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Identitätsbezüge im Mannheimer Stadtteil Jungbusch am Beispiel des Films „Transnationalmannschaft“ (2010)

Hausarbeit 2012 34 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Begriffsklärung
Multikulturalität, multikulturelle Gesellschaft und Interkulturalität
Vorurteile und Stereotype
Transnationaler Raum und Transnationalität
Identität und Identifikation

2. Theoretischer Zugang und Forschungsstand
2.1 Studie von Mühler und Opp (2006)
2.2 Dokumentarfilme und Wirklichkeit
2.3 Identitätsstiftende Wirkung von Fußball

3. Forschungsgegenstand
3.1 Das Vorgehen
3.2 Die kulturelle Heterogenität in Mannheim-Jungbusch
3.3 Der Film „Transnationalmannschaft“: Inhalt und Hintergrund
3.4 Filmanalyse

4. Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblick

5. Literatur

6. Internetquellen

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll ein Beitrag geleistet werden für die Beantwortung der Frage, welche Identitätsbezüge in einem multikulturellen Stadtteil vorherrschen und ob Personen mit Migrationshintergrund sich eher mit ihrem Herkunftsland, ihrem derzeitigen regionenbezogenen Wohnort oder der überregionalen Nation identifizieren. Als Untersuchungsgegenstand eignet sich für dieses Vorhaben besonders der Mannheimer Stadtteil Jungbusch, der einen hohen Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund aufweist. Unterstützend wird dabei unter der Annahme, dass Filme soziale Wirklichkeit widerspiegeln, der Dokumentarfilm „Transnationalmannschaft“ von Philipp Kohl aus dem Jahr 2010 herangezogen, der Eindrücke des Stadtteils während der Fußball-WM 2010 vermittelt. Das Forschungsinteresse richtet sich dabei primär auf die Identifikation verschiedener Personen im Jungbusch mit ihrem Stadtteil, Deutschland oder dem Ursprungsland, die aus deren Verbindung zum Fußball deutlich werden soll. Diese Verbindung dient dabei als Zugang, um Identifikationsprozesse aufzudecken.

Forschungsleitende Annahme ist dabei, dass die Bewohner des Stadtteils mit Migrationshintergrund in verschiedene Identifikationsbeziehungen eingebunden sind, einerseits mit ihrem Herkunftsland oder andererseits dem Land in dem sie sich dauerhaft aufhalten. Des Weiteren steht dabei auch die Frage im Raum, in welchem Verhältnis die Identifikation mit einem regionalen Raum (Mannheim bzw. Mannheim-Jungbusch) zu einem überregionalen Raum (Deutschland) steht. Im Hintergrund spielt die Thematisierung des Fußballsports aus sportsoziologischer Sichtweise eine wichtige Rolle, da Sport zum einen als „Spiegel der Gesellschaft“ oder auch als „Gegenwelt“ bezeichnet wird, „die Raum für alternative Handlungsweisen zur sonstigen gesellschaftlichen Realität bietet bzw. den Ausgleich von Defiziten erlaubt, die dort auftauchen“ (Soeffner/Zifonun 2008: 134).

Die soziologische Relevanz des Forschungsinteresses begründet sich außerdem auf die zunehmende Multikulturalität in deutschen Großstädten, die sich oft auf bestimmte Stadtviertel konzentriert und häufiger Untersuchungsgegenstand in den Kultur- und Sozialwissenschaften ist. Wie diese Multikulturalität beispielsweise durch steigende Zuwanderung und Gentrifizierungsprozesse zu Stande kommt, kann hier nicht weiter berücksichtigt werden.

Zu dem Film „Transnationalmannschaft“, der sich hier als Untersuchungsgegenstand eignet, werden anhand der im Film vorkommenden Interviewpassagen Teiltranskriptionen erstellt, um anschließend die Aussagen der verschiedenen Charaktere zusammenfassend zu interpretieren und Bezüge zum Forschungsinteresse herzustellen.

