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Berufsberatung und berufliche Sozialisation

Die Berufsberatung in Deutschland als Variable im Berufswahlprozess

Hausarbeit 1999 23 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Berufswahl und Berufsberatung in Deutschland
2.1 Theorien zur Berufswahl
2.2 Das Konzept der Berufswahlreife
2.3 Die Berufsberatung in Deutschland
2.3.1 Zur Geschichte der Berufsberatung
2.3.2 Rechtliche und organisatorische Grundlagen
2.3.3 Aufgaben, Angebote und Medien

3 Berufsberatung und berufliche Sozialisation
3.1 Berufliche Sozialisation - eine Begriffsbestimmung
3.2 Der Berufswahlprozess als Aspekt der beruflichen Sozialisation
3.3 Berufsberatung, Berufswahlreife und berufliche Sozialisation
3.3.1 Schulischer Berufswahlunterricht als Instrument zur Förderung der Berufswahlreife
3.3.2 Die Nutzung der Berufsberatung als Variable im Berufswahlprozess
3.3.3 Die Akzeptanz der Berufsberatung als Variable im Berufswahlprozess
3.3.4 Der Einfluss der Berufsberatung auf Berufswünsche und Berufswahl
3.3.5 Abschließende Bemerkungen zur Interdependenz der am Berufswahlprozess beteiligten Variablen

4 Zusammenfassung und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Berufsberatung in Deutschland spielt neben vielen anderen Faktoren ebenfalls eine Rolle im Berufswahlprozess von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wenn man die Berufswahl neueren theoretischen Ansätzen folgend nicht als punktuelle, einmalige Entscheidung, sondern als komplexen, lebensbegleitenden Prozess definiert, wird auch der sozialisatorische Kontext wichtig, in dem sich diese Beratung abspielt. Um die Darstellung und Analyse der Interdependenzen zwischen Berufsberatung und anderen Variablen im Berufswahlprozess soll es in dieser Arbeit gehen. Diese Analyse wird eingebettet in den umgreifenden Rahmen der beruflichen Sozialisation, denn auch die Berufswahl ist ein Teilaspekt eben dieser beruflichen Sozialisation. In Bezug auf die Berufsberatung durch die Bundesanstalt für Arbeit spielt auch die Zusammenarbeit von Schule und Berufsberatung eine Rolle. Gerade der Schule wird große Bedeutung bei der Förderung der sog. Berufswahlreife eingeräumt. Nicht zu vergessen ist auch die (vor-)berufliche Sozialisation in der Familie. Im Rahmen dieser Arbeit soll der Schwerpunkt aber klar bei der Berufsberatung und ihrem Einfluss auf die berufliche Sozialisation (hier v.a. die Berufswahl) liegen. Dazu werden zunächst grundlegende Betrachtungen zu den Themen Berufswahl und Berufsberatung angestellt. Auf dieser Basis findet dann eine Verknüpfung bzw. die Erhellung der dialektischen Beziehung von Berufsberatung und beruflicher Sozialisation statt. Angemerkt sei zu Beginn, dass Begriffe wie „Schüler“ oder „Lehrer“ geschlechtsneutral verwendet werden und somit beide Geschlechter einschließen.

2 Berufswahl und Berufsberatung in Deutschland

In diesem Kapitel wird ein Blick auf verschiedene Aspekte der institutionalisierten Berufsberatung in Deutschland geworfen. Erst auf dieser Grundlage werden dann in Abschnitt 3 die Einflüsse auf den Berufswahlprozess analysiert.

