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Gewalt und Bullying an Schulen

Analysen und Theorien der Intervention

Hausarbeit 2011 20 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

I. Definitionen

II. Prävalenz, Theorien und Einflussfaktoren
2.1 Prävalenz
2.2 Theorien zur Entstehung von Gewalt
2.3 Einflussfaktoren

III. Prävention, Intervention, Postvention
3.1 Grundlagen
3.2 Konzepte
3.3 Beispiele

IV. Fazit

Einleitung

In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich die Problematik von Gewalt an Schulen in den letzten Jahren verschärft. Extreme Vorfälle wie das Schulmassaker 2001 in Erfurt oder die schweren Misshandlungen in Lüneburg und Bremen 2004 prägen die Berichterstattung. Empirische Untersuchungen bestätigen diese gefühlte Zunahme der Gewaltausübung an Schulen nicht eindeutig. Verschiedene Umfragen ergaben allerdings, dass etwa die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler Angst vor Gewalt an Schulen hat. Besonders alarmierend ist die Tatsache, dass schon etwa ein Drittel aller Grundschüler sich auf dem Weg nach Hause vor Mitschülern oder Mitschülerinnen fürchtet. Etwa jeder Fünfte Schüler in Deutschland wurde bereits von anderen Schülern und Schülerinnen geschlagen, bedroht oder psychisch angegriffen. Diese hohe Zahl sollte Anlass zum Denken und Handeln sein, sie ist allerdings auch kein Grund in Panik zu verfallen.

Hurrelmann / Bründel stellen fest: "Es hat noch nie eine gewaltfreie Schule gegeben und sie wird wahrscheinlich auch nie existieren"1. Alle Studien der letzten Jahre kommen - oft entgegen "seriöser" Medienberichte - zum Ergebnis, dass die Schule kein Hort schwerer Kriminalität geworden ist. Nach einer Untersuchung des Bundesverbandes der Unfallkassen hat die physische Gewalt an Schulen in den letzten zehn Jahren deutschlandweit sogar abgenommen. Es bleibt allerdings ein gewisser Kern von Gewalttätern, der den Lehrern und Mitschülern das Leben schwer macht. Diese Täter werden immer jünger und die Auseinandersetzungen immer härter. Besorgnis erregend ist auch der Anstieg und der alltägliche Gebrauch verbaler Gewalt. Neben dieser direkten physischen und verbalen Gewalt haben indirekte Formen des Qälens zugenommen. Es ist klar, dass Konflikte zum Schulalltag gehören und man sie nie vollständig verhindern kann. Das wäre auch nicht richtig, denn junge Menschen müssen lernen, wie Konflikte mit friedlichen Mitteln konstruktiv gelöst werden. Es ist also entscheidend, wie mit den Konflikten umgegangen wird. Niemand fühlt sich wohl in einem Klima, wo der Stärkere den Schwächeren unterdrückt, wo Gewalt regiert, geschimpft und gedemütigt wird.

Thema dieser Arbeit ist das Auftreten von Gewalt und Bullying an Schulen in Deutschland und der Umgang damit. In einem ersten Abschnitt werden die Begriffe Gewalt und Bullying definiert und es werden verschiedene Formen der Aggression unterschieden. Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den "normalen" Formen der Gewalt, daher spielen die immer noch seltenen Formen der Amokläufe als auch der Suizide keine weitere Rolle in dieser Arbeit. Außerdem gibt es nach Hurrelmann / Bründel bislang keine abgesicherten Forschungen zu Amokläufen2. In diesen beiden Bereichen sind wahrscheinlich ähnliche Prinzipien (Erhebung des Ist-Standes, Sensibilisierung, Psychische Hilfe u.a.) wie bei den weiter verbreiteten Formen der Gewalt Erfolg versprechend, wie Bründel konstatiert3. Im zweiten Abschnitt wird die Realität in Sachen Gewalt und Bullying auf Basis verschiedener Studien der letzten Jahre diskutiert. Im Anschluss daran werden die Ursachen untersucht und Einflussfaktoren für die Entstehung von Gewalt benannt. Im dritten Abschnitt wird untersucht, wie die Schulen aktuell mit der Problematik umgehen. Prävention, Intervention / Mediation und Postvention findet an Schulen in ganz unterschiedlichen Facetten statt. An manchen Schulen wird sie nur punktuell eingesetzt, an anderen dagegen als dauerhafter Prozess verstanden.Dementsprechend ist ihre Einbindung in in das System Schule verschieden stark ausgeprägt. In einem Fazit werden die Ergebnisse festgehalten und es werden Empfehlungen für eine Erfolg versprechende Anwendung der Prävention, Intervention und Mediation ausgesprochen.