1.1 Begriffsklärung

Um Gesellschaften zu beschreiben, die durch einen nicht zu vernachlässigenden Anteil von Personen mit Migrationshintergrund geprägt sind, werden häufig Begriffe wie multikulturell, interkulturell, oder transnational verwendet. Um den in dieser Arbeit den exemplarisch herangezogenen Mannheimer Stadtteil Jungbusch genauer beschreiben zu können, gilt es zunächst, die hier verwendeten Begriffe genauer zu beleuchten und voneinander abzugrenzen. Da sich die forschungsleitende Annahme auf Aspekte der Identifikation mit einem bestimmten Raum, also dem Stadtteil Jungbusch, bezieht, sollen auch die Begriffe Identität und Identifikation im folgenden Abschnitt begrifflich geklärt werden.

Multikulturalität, multikulturelle Gesellschaft und Interkulturalität

Multikulturalität ist ein deskriptiver Begriff, der sich vom Begriff Multikulturalismus, der normativ verwendet wird, abgrenzt:

„Es empfiehl sich, immer dann, wenn kulturelle Vielfalt, kultureller Pluralismus, cultural diversity als gegebene Wirklichkeit gemeint ist, den Begriff Multikulturalität zu verwenden - in Abgrenzung zum Multikulturalismus mit seinen politischen, pädagogischen, ideologischen Konnotationen, die im Bereich der wertenden und appellierenden Funktionen der jeweiligen Begriffsprägungen liegen“ (Mintzel 1997: 58).

Beyersdörfer (2004: 43) beschreibt Multikulturalität mit der „gleichzeitige[n] Anwesenheit vieler verschiedener kultureller Gruppen mit einer nicht zu vernachlässigenden Größenordnung“ innerhalb einer Gesellschaft. Während der Begriff Multikulturalität dabei offen lässt, ob die Gruppen in konflikthafter oder friedlicher Beziehungen zueinander stehen und ob Verbindungen zwischen den Gruppen gefördert werden sollten, betont der Begriff Interkulturalität dagegen die Kommunikation und das Miteinander zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen. Je multikultureller eine Gesellschaft ist, umso wichtiger wird damit auch die Interkulturalität (vgl. Beyersdörfer 2004: 44).

Im Gegensatz zum Begriff Multikulturalität wird der Begriff multikulturelle Gesellschaft sowohl deskriptiv als auch normativ verwendet. Im ersten Fall findet er dann Anwendung, wenn es um die empirische Beschreibung einer Gesellschaft geht und wenn in dieser Gesellschaft Multikulturalität vorliegt (vgl. a.a.O.: 49). Gogolin (2000: 165) verwendet den Begriff hier ebenfalls deskriptiv:

„Vor allem als Folge von Arbeits- und Flüchtlingsmigrationen ist die Gesellschaft dieses Landes multikulturell und vielsprachig in ihrer Gestalt, und es zeichnet sich ab, dass sich dies künftig eher verstärken als verringern wird. (…) Dieser demographische Kontext bietet den Hintergrund dafür, dass ich „multikulturelle Gesellschaft“ als rein deskriptiven Begriff auffasse, nicht als Konzept mit projektivem oder gar programmatischem Gehalt. Mit „multikulturelle Gesellschaft“ ist beschreibbar, was in demographischer Hinsicht heute Realität ist und auf lange Sicht sein wird, aber der Begriff kennzeichnet nicht, was man wünscht oder abwehren oder wie man gestalten will.“

Normativ wird der Begriff multikulturelle Gesellschaft dann verwendet, wenn beispielsweise von einer kulturellen Bereicherung oder der Vitalität einer Gesellschaft durch Zuwanderung gesprochen wird (vgl. Beyersdörfer 2004: 50).

