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Der Nationalsozialismus als Beispiel für Macht- und Unterdrückungspolitik in Österreich, aufbereitet für die Schüler der Oberstufe der Allgemeinen Sonderschule

Diplomarbeit 2003 188 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Vorwort

Der Nationalsozialismus ist wohl eine der erschreckendsten Beispiele für Macht- und Unterdrückungspolitik. Jegliche Menschenwürde und Toleranz gingen hier verloren. Man müsste glauben, dass die schrecklichen Ereignisse dieser Zeit viele Menschen zum Nachdenken angeregt haben, damit so etwas nie wieder geschehen kann. Leider gibt es aber auch heute noch Fälle, in welchen die Aktivitäten Hitlers gutgeheißen beziehungsweise sogar verherrlicht werden. Daher ist es wichtig den Schülern diese Zeit näherzubringen um damit Präventionsarbeit zu leisten und bereits vorhandene Einflüsse beziehungsweise Vorurteile abzubauen.

Die Ausarbeitung der geschichtlichen Ereignisse mit all seinen schrecklichen Wahrheiten war für mich oft erdrückend was sich auch in meiner Laune auswirkte. Dass meine Familie mich während dieser Zeit trotzdem aushielt, dafür möchte ich mich bedanken.

Mein besonderer Dank gilt einem Teil meiner Familie, der mich mit Zeitzeugenberichten ausgestattet und mir durch viele Erzählungen geholfen hat, die Ereignisse der Zeit des Nationalsozialismus besser zu verstehen. Daher ein großes Dankeschön an

meine Oma Gertrude Heinrich

meine Tanten Veronika Ebhart und Elfride Mayr.

Danke!

Einleitung

In der Schulpraxis ist es leider nicht nur einmal vorgekommen, dass Schüler Begriffe aus der Zeit des Nationalsozialismus wählten um Personen beziehungsweise Situationen damit zu bezeichnen. Hierbei denke ich an ein konkretes Beispiel in welchem ausländische Schüler österreichische als „Nazis“ beschimpften, da sie sich von ihnen unfair behandelt fühlten wobei hier das Wort „Nazi“ als Synonym für „Rassist“ verwendet wurde.

Da mir dieses Anlass genug war, beschloss ich eine Arbeit zu dem Thema „Der Nationalsozialismus als Beispiel für Macht- und Unterdrückungspolitik aufbereitet für die Schüler der ASO Oberstufe“ zu schreiben.

Im Folgenden möchte ich nun die Inhalte der Arbeit überblicksartig vorstellen. Sie sind in folgende Kapitel gegliedert: in das Kapitel „geschichtlicher Überblick“, in das Großthema „Nationalsozialismus“, in den Abschnitt „Fragenbogenauswertung“ und in den „Didaktikbereich“.

Das ersten Kapitel – der geschichtliche Überblick – behandelt Ereignisse des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis hin zum 1. Weltkrieg und zur Zwischenkriegszeit die sozusagen den Nährboden für den Nationalsozialismus bildeten, und ohne die sich die nachfolgenden Geschehnisse nur schwer erklären lassen.

Das eigentliche Thema „Nationalsozialismus“ mit all seinen Auswirkungen und Folgen wird im zweiten Kapitel abgehandelt. In ihm kommen politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ereignisse zur Behandlung die auf die Macht- und Unterdrückungspolitik Hitlers hinweisen. Abschließend wird der Vollständigkeit halber die Nachkriegszeit bis hin zum Staatsvertrag überblicksartig dokumentiert.

Um einen Überblick über den Wissensstand und den Zugang der Schüler zu diesem Thema zu erhalten wurde eine Fragebogenuntersuchung durchgeführt. In diesem dritten Kapitel werden Diskrepanzen zwischen Einstellung und Wissensstand der Schüler in Graphiken aufgezeigt.

Das vierte Kapitel ist der Didaktikteil dieser Arbeit. Lehrplanbezüge, didaktische Hinweise zum Geschichtsunterricht sowie Stundenbilder werden hier dargestellt. Die Stundenbilder sind auf Grund der Fragebogenauswertung erstellt und dem Wissenstand der Schüler angepasst.

Die zu den Stundenbildern gehörigen Arbeitsblätter befinden sich im Anhang. Karteikarten, Folien und CD-Rom sind der zur Arbeit gehörigen Box beigelegt.

1. Geschichtlicher Überblick des 19. Jahrhunderts

Da der Nationalsozialismus nicht als abrupt und isoliert stattgefundenes Ereignis betrachtet werden kann ist es notwendig einen Überblick über die Geschichte des 19. Jahrhunderts zu schaffen, damit die durch die verschiedenen Ereignisse entstanden Folgen besser erfassbar sind.

Das 19. Jahrhundert, welches durch das Ringen des Bürgertums und später auch der Bauern und Industriearbeiter um politische Freiheit und Mitsprache im Staat gekennzeichnet war, brachte neue Weltanschauungen – wie den Liberalismus - zu Tage, dessen Ideen es waren, dass der Mensch sein Leben selbstständig und eigenverantwortlich zu gestalten hat, er bildungswillig und bildungsfähig ist. Diese Fähigkeit kann sich aber nur entfalten wenn er nicht durch konservative Kräfte wie alte Standesvorurteile, Vorrechte der Geburt, Einschränkung seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten etc. gehindert wird. (Vgl. Floiger, S. 18 – 20; vgl. Kinder, S. 63 - 66)

Der Liberalismus scheiterte aber an der sozialen Frage. Die meisten Menschen glaubten nicht mehr an dessen Verwirklichung, sie waren nicht mehr bereit, den Führungsschichten des liberalen Bürgertums zu folgen und wandten sich anderen „Lösungen“ zu, von denen sie eine Verbesserung ihres eigenen Lebens erhoffen konnten: der Sozialdemokratie, der christlichen Soziallehre, dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus. Trotzdem zog sich der liberalistische Gedanke bis in das 20. Jahrhundert. (Vgl. Floiger, S. 18 – 20; vgl. Kinder S. 63 – 69)

Im so genannten Sturmjahr 1848 wollten das liberale Besitz- und Bildungsbürgertum immer noch seine Ziele durch Reformen und mit Zustimmung der Monarchen erreichen. In Wien erhob sich das Volk gegen das verhasste System Metternich während aber die Arbeiterschaft der Vorstädte und die „Radikalen“ bereits vereinzelt nach der Republik riefen. (Vgl. Floiger, S. 22 – 24; vgl. Kinder S. 63 – 65; vgl. Kleindel, S. 238 - 246)

Im Herbst 1848 brach der Oktoberaufstand aus: Studenten und Arbeiter erhoben sich erneut und in den Straßen der Stadt wurde gekämpft. „ Die Revolution von 1848 hätte ein Wendepunkt deutscher Geschichte sein können; aber sie war es nicht. Sie brachte soziale und politische Gegensätze zu Tage, aber sie hob diese nicht auf. In ihr wurde zur Veränderung aufgerufen, aber sie veränderte nicht.“ (Vgl. Floiger, S. 29, zit. nach W. Schieder). Österreich kehrte wieder zum Absolutismus zurück. Die Revolution wurde verketzert, jede revolutionäre Gewaltanwendung verurteilt. „Demokrat“ wurde zum Schimpfwort, Anhänger der Republik als „gefährliche unbrauchbare, staatsfeindliche Elemente“ (Floiger, S. 29) abgestempelt …

Von England ausgehend kam die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die industrielle Massenproduktion schien alle Wunschträume zu erfüllen: Immer mehr und immer billigere Güter standen für eine rasch wachsende Bevölkerung zur Verfügung. Die Industrie schien Arbeit und Brot und einen höheren Lebensstandard für viele Menschen zu bringen. Der Fortschrittsglaube vieler Unternehmen war ungebrochen, neue Erfindungen und bessere Produktionsmethoden beschleunigten das Wachstum. Aber auch die Kehrseite dieses liberal-kapitalistischen Wirtschaftssystems zeigte sich bald: Konjunktur- und Absatzkrisen traten auf. 1873 lernte Europa den ersten großen Konjunktureinbruch kennen. Die Preise für Lebensmittel und für Industriewaren verfielen, die Löhne stagnierten, die Zahl der Arbeitslosen stieg an, Konkurse und Firmenzusammenbrüche waren die Folge … Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte wieder eine neue Aufschwungsphase der Industrie ein, die man auch als die „Zweite industrielle Revolution“ bezeichnen könnte. (Vgl. Floiger, S. 30 – 34; vgl. Kinder S. 63 – 67; vgl. Kleindel, S. 272 ff)

Trotz des neuerlichen Aufschwungs war die Hoffnung, die liberale Wirtschaftstheoretiker in die selbstregulierende Kraft des Marktes gesetzt hatten, nicht in Erfüllung gegangen. Nicht Wohlstand für alle war das Ergebnis, sondern eine eher ungleichmäßige Verteilung der Einkommen. In dieser zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand auch das Industriearbeiterproletariat, das vielfach unter kaum erträglichen Bedingungen mehr dahinvegetierte als menschenwürdig lebte. Die Arbeiter konnten sich gegen ihre Lage zunächst nicht zur Wehr setzen, da sie politisch rechtlos waren. So durften sie sich nicht zusammenschließen, hatten kein Streikrecht, konnten jederzeit entlassen werden und waren im Falle von Invalidität, Krankheit oder Alter völlig hilflos. Jetzt waren die Antworten auf die „soziale Frage“ immer dringlicher. (Vgl. Floiger, S. 35 – 38; vgl. Kleindel, S. 284 - 291)

Ausgehend von Deutschland, wo sich 1880 eine bedeutende katholische Sozialbewegung entwickelte, bemühte man sich in Österreich durch Gründung der Christlichsozialen Partei die soziale Frage zu lösen. (Vgl. Floiger, S. 39)

