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Die Ästhetik als Ethik der Repräsentation

Wahrnehmungsgrenzen der Shoah (Holocaust)

Seminararbeit 2009 12 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Was ist Geschichte?

2. Die Shoah im Film

3. Vergleich zweier Extreme Steven Spielbergs Shindler's List und Claude Lanzmanns Shoah

4. Conclusio

5. Bibliographie

1. Einleitung

Was ist Geschichte?

„History is not just whats past, but what is being past on…“1, lautet die Einleitung Thomas Elsaessers zu seinem Text Subject Positions, Speaking Positions. Geschichte ist also nicht nur als das zu definieren, was geschehen ist, sondern als jener Bereich, der überliefert wurde. Dabei spielt aber nicht nur das weitergegebene Material eine Rolle, sondern auch der meist variierende Blickwinkel, von dem aus die Geschehnisse der Vergangenheit betrachtet werden. Erst die Überlieferung und Auseinandersetzung einer Gesellschaft formt die Geschehnisse zur Geschichte und somit zu einem Teil des kollektiven Bewusstseins. Da sich die verschiedenen Völker und Nationen unter anderem über ihre Geschichte identifizieren, spielt dieser Aspekt keine unbedeutende Rolle. In verschiedenen Kulturen formen sich jeweils andere Zugänge und Blickwinkel in Bezug auf historische Ereignisse, was deren Variation unvermeidbar macht. Seit seiner Entstehung leisten Film und Fernsehen einen entscheidenden Beitrag zur Geschichte der Menschheit, sowohl im historischen (zum Beispiel zur Archivierung oder als Beweismaterial), als auch im historisierenden Aspekt. Insbesondere durch dokumentarische oder dokudramatische Repräsentation führt die Auffassung und Interpretation auf soziokultureller Ebene, zur Identifikation der Kultur einer Nation mit dem Geschehenen.

Film und Fernsehen wird dabei nicht nur zur Aufarbeitung historischer Elemente verwendet sondern nimmt auch Anteil am persönlichen Erleben von Zeitgeschichte einzelner Individuen. So werden bahnbrechende Ereignisse der letzten Jahrzehnte, wie etwa der Mondlandung Armstrongs 1969 oder die Terroranschläge am 11. September 2001, unweigerlich mit den an diesem Tag gesehenen Bildern im Fernsehen in Verbindung gebracht. Dieser Umstand führt dazu, dass viele unterschiedliche Ansichten und Erinnerungen zu einer Gemeinsamen verschmelzen und somit die persönliche Erinnerung von der allgemeinen Geschichte abgelöst wird.

Der kulturelle Beitrag audiovisueller Medien beschränkt sich nicht ausschließlich auf die Erinnerung. Sie übernehmen auch einen Großteil emotionaler Aufgabenbereiche, wie Reue, Trauer, Entstehung und Entwicklung von Mythen und anderer, die eng mit der Tradition und Kultur eines Volkes verknüpft sind. Im Rahmen dieser These wird den Massenmedien also eine große Verantwortung auferlegt, was zu stark umstrittenen und polarisierenden Effekten in Hinblick auf die Bearbeitung sensibler Themen, führen kann. Aber werden dabei die Grenzen - sofern vorhanden - gezogen? Wie weit kann man gehen und was kann man bei der „Bearbeitung sensibler Themen“ zeigen, ohne dabei verletzend oder gar diffamierend zu werden?

2. Die Shoah im Film

Bei wohl kaum einem anderen Ereignis war der Einfluss von Film und TV auf die Erarbeitung und Bewältigung tragender, als bei der Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland und dessen Verbrechen.

„Zugleich deuten Ergebnisse der Rezeptionsforschung (z.B. in den Studien der Forschungsgruppe Harald Welzers in Hannover) darauf hin, dass die Tradierung von Geschichtsbildern und historischen Narrativen in Bezug auf „Auschwitz" in ganz entscheidender Weise von Spielfilmen geprägt wird. Und, dass historisches und kulturelles „Wissen" über den Holocaust mit der Zeit die Gestalt populärer Mythen annimmt.“2

Dabei stellte sich nach Ende des Krieges die Frage, ob die Shoah in Einzigartigkeit und Ausmaß überhaupt filmisch repräsentierbar sei. Denn bei der bildlichen Darstellung historischer Fakten ist man vor Allem mit zwei zentralen Problemen konfrontiert, die bei einem derart monströsen Verbrechen, wie dem Holocaust, besonders zu tragen kommen:

Einerseits sollte (oder es wird zumindest versucht) das Bild als Symbol für das ganze stehen, da man klarerweise ein geschichtliches Ereignis nicht in ein einzelnes Bild oder Film packen kann. Deshalb stellt dieser nur einen Teil dar, wobei der Rest vom Betrachter entweder Hintergrundinformationen, Erfahrung oder kreative Imagination verlangt. Wie kann aber ein Film repräsentativ für das Ausmaß an Unmenschlichkeit und Brutalität von '33-'45 wirken? Abgesehen von den technischen Hindernissen, die diese Frage impliziert, führt eine derartige Herausforderung unweigerlich zu Kontroversen in Hinblick auf das ethische und moralische Bewusstsein einer Gesellschaft und verlangt weiters nicht einschätzbare Sensibilität des Erschaffers, um die Würde der Opfer zu wahren.

