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Die wissenschaftliche Psychologie und ihre Folgerungen für die Erziehung der menschlichen Natur

Essay 2002 12 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhalt

1. "KINDER UND LITERATUR ZUERST"

2. P WIE PHILOSOPHIE, PHYSIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE

3. DIE PÄDAGOGIK - EIN NATURWISSENSCHAFTLICHER SPIELBALL

4. VON WUNDT ZU DEWEY
WILHELM WUNDT (1832 - 1920)
WILHELM AUGUST LAY (1862 - 1926) UND ERNST MEUMANN (1862 - 1915)
STANLEY HALL (1844 - 1924)
WILLIAM JAMES (1842 - 1910)
JOHN DEWEY (1859 - 1952)

5. RESÜMEE

6. ZUSAMMENFASSUNG

1. "Kinder und Literatur zuerst"

Wie hat die neue Sichtweise1 der "empirisch-analytischen Denkrichtung" die Ansichten zur "Erziehung der menschlichen Natur" beeinflusst? Was bedeutete die Institutionalisierung der Psychologie, dieser bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts wagen Wissenschaft, zwischen Philosophie und Physiologie und ihre Unterteilung in neue Themengebiete für die Pädagogik und umgekehrt? Dabei sollte mir MARC DEPAEPES Monographie "Zum Wohl des Kindes? "2 helfen. Nach einer kleinen Annäherung an die Begrifflichkeiten und "Vorgeschichte", werde ich in DEPAEPES Arbeit eintauchen, wobei kurze seitliche Blicke auf Ansichten anderer Autoren, sowie meine eigene Meinung nicht fehlen werden.

Um Aussagen von DEPAEPE in seinem Buch global-politisch besser einordnen zu können bin ich zunächst der Frage nachgegangen: Welchen wissenschaftlichen Hintergrund hat der Autor? (In welchem Umfeld ist er zuhause?)

MARC ANDRÉ DEPAEPE3 wurde 1953 geboren. Nach seinem Studium (Examen Anfang 1970er) und seiner Promotion, erhielt er 1989 mit dem Werk "Meten om beter te weten" (welches die 1992 leicht überarbeitete Version von "Zum Wohle des Kindes?" darstellt) zusätzlich den speziellen Doktortitel der Erziehungswissenschaften und somit seine Lehrbefugnis. Seit der Zeit ist er ordentlicher Professor für Geschichte der Erziehung4 an der Katholieke Universiteit Leuven und Leiter des Instituts für Erziehungswissenschaften. Von 1989 bis 1991 als Schriftführer, dann (1991 - 1994) als Vorsitzender der "International Standing Conference for the History of Education" (ISCHE) gehört DEPAEPE bis heute zur festen Redaktion der wissenschaftlichen Zeitschriften "Paedagogica Historica, International Journal of History of Education", "Zeitschrift für Pädagogische Historiographie" und "European Educational Research Journal". Weiterhin gehört er dem Gremium des "International Journal of Educational Research" an.

Er veröffentlichte und redigierte mehr als 300 Bücher und Artikel in verschiedenen Sprachen5 mit den Schwerpunkten:

- Belgische Bildungsgeschichte (mit besonderer Betrachtung des Unterrichts von Vor- und Grundschulen),
- theoretische und methodische Aspekte der Geschichte der Erziehung und Bildung (insbesondere der Pädologie und der experimentellen Pädagogik) und
-Geschichte der Erziehung und Bildung im ehemaligen Belgisch-Kongo/ Zaire6.

Durch die umfangreichen Studien, auch in Zusammenarbeit mit Kollegen und Institutionen, entstanden eine Reihe von kommentierten Statistiken, Bibliographien, Lesebüchern und Wandkarten (für die Schule).

Bei einer solch gewaltigen Anzahl an Veröffentlichungen eine Auswahl an wichtigen Werken zu treffen scheint aussichtslos. Neben meinem Hauptwerk nehme ich hier noch die Monographie "On the relationship of theory and history in pedagogy. An introduction to the West German discussion on the significance of the history of education (1950 - 1980)", das 1983 in Leuven University Press (studia paedagogica - new series 6) erschienen ist, mit auf. Das 10 Jahre früher veröffentlichte Werk ist sozusagen die "Fortsetzungsgeschichte" von "Zum Wohl des Kindes?".