Die Industrialisierung Österreichs begann bereits im 18. Jahrhundert in Teilen der Habsburgermonarchie sowie im Wiener Becken und in Böhmen wo es zahlreiche Manufakturbetriebe, die unter tatkräftiger Forderung der Regierung vor allem unter Joseph II, entstanden waren. Nach 1800 begann auch in Österreich das Zeitalter der Maschine. Zuerst mit importierten dampf- und Textilmaschinen, dann mit eigenen Erzeugnissen. Aber erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts begann die Industrialisierung einen solchen Umfang anzunehmen, dass sie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen der Habsburgermonarchie tief greifend umgestaltete. Über 1000 Aktiengesellschaften wurden gegründet, das Eisenbahnnetz auf die zweieinhalbfache Streckenlänge ausgeweitet, was einen hohen Bedarf an Produkten der Eisen-, Stahl- und Maschinenindustrie zur Folge hatte. Auch die Bauwirtschaft hatte Hochkonjunktur. In der großen Krise 1873 gab es allein in Wien 29 000 Arbeitslose. Die Wellen der Industrialisierung waren aber bereits von den neuen Branchen, der chemischen Industrie und der Elektroindustrie, stark mitbestimmt. Die Industrialisierung und die Umgestaltung der Gesellschaft hatte riesige Bevölkerungsverschiebungen zur Folge. (Vgl. Floiger, S. 78 – 80)

Schließlich begannen sich vorwiegend in England Arbeiterbewegungen und Arbeiterparteien zu gründen. Für die weitere Entwicklung der europäischen Arbeiterbewegung wurde Deutschland besonders wichtig. 1863 gründete F. Lasalle in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, 1869 in Eisenach W. Liebknecht und A. Bebel die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. (Vgl. Floiger, S. 39; vgl. Kinder, S. 67 f; vgl. Kleindel, S. 259 f, s. 270 f)

1. 1 Nationalismus

Nachträglich stellt sich die Frage ob der Nationalismus die stärkste Kraft zweier Jahrhunderte war. Er hatte die Geschichte Europas und der Welt im 19. und 20. Jahrhundert stärker bestimmt als die Ideen der Freiheit und parlamentarischen Monarchie oder die des Kommunismus. Zu dieser Zeit wurden unter Berufung auf den Nationalismus Großstaaten wie die Habsburgermonarchie zerschlagen und neue Staaten wie Griechenland, Italien, das Deutsche Reich oder Polen entstanden.

Nationalismus bedeutete in der Tat für Völker und Individuen vielfach Befreiung von politischer und sozialer Diskriminierung aber nicht zugleich weniger Gefährdung und Einschränkung ihrer Freiheit. Hier verbergen sich extreme Gegensätze und Widersprüche. Er kann Emanzipation und er kann Unterdrückung bedeuten. Der Nationalismus enthält Chancen und Gefahren. Ursache vieler Auseinandersetzungen ist die Tatsache, dass unter „Nation“ Unterschiedliches verstanden wird. Es bedeutet mehr als nur Volk oder Bevölkerung eines Staates.

Prinzipiell sah man jede Nation als gleichwertig und gleichberechtigt an – es gab noch keine nationalistischen Bestrebungen im negativen Sinn. Man glaubte, wenn alle Nationen über sich selbst bestimmten, könnte ein neues Zeitalter des Friedens und der Konfliktlosigkeit beginnen. Dieses nationale Erwachen – nationaler Aufbruch, Erhebung, Wiedergeburt oder Wiederauferstehung – erfasste aber zunächst nur wenige Gebildete. Später folgten aber auch breitere Gesellschaftsschichten, die mit dem stolzen Bekenntnis zu ihrer Nation auch ihr eigenes Selbstbewusstsein und ihren sozialen Aufstieg demonstrierten. Die Nationalbewegungen schufen sich schließlich ihre Führer und Helden: Garibaldi in Italien, Bismarck in Deutschland, O’Conell in Irland … (Vgl. Floiger, S. 42 f)

Das Scheitern der Revolution von 1848/49 hatte auch in Deutschland die liberale und nationale Bewegung geschwächt und ihr den Glauben an die Macht der Freiheitsidee genommen. Die bestehenden Staaten, insbesondere Preußen und Österreich, hatten sich wieder als die stärkeren politischen Kräfte erwiesen. Durch das übermächtige Gewicht Preußens war das neue Deutsche Kaiserreich alles andere als eine Einheit. Im Reichstag und in der Öffentlichkeit kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Liberalen mit dem katholischen Zentrum. Die sozialdemokratische Partei wurde verfolgt und auch die Liberalen mussten zur Kenntnis nehmen, dass sie die Einheit durch den Verzicht auf wesentliche Freiheiten erkauft hatten. Die liberale Partei spaltete sich. Das Deutsche Kaiserreich prägte die europäische Politik der folgenden Jahrzehnte entscheidend, da es das alte Gleichgewicht der Mächte zerstört hatte. (Vgl. Floiger S. 46 – 48; vgl. Kleindel, S. 238 - 249)

1882 begann das Zeitalter des Imperialismus, ein Wettlauf um die letzen noch nicht beanspruchten Gebiete der Welt. In klimatisch günstigen Gebieten - vor allem Afrikas - ließen sich Europäer in größerer Zahl nieder. Die Herrschaft über die eroberten Gebiete wurden mit der überlegenen technischen und zivilisatorischen Leistung, mit kulturellem Sendungsbewusstsein, mit Missionseifer, zum Teil aber auch schon mit dem Bewusstsein einer höheren, überlegenen Rasse anzugehören gerechtfertigt.

Grundlagen und Ursachen des Imperialismus waren

- Übersteigerter Nationalismus
- Weltmachtstreben
- Glaube an die Überlegenheit der weißen Rasse
- Ventil für innenpolitische Probleme (soziale Frage)
- Humanitär- aufklärerisches Sendungsbewusstsein
- Christlicher Missionseifer
- Europäisches Sendungsbewusstsein – technisch militärische Überlegenheit
- Wirtschaftliche Gründe – Märkte – Rohstoffe (Vgl. Floiger, S. 46 – 52; vgl. Steiner, S. 10 - 18)

wobei hier besonderes Augenmerk bereits auf die ersten drei Punkte „ Übersteigerter Nationalismus“, „ Weltmachtstreben“ und „Glaube an die Überlegenheit der weißen Rasse“ zu richten ist da dies bereits ein in der Bevölkerung geebneter Weg für die Verwirklichung des späteren Nationalsozialismus war.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, das „Zeitalter Kaiser Franz Josephs“, war für die Habsburgermonarchie (1848 – 1914) eine Zeit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierung, eine Zeit der Auseinandersetzung mit den großen Kräften des Jahrhunderts: dem Liberalismus, der Forderung nach Ausweitung des Wahlrechts und nach Demokratie, der sozialen Frage und schließlich dem Nationalismus. Es wurde in der Habsburgermonarchie wiederholt versucht, den Staat durch eine Verfassung auf eine neue Grundlage zu stellen. Es gab einen engen Zusammenhang zwischen Außen- und Innenpolitik. Das Aussehen der Verfassung war aber sehr umstritten. Einerseits forderten die Deutschliberalen eine freiheitliche Verfassung, einen nach dem Zensuswahlrecht gewählten gemeinsamen Reichstag für die Gesamtmonarchie und eine starke Zentralregierung. Ihre Gegner, vor allem Magyaren und Tschechen verlangten mehr Rechte für ihre eigenen Landtage und für die Regierungen ihrer Länder (Föderalisten).

Im so genannten Oktoberdiplom (20. Oktober 1860) entschied sich der Kaiser für das föderalistische Prinzip. Im Februarpatent (1861) kam wiederum der zentralistische Einheitsgedanke stärker zur Geltung. Das deutschliberale Bürgertum hoffte, vor allem mit Hilfe des Zensuswahlrechtes seine bestimmende Rolle, die seinem kulturellen und wirtschaftlichen Vorsprung und seiner höheren Steuerleistung entsprach, behaupten zu können. Die zahlenmäßig aber bereits weit stärkeren übrigen Völker der Monarchie waren damit nicht einverstanden. Magyaren und Kroaten, später auch Tschechen und Polen, schickten zeitweise keine Abgeordneten in den Reichsrat. Die nationalen Probleme begannen bereits alle anderen Fragen zu überschatten. (Vgl. Floiger, S. 65; Kleindel, S. 258)

1865 wurde das Februarpatent wieder außer Kraft gesetzt und wieder absolutistisch regiert. 1866 folgte eine neuerliche schwere außenpolitische Niederlage: Unter Führung Bismarcks begann Preußen Österreich aus dem Deutschen Bund hinauszudrängen und diesen schließlich aufzulösen. Bei Königgrätz wurden die Österreicher 1866 von den Preußen besiegt. Wieder musste eine Provinz abgetreten werden. Venetien kam an den preußischen Verbündeten Italien. Diese Entwicklung hatte schwerwiegende Folgen: Österreich verlor endgültig seine dominierende Rolle im Kreis der deutschen Staaten, und die deutschen Österreichs fühlten sich isoliert, sie sahen sich nunmehr einer großen Mehrheit von nichtdeutschen Österreichern gegenüber. Innenpolitisch bedeutete dies, dass man dem heftigen Drängen der Ungarn nach mehr Rechten und nach Selbstständigkeit für die Länder der ungarischen Krone nachgeben musste. 1867 wurde der Ausgleich geschlossen. (Vgl. Floiger, S. 64 – 66; vgl. Kleindel, S. 260 - 266; vgl. Zöllner, S. 404 - 411)