Vorurteile und Stereotype

Wo Menschen aus verschiedenen Kulturen auf engem Raum zusammenleben und deren Alltagshandeln miteinander verschränkt ist, stellt sich die Frage nach der Wahrnehmung der kulturellen Unterschiede. Möglich ist beispielsweise, dass die eigene Kultur höher bewertet wird als die jeweils andere Kultur, oder dass Unterschiede zwischen den Kulturen zwar wahrgenommen, aber werturteilsfrei behandelt werden (vgl. Beyersdörfer 2004: 41). Vorurteile spielen dabei eine wichtige Rolle und werden von Gordon W. Allport als Antipathien definiert, „die sich auf eine fehlerhafte und starre Verallgemeinerung gründe[n]“, die „ausgedrückt oder auch nur gefühlt werden“. Sie können sich „gegen eine Gruppe als ganzes richten oder gegen ein Individuum, weil es Mitglied einer solchen Gruppe ist.“1

Vorurteile setzen also zunächst voraus, dass eine Abgrenzung stattfindet, die sich einerseits im Zugehörigkeitsgefühl zu einer (Eigen-)Gruppe und der gleichzeitigen Identifikation einer Fremdgruppe bzw. Personen, die einer Fremdgruppe zugehörig wahrgenommen werden, äußert. Vorurteile stehen in enger Verbindung mit Stereotypen und können auf diese aufbauen.

„Ein Stereotyp ist der verbale Ausdruck einer auf soziale Gruppen oder einzelne Personen als deren Mitglieder gerichteten Überzeugung. Es hat die logische Form eines Urteils, das in ungerechtfertigt vereinfachender und generalisierender Weise, mit emotional wertender Tendenz, einer Klasse von Personen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen zu- oder abspricht“ (Quasthoff 1989:39).

Stereotype können dabei die Vorstufe zu Vorurteilen bilden und dienen zunächst als fundamentale Wahrnehmungsfunktion, um Komplexität zu reduzieren und für Orientierung zu sorgen. Es handelt sich bei ihnen zunächst um kognitive Überzeugungen ohne starke emotionale Färbung, die auch auf kaum bekannte Kulturen projiziert werden und versuchen, Verbindungen zu Bekanntem herzustellen. Ein Perspektivenwechsel bei näherem Kennenlernen einer Kultur ist dabei also noch möglich. Vorurteile dagegen sind meist negative und ablehnende Annahmen gegenüber Personen, die im Voraus getroffen werden und nicht mehr angezweifelt und bereits selbstverständlich sind. Sie beinhalten eine starke emotionale Färbung und sind schwer veränderbar.2

Transnationaler Raum und Transnationalität

Der Jungbusch stellt in dieser Arbeit das Beispiel für einen transnationalen Raum dar, der sich als Folge steigender kultureller Mobilität und Migration herausgebildet hat. Ein transnationaler Ort ist dabei ein Raum, an dem die Delokalisierung mobiler Gruppen zu einem Dauerzustand und einem neuen Lebensgefühl geworden ist. Transnationalität bedeutet dabei nicht mehr einen mobilen Wechsel von einem Land zu einem anderen Land, sondern „simultane Anwesenheit“ (Soysal 2002: 341) oder „multi-connectedness“ (vgl. Soysal 1997), wobei eine Person simultan mit verschiedenen Orten zugleich verbunden ist (vgl. Baumgärtner 2009: 30f.). In einem transnationalen Raum bildet sich durch transnationale Beziehungen eine neue „soziale Wirklichkeit“ (Pries 1998: 63), die „die vorherigen sozialen Verflechtungszusammenhänge der Auswanderungsregion wie der Ankunftsregion transformieren und sich als neue Sozialräume zwischen und oberhalb dieser aufspannen“. Transnationalität soll hier als normativ positiv bewerteter Zustand verstanden werden, in dem sich eine Person zwar zu verschiedenen Orten zugehörig fühlt, jedoch auch eine hohe Identifikation mit dem Raum oder der Region, in der sie lebt, aufweist. Die regionale Identifikation fördert damit in diesem Raum ein Gruppenbewusstsein zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft und damit die Interkulturalität, also das kommunikative Miteinander. Region bezieht sich hier auf ein geographisch bestimmtes Gebiet, hier die Stadt Mannheim, das in erster Linie nicht nach administrativen Kriterien bestimmbar ist.3 Der von Ronald Robertson (1998) eingeführte Begriff der „Glokalisierung“ erscheint ebenfalls passend zur Beschreibung transnationaler Gesellschaften und bedeutet die kulturelle Abhängigkeit des Lokalen vom Globalen und die gleichzeitige Einflussnahme der lokalen Kulturpraxis auf die inhaltliche Ausgestaltung der kulturellen Globalisierung. Transnationalität kann durch diese Ergänzung als ein Emergenzphänomen gesehen werden, das eine Kultur, eine Identität und Verhaltensweisen umfasst, das nicht einfach nur auf die Summe der sie umspannenden Kulturen und nationalen Identitäten zu reduzieren ist, sondern sich durch eine ganz spezifische lokale Zusammensetzung von Kulturen und Identitäten konstatiert und damit eine neue und transnationale Identität prägt, die nicht als statisches sondern sich wandelndes Phänomen zu sehen ist.

