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Erziehungsbedürftigkeit des Menschen

Erziehung, Bildung, Sozialisation

von Heiner Eims (Autor)

Seminararbeit 2012 15 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Was ist Erziehung

3 Anthropologische Voraussetzungen der Erziehung

4 Erziehungsbedürftigkeit und Sozialisation

5 Erziehbarkeit im Spannungsfeld von Anlage Umwelt und Selbstbestimmung

6 Ausblick/ Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Selbständigkeitserklärung
8.1 Eidesstattliche Erklärung

1 Einführung

Diese Seminararbeit soll einen Einblick in den Entwicklungs- und Erziehungsprozess und dessen Bedürftigkeit des Menschen geben. Ich habe mich diesem Thema gewidmet, weil ich bei einem freien Bildungsträger angestellt tätig bin. Dort treffe ich auf Jugendliche, junge Erwachsene und ältere Teilnehmer, bei denen die Entwicklung und Förderung von Schlüsselkompetenzen und lebenspraktischen Fertigkeiten einer großen Bedeutung zukommt. Auch habe ich festgestellt, dass die bis dahin entwickelten Fähig- und Fertigkeiten der Teilnehmer nicht ausreichend sind, um sich selbstständig wieder in das Arbeitsleben zu integrieren. Vielmehr erweist es sich als sehr schwer, den Menschen Dinge zu vermitteln, vom Rechnen und Schreiben angefangen bis zu Kommunikationstraining oder Verständnis- und Toleranzentwicklung hin, um ihr eigenes Leben wieder leichter meistern zu können. Deshalb finde ich es wichtig, schon frühzeitig auf die Erziehung Einfluss zu nehmen, besonders in Hinsicht auf die Ausprägung kognitiver, sozialer und psychomotorischer Merkmale.

In diesem Zusammenhang wird in einem ersten Schritt die Frage nach der Erziehungsbedürftigkeit oder sogar Erziehungsnotwendigkeit des Menschen im Vordergrund stehen. Eng daran anschließend und aus der Konsequenz resultierend, dass der Mensch zumindest erziehungsbedürftig ist, rückt dann die Erziehbarkeit in Hinsicht auf seine Sozialisation in den Blickpunkt. Wenn eine Erziehungsbedürftigkeit vorhanden ist, so stellt sich die Frage, ob die Menschen durch Erziehung zu retten sind.

Aber benötigt er dazu erzieherische Unterstützung von außen?

2 Was ist Erziehung

Mit der Erziehung wird das bewusste soziale Handeln eines Initiators (Lehrer, Erzieher, Eltern) gegenüber einem zu Erziehenden bezeichnet. Dieses absichtsvolle Handeln soll Lernprozesse auslösen und dauerhafte Verhaltensänderungen in Bezug auf Normen, Werte, Sitten und Gesetze bewirken. Diese wiederum leiten sich aus der Tradition des vorherrschenden Kulturkreises her. Sie korrelieren (sie haben eine Beziehung) entweder mit den aktuellen Lebensbedingungen der Menschen oder stehen zu diesen in Widerspruch. So können sich durch einen Werte- und Normenwandel auch Erziehungsziele ändern. „Unter Erziehung werden soziale Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen mit psychischen und (oder) sozial-kulturellen Mitteln in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Komponenten zu erhalten.“ (Brezinka 1971, S.613) Das heißt dass sich Erziehung auf die Persönlichkeit richtet, also positive Charaktereigenschaften stärken bzw. negative dementsprechend schwächen soll. Solche Ziele werden nur durch entsprechende Erziehungsmittel (z.B. Lob, Tadel, Übung, Verbote, Appelle und auch Strafe) erreicht - auch sogenanntes Zweck - Mittel - Schema genannt. Von besonderer Bedeutung ist das erzieherische Verhältnis. Herman Nohl (1970, o. S.) sprach hier vom „pädagogischen Bezug“ und bezeichnete damit eine Lebensgemeinschaft. Diese ist gekennzeichnet durch starke Emotionen wie Liebe, Zuneigung, Autorität, Gehorsam und Vertrauen.

Aber dennoch wird Erziehung immer wieder in Frage gestellt und diskutiert - bis hin zur totalen Nicht-Erziehung. In der Auseinandersetzung mit den Grundpositionen der sogenannten Antipädagogik, das heißt Erziehung und Pädagogik sind aus Sicht der Antipädagogen zum einen nicht mit der Menschenwürde vereinbar und zum anderen nach ihrer Erfahrung auch unnötig. Aber auch im Zusammenhang mit den Forderungen nach mehr „Mut zur Erziehung“ ,das heißt Orientierungssysteme wie Normen und Werte anbieten, damit der Mensch sie verarbeiten und ändern kann, erhält die Frage nach der Erziehungsbedürftigkeit und der Erziehbarkeit des Menschen zentrale Bedeutung. (Nohl 1970, o. S.) Erziehung ist so gesehen eine Funktion der Gesellschaft und faktisch wie prinzipiell von dieser abhängig. Ihre Aufgabe ist es, gesellschaftliche loyale und nützliche Menschen zu formen, die den Weiterbestand der gesellschaftlichen Ordnung in ihrer vorgegebenen Form zu ihrem eigenen Anliegen machen. Die Erziehung wird zur Geburtshilfe für die Person.