I. Definitionen

Das Thema Gewalt in der Schule spielt eine große Rolle in der Forschung. Ein Blick in die Fachdatenbanken eröffnet über 30.000 Veröffentlichungen zum Thema4. In der Alltagssprache werden die Begriffe "Gewalt" und "Bullying" zumeist als Synonym verwendet. Das ist nicht zutreffend, da diese beiden Aggressionsmodelle unterschiedliche Annahmen und Aussagen zur Beziehung zwischen Täter und Opfer treffen. Aggression ist der umfassendste Begriff und bezeichnet ein evolutionär entstandenes Verhalten, dem unterschiedliche Sinnperspektiven zugrunde liegen können5. Der Begriff stammt vom lateinischen "aggredi", nähern oder angreifen aus. Gewalt stammt nach Bertet / Keller vom althochdeutschen "waltan", stark sein oder beherrschen, ab6.

Gewalt kann in Abgrenzung zum Bullying nach Busch / Todt in vier Unterformen der Aggression aufgeteilt werden7. Diese sind instinktive Aggression zur Verteidigung eines Reviers oder in Notwehr, Ärger-Aggression als Abreaktion einer schlechten Stimmung oder aus Rache, instrumentelle Aggression als Instrument sowie Aggression als Nervenkitzel oder Selbstzweck. Hier spielt die Kräfteverteilung der Kontrahenten eine untergeordnete Rolle. Diese Form der Aggression tritt normalerweise nicht über einen längeren Zeitraum auf, sondern eher im Affekt. Teilweise kann diese Art der Aggression auch als eher harmlose alterstypische Machtkämpfe und Rangeleien verstanden werden. Aggression und Gewalt sind ähnliche Begriffe, von Gewalt spricht man vor allem, wenn Aggression angewandt wird, um anderen zielgerichtet zu schaden. Dabei wird nach Hurrelmann / Bründel zwischen individueller Gewalt und institutioneller Gewalt unterschieden8. Institutionelle Gewalt ist in vielen Instanzen anzutreffen, die die Funktion einer Ordnungsmacht ausfüllen, auch in der Schule. Die Lehrer haben gegenüber den Schülern eine übergeordnete Funktion. Sie können durch Sanktionen - Strafen, schlechte Noten - bestimmte Verhaltensweisen erzwingen. Diese Form der Gewaltanwendung ist nach Haux-Schoppenhorst gesellschaftlich akzeptiert9. Sie wird illegitim, wenn ihr Ziel nicht die Förderung der Schüler ist, sondern Unterdrückung als Form der Machtausübung. Fast alle Schüler wurden nach Krumm während ihrer Schulzeit in der einen oder anderen Form durch Lehrer geschädigt10. Eine zunehmende Zahl von Schülern sieht sich durch die bestehenden gesellschaftlichen und sozialen Umstände strukturelle benachteiligt und sucht darin eine Legitimation für ihre Abkehr von der Schule. Im Rahmen der individuellen Gewalt wird zwischen physischer, verbaler, psychischer, sexueller, geschlechterfeindlicher, fremdenfeindlicher und rassistischer Gewalt unterschieden.

Anders verhält es sich beim "Bullying" und kontinuierlicher Gewaltanwendung. Dort herrscht in der Regel ein Ungleichgewicht an Kräften vor und die Konflikte erstrecken sich über einen längeren Zeitraum. Dadurch wird das Machtgefälle zwischen Tätern und Opfern immer größer, was es den Opfern immer schwerer macht, sich zur Wehr zu setzen. Bullying ist ein relativ neuer Begriff, wie Scheithauer / Bull deutlich machen11. Im schulischen Kontext eignet sich dieser Begriff aber besser, wie Spröber / Schlottke / Hautzinger konstatieren12. Bullying ist zunächst einmal der Gebrauch von verschiedenen Formen von Gewalt unter Schülern. Dies beinhaltet nach Olweus Situationen, in denen eine Einzelner einen anderen quält und Situationen. in denen eine Gruppe Quälereien gegen ein Individuum oder eine Gruppe begeht13. Neben direkten Formen des Bullying gibt es auch indirekte Formen. Der Begriff des Bullying reicht von körperlicher und verbaler Gewalt bis hin zu psychologischen Handlungen, wie dem Ausschließen eines Schülers, abwertenden Gesten oder Verbreiten von Gerüchten.