Identität und Identifikation

Das dieser Arbeit zugrunde liegende Verständnis von Identifikation - die Literatur bietet vielfältige Definitionsmöglichkeiten an - bezieht sich auf die Beziehung zwischen einer Person zu einem Objekt, das aus einer Gruppe oder Kategorie anderer Personen besteht. Da sich das Forschungsinteresse der Arbeit auf einen bestimmten Raum, dem Stadtteil Jungbusch bezieht, wird dieser auch als ein solches Objekt behandelt. Dabei geht es nicht um eine kognitive Überzeugung, also darum, dass man einem Objekt bestimmte Eigenschaften zuschreibt, sondern darüber hinaus, dass man diese Eigenschaften auch positiv bewertet (vgl. Mühler/Opp 2006: 18f.).

Auch der Identitätsbegriff zeichnet sich durch eine gewisse Ambivalenz aus und ermöglicht verschiedene Zugänge. Als wohl bekannteste Einflussgröße in den Sozialwissenschaften zählt unter anderem Erik Erikson.

„An Erikson kommt niemand vorbei, der sich (…) mit der Frage von Identitätskonstruktionen beschäftigt. Er hat ein theoretisches Modell entworfen, an dem man sich abzuarbeiten hat. Auf den „Schultern des Riesen“ stehend, lässt sich dann gut fragen, ob seine Antworten auf die Identitätsfrage ausreichen, ob sie vor allem in den Dynamiken einer sich verändernden gesellschaftlichen Großwetterlage ihre Passform behalten oder ob sie differenziert und weiterentwickelt werden müssen (Keupp et al. 1999: 25f.).

Erikson sieht die Herausbildung einer individuellen Identität als lebenslangen Prozess, der sich in verschiedene Phasen einteilen lässt. Von besonderer Bedeutung ist für ihn dabei die Phase der Adoleszenz. In allen Phasen geht es dabei um die Bewältigung von Krisen, die identitätsfördernde Entwicklungsaufgaben darstellen. Für die Adoleszenz ist so beispielsweise der Konflikt zwischen Identität und Identitätsdiffusion ausschlaggebend (vgl. Erikson 1966).

Die Herausbildung einer kollektiven Identität steht in engem Zusammenhang mit der individuellen Identität, „denn nur die bewusste Definition des Selbst kann die Definition der Anderen in der Gesellschaft induzieren. Die kategorische Zuordnung erfolgt aufgrund von Geschlecht, Sozialschicht, Religion oder Nation einer Gruppe“ (Dimitriou/Sattlecker 2010: 285). Abgrenzungsmechanismen und Gemeinsamkeitsempfindungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Aus konstruktivistischer Perspektive4 ist Identität das Resultat sozialer Interaktionen, die durch geteilte gemeinsame Erfahrungen die Herausbildung von Gruppen mit sich bringen. Sofern also bei einer multikulturellen Gesellschaft auch von Interkulturalität, also sozialer Interaktion zwischen verschiedenen kulturellen Gruppen ausgegangen werden kann, erscheint die Annahme, dass in dieser multikulturellen Gesellschaft das Vorhandensein einer gemeinsamen kollektiven Identität wahrscheinlich ist, naheliegend. Seit den 1980er Jahren wird der Begriff Identität im Sprachgebrauch nicht mehr nur in Bezug auf Minderheiten verwendet, sondern in zunehmendem Maße auch auf Mehrheiten wie beispielsweise die Nation (vgl. Braudel 1986, Thiesse 2009: 35).