2.1 Theorien zur Berufswahl

Die Berufswahl ist ein wichtiger Aspekt der beruflichen Sozialisation, so dass an dieser Stelle die wichtigsten Theorien und Erklärungsansätze skizziert werden sollen. Bei der Beschäftigung mit der Berufswahl „ soll der Begriff Berufswahl nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Jugendlichen heute weniger als etwa vor 15 Jahren vor einer freien Wahl stehen. Schulbildung, gesellschaftliche Position der Eltern, gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Entwicklungen bestimmen in erheblichem Maße die Berufsfindung der Jugendlichen “ (Braun / Hartmann 1984, S. 11). In den klassischen Berufswahltheorien wurde davon ausgegangen, dass es für jedes Individuum genau einen passenden Beruf („Berufung“) gäbe. Die Berufswahl beschränkte sich damit auf das Finden dieses Berufes. Neuere Ansätze gehen davon aus, dass die Berufswahl ein Interaktionsprozess zwischen Individuum und Umwelt ist, welcher letztendlich zu unterschiedlichen beruflichen Tätigkeiten der Menschen führt. Wie nun jeweils die Faktoren Umwelt und Individuum akzentuiert und gewichtet werden, hängt von der jeweiligen Theorie ab. Psychologisch orientierte Ansätze stellen das Individuum mit seiner Persönlichkeitsstruktur, seinen Fähigkeiten, Wünschen und Zielen in den Vordergrund. Soziologische und ökonomische Theorien hingegen räumen den sozio-ökonomischen und gesellschaftlich-kulturellen Rahmenbedingungen einen hohen Stellenwert ein. Bußhoff unterscheidet in einer Zusammenstellung gängiger Theorien fünf Gruppen von Ansätzen (vgl. Bußhoff 1984, S. 9 ff.). Als soziologische bzw. ökonomische Theorie (Umwelt mit hohem Einfluss) lässt sich v.a. nennen:

- Berufswahl als Zuweisungsprozess: Es wird davon ausgegangen, dass das Individu- um keine freie Wahl trifft, sondern dass ein hoher Einfluss gesellschaftlicher und ökonomischer Bedingungen die Wahlmöglichkeiten einschränkt. Berufswahl sei also eher eine Berufszuweisung (Allokation), die durch gesellschaftliche Determinanten gesteuert werde.

Die anderen genannten Theorien stellen verschiedene Aspekte eines individuellen Prozesses in den Mittelpunkt. Hier sind zu nennen:

- Berufswahl als Entwicklungsprozess: Hier wird die Berufswahl in ihrer zeitlichen Ausdehnung und ihrer Gliederung nach Lebensphasen untersucht.
- Berufswahl als Lernprozess: Das Individuum macht im Zusammenspiel seiner genetischen Anlagen und der Umwelt vielfältige Lernerfahrungen, die zu bestimmten Persönlichkeitsstrukturen und Problemlösungsmethoden führen. Das daraus entwickelte Selbstkonzept entscheidet über die berufliche Laufbahn.
- Berufswahl als Entscheidungsprozess: Favorisiert werden sog. offene Entschei- dungsmodelle. Sie gehen davon aus, dass aufgrund der komplexen Berufswahlsituation und den zahlreich angebotenen Informationen kein Individuum rational und vollständig alle Informationen ausschöpfen und verarbeiten kann. Vielmehr geht man davon aus, dass das „ Entscheidungssubjekt über die ihm

objektiv offenstehenden Handlungsalternativen und deren Konsequenzen [...] nur

unvollkommen informiert ist und daß es von vornherein weder über eine subjektiv

gewichtete Rangfolge von Zielen, noch über geeignete Entscheidungsregeln

verfügt “ (Bußhoff 1984, S. 32).

Der Berufswähler rückt als Entscheidungssubjekt in den Mittelpunkt.

