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Zur Kritik an Lebensstil-Typologien

Seminararbeit 2012 14 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lebensstil-Typologien
2.1. Das Lebensstil-Konzept von Hartmut Lüdtke
2.2. Das Milieu-Konzept von Gerhard Schulze
2.3. Der Beitrag von Werner Georg

3. Kritik an Lebensstil-Typologien
3.1. Erklärungskraft
3.2. Theoriedefizit
3.3. Tautologie-Gefahr
3.4. Operationalisierung

4. Diskussion

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Diskussion im Ulrich Becks Individualisierungsthese in den 1980er-Jahren hat zu einem Umdenken in der Ungleichheitsforschung geführt. Vor allem in Deutschland wurden darauf- hin viele Studien durchgeführt, die neben der „meritokratischen Triade“ (Einkommen, Bil- dung Beruf - die klassischen Schichtdeterminanten) verstärkt „horizontale“ Faktoren wie Freizeitaktivitäten, Alter, Geschlecht oder Selbststilisierung berücksichtigten. Die meisten Lebensstil- und Milieu-Ansätze verstehen sich als Alternative zu Schicht-Theorien und sehen individuelle Einstellungen und Verhaltensweisen als die heute wichtigeren Determinanten der gesellschaftlichen Positionierung an. Begründet wird dies meistens damit, dass heute auf- grund der Bildungsexpansion, gestiegener Freizeit, größerer gesellschaftlicher und räumlicher Mobilität sowie staatlichen Sicherungssystemen die berufliche Stellung als weniger zentral für Identitätsbildung und Abgrenzung gegenüber anderen angesehen wird.

Bereits Anfang der 1980er-Jahre legte das Marktforschungs-Institut SINUS seine Milieu-Ty- pologie vor, die seitdem fortwährend weiterentwickelt und aktualisiert wurde. Erste soziologische Lebensstil-Studien stammen von Hartmut Lüdtke (1989) und Gerhard Schulze (1992). Eine spätere Studie, die kritisch an die genannten Untersuchungen anknüpft, wurde 1998 von Werner Georg angefertigt. Die Abgrenzung zu Lebenslage-Konzepten - wie etwa der von Stefan Hradil - ist nicht immer ganz leicht. Jedoch arbeiten Lebensstil-Untersuchungen im Gegensatz dazu verstärkt mit typologischen Mustern, die mittels Clusteranalysen berechnet und in umfangreichen Beschreibungen definiert werden.

Diese Herangehensweise steht immer mehr in der Kritik. In dieser Hausarbeit sollen die ge- nannten Lebensstil-Typologien jeweils kurz vorgestellt werden, daraufhin wird etwas ausführ- licher auf die kritische Rezeption eingegangen. Es soll gezeigt werden, dass Lebensstil-Typo- logien oft theoretische Defizite aufweisen, außerdem finden sich in vielen Studien methodi- sche Unsauberkeiten. Es stellt sich weiterhin die Frage, ob eine solche Klassifikation die nöti- ge Erklärungskraft besitzt, um für die Erkl ä rung soziologischer Fragestellungen nützlich zu sein. Abschließend sollen die gewonnen Erkenntnisse diskutiert und Vorschläge formuliert werden.

2. Lebensstil-Typologien

2.1. Das Lebensstilkonzept von Hartmut Lüdtke

Im Anschluss an die Individualisierungsdebatte war Hartmut Lüdtke 1989 einer der ersten, der eine größere soziologische Studie zu Lebensstilen durchführte und eine entsprechende Typologie anfertigte. Zusammen mit Studenten befragte er 98 Personen in Hessen zu ihrer sozioökonomischen Situation, ihrem Freizeitverhalten und symbolisch-expressiven Dimensionen wie Wohnungseinrichtung, Kleidung usw. Lüdtke selbst gibt zu, dass die Stichprobe „wegen der kleinen Fallzahl nicht als repräsentativ für die entsprechende westdeutsche Altersgruppe gelten kann“ (Lüdtke 1989: 107), sie sei außerdem eine „Mischung aus regionaler Zufallsauswahl und willkürlicher Auswahl“ (Lüdtke 1989: 107).

