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Zu Schorsch Kameruns „Ein Menschenbild, das in seiner Summe Null ergibt“

Besondere Betrachtung der Übergänge

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 19 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Autor „Schorsch Kamerun“

3. Inhalt und Stil

4. Teilanalyse: Übergänge

5.. Fazit

6. Literaturangaben

1. Einleitung

Das Hörspiel vom „Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt“ wurde vom Autor Schorsch Kamerun inszeniert und in den Hörfunkstudios des WDR unter der Leitung von Martina Müller-Wallraf produziert. Am 25.09.2006 wurde es zum ersten Mal gesendet und im selben Jahr gewann das Stück den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“. Zur Begründung schrieb die Jury:

„(…) Kamerun inszeniert das mit bestem Gebrauch radiophoner Mittel. Musik und Atmosphäre geben das Thema vor, ein auswegloses Kreisen in Wiederholungen, mit winzigsten Variationen, mit seltenen Ausbrüchen von Heftigkeit . In Sprache und Musik sind sehr sorgfältig Kontraste montiert, die sich gegenseitig mattsetzen. Er arbei­tet mit Groteske und Komik – aber wenn man lacht, ist man zugleich tief entsetzt. Dieses irritierende Stück Gesellschaftskritik überzeugte in der Radikalität der Aussage und dem souveränen Gebrauch des Mediums Radio.“[1]

Das Stück lässt sich nur schwer einer Grundform des Spielgeschehens zuordnen. Es ist weder reines Schallspiel, noch ein Dialogspiel im Sinne von Fischer (vgl. Fischer, S.87 ff.). Im Prinzip reiht Kamerun mehrere Monologe im Stil einer Collage aneinander. Selbst, wenn die Geschichten so wirken, als würden sie in einem Art Interview entstehen, bleiben die Begleiter der Erzähler so unauffällig, dass sie praktisch nicht wahrnehmbar sind. Und auch der Dialog zweier Frauen bleibt ein Selbstgespräch jeder einzelnen mit sich selber. Damit bleibt Schorsch Kameruns Stück wie er selbst: nicht einzusortieren in vorgefertigte Schubladen. Er benutzt das Stilmittel des „Bewusstseinsseinsstroms“, bei dem es nicht um den inneren Monolog einer Figur geht, sondern um die kommentarlose Präsentation der Innenwelt einer oder mehrerer Figuren in einer Art radikalisierten, personalen Erzählweise.[2] Kameruns Universum scheint aus Absurditäten und Freaks zu bestehen, allerdings ist er nur der Verwerter der realen Eindrücke, die er in unserer Gesellschaft beobachtet. Und deswegen schauen wir in einen Spiegel, der uns und unser Leben zu reflektieren scheint und können erkennen, dass die „Freaks“ nur ein Abbild unseres Ichs sind.

Nach der Auseinandersetzung und Präsentation des Hörspiels im Seminar hat mich besonders die Art und Weise der Übergänge in dem Stück interessiert, da diese zur inhaltlichen Kontrastbildung erheblich beiträgt, ohne dabei deutlich in Erscheinung zu treten. Durch ihren Beitrag zur Kontrastierung des Inhalts fügen sie sich in das Gesamtkonzept des Hörspiels ein. Die Vorsitzende der Jury schrieb in ihrem Kommentar zur Urteilsbegründung:

„Die Menschen in Kameruns Hörspiel leben in einer indirekten Welt, zugeschüttet mit einem Übermaß an Null-Information. Sprechen sie, zitieren sie? Ist das Plattheit oder Ironie? Und wo sind wir überhaupt? In der Wirklichkeit, im Fernsehen, in einer Talkshow, im Gespräch, in der Satire? Ausdrücklich lobte die Jury, dass Kamerun diese Unsicherheit, diese Desorientierung bewusst benutzt, so dass sie sich von den Figuren im Stück auf das Publikum überträgt. Wir haben viel gelacht beim Hören. Und waren zugleich tief entsetzt. Die Art, wie Kamerun die Medienwirklichkeit zur Kenntlichkeit verzerrt, ist komisch und verzweiflungsvoll zugleich.“ (Dünnebier, online unter: http://www.kbwn.de/html/horspiele.html)

