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Erziehungswissenschaftliche Biographieforschung

Forschungsarbeit 2012 34 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Erziehungswissenschaftliche Überlegungen - Einbettung in die Biographieforschung..
2.1 Definition der Biographieforschung und ihre (historischen) Inhalte.
2.2 Die Forschungsfelder der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung
2.3 Die Forschungsstände der pädagogischen Biographieforschung

3. Methodologie und Kriterien qualitativer erziehungswissen- schaftlicher Biographieforschung

4. Ausblick..

5. Literaturverzeichnis..

6. Anhang

Leitgedanke

Der Ausgangspunkt der Biographieforschung liegt nicht im Handlungsbedarf einer Praxis auch nicht im Konzeptangebot einer Theorie, sondern in der me- thodischen Erschließung eines bestimmten empiri- schen Materials als Quelle für pädagogisch relevan- te Erkenntnisse. Bei diesem Material handelt es sich um Äußerungen - vornehmlich sprachliche, mündli- che oder schriftliche- , in denen Menschen in be- stimmten Situationen und Zusammenhängen etwas über sich selbst, über ihr Leben, über die Welt und die Zeit, in der sie leben, oder über das Leben ande- rer mitteilen oder in denen sie sich in Auseinander- setzung mit dem, was ihnen widerfährt, ihrer selbst vergewissern und darstellen. (Birgit Griese)

1. Einleitung

Mit dieser Arbeit wird das Ziel verfolgt, einen komprimierten Überblick über die wesentlichen Aspekte der Biographieforschung in den Erziehungswis- senschaften zu geben. Die Relation zwischen der Biographieforschung und den Zielen der Erziehungswissenschaften steht zunächst im Fokus der Aus- führungen. Um den Zusammenhang von Biographie, Pädagogik und For- schung etwas genauer zu beleuchten, erscheint es angebracht, die histori- schen Hintergründe mit detaillierten Eckdaten und Zusammenhängen zu re- cherchieren. Die elementaren Forschungsfelder der erziehungswissenschaft- lichen Biographieforschung können aber nur angeschnitten werden, da ihre genauere Elaboration den Rahmen dieser Arbeit bei Weitem sprengen wür- de. Wesentliche Facetten der erziehungswissenschaftlichen Biographiefor- schung können aber durch einen Blick auf den frühzeitlichen im Vergleich zum aktuellen Forschungsstand im Gesamtzusammenhang erfasst werden. Die methodische Herangehensweise der Biographieforschung mit ihrer Ein- bettung in die Erziehungswissenschaften wird vorgestellt. Mit den Kernkrite- rien der qualitativen Biographieforschung soll auch mit Blick auf vorhandene Paradigmen auf das weitgefächerte Feld zum Einsatz kommender Methoden in Auszügen hingewiesen werden. Techniken (Datenerhebungsverfahren) der analytischen Herangehensweisen werden skizziert. Mit einem Ausblick auf die Rolle der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung in der Zukunft und dem Aufzeigen der Grenzen ihrer Möglichkeiten endet die Aus- arbeitung.

2. Erziehungswissenschaftliche Überlegungen - Einbettung der Biogra- phieforschung

Der Begriff Erziehungswissenschaft beinhaltet die beiden Komponenten Bil- dung und Erziehung, die in einem engen Zusammenhang stehen und die Grundlagen dieser Wissenschaft darstellen (vgl. Kreft / Mielenz, 2005, S. 253). Das Arbeitsfeld der Erziehungswissenschaften ist sehr eng mit dem der Biographieforschung verknüpft, da sich die beiden Disziplinen untereinander ergänzen und weiterentwickeln. Dadurch, dass in jedem pädagogischen Handeln eine Verbindung zu Ereignissen aus dem Lebensverlauf eines Indi- viduums bereits inkludiert ist, ist der Bezug zu biographischen Bezügen na- turgemäß gegeben (vgl. Krüger / Marotzki, 2006, S. 14). Das Spezialgebiet der Erziehungswissenschaft wird durch andere wissenschaftliche Fachberei- che wie die der Psychologie, Schulpädagogik und Sozialpädagogik ergänzt, wodurch sich die Fragestellung ergibt „wie in einer wissenschaftlichen Welt die Menschen zu Subjekten, also zu gesellschaftlichen Wesen werden.“ (Behnken / Mikota, 2009, S. 7)

Ein Hauptanliegen der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung stellt die Herausstellung von individuellen Erlebnissen und Verarbeitungsprozessen in den jeweiligen Lebensgeschichten der Individuen dar. Der Zusammenhang von Lernen und Biographie ist daher unmittelbar ersichtlich (vgl. Bohnsack, 1998, S. 129). Die Rekonstruktion bisheriger Lebensereignisse ist unmittelbar mit den „Lern- und Bildungsgeschichten“ betrachteter Personen (Krüger / Marotzki, 2006, S. 14) verbunden.

