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Tiere in der Therapie psychisch kranker Menschen: Ein Überblick über den Einsatz von Tieren in der stationären Psychiatrie

Exemplarisches Konzept für ein Bezirksklinikum

Bachelorarbeit 2009 131 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Tiergestützte Interventionen in der stationären Psychiatrie
1.1 Entstehung und Entwicklung der Tiergestützten Interventionen
1.2 International maßgebliche Gesellschaften und Organisationen
1.3 Begriffliche Definitionen und Abgrenzungen der einzelnen tiergestützten
Interventionen
1.3.1 Begriffliche Definitionen und Abgrenzungen im anglo-amerikanischen Raum
1.3.2 Begriffliche Definitionen und Abgrenzungen im deutschspachigen Raum
1.4 Standards und Qualitätssicherung für Anbieter und Ausbilder im deutschsprachigen Raum
1.5 Erklärungsansätze und Modelle in der Mensch-Tier-Beziehung
1.5.1 Du-Evidenz
1.5.2 Biophilie-Hypothese
1.5.3 Ableitungen aus der Bindungstheorie
1.5.4 Spiegelneurone
1.5.5 Sonstige Aspekte von Wirkweisen der Mensch-Tier-Beziehung
1.6 Verhaltensaspekte in der Mensch-Tier-Beziehung
1.6.1 Anthropomorphisierung
1.6.2 Mensch-Tier-Kommunikation
1.6.3 Mensch-Tier-Interaktion
1.7 Tiere in Kliniken
1.7.1 Hygiene und Unfallgefahr
1.7.2 Sonstige rechtliche Aspekte
1.7.3 Grenzen, Kritik und Gegenargumente bezüglich Tiergestützter Interventionen in der stationären Psychiatrie
1.8 Konzepte für Tiergestützte Interventionen mit verschiedenen Tierarten
1.8.1 Hunde
1.8.2 Pferde
1.8.3 Nutztiere im Streichelgehege
1.8.4 Lamas und Alpakas
1.8.5 Katzen
1.8.6 sonstige Kleintiere
1.8.7 Insekten

2. Rahmenkonzept für Tiergestützte Interventionen, exemplarisch für Bezirksklinikum
2.1 Voraussetzungen
2.1.1 Ziele
2.1.2 Voraussetzungen bei Klinikleitung und Personal
2.1.3 Voraussetzungen bei Patienten
2.1.4 Voraussetzungen für die Tiere
2.1.5 Finanzierung und Kooperationen
2.1.6 Rahmenbedingungen
2.2 Vorschläge für Tiergestützte Interventionen exemplarisch für Bezirksklinikum
2.2.1 kurzfristig umsetzbare Interventionen
2.2.2 mittelfristig umsetzbare Interventionen
2.2.3 langfristig umsetzbare Interventionen

3. Zusammenfassung

4. Literatur

5. Anhang

Anhang 1 Genfer Deklaration der IHAIO

Anhang 2 Prager IHAIO Richtlinien zum Einsatz von Tieren bei tiergestützten Aktivitäten und Therapien

Anhang 3 Hygieneplan gemäß § 36 Infektionsschutzgesetz

Anhang 4 Stellenbeschreibung für einen Tierpfleger

6. Erklärung

Vorwort

Zu meinem Thema „Tiergestützte Interventionen“ habe ich einen sehr persönlichen Bezug. Meine Eltern kommen aus der Landwirtschaft, mussten aber beide nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Höfe in der ehemaligen DDR verlassen und haben sich dann im Rheinland ein neues Leben aufgebaut. Besonders für meinen Vater waren Tiere immer wichtig und sind bis heute Mittelpunkt seines Lebens. Er kümmert sich um Pferde, züchtet Schafe, Enten, Hühner, Fasane, Tauben, Fische und hält drei Hunde - mit 77 Jahren und ganz allein lebend. In seiner Jugend war er im Springreiterverein und hält bis heute intensiven Kontakt zu seinen Reiterfreunden von damals. Ich selbst habe als Jugendliche, auf einem biologisch-dynamisch geführten Bauernhof, ein Jahrespraktikum gemacht und mir kurz darauf mit meinem Mann ein altes Bauernhaus mit einem Hektar Land, einem großen Garten, einer großen Obstwiese und einer Weide für unsere Milchschafe gekauft. Es war mir sehr wichtig, dass unsere Kinder in der Natur und mit Tieren aufwuchsen. Daraus den Schluss zu ziehen, ich sei ein fanatischer Tierfreund, wäre aber falsch. In meiner stark evangelisch geprägten Erziehung wurde mir vermittelt, dass nur Nützliches gut sei. Auf Dinge ohne Nutzwert sollte verzichtet werden. So fehlte mir ganz lange der Bezug zu Pferden, Hunden, Katzen und Meerschweinchen. Sie sind ja nicht nützlich - man kann sie nicht essen, sie geben weder Milch noch legen sie Eier… Besonders meine Mutter vertrat die Ansicht, Hunde seien zum Bewachen eines Hofes da und gehören, schon aus hygienischen Gründen, auf keinen Fall ins Haus. Ich selbst hatte immer schon einen starken Bezug zu Kühen, Schafen und Schweinen (nützlich!). Ich liebe meine Schafe und hatte einmal eine ganz besonders tiefe Verbindung zu einer Kuh - Saba - auf dem Bauernhof, auf dem ich vor so vielen Jahren war, und die ich nie vergessen werde. Beim Abschied weinten wir (beide!). Man stelle sich das vor: Eine Kuh (ohne jede Augenentzündung oder ähnliches) weint mit mir dicke Tränen. Das gibt es! Ich hatte die Kuh deshalb so gern, weil sie mich widerspiegelte. Sie war mir sehr ähnlich: sehr eigenwillig, anders als die anderen, jung (die Jüngste in der Herde), gesund, stark und sie hob sich auch optisch von den anderen Kühen ab (sie war viel weniger schwarz, fast ganz weiß) und sie war wegen ihrer Widerspenstigkeit nicht sehr beliebt beim Bauern. All das traf auf mich selbst auch zu und deshalb verbündete ich mich mit ihr. Meine Sympathie bemerkte sie sehr schnell und so begrüßte sie mich immer lautstark, wenn ich in den Stall oder auf die Weide kam. Ich war die Einzige von der sie sich in den Stall bringen ließ. Für unsere Kinder schafften wir dann später „unnütze“ Tiere an: Kaninchen, Meerschweinchen, einen Hund. Ein Hund in der Wohnung? Für mich war das eigentlich undenkbar, aber ich tat es für die Kinder. Der Hund spürte meine (anerzogene) Ablehnung und spiegelte mir das auch wider. Er war oft beleidigt und versuchte mir stets alles recht zu machen, damit ich ihn doch ein bisschen lieber hätte.

Ich liebte ihn aber eigentlich nur im Freien. Meine Kinder schimpften mich wegen meiner „Hartherzigkeit“. Sie liebten unsere Aisha, eine Colliehündin, über alles. Ich verstehe, nachdem ich jetzt soviel über die Mensch-Tier-Beziehung gelesen habe, vieles wesentlich besser und kann gut nachvollziehen: dass Tierliebe in der Kindheit geprägt wird (oder auch nicht), dass es Menschen gibt, die Tiere nicht mögen, dass es Menschen gibt, für die ein Leben ohne Tiere nicht lebenswert ist und, dass in Bezug auf die Tierart jeder Mensch seine persönlichen Vorlieben hat, je nach Erfahrungen und Prägungen. Ich bin überzeugt, dass der Genesungsprozess für viele Patienten in der Psychiatrie durch den Kontakt zu Tieren gefördert werden kann, da viele dieser Menschen aus einer überwiegend ländlich geprägten Gegend kommen. Der Kontakt zu Tieren würde sich positiv auf das vertraute Lebensgefühl dieser Menschen auswirken. Es wird vielleicht ihr Kohärenzgefühl steigern und kann die Compliance mit den professionell Tätigen verbessern. Ich kann mir viele positive Effekte für die Patienten und auch für die Klinikmitarbeiter vorstellen. Deshalb würde es mich sehr freuen, wenn meine Arbeit als Grundlage für die Umsetzung dieses Projektes einen konkreten Nutzen hätte. Mein persönliches Ziel ist es, die Grundlagen dieses Prozesses nicht nur schriftlich niederzulegen, sondern die Umsetzung und Entwicklung im Klinikum als Sozialpädagogin aktiv zu begleiten.

Silke Lederbogen-Rautenberger

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

TIERGESTÜTZTE INTERVENTIONEN IN DER STATIONÄREN PSYCHIATRIE

MIT EINEM KONZEPT EXEMPLARISCH FÜR EIN BEZIRKSKLINIKUM

Tiere wirken sicher nicht bio-chemisch oder instrumentell auf kranke Organe oder auf den Organismus, sondern Tiere stärken oder bereichern das Gefüge von Beziehungen zwischen der Person und ihrer belebten Umgebung, und sie tragen dazu bei, dass auch psychisch, also gleichsam innerhalb der Person, eine Verbundenheit zwischen bewussten und unbewussten, zwischen kognitiven und emotionalen, zwischen implizit-erfahrungsgeleiteten und explizit-kontrollierenden

Prozessen verbessert wird.1 1

Das Zitat von Erhard Olbrich, emeritierter Psychologieprofessor, der Universität

Erlangen-Nürnberg, in Deutschland einer der Vordenker auf dem Forschungsgebiet der Mensch-Tier-Beziehung und heute Präsident der International Society for Animal- Assisted Therapie, soll diese Bachelorarbeit einleiten. Darauf aufbauend sollen die im Zitat gemachten Aussagen und die heilsame Wirkung von Tieren nicht nur praktisch beschrieben, sondern auch theoretisch eingeordnet werden.

Die Arbeit besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil werden nach einem kurzen

geschichtlichen Abriss die verschiedenen Subtypen innerhalb der Tiergestützten

Interventionen und deren Abgrenzungen voneinander besprochen. Im Anschluss daran werden Erklärungsansätze und Modelle zur Mensch-Tier-Beziehung und die dabei relevanten Verhaltensaspekte erklärt. Danach folgt ein Kapitel darüber, was beim Einsatz von Tieren in Kliniken zu beachten ist und anschließend wird erläutert, welche Einsatzmöglichkeiten die verschiedenen Tierarten bieten und wie dabei die Wirkweisen im Einzelnen aussehen.

