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Wissenschaft in literarischen Bildern: Eine Untersuchung von Science Fiction-Frühwerken des 19. Jahrhunderts

Masterarbeit 2010 78 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

I. Zum Zusammenspiel von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit..

2. Wissenschaft und ihre Öffentlichkeiten
2.1 Wissenschaftskommunikation
2.2 Die Instanz der Medien
3. Die Darstellung von Wissenschaft
3.1 Bilder von Wissenschaft - Wissenschaft und ihre mediale Aufbereitung
3.2 Gründe für die ambivalente Haltung gegenüber Wissenschaft und Interpretation.

4. Bildausschnitt: Das 19. Jahrhundert im Spiegel von Wissenschaft, dem Feld der Literatur und Science Fiction
4.1 Abriss zur Entwicklung der Wissenschaft und ihrer Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert .
4.2 Geistiges Leben, Literaturmarkt und Bildung
4.3 Science Fiction im 19. Jahrhundert: Eine Literaturpraxis konstituiert sich..

II. Die Untersuchung von Science Fiction-Frühwerken des 19. Jahrhunderts im Hinblick auf die Darstellung von Wissenschaftlern und Wissenschaft

5. Darlegung des UntersuchungsmodusÜ..
5.1 Quellensystematik.
5.2 Analyseraster und ErlÄuterung...

6. Analyse von „Frankenstein or The Modern Prometheus“ (1818), Mary Shelley.

7. Analyse von „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1864), Jules Verne

8. Analyse von „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ (1886), Robert Louis Stevenson.

9. Analyse von „The Island of Doctor Moreau” (1896), Herbert George Wells

10. Fazit

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„London stimmt für `Frankenstein-Wissenschaft`“1, „Zerstreuter Professor oder krimineller Biowaffenexperte?“2, „RelativitÄtstheorie - Abenteuer in Einsteins Raumzeit“3 In der tÄglichen Berichterstattung begegnet man immer wieder bestimmten Formulierun- gen, die implizit oder explizit auf Wissenschaftler oder wissenschaftliche Praxis anspie- len. Mit jenen Formulierungen sind spezifische Assoziationen und VorstellungsrÄume ver- bunden. Hüppauf und Weingart (2009) benennen diese Imaginationen mit „Bilder der Wissenschaft“ (S. 12). Das Besondere hierbei ist, dass diese Bilder zumeist von Nicht- Wissenschaftlern generiert und massenmedial verbreitet werden (vgl. ebd.). Die Ge- schichte jener Bilder weist beachtlich langlebige Wurzeln auf. Die Imaginationen, die im àffentlichen Raum zirkulieren, stehen hierbei für die „kollektiven Ideen der Öffentlichkeit über Wissenschaft“ (Felt et al. 1995: S. 256, Hervorheb. im Original). Das grundsÄtzliche Ansinnen dieser Arbeit ist es, einen theoretischen Bezugsrahmen von Wissenschaft, Me- dien und Öffentlichkeit aufzuspannen und einige elementare Stereotype über Wissen- schaftler und Wissenschaft exemplarisch anhand von literarischen Fallstudien nachzu- weisen. Die inhaltliche Vorgehensweise gestaltet sich wie folgt:

Zuvorderst steht eine dezidierte Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundpfeilern des Spannungsfeldes von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit. Hier ist insbesondere der Terminus der Wissenschaftskommunikation und die Differenzierung in interne (inner- halb der Wissenschaft stattfindende) und externe (an ein breites Publikum gerichtete) Wissenschaftskommunikation zu nennen (vgl. Hagenhoff et al. 2007: S. 4 ff.). Um die Öf- fentlichkeit zu erreichen, ist die Funktion der Medien nicht zu unterschÄtzen. Sie sind kei- neswegs bloâe Vermittler von Information, sondern treten mit eigenstÄndigen Kriterien auf. Ein realistisches Bild von Wissenschaft zu übermitteln, bleibt aufgrund dessen und der Tatsache, dass sich bestimmte Vorstellungen über Wissenschaft als sehr hartnÄckig erweisen, problematisch (Kap. 2). Das Thema „Wissenschaft und Wissenschaftler“ ist in der Öffentlichkeit bereits mit klaren Vorstellungen und Klischees besetzt (s. o.). Für jene Stereotype existieren mittlerweile sogar Typologien (vgl. Haynes 2003). Das, was via die- ser Darstellungsmuster über Wissenschaft kommuniziert wird, ist m. E. nach ebenfalls ein Format von Wissenschaftskommunikation, genauer eine externe-externe Wissen- schaftskommunikation: Nicht-aktive Wissenschaftler adressieren mit ihrer Vorstellung von Wissenschaft ein hÄufig nicht-akademisches Publikum. Der „mad scientist“ ist ein Para- debeispiel hierfür. Geheimnisumwoben, bàse und atheistisch, ist dieser seit Jahrhunder- ten in der Literatur vorzufinden (vgl. Schummer 2007) und somit als Kernmythos schier unausrottbar (Kap. 3). Auf diese theoretische Hinführung folgt der nÄchste Schritt zur An- nÄherung an die konkrete Literaturuntersuchung: Die nÄhere Betrachtung mit dem für diese Arbeit relevanten sozio-historischen Bildausschnitt des 19. Jahrhunderts. Im Rah- men weniger Unterkapitel ist selbstverstÄndlich keine vollstÄndige Nachzeichnung des „langen“ 19. Jahrhunderts màglich. Dennoch sollen exemplarisch einige Entwicklungsli- nien bezüglich Wissenschaft, Wissenschaftskommunikation, Literaturmarkt und dem Genre Science Fiction skizziert werden, um punktuell das Historkolorit zu erhellen. Es soll in diesem Part, ein Sinn für den Kontext geschaffen und aufgezeigt werden, inwiefern der Boden einer stereotypen, popularisierten Sicht auf Wissenschaft genÄhrt wurde. Ein Pro- zess, der durch die Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems, ein interessiertes Bürgertum, gestiegenes Bildungsniveau und der expansiven Ökonomisierung des Buch- handels und der allmÄhlichen Konstitution des Genre Science Fiction flankiert wurde (Kap. 4).

Der zweite Teil der Arbeit beinhaltet die Literaturanalysen zur popularisierten Darstellung von Wissenschaftlern und Wissenschaft in ausgewÄhlten Science Fiction-Frühwerken des 19. Jahrhunderts. Auf die Darlegung des UntersuchungsmodusÜ, also die Begrün- dung für den Korpus, folgt die ErlÄuterung des eigens konzipierten Analyserasters und Forschungsdesigns zur Erfassung der hierfür relevanten Inhaltsdimensionen (Kap. 5). Die Literaturfallstudien umfassen neben dem Klassiker schlechthin - „Frankenstein or The Modern Prometheus“ - weitere weltberühmte Werke, die von Wissenschaftlern, tollküh- nen Entdeckungen und einer mitunter eigensinnigen Wissenschaftspraxis und For- schungsprojekten handeln. Jules Verne und George Herbert Wells die „posthum zu Ge- burtshelfern der Science Fiction wurden“ (Alpers 1972: S. 245) sind aufgrund ihres Ran- ges ebenso vertreten. Die Lektüreauswahl verspricht insgesamt eine gute Passung zur zugrunde gelegten Typologie von Haynes (2003) und soll die bereits im 19. Jahrhundert propagierten narrativen Aufbereitungen von Wissenschaft und ihrem personalem TrÄger, dem Wissenschaftler, dokumentieren (Kap. 6-9).