Die Biographieforschung eröffnet im erziehungswissenschaftlichen Kontext die Zugänge zu den Perspektiven der Betroffenen, insbesondere in den Be- reichen „Lernen und Erziehen“ (Bohnsack, 1998, S. 129). Das Konglomerat von Erziehungswissenschaft und Biographieforschung leitet eine Horizonter- weiterung im Verständnis von Heranwachsenden in Familien und Schulen ein (vgl. Bohnsack, 1998, S. 129). Wertvolle Erkenntnisse werden im Bereich der Kinder- und Jugendentwicklung gewonnen. Durch Geschichten aus dem Lebensablauf und den Bildungsprozessen, die ein Individuum durchlebt hat, werden Ansatzpunkte für erste Datenerhebungen greifbar, mit denen For- schungszugänge möglich werden, die dann in ihrer Ausführung wertvolle In- formationen zum Verständnis des Wesens eines Menschen liefern können (vgl. Bohnsack, 1998, S. 129). Mit den Biographien der Betroffenen werden unter anderem auch das soziale Lern- und Umfeld, sowie die sozialge- schichtlichen Rahmenbedingungen übermittelt. Sie können auch als Quelle für neue Erkenntnisse in der Forschung dienen (vgl. Bohnsack, 1998, S. 129). Hieraus wird das Hauptanliegen der erziehungswissenschaftlichen Bio- graphieforschung die „Analyse der individuellen Erfahrung, der Lernprozes- se und der Verarbeitung von Gesellschaft“ (Bohnsack, 1998, S. 129) ersicht- lich.

Die „Biographie im Kontext sozialwissenschaftlicher Forschung und im Hand- lungsfeld pädagogischer Biographiearbeit“ (Hölzle, 2009, S 17) greift auf unterschiedliche Methoden, Positionen und Datenauswertungsverfahren zu, die getrennt nach den Begrifflichkeiten der Biographie und Biographiefor- schung ausgewertet werden müssen. Zwischen diesen beiden Begriffen existiert ein deutlicher Unterschied und dennoch ist ein unabdingbarer Zu- sammenhang (vgl. Hölzle, 2009, S. 20) vorhanden. Die Kategorie Biographie beinhaltet die Erschließung der jeweiligen Person und die damit einherge- henden Selbstbildungsprozesse mit all ihren Facetten und Richtungen (vgl. Hölzle, 2009, S. 20). Die Biographieforschung wendet sich den

„Innenseiten des Lebenslaufs zu, den subjektiven Verarbei- tungsformen und Eigenlogiken. Damit trägt sie dazu bei Gründe für menschliches Verhalten zu finden, wonach zu- mindest subjektiv genau das zu tun war, was getan wurde“

(Hölzle, 2009, S. 20).

Im Bereich der Erziehungswissenschaft beziehen sich viele Forschungsme- thoden auf Elemente der qualitativen Sozialforschung. Somit können die pä- dagogischen Zugänge und ihre Entwicklungstraditionen wissenschaftlich er- fasst, untersucht und dokumentiert werden (vgl. Friebertshäuser, 1997, S. 11).

Zur methodisch korrekten Aus- und Durchführung einer Studie, Forschungs- reihe oder These werden die Instrumente zur Analyse der erhobenen Daten abgerufen,

„um komplexe soziale Lebenszusammenhänge, biographi- sche Lebensverläufe, institutionelle Rahmenbedingungen, Interaktions-, Sozialisations-, Konstruktions-, Erziehungs- und Bildungsprozesse systematisch erfassen, beschreiben und interpretieren zu können“ (Friebertshäuser, 1997, S. 11).