Trotzdem schreckt er nicht davor zurück, seine Erkenntnisse mittels einer iterativen Clusteranalyse in eine Typologie mit zwölf Lebensstiltypen zu transformieren (vgl. Lüdtke 1989: 110ff.). Als Indikator für die Cluster fallen Bildung, Einkommen und Beruf weg, Objektausstattung des Haushalts und Wohnungsausstattung erfassen den sozioökonomischen Status nur indirekt. Er nummeriert die zwölf Lebensstile lediglich und erfindet keine klassifikatorischen Bezeichnungen, womit Stereotypisierungen zunächst vermieden werden, die Erfassung der Typologie für den Leser jedoch etwas umständlicher wird.

Lüdtke erkennt innerhalb seiner Klassifikation Überschneidungen und problematisiert die Additivität der Variablen (Lüdtke 1989: 117). Er schlägt vor, die Variablen Alter, Geschlecht, Haushaltsstruktur, Kapitalausstattung (auf ökonomischer, kultureller und sozialer Ebene) und Statusinkonsistenz als Kontextbedingungen, die unterschiedlich starken Einfluss auf die Herausbildung des Lebensstils ausüben, zu untersuchen (Lüdtke 1989: 117f.)

Lüdtke grenzt sich explizit von Bourdieu ab und kritisiert dessen Habitus-Konzept als „Hand- lungsdisposition der Person aus der Perspektive materialistischer Determiniertheit“ (Lüdtke 1989: 154). Er trennt analytisch zwischen Situations-, Performanz- und Mentalitätsvariablen und betont deren gegenseitige Unabhängigkeit. Georg fasst Lüdtkes theoretisches Konzept wie folgt zusammen:

»Der Prozeß der Habitualisierung und der Herausbildung von Alltagsroutinen ist […] das handlungstheoretische Kernstück von Lüdtkes Lebensstilansatz, der es erlaubt, die mecha- nistischen und ökonomistischen Schwächen des klassischen Rational-Choice-Ansatzes zu überwinden und Prozesse der subjektiven, teilweise unbewußten Bildung bewährter Hand- lungsmuster für die Analyse von Lebesstilen fruchtbar zu machen.« (Georg 1998: 76f.)

Bei Lüdtke bildet sich der Lebensstil also im alltäglichen, unterbewussten und routinemäßigen Handeln heraus und ist alles andere als strukturdeterminiert.

Diese individuumzentrierte Herangehensweise hat jedoch ihre Tücken. So stellt Georg nach umfangreichen Berechnungen fest, dass Lüdtkes Diskriminanzanalysen für die Vorhersagbarkeit einzelner Merkmale keine sehr guten Ergebnisse liefern:

»Dabei wurden jedoch selbst im besten Modell (ökonomisches und kulturelles Kapital) nur 33.7% aller Fälle aufgrund der Diskriminanzfunktionen den richtigen Clustern zugeordnet, ein Befund, der auf eine eher bescheidene prädikative Bedeutung der sozialen Kontextmerkmale für die Lebensstilzugehörigkeit hinweist.« (Georg 1998: 106)

Zwar fasst Lüdtke die Individuen mit den größten Ähnlichkeiten in Clustern zusammen, doch Georgs Analyse zeigt, dass diese Ähnlichkeiten nicht sehr groß sind. Wie Hartmann anmerkt, ergaben sich in späteren Studien Lüdtkes sogar „ganz unterschiedliche Typen, so daß Lüdtke […] in einem nächsten Schritt genötigt war, Meta-Analysen seiner eigenen Ergebnisse in Hinblick auf studienübergreifende Ähnlichkeiten […] durchzuführen“ (Hartmann 1999: 112).

