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Die Gretchentragödie in Goethes "Faust. Der Tragödie Erster Teil."

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Die Herkunft des Namens „Gretchen“
2.1 Die Kindsmordthematik
2.2 Das Bürgerliche Trauerspiel
2.3 Das Legendenstück
2.4 Die doppelte Symbolik des Namens: Perle und Blume

3. Szeneninterpretation:
3.1 Fausts Eintritt in die „kleine Welt“: Beginn des bürgerlichen Trauerspiels
3.2 Gretchens Ausbruch in die „große Welt“
3.3 Gretchens Untergang: Ende des bürgerlichen Trauerspiels

4. Die Schuldfrage

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Johann Wolfgang von Goethes „Faust. Der Tragödie Erster Teil“, 1808 veröffentlicht, greift die Geschichte des historischen „Doktor Johannes Faustus“ auf, die in der europäischen Literatur seit dem 16. Jahrhundert vielfach verarbeitet wurde. Obwohl die Gretchentragödie nicht zum festen Bestand des Faust-Stoffes der Tradition gehört, steht sie bei Goethe – bereits im „Urfaust“ – fast gleichwertig neben der Gelehrtentragödie, was ihre Bedeutung und Selbstständigkeit für die Gesamtkonzeption unterstreicht. Der Autor selbst hat das Gretchendrama 1826 als „zweiten Akt“[1] bezeichnet, in dem neben dem „Schicksal des Gelehrten und seiner Erkenntnisproblematik […], das des Bürgers und seines sozialen Aufstiegs“[2] behandelt werden sollte. „[D]em Schicksal des Mannes zwischen enthusiastischem Aufschwung und tragischem Scheitern sollte das Schicksal der Frau zwischen Liebe und Zerbrechen an gesellschaftlichen Regelungen an die Seite gestellt werden.“[3]

In der folgenden Interpretation soll nun anhand der Herkunft des Namens „Gretchen“ erläutert werden, welche Themen und Gattungen für die Tragödie entscheidend sind. Neben der Kindsmordthematik, für die sicherlich die Hinrichtung der Frankfurter Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt (1772) herangezogen werden kann, spiegeln sich zwei literarische Gattungen aus dem 16. und dem 18. Jahrhundert in Goethes „Faust“ wieder: Das Bürgerliche Trauerspiel, das mit Lessings „Miß Sara Sampson“, 1755, im deutschsprachigen Raum eingeführt wurde, bestimmt die vordergründige Handlung. Hier geht es um den sozialen Aufstiegswunsch des Kleinbürgertums, der exemplarisch anhand der verführten jungen Frau dargestellt wird, und den Preis, der dafür gezahlt werden muss. „[I]m Hintergrund spielt sich zwischen einer neuen Heiligen Margarete und dem Teufel ein Legendendrama ab“[4], „das im Meisterdrama und im Schultheater des 16. Jahrhunderts gepflegt wurde.“[5]

Der anschließende Teil der Arbeit wird sich näher mit den bisher genannten themen- und gattungsspezifischen Aspekten beschäftigen und das Geschehen im „Faust“ Szene für Szene entschlüsseln.

Abschließend bleibt nur noch die Frage nach der Schuld an dem Vergehen der weiblichen Protagonistin zu beantworten. Obwohl Gretchen die ganze Verantwortung alleine auf sich nimmt, sollte dennoch geklärt werden, welche Rolle Faust in der Tragödie zukommt. Denn er ist sicherlich nicht ganz unschuldig am Untergang seiner Geliebten und am Mord seines eigenen Kindes.

2. Die Herkunft des Namens „Gretchen“

Um die gesamte Gretchentragödie besser verstehen zu können, soll vorerst geklärt werden, warum Goethe gerade den Namen „Gretchen“ für die weibliche Protagonistin des „Faust I“ gewählt hat. In den Kommentaren und Anmerkungen zum „Faust“ werden drei Gründe immer wieder angeführt: Erstens lässt sich aus der Biographie des Autors erschließen, dass Goethes erste große Jugendliebe aus Frankfurt „Gretchen“ hieß. Das schmerzliche Ende dieser Liebesbeziehung brach dem erst fünfzehnjährigen Jüngling das Herz und wurde mehrfach von ihm literarisch verarbeitet, wie beispielsweise in „Dichtung und Wahrheit“ (5. Buch. FA I 14, 181 ff.).

