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Gutenbergs Innovationen im Urteil der Zeitgenossen

Neuentstandene Medien in der Kontroverse: Buchdruck, Fotografie und Internet im Vergleich

©2011 Seminararbeit 28 Seiten

Zusammenfassung

1. Einleitung
Medien bilden heute einen elementaren Bestandteil im Alltag eines Bürgers. Zeitungen,
Zeitschriften, Radio, Fernsehen und das Internet sind nicht nur zu den bedeutendsten
Mitteln der Informationsbeschaffung avanciert, sondern ebenso zu wichtigen Säulen
individueller Freizeitgestaltung. Doch kaum ein Nutzer weiß um den breiten
Entwicklungsprozess, der die Medien aufgrund einer pluralistischen Öffentlichkeit auch zu
einem gesellschaftlich-politischen Kontrollorgan erhob. Diese Arbeit soll daher die
zeitgenössischen Reaktionen auf neuentstandene Medien nachzeichnen, um gemeinsame
Entwicklungsphänomene darzustellen, aber auch die Frage zu klären, wie Kritiker ihre
Zweifel an ihnen begründeten. Aufgrund des vordefinierten Umfangs beschränkt sie sich
dabei auf ein Aufzeigen von Parallelen zeitgenössischer Reaktionen auf den Buchdruck, die
Fotografie und das Internet, wobei erstgenannte zuvor beispielhaft näher betrachtet
werden. Zu jedem der einzelnen Medien sind eine Vielzahl von Studien und Publikationen
vorhanden. Einige dieser Basiswerke dienen somit als thematische und sachlich fundierte
Grundlagen der Ausführungen dieser Arbeit. Neben den Darlegungen über den Buchdruck in
der frühen Neuzeit von Michael Giesecke, Michael Schilling oder Elizabeth L. Eisenstein
finden Werke des Medienhistorikers Werner Faulstich Verwendung. Die Reaktionen auf
interaktive Medien wurden in der forschenden Mediengeschichte allerdings noch nicht
eingehend untersucht, ebenso wenig die kontextuellen Zusammenhänge zwischen den
einzelnen medialen Errungenschaften. Für eine komparatistische Aussage werden daher
Fachaufsätze herangezogen. Im Folgenden werden zunächst sowohl positive als auch
negative Reaktionen von Zeitgenossen auf die Verbreitung des Buchdrucks beschrieben. Auf
diese Ergebnisse aufbauend, erfolgt anschließend ein kurzer analytischer Vergleich mit den
Resonanzen auf die Fotografie und das Internet.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeitgenössische Reaktionen auf den Buchdruck
2.1. Positive Reaktionen: Erstaunen, Vertrauen und Nutzbarmachung
2.2. Negative Reaktionen: Ablehnung, Beeinflussung und Werteverfall

3. Reaktionen auf Buchdruck, Fotografie und Internet im Vergleich

4. Bilanz

Literaturverzeichnis

Anhang
1. Abbildungen
2. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Medien bilden heute einen elementaren Bestandteil im Alltag eines Bürgers. Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und das Internet sind nicht nur zu den bedeutendsten Mitteln der Informationsbeschaffung avanciert, sondern ebenso zu wichtigen Säulen individueller Freizeitgestaltung. Doch kaum ein Nutzer weiß um den breiten Entwicklungsprozess, der die Medien aufgrund einer pluralistischen Öffentlichkeit auch zu einem gesellschaftlich-politischen Kontrollorgan erhob. Diese Arbeit soll daher die zeitgenössischen Reaktionen auf neuentstandene Medien nachzeichnen, um gemeinsame Entwicklungsphänomene darzustellen, aber auch die Frage zu klären, wie Kritiker ihre Zweifel an ihnen begründeten. Aufgrund des vordefinierten Umfangs beschränkt sie sich dabei auf ein Aufzeigen von Parallelen zeitgenössischer Reaktionen auf den Buchdruck, die Fotografie und das Internet, wobei erstgenannte zuvor beispielhaft näher betrachtet werden. Zu jedem der einzelnen Medien sind eine Vielzahl von Studien und Publikationen vorhanden. Einige dieser Basiswerke dienen somit als thematische und sachlich fundierte Grundlagen der Ausführungen dieser Arbeit. Neben den Darlegungen über den Buchdruck in der frühen Neuzeit von Michael Giesecke1, Michael Schilling2 oder Elizabeth L. Eisenstein3 finden Werke des Medienhistorikers Werner Faulstich4 Verwendung. Die Reaktionen auf interaktive Medien wurden in der forschenden Mediengeschichte allerdings noch nicht eingehend untersucht, ebenso wenig die kontextuellen Zusammenhänge zwischen den einzelnen medialen Errungenschaften. Für eine komparatistische Aussage werden daher Fachaufsätze herangezogen. Im Folgenden werden zunächst sowohl positive als auch negative Reaktionen von Zeitgenossen auf die Verbreitung des Buchdrucks beschrieben. Auf diese Ergebnisse aufbauend, erfolgt anschließend ein kurzer analytischer Vergleich mit den Resonanzen auf die Fotografie und das Internet.