2.2. Das Milieukonzept von Gerhard Schulze

1992 legte Gerhard Schulze mit seiner „Erlebnisgesellschaft“ eine deutlich umfangreichere und auch theoretisch besser bestückte Lebensstilstudie vor. Im Gegensatz zu Lüdtke betont Schulze „apriorische, der sozialen Wahrnehmung vorgängige Kategorien“ (Georg 1998: 94). Dadurch wird der Lebensstil in seinem Konzept stabiler und strukturabhängiger.

Schulze befragte mit rund 1000 Personen zwar deutlich mehr als Lüdtke, doch auch seine Stichprobe war regional beschränkt, in diesem Fall auf die Stadt Nürnberg. Dies begründet er damit, dass sich alltagsästhetische Schemata nur im Verhältnis zu lokalen Gegebenheiten entwickelten und jede derartige Untersuchung ohne lokalen Kontext einen wesentlichen Bereich ausklammere (vgl. Schulze 1992: 90).

Zunächst definiert Schulze drei alltagsästhetische Schemata: das Hochkulturschema, das Tri- vialschema und das Spannungsschema. Diese Schemata seien keine typologischen Variablen, sondern „kontinuierliche Dimensionen in einem dimensionalen Raum der Alltagsästhetik“ (Schulze 1992: 126). Diese Schemata seien nicht exklusiv zu sehen, sondern als vom Individuum durchaus kombinierbar (Schulze 1992: 157). Sie werden anhand der Faktoren Genuss, Distinktion und Lebensphilosophie definiert (vgl. Schulze 1992: 141ff.).

Anschließend benennt Schulze mittels Faktoren- und Korrespondenzanalysen fünf Milieus (Niveaumilieu, Hamoniemilieu, Ingetrationsmilieu, Selbstverwirklichungsmilieu und Unter- haltungsmilieu), die er als „Wissensgemeinschaften“ (Schulze 1992: 267f.) sieht, die sich „durch […] erhöhte Binnenkommunikation voneinander abheben“ (Schulze 1992: 174). Da- mit unterscheiden sie sich von Großgruppen, die als bloße Aggregate auf Basis bestimmter Merkmale bestehen. Schulze definiert die Milieus anhand subjektiver (alltagsästhetische Schemata, Persönlichkeit und Wertvorstellungen) und situativer Faktoren (Lebensalter, Bil- dung, Familienstand, Haushaltsstruktur, Teilnahme am Erwerbsleben, Wohnsituation usw.). (vgl. Schulze 1992: 277).

Georg merkt zu Schulzes Milieutypologie an:

»Für jedes der fünf Milieus finden sich Schwerpunkte spezifischer Berufsgruppen und die Merkmale der beruflichen Tätigkeit […] sowie der Berufsstatus […] sind stark mit der Mi- lieuzugehörigkeit assoziiert. Offensichtlich sind die beschriebenen Milieus also an konkrete sozialstrukturelle Voraussetzungen und Ressourcen gebunden, ein Tatbestand, der die von Schulze unterstellte 'Wahl' im Rahmen der 'psychophysischen Semantik' relativiert.« (Georg 1998: 89)

Er spielt damit auf Schulzes Gedanken an, dass jeder über eine Art „Pool“ an gesammelten, selbst erlebten oder wahrgenommenen Ereignissen verfügt, und dass sich daraus Bedürfnisse und Handlungsentwürfe ergeben würden. Georg erkennt, dass diese vermeintliche Wahl nicht alleine die Milieuzugehörigkeit bestimmt und die Milieugruppen nicht zufällig ähnliche Vorlieben haben, sondern dass Beruf, Einkommen und Bildung einen wesentlichen Teil der Milieuzugehörigkeit erklären. Außerdem bezeichnet er Schulzes Einteilung in lediglich fünf Milieus als „holzschnittartig“ (Georg 1998: 162) und stellt vor allem beim Selbstverwirklichungsmilieu eine hohe interne Heterogenität fest (Georg 1998: 162).

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Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656235552
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197397
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
kritik lebensstil-typologien

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