Der zweite Teil umfasst ein Rahmenkonzept für Tiergestützte Interventionen exemplarisch dargestellt an einem Bezirksklinikum in Niederbayern, das aus Abteilungen für Allgemeinpsychiatrie und -psychotherapie, für Gerontopsychiatrie und - psychotherapie und für Abhängigkeitserkrankungen besteht. Nach der Zielformulierung wird darauf eingegangen, welche Voraussetzungen beim Personal, bei den Patienten und für die Tieren gegeben sein müssen und mit welchen Kosten zu rechnen ist. Es folgen Vorschläge zur Einführung verschiedener Interventionen, unterteilt in kurz- mittel- und langfristig realisierbare Projekte. Alle vorgeschlagenen Maßnahmen wurden bereits im ersten Teil der Arbeit besprochen und werden im zweiten Teil nochmals übersichtlich in tabellarischer Form aufgeführt, wobei zu jeder Intervention die damit verfolgten Ziele und die vorher zu erfüllenden Voraussetzungen aufgelistet werden.

Die Einschränkungen für diese Arbeit ergeben sich aus der konkreten Themenstellung, bezogen auf den stationären Rahmen, die Psychiatrie, auf erwachsene Patienten und auf die örtlichen Gegebenheiten des Bezirksklinikums. Es wird deshalb beispielsweise darauf verzichtet, die Delfintherapie darzustellen und auch spezielle Konzepte Tiergestützter Interventionen für Kinder sowie körperlich- und geistig behinderter Menschen zu besprechen.

Auf eine geschlechtsneutrale Schreibweise wird in dieser Arbeit zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet. Explizit sei aber darauf hingewiesen, dass die weibliche Form an den jeweiligen Stellen ebenso impliziert ist und, dass mit dem Weglassen der weiblichen Form keineswegs eine Bevorzugung oder Benachteiligung eines der beiden Geschlechter ausgedrückt werden soll. Wenn also im Folgenden z.B. von Ärzten oder Patienten die Rede ist, sind immer genauso auch Ärztinnen und Patientinnen gemeint auch ohne dies speziell kenntlich zu machen.

1. TIERGESTÜTZTE INTERVENTIONEN IN DER STATIONÄREN PSYCHIATRIE

Um sich dem Thema „Tiergestützte Interventionen in der stationären Psychiatrie“ zu nähern, müssen vorab verschiedene Begriffen geklärt werden. Zuerst muss klar gestellt werden, dass der Ausdruck „Tiergestützte Interventionen“ im hier vorliegenden Text als Arbeitsbegriff für hauptsächlich therapeutische und pädagogische Maßnahmen gebraucht wird und darüber hinaus alle zielgerichteten Einsätze von Tieren in der Psychiatrie zusammenfasst. Die in dieser Arbeit vorgestellten Tiergestützten Interventionen nutzen zwar in erster Linie das therapeutische Potential von Mensch-Tier-Beziehungen, finden jedoch häufig in pädagogischen Settings statt und erfüllen nicht die strengen Kriterien eines strukturierten, zielorientierten therapeutischen Prozesses. In diesem Zusammenhang stellen sich folgende Fragen. 1. Was genau besagt der Begriff Therapie? 2. Was wird heute unter einer modernen Psychiatrie verstanden? Und 3., bezogen auf die Patienten, was bedeuten Krankheit und Gesundheit?

Auf die Frage, nach einer Definition des Begriffs Therapie, formuliert das Fachlexikon der sozialen Arbeit folgendermaßen:

Ein für die Wissenschaftsbereiche Medizin, Psychologie und Psychiatrie gängiger Sammelbegriff, der alle Bemühungen umfasst, Krankheiten, Leidenszustände und Störungen aufzuheben oder doch zu lindern.2

Wie „Tiergestützte Therapie“ im Speziellen definiert ist, wird in einem gesonderten Kapitel beschrieben.

Die zweite Frage heißt, was macht die moderne Psychiatrie heute aus? Die Anfänge der modernen Psychiatrie sind auf 1971 mit einer Studie zur Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik, die die Bundesregierung in Auftrag gab, zu datieren. Die Studie wurde 1975 abgeschlossen und in einem Bericht der Psychiatrie-Enquête, vorgestellt.

Darin wurden gravierende Mängel in fast allen Bereichen der Psychiatrie offenbart und 3 festgestellt, dass viele Bewohner stationärer Einrichtungen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben mussten. Eine Sachverständigenkommission stellte damals verschiedene Forderungen auf, die inzwischen mehr oder weniger umgesetzt wurden. Somit war die Psychiatrie-Enquête prägend für die moderne Psychiatrie. Es kann gesagt werden, dass diese heute dadurch gekennzeichnet ist, dass sie alle Lebensbereiche des Patienten in der Behandlung berücksichtigt. Dabei soll dessen Freiheit wichtiger sein als seine Gesundheit. Er kann also durchaus auch Behandlungen ablehnen. Auch die Therapieziele sind, mit fortschreitendem medizinischen Wissen und weiterentwickelten pharmazeutischen Mitteln, einem Wandel unterlegen. Heute sind Therapieziele, wie Kognition, Lebensqualität, soziales Funktionsniveau und berufliche Qualifikation in den Focus gerückt. Anstelle von Response werden heute ambitionierte Ziele wie Remission und Recovery angestrebt.3 Response (Symptomsuppression und Stabilität, also Linderung der Symptomatik), gilt zwar weiterhin als wichtiges Kriterium für eine erfolgreiche Behandlung, reicht aber aus Sicht der Betroffenen nicht aus. Die Therapie sollte sich zusätzlich positiv auf die Lebensqualität auswirken und zu sozialer Integration führen.4 So ist nach Response das zweite Stufenziel in der Therapie Remission. Darunter wird ein mindestens sechs Monate andauendes symptomfreies Stadium verstanden, sodass das Verhalten des Patienten nicht mehr beeinträchtigt ist. In der rein symptomatischen Remission bleiben aber Kognition und Depression weiterhin unberücksichtigt und es wird nicht ersichtlich, ob das Funktionsniveau des Patienten im beruflichen und privaten Bereich wieder den Stand erreicht hat, wie vor dessen Erkrankung.5 Naber, Lambert, Laux und Möller formulieren:

„[…] - soziale und berufliche Rehabilitation und Reintegration des Patienten werden langfristig zu einem ma ß geblichen Bestandteil der Behandlung. Das hei ß t, es gilt den höchstmöglichen Grad an sozialem und beruflichen Funktionsniveau sowie an subjektiv empfundenem Wohlbefinden zu erreichen.6

So folgt als drittes, ambitioniertes und schwer zu erreichendes Therapieziel Recovery, womit Autonomie im privaten und beruflichen Kontext gemeint ist. Juckel und Laux formulieren folgendermaßen:

Idealerweise sollte sich unter der Behandlung das soziale Funktionsniveau derart verbessern, dass eine vollständige berufliche und private Rehabilitation gelingt und der Patient eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität wahrnimmt.7

Die Integration von Patienten mit psychischen Erkrankungen in die Gesellschaft, eine zentrale Forderung der Sachverständigenkommission von 1975, soll auf vielfältige Weise gefördert werden. Außerdem soll die Gleichstellung von seelisch und körperlich kranken Menschen dafür sorgen, dass ausreichende Versorgungsmittel zur Verfügung stehen. Die Versorgung soll möglichst wohnortsnah stattfinden können. Dazu wurden in den letzten Jahrzehnten große, zentrale Kliniken und „Anstalten“ aufgelöst und dezentralisiert um stattdessen ein regionales Angebot mit vielen kleineren Einrichtungen und Häusern zu schaffen. So wurde versucht zwei weiteren Forderungen der Psychiatrie-Enquête nachzukommen.

Die Frage nach einer Erklärung für das Wort „Gesundheit“ ist am komplexesten. Für den Begriff Gesundheit gibt es keine einheitliche Definition oder besser gesagt, es gibt sehr viele Definitionen für Gesundheit. Die Definitionen sind stark kulturabhängig und bezogen auf den jeweiligen historischen Kontext. Außerdem hat jede wissenschaftliche Disziplin ihre eigene Definition. Ihr Inhalt reicht von „Abwesenheit von Krankheit“ bis zu „Prozess der Anpassung an wechselnde Milieus.“8

Nach der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Gesundheit ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit, „[…] a state of complete physical, mental and social wellbeing, and not merely the absence of disease or infirmity […]“9.

Allgemein am gängigsten, so auch das Konzept der „Schulmedizin“, ist das Verständnis von Gesundheit als regelkonformes Funktionieren der Organe und aller anderen Körperteile. Der Körper wird in unserer Kultur mechanistisch begriffen. Ähnlich einer Maschine, bei der ein Teil ausgewechselt werden kann, wenn es defekt ist, wird in der Medizin operiert oder ein Medikament gegeben, um die richtige physiologische Funktion wieder herzustellen. Krankheit wird bei dieser Sichtweise als Defekt oder Risikofaktor definiert. Die Ressourcen, die ein Patient hat um die Krankheit zu bewältigen, bleiben dabei weitgehend unbeachtet.

Ein ganz anderes Konzept hat der israelische Medizinsoziologe Aaron Antonowski entwickelt. Er prägte den Begriff der Salutogenese, der von der Fragestellung ausgeht warum ein Mensch krank wird, der unter den genau gleichen Bedingungen lebt wie ein anderer, der aber gesund bleibt. Antonowski ist an den Resilienzfaktoren interessiert und sein Ansatz ist stark auf die Ressourcen fokussiert. Er verwarf die strenge Abgrenzung von Gesundheit und Krankheit und beschrieb den lebendigen Menschen 5 als jemanden, der sich ständig auf einem Kontinuum zwischen diesen beiden Polen bewegt. Er stellt fest: „ Wir sind alle terminale Fälle. Aber solange wir einen Atemzug Leben in uns haben, sind wir alle bis zu einem gewissen Grad gesund.10 Der Platz zwischen den Polen kann sich jederzeit ändern und ist davon abhängig, welchen Risikofaktoren der Mensch auf der einen Seite ausgesetzt ist und über welche Widerstandsressourcen er auf der anderen Seite verfügt. Diese Faktoren können sich natürlich im Lebenszyklus eines Menschen jederzeit ändern.