In den Erziehungswissenschaften haben sich drei unterschiedliche Methoden zur Erhebung und Untersuchung von Lebensverläufen herauskristallisiert, die alle für sich stehen können, aber auch untereinander kombinierbar sind (vgl. Garz, 2000, S. 59). Zum einen steht auf universeller Ebene die Frage „Was gilt für alle Menschen?“ (ebd.) im Dreh- und Agelpunkt. Zum anderen wird auf mittlerer Ebene versucht, eine Antwort auf die Frage „Was gilt für einige Menschen?“ (ebd.) zu finden. Zum Schluss wird auf der Individualebene, der Frage nachgegangen „Was gilt für eine Person?“ (ebd.), (siehe Anhang: Ab- bildung 1).

Die Bereiche Erziehungswissenschaft und Biographieforschung stehen in einem treffenden metaphorischen Zusammenhang, der als „frühe Liebe und späte Heirat“ (Kraul / Marotzki, 2002, S. 22) zum Ausdruck gebracht werden kann. Beide wissenschaftlichen Strömungen haben ihren Ursprung im acht- zehnten Jahrhundert. Sie haben sich als Disziplinen mit Potenzial zur „Auf- klärung und Bildung der Menschen zu Humanität und Menschenwürde“

(Kraul / Marotzki, 2002, S. 22) herausgebildet. Das Zusammenwirken von Erziehungswissenschaft und Biographieforschung stellt eine fruchtbare Symbiose dar, aus der beide Bereiche großen Nutzen ziehen können. So schafft die Biographieforschung einen Zugang zu unterschiedlichen Materialien und Herangehensweisen für die Erziehungswissenschaften (vgl. Kraul / Marotzki, 2002, S. 26). Erziehung ist in ihrer Wirksamkeit unmittelbar auf empirische Zugänge angewiesen (vgl. Kraul / Marotzki, 2002, S. 26).

Die Erziehungswissenschaften sind für die Biographieforschung aufgrund der Tatsache bedeutsam, dass wesentliche Aspekte der Erziehungswissenschaf- ten wie zum Beispiel soziologische, pädagogische und psychologische Be- lange Kernbereiche der Biographieforschung berühren. Somit finden unter erziehungswissenschaftlicher Sicht individuelle Ansichten und Emotionen ihren Eingang in die Biographieforschung (vgl. Kraul / Marotzki, 2002, S. 26).

Die Zunahme an bedeutsamen Daten und Informationen hat im Laufe der Zeit stetig zugenommen. Mit Rückgriff auf diese Daten lassen sich heutzuta- ge viele Sachverhalte und Abläufe besser analysieren und untersuchen als es vorher der Fall war. Die gesammelten Daten, die in Quellenmaterialien zu finden sind, unterstützen die heutigen Problemlöseansätze in beiden wissen- schaftlichen Bereichen in jeder Hinsicht (vgl. Kraul / Marotzki, 2002, S. 29).

„Die qualitativen Verfahren der Biographieforschung, insbe- sondere die Methode des biographischen narrativen Inter- views, werden inzwischen in den meisten Teildisziplinen und Forschungsfeldern der Erziehungswissenschaft eingesetzt.“

(Garz, 2000, S. 29)

Im Folgenden wird ein Überblick über die historischen Hintergründe der Geschichte der „Biographie“ unter erziehungswissenschaftlichem Blickwinkel gegeben, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, sondern ausschließlich dazu dienen wird, die Bedeutung pädagogischer Aspekte in Biographien zu veranschaulichen.