2. Theoretischer Zugang und Forschungsstand

In den Sozialwissenschaften beschäftigt sich die Migrationsforschung schon seit einigen Jahrzehnten mit der Integration von Migranten und den Problemen einer heterogenen Gesellschaft, Selbst- und Fremdwahrnehmung von Migranten und Stereotypisierungen. Zahlreiche Studien versuchen herauszufinden, was Migranten unter dem Begriff Heimat verstehen und welche Identitätsbezüge dominierend sind,5 oder wie mit der kulturellen Vielfalt umgegangen wird.6 Als geeigneter theoretischer Zugang in dieser Vielfalt an Studien beschränkt sich diese Arbeit jedoch auf die im Folgenden beschriebene Studie von Mühler und Opp aus dem Jahr 2006.

2.1 Studie von Mühler und Opp (2006)

Kurt Mühler und Karl-Dieter Opp (2006) beschäftigten sich in einer quantitativen Studie mit der „Dynamik regionaler und überregionaler Identifikation“ und stellten drei Hypothesen zur Erklärung der Identifikation mit einer Region7 auf, die hier nun kurz erläutert werden sollen:

Die Hypothese der Lebensqualität zielt auf die positiv wahrgenommenen Eigenschaften und Bewertungen der Lebensbedingungen (z.B. eine Vielzahl kultureller Einrichtungen, Bildungseinrichtungen, wenig Kriminalität etc.) der Region ab und bedeutet damit eine gewisse Zufriedenheit der Bewohner mit der Lebensqualität einer Region. Es wird dabei zwischen einer faktischen Lebensqualität, also den realen Lebensbedingungen und den evaluativen Lebensbedingungen unterschieden. Die Autoren weisen darauf hin, dass die faktischen Lebensbedingungen mittels Umfragen nicht ermittelt werden können, da es zu Fehlwahrnehmungen kommen kann. Sie beschränken sich daher auf die subjektive Wahrscheinlichkeit, dass einem Objekt (der Region) Eigenschaften zugeschrieben und diese als positiv bewertet werden und nehmen Bezug zu einer sozialpsychologischen Theorie von Martin Fishbein und Icek Ajzen (vgl. Fishbein/Ajzen 1975, Ajzen 1988, Ajzen/Fishbein 1980). „Wenn also Befragte der Meinung sind, dass einer Region mit hoher Wahrscheinlichkeit viele positiv bewertete Eigenschaften zukommen, entsteht eine starke Bindung an [die und Identifikation mit der] Region“ (Mühler/Opp 2006: 45).

Die Hypothese der Primärsozialisation ist einerseits als Alternative zur Hypothese der Lebensqualität und andererseits als Ergänzung im Sinne der Theorie von Fishbein und Ajzen denkbar. Sie nimmt an, dass Personen, die in einer bestimmten Region aufgewachsen und geboren sind, eine höhere regionale Identifikation aufweisen als Personen, die zugewandert sind. Diese erklärt sich zum einen durch positive Erlebnisse mit bzw. innerhalb der Region, dem Zusammenwirken der Eltern und regionalen Sozialisationsagenten (Kindergarten, Schule) und einem Mangel an Alternativen an anderen Identifikationsmöglichkeiten. Weiterhin nehmen die Autoren an, dass ein „Framing“ -Effekt vorliegen kann, in dem die in der Region geborenen Personen durch eine selektive Wahrnehmung nur positive Eigenschaften wahrnehmen bzw. wahrgenommene Eigenschaften als positiv bewerten (vgl. Mühler/Opp 2006: 46f.).