Stressoren, oder Risikofaktoren, lassen in drei Kategorien einteilen. Als erstes sind die kritischen Lebensereignisse zu nennen, das sind zum Beispiel der Tod einer nahe stehenden Bezugsperson, Trennung oder Scheidung, aber auch der Verlust des Arbeitsplatzes oder das Eintreten einer schweren Krankheit. Die zweite Stressorgruppe sind chronische Belastungen. Dazu zählen Doppelbelastungen durch Arbeit und Haushaltsführung, enttäuschte Karriereerwartungen, körperliche oder psychische Belastungen am Arbeitsplatz, andauernde Ehekonflikte und chronische Krankheiten. Die dritte Kategorie der Risikofaktoren, die schwierigen Übergängen im Lebenszyklus, sind beispielsweise der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter, von der Schule ins Arbeitsleben und vom Arbeitsleben ins Rentnerleben.

Ebenso wie die Risikofaktoren, lassen sich die Widerstandsressourcen oder Resilienzfaktoren in drei Kategorien einteilen. Als erstes sind die personalen Gesundheitsressourcen zu nennen. Dazu gehören angeborene oder erworbene günstige Konstellationen des Körpers und der Seele sowie Persönlichkeitseigenschaften wie ein gutes Selbstwertgefühl, Zuversicht, Vertrauen und Hoffnung. In diesem Kontext spielen auch die Bewältigungsstrategien, die ein Mensch entwickelt hat, eine Rolle. Es wird auch von „Coping“ gesprochen. Die zweite Ressource bezieht sich auf das eigene Verhalten und die Lebensweise. Lebt jemand so, dass es seiner Gesundheit zu- oder abträglich ist? Als drittes sind die Lebensbedingungen zu benennen. Die Gesundheitsressourcen entstehen hierbei durch günstige Bedingungen im Arbeits- und im familiären Umfeld, durch die Einbettung in soziale Strukturen, durch günstige materielle Bedingungen, aber auch durch die demokratischen und politischen Bedingungen, in denen ein Mensch lebt.

Ein weiterer zentraler Begriff in Antonowskis Salutogenesekonzept ist das Kohärenzgefühl. Dieses Gefühl drückt die Fähigkeit aus, Zusammenhänge des Lebens zu verstehen (Verstehbarkeit), die Überzeugung, das Leben selbst gestalten zu können (Gefühl der Handhabbarkeit und Bewältigbarkeit) und den Glauben an die Sinnhaftigkeit des Lebens (Sinnhaftigkeit bzw. Bedeutsamkeit). Antonowski beschreibt 6 diese Paradigmen als wesentliche Voraussetzungen, um sich auf dem Gesundheits- Krankheits-Kontinuum möglichst weit auf der Gesundheitsseite zu bewegen.

All diese Überlegungen und Ausführungen machen deutlich, dass Gesundheit ein hochkomplexer und immer wieder neu zu formierender Prozess ist.

Nun stellt sich die Frage, was haben Tiere damit zu tun? Olbrich meint dazu:

Tiere wirken nicht wie eine Arznei, die nach naturwissenschaftlich präzis erkannten Kausalbeziehungen zum Einsatz kommt und eine spezifische bio-chemische Wirkung Störung gezielt korrigiert. Tiere sind vielmehr evolutionär bedeutsam gewordene Beziehungs,objekte ‘ in einem System oder besser: in einem Gefüge der ständigen Transaktionen, das individuelles Leben erst ermöglicht. Wir verstehen sie nicht als Wirkfaktoren, sondern heben Prozesse der Beziehung hervor.11

Bei Greiffenhagen und Buck-Werner ist zu lesen:

Tiere bieten auf vielfältige Weise Unterstützung. Sie schwächen Risikofaktoren wie Stress ab, indem sie, wie berichtet, blutdrucksenkende und stressmindernde Wirkungen zeigen oder zur Ausschüttung körpereigener Opiate verhelfen. Und sie stärken gleichzeitig die Gesundheitsressourcen, indem sie, gleichfalls wie berichtet, unter anderem das Selbstwertgefühl eines Menschen stärken, Nähe, Vertrauen und Sozialität vermitteln und ganz allein das Umfeld des Menschen ,verschönern ‘ , indem sie zum Beispiel aus einem anonymen und kalten Pflegeheim oder Krankenhaus ein ,lebendiges, fröhliches Wohnumfeld ‘ oder aus einer nüchternen Behandlung ein ,freundliches und naturnahes Setting ‘ machen können.12

Diese Arbeit soll den Blick darauf lenken, dass Therapie nicht auf klassisch medizinische Maßnahmen beschränkt bleiben muss, sondern dass sie auch dazu dienen kann, Gesundheit zu erhalten, Ressourcen zu fördern und die Lebensqualität bei Patienten und Klinikpersonal, die Tiere gerne mögen, zu verbessern. Patienten kann das Gefühl, wieder „Lust auf etwas zu haben“, vermittelt werden. Sie sollen sich durch den Umgang mit Tieren wieder auf etwas freuen können.

1.1 ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DER TIERGESTÜTZTEN INTERVENTIONEN

Bereits im 8. Jahrhundert lassen sich in Einzelfällen erste konkrete therapeutische Einsätze von Tieren im Umgang mit behinderten Menschen nachweisen.13 Unter Mithilfe von Hunden wurden im 9. Jahrhundert geistig behinderte Waisenkinder in Belgien therapiert.14,15 Erstmals dokumentiert wurde der Einsatz von Tieren 1792 in York/England. In einer „Anstalt für Geisteskranke“ der Quäker wurden in einer Außenanlage Kleintiere gehalten, in deren Versorgung die Patienten mit einbezogen waren. Der Gründer des „York Retreat“, William Tuke, wollte bei den Bewohnern ein Bewusstsein moralischer Verantwortung für die Tiere entwickeln.16,17,18 Im 19. Jahrhundert reformierte Florence Nightingale die Krankenpflege und erkannte schon damals den therapeutischen Nutzen von Tieren für den Heilungsprozess. Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Bethel bei Bielefeld ein Epileptikerzentrum. Dort wurde von Anfang an und bis heute auf die heilenden Kräfte von Hunden, Katzen, Schafen und Ziegen vertraut.19,20,21 Heute wird dort unter anderem auf die Reittherapie gesetzt. In einem Washingtoner Krankenhaus wurde 1919 zuerst auf einer psychiatrischen Männerstation damit begonnen, Tierbesuche durchzuführen.22 Während des Zweiten Weltkriegs, 1942, baute ein Luftwaffenkrankenhaus im US- Bundesstaat New York auf dem angrenzenden Gelände einen Bauernhof auf. Die Soldaten konnten sich hier von ihren Kriegstraumata erholen. Indem sie halfen, die Tiere zu versorgen, schöpften sie wieder neue Kraft. Die Maßnahme wurde aber nicht dokumentiert.23,24.

Die eigentliche Geburtsstunde der Tiergestützten Therapie fand 1962 mit der Veröffentlichung der ersten systematischen Untersuchungen des Kinderpsychologen Boris Levinsons statt.25 Alles begann mit rein zufälligen Beobachtungen des Psychologen im Jahre 1954. Folgende Geschichte wird immer wieder erzählt:

Der Kinderpsychiater Boris Levinson saß an seinem Schreibtisch in seiner New Yorker Praxis und arbeitete. Wie immer lag sein Hund Jingles, ein Retriever, zu seinen Füßen und schlief. Als es an der Tür klingelte, öffnete Levinson. Ein Elternpaar mit seinem Sohn, das eine Stunde zu früh zur verabredeten Therapiestunde kam, stand vor der Tür. Bei dem Jungen handelte es sich um ein verhaltensgestörtes Kind, das mit seiner Umwelt nicht in Kontakt trat. Sämtliche Therapieversuche waren bereits gescheitert, denn er verweigerte auch den Kontakt zu seinen Therapeuten. Levinson, der seinen Hund noch nicht in die Privaträume zurückgebracht hatte, weil er mit dem Patienten noch nicht gerechnet hatte, beobachtete, wie Jingles freudig wedelnd auf den Jungen zulief, um ihn zu begrüßen. Der kleine Patient begann gleich den Hund zu streicheln und mit ihm zu reden. Den Therapeuten beachtete er zunächst nicht. Levinson ließ das Kind gewähren. Der Junge wollte wissen, ob der Hund bei jeder Sitzung dabei sei und Levinson bejahte dies spontan. Darauf hin erklärte sich der Junge bereit, zu weiteren Therapiesitzungen zu kommen. In den folgenden Sitzungen ließ Levinson ihn ausschließlich mit Jingles spielen, bis ihn der Patient allmählich selbst ins Spiel mit einbezog. Der Hund erwies sich als eine Art Brücke zwischen ihm und dem Kind. Levinson machte bei weiteren Kindern die Erfahrung, dass es ihm sehr viel leichter gelang, Zugang zu den kleinen Patienten zu erhalten, wenn sein Hund dabei war. Die Kinder suchten sehr schnell Kontakt zu dem Hund, streichelten ihn und vertrautem ihm vieles an. Der Hund wurde zum Vermittler zwischen dem Psychologen und den Kindern. Diese Beobachtungen, die Boris Levinson eher zufällig erwarb, vertiefte er durch gezielte Einsätze des Hundes bei seinen Patienten und veröffentlichte seine kurzen wissenschaftlichen Berichte Anfang der 1960er Jahre in Zeitungsartikeln. Damals wurden seine Studien häufig noch belächelt. Der Durchbruch kam mit der Veröffentlichung zweier Bücher von Levinson 196926 und 197227. Er stellte darin unter anderem Betrachtungen über die Rolle von Hunden als Co-Therapeuten dar und wies nach, dass sich diese als Identifikationsobjekte weitaus besser geeignet hatten als Stoffpuppen. Zahlreiche Fallgeschichten untermauerten seine Beobachtungen zur Rolle von Tieren bei der Psychodiagnostik, bezogen auf unterschiedliche Altersgruppen. Ergebnisse aus der Familientherapie und bei emotional gestörten, geistig oder körperlich behinderten Kindern ergänzten seine Arbeiten.28 Plötzlich interessierten sich Wissenschaftler, auch aus ganz anderen Disziplinen für das Thema und begannen Experimenten, Versuchsreihen und Dokumentationen nachzugehen.29