Abschlieâend folgt ein Fazit, in welchem der Bogen über die einzelnen Kapitel geschla- gen und ein resümierender Blick auf den Gesamtkontext geworfen werden soll. Es ist an dieser Stelle noch einmal zu betonen, dass im Rahmen dieser Arbeit keine ReprÄsentati- vitÄt hinsichtlich der Darstellungsmodi von Wissenschaftlern und Wissenschaft angestrebt wird. Vielmehr ist es ein punktuelles Nachspüren bestimmter Stereotype und ihrer kon- kreten Textur in den jeweiligen schriftstellerischen Werken. Diesem Ziel sieht sich diese Arbeit verpflichtet.

I. Zum Zusammenspiel von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit

2. Wissenschaft und ihre Öffentlichkeiten

2.1 Wissenschaftskommunikation

Obgleich für den Terminus der Wissenschaftskommunikation keine Definition mit Univer- salitÄtsanspruch existiert, so gewinnt der Begriff doch über die Differenzierung in interne und externe Wissenschaftskommunikation an Konturierung und PrÄzision (vgl. Hagenhoff et al. 2007: S. 4 ff.). Die interne Wissenschaftskommunikation lÄsst sich exklusiv in der wissenschaftlichen Gemeinschaft verorten und zielt im Wesentlichen darauf ab, eine „ex- pertenorientierte Kommunikation innerhalb der Wissenschaft“ (ebd.: S. 6) zu befàrdern, wie etwa die Diskussion und Reflexion von Forschungsergebnissen. Die externe Wissen- schaftskommunikation hingegen wendet sich an eine nicht-wissenschaftliche Öffentlich- keit. Die Gründe für die Aufnahme einer derartigen Kommunikation sind vielfÄltig und of- fenbaren ein ambivalentes VerhÄltnis von Wissenschaft zu ihrer - im historischen Kontext zu betrachtenden - Öffentlichkeit. Via Wissenschaftskommunikation sollen so z. B. wis- senschaftliche Erkenntnisse verbreitet, Nachwuchs rekrutiert, das Vertrauen in die Wis- senschaft gestÄrkt und Gelder angeworben werden (vgl. ebd.). Der Kommunikationsbeg- riff selber wird von Hagenhoff et al. nicht nÄher spezifiziert. Die Differenzierung in interne und externe Wissenschaftskommunikation lÄsst inhaltlich allerdings den Schluss zu, dass „Kommunikation“ allgemeinhin als Weitergabe oder Vermittlung von Informationen ver- standen werden soll.

Wissenschaft benàtigt die wohlwollende Haltung eines externen Publikums, da ihr Fort- bestehen von „gesellschaftlichen Ressourcen (Geld und Zeit)“ (Weingart 2005: S. 100) abhÄngig ist. Gute Aussichten auf Fàrdermittel stehen in AbhÄngigkeit dazu, dass Wis- senschaft es schafft „ihre gesellschaftliche Funktion überzeugend nach auâen“ (Zetsche 2004: S. 13) zu übermitteln. Gesellschaftsweites Vertrauen zu konsolidieren, ist ange- sichts des distanzierten VerhÄltnisses zur Gesellschaft eine komplexe, aber notwendige Aufgabe. Wissenschaft ist - im Rahmen externer Wissenschaftskommunikation - dazu angehalten „ihre LegitimitÄt gegenüber der Öffentlichkeit zu sichern“ (Weingart 2005: S. 10 f.). Hier wird die Denktradition der Public Understanding of Science (PUS) deutlich. PUS meint, dass ein ausreichendes Informiertsein eine zugetane und bekrÄftigende Einstellung für wissenschaftliche AktivitÄten evoziert. Es gilt: „Improving that understanding is not a luxury: it is a vital investment in the future well-being of our society“ (The Royal Society Reports 1986: S. 53 f.). Um dieses Ziel zu erreichen, ist das aktive Nutzen von Medien vonnàten: „All scientist therefore need to learn about the media […] and to learn how to explain science simply“ (ebd.: S. 55).

Dieses hier zu Grunde gelegte Konzept von Popularisierung ist stark kritisiert worden. Es zeichnet ein Zwei-Stufen-Modell, in dem hochwertiges wissenschaftliches Wissen über Popularisierer in vereinfachter Form an die Öffentlichkeit gegeben wird. Die vereinfachte Form wird im besten Fall als „appropriate simplification“, im schlimmsten Fall als „polluti- on“ (beide Zitate Hilgartner 1990: S. 519) etikettiert. Die AutoritÄt der Deklarierung von Simplifikationen als angemessen oder unangemessen, obliegt den Wissenschaftlern (vgl. ebd.: S. 520). Popularisierung allgemeinhin impliziert folglich stets eine Verzerrung des Sachverhaltes. Dies determiniert eine Hierarchie zwischen dem „genuine knowledge“ der wissenschaftlichen Gemeinschaft und dem „popularized knowledge“ (ebd.: S. 524), wel- ches dem Publikum zugeführt wird. Somit ergibt sich ein „Wahrheitsmonopol“ (Weingart 2001: S. 233) für die Wissenschaft innerhalb von Gesellschaft. Daum (1998) spricht in diesem Zusammenhang von einem „diffusionistischen Modell“ (S. 26), welches mit einer schlichten „linearen Weitergabe von Wissen ohne Rück- oder Wechselwirkungen“ (ebd.) gleichzusetzen ist. Auch wenn Popularisierung als Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit aus oben skizzierten Gründen einen ambivalenten Anstrich erhÄlt, so ist doch unbestritten, dass ein grundsÄtzliches Beziehungsgeflecht zwischen beiden ge- sellschaftlichen Sektionen existiert. So hat Öffentlichkeit die Grenzlinienziehung zur und von Wissenschaft stets via Anerkennung und Ignoranz des Outputs koproduziert (vgl. Ni- kolow, Schirrmacher 2007: S. 11).

2.2 Die Instanz der Medien

Für die Gewinnung von Aufmerksamkeit und àffentlicher Akzeptanz ist die Wissenschaft, eingebettet in ein massenmediales Gesamtsystem, mehr denn je auf die Medien und ihre zugeschriebene „zentrale Mittlerfunktion“ (Weingart 2003: S. 113) angewiesen. Ein ver- breiteter Standpunkt ist es, die Medien in dieser Funktion als bloâe „äbersetzer“ anzuse- hen, welche die Kluft zwischen der wissenschaftlichen SphÄre mit ihren spezifischen Er- kenntnisobjekten und Fachtermini und der hiervon zu unterrichtenden Öffentlichkeit über- brücken (vgl. Daum 1998: S. 26, Kap. 1.1). Diese Perspektive blendet allerdings einen entscheidenden RealitÄtsbestand aus: Die Autonomie der Medien, welche sich u. a. über eigene Selektionskriterien zur Berichterstattung und somit zur Konstruktion einer Me- dienwirklichkeit sui generis manifestiert. Luhmann (2004) spricht in diesem Kontext von Selektoren und benennt derer zehn, etwa Neuheit, Konfliktpotential oder Lokalbezug (vgl.: S. 58 ff.). Jene Selektoren sind maâgeblich für die Auswahl und Aufbereitung von Informationen verantwortlich. Sie produzieren somit ebenso wie die Wissenschaft ein spezifisch eingefÄrbtes Wissen über die Welt und adressieren von ihnen gewÄhlte Teilàf- fentlichkeiten (vgl. Weingart 2001: S. 238 f.). GemÄâ ihrer Indikatoren, ihrer Operations- weise wollen die Medien über Wissenschaft, Neues und somit Berichtenswertes erfahren (vgl. Weingart 2003: S. 115). Als Messinstrument für den Erfolg der Informationsgabe über Wissenschaft, ist die Quote - und nicht etwa der intern bewertete Innovationsgehalt - anzusehen, welche das quantifizierte Abbild der Rezipienten darstellt (vgl. Weingart 2005: S: 21). Die Wissenschaft wiederum hat ebenso Interesse an Medien zum Zweck der Erreichung einer externen Öffentlichkeit und Aufmerksamkeitserregung, da die Me- dien als „`realer` ReprÄsentant“ (Weingart 2003: S. 115) des Externen auf den Plan tre- ten. Das prinzipielle Interesse an einer gegenseitigen Nutzung ist folglich gegeben, wenn auch aus unterschiedlichen Motivationen heraus. Mit Fokus auf die Medienorientierung der Wissenschaft, also das notwendige Ausrichten auf die medialen Selektoren, offenbart sich für die Wissenschaft ein Zusatz zu ihrem Leitkriterium der Wahrheit. Sie ist nun mit dem für die Medien relevanten Kriterium des Interesses und der Zustimmung eines Publi- kums konfrontiert. Mediale Prominenz und wissenschaftliche Reputation treten hierbei potentiell in ein KonkurrenzverhÄltnis (vgl. Weingart 2001: S. 239 f.). Die Folgen der Me- dialisierung sollen allerdings nicht den Anschein evozieren, dass die Wissenschaft den Medien ohnmÄchtig gegenüberstehe. Es gibt ebenso FÄlle, in denen die Wissenschaft die Medien instrumentalisieren (vgl. Weingart 2003: S. 122).