Durch den Krieg gegen Preußen und die Niederlage bei Königgrätz 1866 wurde das Nationalitätenproblem neuerlich akut. Die Forderungen der einzelnen Völker nach mehr Rechten wurden immer dringlicher. Verhandlungen mit Ungarn schienen daher der Regierung in Wien ein gangbarer Weg zu sein um das die staatliche Existenz gefährdende Problem zu lösen. Die gemeinsamen Einrichtungen der österreichisch- ungarischen Monarchie wurden mit dem Kürzel k. u. k. (kaiserlich und königlich) versehen. Die Regierung Wiens hatte gehofft die nationalen Probleme nach dem Ausgleich mit Ungarn leichter zu lösen. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Die übrigen Nationen forderten gleiche Rechte wie die Ungarn, ihre Unzufriedenheit stieg. 1871 versuchte die österreichische Regierung, durch die „Fundamentalartikel“ Böhmen und Mähren eine ähnliche Stellung wie Ungarn zu geben. Diese Regelung stieß aber auf den erbitterten Widerstand vor allem der Ungarn, die ihre Führungsrolle gefährdet sahen, und der Deutschliberalen. Darauf reagierten Böhmen und Mähren mit Demonstrationen, der Bildung von Geheimbünden und Ausschreitungen gegen die deutschsprachige Bevölkerung. Mehrmals mussten die Behörden den Belagerungszustand ausrufen und das Standrecht verhängen. Dabei waren sich die Tschechen untereinander nicht über ihre Forderungen und die Mittel zur Durchsetzung einig. Die Alttschechen, vor allem der böhmische Hochadel und der Klerus, strebten keine vollständige Trennung von Wien an, während die radikalen Jungtschechen, meist von liberalen und sozialistischen Politikern geführt, auf eine vollständige Trennung hinarbeiteten und die Unterstützung des Auslands – vor allem Frankreichs und Russlands – suchten. Vordergründig ging es beim Streit der Tschechen um die Einführung der tschechischen Amtssprache in Böhmen und Mähren. Eine Sprachverordnung 1897 sah eine zweisprachige Amtsführung vor. Diese Verordnung verlangte von allen Beamten in Böhmen und Mähren, binnen drei Jahren sowohl die tschechische als auch die deutsche Sprache zu erlernen. Darüber waren sowohl Tschechen als auch Deutsche empört. Es kam zu Ausschreitungen. Lösung für das Nationalitätenproblem gab es in der Monarchie keine mehr. (Vgl. Kleindel, 287 – 289; vgl. Zöllner, 404 – 411)

1. 2 Entstehung politischer Parteien

Je stärker das Wahlrecht ausgeweitet wurde, desto mehr änderten sich auch die politischen Entscheidungsprozesse. Die Altliberalen blieben zwar noch längere Zeit die stärkste Gruppe im Reichsrat doch hatten sie dies mehr dem Wahlrecht als der Zustimmung der Bevölkerung zu verdanken. Der wirtschaftliche Zusammenbruch von 1873, die soziale Frage und die sich verschärfenden nationalen Auseinandersetzungen erschütterten das Vertrauen in den Liberalismus. (Vgl. Floiger, S. 72; Kleindel, S. 273)

Die Deutschnationalen bildeten nie eine einheitliche Partei, obwohl der größte Teil des städtischen Bürgertums, Teile der kirchenfernen Bauernschaft, vor allem aber die Studenten und Akademiker „deutschnational“ dachten. Das bedeutete, dass die deutschsprachige Bevölkerung zusammengefasst werden sollte, was im Widerspruch zum österreichischen Nationalbewusstsein stand. Daher war ihr Hauptproblem eine ständige Spannung zwischen deutscher Nation und österreichischem Staat, zwischen Volksbewusstsein und Staatsbewusstsein, zwischen Nationalismus und Patriotismus. (Vgl. Floiger, S. 73)

Viele deutsche Österreicher dachten bis 1871 noch immer großösterreichisch oder großdeutsch-mitteleuropäisch. Sie träumten von einem neuen „Heiligen Reich“ mit Wien als Mittelpunkt, unter Einschluss aller deutschen und habsburgischen Länder. In den Deutschen der Monarchie sahen sie die Kulturbringer für die Völker Osteuropas. (Vgl. Floiger, S. 73)

In Teilen der Bevölkerung lebte auch das liberal-nationale Erbe der 1848er Revolution fort. Sie wollten ein einheitliches und freies Deutschland unter Einschluss der deutschen Länder Österreichs. In zahlreichen Turnvereinen und Burschenschaften verband sich dieser Nationalismus mit der Ablehnung gegen das „Sprach- und Rassenbabel“ Wien, gegen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse, den konservativen Adel und die katholische Kirche. Besonders ausgeprägt war diese Gruppe dort, wo man im Nationalitätenkampf stand, also in Kärnten, in der Südsteiermark, im Waldviertel. Dort wurde von deutschen Sprach- und Schulvereinen, Schutz- und Kulturvereinen um die Sprachgrenze gerungen. Vielfach war dieses Deutschbewusstsein erst die Antwort auf das nationale Erwachen der übrigen Völker der Monarchie. (Vgl. Floiger, S. 73)

Am radikalsten waren die Kleindeutschen oder Alldeutschen, die zahlenmäßig zwar nie von Bedeutung waren, in Schönerer aber einen sehr populären Führer hatten. Sie übernahmen den Gedanken von der Überlegenheit der deutschen beziehungsweise germanischen Rasse und der Minderwertigkeit der Juden. Die katholische Kirche wurde als „undeutsch“ bekämpft. (Vgl. Floiger, S. 73; vgl. Kleindel, S. 297)

1. 3 Der Erste Weltkrieg

Anlässlich der Ermordung des Thronfolgers durch ein Mitglied einer serbischen Untergrundorganisation brach der Erste Weltkrieg aus. (Vgl. Floiger, S. 86 – 91; vgl. Zöllner, S. 478 - 491)

Der erste Weltkrieg des 20. Jahrhunderts war der erste totale Krieg in der Menschheitsgeschichte: In den kriegsführenden Ländern gab es niemanden, dessen Leben nicht massiv verändert wurde. Jeder einzelne war aufgerufen, sich in irgendeiner Form, ob an der Front, in der Landwirtschaft oder der Industrie, in den Dienst des Krieges zu stellen. Es standen sich in diesem Krieg also nicht nur Heere, sondern auch ganze Völker gegenüber. Die politische Propaganda versuchte den Eindruck zu erwecken, dass die Zivilbevölkerung die „Heimatfront“ bilde und der militärische Sieg entscheidend davon abhänge, wie opferbereit und pflichtbewusst die Menschen ihre kriegsbedingten Arbeiten verrichteten. Während des Krieges fanden auch weitreichende politische Veränderungen statt. Seit Kriegsbeginn wurde Österreich autoritär regiert. Das Parlament, den Reichsrat, ließ man nicht mehr einberufen. Die militärische Gerichtsbarkeit dehnte man auch auf Zivilgebiete aus. Seit 1916 hatte sich die Lage in Österreich drastisch verschlechtert. Die Rohstoffe gingen zu Ende, eine Hungerkatastrophe drohte. Trotz Durchhalteappellen der Regierung wurde die Forderung der geschwächten Bevölkerung nach sofortiger Beendigung des Krieges immer dringlicher. Im September 1916 starb Kaiser Franz Joseph, für viele die Integrationsfigur der Monarchie. Sein junger Nachfolger, Kaiser Karl I, ließ den Reichsrat wieder einberufen und machte die Friedensbemühungen der Donaumonarchie deutlich. Anfang 1918 kam es zu Streiks und militärischen Revolten. Am 11. November 1918 verzichtete Kaiser Karl auf jeden Anteil an den Regierungsgeschäften, die Republik Deutsch-Österreich wurde am 12. November in Wien ausgerufen. Auch das deutsche Kaiserreich wurde zu einer Republik. (Vgl. Craig, S. 346 ff; vgl. Floiger S. 92 – 94; vgl. Zöllner, S. 478 - 491)

Am 28. Juli 1919 wurde der Friedensvertrag zwischen den Alliierten und Deutschland im Spiegelsaal zu Versailles unterzeichnet. Deutsche Vertreter waren bei den Verhandlungen nicht zugelassen worden, ihre schriftlichen Gegenäußerungen hatten kaum Beachtung gefunden. Wegen der Drohung der Alliierten, im Weigerungsfall Deutschland zu besetzten, nahm die deutsche Nationalversammlung den Versailler Vertrag unter Protest an. (Vgl. Floiger, S. 95; vgl. Zöllner, S. 492 - 502)

Am 2. September 1919 wurden in Saint-Germain der österreichischen Delegation die endgültigen Friedensbedingungen übergeben. Sie enthielten folgende Punkte:

- Die Abtretung der deutschsprachigen und gemischtsprachigen Gebiete Böhmens, Mährens und Schlesiens, Deutsch-Südtirols, des Kanaltals und der Südsteiermark. Als Ausgleich sollten die deutschsprachigen Gebiete Westungarns nach der Unterzeichnung des ungarischen Friedensvertrages an Österreich abgetreten werden. Aus ihnen entstand das Bundesland Burgenland. Die Bewohner von Ödenburg und seiner Umgebung sollten hingegen später in einer Volksabstimmung über ihr Schicksal entscheiden.
- Die Anerkennung der Tschechoslowakei, Polens, Ungarns und des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen als „Nachfolgestaaten“
- Das Verbot des Namens „Deutsch-Österreich“ sowie des Anschlusses an Deutschland.
- Die Begrenzung des Berufsheeres auf 30 000 Mann, es durfte keine schweren Waffen und keine See- und Luftstreitkräfte besitzen
- Die grundsätzliche Reparationspflicht Österreichs.