Das amerikanische Ehepaar Corson verfolgte in den 1970er Jahren die Idee von Tieren als Helfern in der Psychiatrie und Psychotherapie mit wissenschaftlichen Methoden weiter.30 Vor allem in den USA entstand ein ganz neues Forschungsfeld, wobei die Praxis allerdings schneller voranschritt als die Theorie. Eine Folge davon war, dass viele neue Begriffe kursierten. Aufgrund dieser Unübersichtlichkeit und der daraus resultierenden Missverständnisse in Wissenschaft und Praxis entstanden, wie weiter unten beschrieben wird, verschiedene nationale und internationale Verbände. Als erstes wurde 1977 in den USA die Delta Society gegründet. Ihr Ziel war und ist die Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung. Durch die Delta Society wurden erstmals Standards und Richtlinien eingeführt und die verschiedenen Interventionen wurden klar definiert und von einander abgegrenzt.31 In Deutschland wurden die ersten systematischen Studien und Experimente erst in den 1980er Jahren durchgeführt. Simone De Smet empfahl in Hamburg schon früh den Einsatz von Tieren in Alten- und Pflegeheimen, in Karlsruhe wurden in einer neurochirurgischen Klinik Tiere erlaubt und in der Bielefelder Versuchsschule Hartmut von Hentigs wurde ein Schulzoo unterhalten, um den Kindern Verantwortlichkeit beizubringen. Die Psychologen Bergler und Erhard veröffentlichten in den späten 1980er Jahren die ersten systematischen Studien zum Thema Tiergestützte Therapie.32 Es folgten viele weitere Studien und sich daraus ergebende Erkenntnisse mit neuen Fragestellungen. Diese sollen in späteren Kapiteln dieser Arbeit vorgestellt werden.

1.2 INTERNATIONAL MAßGEBLICHE GESELLSCHAFTEN UND ORGANISATIONEN

Vernooij und Schneider beschreiben, wie sich seit Anfang der 1970er Jahre in den verschiedenen Ländern, ausgehend von den USA, Vereine und Gesellschaften gegründet haben, die sich mit dem neuen Wissenschaftszweig der Tiergestützten Interventionen beschäftigen und Standards setzen.33 Die wichtigste und älteste Gesellschaft ist, wie bereits erwähnt, die 1977 in Oregon, USA, gegründete „Delta Society“. Sie ist die weltweit führende Quelle in Bezug auf Informationen zur Mensch- Tier-Beziehung. Sie hat auch Differenzierungen und Klassifizierungen für die verschiedenen Arten Tiergestützter Interventionen unternommen, die sich seitdem weltweit durchgesetzt haben.34 Auf der umfangreichen und ausführlichen Homepage der Gesellschaft (www.deltasociety.org) ist zu lesen „ Today, Delta Society is an international non Ͳ profit organization focused on building awareness and empowering people to interact with companion, therapy, and service animals as a way to improve their own health and happiness, as well as the health of others in their community.35

Ebenfalls 1977 wurde in Österreich das “Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung“ (IEMT) gegründet, das 1990 seine Aktivitäten auf die Schweiz ausweitete (www.iemt.at und www.iemt.ch). Im gleichen Jahr wurde in Frankreich die “Association Française d’Information et de Recherche sur l’Animal de Compagnie” (AFIRAC) gegründet (www.afirac.org). Zwei Jahre später folgte in Großbritannien „The Group for the Study of the Human Companion Animal Bond“, die seit 1981 unter dem Namen „Society for Companion Animal Studies“ firmiert (www.scas.org.uk). In Deutschland gibt es seit 1988 den „Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft“ (www.mensch-heimtier.de). Alle nationalen Vereinigungen, die sich mit der Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung beschäftigen sind unter dem Dachverband „International Association of Human-Animal-Interaction-Organisations“ (IAHAIO) zusammen geschlossen (www.iahaio.org). Die Aufgabe des Dachverbandes ist die Koordination der Mitgliedsorganisationen untereinander. „ Er stellt das verbindende Element für den internationalen Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse und für die Weiterentwicklung von Programmen dar.36 Außerdem ist er der Organisator der internationalen Konferenz zur Mensch-Tier-Beziehung („International Conference on Human-Animal-Interactions“).

In vielen Ländern nahm das Interesse an der Mensch-Tier-Beziehung bereits in den 1970er Jahren stark zu. In Deutschland war das nicht der Fall, denn erst Ende der 1980er Jahre wurden hier vermehrt Studien durchgeführt. Die Psychologen Reinhold Bergler und Erhard Olbrich waren hier federführend. Zu dieser Zeit gründete sich in Würzburg auch der Verein „Tiere helfen Menschen e.V.“ (www.thmev.de) mit seinen inzwischen vielen Ortsgruppen in ganz Deutschland. Ziel des Vereins ist die Förderung der gesundheitlichen Auswirkungen von Heim- und Haustieren auf den Menschen. Dazu werden Besuchsprogramme mit Tieren in sozialen Einrichtungen durchgeführt, Tiergestützte Aktivitäten, Pädagogik und Therapie begleitend unterstützt, Forschung und Lehre in Feldern der Mensch-Tier-Beziehungen begleitet und die Heim- und Haustierhaltung im Sinne des Vereinszwecks allgemein gefördert. Der Verein organisiert Besuchsdienste mit Tieren in Seniorenheimen, Kliniken, Kinderheimen, Behindertenheimen, betreuten Wohneinrichtungen, Schulen, Kindergärten, Justizvollzugsanstalten und bei Einzelpersonen mit einer körperlichen oder seelischen Beeinträchtigung. Ebenso berät er Einrichtungen in Fragen zur Tierhaltung und stellt auf den Feldern der Mensch-Tier-Beziehungen (Tiergestützte Aktivitäten, Tiergestützte Therapie und Pädagogik) Kontakt zu Fachleuten unterschiedlicher Disziplinen her. Er fördert außerdem die Weiterbildung von beruflich und ehrenamtlich tätigen Menschen durch Seminare, Workshops, Tagungen, Vorträge und Informationen.37

1.3 BEGRIFFLICHE DEFINITIONEN UND ABGRENZUNGEN DER EINZELNEN TIERGESTÜTZTEN INTERVENTIONEN

Sollen Tiere therapeutisch und in professionellem Rahmen eingesetzt werden, sind Definitionen, Differenzierungen und Abgrenzungen unerlässlich. Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit aus systematischer Forschung und Standards für Hygiene, Fachlichkeit der Therapeuten und Ausbildungsrichtlinien für die Tiere sind nötig.

The highly respected AAT [Animal Assisted Therapy] training organization Delta Society began their Pet Partners Program in 1990. In 2003, it had over 6,400 therapy animal teams serving needy individuals in all 50 states of the U.S. and in 4 other countries. Delta Society promotes the work of therapy dogs, cats, birds, small animals (i.e. hamsters and gerbils [Springmäuse]), horses, and farm animals in a variety of settings such as schools, nursing homes, hospitals and other health care facilities, and prisons and detention centers. Many facilities will not allow a therapy animal to enter unless it has an national certification, such as that from Delta Society, that reflects that the handler and pet have adequate training and preparation for therapy work. Delta Society is recognized for their rigorous training and evaluation requirements for AAT teams.38

Durch die intensive Forschung auf dem Gebiet der Mensch-Tier-Beziehung ergab sich die Notwendigkeit Begriffe für die unterschiedlichen Interventionen mit Tieren zu finden und diese dann gegeneinander abzugrenzen. Dies geschah in den 1990er Jahren zuerst im anglo-amerikanischen Raum, später dann auch im deutschsprachigen Raum, wobei aber bereits seit den 1970er Jahren unterschiedliche Bezeichnungen für den tiergestützten Einsatz existierten.39 Heute haben sich verschiedene Begriffe etabliert, die nachfolgend zusammengefasst, vorgestellt und erklärt werden sollen.40

1.3.1 BEGRIFFLICHE DEFINITIONEN UND ABGRENZUNGEN IM ANGLO- AMERIKANISCHEN RAUM

Weil es sich aus der historischen Entwicklung und der gewachsenen Relevanz ergibt, werden im Folgenden zuerst die Definitionen und Abgrenzungen im anglo- amerikanischen Raum vorgestellt.

1.3.1.1 Pet Therapy (PT), Pet facilitated Therapy (PFT), Pet facilitated Psychotherapy (PFP), Animal facilitated Therapy (AFT)

Der älteste Begriff dafür, sich Haustiere therapeutsch nutzbar zu machen, war „Pet Therapy“ (PT). Allerdings wurde er bald abgelöst vom Begriff „Pet facilitated Therapy“ (PFT). Dies sollte deutlich machen und klar herausstellen, dass nicht das Tier der Therapeut ist, sondern, dass das Tier einen menschlichen Therapeuten bei der Therapie unterstützen soll, diesem die Therapie erleichtern oder die Therapie fördern soll (facilitated Æ erleichtern, fördern). Der Begriff „Pet facilitated Psychotherapy” (PFP) bezeichnet eine Unterform der Pet facilitated Therapy. Während unter PFT verschiedenste Arten von Therapie, von Ergotherapie über Verhaltens- und Gesprächstherapie verstanden werden können, meint PFP eine tiergestützte tiefenpsychologisch orientierte Therapie. Die Einführung des Begriffs „Animal facilitated Therapy” (AFT) sollte verdeutlichen, dass es sich bei der tiergestützten Therapie nicht nur um Therapie mit Haustieren (pets) handeln kann, sondern dass auch durchaus andere Tiere (animals) für die Therapie geeignet sind, z.B. Delfine und Lamas. Der erste Begriff (Pet Therapy) wurde nur kurz und die beiden letzten Begriffe (Pet facilitated Psychotherapy und Animal facilitated Therapy) wurden nur selten gebraucht. Der übliche Begriff war lange Zeit PFT. Mit den Aktivitäten der Delta Society wurden diese Begriffe abgelöst durch die Begriffe „Animal-Assisted-Activities” und “Animal- Assisted-Therapy”.