Die skizzierten Rückkopplungseffekte und damit einhergehende VerÄnderungen von Wis- senschaft werden als Medialisierung bezeichnet. Weingart (2005) identifiziert zwei For- men: „Öffentlichkeit der Wissenschaft“ und „Wissenschaft der Öffentlichkeit“ (S. 28). Mit „Öffentlichkeit der Wissenschaft“ wird darauf verwiesen, dass die Wissenschaft zum Ob- jekt medialer Beobachtung wird. Wissenschaft wird somit innerhalb der àffentlichen SphÄ- re und durch jene z. B. mittels unterschiedlicher Imaginationen montiert. „Wissenschaft der Öffentlichkeit“ meint, dass die Wissenschaft sich unter der Lupe der Beobachtung verÄndert, d. h. sich an den potentiell entgegengebrachten Erwartungen anpasst und ausrichtet. So konstruiert sie die Öffentlichkeit, auf die sie zu reagieren sucht (vgl. ebd.). Das Unterfangen, die Öffentlichkeit bzw. das von der Wissenschaft erstellte Abbild deren via Medien zu adressieren und Wissenschaft zu entmystifizieren, bleibt alles in allem mühselig. Die Ansprüche auf Partizipation und Verwertbarkeit des Wissens kànnen nur partiell befriedigt werden. Wissenschaft bleibt hÄufig das, was sich im Laboratorium hinter den UniversitÄtsgemÄuern abspielt, sie ist „sowohl institutionell als auch kommunikativ von der Gesellschaft separiert“ (S. 21). Es existieren offenbar diverse, sehr wirkmÄchtige Stereotype, Mythen und Klischees, die - verankert im kulturellen GedÄchtnis - kaum zu unterwandern sind. In ihnen kommt eine tiefenstabile Unentschieden- und Zweifelhaftig- keit gegenüber der Institution Wissenschaft zum Tragen (vgl. ebd., S. 190).

3. Die Darstellung von Wissenschaft

3.1 Bilder von Wissenschaft - Wissenschaft und ihre mediale Aufbereitung

Wissenschaft im àffentlichen Raum ist nicht zuletzt immer auch medialisierte Wissen- schaft (vgl. Kap. 2.2). Die Differenzierung in interne und externe Wissenschaftskommuni- kation (vgl. Hagenhoff et al. 2007: S. 4 ff.) kann man als Folie auf die zirkulierenden Ima- ginationen, Images und ReprÄsentationen anlegen. Hüppauf und Weingart (2009) verwenden und konkretisieren in diesem Kontext „Wissenschaftsbilder“ als a. Bilder, „die innerhalb der Wissenschaften hergestellt werden und sich an die Gemeinschaft der Wissenschaftler richten (z. B. technische Bilder, die nur dem Experten verstÄndlich sind)“
b. Bilder, „die innerhalb der Wissenschaften hergestellt werden und sich an ein breiteres Publikum richten (z. B. Bilder des Ozonlochs, die eingefÄrbt werden, damit sie dramatisch erscheinen) (S. 12, Hervorheb. im Original).

Würde man dieses terminologische Schlaglicht als alleiniges setzen, verblieben allerdings bestimmte Bilder von Wissenschaft im toten Winkel. Die Autoren etikettieren eben diese Bilder mit „Bilder der Wissenschaft“ - jene „vermitteln allgemeine Informationen über Wissenschaft; sie werden - selten - von Wissenschaftlern hergestellt (z. B. von Labors oder Instrumenten, die reprÄsentativ für die Wissenschaft stehen sollen) und sind hÄufiger die Produkte der Massenmedien (z. B. Darstellungen von Wissenschaft und Wissenschaftlern in Filmen, Romanen oder Comic-Strips), die als Spiegel gesellschaftlicher Stereotype gelten kànnen“ (ebd.).

Die „archetypischen Stereotype“ (ebd.) verfügen über eine lange Tradition (vgl. Haynes 1994, 2003, Schummer 2007). So lÄsst sich das klassische Bild des Naturwissenschaft- lers unter die Vorstellung „eines bàsen, wahnsinnigen und gefÄhrlichen Mannes“ (Haynes 2003: S. 192) subsumieren. Haynes hat mit ihrer Typologie von 2003 (ergÄnzt im Ver- gleich zu ihrer Typologie von 1994 um die Kategorie „Der verrückte, bàse, gefÄhrliche Wissenschaftler“) eine Matrix konzipiert, in die sich Schilderungen von Wissenschaftlern von ihren vormodernen Ursprüngen bis zur Gegenwart einpassen lassen (vgl.: S. 194 ff.):

1. Der böse Alchemist

Der Alchemist gilt als Meister der schwarzen Künste und wird zuweilen sogar mit dem Teufel in Verbindung gesehen. Forschungsprojekte sind hÄufig illegaler Natur und führen dazu, dass die Grenzen „`zulÄssigen` Wissens“ (ebd.: S. 195) überschritten werden. Vom Typus sind derartige Wissenschaftler verschlossen und existieren isoliert ganz in der Welt ihres Laboratoriums. Der Archetypus ist Doktor Faustus.

2. Der edelmütige Wissenschaftler

Die Figur des edelmütigen Wissenschaftlers geht auf das historische Beispiel von Newton zurück. Jener stand exemplarisch für das Anliegen, Fakten zu erhellen und Struktur und Berechenbarkeit im chaotischen Universum erkennbar zu machen. Rational und idealis- tisch versucht der edel gesinnte Wissenschaftler hierbei vorzugehen und der Gesellschaft zu dienen.

3. Der törichte Wissenschaftler

Der tàrichte Wissenschaftler entspricht dem Klischee des zerstreuten Professors. Welt- fremd und schrullig, aber stets sympathisch und liebenswürdig geht er seinen Forschun- gen nach. Ein Image, dem in der RealitÄt Persànlichkeiten wie Einstein sehr nahe kom- men.

4. Der inhumane Wissenschaftler

Dieses Wissenschaftlerklischee zielt auf einen skrupel- und gefühllosen Forscher, der entdeckungsversessen auf die Vollendung seines Werkes aus ist. Sein Charakter hat hÄufig fanatische Züge und er setzt sich unter Berufung auf die entschiedene Relevanz seines Ansinnens selbstgefÄllig über ethische Grenzen hinweg. Der klassische Vertreter dieses Wissenschaftlers ist Frankenstein, der entrückt von jedweder menschlicher Emoti- on, einzig für die Erschaffung künstlichen Lebens arbeitet, lebt und letztlich daran zugrun- de geht.