Eine letzte hier zu nennende Theorie berücksichtigt sowohl Individuum als auch Umwelt. In der Berufswahltheorie Hollands (vgl. Bußhoff 1984, S. 29 ff.) wird angenommen, dass es sowohl eine gewisse Anzahl von typischen Persönlichkeitsmodellen (Holland nennt 6 Typen) als auch dieselbe Anzahl von Umweltmodellen gibt. Individuen mit bestimmten Persönlichkeitsmustern würden ihren Beruf so wählen, dass sie in dem für sie optimalen Umwelttypus tätig sein könnten. Die Genese eines bestimmten Persönlichkeitstyps erklärt sich Holland aus Sozialisationsprozessen heraus: „ Danach würden Jugendliche, die beispielsweise in realistisch dominierten Lebenssituationen aufwachsen, ein realistisch ausgerichtetes Persönlichkeitsmuster entwickeln “ (Bußhoff 1984, S. 29). Hier wird besonders der starke Einfluss der Familie auf die (vor-)berufliche Sozialisation angedeutet. Insgesamt sind also, bei unterschiedlicher Gewichtung der beiden Faktoren Umwelt und Individuum, eine Vielzahl von Variablen an der Berufswahl beteiligt. Einteilen kann man diese Faktoren grob in die personelle (Eltern, Lehrer, Verwandte, Medien etc.), die dispositive (Neigung, Eignung, Interessen etc.) und die situative (Infrastruktur, Arbeitsmarkt etc.) Ebene (vgl. Pollmann 1993, S. 22). Die Berufsberatung ist ebenfalls in der Vielzahl von Variablen enthalten, denn der Berufsberater z.B. übt seinen Einfluss auf der personellen Ebene aus. In die Beratung werden aber auch dispositive und situative Elemente einbezogen.

2.2 Das Konzept der Berufswahlreife

Auf den Begriff der Berufswahlreife wird in unterschiedlichen Theorien zur Berufswahl und auch in Berufsberatungskonzepten oft Bezug genommen. Allgemein wird das Vorhandensein dieser Reife als Voraussetzung für eine angemessene Berufswahl angesehen. Die Anbahnung und Förderung der Berufswahlreife ist ein Hauptziel der beteiligten Institutionen, wobei hier v.a. die Schule und die Berufsberatung zu nennen sind. Zur Etablierung des Begriffes schreibt Pollmann: „ Der Begriff der Berufswahlreife ist (noch) nicht allgemein anerkannt. Dieses Faktum liegt vielleicht darin, daß die Struktur des Konzeptes noch nicht eindeutig umrissen ist, und in vielen Bereichen der Bedeutungsgehalt nicht einsichtig wirkt “ (Pollmann 1993, S. 15). Trotz verschiedener Akzentuierungen haben die meisten Definitionen aber einen gemeinsamen Kern. Gemeint ist mit Berufswahlreife die Fähigkeit des Individuums, unter Berücksichtigung möglichst vieler Faktoren eine Entscheidung für einen Beruf oder ein Berufsfeld unter längerfristiger Perspektive der Berufswegeplanung zu treffen. Seifert (vgl. Pollmann 1993, S. 18) nennt folgende Aspekte der Berufswahlreife:

- Einstellungen zur Berufswahl und zur Laufbahnplanung
- Informiertheit über die Berufs- und Arbeitswelt
- Kenntnis grundlegender Entscheidungsprinzipien
- Realitätsorientierung

Kritisiert wurde oft der Teilbegriff der Reife. Ähnlich wie in entwicklungspsychologischen Stufenkonzepten werde hier ein biologisch determinierter Reifungsprozess postuliert, der den vielfältigen individuellen Entwicklungen nicht gerecht werde. Beinke verwendet deswegen alternativ den Begriff Berufswahlkompetenz (vgl. Beinke 1988, S. 21).