1.3.1.2 Animal-Assisted-Activities (AAA)

Die Delta Society definiert Animal-Assisted-Activities folgendermaßen:

" AAA provides opportunities for motivational, educational, recreational, and/or therapeutic benefits to enhance quality of life. AAA are delivered in a variety of environments by specially trained professionals, paraprofessionals, and/or volunteers, in association with animals that meet specific criteria. "41

AAA ist demnach eine unterstützende Intervention mit Hilfe eines Tieres zur Verbesserung der Motivation, zur Unterstützung der Erziehung und zur Förderung der Genesung, durchgeführt von überwiegend ehrenamtlichen (mehr oder weniger qualifizierten) Personen mit unterschiedlichen Arten von Tieren. Die Zeit ist dabei nicht vorgegeben, weder die Dauer noch die Kontinuität. Eine An- und Abmeldung beim Personal oder der Institution ist nicht nötig, genauso wenig wie die Dokumentation der Aktivitäten und der Effekte. Die Aktivität richtet sich auch nicht an bestimmte Personen (Patienten), sondern an diejenigen die gerade anwesend sind und Lust haben, die Aktivität mitzumachen (z.B. mit dem Hund des Hundebesuchsdienstes „Gassi“ zu gehen).

1.3.1.3 Animal-Assisted-Therapy (AAT)

Anders ist es bei der Animal-Assisted-Therapy. Diese wird von der Delta Society so definiert:

" AAT is a goal-directed intervention in which an animal that meets specific criteria is an integral part of the treatment process. AAT is directed and/or delivered by a health/human service professional with specialized expertise, and within the scope of practice of his/her profession. AAT is designed to promote improvement in human physical, social, emotional, and/or cognitive functioning [cognitive functioning refers to thinking and intellectual skills]. AAT is provided in a variety of settings and may be group or individual in nature. This process is documented and evaluated. "42

Es handelt sich also nicht nur um eine unterstützende Intervention oder Aktivität, sondern um eine „ Behandlung mit dem Tier als integralem Bestandteil “.43 Die Ziele müssen dabei vorher präzise festgelegt und operationalisiert sein. Ziele können beispielsweise die Verbesserung sozialer Fähigkeiten, der sprachlichen Kompetenz, der motorischen Koordination oder der Aufmerksamkeitsspanne sein. Die Therapie wird immer von im therapeutischen Bereich qualifizierten Fachkräften mit einer Zusatzqualifikation in AAT durchgeführt. Das Tier kann unterschiedlicher Art sein und sollte über bestimmte Merkmale verfügen und vortrainiert sein. Vor allem muss es während des Einsatzes lenkbar sein (z.B. Hund, Pferd, im Gegensatz zu Kaninchen, Hamster, Wellensittich etc.). Die Zeit ist festgelegt und begrenzt und es erfolgt eine Kontrolle des Einsatzes mit anschließender Dokumentation. Die Dokumentation bezieht sich auf die Aktivitäten und die damit erzielten positiven und negativen Effekte.

Außerdem umfasst sie das Sitzungsprotokoll von jeder Sitzung.

1.3.2 BEGRIFFLICHE DEFINITIONEN UND ABGRENZUNGEN IM DEUTSCHSPACHIGEN RAUM

Während im anglo-amerikanischen Raum die beiden oben beschriebenen Formen der Tiergestützten Interventionen (AAA und AAT) seit 1996 offiziell anerkannt sind, gibt es im deutschsprachigen Raum verschiedene, unterschiedliche, teils missverständliche und Verwirrung stiftende Begriffe, die zudem oft nicht eindeutig verwendet werden.44 Es wird dort beispielsweise zwischen Tiergestützter Therapie und Tiertherapie unterschieden. Mit Tiergestützter Therapie ist gemeint, dass das Tier in ein bestehendes Therapiekonzept als zusätzlich anwesendes Lebewesen integriert wird. Wäre das Tier abwesend (krank, Ruhezeit…), könnte und würde die Therapie auch ohne es weitergehen und durchgeführt werden. Bei der Tiertherapie wäre das nicht möglich, da die Therapie ohne das Tier nicht durchführbar wäre, weil es eine „umfassend wirksame Trägerfunktion für die gesamte Dauer des Therapieprozesses hat.“45 Die Therapie wäre notfalls ohne den Therapeuten möglich, nicht aber ohne das Tier. Ein Beispiel wäre die Delfintherapie, wie sie z.B. in Eilat/Israel durchgeführt wird. Es geht dort nur um die freie Bewegung zwischen dem Kind und dem Delfin. Vernooij und Schneider sind der Meinung, dass Therapie ohne einen Therapeuten, der zumindest das Konzept und die Dokumentation machen muss, nicht möglich ist und lehnen den Begriff Tiertherapie grundsätzlich ab. In den USA wird unter Tiertherapie die Therapie für verhaltensgestörte Tiere verstanden. Dies gilt als weiteres Argument gegen diesen Begriff.

Vernooij und Schneider erklären in ihrem Buch ausführlich, welche Begriffe in Deutschland bestehen und wie sie entstanden sind. Gängig sind momentan die vier Begriffe Tiergestützte Aktivität (TGA), Tiergestützte Förderung (TGF), Tiergestützte Pädagogik (TGP) und Tiergestützte Therapie (TGT), die alle unter dem Oberbegriff Tiergestützte Interventionen subsumiert werden. Die drei Begriffe TGA, TGP und TGT werden am häufigsten verwendet. Vernooij und Schneider plädieren dafür, den Begriff Tiergestützte Förderung (TGF) zusammen mit anderen Formen der Tiergestützten Interventionen in der Schule unter dem Begriff Tiergestützte Didaktik zusammen zu fassen und diesen wiederum als Spezialfeld der Tiergestützten Pädagogik unterzuordnen.46 Dies erscheint sinnvoll und ist momentan auf diesem noch sehr jungen Forschungsgebiet als der neueste Trend zu betrachten.

Im Folgenden sollen nun die vier bislang unter dem Begriff Tiergestützte Interventionen zusammengefassten Begriffe genauer erklärt und gegeneinander abgegrenzt werden.47 Es kann aber bereits im Vorfeld gesagt werden, dass es Überschneidungen bei den Begrifflichkeiten gibt und es deshalb keine absolute Eindeutigkeit geben kann. Außerdem sind die Begriffe und die damit verbundenen Handlungen bei uns nicht wie in Amerika von offizieller Seite anerkannt. Das führt dazu, dass sich sowohl die Begriffsfindung als auch die Inhalte der einzelnen Interventionen noch sehr stark in der Entwicklung befinden und noch keine endgültige Festlegung stattgefunden hat.

1.3.2.1 Tiergestützte Aktivität (TGA)

Die Tiergestützte Aktivität dient ganz allgemein der Verbesserung der Lebensqualität und des Wohlbefindens des Menschen. Sie richtet sich an beliebige Menschen jeden Alters. Sie wird von Laien oder ehrenamtlichen Personen mit einem geeigneten Tier durchgeführt. Die Aktivitäten finden sporadisch statt und erfordern keine Dokumentation. Es kann gesagt werden, die TGA entspricht in etwa der AAA im anglo- amerikanischen Raum.

Ein Beispiel für TGA ist der Hundebesuchsdienst im Krankenhaus oder Altersheim.

1.3.2.2 Tiergestützte Förderung (TGF)

Bei der Tiergestützten Förderung besteht die Zielgruppe aus jungen Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen und Patienten in der Rehabilitation (z.B. nach einem Schlaganfall). Das Ziel ist es, mit Hilfe eines zuvor erstellten Förderplans, Entwicklungsfortschritte bei den behandelten Menschen zu erreichen. Der Ansatz ist ressourcenorientiert und unterstützt somit die vorhandenen Möglichkeiten. Durchgeführt wird die Therapie von qualifizierten Personen mit Hilfe eines speziell trainierten Tieres. Es handelt sich immer um ein mehrmaliges, zeitlich festgelegtes Angebot, das sinnvoll ist zu protokollieren.

Als Beispiele können der Einsatz von Tieren in der Frühförderung oder auch die Hippotherapie zur Förderung der Sensomotorischen Integration bei kleinen Kindern genannt werden.

1.3.2.3 Tiergestützte Pädagogik (TGP)

Die Tiergestützte Pädagogik richtet sich an Kinder und Jugendliche mit Problemen im emotionalen und sozialen Bereich. Nach vorher konkret definierten Zielvorgaben sollen Lernprozesse im sozio-emotionalen Bereich initiiert werden. Die Therapeuten brauchen 16 eine Berufsqualifikation im (sonder-)pädagogischen Bereich. Sie arbeiten mit einem speziell trainierten Tier. Die Therapie findet zu festgelegten Zeiten über einen längeren Zeitraum statt und es werden alle Sitzungen mit Bezug auf die Zielvorgaben protokolliert.

Als Beispiel sollen hier das Heilpädagogische Voltigieren und -Reiten genannt werden.

1.3.2.4 Tiergestützte Therapie (TGT)

Die Tiergestützte Therapie soll Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die aufgrund psycho-physischer Störung oder Erkrankung einer therapeutischen Behandlung bedürfen, helfen. Das Ziel, die Verbesserung der Lebensgestaltungskompetenz, wird mit Hilfe eines Therapieplans mit klaren Zielvorgaben und präzise festgelegten Teil- und Endzielen, also operationalisiert, angestrebt. Die TGT wird von qualifizierten Therapeuten mit Ausbildung nach unterschiedlichen Therapiekonzepten mit Hilfe eines spezifisch trainierten Tieres durchgeführt. Es finden regelmäßige Sitzungen zu festgelegten Zeiten über einen längeren Zeitraum statt. Jeder Einsatz wird protokolliert und die Fortschritte werden dokumentiert.

Als Beispiel für die TGT kann der seit Jahren praktizierte Einsatz von speziellen Therapiehunden in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Leipzig genannt werden.