2.1 Die Kindsmordthematik

Zweitens, weil der Autor aufgrund seiner juristischen Tätigkeiten sehr gut über den Fall der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt im Jahre 1772 informiert war. Er hatte Einsicht in die Prozessakten und verfolgte jedes Detail, von ihrer Verurteilung bis hin zu ihrer Hinrichtung. Mephistos Aussage: „Sie ist die erste nicht.“ („Trüber Tag. Feld.“, 15), lässt sich auch in einem Verhörprotokoll vom 8. 10. 1771 wiederfinden, wo gesagt wird, dass „ihre Schwestern sie scharf befragt, sie solle es gestehen, wann sie schwanger seye, sie wäre ja nicht die erste und würde auch nicht die letzte seyn“.[6] Die Todesstrafe in diesem und ähnlichen Fällen erregte großes Aufsehen in der gesamten Öffentlichkeit und bot „der Generation der Dichter des 'Sturm und Drang' eines ihrer wichtigsten gesellschaftskritischen Themen.“[7] In der Auseinandersetzung mit der Kindsmordthematik beschäftigten sie sich vor allem mit den sozialen und psychologischen Ursachen, die ein solches Verbrechen hervorbringen konnten. Die Kritik galt dabei vor allem der Kirche, die außerehelichen Geschlechtsverkehr mit Kirchenbußen, öffentlicher Entehrung und anderen Bloßstellungen bestrafte. „Die Kirchenbuße des 18. Jahrhunderts hatte in ihrem Charakter wie in ihren Folgen einige Ähnlichkeit mit den Prozeduren, denen totalitäre Systeme des 20. Jahrhunderts Dissidenten aussetzten und aussetzen. Wie diese war sie institutioneller Terror und zielte auf die Erzeugung von sozialer Angst: „Terror ist in seiner sozialen Struktur nach dem Modell der Schauprozesse gebaut. Eine Gruppe bestimmt, wer die ‚Schuldigen‘ sind. Diese werden zum Schuldgeständnis gezwungen und dann öffentlich verdammt und verurteilt <…>. Die Angst <…> aber verbreitet sich aus solchen Vorgängen über die ganze Bevölkerung.“ Eine Folge davon ist die „verbale Anpassung“ an die Doktrin“[8], die Lieschens Rede „Am Brunnen“ und auch Gretchens früher Anschauungen prägt. Diese Strafmaßnahmen erwiesen sich jedoch als fatal und vergeblich zugleich, da sie die Zahl der Kindsmorddelikte entgegen ihres eigentlichen Vorhabens nur noch erhöhte. Die verzweifelten, unehelich schwanger gewordenen Frauen wussten, welche Qual ihnen bevorstand. Denn nicht nur ihre eigene Existenz war durch ihr verbotenes Tun enorm gefährdet, auch die ihres Kindes stand auf dem Spiel, da unehelich gezeugte Kinder in der Gesellschaft als Außenseiter behandelt wurden und keinerlei Chancen im Leben hatten. Die Angst vor sozialer Ächtung und gesellschaftlichem Ausschluss war meist so groß, dass diese Frauen – und auch Gretchen - im Mord ihres eigenen Kindes den einzigen Ausweg sahen. In Preußen wurde die Kirchenbuße aufgrund dessen bereits vor der Mitte des 18. Jahrhunderts abgeschafft und gegen Ende dieses Jahrhunderts wurde sie auch in anderen Regionen kaum mehr praktiziert. Da Goethe ebenfalls ein Gegner der öffentlichen Kirchenbuße war, ging es ihm im „Faust“ insbesondere darum, „humanes Verständnis und Mitgefühl für die verführten jungen Frauen, die durch Verzweiflung zur Tötung ihres Kindes getrieben wurden“[9], hervorzurufen. Daraus lässt sich auch der Umstand erklären, dass in der Gretchentragödie die wesentlichen Momente der Geschichte – der Kindsmord, die Aufdeckung der Tat und der gerichtliche Prozess - nicht vorgeführt werden. „Goethe konzentriert sich auf den inneren Vorgang und schildert Gretchens seelische Reaktionen in den weithin monologisch angelegten Szenen „Zwinger“, „Dom“ und „Kerker“, die bisweilen in die Form lyrischer Selbstaussprache übergehen und ein suggestives Bild der Verlassenheit, der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung zeichnen.“[10]