Zweitens beruht beruht die Verfilmung zwar auf historischen Ereignissen, allerdings muss, sofern es sich um einen Spielfilm handelt, aus Gründen der Erzählstruktur, stets ein Teilbereich fiktionalisiert werden. Der daraus entstehende „fiktionale Realismus“ versucht Vorstellungsgrenzen zu überwinden, indem er erfundene Details in einen wahrhaftigen Kontext setzt und somit ein unverfälschtes Bild der historischen Hintergründe vermitteln zu können. Das hat zur Folge, dass das geschichtliche Vorwissen der Zuseher sehr leicht verzerrt werden kann.

Gertrud Koch schrieb diesbezüglich:

„Im Falle des Holocaust erscheint es geradezu zu einem besonderen Problem zu werden, daß das bereits Gewußte fiktional verdünnt werden könnte. Wenn im Medium Fiktion das Verstehen dem Wissen übergeordnet wird, dann mag das ganze Referenzsystem bedroht sein.“3

In den ersten Jahrzehnten nach der Befreiung Europas konzentrierte sich die deutsche Filmlandschaft hauptsächlich auf dokumentarische Arbeiten, die mehr oder minder akribisch versuchten die Verbrechen der Vergangenheit mit Zahlen und Fakten wiederzugeben. Ein Großteil der deutschen FilmemacherInnen widersetzte sich der Idee, Faschismus im Spielfilm zu kontextualisieren, weshalb ihre Geschichte erst spät Einfluss in die fiktionalisierte Realität des bewegten Bildes fand. Dies spiegelte sich in einer (west-)deutschen Gesellschaft wider, die sich zwar ihrer Verbrechen bewusst wurde, allerdings die emotional-menschliche Ebene außer Acht ließ, wenn es darum ging sich über die Bedeutung des tatsächlichen Leids der einzelnen Opfer dieser Schreckensherrschaft Gedanken zu machen.

Das änderte sich schlagartig, als im Jahr 1978 die US-produzierte Fernsehfilmreihe Holocaust im westdeutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Diese Serie beruhte auf dem Konzept, die fiktive Familie Weiß repräsentativ für die Opfer des Naziregimes darzustellen, um somit das Leid eines Judern bzw. einer jüdischen Familie zur Zeit des Nationalsozialismus verständlich zu machen. Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus nach klassischer, emotionsgeladener Hollywood-Art löste Reaktionen undenkbarer Größe in der europäischen Filmlandschaft und der deutschen Gesellschaft aus:

„An American televison series … accomplished what hundreds of books, plays films and television programs, thousands of documents and all the concentration camp trials have failed to do in the more than three decades since the end of the war: to inform Germans about crimes against Jews committed in their name, so that millions were emotionally touched and moved.“4

Doch nicht nur Scham, Reue oder Gewissensbisse unter den deutschen Zusehern waren die Folgen der Serie, sondern auch Empörung von Seiten deutscher Filmemacher und Schriftsteller, die Holocaust nicht unkritisiert lassen wollten. Hauptkritikpunkte waren „Trivialisierung und peinliche Sentimentalisierung, die das Unzeigbare zeigten und das Unvorstellbare vorstellten“5. Seitens der deutschen Regisseure gab es zu dieser Zeit wenig Verständnis für eine fiktionale Inszenierung der Shoah. Elie Wiesel, ein US-amerikanischer Schriftsteller und Überlebender des Holocausts, meinte damals, dass die Filmreihe eine „Beleidigung für die, die umkamen, und für die, die überlebten“6 sei.

Im Zuge dieser Debatte stellt sich aber die Frage, ob die Deutschen und Österreicher überhaupt eine US-Inszenierung einer fiktiven Familie brauchten, um das Leid der Juden unter den Nazis verstehen zu können.

[...]


1 Elsaesser, Thomas. Subject positions, speaking positions. in: Sobchack, Vivian [Hrsg.]: The persistence of history, S. 145

2 http://www.fritz-bauer-institut.de/projekte/holocaust-vorstellungen.htm

3 Koch, Gertrud. Bruchlinien, S. 301

4 Elsaesser, Thomas. Subject positions, speaking positions. in: Sobchack, Vivian [Hrsg.]: The persistence of history, S.159

5 Frei übersetzt nach Elsaesser, Thomas. Subject positions, speaking positions. in: Sobchack, Vivian [Hrsg.]: The persistence of history, S. 159

6 Reichel, Peter. Erfundene Erinnerung, S. 253

Details

Seiten
12
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656236122
ISBN (Buch)
9783656236146
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197448
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Note
2
Schlagworte
ästhetik ethik repräsentation wahrnehmungsgrenzen shoah holocaust

Autor

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Titel: Die Ästhetik als Ethik der Repräsentation