5. Der Wissenschaftler als Abenteurer und Held

Unerschrocken, ausdauernd und mit dem Optimismus, dass Probleme nur existieren, um mit wissenschaftlichen Methoden gelàst zu werden, geht dieser Wissenschaftler seiner zumeist abenteuerlichen TÄtigkeit nach. Die Natur wird in ihren Geheimnissen transparent und kann so handhabbar gemacht werden. Wissenschaft ist die Wunderwaffe mit der der Mensch es schafft, weiteres Territorium zu erobern und sich im Kampf mit der Natur und sonstigen Widrigkeiten erfolgreich zu positionieren. Zurückgehend auf Humboldt ist es primÄr Jules Verne, welcher diesem Typus in seinen „voyages extraordinaires“ ein literarisches Gesicht verleiht. Nachfolgend entwickelt sich hieraus der für Sciene Fiction typische Raumfahrerheld, der ferne Galaxien erobert.

6. Der verrückte, böse, gefährliche Wissenschaftler

Dieser Charakter ist die Fortführung des bàsen Alchemisten. In Filmen und Romanen des 20. Jahrhunderts erfÄhrt sein amoralischer Gràâenwahn eine Steigerung. Wissenschaftli- che Neuerungen wie die biologische Kriegsführung und die Nuklear- und Atomtechnik werfen bange Fragen nach Verantwortung für Konsequenzen der potentiellen Unkontrol- lierbarkeit von Wissen in den falschen HÄnden und Eingriffsmàglichkeiten in das Genom der Spezies Mensch auf. Die vormals angenommene Kontrolle und der Gedanke, Wis- senschaft nutzbringend zu beherrschen, scheinen angesichts denkbarer Weltzerstà- rungsszenarien obsolet.

7. Der Wissenschaftler, der die Kontrolle über sein Wissen verloren hat

Jener Wissenschaftler ist verblendet und weigert sich strikt zu erkennen, dass er lÄngst zum „Opfer seiner Entdeckung“ (ebd.: S. 209) mutiert ist. So ignoriert z. B. Frankenstein geflissentlich potentielle Folgen der Erschaffung seines Monsters und entbindet sich selbst von jedweder Verantwortung. Manipulation, Roboter, virtuelle RealitÄt oder künstli- che Intelligenz werden in den Medien hÄufig als moderne Variationen des Frankenstein- Mythos unter Akzentuierung der stets mitlaufenden Gefahr des Kontrollverlusts prÄsen- tiert.

Derartige Typen von Wissenschaftlern - in Reinform oder in Variation - wurden und wer- den immer wieder medial aufgegriffen und als populÄre Wahrnehmungssurrogate aufbe- reitet. Die Typen erscheinen einfach konzipiert, „stehen aber in Wirklichkeit für komplexe Ideen und verdrÄngte ãngste, die Zeit, Raum und Rasse transzendieren“ (S. 210). Für die implizit und explizit distribuierten Ideen von Wissenschaft wÄre abzuklÄren, inwiefern „sie diese verstÄrken und selektiv fokussieren“ (Hüppauf, Weingart 2009: S. 34). Bemer- kenswert ist zum einen, dass die so propagierten Bilder von Wissenschaft keine Kon- gruenz zum SelbstverstÄndnis der Wissenschaftler aufweisen und zum anderen die histo- rische Resistenz jener Bilder, die zwar direkt auf Wissenschaft bezogen, aber sich den- noch nicht durch das System oder ihre Akteure wirkungsvoll modifizieren lassen. Die Me- dien erscheinen als verhÄltnismÄâig unabhÄngige und in ihrer TÄtigkeit erfolgreiche Mul- tiplikatoren (vgl. ebd.: S. 34 f.). Passt man die Terminologien „Öffentlichkeit der Wissen- schaft“ und „Wissenschaft der Öffentlichkeit“ (Weingart 2005: S. 28, Kap. 2.2) in diesen Kontext ein, so zeigt sich zweierlei: Es existieren offensichtlich Anteile an der „Öffentlich- keit der Wissenschaft“, die durch vormoderne und fortgeführte Stereotypen entscheidend eingefÄrbt sind. Die Wissenschaft nimmt diese stabilen Imaginationen zur Kenntnis, ist aber hilflos, eine Öffentlichkeit mit dieser Sichtweise nachhaltig zur geistigen Umkehr auf ein realistischeres Bild zu mobilisieren. Die „Wissenschaft der Öffentlichkeit“ ist folglich nicht aus Gründen der Ignoranz, sondern aus Gründen der Exklusion aus dem Prozess der Initiation, Perpetuierung und Etablierung von Stereotypenbildung, nicht steuerungsfÄ- hig. Der Wirkradius der „Wissenschaft der Öffentlichkeit“ ist stÄrker auf z. B. zeitgenàssi- sche HochschulmarketingaktivitÄten ausgerichtet.

Die Forschung, die sich mit aufdeckbaren Mustern im Bereich mediale Darstellung von Wissenschaft und Wissenschaftlern befasst, ist im Vergleich zur Forschung, die sich mit der internen und externen Wissenschaftskommunikation auseinandersetzt, quantitativ ge- ringer ausgeprÄgt. Nichtsdestotrotz ist auch dieser Winkel bereits ausgeleuchtet worden, so z. B. in den bereits erwÄhnten Studien von Haynes (1994, 2003) oder in einer Studie zu Wissenschaft im Spielfilm (vgl. Weingart 2005, Pansegrau 2009). Die hierin abgefrag- ten „Bilder der Wissenschaft“ (Hüppauf, Weingart 2009: S. 12) sind in terminologischer Anlehnung und Amplifizierung an die Definition von Wissenschaftskommunikation (vgl. Hagenhoff et al. 2007: S. 4 ff.) m. E. nach als externe-externe Wissenschaftskommunika- tion zu etikettieren. Denn nichts anderes passiert in der medialen Wissenschaftsaufberei- tung von Autoren oder Filmproduzenten. Nicht-Mitglieder des Wissenschaftssystems, be- fassen sich mit (ihrem Bild von) Wissenschaft und übermitteln dies in inszenierter Form im àffentlichen Raum an ein Publikum, das sich ebenfalls auâerhalb von Wissenschaft befindet. Zur weiteren Differenzierung sei noch hinzugefügt, dass die Urheber dieser Kommunikation entweder Nicht-Akademiker oder gegebenenfalls Studierte sind, die al- lerdings zum Zeitpunkt des kreativen Schaffens oder ihrem SelbstverstÄndnis nach, keine aktiv-involvierten, systeminternen Partizipanten (mehr) sind. Exakt dieser Bildausschnitt ist es, der für die vorliegende Arbeit erkenntnisleitend sein soll. Das Zusammenspiel von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit, welches sich hier offenbart, weist eine spezifi- sche Relationierung auf. So kann man zusammenfassend konstatieren, dass Künstler, Medien ihrer Wahl nutzen, um über Wissenschaft nach den Regeln ihrer Kunst àffentlich- keitswirksam zu kommunizieren. Eben jene externe-externe-Wissenschaftskommunika- tion ist ebenso als ein Format von Wissenschaftskommunikation zu deklarieren. Die fikti- ven Deskriptionen von Wissenschaft spiegeln „die kollektiven Ideen der Öffentlichkeit ü- ber Wissenschaft“ (Felt et al. 1995 : S. 256, Hervorheb. im Original) wider. Bemerkens- wert ist in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass reale Wissenschaftler einen weit- aus geringeren Bekanntheitsgrad aufweisen als ihre fiktiven Pendants. Ein Einstein oder Hawkings kann in seiner PrÄsenz kaum etwas gegen einen hàher gerankten Faust oder Frankenstein ausrichten (vgl. Haynes 1994: S. 1). Unter diesem Gesichtspunkt lÄsst sich entsprechend die These formulieren, dass die „vorherrschenden Images oder Vorstellun- gen über Wissenschaft bzw. Wissenschaftler sehr viel stÄrker durch die fiktiven Charakte- re geprÄgt werden als durch die realen“ (Pansegrau 2009: S. 376).