2. Zeitgenössische Reaktionen auf den Buchdruck

Die Innovationen Johannes Gutenbergs läuteten durch die Optimierung einzelner mechanischer Arbeitsschritte das Ende der klösterlichen und kirchlichen Schreibkunst als Handarbeit ein. Indem er die bereits standardisierte Schreibtätigkeit durch gegossene Bleilettern, Setzkästen und Winkelhaken, das Setzschiff sowie schließlich die Druckerpresse als einzelne Schritte in einem wiederholbaren Produktionsprozess mechanisierte, wurden ab dem 15. Jahrhundert zunehmend weltliche Schreibwerkstätten gegründet, die geistliche als auch irdische Texte in bisher unbekannter Stückzahl herstellten.5 Dadurch konnte sich das Medium Schrift einen neuen Markt erschließen, wobei Rezipienten sowohl mit uneingeschränkter Faszination und Akzeptanz, aber auch völliger Ablehnung reagierten.

2.1. Positive Reaktionen: Erstaunen, Vertrauen und Nutzbarmachung

Schon während der Entstehung der ersten Bibel Gutenbergs wurde die Technik als Ausdruck einer neuen harmonischen und klaren Textform verstanden, die auch 1460 im lateinischen Wörterbuch Catholicon sowie bereits drei Jahre zuvor im Kommentar des Buches biblischer Psalmen Psalterium Morguntinum hervorgehoben wurde. So zeigt sich, dass die zeitgenössischen Rezipienten die neue Kunst zunächst vor allem als Wundermittel gegen die Mängel des Abschreibens betrachteten, was mit der Tatsache einher ging, dass das Druckwerk eines Tages größer war, als das Schriftwerk eines gesamten Jahres. Dieser technische Fortschritt veranlasste nicht zuletzt noch 1485 mehrere Geistliche, die gedruckten Exemplare eines Regensburger Messbuches mit der Vorlage zu vergleichen. Der Aspekt der schnellen Vervielfältigung bedingte weiterhin eine sich binnen 50 Jahren vollziehende Halbierung der Preise, sodass sich auch aufgrund der steigenden Nachfrage ein wettbewerbsfähiger Markt etablierte. Schließlich führte die Standardisierung von Texten zu einer unbekannten Einheitlichkeit von Messe- und Liederbüchern, die Kardinal Nikolaus von Kues (1401 - 1464) dazu antrieb, dem Papst den Buchdruck als heilige Kunst zu empfehlen.6 Als Eckpfeiler des Humanismus wurde das neue Kommunikationsinstrument nach der von Johannes Kepler (1571 - 1630) bezeichneten 1000-jährigen Barbarei zum göttlichen Mittel der Wissensspeicherung erhoben. Das verlorene Wissen der Antike konnte verbreitet und bewahrt werden, wodurch ein zivilisatorischer Zerfall, wie er oralen Kulturen zugesprochen wurde, für alle Zeit überwunden schien. Hierbei wurde die biblische Unzerstörbarkeit der in Stein manifestierten Zehn Gebote durch die Masse der produzierten Drucke ersetzt, was publizierten Gedanken und auch Autoren einen neuen sozialen Stellenwert zugestand. Letztere erreichten nun eine Vielzahl von Lesern, im Rückschluss konnte sich jeder des Lesens mächtige Bürger selbstständig und frei bilden. Das nationale Selbstbewusstsein der Deutschen erfuhr durch die Entwicklung der Druckpresse eine immense Stärkung, denn nun wurden Leistungen in der Grammatik und Rhetorik, Musik, Astronomie, Dialektik sowie Medizin, Juristik aber auch Botanik in deutscher Sprache festgehalten und der europäischen Öffentlichkeit präsentiert.7

