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Georg Freiherr von Vincke und die Spaltung seiner liberalen Fraktion in der Zeit der Neuen Ära 1858 - 1861

Hausarbeit 2012 23 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Zielsetzung der vorliegenden Arbeit
1.2. Forschungsstand und Quellenlage

2. Zur Person Georg von Vinckes
2.1. Frühe Lebensjahre und politische Betätigung vor 1858
2.2. Politische Grundauffassungen Vinckes

3. Die Spaltung der Fraktion Vincke in der „Neuen Ära“
3.1. Historischer Kontext: Liberale Machtübernahme im preußischen Abgeordnetenhaus zu Beginn der „Neuen Ära“
3.2. Gründe für die Spaltung der Fraktion
3.2.1. Verschiedene politische Lager
3.2.2. Rittertum vs. Bürgertum – Standesunterschiede
3.2.3. Charakter und Führungsstil Vinckes
3.2.4. „Nur nicht drängen“ – Schleppende Konsenspolitik Vinckes
3.2.5. Streitfrage: Militärreform und Budgetrecht 1860
3.2.6. Streitfrage: Deutsche Einigungspolitik
3. 3. Organisation der Linksliberalen und rasanter Machtzuwachs
3.3.1. „Jung-Litauen“ und Gründung der DFP
3.3.2. Siegeszug der DFP und politischer Niedergang Vinckes

4. Fazit

Anhang
1. Verwendete Abkürzungen
2. Bibliographie

1. Einleitung

1.1. Zielsetzung der vorliegenden Arbeit

In dem Artikel der ADB zu dem preußischen Abgeordneten Georg Freiherr von Vincke heißt es: „Immerhin bleibt der Eindruck, den die historische Figur des Parlamentariers G[eorg] v[on] V[incke] hinterläßt, nicht sehr erfreulich, weil die Unfruchtbarkeit dieses Lebens erschreckt.“[1] Diese kritische Feststellung verwundert auf den ersten Blick, da Georg von Vincke einer der bekanntesten liberalen Politiker im preußischen Abgeordnetenhaus ab dem Jahr 1849 bis hin zur „Neuen Ära“ war. Gerade die Zeit der „Neuen Ära“ war es jedoch, die dem wortgewaltigen Parlamentarier mit westfälischen Wurzeln ein jähes Ende seines großen politischen Einflusses im Abgeordnetenhaus bescherte: War Vincke im Jahr 1858 noch der Fraktionsführer der liberalen Mehrheitsfraktion gewesen, so führte er bereits drei Jahre später nur noch eine unbedeutende liberale Kleinfraktion, die sich in der Folge immer weiter zersplitterte. Der Grund für diesen rasanten politischen Abstieg Vinckes ist in den Zerwürfnissen innerhalb der liberalen Partei ab 1858 zu suchen. Das Resultat dieser Streitigkeiten war die Abspaltung einiger Abgeordneter, die im Sommer 1861 zu der Gründung der DFP führte, welche in Opposition zu Vincke ging und in den folgenden Jahren die größte liberale Fraktion im preußischen Abgeordnetenhaus wurde und damit eine Radikalisierung des Liberalismus bewirkte, der letztendlich zum preußischen Verfassungskonflikt führt.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Spaltungen in der liberalen Fraktion Vincke in der Zeit von 1858 bis 1861 zu beschreiben und vor allem die Gründe dafür aufzuzeigen.

Dazu werde ich, nach einem Überblick über den Forschungsstand und die verwendeten Quellen, Georg von Vincke hinsichtlich seiner politischen Karriere vor 1858 und seiner politischen Grundauffassungen näher vorstellen, sodass sein grundsätzlicher politischer Standpunkt, der ab 1858 immer mehr angezweifelt wurde, erkennbar wird.

Im Hauptteil zeige ich dann die politischen Gründe für den Streit in der Fraktion auf. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist die Heterogenität der Fraktion Vincke, die zunächst noch verschiedene auseinanderdriftende politische Grundhaltungen in sich vereinen konnte. Weitere Streitpunkte, die ich erläutern werde, sind die unterschiedlichen Haltungen zu tagespolitischen Fragen, wie die der Militärreform und der deutschen Einheitsbemühungen.

Nachdem beschrieben wurde, wie sich die Spaltung der Fraktion Vincke bis zur Gründung der DFP vollzog, umreiße ich die weiteren politischen Aktivitäten Vinckes nach der Gründung der DFP bis zu seinem Tod, um am Ende, unter Zusammenfassung meiner Ergebnisse, die Frage zu diskutieren, ob man Vinckes politisches Schaffen tatsächlich als „unfruchtbar“ bezeichnen kann.

