nach Kesper und Hottinger (2002) können bei Sensorischen Integrationsstörungen vier verschiedene Bereiche betroffen sein: Der taktil-kinästhetische Bereich, der vestibuläre Bereich, Körperorientierung und Dyspraxie. Jedem Bereich können typische Störungsbilder zugeordnet werden, die betroffene Kinder sehr häufig zeigen.

1.3.2 TAKTIL-KINÄSTHETISCHER BEREICH

Bei Kindern mit Problemen im Bereich der taktilen Wahrnehmung können zwei Gruppen unterschieden werden: taktil überempfindliche und taktil unterempfindliche Kinder. Jene mit taktiler Überempfindlichkeit können Berührungen und verschiedenste Reize auf der Haut nur schwer aushalten, da sie diese viel intensiver wahrnehmen als andere Kinder. Dies äußert sich in Abwehrverhalten bei Annäherung, weinerlichem und ängstlichem Verhalten sowie Ablehnung von bestimmten Materialien und Speisen. Taktil unterempfindliche Kinder brauchen hingegen besonders starke Berührungsreize, damit sie sich spüren können. Sie sind oft distanzlos, schmerzunempfindlich, aggressiv und nicht selten autoaggressiv, um sich selbst zu stimulieren. Taktile Wahrnehmungsstörungen treten auch häufig gemeinsam mit autistischen Verhaltensweisen auf.

Kinder mit Schwierigkeiten bei der kinästhetischen Wahrnehmung haben durch zu ungenaue Informationen über die Spannung und Lage ihrer Muskeln und Gelenke ein schlechtes Körpergefühl. Dadurch brauchen sie länger, um komplexe Bewegungen zu erlernen. Auch Aufmerksamkeitsstörungen sind bei vielen dieser Kinder vorhanden. Weitere Schwierigkeiten ergeben sich dadurch, dass sie andere Kinder oft unabsichtlich anstoßen und so leicht in Raufereien verwickelt werden. In unbekannten Umgebungen verlaufen sie sich, die Einhaltung jeglicher Ordnung und das Anziehen von Kleidungsstücken fällt ihnen schwer (vgl. Kesper & Hottinger 2002).

1.3.3 VESTIBULÄRER BEREICH

Störungen in diesem Bereich äußern sich in Gleichgewichts- und Balanceproblemen. Durch die enge Verbindung zwischen Vestibularsystem und dem auditiven und visuellen System kann ein gestörtes Gleichgewicht vielfältige Auswirkungen für das Kind haben. Es können Sprachentwicklungsverzögerungen, eingeschränkte auditive Merkfähigkeit, optische Wahrnehmungsprobleme und Schwierigkeiten bei Richtungsänderungen entstehen. Im Alltag fallen den Kindern viele scheinbar einfache Aufgaben schwer.

Bei Störungen des Gleichgewichts muss zwischen vestibulärer Über- und Unterempfindlichkeit unterschieden werden. Kinder mit einer überaktiven Gleichgewichtswahrnehmung ringen sehr oft um ihre Balance und werden dabei manchmal ängstlich. Sie vermeiden gewisse Bewegungen und Spiele, die ein gutes Gleichgewicht erfordern und reagieren sehr heftig, wenn sie gestoßen werden. Ruderbewegungen mit den Armen sowie ausgeprägte Höhenangst sind weitere Anzeichen für vestibuläre Überempfindlichkeit. Vestibulär unterempfindliche Kinder hingegen brauchen dauernde vestibuläre Stimulation. Sie sind ständig in Bewegung, können nichts erwarten, lieben Schaukel- und Drehbewegungen und werden häufig als hyperaktiv bezeichnet. Die meisten dieser Kinder haben keine Angst vor Höhen und zeigen distanzloses Verhalten anderen Menschen gegenüber. So kommt es oft auch zu Problemen im Umgang mit anderen Kindern (vgl. Kesper & Hottinger 2002).