Die bedingungslose Akzeptanz der durch das neue Medium vermittelten Informationen verdeutlichte sich, wie Michael Schilling nach der Untersuchung von bis um 1700 entstandenen Flugblättern feststellte, auch anhand ihrer Quellenfunktion. Nicht zuletzt naturwissenschaftliche und histografische Sammelwerke fußten auf durch Blätter und Flugschriften verbreitete Berichte, die das uneingeschränkte Vertrauen symbolisierten - auch in Anbetracht okkultischer Texte über Endzeiterwartungen, das bevorstehende Jüngste Gericht sowie Missgeburten (Abb.1) und Wundergestalten im Tagesschrifttum. Besonders regionale Chroniken des 16. Jahrhunderts bezogen wichtige inhaltliche Grundlagen aus publizierten, jedoch in keiner Weise verifizierten Informationen. Diese meist noch handschriftlichen Arbeiten hatten aufgrund ihrer territorialen Begrenzung einen relativ kleinen Benutzerkreis. Doch auch gedruckte und von einer Vielzahl wahrgenommene Werke um das von Sebastian Münster gesammelte Wissen der Welt in seiner Cosmographia und das Theatrum Europaeum als umfangreichste Chronik des 17. Jahrhunderts bedienten sich für historische Abrisse an Berichten aus Flugblättern, sodass auch gelehrte Zeitgenossen dem neuentstandene Nachrichtenmedium bedenkenloses Vertrauen entgegenbrachten, wodurch der Buchdruck in historische und naturwissenschaftliche Standartwerke mündete, die den Prozess der Wissensvermittlung revolutionierten.8

Während die katholische Kirche der Druckerpresse anfänglich mit neutraler Akzeptanz begegnete, wobei sie jedoch den Totalitätsanspruch des neuen Mediums ablehnte und auf die Erforderlichkeit von Priestern und der Ämterhierarchie verwies, erkannte der Protestantismus die enormen Möglichkeiten der Publikation seiner Ideen. Dies führte zu einem Anstieg der Alphabetisierungsrate protestantischer Gläubiger. Zwischen 1517 und 1520 verkauften sich Luthers 30 Veröffentlichungen, von denen einige zweifelsfrei zu den einflussreichsten Schriften ihrer Zeit wurden, 300.000-mal. Für die Reformation war die Druckkunst ein Geschenk Gottes, mit der sich dieser gegen den Sündenfall der katholischen Geistlichen um Verkündigungs-, Beicht- und Absolutionstechnik direkt an das Volk richtete: Jeder konnte sich fortan selbst mit der Heiligen Schrift beschäftigen und war nicht mehr auf die katholisch geprägte Übersetzung und Deutung von der Kanzel angewiesen. Die Möglichkeit der persönlichen Auseinandersetzung mit der in deutscher Sprache veröffentlichten Bibel beendete daher das priesterliche Wissensmonopol. Der enorme Einfluss des Mediums auf die Verbreitung religiöser Themen prägte sich nicht nur durch publizierte Streitschriften, sondern im gleichen Maße durch Pamphlete, Flugblätter und Flugschriften aus. Das eigene Lager wurde dabei extrem heroisiert (Abb.2), während durch entwickelte Darstellungen der Karikatur und satirischer Bildwitze die Römische Kirche, aber auch einzelne Gegner der Reformation wie Thomas Murner, vor einem Massenpublikum attackiert wurden (Abb.3). Somit wurde der Buchdruck als waffengleiches Propagandamittel gegen die Gegner der Reformation eingesetzt. Allerdings nutzte auch die Papstkirche den Effekt der Druckerpresse, eine Vielzahl von Menschen zu erreichen, um finanzielle Unterstützung für die Kreuzzüge zu finden (Abb.4). Als Vorläufer unterschiedlicher Medien beinhaltete der Druck somit zunächst vor allem religiöse Themen. Politische Inhalte setzten sich erst ab dem 17. Jahrhundert vermehrt durch, wodurch Drucke zu den wichtigsten Informations- und Unterhaltungsträgern wurden.9

