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Zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Satire-Romans „Der Untertan“ von Heinrich Mann

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Untersuchungen zum satirischen Charakter des Romans

3. Untersuchungen zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vergleicht man die Exposition des Romans „Der Untertan“, in der Diederich Heßling als „weiches Kind“1 bezeichnet wird, das eher Träumer als Entdecker, eher furchtvoll als gefürchtet ist, mit seinem Ende, an dem Generaldirektor Doktor Heßling mit Spitzbart und blitzenden Augen den alten Buck, als habe der den „Teufel gesehen“2, zu Tode erschreckt, kommt man nicht umhin zu fragen, wie aus dem Einen das Andere geworden ist. Wer war dieser „neudeutsche Machtprotz“3, der neuerdings aus allen Ecken hervorsprang?

Die Handlung im „Untertan“ folgt den Linien eines Entwicklungsromans - in der Literatur findet man auch oftmals die Bezeichnung des „Miß-Bildungs- roman[s]“4. Denn erzählt wird eine Erfolgsgeschichte. Sie zeigt den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg eines Durchschnittsbürgers der wilhelminischen Zeit, eines Drückebergers, dessen Chauvinismus und Opportunismus auf die Spitze getrieben scheint, eines Untertanen, der kein Einzelbeispiel ist, sondern stellvertretend für eine ganze Gesellschaft steht. Der Roman gilt als „umfassende Kritik des Wilhelminismus“5, der auf ironische Weise dem zeitgenössischen Leser den Spiegel vor das Gesicht hält.

Auch heute hat der „Untertan“ kaum an Aktualität verloren. Diese Arbeit hat die Wirkungsgeschichte des Romans zum Gegenstand und untersucht dabei zum einen dessen satirischen Charakter, zum anderen wirft sie einen Blick auf die Literaturkritik und ihre durchaus konträren Meinungen zum Werk. Dabei sollen sowohl zeitgenössische Stimmen als auch spätere Kritiker zu Wort kommen, um danach zu fragen, inwiefern die Bewertung eines Textes sich im Laufe der Zeit verändert, wie ein Text aktualisiert, politisiert oder auch ignoriert wird. Literatur ist ein soziales Gefüge von Autor, Text und Leser und unterliegt dem historischen Wandel von Kommunikation6. Hinzu kommt die entscheidende Rolle der jeweiligen Zeiträume - die Lebenszeit des Autors, die erzählte Zeit des Werkes und der zu einer bestimmten Zeit lebende Leser, somit die ständige Verschiebung von Zeiträumen zueinander, die das Dargestellte immer in einem jeweils anderen Licht erscheinen lassen und bestimmen, wie ein Text in seinem zeitlichen Kontext verstanden wird. Abschließend stellt sich somit die Frage nach der Aktualität von Texten - was macht einen literarischen Text aktuell, was lässt ihn uns vergessen?

2. Untersuchungen zum satirischen Charakter des Romans

„Die Satire weist in kritischer Absicht auf eine von ihr gemeinten Wirklichkeit als von einer Norm markant abstechend bzw. hinter ihr zurückbleibend hin. (…) Satire hat die ursprüngliche Intention der Einsicht und Besserung (…). Statt Verfehlungen und Abweichungen von etablierten Normensystemen macht die Satire in der Moderne (…) diese Normensysteme selbst zur Zielscheibe ihres Spotts.“7