(Vgl. Craig, S. 371 – 377)

Untragbare Härten sah man in der Abtretung der deutschsprachigen Gebiete vor allem Südtirols, in der Zerstörung des traditionellen Wirtschaftsraumes und im Verlust wichtiger Rohstoff- und Nahrungsmittelgebiete der ehemaligen Monarchie. Die meisten Bewohner der ehemaligen Großmacht Österreich-Ungarn empfanden die Republik Österreich als Rumpf- oder Rest-Österreich, als nicht lebensfähigen Kleinstaat und wünschten daher dringend den Anschluss an ein größeres deutschsprachiges Gebiet. Vom Verbot des Anschlusses an Deutschland fühlte man sich daher besonders stark getroffen. Dennoch war allen klar, dass das Überleben Österreichs nur durch ein Unterzeichnen des Vertrages sichergestellt wurde. Der Staatsvertrag, wie das Papier von Saint-Germain in Österreich heißt, wurde von der Nationalversammlung mehrheitlich angenommen. Am 10. September 1919 unterschrieb ihn der Staatskanzler Dr. Karl Renner unter feierlichem Protest. (Vgl. Floiger, S. 95 f, vgl. Zöllner, S. 506 – 511)

Wie nun dieser Überblick über die Geschichte zeigt, haben der erste Weltkrieg und die ihn abschließenden Friedenschlüsse die Probleme nicht gelöst, sondern vermehrt. Vier Europäische Großreiche, Österreich-Ungarn, Deutschland, Russland und das Osmanische Reich zerfielen oder veränderten sich entscheidend. Neue Staaten, vor allem auf dem Boden der ehemaligen Habsburgermonarchie und im Nahen Osten entstanden. In vielen neu geschaffenen Staaten lebten Mehrheiten und Minderheiten eng zusammen, was bis heute teilweise zu großen nationalen Spannungen führt. (Vgl. Benz, S. 35 – 48; vgl. Broszat, S. 20 – 33; vgl. Craig, S. 468 – 476; vgl. Floiger, S. 95 f; vgl. Kershaw, S. 112 - 147)

Leidenschaftlich wurden vor allem die Alleinschuld Deutschlands und die hohen Reparationszahlungen die eine wirtschaftliche Belastung darstellten, abgelehnt. Viele verdrängten jede deutsche Mitverantwortung für den Ausbruch des Krieges. Die demokratische Weimarer Republik kündigte an, die ungerechten Bedingungen von Versailles rückgängig machen zu wollen (Revision). (Vgl. Benz, S. 35 – 48; vgl. Broszat, S. 20 – 33; vgl. Craig, S. 468 – 476; vgl. Floiger, S. 95 f; vgl. Kershaw, S. 112 - 147)

Auch Hitler machte später die Revision des „Schanddiktates“ wie er den Versailler Vertrag nannte, zu einem seiner wichtigsten Programmpunkte. Die Zustimmung, die er von vielen Deutschen bei seiner Machtergreifung erhielt, erklärt sich zu einem großen Teil daraus.

Die Reaktion des deutschen Volkes auf den Artikel der Alleinschuld Deutschlands hatte somit den Grundstein für Hitler-Deutschland gelegt. Der erste Weltkrieg, den manche auch als „europäischen Bürgerkrieg“ bezeichnet haben, führte zum Ende der Vormachtstellung Europas. Zwar entstanden einige Demokratien, in der Gegenbewegung wurden jedoch auch Diktaturen begründet. Insgesamt muss die Lage Europas in der Zwischenkriegszeit als instabil bezeichnet werden. Politische und wirtschaftliche Krisen traten auf, die europäischen Kolonien begannen abzubröckeln. (Vgl. Benz, S. 35 – 48; vgl. Broszat, S. 20 – 33; vgl. Craig, S. 468 – 476; vgl. Floiger, S. 95 f; vgl. Kershaw, S. 112 - 147)

1. 3. 1 Europa nach dem Krieg – Krisen und Erschütterungen

Europa litt in der Zwischenkriegszeit unter großen wirtschaftlichen Erschütterungen, die auch politische Konsequenzen hatten. Die unmittelbare Nachkriegszeit (1918 – 1923) brachte einigen Ländern Europas eine riesige Inflationskrise. Ursachen für den Währungsverfall waren die Rückzahlung der Kriegsschulden und die Finanzierung der Staatsausgaben. Um diesen Verpflichtungen nachkommen und den Staatshaushalt aufrechterhalten zu können, wurde immer mehr Geld gedruckt, das fortlaufend an Wert verlor. In Österreich und Deutschland führte dies zur völligen Entwertung (galoppierende Inflation). Weitere Kennzeichen der ersten Jahre nach dem Krieg waren eine hohe Arbeitslosenrate, wovon besonders viele heimkehrende Soldaten betroffen waren. Eine politische Radikalisierung fand nicht nur bei den linken, sondern sehr stark auch bei den rechten Parteien statt, deren Anhänger hauptsächlich aus der Mittelschicht stammten. Nach der Revolution und dem Waffenstillstand 1918 war in Deutschland eine Republik ausgerufen worden. Nach dem Tagungsort der Nationalversammlung wurde sie Weimarer Republik genannt. Diese parlamentarische Demokratie wurde von schweren Hypotheken aus dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen belastet: Die Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages durch die Regierung wurde von nationalistischen Kreisen als hochverräterisch kritisiert, die „Dolchstoßlegende“ und die wirtschaftliche Dauermisere, vor allem auf Grund der enorm hohen Reparationsleistungen, schufen zusätzliche Belastungen. Die Folge davon waren gewaltsame Staatsstreiche und Umsturzversuche von rechts und links. Zahlreiche politische Morde, auch an Regierungsmitgliedern, zeigten die Gefährdung der Weimarer Republik. In den Krisenmonaten der Inflation die auch propagandistisch von radikalen politischen Strömungen ausgenutzt wurden, kam es erneut zu Putschversuchen von rechts und links: Hitler-Ludendorff-Putsch in München, Umsturzversuche der Kommunisten vor allem in Mitteldeutschland. Erst nachdem durch eine Währungsreform auch wirtschaftlich etwas Ruhe eingekehrt war, beruhigte sich die politische Lage in Deutschland ab 1914 etwas. Die Jahre zwischen 1914 und 1929 können als Zeit der relativen Erholung bezeichnet werden. Durch den Wirtschaftsaufschwung der USA erholte sich auch Europa langsam, obwohl eine permanente Arbeitslosigkeit bestehen blieb. Die Einführung neuer Währungen stoppte die Inflation in Österreich und Deutschland. Hoffnung für mehr politische Stabilität gab 1925 der „Locarno-Pakt“, mit dem der deutsche Außenminister Stresemann mit Frankreich zu einer Verständigung kam. (Vgl. Craig, S. 468 – 477; vgl. Floiger, S. 104 – 106)

1. 4 Der Beginn der Weltwirtschaftskrise

Nach einem Jahrzehnt des Wirtschaftsaufschwunges in den USA begann am 25. Oktober 1929 mit einem Aktiensturz an der New Yorker Börse (Schwarzer Freitag) eine wirtschaftliche Depression, die sich zu einer Weltwirtschaftskrise ausweitete. Die Folgen dieses Börsenzusammenbruchs waren verheerend: Bis Anfang 1932 wurde ein Drittel der Amerikaner arbeitslos. Durch den überstürzten Abzug kurzfristig geliehener amerikanischer Gelder wurden aber Deutschland und Österreich besonders schwer betroffen. Als erste europäische Großbank brach die österreichische Creditanstalt im Mai 1931 zusammen, deutsche Bankhäuser folgten. Die Kettenreaktionen waren überall gleich: Firmenzusammenbrüche, Arbeitslosigkeit, schwindende Kaufkraft, weitere Firmenbankrotte … 1932 waren in der industrialisierten Welt rund 30 Millionen Menschen arbeitslos. (Vgl. Lemberger, S. 17 -19; vgl. Floiger, S. 39; vgl. Riccabona, S. 52 f.)

Die Massenarbeitslosigkeit in Europa gab dem politischen Radikalismus starken Auftrieb. Linke wie rechte Gruppierungen versuchten von der Depression zu profitieren. In Deutschland hatte die Weltwirtschaftskrise vor allem politische Folgen: Die Hilflosigkeit von Parlament und Regierung angesichts der Krise führte zu einem Vertrauensschwund und gab den republikfeindlichen Kräften Auftrieb. Rufe nach einem „starken Mann“ als Retter aus der Notlage wurden immer lauter. Besonders den Nationalsozialisten gelang es, die Depression propagandistisch auszunutzen. (Vgl. Benz, S. 35 – 48; vgl. Broszat, S. 20 – 33; vgl. Floiger S. 110; vgl. Liepach, S. 15 – 17; vgl. Riccabona, S. 56 - 59)

2. Österreich 1918 – 1945

2. 1 Die Auflösung der Donaumonarchie

Der Tod Kaiser Franz Josephs im November 1916 bedeutete im Bewusstsein vieler Menschen der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie das Ende einer Epoche. Durch den Verlauf des Krieges zu Ungunsten Österreichs machte sich Kriegsmüdigkeit und eine Sehnsucht nach Frieden breit. Eine der Hauptursachen für den Zusammenbruch der Monarchie war neben sozialen Gründen die seit Jahrzehnten ungelöste Nationalitätenfrage. Kaiser Karl, der Nachfolger Kaiser Franz Josephs, bemühte sich ernsthaft um Friedensverhandlungen, scheiterte jedoch kläglich. Die Nationen hatten kein Interesse mehr an einem gemeinsamen Staat, sie beriefen sich auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Das Oktobermanifest führte zum Abfall der Ungarn und beschleunigte den Zerfall der Monarchie. Mit der Ausrufung der Republik Deutsch-Österreich am 12. November 1918 ging die über 600 Jahre dauernde Herrschaft der Habsburger zu Ende. Österreichs Erste Republik war entstanden. (Vgl. Floiger, S. 112 f)

Es existierten aber noch keine klar umrissenen Grenzen. Daher umfasste nach allgemeinem Verständnis das neugegründete „Deutsch-Österreich“ das „was überblieb“. Die Randgebiete Böhmens, Mährens, Schlesiens (Sudetengebiete) gehörten auch dazu. Die dort lebenden Menschen hatten sich immer als Deutsch-Österreicher gefühlt und wünschten daher einen Anschluss an Österreich. Es brachen aber bis zu endgültigen Fixierung der Staatsgrenzen Militärverbände der Nachfolgestaaten und Siegermächte in die Gebiete ein, die Österreich für sich beansprucht hatte. Tschechoslowakische Truppen besetzten die Sudentegebiete und nahmen sie für ihren Staat in Besitz. Österreich musste eine militärische Intervention unterlassen, weil damit die Gefahr der Totalbesetzung Österreichs und eine Unterbindung der Nahrungs- und Brennstofflieferungen drohte. Endgültige Grenzen erhielt Österreich erst in den Jahren 1920 und 1921. Der Kampf um das Staatsgebiet hatte Tote und Verwundete gekostet. Mit der Bildung der Heimwehren zur Abwehr fremder Truppen waren Gruppen entstanden, die in den folgenden Jahren weiter bestanden und zunehmend politisches Gewicht erhielten. (Vgl. Floiger, S. 114 f; vgl. Kinder, S. 83)