Die Konflikthypothese unterstellt einen positiven Effekt der Identifikation mit einer Region, wenn eine regional definierte Gruppe sich von einer anderen Gruppe (z.B. Ost-/Westdeutschland) bedroht fühlt (vgl. Mühler/Opp 2006: 47).

Als grundlegende theoretische Annahme beziehen sich die Autoren auf die Theorie von Albert Hirschmann (1970), wonach die Wahrscheinlichkeit der Abwanderung von einem Unternehmen durch Loyalität gemindert wird, auch wenn der Erfolg des Unternehmens nicht zufriedenstellend ist. Mühler und Opp setzen dabei Loyalität mit Identifikation gleich und gehen davon aus, dass diese die Kosten-Nutzenrelationen für Verhaltensweisen in Bezug auf die Region beeinflussen. In dem Sinne, in dem die Abwendung eines Unternehmens „loyalen“ Personen hohe psychische Kosten verursacht, entstehen auch durch die Abwanderung aus einer Region Kosten, wodurch Abwanderung relativ unwahrscheinlich wird. Es wird dabei zusammengefasst von einer regionalen Fokussierung ausgegangen, die sich in vier Dimensionen unterteilen lässt: Es wird dabei erstens regionenorientiertes Verhalten erwartet, das den Gebräuchen und Normen der Region entspricht (Nutzung regionaler Medien, Kauf von Produkten der Region, das Tragen bestimmter Kleidung), zweitens regionalpolitisches Verhalten, das sich in politischem Engagement zur Vermeidung unerwünschter Entwicklungen der Region zeigt, drittens wird regionale Orientierung erwartet, die sich an einem großen Interessen an den Ereignissen der Region äußert und viertens regionalzentrierte Einstellungen, die aufgrund einer hohen regionalen Identifikation zur Abwertung von Personen außerhalb dieser Region bzw. anderen Regionen führt (vgl. Mühler/Opp 2006: 48f.).

Um auch die überregionale Identifikationsebene zu berücksichtigen, haben Mühler und Opp in ihrer Untersuchung mit einem faktoriellen Survey8 herausgefunden, dass für die Zuschreibung der Eigenschaft „deutsch“ am stärksten die Staatsangehörigkeit der Eltern einer Person, gefolgt von der Beherrschung der deutschen Sprache und von dem Geburtsland abhängt. Eine geringere Bedeutung kam dabei der Staatsangehörigkeit des Ehepartners und der Wohndauer in Deutschland zu.

2.2 Dokumentarfilme und Wirklichkeit

Bereits Siegfried Kracauer (1974: 249) lädt ein, Filmen soziologische Bedeutung zuzuschreiben und sie als Spiegel unsere Realität zu betrachten. Insbesondere der Dokumentarfilm, wird hier als wichtige Quelle betrachtet, die über den Zustand einer Gesellschaft Aufschluss geben kann (vgl. Schroer 2008) und zumindest als Annäherung an die Realität zu sehen ist. Die Besonderheit von Dokumentarfilmen ist die Erwartungshaltung, dass diese Wahrheit und nicht, wie bei Spielfilmen, Fiktion darstellen. Sergej Eisenstein ist es dabei „ziemlich egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentarfilm. In einem guten Film geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit.“9 Die Darstellung von Wirklichkeit wird in der Diskussion um die Inszenierung bzw. Nicht-Inszenierung im Dokumentarfilm tatsächlich kritisch gesehen: In der Geschichte der Entwicklung des Dokumentarfilms wird beispielsweise durch dessen Verwendung zu Propagandazwecken deutlich, dass er nie ein Abbildungsmedium unverfälschter Wirklichkeit darstellte, da er sich immer bewusst auf bestimmte Aspekte der Wirklichkeit bezieht und damit andere Aspekte außen vor lässt. Eingriffe des Filmemachers durch Montage, Mittel wie eine anrührende Erzählweise, Kommentare und Musikuntermalungen sind nur einige Aspekte der möglichen Wirklichkeitsverfälschung in Dokumentarfilmen.10