1.4 STANDARDS UND QUALITÄTSSICHERUNG FÜR ANBIETER UND AUSBILDER IM DEUTSCHSPRACHIGEN RAUM

Im Bereich Tiergestützte Interventionen gibt es zwar namhafte Ausbildungseinrichtungen, um aber das hohe Niveau in der TGT beibehalten zu können und um Missbrauch zu vermeiden, bedarf es der Kontrolle und der Vereinheitlichung von Standards. Zu diesem Zweck hat sich im Oktober 2004 der Europäische Dachverband für tiergestützte Therapie ESAAT- European Society for Animal Assisted Therapy mit Sitz in Wien gegründet (www.esaat.org).48 Die Hauptaufgaben der ESAAT sind die Erforschung und Förderung der tiergestützten Therapie sowie die Hervorhebung der therapeutischen, pädagogischen und salutogenetischen Wirkung der Mensch-Tier-Beziehung. ESAAT wurde gegründet, um die Anerkennung der tiergestützten Therapie als Therapieform und die Schaffung eines eigenen Berufsbildes zu erreichen. Dazu sollen Standards für Ausbildungsrichtlinien auf dem Gebiet der TGT erarbeitet und die Ausbildung EU-weit vereinheitlicht werden. Die Mindestqualifikation der Vortragenden und des ausbildenden Personals wird in Zukunft europaweit festgelegt und darüber hinaus eine Qualitätssicherung etabliert.49

Im November 2006 wurde die ISAAT - Internationale Gesellschaft für Tiergestützte Therapie - in Zürich durch Vertreter von Universitäten und Privatinstitutionen aus Japan, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz gegründet.

Ziele der Gesellschaft sind 1.) die Qualitätskontrolle der Institutionen (öffentliche und private), welche berufliche Weiterbildung in tiergestützter Therapie, tiergestützter Pädagogik und tiergestützter Förderma ß nahmen zum Wohle des Menschen anbieten, durch ein unabhängiges Akkreditierungsverfahren zu sichern;

2.) die offizielle Anerkennung a) der tiergestützten Therapie als einer therapeutischen Intervention, b) der tiergestützten Pädagogik als einer bewährten Methode und c) der tiergestützten Förderma ß nahmen als einer einfachen, in der Geschichte der Menschheit stets genutzten Aktivität zur Salutogenese, zu fördern; und 3.) die offizielle Anerkennung von Personen zu erlangen, die sich auf diesen Gebieten in akkreditierten Institutionen weitergebildet haben, entweder als tiergestützte Therapeuten/Berater, tiergestützte Pädagogen, oder Fachpersonen für tiergestützte Förderma ß nahmen. “ 50

Die genauen Standards für eine Akkreditierung im Bereich TGT sind im Internet unter http://www.aat-isaat.org/images/pdf/ISAAT%20STANDARDS%202008.pdf zu finden.

Inzwischen gibt es einige, von der ISAAT anerkannte Fort- und Weiterbildungsinstitute, darunter auch die Evangelische Hochschule Freiburg im Breisgau, die als erste deutsche Hochschule eine berufsbegleitende Weiterbildung zur TGP und TGT, unter Einbeziehung aktueller Ergebnisse aus Forschung und Praxisevaluation, anbietet. An der veterinärmedizinischen Universität Wien wird seit 2003 ein Lehrgang zur akademisch geprüften Fachkraft für TGT und TGF angeboten. Ähnliche Lehrgänge werden in der Schweiz am Institut für angewandte Ethologie und Tierpsychologie (www.turner-iet.ch) oder in Deutschland am „Institut für soziales Lernen“ bei Hannover (www.lernen-mit-tieren.de) angeboten.51 Seit dem Wintersemester 2007 gibt es erstmals in Europa ein interuniversitäres Studium der Mensch-Tier-Beziehung an der Universität Wien mit einem Schwerpunkt in den Bereichen TGT und TGP.52 Eine Übersicht über Fortbildungsmöglichkeiten im deutschsprachigen Raum findet sich im Internet unter http://www.tiergestuetzte-therapie.de/pages/fortbildung/fortbildung.htm.

1.5 ERKLÄRUNGSANSÄTZE UND MODELLE IN DER MENSCH-TIER- BEZIEHUNG

Nachdem nun die Begrifflichkeiten ausführlich erklärt wurden, wird in diesem Kapitel beschrieben, welche Modelle es zur Erklärung der Mensch-Tier-Beziehung gibt. Vier Konzepte werden vorgestellt und erläutert.

1.5.1 DU-EVIDENZ

Nach Greiffenhagen und Buck-Werner ist die Du-Evidenz „ die unumgängliche Voraussetzung dafür, dass Tiere therapeutisch und pädagogisch helfen können.53 Unter Du-Evidenz wird die Tatsache verstanden, dass „ Menschen und höhere Tiere eine Beziehung miteinander eingehen können, die denen gleicht, die Menschen bzw. Tiere untereinander eingehen.54 Otterstedt beschreibt, worin die besondere therapeutische Wirkung eines Dialoges mit einem Tier besteht. Dazu bedarf es zuerst einmal einer freien Begegnung eines Menschen mit einem Tier. Das Tier wird dabei vom Menschen zuerst als „Es“ erlebt und bezeichnet. Erlebt der Mensch in der weiteren Annäherung an das Tier dann dessen Wesenhaftes, wird das Tier als „Du“ wahrgenommen und benannt. „ Die Begegnung zum Es entwickelt sich durch sein Wesenhaftes zu einer Beziehung zum Du.55

Meist - aber keineswegs immer - geht die Initiative zu einer Beziehung zwischen Mensch und Tier vom Menschen aus. Ob das Tier die vom Menschen ausgehende Initiative erwidert oder nicht ist dabei unerheblich. Wichtig ist nur, dass der Mensch ganz subjektiv die Gewissheit hat, dass es sich bei der Beziehung um eine Partnerschaft handelt. Die Evidenz ist also nicht an Gegenseitigkeit gebunden, sondern ist auch einseitig möglich, denn sie beruht auf Erleben und Emotionen und nicht auf rational verarbeiteter Wahrnehmung.56 Der Mensch, der die tierische Du-Evidenz empfindet, sieht das Tier als Genossen oder Partner und schreibt ihm personale Qualitäten zu, beispielsweise indem er ihm einen Namen gibt. Dadurch bekommt das Tier eine Individualität, häufig werden Tiere „ zum Teil der Familie, zum Adressaten von Ansprache und Zuwendung, zum Subjekt mit Bedürfnissen und Rechten, denen ebenso entsprochen wird wie im Falle der menschlichen Mitglieder.57 Auf der anderen Seite werden vom Tier Eigenschaften verlangt, wie z.B. ein Mindestmaß an Kommunikationsfähigkeit und Sozialität, damit eine gewisse Gemeinsamkeit ermöglicht wird, die wiederum das Fundament einer Beziehungsfähigkeit darstellt.58

Sehr gut lässt sich die Du-Evidenz mit einem Zitat aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry veranschaulichen.

“ Wer bist du? “ sagte der kleine Prinz. „ Du bist sehr hübsch …“ . „ Ich bin ein Fuchs “ , sagte der Fuchs.

„ Komm und spiel mit mir “ , schlug ihm der kleine Prinz vor. „ Ich bin so traurig …“ .

„ Ich kann nicht mit dir spielen “ , sagte der Fuchs. „ Ich bin noch nicht gezähmt! “ . […] „ Du bist nicht von hier “ , sagte der Fuchs, „ was suchst du? “ […] „ Nein “ , sagte der kleine Prinz, „ ich suche Freunde. Was hei ß t ,zähmen ‘ ? “ „ Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache “ , sagte der Fuchs. „ Es bedeutet: sich ,vertraut machen ‘ . “ […] „ Du bist für mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt …“ […] „ Bitte … zähme mich! “ sagte er. […] So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. 59 […]

„ Du wirst wiederkommen und mir adieu sagen, und ich werde dir ein Geheimnis schenken. “ […] „ Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. “ […] „ du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.60

1.5.2 BIOPHILIE-HYPOTHESE

Biophilie ist die Liebe zu allem Lebendigen. Im Gegensatz zur Du-Evidenz, bei der vermutet wird, dass die Wirkmechanismen psychischer Natur sind, geht die BiophilieHypothese davon aus, dass es genetische Veranlagungen für die Mensch-Tier- Beziehung gibt. Der amerikanische Biologe Wilson nimmt an, dass das Interesse an allem Lebendigen angeboren ist. In der von ihm aufgestellten Biophilie-Hypothese begründet er das damit, dass Mensch und Tier stets gemeinsam die Evolution durchlaufen haben. Eine psychische, emotionale und kognitive Hinwendung des Menschen zu Leben und Natur ist daher in seinen Wurzeln begründet.61 Erich Fromm spricht von einer „ leidenschaftlichen Liebe zum Leben und allem Lebendigen62 Olbrich spricht in Bezug auf die Biophilie von den „ archaischen Wurzeln der Mensch-Tier- Beziehung“63 Bei der Biophilie handelt es sich aber nicht nur um einen einfachen Instinkt, sondern „ um ein komplexes Regelwerk, welches das Verhalten, die Gefühle, aber auch die geistigen Fähigkeiten, die Ä sthetik und sogar die spirituelle Entwicklung des Menschen betrifft.64 In der Bezugnahme von Menschen zur Natur werden neun verschiedene Perspektiven unterschieden.