2. 2 Die Anschlussbewegung

In der Geburtsstunde der Ersten Republik erklärten deren Vertreter, dass „Deutsch-Österreich ein Bestandteil der Deutschen Republik“ (Floiger, S. 116) sei. Dies war der Anfang der „Anschlussbewegung“ – dem Streben nach Eingliederung Österreichs an Deutschland. Mit dem Zerfall der Donaumonarchie war eine gut funktionierende Wirtschaft auseinander gebrochen. Die in Österreich verbliebene Industrie verlor viele ihrer Rohstoff- und Absatzgebiete. Nur im Anschluss an ein größeres, ebenfalls deutschsprachiges Gebiet glaubten viele Menschen ihr Überleben sichern zu können. (Vgl. Benz, S. 81 – 94; vgl. Floiger, S. 116; vgl. Liepach, S. 30 – 33; vgl. Steiner, S. 18 - 25)

Mit der Unterzeichnung der Friedensverträge wurden jedoch alle Anschluss-Ideen hinfällig. Der Artikel 88 des Staatsvertrages von Saint-Germain besagt nämlich:

Die Unabhängigkeit Österreichs ist unabänderlich, es sei denn, dass der Rat des Völkerbundes einer Abänderung zustimmt. Daher übernimmt Österreich die Verpflichtung sich außer mit Zustimmung des gedachten Rates jeder Handlung zu enthalten, die mittelbar oder unmittelbar oder auf irgendwelchem Wege, namentlich – bis zu seiner Zulassung als Mitglied des Völkerbundes – im Wege der Teilnahme an den Angelegenheiten einer anderen Macht seine Unabhängigkeit gefährden könnte.“ (Vgl. http://homepages.compuserve.de/verfassungen/svsg/3.htm#38)

Nach dem Anschlussverbot versuchten einzelne Bundesländer unabhängig von der Staatsregierung den Anschluss, was jedoch von den Alliierten und der Regierung vereitelt wurde. Viele österreichische Historiker (Norbert Schausberger) glauben heute, dass die Anschlussbewegung und das Anschlussverbot maßgeblich zum Scheitern der Ersten Republik beigetragen haben. „Eine verheerende psychologische Wirkung hatte später das Anschlussverbot der Ententemächte, weil die Formel vom Selbstbestimmungsrecht der Völker inzwischen eine durchschlagende Wirkung in Europa erzielt hatte und sich die Deutschösterreicher um eine eigene Entscheidung betrogen fühlten.“ (Schausberger, S. 36) Erst nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938, der Jahre der Diktatur, Verfolgung, Holocaust und Krieg folgten, entwickelte sich in Österreich allgemein ein wirkliches Nationalbewusstsein. (Vgl. Floiger, S. 116 f; vgl. Liepach, S. 30 – 33; vgl. Steiner, S.18 - 25)

2. 3 Die demokratische Republik und die neue Verfassung

Am 21. Oktober 1918 hatten sich die deutschsprachigen Abgeordneten des Reichsrates im Sitzungssaal des niederösterreichischen Landhauses in Wien zur „Provisorischen Nationalversammlung des selbständigen Staates Deutsch-Österreich“ zusammengefunden. Sie sollte vorerst die Volksvertretung Deutsch-Österreichs sein. Diese wählte einen 20gliedrigen Vollzugsausschuss welcher später „Staatsrat“ genannt wurde. Ihm gehörten die drei Präsidenten der Nationalversammlung, F. Dinghofer (Deutschnationaler), J. Fink (Christlichsozialer) und Karl Seitz (Sozialdemokrat) an. Regierungschef wurde der Sozialdemokrat Karl Renner als Staatskanzler. Die neuen Ministerien hießen jetzt Staatsekretariate und wurden auf Sozialdemokraten, Christlichsoziale und Deutschnationale aufgeteilt. Am 30. Oktober wurde die Staatsgründung Deutsch-Österreichs vollzogen. Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes musste Kaiser Karl am 11. November 1918 unter dem Druck der Ereignisse auf den Anteil der Staatsgeschäfte verzichten und seine österreichische Regierung des Amtes entheben. Einen Tag nach der Verzichtserklärung Karls rief die Provisorische Nationalversammlung die Republik Deutsch-Österreich aus. Die Bundesregierung wurde vom Nationalrat gewählt und konnte vom Nationalrat abberufen werden. Der Bundespräsident wurde parlamentarisch bestellt und hatte keinerlei Möglichkeiten, die Tätigkeit von Regierung und Parlament zu beeinflussen. (Vgl. Benz, S. 81 – 94; vgl. Floiger, S. 118 f)

2. 4 Wirtschaftsprobleme

Wirtschaftliche Probleme und Krisen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Ersten Republik. Die Hauptschwierigkeiten bestanden aber in der Umstellung der Volkswirtschaft und nicht in mangelnden wirtschaftlichen Möglichkeiten. Die Zweifel an der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit wurden genährt durch die Inflation und die Arbeitslosigkeit. Es galt neue Arbeitsplätze für die zurückgekehrten Soldaten und für 115 000 deutsch-sprachige Beamte die aus allen Teilen der zusammengebrochenen Monarchie nach Wien strömten, zu schaffen. (Vgl. Floiger, S. 120 f, vgl. Lemberger, S. 33 f.)

England, Frankreich, die Tschechoslowakei und Österreich unterzeichneten am 4. Oktober 1922 drei Genfer Protokolle, in denen Österreich eine Anleihe von 650 Millionen Goldkronen gewährt wurde. Dafür musste Österreich das Anschlussverbot von Saint-Germain erneut bestätigen. Weiters bekam Österreich einen Kommissär vom Völkerbund vorgesetzt, der auf die Einhaltung der Genfer Protokolle achtete. Somit war Österreich in hohem Maße vom Ausland abhängig. Trotz einer kurzen wirtschaftlichen Beruhigung konnte durch die Völkerbundanleihe keine echte Grundlage für eine strukturelle Verbesserung erzielt werden. Saniert wurde die Währung und nicht die Volkswirtschaft. Trotzdem sahen die österreichischen Regierungen in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit nicht mehr ihr vordringlichstes Ziel. Die führenden Wirtschaftspolitiker litten an einem „Inflationsschock“. Das wichtigste wirtschaftspolitische Ziel waren ein ausgeglichenes Budget und eine stabile Währung. Ein besonderes Problem bildete auch die Jugendarbeitslosigkeit. Offene Lehrstellen gab es kaum, ein Berufsabschluss bedeutete oft Arbeitslosigkeit. (Vgl. Floiger, S. 120 – 122; vgl. Lemberger, S. 17 – 20; vgl. Liepach, S. 15 -17; vgl. Riccabona, S. 56)

2. 5 Der Weg in die Krise

1927 wurde Österreich durch eine schwere innenpolitische Krise an den Rand eines Bürgerkrieges gebracht. Viele Österreicher verfolgten die Aufrüstung von Heimwehren und Schutzbund mit Sorge. Wie Recht sie damit hatten, zeigen die Ereignisse vom 30. Januar 1927. In dem burgenländischen Ort Schattendorf kam es zu einem folgenschweren Zusammenstoß zwischen Mitgliedern des republikanischen Schutzbundes und der Frontkämpfervereinigung; einer rechtsradikalen Organisation ehemaliger Frontsoldaten. Die „Frontkämpfer“ schossen von ihrem Lokal auf Vorbeigehende, wobei einige Menschen verletzt und zwei getötet wurden. Von einem Geschworenengericht wurden die Täter allerdings freigesprochen. Die Begründung der 12 Geschworenen lautete „Notwehr“. Die Empörung der Arbeiterschaft Wiens über dieses Fehlurteil war groß. Daraufhin kam es am 15. Juli 1927, einem Tag nach der Gerichtsverhandlung der „Schattendorfmörder“, zum Brand des Justizpalastes. Tausende Arbeiter zogen in die Innenstadt vor den Justizpalast und zündeten den vermeintlichen Ort des Fehlurteils an. Bei der Niederschlagung der Polizeieinheiten kamen 89 Menschen ums Leben und 1057 wurden verletzt. (Vgl. Floiger, S. 128; vgl. Lemberger, S. 39; vgl. Steiner, S. 6 – 10; http://www.derfunke.at/geschichte/1927_f44.htm).