2.2. Negative Reaktionen: Ablehnung, Beeinflussung und Werteverfall

Nachdem sich der Buchdruck etabliert hatte und erste Konsequenzen des neuen Mediums ersichtlich wurden, positionierte sich die katholische Kirche aufgrund der diffamierenden Publikationen zunehmend gegen die neue Technik. Fortan als trojanisches Pferd bezeichnet, war die Einführung der Druckpresse unumgänglich, sodass auch die negativen Folgen für die Kirche, aber auch für die Gesellschaft (Kommunikationssterben), als irreversibel dargestellt wurden. Zunächst warnte man vor schlechten handschriftlichen Vorlagen und nachlässigen Setzern, wobei Kritiker die Angst schnell unter dem Aspekt des bewussten Missbrauchs präzisierten. Angesichts der protestantischen Propaganda, offiziell jedoch aufgrund der Befürchtungen eines Sinnverlusts und falscher Schlüsse gläubiger Laien aus der übersetzten Bibel, drohte die mittelalterliche Ordnung zu zerfallen, sodass katholische Geistliche zum Schutz vor Begriffsverwirrungen nach lizensierten ständischen Autoren forderten, um die geschwächte heilige Hierarchie wiederherzustellen. Das Mainzer Zensuredikt von 1485 verlangte schließlich Kontrollen vor der Veröffentlichung von Werken. Es richtete sich ferner gegen die Publikation weltlicher Literatur und verdeutlichte somit die Positionierung der römischen Kirche zugunsten des eigenen Wissensmonopols gegen eine Ansammlung von Informationen durch Laien. Ebenso wurde das Schreiben der Mönche als Gottesdienst betont, während die Gesellschaft durch die Gier der Verleger nach Ruhm und Geld zerstört zu werden drohte. Um diese Meinung allerdings adäquat im Volk zu verbreiten, musste auch die Gegenpropaganda der Katholiken das neue Medium nutzen, wodurch das mittelalterliche Auftragswesen endgültig der breiten Publizistik weichte und sich der Druck aus der traditionellen Hierarchie löste.10

Auch hinsichtlich des vermittelten Wahrheitsgehalts formierten sich Skeptiker. Die bisher unbekannte Neugier der Rezipienten konnte nur mit ständig neuen Informationen befriedigt werden; ein neuer Umstand, bei dem getroffene Aussagen oft nicht überprüft werden konnten. Somit standen Kritiker, welche die Unzuverlässigkeit bemängelten, der bedingungslosen Akzeptanz der Befürworter gegenüber. Demzufolge erkannte man schnell eine Diskrepanz zwischen den aus Informationsmangel begründeten Unannehmlichkeiten und einer durch Unredlichkeit hervorgerufenen affektbestimmten Reaktion der Öffentlichkeit. Diese war nicht zuletzt religiös bedingt, sodass katholische Theologen Hetzkampagnen gegen die im Volk bewusst verbreiteten „Lügen“ veranstalteten, um die Attraktivität und Überzeugungskraft der kirchlichen Institution zu stärken. Doch neben der Geistlichkeit nahmen auch weltliche Bürger wie Politiker und rivalisierende Verleger Anstoß an Berichten. Während Herausgeber sich untereinander der mangelnden Zuverlässigkeit beschuldigten, fürchteten Beamte und Politiker angesichts der Vielzahl von Übertreibungen und Falschmeldungen einen Schaden des Ansehens ihrer Stadt. Aus diesem Aspekt begründeten sie politisch und konfessionell motivierte Zensuren, welche die Interessenlage ihrer Initiatoren als soziale Gruppe wiederspiegelten. Daher dienten sie primär weniger der Erhaltung sozialer Normen, sodass die Ahndung von Verstößen gegen diese zunächst im Hintergrund blieb. Angesichts der nachgefragten Zunahme irdischer Unterhaltungsliteratur mit Liebesthematik und der Darstellung pornografischer und gewalttätiger Szenen nahmen desbezügliche Pressekontrollen jedoch zu. Die zeitgenössische Annahme, literarische Inhalte hätten einen direkten Einfluss auf die Moralvorstellungen der Rezipienten und würden imitierend und identifizierend wirken, unterstützte dieses Vorgehen. Die häufigsten Maßnahmen waren hierbei die Inhaftierung von Druckern und Händlern sowie die Beschlagnahmung und Zerstörung ihrer Druckplatten und Erzeugnisse.11