- Die utilitaristische Perspektive stellt den Nützlichkeitsaspekt des Tieres für den Menschen in den Mittelpunkt. So nutzen die Menschen Tiere, indem sie ihre Milch, Eier, Wolle und ihr Fleisch verwerten.
- In der naturalistischen Perspektive geht es darum, dass der Mensch in der Natur ein tiefes, ruhiges Gefühl empfindet, sich entspannt und Ehrfurcht erlebt.
- Die dritte Perspektive, die ökologisch-wissenschaftliche, beschreibt die Motivation des Menschen, die Natur aufmerksam zu beobachten und systematisch zu analysieren.
- In der ästhetischen Perspektive wird beschrieben, wie sich der Mensch an der physischen Harmonie und Schönheit der Natur erfreut.
- Aus der symbolischen Perspektive betrachtet gibt die Natur dem Menschen viele Symbole, die als Metaphern in Märchen, Mythen und Träumen für die eigene Identität stehen.
- Die humanistische Perspektive hebt die tief empfundene, positive Verbundenheit des Menschen mit der Natur, seine Fürsorge für sie und den Wunsch sie zu erhalten, hervor.
- Die moralische Perspektive beschreibt das Verantwortungsgefühl des Menschen der Natur gegenüber,
- während sich die dominierende Perspektive damit beschäftigt, dass der Mensch dazu tendiert, die Natur kontrollieren und beherrschen zu wollen.
- Die letzte Perspektive, die negativistische, stellt schließlich dar, dass der Mensch in der Natur auch negative Erlebnisse haben kann, wie Angst, Ekel, Aversion und Antipathie.65,66

Bei den Tiergestützten Interventionen kommen alle neun Aspekte mehr oder weniger zum Tragen, da sie alle spezifische Funktionen und Wirkungen auf den Menschen haben. Dabei sind manche Wirkungen kaum sichtbar und auch nicht steuer- oder kontrollierbar (z.B. Gefühle von Seelenverwandtschaft, Harmonie etc.), andere hingegen können systematisch gesteuert, genutzt und kontrolliert werden.67

Olbrich hebt hervor:

Ihnen [Anm. d. Verf.: anderen Erklärungsmodellen für die Mensch-Tier-Beziehung] und dem hier behandelten Konzept der Biophilie gemeinsam ist, dass sie die Bedeutung von Beziehung, von Verbundenheit und Einbettung in einen Kontext und damit in ein Gefüge von Interaktionen und Rückwirkungen betonen, nicht etwa nur kausale Wenn-dann-Aussagen, wie sie die naturwissenschaftlich-medizinischen Theorien zur Erklärung therapeutischer Effekte favorisieren.68

1.5.3 ABLEITUNGEN AUS DER BINDUNGSTHEORIE

In der einschlägigen Fachliteratur wird häufig ein Aufsatz von Beetz zitiert, in dem Aspekte der Bindungstheorie als Erklärung für die Mensch-Tier-Beziehung dienen.69

Die Bindungstheorie geht auf die Forschung von Bowlby70 und Ainsworth71 zurück und setzt sich mit der Neigung des Menschen auseinander, enge, von intensiven Gefühlen getragene Beziehungen zu anderen zu entwickeln. Mit dem Begriff Bindung wird das Verhältnis von zwei Personen verstanden, die über Raum und Zeit hinweg miteinander verbunden sind. Dabei ist keine der beiden Personen austauschbar. Neben Nahrungsaufnahme und Sexualität wird Bindung auch als eigenständiges Primärbedürfnis gesehen.

Jeder Säugling hat das angeborene Bedürfnis, die Nähe ausgewählter Bezugspersonen zu suchen, um sich sicher zu fühlen. Die Bezugsperson dient als sichere Basis für das Kind, das zusätzlich zum Bedürfnis nach Nähe auch noch das Bedürfnis nach Exploration hat. Fühlt das Kind sich sicher, weil die vertraute Bindungsperson als verfügbar und prinzipiell bereit, auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen, wahrgenommen wird, überwiegen Exploration und Zuwendung zur Umwelt. Sobald eine Gefahr, in der äußeren oder inneren Umwelt auftaucht (eigener Kummer, Unsicherheit, Krankheit oder wenn Einschränkung in der Verfügbarkeit und Reaktionsbereitschaft der Bindungsperson), überwiegt beim Kind das Aufsuchen der Bezugsperson und die Suche nach Nähe und Kontakt zu dieser.

Die Art und Qualität der Bindungserfahrungen in der frühesten Kindheit sind für die Entstehung von vier unterschiedlichen Bindungstypen verantwortlich. Diese sind der bindungssichere, bindungsvermeidende, bindungsambivalente und bindungsdesorientierte Typ. Beetz erklärt:

Während sicher gebundene Kinder aufgrund ihrer Erfahrungen Vertrauen in die Verfügbarkeit ihrer Bindungsfigur haben und sich in diesem Wissen auf Trennungen einlassen können, haben unsicher gebundene Kinder keine zuverlässige Repräsentation der Bindungsfigur. Die Entwicklung ist gro ß enteils von der mütterlichen Feinfühligkeit, d.h. dem korrekten Erkennen und der prompten, adäquaten Reaktionen auf das kindliche Bindungsverhalten, abhängig.72

In oben erwähntem Aufsatz, schlägt Beetz nun eine Brücke von der Bindungstheorie zur Mensch-Tier-Beziehung. Sie stellt fest, dass Menschen nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zu Tieren tiefgehende Beziehungen aufbauen können, die ihnen emotionale und soziale Unterstützung bieten. Auch werden Tiere von Menschen als Gefährten wahrgenommen, die Empathie geben, ohne kognitiv zu werten. Beetz behauptet, Tiere können als Beziehungspartner und als sichere Bezugspunkte z.B. für misshandelte Kinder, die oft eine unsichere Bindung zu ihrer Bezugsperson haben, genutzt werden. Dafür spricht auch eine Untersuchung von Endenburg73, der in einer Studie herausfand, dass das Tier dem Menschen ein Gefühl von Sicherheit vermittelt und, dass Erwachsene häufig die Spezies oder Rasse bevorzugen, zu der sie schon in der Kindheit intensiven Kontakt hatte. Er nahm deshalb an, „ dass die Beziehung zum Tier in der Kindheit zur Ausformung eines Arbeitsmodellsüber Beziehungen zu Tieren führt “.74 Nach Beetz spenden Tiere Trost und geben Sicherheit und Zuwendung und zwar eventuell in einem „ subjektiv vergleichbar empfundenen Ausma ß wie eine sichere Bindungsfigur “.75 Beetz stellt nicht nur dar, dass Tiere für Menschen Bindungsobjekte sein können, sondern auch, dass positive Bindungserfahrungen mit einem Tier möglicherweise auf soziale Situationen mit Menschen übertragen werden können. Sie meint:

Möglicherweise fällt der Aufbau eines sicheren Arbeitsmodells zu einem zuverlässigen Therapietier anfangs leichter als eine direkte Veränderung des internalen Arbeitsmodells von Beziehungen zu Menschen. Auf eine Ü bertragung dieses möglichen sicheren Arbeitsmodells von Beziehungen zu Tieren auf zwischenmenschliche Beziehungen sollte jedoch im Verlauf der Therapie hingearbeitet werden.76

Mit diesen Überlegungen legt Beetz eine Ergänzung zur Biophilie-Hypothese und zum Du-Evidenz-Konzept vor, wobei sie die Verbundenheit mit der Bindungstheorie erklärt und sie dabei auch gleichzeitig darauf einengt.77 Der von Beetz aufgestellte Erklärungsversuch scheint plausibel, ist allerdings nur als Hypothese zu verstehen und noch keineswegs ausreichend erforscht.

1.5.4 SPIEGELNEURONE

Als Spiegelneurone werden Nervenzellen bezeichnet, die im Gehirn beim Betrachten eines Vorgangs die gleichen Potenziale auslösen, wie sie entstünden, wenn dieser Vorgang nicht nur passiv betrachtet, sondern aktiv gestaltet würde.78 Sie wurden vom Italiener Giacomo Rizzolatti und seinen Mitarbeitern 1995 in Parma zufällig bei einem Tierversuch mit Affen entdeckt. Ihre Existenz würde z.B. erklären, warum wir unwillkürlich zurücklächeln, wenn uns jemand anlächelt, warum wir gähnen, wenn wir jemand anderen gähnen sehen oder warum wir selbst den Mund öffnen, wenn wir einem Kleinkind beim Füttern den Löffel in den Mund stecken wollen. Sehr ausführliche Versuchsbeschreibungen finden sich bei Bauer79 und Zaboura.80

Aktuelle Studien an menschlichen Probanden mittels bildgebender Verfahren zeigen, dass allein das Beobachten der Handlungen anderer in verschiedenen Hirnarealen eine neuronale Resonanz erzeugt.81 Dies könnte der Grund sein, weshalb wir in der Lage sind, die Absichten anderer intuitiv nachzuvollziehen. Es wird diskutiert, ob diese Fähigkeit sogar das Fundament von Mitgefühl, Sprache und Denken bildet. Bei Autisten, so ist heute schon bekannt, werden die für Spiegelneurone typischen Hirngebiete nur schwach aktiviert. Dies könnte erklären, warum es den Betroffenen schwer fällt, die Intentionen ihrer Mitmenschen zu erkennen.82 In Lübeck gibt es auch Forschungen mit ganz praktischem Nutzen. Der Lübecker Neurologe Binkofski nutzt das Spiegelneuronenkonzept in der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten. Diese sehen sich vor ihren Trainingseinheiten mit dem Physiotherapeuten kurze Filme der neu zu erlernenden Bewegungen an und erlangen dadurch ihre Beweglichkeit schneller wieder als Patienten einer Kontrollgruppe ohne Videoshow.83

Die Kommunikationswissenschaftlerin Zaboura fragt:

Doch bilden diese neu entdeckten, revolutionären „ sozialen “ Spiegelzellen im Gehirn des Menschen wirklich die Brücke vom Ich zum anderen? Grundieren sie den Mechanismus, der uns Empathie empfinden lässt und uns die Gewissheit gibt, dass der andere ein mirähnliches Wesen ist? “ 84

In Bezug auf die Spiegelneurone ist noch vieles ungeklärt und spekulativ. Es stellt sich beispielweise auch die Frage, ob Tiere emotionale Resonanzphänomene beim Menschen hervorrufen können. Beetz formuliert: „ Interessant ist nun die Frage, ob wir auch mit Tieren in Resonanz treten können, ob wir sie und sie uns „ spiegeln “ können. Hinweise, wie die „ joint attention “ (gemeinsame Aufmerksamkeit und Blickorientierung) z.B. mit dem eigenen Hund, sprechen dafür. Empathie bzw. Resonanz mit Tieren, die sich z.B. freuen oder sich gerade eine Verletzung zuziehen, d.h. das Mitschwingen mit deren Emotionen und körperlichen Empfindungen wäre ein weiterer Hinweis, der aber wissenschaftlich bisher noch nicht näher untersucht wurde. Für die Beziehung zwischen Mensch und Tier könnte das Konzept der Spiegelneurone bei Ü bertragbarkeit so positive Effekte wie Beruhigung oder auch Verbesserung der Stimmung durch das Tier erklären. Für die tiergestützte Therapie wäre darüber hinaus hier auch eine Grundlage der Arbeit an der Empathiefähigkeit bestimmter Klientel zu finden.85