1.2. Forschungsstand und Quellenlage

Wie die folgenden Seiten zeigen werden, war Georg von Vincke, sowohl während der Deutschen Revolution, als auch als Abgeordneter der Zweiten Kammer bzw. des Abgeordnetenhauses in Preußen ein vielbeachteter Politiker. Dennoch existieren kaum zusammenhängende Publikationen, die sich seinem Leben und seiner Politik annehmen. Eine junge Ausnahme bildet die Vincke-Biographie „Recht muß doch Recht bleiben“ aus dem Jahr 2009[2]. Der Autor Hans-Joachim Behr arbeitete als Archivar in Münster und zitiert in seinem Buch aus einer Fülle von Akten, die die Grundlage für ein plastisches und sehr gut recherchiertes Gesamtbild Vinckes bilden. Behrs Werk soll in dieser Arbeit die Grundlage für die meisten biographischen Angaben Vinckes, insbesondere vor dem Jahr 1858 und nach dem Jahr 1861, bilden.

Viele Publikationen geben zwar einen umfassenden Überblick über die politischen Fraktionen in der „Neuen Ära“, gehen aber auf die Spaltung der liberalen Fraktion nur oberflächlich ein. Um diese zu ergründen, war jedoch besonders Gerhard Eisfelds Werk „Die Entstehung der liberalen Parteien in Deutschland“ von 1969 hilfreich. Des Weiteren wirft Ludolf Parisius’ Publikation zur deutschen Parteiengeschichte aus dem Jahr 1878 einen detaillierten und relativ zeitnahen Blick auf diese Thematik.

Ludolf Parisius hat zudem mit seiner mehrteiligen Schrift über das Leben von Leopold Freiherr von Hoverbeck eine umfassende Biographie über einen Abgeordneten geschaffen, der als einer der ersten aus der Fraktion Vincke austrat. Martin Philippson beschreibt in seinem Werk über Max von Forckenbeck einen vergleichbaren Abgeordneten. Besonders diese beiden Werke liefern gute Einblicke in die Geschehnisse in der Fraktion Vincke in den Jahren 1860 und vor allem 1861, sowie interessante Quellenfragmente in Form von Reden oder Briefen der Abgeordneten. Philippsons Werk ist jedoch mit einem Maß an kritischer Distanz zu betrachten, da es eindeutig Stellung für Max von Forckenbeck bezieht.

Um die politischen Ideale Georg von Vinckes herauszuarbeiten, wurde eine seiner Reden, abgedruckt in dem ersten Band des von Peter Wende herausgegebenen Sammelbandes politischer Reden, zurate gezogen. Wenngleich diese Rede auf dem Vereinigten Landtag von 1847 gehalten wurde und somit aus dem Rahmen des hauptsächlich behandelten Zeitraumes fällt, so ist sie dennoch im Sinne der Fragestellung verwertbar, da viele in der Rede geäußerte Aspekte dauerhaft die Grundlage für Vinckes politische Vorstellung und Betätigung bildeten. Der Briefwechsel Max Dunckers und ein im Anhang zu Siegfried Bahnes Zeitschriftenbeitrag „Vor dem Konflikt. Die Altliberalen in der Regentschaftsperiode der ‚Neuen Ära’“ veröffentlichter Brief von Carl von Vincke-Olbendorf aus dem Jahr 1860 zeigen die politischen Haltungen der engsten Parteifreunde Vinckes und bestätigen Vinckes Grundhaltungen größtenteils.

2. Zur Person Georg von Vinckes

2.1. Frühe Lebensjahre und politische Betätigung vor 1858

Georg Freiherr von Vincke wurde am 15. Mai 1811 auf dem Adelssitz Haus Busch bei Hagen in Westfalen geboren. Sein Vater war Ludwig Freiherr von Vincke, der als erster Oberpräsident der preußischen Provinz Westfalen berühmt wurde.[3]

Nach dem Abitur studierte Georg von Vincke Jura und Kameralwissenschaften in Göttingen und Berlin. Im Anschluss an seinen Dienst als Einjährig-Freiwilliger bei der preußischen Armee, den er im Juni 1832 antrat, arbeitete er zunächst als Referendar am Oberlandesgericht in Münster und in Berlin, um in der Folge in Münster und Minden als Richter zu wirken.[4]

Die große politische Bühne betrat Vincke am 4. Februar 1847, als alle acht Provinziallandtage[5] auf Geheiß des Königs zum Ersten Vereinigten Landtag Preußens einberufen wurden. Dort trat Vinckes rednerisches Talent erstmals gegenüber einem weiten Teil der Öffentlichkeit, wie auch gegenüber dem König, zutage und er handelte sich schnell den Ruf eines „Oppositionsführers“ ein.[6] Diese Bezeichnung ist zumindest teilweise zutreffend, da Vincke sich durch die Forderung nach Wiedereinberufung der Reichsstände eine Gewissensprüfung, sowie eine deutliche Ermahnung des Königs einhandelte, in Zukunft von „irrigen Ansichten über die ständische Gesetzgebung“[7] Abstand zu nehmen.