2.3 Die Berufsberatung in Deutschland

2.3.1 Zur Geschichte der Berufsberatung

Die Notwendigkeit bzw. die Freiheit, überhaupt eine Berufswahl treffen zu können und damit auch Berufsberatung in Anspruch zu nehmen, ergab sich erst im Laufe eines sich zunehmend ausdifferenzierenden Gesellschafts- und Beschäftigungssystems. Zumindest müssen mehrere Berufswahlalternativen zur Verfügung stehen (vgl. Gabriel 1975, S. 244). Als grober Zeitpunkt dieser Ausdifferenzierungen ist die beginnende Industrialisierung im 19. Jahrhundert zu nennen. Die Situation davor wird von Eichner und Wagner so beschrieben: „ Im Mittelalter gab es in den Berufen das Nach-wuchsproblem nicht; eine individuelle Entscheidung im heutigen Sinne war nicht denkbar, dazu war der Einzelmensch zu sehr eingebettet in ständische oder Klassenzwänge “ (Eichner u.a. 1976, S. 5). Die Kinder wurden durch ihre Familien in den entsprechenden Beruf des Vaters hineinsozialisiert. Dieses geschah nicht in Form einer systematischen Ausbildung, sondern zum größten Teil durch Beobachtung und Nachahmung. Die Industrialisierung veränderte diese Strukturen grundlegend, es entstanden „ die Notwendigkeit und das Bedürfnis, junge Menschen nicht zufällig und ohne systematische Vorbereitung in einen Beruf gehen zu lassen “ (Eichner u.a. 1976, S. 5). Diese Aufgabe konnten die Familien immer weniger erfüllen. Auch allgemeine kulturelle Strömungen wie die Aufklärung und verbunden damit eine weitgehende Säkularisierung, die Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft und die Ausdifferenzierung der gesamten Sozialstruktur trugen zur Entwicklung eines immer komplexer werdenden Beschäftigungssystems bei. Diese Prozesse brachten auch Probleme in Form von sozialer Benachteiligung breiter Arbeiterschichten mit sich. Außerdem entstand durch Rationalisierung und Arbeitsteilung in Wirtschaft und Verwaltung eine für den einzelnen unüberschaubare Vielzahl von Berufen. All diese Faktoren führten aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer planvoll organisierten, öffentlich arbeitenden Berufsberatung, obwohl es schon vorher zumeist berufsständische oder konfessionelle Bemühungen in diese Richtung gegeben hatte (vgl. Meisel 1978, S. 13). Erstmals verwendet wurde der Begriff „Berufsberatung“ vom Bund deutscher Frauenvereine im Jahre 1898. Dem Verein ging es um die Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen (vgl. Eichner u.a. 1976, S. 5). Daneben bemühten sich v.a. Lehrer, Geistliche, Verbände, Kammern und Gewerkschaften um eine immer planvoller werdende Berufsberatung. Im 20. Jahrhundert kam es dann zu immer schnelleren und systematischeren Entwicklungen. Im Jahre 1913 wurde der Deutsche Ausschuß für Berufsberatung gegründet, der den Ausbau der Berufsberatung forcieren sollte (vgl. Landsberg 1977, S. 9). Auf dem 18. Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertag im Jahre 1917 wurde bereits eine öffentliche Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung gefordert. Wenige Jahre später wurden hierfür die rechtlichen Grundlagen geschaffen: „ Das Arbeitsnachweisgesetz (ANG) von 1922 vereinheitlichte diese [Vermittlung und Beratung, M. D.] und zentralisierte sie 1927 in der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (Gesetz über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (AVAVG))“ (Hillmert 1996, S. 13). Im Jahre 1930 erschienen die ersten Richtlinien für die Zusammenarbeit von Schule und Berufsberatung. Das sog. Monopolgesetz übertrug 1935 alle Aufgaben der Beratung und Vermittlung auf die Reichsanstalt, womit eine starre Berufslenkung zum „Wohl des Volksganzen“ einsetzte, die bis 1945 andauerte (vgl. Landsberg 1977, S. 10). Nach dem Krieg wurde 1952 die Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung gegründet, die 1969 in Bundesanstalt für Arbeit umbenannt wurde. Seither vollzog sich der Aufbau einer entsprechenden Unterabteilung in der Bundesanstalt sowie in allen Arbeitsämtern, was zu einer weiteren quantitativen Expansion der Berufsberatung führte (vgl. Hillmert 1996, S. 13). Einen Schritt in Richtung beruflicher Selbstinformation ging die Bundesanstalt im Jahre 1976, als das erste Berufsinformationszentrum (BIZ) in Berlin eingerichtet wurde (vgl. Beinke 1992, S. 85).

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Details

Seiten
23
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783656244455
ISBN (Buch)
9783656251057
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198201
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Schlagworte
Berufswahl Berufsberatung berufliche Sozialisation

Autor

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Titel: Berufsberatung und berufliche Sozialisation