Im so genannten „Korneuburger Eid“ bekannten sich die Heimwehrführer im Mai 1930 zum Faschismus und zur Machtergreifung im Staat durch eine Absage an Demokratie und Parlamentarismus. Die letzten freien Nationalratswahlen fanden 1930 statt. Eine im Frühjahr 1931 abgeschlossene Zollunion zwischen Österreich und dem Deutschen Reich sollte die herrschende Krise in der Wirtschaft abschwächen. Frankreichs Widerstand machte aber diese Pläne zunichte, da dies ein Verstoß gegen den Vertrag von Saint-Germain wäre. Als Folge dieser außenpolitischen Niederlage zerbrach 1932 die ein Jahrzehnt dauernde Koalition zwischen den Großdeutschen und den Christlichsozialen. (Vgl. Floiger, S. 128 f)

1932 bildete der Christlichsoziale Engelbert Dollfuß mit den Christlichsozialen dem Heimatblock und dem Landbund eine Regierung. Durch eine neuerliche Völkerbundanleihe sollten die Wirtschaftsprobleme entschärft werden. Diese konnte aber die innere Krise nicht lösen, denn die Arbeitslosigkeit erreichte 1933 einen neuen Höhepunkt. (Vgl. Floiger, S. 129)

Seit 1930 wuchs die NSDAP in Österreich stark an, besonders nachdem Hitler in Deutschland von Wahlsieg zu Wahlsieg eilte. Öffentliche Aufmärsche der Nazis, Saalschlachten und Straßenkämpfe mit Christlichsozialen und Sozialdemokraten, besonders auch mit der Heimwehr, Sprengstoffanschläge auf öffentliche Gebäude und jüdische Einrichtungen sollten Österreich destabilisieren und schließlich „reif“ für den Anschluss an Nazi-Deutschland machen. Bei den Gemeinderatswahlen 1932 erreichten die Nationalsozialisten tatsächlich erstmals große Stimmengewinne. Die Regierung Dollfuß verfügte im Parlament nur über eine Stimme Mehrheit wodurch ihr Handlungsspielraum immer enger wurde. Die neue große Gefahr des Nationalsozialismus kam hinzu. Bei einem Regierungsrücktritt und Neuwahlen musste man große Wahlerfolge der Nationalsozialisten befürchten, was unter allen Umständen verhindert werden sollte. (Vgl. Broszat (1969), S. 20 – 47; vgl. Broszat (2001), S. 33 – 64; vgl. Floiger, S. 129; vgl. Kershaw, S. 112 – 147; vgl. Riccabona, S. 57 - 59)

Am 4. März 1933 kam es zur Ausschaltung des Parlamentes. Bei einer fehlerhaften Abstimmung legte der erste Nationalratspräsident Renner sein Amt zurück. Ebenfalls gaben der zweite und dritte Nationalratspräsident den Vorsitz ab. Das Parlament hatte keinen Präsidenten mehr. Bundeskanzler Dollfuß nutzte diese Chance und erklärte das Parlament für gelähmt und ausgeschaltet. Das war das Ende der österreichischen Demokratie und so konnte Dollfuß sein Regime, den autoritären Ständestaat errichten. Zunächst schuf Dollfuß eine Organisation die er „Vaterländische Front“ nannte und die unter seiner Führung stand. Schließlich wurden Parteien und politische Gruppen ausgeschaltet. Die sozialdemokratische Partei wurde verboten und die Gewerkschaften aufgelöst. Inzwischen war aber der nationalsozialistische Druck auf Österreich immer stärker geworden. Hitler machte kein Hehl daraus, dass die Zerschlagung eines selbständigen Österreich und die Angliederung an das nationalsozialistische Deutschland eines seiner großen außenpolitischen Ziele war. Frankreich und England konnten sich zu einer Zusage einer militärischen Hilfeleistung im Falle eines nationalsozialistischen Übergriffes nicht entschließen. (Vgl. Broszat, s. 180 – 206; vgl. Floiger, S. 130 – 133; vgl. Riccabona, S. 56 - 58)

Am 1. Mai 1934 wurde mit der Proklamation der neuen Verfassung der autoritäre Ständestaat offiziell begründet. Im autoritären Ständestaat wurden politische Gegner, vor allem Sozialdemokraten verfolgt und teilweise in Anhaltelager gebracht. (= Inhaftierung ohne gerichtliches Verfahren.) Viele Kommunisten, Sozialdemokraten, revolutionäre Sozialisten und Nationalsozialisten arbeiteten aber in der Illegalität weiter. Auch die Christlichsoziale Partei und die Heimwehr löste die Regierung schließlich auf und gliederte sie in die Vaterländische Front ein, die zu einer Massen- und Pflichtorganisation wurde. Der nationalsozialistische Terror auf Österreich verstärkte sich in der Zwischenzeit. 1933 verhängte Hitler die 1000-Mark-Sperre. Diese Bestimmung bedeutete, dass jeder deutsche Urlauber beim Grenzübertritt nach Österreich dem deutschen Staat 1000 Mark bezahlen musste. Mit dieser Maßnahme sollte Österreich wirtschaftlich vernichtet werden. Der österreichische Fremdenverkehr kam so zum Erliegen. (Vgl. Floiger, S. 131 – 133)

Illegale Nationalsozialisten gewannen immer mehr Anhänger in Österreich. Mitschuld daran war, dass Österreich der wirtschaftlichen Probleme nicht Herr wurde während sich in Deutschland die Lage vermeintlich besserte. Im Juliputsch 1934 wurde von Nationalsozialisten der Regierungsputsch versucht. Als Bundesheersoldaten getarnte SS-Einheiten stürmten das Bundeskanzleramt und schossen Bundeskanzler Dollfuß an, der seinen Verletzungen stunden später erlag. Da sich aber Dollfuß zuvor Hilfe suchend an den faschistischen Führer Italiens, Mussolini, wandte, entsandte dieser Truppen an die Brennergrenze. Somit musste Hitler auf einen Einmarsch verzichten. (Vgl. Floiger, S. 131 – 133; Riccabona, S. 60).

2. 6 Dem Untergang entgegen

Die Nachfolge des ermordete Bundeskanzlers Dollfuß trat Kurt Schuschnigg an. Innenpolitisch versuchte er den Einfluss der Heimwehren zurückzudrängen, außenpolitisch stützte er sich auf Mussolini, der die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit Österreichs zu garantieren schien. Ab 1936 veränderte sich die Lage Österreichs bedrohlich. Durch den siegreichen Feldzug Mussolinis 1935 gegen Abessinien, in dem er waffentechnisch von Hitler unterstützt wurde, näherten sich Deutschland und Italien einander. Mussolini versicherte nichts dagegen einzuwenden wenn Österreich ein „Satellit Deutschlands“ (Floiger, S. 133) würde, solange die Brennergrenze unangetastet bliebe. Damit gab er die Schutzposition Österreich gegenüber auf. Die Achse Berlin-Rom war entstanden. Vier Wochen später schloss Deutschland mit Japan den Antikomintern-Pakt zur Abwehr der kommunistischen Internationale ab, dem Italien 1937 beitrat. (Vgl. Floiger, S. 169, vgl. Lemberger, S. 42; vgl. Riccabona, S. 63).

Die illegale nationalsozialistische Partei Österreich war inzwischen weiter angewachsen. Die ungelösten Probleme auf dem wirtschaftlichen Sektor und die Aussichtslosigkeit vieler junger Menschen bildeten einen guten Nährboden dafür. Nach der Abkehr Italiens hatte sich Österreich um eine Hilfestellung bei den Westmächten bemüht. England und Frankreich zeigten zwar große Interessen. Da sie aber den Frieden um jeden Preis sichern wollten, konnten sie sich zu einer Garantie-Erklärung nicht durchringen. (Vgl. Floiger, S. 133 f; vgl. Lemberger, S. 42; vgl. Riccabona, S. 53 - 55)

Schuschnigg versuchte in der immer bedrängender werdenden Lage Zeit zu gewinnen. Auf sein Ansuchen kam es am 12. Februar 1938 zu einem Treffen mit Hitler auf dem Obersalzberg. Die mehrstündige Unterredung bestand hauptsächlich aus Drohungen, Einschüchterungsversuchen und Hasstiraden Hitlers. Österreich sollte glauben, dass der deutsche Einmarsch unmittelbar bevorstehe. Hitler ließ Schuschnigg keine andere Möglichkeit als das so genannte „Berchtesgadener Abkommen“ unterfertigen. Darin musste Schuschnigg folgenden Punkten zugestehen:

- Generalamnestie und freie Betätigung für österreichische Nationalsozialisten
- Die Aufnahme des NS-Politikers Arthur Seyß-Inquart als Innenminister in die Regierung
- Anpassung der österreichischen Wirtschafts- und Außenpolitik an Deutschland.

Da Österreich auf ausländische Hilfe zur Aufrechterhaltung seiner Eigenstaatlichkeit nicht mehr zählen konnte, beraumte Schuschnigg kurzfristig eine Volksabstimmung an. Hitler war jetzt klar geworden, dass bei der geplanten Volksbefragung eine große Mehrheit für die Selbstständigkeit Österreichs stimmen würde. Unter Androhung militärischer Maßnahmen forderte er die Absetzung der Volksabstimmung, den Rücktritt Schuschniggs und die Einsetzung des bisherigen nationalsozialistischen Innenministers Seyß-Inquart zum Bundeskanzler. Weder bei England noch bei Frankreich fand Schuschnigg Hilfe. Obwohl Schuschnigg Hitlers Forderungen erfüllte, gab dieser in der Nacht zum 12. März den Befehl zum Einmarsch deutscher Truppen. Am 13. März 1938 war Österreich an Deutschland angeschlossen. Weite Bevölkerungskreise empfingen die deutschen Truppen mit Jubel. Hitler kam selbst nach Österreich und ordnete die Ausarbeitung eines Anschlussgesetzes an. Seyß-Inquart unterzeichnete dieses „Bundesverfassungsgesetz über die Wiedereingliederung Österreichs in das Deutsche Reich“ (Haas, S. 47; Talos, S. 55) als stellvertretender Bundespräsident. Am 10. April 1938 fand eine Volksabstimmung über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich statt. Mit dieser Abstimmung wollte sich Hitler vor der Weltöffentlichkeit legitimieren. (Vgl. Floiger, S. 134 – 136, 152; vgl. Lemberger, S. 43)