Mit dem Thema Bilder von Wissenschaft im Medium Zeitschrift hat sich in einer bekann- ten Studie LaFollette (1996) dezidiert auseinandergesetzt. Sie untersuchte zu diesem Zweck für den Zeitraum von 1910-1915 amerikanische Zeitschriften. Subsumiert und ver- dichtet kommt LaFollette auf vier basale Stereotype (vgl. ebd.: S. 97 ff.): „The Magician or Wizard“, welcher über geheimnisvolle FÄhigkeiten verfügt und Macht über die Naturge- walten hat, „The Expert“, der ein Technikgenie und genialer Problemlàser ist, „The Crea- tor/Destroyer“, der im positiven wie im negativen die Verantwortung für seine Forschung zu tragen hat und „(AmericaÇs) New Heroes“, die ausgemachten selfmade men, die stets mit unermüdlichen Optimismus und Entdeckungsdrang einer besseren Zukunft entge- gengehen.

Breiter formuliert kommt man zu der EinschÄtzung, dass die Medien offenkundig „eigene Formate der Darstellung und Wahrnehmung der Umwelt und RealitÄt ausbilden und kommunizieren“ (Pansegrau 2009: S. 373). Sie besetzen eine eigenstÄndige Position und sind aktive Teilnehmer im àffentlichen Diskurs (vgl. ebd., Weingart 2003: S. 113). Weiter- gehend kann man unter Rekurs auf die zuvor benannten Studien vermuten, dass die Entstehung, Etablierung und Distribution der Stereotype eben auf jene Zuschnitte als sol- che zurückzurechnen ist - und dies gilt „unabhÄngig vom jeweiligen Medium“ (Pansegrau 2009: S. 382). Dieser Gedanke verweist auf die StabilitÄt und Resistenz der Imaginatio- nen über Wissenschaft, wie sie seit langer Zeit im àffentlichen Raum vorzufinden sind. Wie bereits festgestellt, spielen fiktive Charaktere in dieser Diskussion eine bedeutsame- re Rolle als ihre realen Pendants (vgl. Haynes 1994: S. 1). Dies gewinnt im Rückbezug zu einigen medientheoretischen äberlegungen an Transparenz. Die Medien sind in der Lage, einen niedrigschwelligen und anschaulichen Zugang zum „Elfenbeinturm Wissen- schaft“ zu legen. In belletristischer Literatur oder Filmen wird Wissenschaft in bunten Bil- dern - im übertragenen oder buchstÄblichen Sinne - formiert und stereotypistisch organi- siert. Es entstehen VorstellungsrÄume. Da scheint es nicht weiter verwunderlich, wenn zufÄllig befragte Passanten den typischen Wissenschaftler mit sozial unbeholfen, ver- schroben oder exklusiv auf seine Forschung bedacht, beschreiben (vgl. Pansegrau 2009: S. 375 f.). Luhmanns berühmtes Diktum „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ (Luhmann 2004: S. 9) verweist auf die realitÄtskonstruierende Funktion der Medien und die Breiten- und Tie- fenwirksamkeit dieser TÄtigkeit. Beim so bereitgestellten „Hintergrundwissen“ (ebd.: S. 121) darf zwar davon ausgegangen werden, dass diese „zweite, nicht konsenspflichtige RealitÄt“ (ebd.) als solche identifiziert wird, aber sich dennoch konstitutiv auswirkt. Auf die Darstellung von Wissenschaft in den populÄren Medien bezogen heiât dies, dass die meisten Rezipienten die FiktivitÄt eben jener Darstellung benennen kànnen, sie aber trotz der Kennzeichnung als Unterhaltungsmedien, ihr Bild von Wissenschaft prÄgen.

Es werden bekannte Muster bedient und eine ambivalente Perspektive auf Wissenschaft und deren Schaden und Nutzen erzeugt. Die Urheber dieser Darstellungen „provided a model for the contemporary evaluation of scientists and, by extension, of science itself“ (Haynes 1994: S. 4).

3.2 Gründe für die ambivalente Haltung gegenüber Wissenschaft und Interpretation

Ein Grund für die enorme Nachhaltigkeit von mythischen und verzerrten Darstellungen von Wissenschaft in Medien der FiktionalitÄt ist sicherlich mit ihrer langen und fortwÄh- renden Historie zu benennen. Bis in die Antike hinein - siehe etwa die Prometheus-Sage - lassen sich die Wurzeln zurückverfolgen (vgl. Weingart 2009: S. 390). Darüber hinaus of- fenbart sich in der Figuration des „mad scientist“ ein basaler Konflikt zwischen Wissen- schaft und Religion, respektive ihrer Institution der Kirche. Die dubiose Kunst der Alche- mie begründet diese historische Feindschaft. In der Wahrnehmung mittelalterlicher Theo- logen haben wir es bei dieser schwarzen Kunst mit pietÄtlosen Versuchen, der gàttlichen Schàpfung ihrer Geheimnisse zu berauben und ihrer Herr zu werden, zu tun (vgl. Schum- mer 2007: S. 63). Eine kulturelle Verarbeitung des Aufkommens der Alchemie ist im 19. Jahrhundert, basierend auf realen historischen Ursprüngen, die Geburt eben jenes „mad scientist“ (vgl. ebd.: S. 76). Es sind „atheists, materialists, and nihilists, who reject any moral or spiritual values“ (ebd.). Ihre Hybris, die in Projekten wie “elixir of life” (ebd.: S. 64) oder dem „philosophersÜ stone“ (ebd.: S. 77) Ausdruck findet, lÄsst sich auf die For- mel „obsessions with playing god“ (ebd.) bringen. Der „mad scientist“ also als literarische Antwort und personifzierter Affront gegen die Kirche. Was die Zuordnung des „mad scien- tists“ zu einer wissenschaftlichen Disziplin betrifft, ist als erstes die Chemie als klassische experimentelle Wissenschaft zu nennen (vgl. ebd.: S. 48). Sie fügt sich von ihrem Cha- rakter her besonders gut in das Empàrung hervorrufende Bild der Nicht-Notwendigkeit von Gott ein (vgl. ebd.: S. 58). Toumey (1992) spricht vom „mad scientist“ als „evil of science“ (S. 411), dessen Ausgestaltung im medienhistorischen Transfer vom Buch zu Theater und Film stetig amoralischer und bedrohlicher wird (vgl.: S. 434). Der Autor etikettiert den “mad scientist” als „extremely effective antirationalist critique of science“ (ebd.) Kritik, die in Form narrativ-kultureller Reflexionen von Wissenschaft erscheint, ist in diesem Fall als Antwort auf die jeweilige sozial-historische Rolle von Wissenschaft und Technologie zu betrachten (vgl. Haynes 1994: S. 2). Unschlagbarer Mythos bezüglich Hybris und grenzüberschreitender AmoralitÄt ist die Erschaffung oder Modifikation von Lebewesen - mit anderen Worten: die Erzeugung von Monstern (vgl. Weingart 2009: 390). Die mit Toumey (1992) formulierte „cultural critique of science“ (S. 411), in Gestalt des „mad scientist“, ist bei der Erzeugung von Monstern selbstverstÄndlich nicht wort- wàrtlich, sondern als “Metapher für die ãngste vor dem wissenschaftlichen Eingriff in menschliche Reproduktion” (Pansegrau 2009: S. 383) zu begreifen. Sorgen und ãngste, Hoffnungen und Erwartungen, die so alt sind wie die Menschheit selbst, werden auf die Wissenschaft und hierbei insbesondere die so genannten Life sciences projiziert, die sich maâgeblich mit wie auch immer gearteten VerÄnderungen des Lebens wie Intervention, VerlÄngerung oder Beendigung dessen befassen (vgl. Weingart 2005: S. 204).