Geht man von dieser aktuellen Definition des Metzler Literaturlexikons aus, so kann „Der Untertan“ durchaus als moderne Satire verstanden werden. Der zu beklagende Zustand ist kein spezieller, sondern ein allgegenwärtiger, die ganze Breite der Gesellschaft treffende. Es handelt sich, so der vorläufige Untertitel, um eine „Geschichte der öffentlichen Seele unter Wilhelm II“8. Es geht somit um eine Grundsatzkritik des gesamten öffentlichen Lebens in der Zeit des Wilhel- minismus. Unausweichlich ist dabei auch die Einbeziehung des eigenen Lese- publikums. Der Roman ist für das Bürgertum geschrieben und macht dieses gleichsam zu seinem Sujet. Auch wenn das Werk erst vier Jahre nach seiner Fertigstellung erschien, erreichte es den Adressaten - das von den Nachkriegs- wehen erschütterte (Bildungs-)Bürgertum. Aufgrund der verspäteten Veröffent- lichung konnte die Satire ihrem Zweck einer Einsicht und Besserung nicht mehr gerecht werden. Auch Lösungsvorschläge gibt der Roman nicht. Wie konnte er auch? Er ist eine Zustandsbeschreibung des Übergangs, des Umschwungs. Wohin die Entwicklung lief, wusste man nicht. Das Buch und dessen unheilvollen Ausgang, vom jetzigen Standpunkt betrachtet, als hellseherisch zu bezeichnen, ist sehr einfach. Man möge sich jedoch Heinrich Mann nach der Fertigstellung des „Untertan“ vorstellen, unwissend, wie der Krieg ausgeht und gleichzeitig wissend, dass, sollte Deutschland den Krieg gewinnen, seine Karriere als Schriftsteller beendet ist. Die lange Bearbeitungszeit von acht Jahren (1906 - 1914) lässt jedoch vermuten, dass Mann sich seiner Sache sehr sicher war. Den Kritikern, die sich nach dem Erscheinen des Romans die Mäuler zerrissen hatten, begegnet Mann sehr gelassen. Mehr noch: Er macht sich von jeglicher Verantwortung als Autor frei, indem er anmerkt:

“[D]enn schon damals entfaltete der Typ des kaiserlichen Deutschen seine Eigenheiten bis zu einer betörenden Parodie. Was er parodierte? Er selbst, nicht erst der Verfasser seiner Lebensgeschichte, parodierte den nationalen Stolz und das männliche Selbstbewußtsein (…) die Furchtbarkeit der Macht (…) ihre drohende Maske in Politik, Geschäft und überall (…) den weltbeherrschenden Machtwillen. Selbst ohne Verantwortung und offene Mitentscheidung, parodierte der Typ des Untertans wahrhaftig die Macht.“9

Mann selbst stellt sich hier als reinen Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse dar. Er brauchte, so scheint es, lediglich das Geschehen zu dokumentieren und konnte, ohne zu fingieren, seine Charaktere nach tatsäch- lichem Maß handeln lassen, um sie von selbst Satire spielen zu lassen. Kurt Tucholsky spricht hier zustimmend von einer „bescheidene[n] Fotografie“, die „in Wahrheit (…) viel schlimmer“10 ist. Und weiter kommentiert Kurt Wolff, der Verleger des „Untertan“, im Jahre 1916, es sei der „Anfang dessen, was ich immer suchte: der deutsche Roman der Nach-Gründer-Zeit (…), der Anfang einer Fixierung deutscher Zustände“11. Die Äußerungen stimmen darin überein, dass sie vom „Untertan“ als einem abbildenden, dokumentierenden literarischen Text, einem realistischen Roman reden (als was er bekanntlich auch heute gilt), der zugleich „Chronik, Handbuch, Lehrbuch, Geschichts- und Geschichtenbuch“12 ist. Die sozialen und gesellschaftlichen Zustände (die Spießbürgerei, die Drücke- bergerei, das Chauvinistentum etc.) sind, glaubt man dem Autor und seinen Befürwortern, nicht zugespitzt dargestellt, sondern waren in sich bereits verkommen.

Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, wie der satirisch-herablassende Grundton des Romans entsteht und durch welche Mittel der Leser erkennt, dass es sich um einen kritischen Text handelt. „Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen“13, stellt Diederich Heßling in seiner ersten Ansprache vor den Druckereiarbeitern klar. Selbst der heutige Leser, der ohne gründliche Recherche nicht weiß, dass es sich hierbei um einen authentischen Ausspruch Kaiser Wilhlems II. hält, stutzt bei so viel Theatralik. Die überschwänglichen Reden Wilhelms II., klingen aus dem Munde seines Untergebenen aufgebläht und lächerlich. Als Heßling als Kläger in der Gerichtsverhandlung wegen Majestäts- beleidigung seine Zeugenaussage machen soll, nutzt er die Gelegenheit, um sich in hohen Tönen über Deutschtum, Ehre und Moral zu ergehen. Er rechtfertigt seine Klägerschaft mit weiteren Kaiserworten: „Der uneigennützige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein Vorrecht des Deutschen“14. Auch hier klingen Heßlings Worte übertrieben, zumal er anfänglich gar nicht aussagen will und Jadassohn ihn dazu zwingen muss. Heinrich Mann benutzt eine Fülle an Kaiser- Zitaten aus unterschiedlichen Reden und verarbeitet diese in Form einer Zitatmontage15 in den Reden Heßlings. Doch nicht nur durch die Sprache versucht Heßling seinen Kaiser zu imitieren. Bereits zum Ende des zweiten Kapitels lässt er sich den Schnurrbart zu kaiserlichen rechten Winkeln formen und blitzt fortan stetig mit den Augen, ganz dem Vorbild folgend oder, um es mit den Worten Ernst Blochs zu sagen:

„Ein einziges Protzentum ist die Oberschicht selber geworden, ein grundfalsches, mit Wilhelm II. an der Spitze. Hei, wie das rasselt, wie das blitzt, wenn Roß und Reiter zu Pferde sitzt.“16

Die ironisch-satirische Wirkung entsteht, indem Heßling die prunkvollen, kaiserlichen Worte in das kleinstädtische Milieu transportiert und dadurch das vermeintlich Gewichtige in belanglose Kleinigkeiten und übersteigerte Wichtig- tuerei überführt.

[...]


1 Mann, Thomas, Der Untertan , Berlin 1953, S. 5.

2 Ebd., S. 457.

3 Bloch, Ernst, Der bl ü hende Spießer, 1911, in: Emmerich, Wolfgang, Heinrich Mann: „ Der Untertan “ , München 1993, S. 7.

4 Ebd., S. 29.

5 Werner, Renate (Hrsg.), Heinrich Mann: Texte zu seiner Wirkungsgeschichte in Deutschland , Tübingen 1977, S. 91.

6 Vgl. Emmerich, 1993, S. 117.

7 Burdorf, Dieter, Fasbender, Christoph, Moenninghoff, Burkhard (Hrsg.), Metzler Lexikon Literatur , Stuttgart 2007, S. 677ff.

8 Riha, Karl, » Dem B ü rger fliegt vom spitzen Kopf der Hut « . Zur Struktur des satirischen Romans bei Heinrich Mann , in: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.), Text und Kritik - Heinrich Mann , München 1986, S. 50.

9 Mann, Heinrich, Vorwort zur neuen Ausgabe , Berlin 1929, in: Emmerich, 1993, S. 120f.

10 Tucholsky, Kurt, Mit Rute und Peitsche durch Preußen-Deutschland , 1927, in: Werner, 1977, S. 113.

11 Wolff, Kurt, Briefwechsel eines Verlegers 1911-1963 , Frankfurt/M. 1966, in: Emmerich,1993, S. 125f.

12 Emmerich, 1993, S. 9.

13 Mann, 1953, S. 100.

14 Ebd., S. 219.

15 Vgl. Vogt, Jochen, Diederich Heßlings autoritärer Charakter. Sozialpsychologisches im » Untertan « , in: Arnold, 1986, S. 70ff.

16 Bloch, Ernst, 1911, in: Emmerich, 1993, S. 7.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656230205
ISBN (Buch)
9783656231820
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197021
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Schlagworte
rezeptions- wirkungsgeschichte satire-romans untertan heinrich mann

Autor

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Titel: Zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Satire-Romans „Der Untertan“ von Heinrich Mann