Daher liegt der Schwerpunkt der Analyse in Kapitel 4 auf drei exemplarisch geltenden Übergängen. Die Analyse ist unvollständig, da zum einen die Beiträge in wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Übergänge – Schnitte sehr dürftig ist, zum anderen, weil der Künstler auf mehrere Anfragen zum Stück meinerseits leider nicht reagiert hat. Somit bleibt die Analyse auf gewisse Art und Weise vage. Trotzdem wurde versucht, die einzelnen Methoden so gut es ging zu analysieren und den Effekten der Übergänge nachzuspüren.

2. Der Autor „Schorsch Kamerun“

Um das Hörspiel vom Menschenbild besser zu verstehen, ist ein Blick auf den Werdegang von Schorsch Kamerun sehr hilfreich. Denn seine Botschaften an die Zuhörer sind oftmals verschleiert, häufig ironisch überspitzt und noch häufiger immer die gleichen. Es sind Warnungen mit dem erhobenen Zeigefinger, die aus dem Universum Kameruns die Zuhörer erreichen. In der Mitte dieses Universums steht der Künstler selbst und er be- und verarbeitet von dort aus die „Fehler“ in der Organisation unserer Gesellschaft. Wie eine Supernova zieht er die menschlichen Verfehlungen im Umgang mit anderen an, um sie in Form von Performances, Theaterstücken und Hörspielen wieder zurückzuschleudern, die seiner Wut auf Teile „des Systems“ wiedergeben sollen. Oberflächlichen Betrachtungen erschließen sich die Botschaften von Schorsch Kamerun nicht immer, weshalb er auch oftmals in die Kritik gerät, besonders, wenn es sich um subventionierte Produktionen handelt. Der jüngste Vorwurf im SPIEGEL: „Kameruns Glanz und Elend bestehen darin, dass dabei zuverlässig nichts herauskommt. Sein Theater ist praktisch immer ein Theater der totalen Ratlosigkeit.“ (vgl. SPIEGEL 50/2011, S.141) Dabei macht der Künstler nur, was er schon sehr lange macht: Er kritisiert die Lebensumstände, in denen wir (die regionale und globale Gesellschaft) sich bewegen. Schorsch Kamerun wurde 1963 in Timmendorfer Strand unter dem bürgerlichen Namen Thomas Sehl geboren. Nach der Lehre zum KFZ-Mechaniker zog es ihn Anfang der 80ziger Jahre nach Hamburg, wo er im Umfeld der damals hart umkämpften Hafenstraße lebte und Mitbegründer der Punkband „Die Goldenen Zitronen“ wurde. Er ist der Sänger der Band, zum einen begründet durch die Unfähigkeit, Instrumente zu spielen, zum anderen, weil die Rolle des Ausrufers zu ihm passt. Die Zitronen spielen gegen Staat und Kleinbürgertum; mit übersteuerten Klängen von Elektrogitarren werden Dissonanzen wider der Staatsmacht erzeugt und begleitend zur oftmals falsch klingenden Musik singt und schimpft ein hysterischer Kamerun mit der Stimme eines Jugendlichen, der vielleicht niemals den Stimmbruch überwinden wird. Der Sound klingt immer etwas neben der Spur und das ist ein gewolltes Konzept bei den „Goldies aus Hamburg“ (so nennt sich die Band selber): auf keinen Fall die ausgetretenen Pfade des Mainstreams benutzen, neben der Spur ist die Position der Kritik am besten aufgehoben. (vgl. Gräff[3] ). Selbst gegen die Punkbewegung als solches rebellieren die Goldenen Zitronen, indem sie bei Auftritten in Blümchenpyjamas auf der Bühne stehen, um sich nicht den allgemein gültigen Punksymbolen zu verpflichten.