Die Darstellungen frühneuzeitlicher Gewalt reichten von einem heroisch-positiven Bild Luthers als Bezwinger der Unterdrückung bis hin zur bewussten teils sachlichen, aber auch oft makaberen Illustration. Zur Information und gleichsam als Abschreckung dienten Flugblätter, auf denen detailiert Hinrichtungen von Mördern abgebildet wurden (Abb.5). Allerdings konnten solche Bilder auch alarmierend wirken, wodurch man sich Aufklärung von Morden erhoffte (Abb.6). Kritiker setzten an diesem Punkt an und verwiesen auf mögliche Nachahmungstäter. Weit bedeutender war für sie jedoch die Verbreitung schwärmerischer und unmoralischer Schandbücher und Liederbücher, die einen aktiven Anteil an der Zerstörung der alten Ordnung und Hierarchie hatten. Wissenschaftliche Publikationen, aber auch themenbezogene Tagebuchaufzeichnungen beinhalteten als Ausdruck des Humanismus nackte, in ihrer Proportion betrachtete Körper (Abb.7) und anatomische Darstellungen des Geschlechtsakts (Abb.8), die allerdings in ihrem naturwissenschaftlichen Kontext nicht das Amüssementbedürfnis der breiten Gesellschaft erfüllten, zumal den Rezipienten solcher Schriften primär an neuen Erkenntnissen gelegen war. Jedoch erfuhr auch die sexuelle Geschlechtlichkeit in der frühen Neuzeit einen neuen in Mythologien und Heiligendarstellungen eingebetteten Stellenwert. Wenn Jean Fouquet (1420 - 1481) die heilige Maria mit dem Jesusknaben (Abb.9) als Symbol kollektiver Mütterlichkeit darstellte, zielte er nicht auf die Abbildung einer Frau als Sexualobjekt ab, sondern stellte lediglich ihr weltliches Wesen dar. Als sich die Pornografie jedoch zunehmend auf einen Angriff der zölibatären Geistlichkeit bezog (Abb.10), formierten sich Kritiker gegen den nahenden Werteverfall.12