Mit ein Grund für das Ergebnis der Wahl „(99, 73 % Ja-Stimmen)“ (Haas, S. 47) war das öffentliche Bekenntnis von Bischöfen und dem früheren Staatskanzler Renner mit Ja zu stimmen. Ein weiterer Grund war die hohe Arbeitslosenrate. Die Menschen glaubten an eine Besserung der wirtschaftlichen Notlage durch den Anschluss. (Vgl. Floiger, S. 136) Auf vielfältige Weise hatte die Mischung von Terror, Einschüchterung, Versprechungen, Propaganda, Begeisterung und fast perfekter Organisation dieses Ergebnis bewirkt. Es war nicht erforderlich gewesen, das Ergebnis im Großen und Ganzen direkt zu fälschen. 360.000 – oder 8% - der Österreicher - überwiegend Juden, Roma und politisch "Verdächtige" - waren von der Teilnahme im Vorhinein ausgeschlossen worden. (Vgl. Haas, S. 47) Es gab aber praktisch kein Wahlgeheimnis, die Flüsterpropaganda ließ geheime Kontrolle befürchten, die Einschüchterung war erheblich. Demnach wurde nach innen und außen der Eindruck vermittelt, als hätten "das ganze Volk" und alle ÖsterreicherInnen dem "Anschluss", der ohnehin nicht mehr rückgängig zu machen war, zugestimmt. (http://www.doew.at/service/ausstellung/1938/2/2abstimm.html) Durch eine Flut von nationalsozialistischen Verordnungen wurden die letzten Reste der österreichischen Eigenständigkeit beseitigt, das Land in 7 Gaue eingeteilt. Die Beseitigung der bestehenden Strukturen und ihrer Ersetzung durch neue dauerte vom März 1938 bis zum April 1940. (Vgl. Seliger, S. 247 – 255; vgl. Steiner, S. 18 – 25; vgl. Talos, S. 55)

Die dem 11. März 1938 folgenden Ereignisse zeitigten für Österreich ungleich stärker einschneidende Konsequenzen. Schon unmittelbar nach dem „Anschluss“ gab es Verhaftungen, Entlassungen, „Säuberungen“. Die Ausschaltung der austrofaschistischen politischen Elite, von Beamten, Oppositionellen und Personen jüdischer Abstammung korrelierte mit der Sicherung der politischen Führungsfunktion für ehemals illegale und reichsdeutsche Nationalsozialisten. Diese Entwicklung betraf alle einschlägigen Institutionen wie die Schule, das Militär, die Universitäten, die Polizei und Bundes- und Landesverwaltungen. (Vgl. Talos, S. 55; vgl. Seliger, S. 250 f.). Die totale diktatorische Herrschaft im NS-Staat umfasste auch jene Bereiche die normalerweise dem Zugriff des Staates entzogen sind, wie etwa Familie, Religion oder Freizeitgestaltung. Es ging um die Erfassung und Gleichschaltung der gesamten Bevölkerung. Hitler überzog das gesamte deutsche Volk mit einem Organisationsnetz wodurch die Kontrolle des einzelnen jederzeit gewährleistet war. (Vgl. Craig, S. 507 – 516; vgl. Floiger, S. 156; vgl. Liepach, S. 6 f, S. 18 – 20; vgl. Steiner, S. 18 – 25)

Wichtig für die Demontage der Österreichischen Landesregierung war die Entscheidung, Österreich in 7 Gaue aufzuteilen. Errichtet wurden die Gaue Oberdonau, Niederdonau, Wien, Steiermark, Kärnten, Salzburg und Tirol (inkl. Vorarlberg). Als Gauleiter wurden durch Hitlers Verfügung vom 23. Mai 1938 die jeweiligen Landeshauptmänner eingesetzt. Die Aufteilung Österreichs auf sieben (Partei-)Gaue steckte im Generellen auch den Rahmen für die territoriale Neugliederung der staatlichen Verwaltung ab, die mit 15. Oktober 1938 in Kraft trat. Trotz aller Interventionsversuche seitens des burgenländischen Gauleiters Portschy, die Auflösung des Burgenlandes und dessen Aufteilung auf die Gaue Steiermark und Niederdonau zu verhindern, gelang dies nicht. Eine wichtige Konsequenz der „Liquidierung“ (Talos, S. 56) Österreichs - wie E. Talos die Veränderung vom „Anschluss“ bis zum Abschluss der politischen Neuorganisation bezeichnet - war auch, dass Wien seine traditionelle Hauptstadtfunktion verlor und die Bundesländer aufgewertet wurden. Die bestehende Österreichische Landesregierung wurde mit fortschreitender Rechtsangleichung in ihren Kompetenzen zunehmend beschnitten. Das formelle Ende ihrer Tätigkeit erfolgte im Zusammenhang mit dem Inkrafttreten des Gesetzes über den Aufbau der Verwaltung in der Ostmark (Ostmarkgesetz) am 1. Mai 1939. Die Aufgaben der Österreichischen Landesregierung wurden in verschiedenen Schritten auf die Reichsstatthalter sowie zum Teil auf die jeweiligen obersten Reichsbehörden übertragen. Der Prozess der Liquidierung und der Eingliederung war durch beträchtliche Konflikte, Konkurrenzkämpfe und Intrigen zwischen den involvierten Akteuren (Reichskommissar Bürckel und Reichsminister des Inneren Frick) geprägt. Diese Kämpfe gingen merklich zu Gunsten von Bürckel aus. (Vgl. Broszat, S. 130 - 171; vgl. Craig, S. 507 – 516; vgl. Talos, S. 60 – 62)

Die Führung des Landes Österreich lag:

- Vom 13. März bis 15 März 1938 bei der im Gefolge des „Anschlusses“ installierten österreichischen Bundesregierung unter Bundeskanzler Seyss-Inquart
- Vom 15. März bis 23. April 1938 beim Reisstatthalter (Österreichische Landesregierung);
- Vom 23. April 1938 bis 1. Mai 1939 beim Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs und dem Reichsstatthalter (Österreichische Landesregierung);
- Vom 1. Mai 1939 bis 31 Mai 1940 beim Reichskommissar, auf den laut Ostmarkgesetz die Befugnisse des Reichsstatthalters (Österreichische Landesregierung) übergingen. Zugleich erlosch mit dem 31. März 1940 das Amt des Reichskommissars. (Vgl. Talos, S. 62)

Von der Liquidierung waren auch andere Institutionen betroffen. Viele Vereine und Verbände wurden aufgelöst. Verantwortlich dafür war ein so genannter „Stillhaltekommissar“ für Vereine, Organisationen und Verbände. Von ca. 110 000 Organisationen und Vereinen existierten ca. 5000 weiter. (Vgl. Talos, S. 62; vgl. Thamer, S. 45).

Eine enorme Palette von Erlässen, Verordnungen und Gesetzen diente dazu, die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich konkret durchzuführen. Zu den ersten Aktivitäten zählte die Eingliederung des österreichischen Bundesheeres in die Deutsche Wehrmacht. Diese Eingliederung bedeute auch, dass es fortan keine eigenständigen österreichischen Truppen mehr gab. Mit dem Heer verschwanden auch die eigenständigen Justizbehörden. Diese wurden zu Reichsbehörden. Die Übernahme der Bundesbahn, der Post- und Telegrafenverwaltung sowie der Bundesfinanzverwaltung erfolgte unmittelbar nach dem Anschluss. (Vgl. Neugebauer, S. 14 -16; vgl. Talos, S. 62 f).

Die Landwirtschaft wurde durch großzügige Umschuldungsprogramme und staatliche Produktionslenkungsmaßnahmen umorganisiert, um im Kriegsfall Versorgungsschwierigkeiten wie im Ersten Weltkrieg zu vermeiden. Die Wirtschaft wurde vollständig und einseitig auf Kriegsrüstung umgestellt. Das für diesen Zweck beschlossene Maßnahmenpaket zur Wirtschaftslenkung, „Vierjahresplan“ genannt, sollte vorerst die weitgehende Selbstversorgung sicherstellen. Zwischen 1933 und 1939 gab Deutschland mehr für Rüstungszwecke aus als England, Frankreich und die Vereinigten Staaten zusammen. Angesichts einer noch kurze Zeit vorher bestehenden verheerenden Wirtschaftskrise und katastrophal hoher Arbeitslosigkeit bedeutete dieser Aufschwung für die Menschen eine schlagartig fühlbare Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse. Dies förderte zunächst die positive Einstellung zum NS-Regime, da die meisten die Konsequenzen dieser Politik nicht wahrhaben wollten. (Vgl. Neugebauer, S. 16). Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, Autobahnbau etc. zählen auch heute noch zu den „positiven“ Seiten des Nationalsozialismus. Dies bedeutet aber ein abermaliges Hereinfallen auf die nationalsozialistische Propaganda. (Vgl. Craig, S. 537 – 542; vgl. Floiger, S. 157 f, vgl. Huber, S. 38 – 41, vgl. Liepach, S. 17 f; vgl. Riccabona, S. 62)

Nach der Machtübernahme setzte die NSDAP alles daran jeglichen Widerstand zu unterbinden. Die Kontrolle und Überwachung der Bevölkerung und das „Ausschalten der Gegner“ ermöglichten erst ein Funktionieren des nationalsozialistischen Regimes. Um eventuelle Oppositionen gleich im Keim zu ersticken, stellte Göring die GESTAPO (Geheime Staatspolizei) auf. Deren Aufgabe war es, politisch Verdächtige oder „Auffällige“ zu beobachten und sie im Falle von „Volksverhetzung“ (Huber, S. 41), „Wehrkraftzersetzung“ (Lemberger, S. 52) oder „Miesmacherei“ (Huber, S. 41) zu verhaften. Der geringste Verdacht reichte bereits aus, um Menschen in Schutzhaft zu nehmen und stundenlang zu verhören. Konzentrationslager wurden für politische Gegner als Haftanstalten errichtet. Die Einweisungen in KZs erfolgten keineswegs geheim da diese zeigen sollten, was passiert wenn man sich dem System widersetzt. (Vgl. Floiger, S. 157 f; vgl. Huber, S. 38 – 41; vgl. Liepach, S. 1)

2. 7 Beeinflussung der Menschen

Um eine fruchtende Propaganda und Personenkult um den „Führer“ zu gewährleisten, wurde bereits im März 1933 das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda eingerichtet. Goebbels wurde zu dessen Leiter ernannt. Seine Aufgabe war das Denken der Menschen im Sinne der Partei zu beeinflussen. Presse und Rundfunk brachten nur von ihm genehmigte oder formulierte Meldungen. Mit billigen Radiogeräten („Volksempfänger“) sollten diese Meldungen jeden Bürger erreichen. Die Wochenschau zu Beginn jeder Kinovorstellung und die Filme waren ganz im Sinne des Regimes. Um eine Gegenpropaganda zu verhindern gab es daher natürlich keine Presse- und Informationsfreiheit, auch das Kulturleben stand voll und ganz im Dienste der nationalsozialistischen Propaganda. Alle Kunstrichtungen die nicht dem Geschmack Hitlers und den nationalsozialistischen Vorstellungen entsprachen, wurden als „Entartete Kunst“ abqualifiziert. Büchereien, Museen, Spielpläne von Theatern und Kinos wurden „gesäubert“. Vielen Künstler wurde verboten künstlerisch tätig zu sein. Oft mussten sie miterleben wie ihre Schöpfungen öffentlich vernichtet wurden (Bücherverbrennungen). (Vgl. Craig, S. 567 – 582; vgl. Floiger, S. 157 – 159; vgl. Huber, S. 38; vgl. Lemberger, S. 25; vgl. Liepach, S. 7 – 9; vgl. Schausberger, S. 36 f.)