1.5.5 SONSTIGE ASPEKTE VON WIRKWEISEN DER MENSCH-TIER- BEZIEHUNG

Außer den oben beschriebenen vier Erklärungstheorien gibt es weitere Konzepte um die unterstützende Wirkweise der Mensch-Tier-Beziehung in Behandlungs- und Heilungsprozessen zu erklären. Einige davon sollen hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit kurz dargestellt werden:

Tiere als sozialer Katalysator

Ausgehend von der Annahme, dass ein Patient im psychiatrischen oder psychotherapeutischen Kontext evtl. Probleme in sozialen Beziehungen zu anderen Menschen hat, weil er über ein geringes Selbstwertgefühl und wenig Selbstbewusstsein verfügt, schreiben Greiffenhagen und Buck-Werner:

Das Tier dagegen ist offenkundig von niedrigerem Rang als der Patient, so gering sein Selbstwertgefühl auch ausgeprägt ist. Es ist unwahrscheinlich, dass er mit dem Tier das erlebt, was er im Zusammensein mit anderen Menschen immer wieder erfährt: Zurücksetzung und Demütigung. Die Grundidee liegt nun darin, dem Kranken ein Tier zuzuführen, das ihm keine angst macht und das ihn liebt und bewundert. Dieses Tier dient dann als eine Art katalysatorischer Vermittler beim Aufbau von angemessenen und befriedigenden sozialen Interaktionen. Der Patient entwickelt zunächst durch nonverbale und taktile Interaktion eine gute Beziehung zum Tier. Dann dehnt sich allmählich der Kreis sozialer Kontakte erst auf den Arzt aus, der das Tier eingeführt hat, später auf andere Patienten und das Klinikpersonal. Und schlie ß lich wird Schritt für Schritt auch die Welt au ß erhalb des Krankenhauses in den Kreis einbezogen. Die anfangs nonverbale Form der Interaktion wird dabei durch verbale Kommunikation und eine breiter werdende Palette verschiedener Stimmungen und Gefühle ersetzt.86

In einem anderen Beispiel beschreiben ebenfalls Greiffenhagen und Buck-Werner, wie Tiere soziale Kontakte unter einander fremden Menschen ermöglichen:

Tiere darf man nicht nur anfassen, sondern man kann sie auch ungefragt ansprechen. Auf diese Weise stiften Tiere soziale Kontakte zu deren Herrchen und Frauchen. Jeder darf jeden Hund und jede Katze, denen er auf dem Spaziergang begegnet, ohne Scheu anreden. Wenn am anderen Ende der Leine ein Mensch geht, ist dieser indirekt mitadressiert, und in der Folge entspinnt sich vielleicht ein Gespräch zwischen zwei wildfremden Menschen. Unmöglich die Vorstellung, mit einem Fremden ein Gespräch zu eröffnen, ohne einen Grund dafür zu haben oder bekannt gemacht worden zu sein. Mit Hunden und anderen Tieren in der Nähe wirkt ein Mensch offenbar eher zugänglich.87

Jeder, der selbst ein Tier hat, kennt dieses Phänomen, das inzwischen durch verschiedene wissenschaftliche Experimente als belegt gilt.

Tiere sorgen für Entspannung und erlauben Sinnlichkeit

Greiffenhagen und Buck-Werner sollen hier exemplarisch zitiert werden für ein Phänomen, dass in der Literatur auch von diversen anderen Autoren beschrieben wird:

Physiologische Reaktionen durch Tierkontakte hat man nicht nur im Blick auf Blutdruck und Herztätigkeit nachweisen können. Wer mit einem Tier spricht oder es streichelt, zeigt eine Reihe von stereotypen Veränderungen in seinem Gesicht und der Stimme.88

Es wird beschrieben, wie sich bei einer Mensch-Tier-Interaktion das Gesicht entspannt, die Muskelspannung nachlässt und der Blutdruck gesenkt wird.

Ein weiterer Aspekt ist das menschliche Bedürfnis nach Nähe und Berührung. Dieses wird, wenn es ausgelebt wird schnell als erotische Annäherung interpretiert und ist deshalb in unserer Gesellschaft weitgehend tabuisiert und wird folglich unterdrückt. Greiffenhagen und Buck-Werner schreiben:

Psychoanalytiker und Anthropologen belehren uns heute darüber, dass das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und nichtsexueller Berührung bei Männern und Frauenähnlich stark ausgeprägt sei. Männer dürfen es in unserer Gesellschaft noch weniger ausleben als Frauen. Freundinnen umarmen und küssen sich sogar in den berührungsfeindlichsten Ländern wie Gro ß britannien; für Männer ist solches Weibergetue durchweg tabu. Zärtlichkeit passt nicht zur männlichen Welt. Aber das gilt wieder nur im Blick auf Menschen: Ein Tier darf ,man ‘ streicheln und auf den Arm nehmen, man darf mit ihm spielen und lachen. Im Spiel mit dem Tier gewinnt der Mann jene Eigenschaften und Fähigkeiten zurück, die eine sinnenfeindliche Religion und eine puritanische Erziehung ihm ausgetrieben haben. Viele Studien haben inzwischen gezeigt, dass der Kontakt mit dem Tier aus diesem Grund für Männer noch weit gr öß ere Bedeutung besitzt als für Frauen: als ihre vorläufig einzige Chance für Nähe und Zärtlichkeit oder zweckfreies Spiel.89

Lerntheoretische bzw. verhaltenstherapeutische Erklärungsansätze90

In der Verhaltenstherapie werden Methoden der klassischen und operanten Konditionierung sowie des Lernens am Modell angewendet. Bei der Konditionierung geht es darum, erwünschtes Verhalten zu fördern und unerwünschtes Verhalten zu reduzieren. Dies geschieht durch Verstärkung bzw. Sanktionierung und Löschung von gezeigtem Verhalten. Da Tiere bei vielen Menschen gut als Verstärker wirken, werden sie zu diesem Zweck in der Tiergestützten Therapie gezielt eingesetzt. Beispielsweise kann einem Patienten der nicht essen mag, zur Belohnung (Verstärkung) dafür, dass er freiwillig Nahrung zu sich nimmt, erlaubt werden, Zeit mit einem Tier verbringen zu dürfen. Zur Löschung eines unerwünschten Verhaltens kann ihm der weitere

Tierkontakt untersagt werden.

Auch beim Lernen am Modell kann das Tier unterstützend wirken, da es bei vielen Patienten sehr positiv besetzt ist und deshalb als starkes Modell wirkt bzw. die Modellwirkung seines „Herrchens“ verstärkt.

[...]


1 Olbrich (2003) S. 69

2 Barkey (2007) S. 969

3 Juckel und Laux (2008) S. 15

4 Naber, Lambert, Laux und Möller (2007) S. 143

5 Juckel und Laux (2008) S. 16-17

6 Naber, Lambert, Laux und Möller (2007) S. 144

7 Juckel und Laux (2008) S. 17

8 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 151

9 WHO (2006)

10 Antonowski (1989) S. 53

11 Olbrich (2003) S. 73

12 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 155

13 Röger-Lakenbrink (2006) S. 13

14 Röger-Lakenbrink (2006) S. 13

15 Hegedusch und Hegedusch (2007) S. 34

16 Hegedusch und Hegedusch (2007) S. 34

17 Röger-Lakenbrink (2006) S. 13

18 Schaumberg (2001) S. 2

19 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 14

20 Röger-Lakenbrink (2006) S. 13

21 Vernooij und Schneider (2008) S. 26

22 Claus (2000) S. 20

23 Claus (2000) S. 20

24 Hegedusch und Hegedusch (2007) S. 35

25 Levinson (1962)

26 Levinson (1969)

27 Levinson (1972)

28 Schaumberg (2001) S.2

29 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 14

30 Claus (2000) S. 20

31 Hegedusch und Hegedusch (2007) S. 35

32 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 15

33 Vernooij und Schneider (2008) S. 27-28 und 30

34 Prothmann (2007) S. 87

35 Turnbull (2009)

36 Vernooij und Schneider (2008) S. 28

37 Tiere helfen Menschen e.V. (2009)

38 Chandler (2005) S. 11

39 Vernooij und Schneider (2008) S. 29

40 Vernooij und Schneider (2008) S. 29-35

41 Delta Society (2009a)

42 Delta Society (2009b)

43 Vernooij und Schneider (2008) S. 33

44 Vernooij und Schneider (2008) S. 48-52

45 Vernooij und Schneider (2008) S. 51

46 Vernooij und Schneider (2008) S. 48-49

47 Vernooij und Schneider (2008) S. 34-52

48 Heike (2008) S. 23

49 ESAAT (2009)

50 ISAAT (2009)

51 Vanek-Gullner (2007) S.33

52 Röger-Lakenbrink (2006) S.65-66

53 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 24

54 Frömming (2006) S. 19

55 Otterstedt (2003a) S. 64

56 Frömming (2006) S. 19

57 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 23

58 Hegedusch und Hegedusch (2007) S. 43

59 Saint-Exupéry (1958) S. 48-51

60 Saint-Exupéry (1958) S. 52-53

61 Olbrich (2003) S. 70

62 Fromm (1983) S. 411

63 Olbrich (2003) S. 68

64 Vernooij und Schneider (2008) S. 14

65 Olbrich und Beetz (2001) S. 17-19

66 Vernooij und Schneider (2008) S. 6-7

67 Vernooij und Schneider (2008) S. 7

68 Olbrich (2003) S. 69

69 Beetz (2003) S. 76-84

70 Bowlby (1969)

71 Ainsworth (1969) S. 113-136

72 Beetz (2003) S. 77-78

73 Endenburg (1995) S. 88-89

74 Beetz (2003) S. 83

75 Beetz (2003) S. 83

76 Beetz (2003) S. 84

77 Vernooij und Schneider (2008) S. 11

78 Vernooij und Schneider (2008) S. 12

79 Bauer (2006)

80 Zaboura (2008)

81 Leube und Pauly (2008) S.492 und 502

82 Gaschler (2007) S. 78

83 Gaschler (2007) S. 78

84 Zaboura (2008) S. 15

85 Beetz (2006)

86 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 173

87 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 40

88 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 38

89 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 40

90 Greiffenhagen und Buck-Werner (2007) S. 180-181

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Titel: Tiere in der Therapie psychisch kranker Menschen: Ein Überblick über den Einsatz von Tieren in der stationären Psychiatrie