Diese Spiegelungen sind „[u]ntrue, perhaps; preposterous, perhaps; low-brow, perhaps. But nevertheless effective“ (Toumey 1992: S. 434). Weingart (2009) führt bezüglich der Mythen über Wissenschaft und ihrer Akteure aus: „Sie haben sich tief in das kollektive Bewusstsein eingebrannt und fungieren als Raster, mit dem der kontinuierliche Strom neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse fortwÄhrend gedeutet und weiter verarbeitet wird“ (S. 390). Die stereotypisierte Darstellung ist bedingt durch ihre jahrhundertealten Wurzeln „deeply ingrained in human consciousness, perhaps within the subconsciousness“ (Hay- nes 2007: S. 20). Der bereits thematisierten fehlenden Entzerrungsmàglichkeit ist es u. a. geschuldet, wenn auf die zirkulierenden Bilder nicht eingewirkt werden kann. Die Öffent- lichkeit macht sich also ihr eigenes Bild, was zu einer Konsolidierung der Stereotype bzw.

zu einer Fortschreibung der ambivalenten Haltung führt. Die generierten Ideen über das, was Wissenschaft ist und was sie bedeutet, stehen im Zusammenhang mit dem was massenmedial vermittelt wurde und wird. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass dieser Input nicht 1:1 unreflektiert übernommen wird, so ergibt sich dennoch eine zu be- nennende Relation.

4. Bildausschnitt: Das 19. Jahrhundert im Spiegel von Wissenschaft, dem Feld der Literatur und Science Fiction

4.1 Abriss zur Entwicklung der Wissenschaft und ihrer Öffentlichkeit im 19. Jahr- hundert

Aufgrund der Tatsache, dass eine eingehende Darstellung der Genese und Ausdifferen- zierung von Wissenschaft und ihrer Beziehung zur Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert, den formalen Rahmen überstrapazieren würde, folgt an dieser Stelle nur ein konziser äber- blick.

Im 19. Jahrhundert setzt sich eine Entwicklung fort, die in den zwei vorhergehenden Jahrhunderten sukzessive ihren Anfang nimmt. Wissenschaft erlangt einen immer hàhe- ren Stellenwert im gesellschaftlichen Leben. War es zuerst der Trend zur àffentlichen Demonstration - im 17. Jahrhundert im hàfischen Kreis zum Zweck der Glaubwürdigkeits- steigerung, im 18. Jahrhundert für ein wachsendes bürgerliches Publikum -, so kommt es nun durch die Ausdifferenzierung und Institutionalisierung der Wissenschaften zu einer Verlagerung des Forschungsorts. Neue aufwÄndige Messtechniken sind eher ungeeignet für àffentliche Vorführungen und sorgen so für eine verstÄrkte Zweiteilung der Wissen- schaft, die im àffentlichen oder im wissenschaftsinternen Raum vollzogen wird. Hieran anschlieâend entwickelt sich ein Rezipientendesign der primÄren und sekundÄren Kom- munikation. Adressatenkreis der primÄren Kommunikation ist die Forschungsgemein- schaft, wohingegen sich die sekundÄre Kommunikation an ein breiteres Publikum richtet. Ein Dualismus, der sich vornehmlich in der Ausgestaltung von Expertensprachen versus Popularisierungen niederschlÄgt (vgl. Weingart 2005: S. 13 ff.). An dieser Stelle wÄre also die erstmalige etablierte Formierung einer internen und externen Wissenschaftskommu- nikation (vgl. Hagenhoff et al. 2007: S. 4 ff.) festzuhalten. Die interne Wissenschafts- kommunikation wird u. a. durch die enorme Ausdifferenzierung des Feldes der Wissen- schaft bedingt. Jene Ausdifferenzierung vollzieht sich in zweierlei Hinsicht: Zum einen in Form der Konsolidierung als autonomes Handlungssystem und zum anderen als „Innen- differenzierung“, also „jene wissenschaftsinterne Wiederholung des Systembildungspro- zesses, die Disziplinen und Spezialgebiete entstehen lÄât“ (Stichweh 1994: S. 15). Wich- tige Persànlichkeiten hatten ihren Auftritt auf der Bühne der Wissenschaftsgeschichte und erzielten für ihre jeweilige Disziplin bahnbrechende Erkenntnisse (vgl. Kraus 2008: S. 19 ff.). Naturwissenschaften, wie die Biologie und Geologie profitierten von einer „`verzeitlichten` Betrachtungsweise“ (ebd.: S. 20) und generierten Ergebnisse zur Erdgeschichte und der Biologie des Lebens. Ein exponiertes Beispiel für Wissensdistribution im àffentlichen Raum ist der Darwinismus. Mit den Ideen des Artenwandels und der natürlichen Auslese sorgt dieser für eine Revolution (vgl. Weber 2002: S. 3). Für den deutschsprachigen Raum ist die Rezeption und Verbreitung der Lehren eng mit dem Namen Ernst Haeckel verbunden (vgl. Kraus 2008: S. 20 f.)

Zur Amplifizierung der internen Wissenschaftskommunikation trÄgt maâgeblich die ver- mehrte Anzahl von wissenschaftlichen Fachzeitschriften in ihrem professionssprach- lichen Duktus bei (vgl. Stàckel 2009: S. 13). Für den Bereich der externen Wissen- schaftskommunikation ist zu konstatieren, dass die Idee per se - Wissen und Erkenntnis- se für mehrere Bevàlkerungsgruppen aufzubereiten - zwar keinen Neuigkeitswert hatte, aber im 19. Jahrhunderte als Saat auf einen fruchtbaren Boden fiel. Ein einschneidender Wandel der gesellschaftlichen Lebenspraxis bedingt durch Industrialisierung, wachsende MobilitÄt, Bevàlkerungswachstum, ProduktivitÄtssteigerung, Alphabetisierung und Ver- wissenschaftlichung sorgen für eine wahrnehmbar beschleunigte AtmosphÄre - das Le- ben wurde komplexer und heterogener. Wissenschaft, im Sinne des englischen „science“ für Naturwissenschaft, wurde als Katalysator ausgerufen. Verbesserte Bildungsinfrastruk- turen und hàhere Làhne sorgten dafür, dass der ermittelte wissenschaftliche Input der „science“ auf eine wachsende Gruppe von Interessenten traf (vgl. Schwarz 2003: S. 221 ff.).

Daum (1998) führt in seiner Studie zur Wissenspopularisierung aus, dass sich starke in- stitutionelle Infrastrukturen etwa in Gestalt einer Vielzahl von naturkundlichen Vereinen bildeten (vgl.: S. 91 ff.). Sie boten ein „Forum für amateurwissenschaftliche AktivitÄten, die als Gegenseite zu der zunehmenden Professionalisierung der Wissenschaft verstan- den werden müssen“ (Weingart 2005: S. 16). Öffentliche VortrÄge, Exkursionen und pa- rallel entstehende Sternwarten, Museen oder Aquarien bedienten ein interessiertes bür- gerliches Publikum (vgl. Daum 1998: S. 5). Der Genese immer spezialisierteren Wissens und dem aufkeimendem Bedürfnis seitens des Bürgertums zu partizipieren, wurde über die neuen institutionell-multiplikatorischen Infrastrukturen als „Informations- und Rezepti- onsmàglichkeiten“ (ebd.: S. 2) Rechnung getragen. Die Konsolidierung des Buchmarktes führte gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Zunahme von populÄrwissenschafli- chen Werken (vgl. Weingart 2005: S. 17).