Goddard Blythe (2005) nennt weitere Anzeichen und Symptome, an denen man sehr früh mögliche Gleichgewichtsprobleme erkennen kann. Dazu zählen ein schwacher Muskeltonus, häufiges Hinfallen, tollpatschiges Verhalten, starke Reiseübelkeit, Schwierigkeiten beim Erlernen des Radfahrens und beim Lesen der Uhr.

1.3.4 KÖRPERORIENTIERUNG

Störungen der Körperorientierung und des Körperschemas sind meist eine Folge einer beeinträchtigten taktilen, kinästhetischen oder vestibulären Wahrnehmung. Wird der eigene Körper nur ungenügend wahrgenommen, so kann sich das Kind nicht gut entwickeln und zeigt verschiedene Störungsbilder. Meist können Körperpositionen nicht nachgemacht werden und Richtungen werden nicht erkannt. Die Kindern können örtliche Beschreibungen (rechts - links, oben - unten) und zeitliche Zusammenhänge (vorher - nachher) kaum beschreiben. Das führt dazu, dass Kleidungsstücke falsch herum angezogen werden und Erlebnisse nicht in der richtigen Reihenfolge erzählt werden können. Oft fällt dem Kind nur noch das Ende eines Ereignisses ein. Durch unzureichendes Wissen über die Grenzen des eigenen Körpers ist das Kind ungeschickt, wirft häufig Gegenstände um oder stößt sich an. Einen Ball zu werfen oder zu fangen und genau zu zielen gelingt nur selten. Kinder mit Störungen der Körperorientierung weisen außerdem extrem häufig Probleme mit dem Überkreuzen der Mittellinie und eine unausgeprägte Lateralität und Handpräferenz auf. So wird zum Beispiel häufig beim Überkreuzen der Körpermitte die Hand gewechselt, wenn ein Gegenstand weitergereicht oder eine waagrechte Linie gemalt wird (vgl. Kesper & Hottinger 2002).

1.3.5 DYSPRAXIE

Unter Praxie versteht man die Planung der Bewegungen. Kesper und Hottinger (2002, 62) bezeichnen sie als „motorische Basis für die allgemeine Handlungsfähigkeit“. Ist bei einem Kind diese Bewegungsplanung gestört, spricht man von Dyspraxie.

Diese kann sich verschieden äußern: Eine Reihe nacheinander folgender Aufgaben kann kaum gelöst werden, da das Kind die Reihenfolge vergisst oder durcheinander bringt und einzelne Schritte auslässt. Da sich die Kinder die Folgen ihres Handelns nicht vorstellen können, können sie mögliche Gefahren nicht richtig einschätzen. Außerdem tun sie sich schwer, Bilder logisch in richtiger Reihenfolge zu ordnen. Manchen Kindern gelingt es nicht, Gegenstände nach verbaler Beschreibung zu finden und es dauert recht lange, bis sie tägliche Abläufe einhalten können. Des Weiteren haben Kinder mit Dyspraxie Probleme damit, mehrere Bewegungen oder Handlungen zu kombinieren. So fällt es beispielsweise schwer, gleichzeitig zu singen und zu klatschen oder beim Laufen einen Ball zu fangen (vgl. Kesper & Hottinger 2002).

2 KLETTERN MIT KINDERN

2.1 ALLGEMEINES

Klettern ist neben Gehen, Laufen und Hüpfen eine Grundform menschlicher Bewegung. „Entdeckerfreude, Spieltrieb und Neugierde von Heranwachsenden können beim Beklettern von künstlichern Kletterwänden und Naturfelsen intensiv befriedigt werden.“ (Winter 2004, 9) Klettern trainiert Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit und fördert Konzentration und Aufmerksamkeit. Auf die Auswirkungen im emotionalen und sozialen Bereich sowie die Beanspruchung aller Wahrnehmungsbereiche wird im Laufe dieser Arbeit noch näher eingegangen.