Dafür hat sich der Begriff der "Viktimisierung" oder des "passiven Bullying" eingebürgert. In jüngster Zeit hat auch der Begriff des "Cyber-Bullying" immer häufiger Verwendung gefunden. Er bedeutet, Drohungen oder Gerüchte über das Internet, z.B. über Facebook auszusprechen. In der Schule hat das Opfer auch wenig Möglichkeiten dem Zugriff des Täters oder der Täter zu entziehen. Daher wird das Bullying vom Opfer in der Schule meist als besonders bedrückend empfunden. Ziel ist der Erwerb von Macht, Ansehen oder materieller Güter.

In dieser Arbeit wird der Begriff des Bullying nach Spröber / Schlottke / Hautzinger verwendet14. Demnach bedeutet Bullying, dass "ein Schüler oder eine Gruppe von Schülern systematisch, wiederholt und über einen längeren Zeitraum hinweg den negativen Handlungen eines anderen Schüler oder einer Gruppe ausgesetzt ist"15. Es ist ein Problem, dass in der Diskussion der Begriff häufig verschieden verwendet wird. Jüngere Schüler verstehen darunter vor allem die körperliche Gewaltausübung, ältere Schüler erkennen auch indirektere Formen. Auch Lehrer und Eltern verstehen häufig unter dem Begriff etwas anderes. Besonders Hauptschüler nehmen psychische Gewalt meist gar nicht wahr, wie Sobrino in ihrer Studie belegen konnte16.

Die Folgen für das Opfer sind nach Scheithauer / Bull vielfältig und reichen von Psychosomatischen Schäden, gestörtem Essverhalten, sinkender schulischer Leistungsfähigkeit und Hilflosigkeit über Fernbleiben, Isolation und Depression bis hin zu Suizidgedanken17. Das Verhalten kann langfristige Folgen für die Täter haben, denn je früher ein (Fehl-) Verhalten auftritt, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Verhalten sich verfestigt. Die Folgen für die Täter sind Delinquenz, riskante Verhaltensweisen, sinkende schulische Leistungen und ein geringes prosoziales Verhalten. Auch das Risiko späteren begleitenden Fehlverhaltens, z.B. Kriminalität, Alkoholismus, Drogenkonsum, ist bei den Tätern deutlich höher. Sowohl für Täter als auch Opfer kann es zu einem Teufelskreis kommen. Risikofaktoren und erlernte Verhaltensmuster verstärken sich dann gegenseitig

II. Prävalenz, Theorien und Einflussfaktoren

2.1 Prävalenz

Nach Haux-Schoppenhorst werden drei Gefährdungsgrade unterschieden18. Grad eins betrifft Notfälle im Verantwortungsbereich der Schule: Rangeleien, kleinere Schlägereien, Beleidigung der Lehrkräfte, wiederholte Anpöbelei, Sachbeschädigung, Diffamierungen, Selbstmordgedanken und ein Todesfall im Umfeld. Grad zwei bezeichnet Fälle im schulischen und außerschulischen / gerichtlichen / polizeilichen Verantwortungsbereich: Körperverletzung, Raub, Morddrohung (auch im Internet), Amokdrohung, schwere Sachbeschädigung, Mobbing, sexuelle Übergriffe, Waffenbesitz / -Gebrauch, Mobbing, sexuelle Übergriffe, Selbstmordversuch. Der dritte Grad betrifft Totschlag, Amoklauf, Selbstmord, Brand. Die große Mehrheit der auftretenden Fälle spielt sich im ersten oder zweiten Grad ab.