4.2 Geistiges Leben, Literaturmarkt und Bildung

Unter dem Schlaglicht von Bildung und Literaturrezeption betrachtet, weist das 19. Jahr- hundert eine interessante Gemengelage bezüglich der Rahmenbedingungen des geisti- gen Lebens und kultureller Praxen auf.

Folgend auf die so genannte „erste Leserevolution“, die in der zweiten HÄlfte des 18. Jahrhunderts zu lokalisieren ist und den äbergang von einer intensiven zu einer extensi- ven Lektüre bezeichnet, konsolidiert sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts die „zweite Le- serevolution“. Unter jenem Etikett verbirgt sich die sozial amplifizierte alltÄgliche Ausei- nandersetzung mit Literatur, Lektüre und dem Medium Buch als solches. Lesen als Kul- turtechnik wird demokratisiert (vgl. Langenbucher 1975: S. 12 ff.). Hierfür sind mehrere Faktoren konstitutiv, die nun skizziert werden sollen: Als grundlegend für benannte Ent- wicklung ist sicherlich der Ausbau und die Institutionalisierung eines modernen Schulwe- sens nebst professioneller Lehrerausbildung und das Aufleben der Hochschullandschaft und ihrer wissenschaftlichen Differenzierung zu nennen (vgl. Kraus 2008: S. 22 ff., S. 41 ff. u. Kap. 3.1). Damit verquickt ist ein allgemeiner Anstieg des Bildungsniveaus und der LesefÄhigkeit. Jene FÄhigkeit ist nicht mit LiteraturfÄhigkeit gleichzusetzen (vgl. Langen- bucher 1975: S. 16), manche Autoren sprechen davon, dass allein die Akademiker die- sen Status erfüllen (vgl. Langenbucher 1971: S. 54). Andere besagen, dass sich in dieser Zeit das Kleinbürgertum, Angestellte und spÄter auch die Arbeiterschaft zu dem ehemals exklusiven Kreis der Literarisierten gesellen (vgl. Nusser 1991: S. 29). In jedem Fall kann man für das das 19. Jahrhundert einen stetig wachsenden Anteil der Literarisierten kons- tatieren. Es kommt zu einer „sozialen Öffnung des Lesepublikums“ (ebd.). RÄumlich ge- sehen ist die zunehmende Urbanisierung ein weiterer Wegbereiter des Trends zu einer verbreiterten Publikumsformation (vgl. Langenbucher 1971: S. 58). Gründe für die Er- màglichung der „zweiten Leserevolution“ sind primÄr in der raschen Entwicklung tech- nisch-àkonomischer Bedingungen, wie sie die Industrialisierung mit sich bringt, zu sehen (vgl. Langenbucher 1975: S. 16). Die Lesestoffproduktion expandiert enorm. Innovatio- nen im Bereich Druckverfahren (vgl. ebd.: S. 17) und Papierherstellung (vgl. Martino 1990: S. 300) sorgen für eine hohe Produktionsdichte an Buchtiteln. WÄhrend bereits im Jahrzehnt zwischen 1841 und 1850 111.386 Titel produziert werden, liegt die Anzahl zwi- schen 1881 und 1890 bei 163.409 Titeln (vgl. Kapp, Goldfriedrich 1913: S. 487). Parallel wird der Erwerb von Büchern immer kostengünstiger, was sich beispielhaft in der Publika- tion der bis heute populÄren „Reclam Universalbibliothek“ manifestiert (vgl. Langenbucher 1975: S. 18 f.). Im Gesamtüberblick verzeichnen die professionellen àkonomischen Struk- turen des Literaturbetriebs ab der zweiten HÄlfte des Jahrhunderts sogar ein gràâeres Wachstumsplus als die Gesamtwirtschaft (vgl. ebd.: S. 22). Flankierend unterstützt wird die Demokratisierung des Lesens und die „parallele Bildung eines Massenlesepublikums“ (Martino 1990: S. 304) durch den quantitativen Ausbau des àffentlichen Bibliothekswe- sens. Das vorzufindende Lesepublikum setzt sich aus Mitgliedern des neuen und alten Mittelstands zusammen (vgl. ebd.: S. 304 f.). Wobei ebenso hier die Bedeutsamkeit der Institution laut SekundÄrliteratur nicht in ihrer Breitenwirksamkeit überschÄtzt werden sollte (vgl. Rarisch 1976: S. 80). Die Heranführung und die Vermittlung von Literatur übernahmen zudem die Kolporteure. Mit ihren BauchlÄden voll unterschiedlicher Printprodukte (Hefte, Kalender, Unterhaltungszeitschriften etc.) waren sie in der ersten HÄlfte des Jahrhunderts primÄr auf dem Land, danach in gleicher Weise in den StÄdten anzutreffen und verkauften erfolgreich ihre Ware (vgl. Nusser 1991: S. 31).

Wenn man die Demokratisierung des Lesens als Ermàglichung eines niedrigschwelligen àkonomischen Zugangs und Bereitstellung von leicht zugÄnglicher Lektüre definiert, so erschlieât sich die Programmatik zahlloser VerlagshÄuser, Zeitschriftenherausgeber und Buchhandlungen, die sich auf Unterhaltung und Bildung spezialisierten. Langenbucher (1975) resümiert, „daâ vor allem der Faktor Unterhaltungsbedürfnis so intensive Notwen- digkeiten zum Lesen schuf, daâ von hier die eigentlichen Demokratisierungsimpulse aus- gingen“ (S. 28). Das Unterhaltungsbedürfnis per se dürfte im unmittelbaren Zusammen- hang zu den durch die fortschreitende Industrialisierung und die durch den Wandel auf- kommenden sozialen Problemlagen zu begründen sein. Die Notwendigkeit einer raschen Orientierungsleistung in einer mobilisierten Gesellschaft mit neuen Anforderungen kann so ein ErklÄrungsansatz für die starke Rezeption von Konversationslexika und Sachbü- chern liefern. Die Sehnsucht nach geistiger Erbauung, Trost und Zerstreuung wiederum wird über Belletristik in ihrer narrativen Bandbreite approximativ kompensiert (vgl. Martino 1990: S. 299 f.).

Alles in allem lÄsst sich also festhalten, dass im 19. Jahrhundert sowohl industriell- technische, àkonomische als auch das allgemeine Bildungsniveau betreffende Faktoren zu einer Formation fanden, die das geistige Leben und speziell das Unterhaltungsbedürf- nis, welches sich in gesteigerter Lektüre Bahn brach, forderten und fàrderten. Mitunter kann man aufgrund dieser Bildungs- und Lektürepraxis davon ausgehen, dass auch die für diese Arbeit relevanten Science Fiction-Frühwerke entsprechend rezipiert wurden und Teilhabe und Fortführung von Darstellungsmodi einer externen-externen Wissenschafts- kommunikation stattfanden.