2.2 Das Bürgerliches Trauerspiel

Drittens, weil der Name Margarete und die davon abgeleiteten Formen (wie Gretchen, Gretel oder Margretlein) einer der geläufigsten Frauennamen in einfacheren, kleinbürgerlichen Schichten war, und damit auf die Sphäre der kleinen Welt verweist. Auch in Märchen und Volksliedern wurde der Name ‚Gretchen‘ bevorzugt verwendet. „In diesem Sinne hätte Goethes Wahl des Namens „Gretchen“ eine romantisierende und, auf die Balladen und Märchentexte in Faust I bezogen, tragisch vorausdeutende Funktion.“[11] Diesem Aspekt würde auch die unterschiedliche Benennung der Figur in den Regieanmerkungen entsprechen. In den Szenen „Straße“, „Abend“, „Der Nachbarin Haus“, „Garten“, „Ein Gartenhäuschen“, „Marthens Garten“ und „Kerker“ lautet der Regiename ausschließlich Margarete, während die Szenen „Gretchens Stube“, „Am Brunnen“, „Zwinger“, „Nacht“ und „Dom“ den Regienamen Gretchen benutzen. Bernhard Greiner zufolge lässt sich die Variation der Namensgebung auf die jeweiligen „Stadien der Liebesgeschichte“[12] zurückführen: „Solange die Liebe glücklich ist, heißt die Geliebte Fausts Margarete (mit Ausnahme der Szene Gretchens Stube, in der die Protagonistin das Lied am Spinnrad singt); erst wenn die Liebe unglücklich geworden ist, der Geliebte auch nicht mehr erscheint, trägt sie kontinuierlich den Namen Gretchen (mit Ausnahme der Kerker-Szene, die die Protagonistin als Margarete bestreitet; hier ist Faust auch wieder anwesend).“[13] Der Namenswechsel ist also auf die Psychodynamik und den Wandel der Figur zurückzuführen. Zu Beginn der Tragödie befindet sich die kleine Welt Margaretes im Gleichgewicht: Eingebunden in die Ordnung von Familie und Gesellschaft, entspricht sie der sozialen und religiösen Norm. Durch die wachsende Liebe zu Faust wird sie jedoch aus dieser geordneten Umwelt herausgerissen, missachtet all das, was ihr früher Halt gab, und wird schließlich für ihre Taten Verantwortung übernehmen. „So verbindet das Faust-Drama in der Figur Margarete eine naturhaft und sozial ‚gebundene‘, d. h. determinierte Daseinsform mit der entgegengesetzten eines selbstverantwortenden Handelns.“[14] Die Emanzipation des naiven Bürgermädchens zu einem autonomen Individuum, und der Preis, den sie dafür zahlen muss, stellt die Gretchentragödie als bürgerliches Trauerspiel in den Vordergrund. Den Autoren des Sturm und Drang ging es in derartigen literarischen Darstellungen vor allem darum, die Werte und das noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts vorherrschende Ideal „der auf Ordnung und Harmonie gegründeten [bürgerlichen] Familie“[15] in Frage zu stellen und deren Scheinmoral zu entlarven. Denn in dieser angeblich idyllischen Ordnung gab es keinen Platz für die Selbstverwirklichung des Individuums. Das System ‚Familie‘ stand im Mittelpunkt und war geprägt durch autoritäre Strukturen, Gewalt, vernunftgeleitetes Handeln, Pflichtbewusstsein und Unterdrückung von Gefühlen. Der Einzelne hatte in diesem System keinen Anspruch auf Selbstbestimmung oder Erfüllung des eigenen Glücks, jegliches Tun musste der gesamten Familie zugute kommen und Abweichungen von diesem ungeschriebenen Gesetz wurden meist hart bestraft. Entidealisierung und Aufdeckung der realen Familienverhältnisse war das Ziel dieser Autorengeneration.