Physiche Gewalt gegen Lehrer ist selten, häufiger kommt es zu anderen Formen der Aggression. Besonders wichtig dabei sind Unterrichtsstörungen. Diese können plannvoll und gezielt oder auch reflexhaft geschehen, was für den Lehrer schwer zu unterscheiden ist. Dies führt häufig dazu, dass Lehrer ihren daraus resultierenden Unmut wiederum an den Schülern auslassen. Betrachtet man das Auftreten physischer Gewalt unter Schülern liegt die Zahl der in Vorfälle verwickelten Schüler bei etwa 10 - 15 %. Am häufigsten kommt es zu verbaler Gewalt, ca. 10 - 25 % waren es in der repräsentativen Studie von Schmitt19, die über 1.000 Schüler befragte. Dazu kommen zahlreiche Opfer von psychischer Gewaltanwendung.Diese sind weit verbreitet, ca. 50 % der Schüler machen mindestens einmal damit Erfahrungen. Auch sexuelle Gewalt, wie z.B. Rock hochziehen, spielt eine größere Rolle als angenommen. Sie ist eine Machtdemonstration und wird fast ausschließlich von Schülern gegen Schülerinnen angewandt.

Nach Hurrelmann / Bründel tritt sexuelle Gewalt bei 6 % fast täglich auf, bei 3 % mehrmals die Woche, bei 6 % mehrmals monatlich und bei 20 % alle paar Monate auf20. Deutlich seltener ist sexuelle Gewalt gegen Lehrerinnen oder sexuelle Gewalt von Lehrern gegen Schülerinnen. Letztere äußert sich durch Komplimente, Griffe im Sportunterricht oder durch das Betreten der Toiletten und Umkleiden. Diese Übergriffe stellen eine besondere Grenzüberschreitung dar und sollten nicht verharmlost werden. Insgesamt ist nach Tillmann der Anteil von Mehrfach-Delinquenten relativ gering, aber auf diesem niedrigen Niveau hat eine gewisse Stabilisierung, wenn nicht sogar eine leichte Steigerung stattgefunden hat21. Nach anfänglichen Unterschieden zwischen Ostund Westdeutschland gibt es mittlerweile in Sachen Gewaltanwendung in der Schule eine hohe Übereinstimmung, wie Schubarth u.a. feststellen22.

[...]


1 Hurrelmann, Klaus und Bründel, Heidrun: Gewalt an Schulen, S.7.

2 Hurrelmann, Klaus und Bründel, Heidrun: Gewalt an Schulen, S.71.

3 Bründel, Heidrun: Aggression in der Schule, S.89f.

4 Dollase, Rainer: Gewalt in der Schule, S.7.

5 Siehe dazu: Nolting, Hans-Peter: Lernfall Aggression.

6 Bertet, Roland und Keller, Gustav: Gewaltprävention in der Schule, S.12.

7 Busch, Ludger und Todt, Eberhardt: Aggression in der Schule, S.1

8 Hurrelmann, Klaus und Bründel, Heidrun: Gewalt an Schulen, S.20.

9 Haux-Schoppenhorst, Thomas: Rempler, Mobber, Steinewerfer, S.23.

10 Krumm, Volker: Wie Lehrer ihre Schüler disziplinieren, S.30f.

11 Scheithauer, Herbert und Bull, Heike Dele: fairplayer. manual, S.14.

12 Spröber, Nina; Schlottke, Peter F.; Hautzinger, Martin: Bullying in der Schule, S.4f.

13 Olweus, Dan: Gewalt in der Schule, S. 9.

14 Spröber, Nina; Schlottke, Peter F.; Hautzinger, Martin: Bullying in der Schule, S.6.

15 Ebd.

16 Sobrino, Maribel Soto: Erziehung kontra Aggression, S.40.

17 Scheithauer, Herbert und Bull, Heike Dele: fairplayer. manual, S.15.

18 Haux-Schoppenhorst, Thomas: Rempler, Mobber, Steinewerfer, S.29.

19 Schmitt, Annette: Konfliktmediation in der Schule, S.11.

20 Hurrelmann, Klaus und Bründel, Heidrun: Gewalt an Schulen, S.84f.

21 Tillmann, Klaus-Jürgen: Gewalt an Schulen, S.19.

22 Schubarth, Wilfried; Dange, Kerstin; Mühl, Manuela; Ackermann, Christoph: Im Gewaltausmaß vereint?, S.117.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656236115
ISBN (Buch)
9783656238966
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197466
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Gesundheit in der Lehrerkompetenz
Note
1,0
Schlagworte
Gewalt Bullying Mobbing Schule Schulen Hauptschule Realschule Gymnasium Grundschule Auftreten Prävalenz Ursachen Diagnose Ursache Diagnostik Prävention Intervention Mediation verhindern Maßnahmen Trainings Programme Trainingsprogramme Durchführung Erfolg Faustlos Schüler Kinder Opfer Täter Untersuchung Daten Ergebnisse

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