Während der Barrikadenkämpfe in der Märzrevolution 1848 gewann Friedrich Wilhelm IV. jedoch einen positiven Eindruck von Vincke, der mehrmals zu Beratungen angesichts der revolutionären Lage zum König geladen wurde und deeskalativ auf den König einwirken konnte. Friedrich Wilhelms gute Meinung von Vincke gipfelte sogar darin, dass er versuchte, Vincke als preußischen Ministerpräsidenten zu gewinnen, um mit dem königstreuen Liberalen die Lage weiter zu beruhigen. Vincke lehnte dies jedoch mehrmals entschieden ab, da er Friedrich Wilhelm nicht als einen geeigneten König für eine konstitutionelle Monarchie nach seiner Vorstellung betrachtete.[8]

Statt des Ministeramts nahm Vincke die Wahl in das liberale Paulskirchenparlament an, wo er als Mitglied der äußerst rechten „Café Milani“-Fraktion für sein Staatsbild der konstitutionellen Monarchie, sowie für antirevolutionäre politische „Mäßigung“ eintrat und sich somit von der revolutionären Parlamentslinken deutlich distanzierte.[9] Nach dem Scheitern der Paulskirchenversammlung nahm Vincke an dem Gothaer Nachparlament im Sommer 1849[10] und dem Erfurter Unionsparlament 1850[11] teil. Beide Versammlungen verliefen jedoch ergebnislos und brachten die Deutsche Einigung nicht voran.

Viel wichtiger ist Vinckes Abgeordnetentätigkeit in der Zweiten Kammer des preußischen Landtages. Hier griff er das reaktionäre Ministerium unter Otto von Manteuffel auf das Schärfste an, da es Revisionen der 1848 verabschiedeten preußischen Verfassung durchführte.[12] Besonders forderte Vincke ein Gesetz zur Ministerverantwortlichkeit[13], das aber, ebenso wie seine Opposition zur von Manteuffel unterzeichneten Olmützer Punktation, die zugunsten des Ausgleichs mit Österreich Bestrebungen zur deutschen Einigung unter Preußen zurückschraubte[14], und andere seiner Forderungen, nicht groß beachtet wurde. Stattdessen schrumpfte die liberale Fraktion bei den Wahlen von 1855 auf ihren absoluten Tiefpunkt mit gerade 35 Mandaten im Abgeordnetenhaus.[15]

Während Vincke also in der Paulskirche noch als Advokat der „Mäßigung“ in politischen Fragen auftrat, so ist seine Tätigkeit in der Zweiten Kammer des preußischen Landtages während der Reaktionsära als seine „wilde Phase“ zu bezeichnen. Schließlich stand Vincke in absoluter Opposition zum Ministerium Manteuffel und klagte es in sämtlichen Punkten an.[16] Er musste jedoch einsehen, dass seine Bemühungen aufgrund der konservativen Übermacht umsonst waren. Dies war sicherlich auch einer der Gründe dafür, dass Vincke sich 1855 vorerst in sein Privatleben zurückzog.[17]

[...]


[1] Petersdorff, Herman von: „Vincke, Georg Freiherr von“, in: ADB, Band XXXIX [Hrsg. Historische Commission der königl. Akademie der Wissenschaften], Leipzig 1895, S. 751f.

[2] Für die detaillierten bibliographischen Angaben s. für dieses Kapitel: Bibliographie im Anhang.

[3] vgl. Behr, Hans-Joachim: „Recht muß doch Recht bleiben“. Das Leben des Freiherrn Georg von Vincke (1811-1875), Paderborn 2009, S. 15f.

[4] vgl. Behr (2009), S. 24-37; vgl. Eisfeld, Gerhard: Die Entstehung der liberalen Parteien in Deutschland 1858-1870. Studie zu den Organisationen und Programmen der Liberalen und Demokraten, Hannover 1969, S. 69.

[5] Georg von Vincke führte ab April 1837 das Amt des Landrats für den Kreis Hagen aus und war somit Mitglied im Westfälischen Provinziallandtag; vgl. Behr (2009), S. 57.

[6] vgl. Eisfeld (1969), S. 69.

[7] zit. nach Behr (2009), S. 103.

[8] vgl. Behr (2009), S. 117-120; vgl. Klocke, Friedrich von: Georg von Vincke und der preußische Thronfolger Wilhelm um 1848. Bemerkungen aus unveröffentlichten Akten und Briefen, in: Westfälische Forschungen 8 [Hrsg. Franz Petri] Münster 1955, S. 97.

[9] vgl. Behr (2009), S. 137-143.

[10] vgl. Petersdorff (1895), S. 748

[11] vgl. Eisfeld (1969), S. 70.

[12] vgl. Behr (2009), S. 209-211.

[13] vgl. Behr (2009), S. 224.

[14] vgl. Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Band III, Stuttgart 31988, S. 181.

[15] vgl. Parisius, Ludolf: Deutschlands politische Parteien und das Ministerium Bismarck. Ein Beitrag zur vaterländischen Geschichte, I, Berlin 1878, S. 22.

[16] „V[incke] war unerschöpflich in der Erfindung von Verlegenheiten für das Ministerium“, Petersdorff (1895), S. 749.

[17] vgl. Behr (2009), S. 249f.

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656237631
ISBN (Buch)
9783656239352
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197557
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
Vincke Liberalismus Altliberale Preußen Friedrich Wilhelm IV. Wilhelm I. Parlament Deutsche Fortschrittspartei Neue Ära

Autor

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Titel: Georg Freiherr von Vincke und die Spaltung seiner liberalen Fraktion  in der Zeit der Neuen Ära  1858 - 1861