4.3 Science Fiction im 19. Jahrhundert: Eine Literaturpraxis konstituiert sich

Die äberlegung, wie sie dem Literaturkorpus dieser Arbeit zugrunde liegt, ab dem 19. Jahrhundert von einer sich sukzessive konstituierenden Science Fiction-Literaturtradition zu sprechen, ist nicht unumstritten. Innerhalb dieses Zeitrahmens existiert nÄmlich noch kein systematisches Gattungsbewusstsein - weder seitens der Autoren noch des Lese- publikums. Dennoch kann nicht ignoriert werden, dass nun erstmals konsistente Entwick- lungslinien bei Autoren wie Jules Verne, Edgar Allen Poe oder George H. Wells auftreten (vgl. Suerbaum et al. 1981: S. 43 f.). Weber (2005) weist entstehungsgeschichtlich dar- aufhin, dass Science Fiction durch „stabile Bedeutungen“ (S. 9) der Wortbestandteile „science“ und „fiction“ ermàglicht wurde, was für den äbergang vom 18. zum 19. Jahr- hundert durchaus ermittelt werden kann. Zur VervollstÄndigung sei noch die Information gegeben, dass begriffsgeschichtlich gesehen - was nicht gleichbedeutend mit dem Be- ginn der literarischen Praxis ist - der Ausgangspunkt der Science Fiction auf 1926 zu da- tieren ist: Dem Jahr, in dem der Terminus „scientifiction“ zum ersten Mal in der Zeitschrift „Amazing Stories“ publiziert wurde und kurze Zeit darauf in leicht abgewandelter Form seinen Siegeszug um die Welt antrat (vgl.: S. 3). Dem Versuch einer absoluten Definition entzieht sich das Genre allerdings erfolgreich (vgl. Barmeyer 1972: S. 7, Weber 2005: S. 7 f.). Ein nichtsdestotrotz vielfach beachteter Definitionsansatz ist dem Literaturwissen- schaftler Suvin (1979) gelungen. Er benennt Science Fiction als „Literatur der erkenntnis- bezogenen Verfremdung“ (S. 24), „deren formaler Hauptkunstgriff ein imaginativer Rah- men ist, der als Alternative zur empirischen Umwelt des Autors fungiert“ (S. 27, Her- vorheb. im Original). Die Zeit- und Ortsangaben und/oder die handelnden Personen un- terscheiden sich klar von der Gestaltung der Elemente in der realistisch-naturalistischen Prosa, was den benannten Verfremdungseffekt ganzheitlich ermàglicht: eine „realistische IrrealitÄt“ (S. 12) wird entfaltet. Darüber hinaus betont Suvin, dass die Dominanz eines so genanntes „Novums (einer Neuheit, Neuerung)“ (S. 93, Hervorheb. im Original) notwen- dig gegeben sein muss. Jenes „Novum“ wird über die Einpassung in wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden erklÄrt und legitimiert (vgl.: S. 95 f.). Das erste Beispiel für einen Science Fiction-Roman ist Mary Shelleys „Frankenstein“ (1818), da hier „aktuelle Wissenschaft in einem fiktionalen Rahmen thematisiert wird“ (Weber 2005: S. 10).

Personale Schlaglichter sowohl für die Science Fiction-Literatur generell als auch für die AnfÄnge im 19. Jahrhundert speziell, sind mit Jules Verne und George H. Wells zu be- nennen, welche „posthum zu Geburtshelfern der Science Fiction wurden“ (Alpers 1972: S. 245).

Verne leistet zunÄchst pflichtbewusst eine Anwaltsausbildung ab, bevor er sich der Kunst der Literatur zuwendet. Der anfÄnglich ausbleibende Erfolg zwingt ihn dazu, Schreibauf- trÄge populÄrwissenschaftlicher Zeitschriften anzunehmen. Diesem Umstand ist es ge- schuldet, dass er aus Interesse bald auf die Idee kommt, seine Erkenntnisse in belletristi- scher Literatur zu verarbeiten (vgl. Weber 2005: S. 14). Sein literarisches Gesamtwerk zeichnet sich durch bestimmte Eigenschaften aus. Das Topos der Reise ist allgegenwÄr- tig. ErzÄhlungen wie „Fünf Wochen im Ballon“, „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ oder „20.000 Meilen unter dem Meer“ etc. sind bezüglich des eigens für Verne geschaffenen Etiketts „voyages extraordinaires“ selbsterklÄrend. Darüber hinaus schafft es Verne „to teach science through fiction“, für seine Literatur ist eine “predominantly pedagogical function” (beide Zitate Evans 2009: S. 17) zu veranschlagen.

Er demonstriert „die FÄhigkeit, das Unbekannte, das Neue wissenschaftlich plausibel zu machen“ (Weber 2005: S. 15), jedoch meidet er weitschweifige „Ausflüge“ in spÄtere, klassische Science Fiction-Szenarios wie die Zukunft oder das Weltall. Seine Romane stellen ein „Kompendium des Wissens des 19. Jahrhunderts“ (ebd.: S. 16) dar. In Deutschland war Verne gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts der erfolgreichste Autor seiner Zunft (vgl. Innerhofer 1996: S. 31 ff.).

Wells wÄchst in eher Ärmlichen VerhÄltnissen auf, erhÄlt allerdings ein Stipendium. Im Verlauf seiner Ausbildung kommt er mit dem Darwinismus in Berührung - ein Umstand, der einige seiner zukünftigen literarischen Werke beeinflussen wird (vgl. ebd.: S. 21). Wells war einer der Autoren, der mit der in England entstehenden Subgattung der „scien- tific romances“ in unmittelbaren Zusammenhang steht. ErzÄhlungen wie „The Time Ma- chine“, „The Island of Doctor Moreau“ oder „The War of the Worlds“ kombinieren ge- schickt Fiktion und Wissenschaft, allerdings anders als bei Verne. Wells nutzt die Darstel- lung von Technologie und Wissenschaft, um potentielle Gefahren und Risiken alternativer Gesellschaftsentwürfe zu portrÄtieren (vgl. Suerbaum et al. 1981: S. 49). Für Wells gilt „his fictions do not seek to teach science per se but rather to view the universe through scientific eyes“ (Evans 2009: S. 21, Hervorheb. im Original), die Wissenschaft plausibilis- iert seine Gedankenexperimente (vgl. ebd). Ob biologische VerÄnderbarkeit im Rahmen technischer Innovationen, Zeitreisen oder extraterristrische Lebensformen (vgl. Weber 2005: S. 22) - Wells schreiberische Hinterlassenschaft hat eine dunklere Grundierung im Vergleich zu den VerneÜschen Abenteuergeschichten.

Verne und Wells als Wegbereiter des Science Fiction arbeiten sich beide an den Topoi des Fortschritts und einer besseren Welt ab. Ihre jeweiligen Texturen verraten allerdings den optimistischen Technokraten, der dem Erfindungsgeist seines Zeitalters frànt (Verne) und den skeptischen Intellektuellen, der auf unkalkulierbare Risiken des Fortschritts auf- merksam machen will (Wells) (vgl. Alpers 1972: S. 256 f.). Eine Personal- und Ideologie- konstellation, die bezüglich der Darstellung von Wissenschaft und Wissenschaftlern auf- schlussreiche, da divergierende Ansichten zu Tage fàrdert. Im Rahmen dieser Arbeit ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass beide Autoren als ReprÄsentanten einer externen- externen Wissenschaftskommunikation wahrgenommen werden kànnen (vgl. Kap. 3.1). Verne war zwar Akademiker (Anwalt) ist aber ebenfalls als Nicht-Mitglied des Wissen- schaftssystems zu bezeichnen, da er diesen Beruf nicht lange ausgeübt und er sich wisssenschaftlicher Informationen bedient, die er sich nicht innerhalb eines regulÄren u- niversitÄren Studium angeeignet hat. Und auch Wells war trotz theoretischer Ausbildung

[...]


1 http://www.n24.de/news/newsitem_895896.html [Stand: 04.10.2010]

2 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15585/1.html [Stand: 04.10.2010]

3 http://www.spektrum.de/artikel/1030082 [Stand: 04.10.2010]

Details

Seiten
78
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656236252
ISBN (Buch)
9783656236771
Dateigröße
3.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197460
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Wissenschaft und Öffentlichkeit Wissenschaft in Literatur Science-fiction Wissenschaft Medien Öffentlichkeit

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Titel: Wissenschaft in literarischen Bildern: Eine Untersuchung von Science Fiction-Frühwerken des 19. Jahrhunderts