Der Film Transnationalmannschaft kann als Dokumentarfilm dem Konzept des „participatory cinema“ zugeordnet werden, bei dem der Autor des Films, im Gegensatz zum „observational cinema“ nicht in Distanz und Neutralität gegenüber der dargestellten Wirklichkeit steht, sondern vielmehr der soziale und interaktive Prozess des Filmens im Vordergrund steht (vgl. Schändlinger 1998: 192). Dabei bemüht sich der Filmemacher nicht, „seine Anwesenheit und die Interaktion mit den dargestellten Personen zu verbergen“ (ebd.). Daraus ergibt sich jedoch auch, dass der Zuschauer nach der Rolle des Filmemachers und dem Verhältnis zu den dargestellten Personen fragt. Der Filmemacher wird so als sozial Handelnder wahrgenommen (vgl. a.a.O.: 193).

2.3 Identitätsstiftende Wirkung von Fußball

In den Sozialwissenschaften wird Sport als zentraler Teilbereich moderner Gesellschaften bezeichnet (vgl. z.B. Plessner 1985). Sport zeichnet sich dabei besonders als Bereich aus, in dem neben der Arbeitswelt intensiver zwischenmenschlicher Kontakt zwischen Einheimischen und Migranten möglich ist, wobei dieser zum einen auf aktive Sport treibende Weise oder als passive Zuschauerbeteiligung (rezeptiv) zu Stande kommen kann (vgl. Soeffner/Zifonun 2008: 134). Wie bereits erwähnt, wird Sport so auch als „Gegenwelt“ bezeichnet, die als sekundärer Wirklichkeitsbereich beispielsweise der Arbeit, als weiterem gesellschaftlichem Teilbereich gegenübersteht. Besonders wenn es sich um organisierten Sport handelt, stehen bürokratische Organisiertheit und Institutionen in Kombination mit einer emotionalen Vergemeinschaftung und sozialer Nähe. Die starke Binnendifferenzierung des Sports, alleine schon durch die Vielzahl von Dokumentarfilmen ist die Erwartungshaltung, dass diese Wahrheit und nicht, wie bei Spielfilmen, Fiktion darstellen.

[...]


1 Zitiert nach: Mintzel 1997: 197.

2 Vgl. http://www.transkulturelles-portal.com/index.php/6/61#4, Zugriff am 11.03.2012.

3 Siehe dazu die Untersuchungen von Lilli und Diehl (1999), hier: 105.

4 Siehe dazu bspw. Goffman 1959 und 1963.

5 Siehe dazu beispielsweise der Sammelband von Sauer und Held (2009), der einen Überblick über eine Auswahl an Studien zu diesem Feld vermittelt.

6 Zum Umgang von Schülern und Schülerinnen mit kultureller Vielfalt siehe beispielsweise Schlickum 2010.

7 Der Begriff der Region bezieht sich in der vorliegenden Arbeit auf die Stadt Mannheim, es wird davon ausgegangen, dass der regionale Bezug einer Person in starkem Zusammenhang mit dem Bezug zu dem Stadtteil, in dem die Person wohnt steht und dieser den selben Wirkungsmechanismen unterliegt, die Mühler und Opp in Bezug auf die Region vorschlagen.

8 Befragt wurden im Rahmen einer Panelbefragung in der dritten Welle 579 Personen (vgl. Mühler/Opp 2006: 31).

9 Zitat von Sergej Eisenstein (1898-1948) in einer Unterhaltung mit Dziga Vertov 1925.

10 Siehe dazu: http://www.kinofenster.de/film-des-monats/archiv-film-des-monats/kf0711/wie_wirklich_ist_die_wirklichkeit/ (Zugriff am 17.02.2012).

Details

Seiten
34
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656228981
ISBN (Buch)
9783656229575
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v196894
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Identität Transnationalität Fußball Mannheim Jungbusch Migration

Autor

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Titel: Identitätsbezüge im Mannheimer Stadtteil Jungbusch am Beispiel des Films „Transnationalmannschaft“ (2010)