2. P wie Philosophie, Physiologie und Psychologie

Die Annäherung und der Aufbau des Themas erschien zunächst recht komplex und weitreichend. Ohne einen ausreichenden geschichtlichen Hintergrund konnte das Thema im wissenschafts-historischen Kontext nicht verstanden und bearbeitet werden. Nicht nur die unterschiedlichen Begriffe, wie "menschliche Natur", "wissenschaftliche Psychologie" und "(demokratische) Erziehung" mussten geklärt und damit eingeordnet werden; Vielmehr wurde bei der Einordnung klar, dass diese ein Herumstochern in einem Wespennest der Wissenschaften gleichkam. Die Mitte des 19. Jh. stellt einen Höhepunkt des aus der Aufklärung kommenden wissenschaftlichen Umbruchs dar. Wissenschaftszweige sprossen aus dem reich gedüngten Boden der Hauptwissenschaft Philosophie, die Naturwissenschaften emanzipierten sich, wobei insbesondere für diese Betrachtung die Physiologie, Psychologie und Pädagogik von Bedeutung sind. Sich gegenseitig bereichernd, zu Beginn des 20. Jh. von einander trennend und abgrenzend, sind auch die Definitionen der oben stehenden Begriffe mannigfaltig und teilweise diametral. Nichts desto trotz beginnt der wissenschafts-historische Ausflug "klassisch"; bei den Griechen...

Ausgehend von den Anfängen der Frühgeschichte mit der griechisch-antiken Hochkultur und ihren philosophisch-mathematischen Denkern des skeptischen Realismus/ Skeptizismus bis hin zu den aufgekl ä rten Empiristen der Neuzeit wurden immer psychologische und pädagogische Themen diskutiert.

Jedoch erst mit HERBART wurden die psychologischen Ideen in wissenschaftliche Bahnen gelenkt. Darauf aufbauend schlingerte die Psychologie zwischen Philosophie und Physiologie hin- und her (beeinflusst durch die Frage der g ö ttlichen Abh ä ngigkeit und des Leib-Seele- Problems ), bis sie sich über die Psychophysiologie und Psychophysik stabilisierte und von WUNDT (unbewusst) auf eine feste Schiene gesetzt wurde, manifestiert durch Institute an Universitäten. Der stürmische Weg der Psychologie war damit jedoch noch nicht abgeschlossen, sondern stand gerade erst am Anfang. Insbesondere durch die Institutionalisierung (im wahrsten Sinne es Wortes) war eine Plattform für Diskussionen, Meinungen, Ideen, Methoden und Versuche geschaffen worden, die mit recht unterschiedlichen Richtungen sehr fruchtbar [mit zum Teil abstrusen Ablegern] bis lange ins 20. Jh. verästelt Richtung Wissen und Wahrheit zu wachsen versuchte.

Die menschliche Natur gehörte dabei in allen Wissenschaftsspaten ans obere Ende der "Diskussions-Themenliste". Die Auseinadersetzung mit der Idee findet man an vielen Stellen: DIDEROT, VOLTAIRE, HUME und selbst KANT behandelten ausführlich das Thema. Dabei gilt der Mensch als Eigentümer einer menschlichen Natur. Diese menschliche Natur, welche der Begriff des Menschen ist, findet sich bei allen Menschen wieder. Dies bedeutet, dass jeder Mensch ein "eigens Muster" eines allgemeinen Begriffes "Mensch" ist. WUNDT spricht von der Notwendigkeit der Betrachtung der Völkerpsychologie und der Individualpsychologie, um die menschliche Natur begreifen zu können. Die Frage nach der menschlichen Natur ist die Frage nach den Ursachen menschlichen Verhaltens. BURRELL und MORGAN stellen dabei zwei Positionen gegenüber:

- Determinismus: Alle menschlichen Handlungen sind durch physikalische, biologische und psychische (eventuell auch historische, theologische etc.) Dispositionen und Zusammenhänge so bestimmt, dass jede Handlung vorhersehbar wäre, wenn man alle relevanten Gesetze kennen würde. Dass wir das nicht tun können, liegt nur an unserem unvollkommenen Kenntnisstand.
- Voluntarismus: Der Mensch ist frei in seinem Handeln, so dass dieses Handeln prinzipiell nicht vorhersehbar ist. Er kann sich nahezu allen Zwängen entziehen, sofern er das wünscht.