Goethe hat Gretchen deshalb bewusst in der kleinen Welt des Bürgertums platziert, um die milieubedingten Zustände, Tugend- und Moralvorstellungen ihrer Schicht zu repräsentieren, die schließlich die Tragödie in Gang setzen. Zudem hat er großen Wert darauf gelegt, den Standesunterschied zwischen dem Kleinbürgermädchen und dem „Herrn aus edlen Haus“ (2681) hervorzuheben, der hier eindeutig die Rolle des schuldhaften Verführers übernimmt. Das alte dramenpoetische Prinzip der Ständeklausel, nach dem Tragödien ausschließlich das Schicksal von Königen, Fürsten und anderen hohen Standespersonen behandeln sollten, während die Komödie für die Darstellung bürgerlicher Lebensweisen vorbehalten war, ist hier außer Kraft gesetzt. „Nicht mehr vom Thron, sondern vom Spinnrad nur stürzt die tragische Figur auf das Schafott. Aber was ihr Sturz dabei an ‚heroischer‘, auf die Erschütterung des Zuschauers zielender äußerer Fallhöhe verliert, gewinnt er hier an innerer, herzergreifender Gefühlsgewalt. Nicht mehr aus metaphysischen, sondern aus innerweltlich-mitmenschlichen Antagonismen resultiert das tragische Geschehen.“[16] Gretchens Umwelt, ihre Familie und die Gesellschaft sind verantwortlich für die Tragödie, die sich fortan in dem Spielfeld der kleinen Welt vollziehen wird. Die Schauplätze sind so gewählt, dass sie die Enge und Determiniertheit des kleinbürgerlichen Lebens stets verdeutlichen. Die Familienverhältnisse scheinen auf den ersten Blick nicht denen des bürgerlichen Trauerspiels zu entsprechen: Die Mutter bleibt im Hintergrund, tritt nie selbst in Erscheinung und der Vater ist seit langer Zeit verstorben. Stattdessen lässt Goethe jedoch zwei andere Figuren stellvertretend für sie agieren: Marthe, die Nachbarin, übernimmt die kupplerische Mutterrolle für Gretchen, während ihr Bruder Valentin eindeutig die Züge des „moralstrengen kleinbürgerlichen Hausvaters“[17] trägt. Die einzige Figur, die nicht in dieses Bild und ebenso wenig in diese Gattung passt, ist Mephisto, der Teufel, den man jedoch als Alter Ego Fausts betrachten könnte, als seine düstere, personifizierte Triebenergie, seine Libido. Mit dem Eintritt Fausts in Gretchens Leben bahnt sich nun die Katastrophe an. Blind vor Liebe durchbricht Gretchen alle Schranken ihrer bürgerlichen Existenz, gibt alles auf, was ihr früher wichtig erschien, bis sie schließlich ihren letzten Halt verliert und zu Grunde gehen muss. Anstatt sich selbst durch die Liebe zu Faust zu befreien, endlich zu ihrem ersehnten Glück zu gelangen, opfert sie sich ihm völlig auf, bis schließlich nichts mehr von ihrer Persönlichkeit übrig bleibt und sie dem Wahnsinn verfällt. Am Ende des Trauerspiels wird sie dennoch gerettet, findet wieder zu sich selbst, indem sie sich weigert, mit Faust zu fliehen. Eingesperrt in ihrem Kerker „erscheint s i e doch als die eigentlich Befreite. In einem anderen Sinn, als sie selber es hier versteht, werden ihre Worte wahr: Ich bin frei! Mir soll niemand wehren (4463).“[18]

[...]


[1] Gaier (1999): S. 322.

[2] Ebd. S. 323.

[3] Ebd. S. 323.

[4] Gaier (2001): S. 124.

[5] Gaier (1999): S. 323.

[6] Schöne: S. 370.

[7] Beller: S. 36.

[8] Schmidt: S. 107.

[9] Jacobs: S. 110.

[10] Ebd.: S. 111.

[11] Kuepper: S. 132.

[12] Greiner: S. 170.

[13] Ebd.: S. 170.

[14] Ebd.: S. 172.

[15] Brandes: S. 93.

[16] Schöne: S. 199.

[17] Ebd.: S. 200.

[18] Ebd.: S. 201 f.

Details

Seiten
26
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656245704
ISBN (Buch)
9783656251811
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198322
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Schlagworte
gretchentragödie goethes faust tragödie erster teil

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