Diese Haltung hat sich Kamerun stets bewahrt. Er probiert sich in den folgenden Jahren als Theaterregisseur und Hörspielautor aus und entdeckt den öffentlich-subventionierten Raum für sich und seine Produktionen. Auch dieses Verhalten ruft Kritiker auf den Plan. Alte Weggefährten werfen ihm vor, vom Staatsapparat und der Wirtschaft assimiliert worden zu sein (schließlich gehören zu den Förderern von den Bühnen, auf denen auch Kamerun inszeniert, auch große Banken und ähnliche Institute), was ein echter Punk (Mitte der 80ziger Jahre) niemals gemacht hätte. Die andere Seite sieht eher das Problem, das Subventionsgelder für Produktionen verschwendet werden, deren inhaltliche Botschaften nur schwer, wenn überhaupt, zugänglich sind. Für Kamerun ist der öffentlich-rechtliche Raum nichts weiter als die letzte Zuflucht für wirkliche Künstler:

„ Er findet Subventionen für Kultur in Ordnung, jetzt, wo es keine anderen Orte mehr gibt, an denen man sich ausprobieren kann, ohne es mit Camel-Werbung bezahlen zu müssen.“ (ebd.)

Weil die globalisierte Wirtschaft in ihrem ewigen Hunger ständig auf der Suche nach neuen Vermarktungsideen ist, wird die Arbeit für freie Künstler immer schwieriger. Denn entweder muss man sich Sponsoren beugen und Modifikationen der eigenen Arbeit hinnehmen (und das ist besonders schwierig, wenn man eben diese Sponsoren eigentlich kritisiert) oder aber es wird für „cool“ erklärt, was sich vom Mainstream unterscheidet und sofort zur Mode gemacht, die eher Posen als Positionen deklariert, ohne Interesse am eigentlichen Inhalt (ein Beispiel hierfür ist das Magazin „Businesspunk“, welches das Bild der Betriebsabteilungsleiter mit dem der anarchistischen Rebellen vermengt. Eine Emulsion, die widersprüchlicher nicht sein könnte).

„ Grundsätzlich finde ich, geht es aber schon zu weit, wenn mein Inhalt durch die Verbindung mit bestimmten Marken eingefärbt wird. Ich weiß aber auch, dass es da überwiegend ein wesentlich schmerzfreieres Empfinden gibt. Ich habe das Staatstheater in diesem Punkt bisher als großen Freiraum empfunden, gerade im Vergleich zu dem sogenannten Independent-Musik-Bereich, aus dem ich komme. Räume, die unangestrichen sind von Markeninteressen, gibt es dort kaum noch. Wenn wir mit den Goldenen Zitronen auf einem Festival spielen, dann hängen meistens rechts und links der Bühne große Werbebanner. Im Theater ging das bisher noch ganz gut ohne. Diesen luxuriösen Status darf man nicht leichtfertig aufgeben! Staatsubventionskultur ist immer eine geschützte, luxuriöse Nische; aber wenn es die nicht geben würde, dann hätten wir eben nur RTL2.“ (vgl. Briegleb[4] )

Somit bleibt Kamerun seiner Haltung treu und verweigert sich den allgemein üblichen Sitten und bezieht dort Position, wo man Künstler wie ihn bisher nicht erwartet hatte. In diesem Umfeld wurde dann schließlich das Hörspiel vom Menschenbild produziert.

[...]


[1] Online verfügbar unter: http://www.filmstiftung.de/presse-publikationen/pressemitteilungen/56-horspielpreis-der-kriegsblinden-geht-an-schorsch-kamerun/

[2] Seite „Bewusstseinsstrom“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Online verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bewusstseinsstrom&oldid=99861612

[3] Online verfügbar unter: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2007/04/25/a0053

[4] Online verfügbar unter: http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2010/09/04/a0047&cHash=2d3f13f8f1

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656236559
ISBN (Buch)
9783656279594
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197482
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
schorsch kameruns menschenbild summe null besondere betrachtung übergänge

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