Die menschliche Natur, Wechselwirkung aus Bewusstsein mit Charakter und Willen und der Gegenstand, wie äußere Einflüsse, Erfahrungen und Verantwortung, wobei die Sprache den Spiegel des Denkens darstellt? Wie stehen die Psychologen zur menschlichen Natur und vielmehr dessen Erziehung. Welches sind die ganz speziellen Mechanismen und Schemata der wissenschaftlichen/ experimentellen Psychologie, welches ihre neue Sichtweise?

3. Die Pädagogik - ein naturwissenschaftlicher Spielball

Die alte Pädagogik war keineswegs von der jungen Psychologie getrennt. Vielmehr wurde die Pädagogik durch das Beobachten, Experimentieren und Methodisieren stark geprägt bis in die heutige Zeit. Der Mensch und das Weltbild wurden zum Produkt der eigenen Praxis. Dabei gab man sich mit der Aussage "die Erziehung bildet die Tradierung von Lebensformen" nicht zufrieden. Schon mit COMENIUS Aussage: "Alle alles gründlich lernen" und JOHN LOCKES Konzept der "Tabula rasa" war im 17. Jh. bereits der Grundstock der modernen Erziehungswissenschaften gelegt worden. IMMANUEL KANT brachte die Idee der Aufklärung, zurechtgeschnitten für die Pädagogik auf den Punkt: "Habe Mut dich deines Verstandes zu bedienen." Mit der Aussage: "Der Mensch wird nur durch Erziehung" stieß er jedoch bei seinem sehr verehrten Kollegen JEAN JAQUES ROUSSEAU auf Widerspruch. Nach ihm führte die Erziehung eines Kindes über die Gestaltung der Umwelt, war also eher indirekt. Da der Mensch nach ROUSSEAU von Natur aus gut ist, sollte man nur natürliche Bedürfnisse befriedigen, um dem Menschen nach seiner Natur, hin zur Vernunft zu erziehen. JOHANN HEINRICH PESTALOZZI dagegen sah den Menschen als bestimmt durch Natur, Gesellschaft und sich selbst. Eine Erziehung findet statt durch Fürsorge, Liebe und Dankbarkeit mit "Kopf, Herz und Hand". Diese ganzheitliche Entwicklung welche die naturwissenschaftlich orientierte Medizin des 19. Jh.7 mit z.B. JOHANNES MÜLLER und CLAUDE BERNARD8 aufgriff begann die "Idee der Naturwissenschaften" nun auch auf die Erforschung des Menschen und dessen Erziehung anzuwenden.

[...]


1 Frei nach diesem Motto stelle ich ungewöhnlicher Weise die Literatur dieser Hausarbeit an den Anfang, was wahrlich nicht konform mit einem klassischen Aufbau geht. Da jedoch lediglich ein Hauptwerk den Schwerpunkt meiner Ausarbeitung bildet [weitere Literaturangaben befinden sich im LITERATURVERZEICHNIS], beginne ich erst nach einer kurzen Vita (die ich für interessant und wichtig halte) mit der Einleitung [2. P WIE PHILOSOPHIE, PHYSIOLOGIE UND PSYCHOLOGIE]

2 DEPAEPE, Marc: Zum Wohl des Kindes?. Pädologie, pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik in Europa und den USA, 1890-1940 (Beiträge zur Theorie und Geschichte der Erziehungswissenschaft - Bd.14 Studia Paedagogica - new series 14) ISBN 3-89271-438-X Deutscher Studien Verlag, Weinheim 1993

3 vitae curriculum direkt von Marc DEPAEPE erhalten - aus den Englischen übersetzt und ergänzt

4 history of education ≈ Geschichte der Erziehung/ Bildung/ des Unterrichts/ Bildungswesens

5 z.B.: Niederländisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Polnisch, Ungarisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch und Chinesisch

6 1908-1960 Belgisch-Kongo; 1971-1997 Zaire; heute: Demokratische Republik Kongo (Kinshasa)

7 Seidler 1970, 121 f. [zitiert nach: Depaepe 1993, 26.]

8 BERNARD, CLAUDE (1813 - 1878), französischer experimenteller Mediziner

Details

Seiten
12
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783656242024
ISBN (Buch)
9783656242604
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v197865
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Institut für Pädagogik/ Erziehungswissenschaften
Note
Schlagworte
Erziehung Depaepe Wundt Lay Meumann Hall James Dewey Psychologie Soziologie Pädagogik

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