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Adultum - Zeitalter erwachsen werdender Weltbürger,

die nach der Moderne an den Grenzen des Wachstums und angesichts ökonomisch-ökologischer Krisen Verantwortung für heutige und zukünftige Generationen übernehmen müssen.

Wissenschaftlicher Aufsatz 2012 14 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Josef Senft

Adultum - Zeitalter erwachsen werdender Weltbürger,

die nach der Moderne an den Grenzen des Wachstums und angesichts ökonomisch-ökologischer Krisen Verantwortung für heutige und zukünftige Generationen übernehmen müssen.

In seiner Antrittsrede als Bundespräsident warb Joachim Gauck u.a. um Vertrauen „zu all den Bewohnern dieses wiedervereinigten und erwachsen gewordenen Landes“.[1] Hat er damit einen gewissen Reifegrad demokratischer Politikstrukturen gemeint oder was könnte es in Analogie zum Erwachsenwerden von Menschen noch bedeuten, wenn man einem Land das Attest „erwachsen geworden“ ausstellt und wenn kurz davor das Handelsblatt einen Jugendlichen zitiert, der angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise von sich sagt „Occuby hat mich erwachsen werden lassen“.[2] Woher gewinnt man die Kriterien dafür, eine Zustimmung bzw. Kritik zu den Transaktionen der Banken und der aktuellen Finanzpolitik als überzeugend oder als „banal“ zu bezeichnen? Wäre es angesichts der diversen Krisen und der sich immer nachdrücklicher zeigenden Grenzen des Wachstums nicht sinnvoll, von der Notwendigkeit einer erwachsen gewordenen Epoche, einem Adultum zu sprechen, das sozusagen die bezüglich Beschleunigung, Ressourcenverbrauch und Lebensstil maßlose Moderne ablöst? Liegt der Vergleich zum Erwachsenwerden eines Menschen nicht insofern nahe, als dieser bei Erreichen eines gewissen Reifestadiums das quantitative Wachstum einstellt und sich auf qualitativen Zuwachs konzentriert? Oder verbietet sich eine solche Analogie, weil damit nicht nur längst überholte deterministische und technikgläubige Fortschritts- und Stufen-Theorien assoziiert würden, sondern auch biologistisches Gedankengut ins Spiel käme, das bei gesellschaftlichen Perspektiven in die Irre führt? Andererseits: Könnte ein solches adultes Orientierungsmodell und ein entsprechender Narrativ nicht doch trotz aller gegenläufiger Trends und Gefährdungen quasi zwischen einem entmutigendem Alarmismus und einem kurzsichtigen (post-)modernen Weiter-wie-bisher ein zeitgemäßes und zukunftsfähiges Paradigma sein?

Erwachsen werden

Was bedeutet es, wenn jemandem das Reife-Prädikat „erwachsen geworden“ zugeschrieben wird? Prima vista sicherlich, dass dieser Mensch von der Physiognomie her im Großen und Ganzen als „ausgewachsen“ erscheint, also in biologischer Hinsicht die Grenzen seines Wachstums erreicht hat. Mehr noch als auf diese Äußerlichkeit wird man aber auf seine charakterliche Reife achten, von der man weiterhin Wachstum erhofft. Von einem Erwachsenen erwartet man gemeinhin, dass er in der Lage ist, die für sein Leben notwendigen Entscheidungen eigenverantwortlich zu treffen, dass er bzw. sie mündig geworden ist, d.h. Verantwortung für sich und andere auch in schwierigen Situationen übernehmen kann. Das Erwachsenenalter ist ein vielschichtiger und kontextabhängiger Begriff, der etwas aussagt über einen Reifegrad, der in kulturellen, juristischen, religiösen und politischen Zusammenhängen unterschiedlich akzentuiert und terminiert ist. Es gibt nach Sabine Kurtenbach drei zentrale Statuspassagen ins

Erwachsenenleben, die trotz aller Unterschiede weltweit bedeutsam sind, wenn sich ihr konkreter Stellenwert auch unterscheidet und sie in hohem Maße geschlechtsspezifisch sind: Heirat und Familiengründung , Eintritt in den Arbeitsmarkt und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von den Eltern und das Ausüben von Bürgerrechten. Und gerade in diesen für das Erwachsenwerden so wichtigen Bereichen werden die Jugendlichen heute weltweit durch wirtschaftliche, soziale oder politische Entwicklungen blockiert; aber gleichzeitig sind sie durch diese Gemeinsamkeiten auch in ihrem Protest gegen die Welt der Erwachsenen miteinander verbunden.[3] Derzeit wird einerseits davon gesprochen, Jugendliche würden „früh die die Rolle von 'Mini-Erwachsenen' übernehmen“, weil sie unter einem hohen gesellschaftlichen Leistungsdruck stehen und versuchen dem nachzukommen.[4] Andererseits zeugt es von erwachsenem Denken, wenn die heutige junge Generation „eine funktionierende gesellschaftliche Moral“ als Voraussetzung dafür einfordert, „ihr Leben eigenverantwortlich und unabhängig gestalten zu können“, und wenn Jugendliche „zu 70 Prozent finden, man müsse sich gegen Missstände in Arbeitswelt und Gesellschaft zur Wehr setzen“.[5]