Die Ziele des Kletterns mit Kindern können sehr unterschiedlich sein und reichen von einer ganzheitlichen sensorisch-motorischen Förderung und sinnvollen Freizeitgestaltung über therapeutische Ziele im physio- und ergotherapeutischen Bereich bis hin zur Ausübung von Sportklettern als Leistungssport. Teilweise setzt sich Klettern auch schon im Schulsport durch.

Es bestehen viele verschiedene Formen des Kletterns, die vom klassischen Alpinklettern über Sportklettern und Klettern an künstlichen Kletterwänden bis hin zum Bouldern reichen. Als Bouldern (engl. „boulder“ = Felsblock) wird das Klettern ohne Seilsicherung in Absprunghöhe bezeichnet.

Für das Klettern mit Kindern ist, vor allem zu Beginn, das Klettern in Kletterhallen zu bevorzugen. „Künstliche Kletterwände bieten für Kinder und Jugendliche zahlreiche Vorteile gegenüber natürlichen Kletterwänden:

1. Hoher Aufforderungscharakter durch ansprechende Wandgestaltung
2. Vielseitiges und natürliches Klettern
3. Optimale Sicherheit durch gedämpfte Niedersprungbereiche und geprüfte Sicherungshaken
4. Witterungsunabhängiges Klettern zu jeder Jahreszeit
5. Ideale Bedingungen durch Anpassung der Wand an das Kletterniveau
6. Leichter Zugang und bequeme Nutzbarkeit“ (Wielebnowski 2003, 13)

Dabei stehen zwei verschiedene Arten von Kletterwänden zur Auswahl.

An der Boulderwand wird ohne Seilsicherung in Absprunghöhe geklettert, dies sind bei gutem Untergrund wie einer dicken Weichbodenmatte in der Regel eine maximale Tritthöhe von zwei Metern und eine maximale Griffhöhe von drei Metern. Die Boulderwand eignet sich ideal als Übungswand für Kinder und wird zur Durchführung der Kletterspiele und diverser Übungen sowie zum Techniktraining verwendet.

An der Toprope- und Vorstiegswand darf hingegen nur mit Seilsicherung geklettert werden. Beim sogenannten Toprope-Klettern ist das Seil bereits an der Kletterwand eingehängt und kommt für den Kletternden immer von oben, dadurch kann es zu keinen weiten Stürzen kommen. Das Toprope-Klettern ist für Anfänger und besonders auch für Kinder geeignet. Beim Vorstiegsklettern muss der Kletterer selbst das Seil in den Zwischensicherungen einhängen. Dies erfordert fortgeschrittene Kletterkenntnisse und lässt auch Stürze zu, weshalb es für Kletteranfänger und sehr junge Kinder oder Kinder mit Wahrnehmungsschwierigkeiten nicht geeignet ist. Im therapeutischen Bereich wird im Allgemeinen nicht im Vorstieg geklettert.

Die unterschiedlichen Kletterrouten in der Kletterhalle, die meist durch eine einheitliche Farbe der Griffe und Tritte gekennzeichnet sind, sind mit Schwierigkeitsgraden bewertet. In unserer Gegend sind die UIAA- und die französische Skala gebräuchlich, um Kletterrouten vergleichbar zu machen. Diese Bezeichnung mit Schwierigkeitsgraden erleichtert es dem Betreuer, die individuell passenden Routen für jedes Kind auszuwählen. Für ältere Kinder und Jugendliche ergibt sich der Ansporn, einen immer höheren Schwierigkeitsgrad klettern zu können.

Abbildung 1: künstliche Kletterwand

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]

Details

Seiten
53
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668260276
ISBN (Buch)
9783668260283
Dateigröße
46.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196805
Note
Schlagworte
Sensorische Integrationsstörung Wahrnehmungsstörung Klettern Klettertherapie SI-Mototherapie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Wahrnehmungsförderung durch Klettern als Ergänzung zur SI-Mototherapie