2. 7. 1 Die Deutschen werden zur „Volksgemeinschaft“ erzogen

Ziel der Nationalsozialisten war es, eine „Volksgemeinschaft“ in ihrem Sinne zu schaffen. Die Parole lautete; „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ Wer sich der Parteimitgliedschaft entziehen konnte, sollte durch ein Netz von Berufsverbänden und Freizeitorganisationen erfasst werden. Es gab überall eigene Abzeichen – viele Organisationen waren uniformiert. Wer nicht auffallen wollte, musste einer dieser Organisationen angehören. Weil diese Politik die Freiheit des Einzelnen radikal einschränkte und jeden nur zu einem Rädchen einer riesigen Maschinerie machte, konnte sich kaum jemand der NS-Propaganda entziehen. (Vgl. Craig, S. 567 – 582)

2. 8 Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik

Auf Grund der Not in der Weltwirtschaftskrise war das erste Ziel die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Es wurden daher staatliche Projekte gefördert die eine Massenbeschäftigung ermöglichten. Einen besonderen Schwerpunkt solcher Vorhaben bildete der Bau von Autobahnen. In kürzester Zeit waren an verschiedenen Baustellen über 100 000 Arbeiter beschäftigt. Zeitgleich startete auch der Bau von Parteibauten und Wohnungen. Das Absinken der Arbeitslosigkeit stellt laut KEIL (vgl. Floiger, S. 160) einen der Erfolge dar, der Hitler gutgeschrieben wurde wobei die breite Masse nicht erkannt hatte, dass es nach der großen Wirtschaftskrise wieder zum Beispiel durch das Ende von Reparationszahlungen ohnehin einen Aufschwung gab. Immer mehr Menschen hatten nun Arbeit, aber die zur Wirtschaftskrise eingeführten Minimallöhne wurden beibehalten da die nationalsozialistische Regierung vorrangig an der Steigerung der Produktionsgüter- und Schwerindustrie interessiert war um die geplante militärische Aufrüstung verwirklichen zu können. (Vgl. Floiger, S. 160)

Wesentlich zum Erfolg der NSDAP vor dem Zweiten Weltkrieg trug der so genannte „Sozialismus der Tat“ bei. So wurden zum Beispiel schon 1933 370 000 Kinder auf Staatskosten zur Erholung aufs Land geschickt. Unter dem Motto „Keiner soll hungern, keiner soll frieren“ erbrachte das Winterhilfswerk aus Sammlungen jährlich große Summen zur Unterstützung Hilfsbedürftiger. Mit sozialpolitischen Maßnahmen wie bezahltem Urlaub, Kündigungsschutz oder Freizeit- und Urlaubsaktionen wie „Kraft durch Freude“ (KdF) konnten viele Arbeiter gewonnen werden. (Vgl. Floiger, S. 160 f; vgl. Keim, S. 75 - 83)

2. 9 Die Zerschlagung der Tschechoslowakei – ein

Beispiel für die nationalsozialistische Außenpolitik

In den Sudetengebieten der Tschechoslowakei lebten rund 3,5 Millionen Sudentendeutsche neben 6 Millionen Tschechen und 3 Millionen Slowaken als beträchtliche deutschsprachige Minderheit. Zwischen Tschechen und Deutschen herrschten ständige Spannungen, die sich oft in bluten Zusammenstößen entluden. Das nahm Hitler zum Vorwand, um seine Expansionsbestrebungen gegen die Tschechoslowakei zu richten. Den immer drängender werdenden Forderungen der Deutschen in der Tschechoslowakei das Selbstbestimmungsrecht zu erhalten, widersetzte sich die Regierung in Prag. Daraufhin drohte Hitler mit einer gewaltsamen Lösung. Frankreich war bereit, im Falle eines Angriffes der Tschechoslowakei militärisch zu Hilfe zu kommen. Ein Krieg schien fast unvermeidlich, als sich Mussolini als Vermittler einschaltete. Auf einer Konferenz in München beschlossen Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien die Abtrennung der sudetendeutschen Gebiete und ihre Besetzung durch die deutsche Wehrmacht mit 1. Oktober 1938. Die endgültigen Grenzen sollen aber erst nach einer Volksabstimmung unter internationaler Aufsicht festgelegt werden. England und Frankreich gaben eine Garantieerklärung für die neuen tschechoslowakischen Grenzen ab der auch Deutschland und Italien beitreten wollten. Mit Drohung und Erpressung hatte Hitler sein Ziel erreicht: erste deutsche Truppen rückten am 1. Oktober 1938 in die Sudetengebiete ein. (Vgl. Floiger, S. 170 f)

Obwohl Hitler mit dem Münchener Abkommen seine Ansprüche als befriedigt darstellte und versicherte am tschechischen Staat nicht mehr interessiert zu sein, gab er drei Wochen nach Unterzeichnung des Vertrages in einer Weisung an die Wehrmacht den Befehl, Pläne für die Zerschlagung der Rest-Tschechoslowakei auszuarbeiten. Im März des darauf folgenden Jahres war für Hitler schließlich der Zeitpunkt gekommen, diese Weisung in die Tat umzusetzen. Nach einer Drohung Hitlers Prag zu bombardieren besetzten Deutsche Truppen kampflos die „Rest-Tschechei“. Sie wurde als „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ in das Großdeutsche Reich eingegliedert. Die Slowakei erklärte sich selbstständig und stellte sich unter den Schutz Deutschlands. (Vgl. Floiger, S. 171)

2. 10 Der Weg in den Krieg

Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei war die Politik der Westmächte, Hitler durch Zugeständnisse zu beschwichtigen, zu Ende. Durch einen Nichtangriffspakt mit Russland garantierte Hitler bei seinem geplanten Angriff auf Polen nicht in einen Zweifrontenkrieg verwickelt zu werden. Nach Unterzeichnung durch die Außenminister war Hitlers Entschluss zum Angriff auf Polen endgültig. Zur propagandistischen Vorbereitung hatte das Ministerium Goebbels in der Presse Gräuelmeldungen über polnische Misshandlungen an Deutschen verbreiten lassen. Als Auslösendes Moment für den Krieg ließ Hitler von der SS den deutscher Radiosender in Gleiwitz und ein deutsches Zollhaus an der polnischen Grenze „angreifen“. Als „Beweis“ für einen polnischen Aggressionsakt wurden ermordete KZ-Häftlinge in polnischen Uniformen zurückgelassen. Am Morgen des 1. September beschoss ein deutsches Schlachtschiff polnische Stellungen an der Ostsee und deutsche Truppen drangen in Polen ein. Hiermit wurde der Zweite Weltkrieg eingeleitet. (Vgl. Floiger, S. 172 f; vgl. Liepach, S. 37 f)

Die erste Phase des Zweiten Weltkriegs war die „ Blitzkriegs-Phase “. Eine Übersicht darüber wird nun im Folgenden dargestellt.

1939

1. September

Deutscher Angriff auf Polen; nach drei Wochen kapitulierte die polnische Armee; das Land wurde gemäß dem deutsch-sowjetischen Geheimvertrag geteilt.

- Die polnischen Westprovinzen wurden an Deutschland angeschlossen,
- Mittelpolen um Warschau, Krakau und Lublin kamen als „Generalgouvernement“ unter deutsche Verwaltung und
- Die Gebiete im Osten fielen an die Sowjetunion.

3. September

England und Frankreich erklärten Deutschland den Krieg. In die Kämpfe griffen sie allerdings nicht ein. Hitler versuchte den Krieg auf Polen zu beschränken und richtete ein „Friedensangebot“ an Großbritannien und an Frankreich. Die Westmächte gingen aber nicht darauf ein.

1940

April/ Juni

Deutsche Truppen besetzten Dänemark und Norwegen, um sich die Erzzufuhr aus Schweden zu sichern.

10. Mai

Beginn des Westfeldzuges. Deutschland überfiel die neutralen Staaten Belgien, Niederlande und Luxemburg. Frankreich wurde erobert und musste die deutschen Bedingungen annehmen:

- Elsass-Lothringen wurde an Deutschland abgetreten
- Der größte Teil des Landes wurde von deutschen Truppen besetzt,
- In Südfrankreich wurde ein autoritäres Regime nach deutschem Vorbild eingesetzt.

10. Juni

Italien trat in den Krieg ein.

8. August

Hitler entschloss sich zur Invasion Englands. Doch bereits der Versuch, die dafür notwendige Lufthoheit zu erringen sowie die englische Industrie durch Bombardierungen zu schwächen und die Bevölkerung zu demoralisieren, schlug fehl. Hitler musste die Invasion aufgeben. (Vgl. Liepach, S. 39)

September

[...]

Details

Seiten
188
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638238595
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19817
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Niederösterreich (ehem. Pädagogische Akademie des Bundes in Niederösterreich) – SonderschullehrerInnenausbildung
Note
Sehr gut (1)
Schlagworte
Nationalsozialismus Beispiel Macht- Unterdrückungspolitik Schüler Oberstufe Allgemeinen Sonderschule

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Titel: Der Nationalsozialismus als Beispiel für Macht- und Unterdrückungspolitik in Österreich, aufbereitet für die Schüler der Oberstufe der Allgemeinen Sonderschule