Angesichts der großen Anforderungen, die heute an Erwachsene gestellt werden, wird von ihnen ein lebenslanges Lernen gefordert, so dass sie immer sowohl werdende wie auch gewordene Erwachsene sind.[6] In der beschleunigten Gegenwartsgesellschaft herrscht bei den Erwachsenen nach Hartmut Rosa Unsicherheit und ein Veränderungsdruck in allen Dimensionen der sozialen Wirklichkeit, was systematisch eine Orientierung an Jugendlichkeit erzeugt. Solche Jugendlichkeitsideale seien geradezu charakteristisch für spätmoderne Gesellschaften.[7] In diesen herrscht nach Alain Ehrenberg die Tendenz „in einem Zustand der permanenten Adoleszenz“ zu verharren, anstatt „erwachsen zu werden und die Frustrationen, die das Geschick eines jeden Lebens sind, zu akzeptieren“.[8]

Offensichtlich wird an diesen Trends auch deutlich, dass es beim Erwachsenwerden neben den Entwicklungsprozessen vor allem auch auf die grundlegende Verbundenheit mit den sozialen Kontexten und damit auch auf die gesellschaftlichen Bedingungen ankommt. Es ist also von größter Bedeutung, ob nicht nur der unmittelbare, sondern auch der größere soziale Kontext das Erwachsenwerden fördert.

Ein erwachsen gewordenes Land?

In Anlehnung an biologische Reifekriterien kann die Frage gestellt werden, ob ein Land in dem Maße selber erwachsen geworden ist, als die für das Zusammenleben Verantwortlichen menschenwürdige Bedingungen gewährleisten und damit Verantwortung für die jetzigen und für zukünftige Generationen übernehmen. Auf der politischen Ebene lässt sich das vor allem auf die Frage zuspitzen, ob ein Land demokratisch geworden ist. Dies wäre nicht nur am Vorhandensein einer

demokratischen Verfassung, sondern in allen Belangen der res publica zu überprüfen.

Eine solche Bestandsaufnahme betrifft also nicht nur Legislative, Judikative und Exekutive auf der politischen Ebene, sondern auch die Macht und Produktionsbedingungen der Wirtschaft sowie die Beziehungsverhältnisse der Zivilgesellschaft. Bei der Frage, ob Deutschland erwachsen geworden ist, muss man zunächst feststellen, dass es mit Ausnahme von Kants systematischem Beitrag in politischer Hinsicht vergleichsweise zu den Errungenschaften anderer Länder wie England (Bill of rights), Amerika (Bill of Virginia) und Frankreich (Revolutions-Trias: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) mit seinen demokratischen Highlights im 19.Jahrhundert (Hambacher Fest, Paulskirche) relativ spät erste demokratische Gehversuche unternommen und durch das preußisch dominierte Kaiserreich eine autoritär militaristisch geprägte politische „Adoleszenz“ durchlaufen hat. Und selbst der demokratische Aufbruch der Weimarer Republik war so stark von nationalistischen und rassistischen Gruppen und Ideologien unterminiert, dass der Nationalsozialismus fast alle demokratischen Errungenschaften zunichte machen konnte. Auch wenn man anerkennt, dass in der Bundesrepublik Deutschland inzwischen viel hinsichtlich der Aufarbeitung dieser Unmenschlichkeits-Zäsur geleistet worden ist, kann doch nicht übersehen werden, wie spät und mühsam dieser Prozess der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit vonstatten gegangen ist. Wenn man bedenkt, dass inzwischen und bis in die Gegenwart neonazistische Gruppen nicht nur untergründig existieren, sondern sogar ungestraft mörderische Verbrechen begehen konnten, können einem bei der Frage, ob Deutschland erwachsen geworden ist, Zweifel kommen.

[...]


[1] Joachim Gauck, Antrittsrede, in: www. Sueddeutsche.de 23.3.2012

[2] Handelsblatt, 28.12.2011

[3] Vgl. Sabine Kurtenbach: Jugendproteste – blockierte Statuspassagen als einigendes Band, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 25-26/2012, 48ff.

[4] Vgl. Sinus-Studie „So fühlt Deutschlands Jugend“, Spiegel online 28.3.2012

[5] 16. Shell Jugendstudie, Jugend trotzt der Finanz- und Wirtschaftskrise, Presseinformation vom 14. 9.2010

[6] Vgl. Gertrud Wolf, Zur Konstruktion des Erwachsenen, Wiesbaden 2011, 10ff

[7] Vgl. Hartmut Rosa: Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt/M. 2005, 190.

[8] Alain Ehrenberg: Das erschöpfte Selbst, Frankfurt/M. 2004, 150.

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