Die 1546 veröffentlichte Bildfolge „Das Bauerntanzfest oder Die zwölf Monate“ von Hans Sebald Beham (1500 - 1550) stellte diese noch im Zusammenhang mit Tänzen, Festen und Gelagen der im Vergleich zu den Stadtbewohnern zügellosen Bauern dar. Allerdings wurden auch hier bereits männliche Sexualfantasien, nicht zuletzt aufgrund des Voyeurismus, bedient (Abb.11). Dieses Motiv zog sich durch viele zeitgenössische Illustrationen: Beginnend bei einem von Albrecht Dürer (1471 - 1528) kaum wahrnehmbaren Voyeur bei einem Frauenbad (Abb.12) bezog ein Holzschnitt Behams den heimlichen Zuschauer in einer gleichen Szene bewusst in den sexuellen Kontext ein (Abb.13). Den Damen fehlte offensichtlich ein Mann zur geschlechtlichen Befriedigung. Weibliche Geschlechtsmerkmale wurden vermehrt in das Zentrum der Darstellungen gestellt, wodurch die Frau als Sexualobjekt die thematisch nicht-sexuellen Aussagen der Künstler transportierte. Solche Illustrationen standen auch häufig in einem mythologischen Kontext: Ein Kupferstich Behams, den er mit dem aussagekräftigen Satz „Ich leb von der Brust meiner Dochter“ (Abb.14) beschrieb, vermittelte auf dem ersten Blick eine bewusste Perversion der erotischen Laktation, die sich erst durch die Kenntnis um den in der Mythologie gefesselten Cimon relativierte. Dieser musste, um dem Tod zu entgehen, von seiner Tochter genährt werden, die dadurch auch christliche Barmherzigkeit zeigte. Der italienische Kupferstecher Agostino Carracci (1557 - 1602) verhalf erotischen Darstellungen zu einem Höhepunkt mythologischer Einkleidung in Geschlechtlichkeit und Paarung (Abb.15), auch in einen historisch-literarischen Kontext eingebettet (Abb.16). Aufgrund solcher Darstellungen erschien vor allem der katholischen Geistlichkeit ein ständischer Werteverfall unausweichlich, weshalb sie mittels Zensuren versuchte, solche Veröffentlichungen zu unterbinden. Jedoch waren die Ausbreitung des Buchdrucks und seine vielseitige Nutzung nicht mehr aufzuhalten, zumal die breite Mehrheit der europäischen Bevölkerung an den immensen Vorteilen des innovativen Mediums festhielt.13

3. Reaktionen auf Buchdruck, Fotografie und Internet im Vergleich

Der rasche Siegeszug der neuen Technik wurde in einer für das Volk auf Regionalität begrenzten Zeit neben dem Humanismus und der Renaissance sowie der Unterstützung von Patriziern durch eine positive demographische Entwicklung und fortschreitende Urbanisierungen vorangetrieben.

[...]


1 Giesecke, Michael: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, Frankfurt a. M. 1991.

2 Schilling, Michael: Bildpublizistik der frühen Neuzeit. Aufgaben und Leistungen des illustrierten Flugblatts in Deutschland bis um 1700, Tübingen 1990.

3 Eisenstein, Elizabeth Lewisohn: Die Druckerpresse. Kulturrevolution im frühen modernen Europa, Wien New York 1997.

4 Faulstich, Werner: Die Kultur der Pornografie. Kleine Einführung in Geschichte, Medien, Ästhetik, Markt und Bedeutung, Bardowick 1994. Ders. (Hg.): Grundwissen Medien, 5., vollständig überarbeitete und erheblich erweiterte Auflage, Paderborn 2004. Ders.: Medien zwischen Herrschaft und Revolte. Die Medienkultur der frühen Neuzeit (1400 - 1700), Göttingen 1998. Ders.: Medienwandel im Industrie- und Massenzeitalter (1830 - 1900), Göttingen 2004.

5 Giesecke: Der Buchdruck, S.136. Eisenstein: Druckerpresse, S.143.

6 Giesecke: Buchdruck, S.143-147.

7 Giesecke: Buchdruck, S.150-159, 193, 203.

8 Schilling: Bildpublizistik, S.116-124.

9 Giesecke: Buchdruck, S.159-167. Eisenstein: Druckerpresse, S.134-137. Faulstich: Medien, S.153-155, 182-183. Faulstich, Werner: Blatt, S.105-107.

10 Giesecke: Buchdruck, S.168-181.

11 Schilling: Bildpublizistik, S.125-131, 139-140, 201-207.

12 Faulstich: Medien, S.34-39. Faulstich: Pornografie, S.63-64. Giesecke: Buchdruck, S.191.

13 Schilling: Bildpublizistik, S.209-213. Faulstich: Pornografie, S.58-59. Faulstich: Medien, S.36.

Details

Seiten
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656242901
ISBN (Paperback)
9783656245667
DOI
10.3239/9783656242901
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg – Historisches Institut
Erscheinungsdatum
2012 (Juli)
Note
1,7
Schlagworte
Gutenberg Buchdruck Fotografie Internet Medien Mediengesellschaft
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