Bereits im Altertum sind Sammelbiographien von bedeutenden Persönlich- keiten zu finden, in denen allerdings mehr auf die Stellung der Personen in der Gesellschaftsschicht eingegangen wird als dass sie, wie heutzutage, größeren Wert auf die Entwicklung des Individuums im Sinne von pädagogi- schen Ansätzen (vgl. Seung-Nam, 1997, S. 22) gelegt hätten. Die überliefer- ten mittelalterlichen Biographien des 6. bis 15. Jahrhunderts unterliegen in der Regel einer religiösen Prägung. Sie haben ihren Ursprung häufig als Ausdruck einer vermeintlich göttlichen Fügung. Eine rühmliche Ausnahme stellt hier die Arbeit „Confesssiones“ (Seung-Nam, 1997, S. 22) von Augusti- nus dar. Sie ist hervorzuheben, weil sie als Vorreiter des Übergangs in die Epoche der Renaissance angesehen werden kann. Augustinus stellte her- aus, dass sich auch ein weniger religiös geprägtes Leben durchaus mit dem Glauben an Gott vereinbaren lässt. Sein innovatives Denkmuster enthielt bereits neuartige philosophische Ansichten, die sich zunehmend von dem rigiden Blickwinkel des mittelalterlichen Weltbildes lösten (vgl. ebd.). Eine weitere Entwicklung in Richtung der Ablösung veralteter Denkweisen folgte in der Zeit der Renaissance (14. - 16. Jahrhundert), die die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Denkens und Handelns in den Vor- dergrund stellte. In der darauffolgenden Epoche der Aufklärung (1720 - 1800) tauchte dann zum ersten Mal der Begriff „Biographie“ explizit auf (vgl. Seung-Nam, 1997, S. 23).

„Das Hauptgewicht der Lebensbeschreibung in dieser Zeit besteht darin, innere Bildungs- und Entwicklungsprozesse des Individuums aufzudecken“ (Seung-Nam, 1997, S.23).

Die ersten Anzeichen für erziehungswissenschaftliche Biographieforschung werden durch Vertreter und Werke wie „Rousseaus Confessiones (1781), Franklins Autobiography“ (1778 - 1789) und Goethes Dichtung und Wahrheit“ (1831)“ (Seung-Nam, 1997, S. 23) im achtzehnten Jahrhundert verzeichnet (vgl. Bohnsack / Marotzki, 1998, S. 129).

Reale Bemühungen zur ganzheitlichen Erfassung des Menschen sind von jetzt an das Hauptanliegen der Biographien. In dieser Zeit treten auch Laien als Verfasser in Erscheinung und erstmalig findet man Biographien weibli- cher Autoren, ein Phänomen, das im Mittelalter undenkbar gewesen wäre (vgl. ebd.). Im neunzehnten Jahrhundert liegen die Wurzeln der Entwicklung zur pädagogischen und allgemeinen Biographieforschung wie sie heutzutage verstanden wird.

Im letzten Drittel des 20.Jahrhunderts bringen Vertreter wie beispielsweise Werner Loch (1979), Dieter Baacke, Theodor Schulze (1993) und Jürgen Henningsen (1981) die erziehungswissenschaftliche Biographieforschung auf der Basis ihrer Forschungsergebnisse nachhaltig voran (Bohnsack / Marotzki, 1998, S. 129).

In den Ausführungen von z.B. Theodor Schulze wird ersichtlich, dass sich der Verlauf und die Struktur von Lebensbeschreibungen und Biographien in zwei divergierende Richtungen entwickelt haben (Bohnsack / Marotzki, 1998, S. 131).

„Die Lebenslaufforschung ist hauptsächlich in die soziale Ungleichheitsforschung eingegangen und die Biographieforschung hat sich als ein eigener zentraler Forschungszweig in der Sozialwissenschaft und Erziehungswissenschaft etabliert“ (Bohnsack / Marotzki, 1998, S. 131).

In dem autarken wissenschaftlichen Forschungsfeld der erziehungswissen- schaftlichen Biographieforschung haben sich zentrale Themen wie bei- spielsweise „empirische Forschung, Methodologie, und die Erörterung der Begriffsbildung von Biographie und Bildung oder Biographie und Lernen“ (Bohnsack / Marotzki, 1998, S. 131) herauskristallisiert. Der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung wird vorgehalten, dass

„es sich beim biographischen Subjekt um eine Konstruktion handelt, die aus der Verbindung von Vergangenem und Ge- genwärtigem entsteht“ (Bohnsack / Marotzki, 1998, S. 132).

Hierzu hat Harald Leitner (1982) herausgestellt, dass ein Biograph niemals die ganz persönlichen Empfindungen, die ein Individuum mit dem Erlebten verbindet, in ihrer Ganzheit erfassen und wiedergeben kann. (vgl. Bohnsack / Marotzki, 1998, S. 132).

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Details

Seiten
34
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656236269
ISBN (Buch)
9783656238379
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197458
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen – Sozialpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
erziehungswissenschaftliche biographieforschung

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Titel: Erziehungswissenschaftliche Biographieforschung