3 Anthropologische Voraussetzungen der Erziehung

Die Anthropologie kann zur Frage der Erziehungsbedürftigkeit des Menschen wichtige Hinweise geben. Sie definiert die Wissenschaft vom Menschen sowie das Wissen des Menschen um sich selbst. Laut Weber (1981, S. 54) geht es dabei um den Lernenden, sowie um den zu Erziehenden und den erziehenden Menschen. Demnach erstellt die Anthropologie Befunde, die der Pädagogik zur Lösung von Problemen und Aufgaben helfen. Im Gegensatz dazu gewinnt die Pädagogik Einsichten über den Menschen und hilft damit der Anthropologie, Theorien zu formulieren. Beide Wissenschaften stehen demnach in einem kausalen Verhältnis zueinander. Um mit einer Definition von M.J. Langeveld (1967, o. S.) zu beginnen, ist der Mensch ein erziehungsbedürftiges Wesen. Diese Feststellung wiederum beruht auf anderen Charakteristika, die den Menschen wesentlich umschreiben: Als physiologische Frühgeburt und biologisches Mängelwesen hat der Mensch laut Alfred Portmann (1984, o. S.) bei seiner Geburt im Vergleich zu den Tieren einen wesentlich geringeren Entwicklungsstand erreicht. Das heißt, er ist im Gegensatz zum Tier unspezifiziert, unangepasst, seine Sinne sind unscharf und er ist lange schutzbedürftig. Niklaas Tinberg behauptet der Mensch sei ein instinktreduziertes Wesen. Barbara Drink (2010, S. 86) geht mit ihrer Aussage noch weiter, dass die vorhandenen Anreizsysteme (also Instinkte) nicht ausreichen, um ein menschliches Leben ohne Erziehung und Bildung zu führen. Um die Mängel zu überwinden, muss der Mensch seine intellektuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln. Und da die Entwicklung der Naturanlagen bei Menschen nicht von selbst geschieht, muss ein erzieherischer Einfluss von außen erfolgen. Konrad Lorenz (Flitner; Hurrelmann; Sacher 1996, o. S.) dagegen behauptet, dass die Spezialisierung des Menschen in seiner Unspezialisiertheit liegt. Er oder auch „homo discens (sprich der lernende Mensch) besitzt eine Werkzeugintelligenz und Entscheidungsfähigkeit. Das Ziel ist die Personalisation und die Ausbildung seines Ichs. Laut Jean Piaget (Flitner; Hurrelmann; Sacher 1996, o. S.) bilden die geistigen Vorstellungen, welche man erst ab dem elften Lebensjahr erlangt, die Grundlage für gedankliche Antizipation (sprich Vorausschau). Somit ist es dem Menschen möglich, ohne äußere Anlässe allein auf der kognitiven Ebene zu planen, konzipieren und prognostische Urteile über Erfolgswahrscheinlichkeiten von Handlungen zu formulieren. Die Erziehungsbedürftigkeit resultiert anthropologisch aus der funktionellen Unspezialisiertheit und der physiologisch zu frühen Geburt, die besonders im ersten Lebensjahr soziale Hilfestellung und Förderung notwendig macht. Ebenso bedürfen die artspezifischen Merkmale des Menschen wie Sprache, Denken, Emotionalität und Soziabilität einer intensiven Ausbildung durch soziokulturelle Institutionen. Dies wird durch die Offenheit seiner Verhaltensweisen, seinen höheren Hirnfunktionen und seinen großen Lernund Gedächtniskapazitäten unterstrichen.

4 Erziehungsbedürftigkeit und Sozialisation

In der Konsequenz ist der Mensch auf die Hilfe primärer Bezugspersonen und auf sein intellektuelles Leistungsvermögen angewiesen, um seine Lebensweise zu erlernen und seine biologischen Mängel auszugleichen. Der Mensch würde alleine nicht überleben. Wesentlich schärfer ist das Verständnis des Menschen von J.C. Comenius. Als „animal disziplinabile“ sei der Mensch ein der Zucht zugängliches Wesen, welches ohne Zucht nicht zum Menschen werden kann. (Hörner, Drink, Solvejg 2010, o. S.) Folgerichtig wird dem Menschen erst durch Erziehung eine eigene Dignität, sprich Würdigkeit, zugesprochen.

Immanuel Kant (2000, S. 699) wählte eine noch striktere Richtung, aus der sich weitere Konsequenzen für die Erziehungsbedürftigkeit ableiten lassen: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts als was die Erziehung aus ihm macht.“

Nach Kant (2000, S. 698 ff.) gliedert sich die Menschwerdung in vier Bereiche: Disziplinierung, Kultivierung, Zivilisierung und Moralisierung. Als oberstes Ziel wird von ihm die Autonomie des Heranwachsenden geführt. Ebenso kann man unter diesen Gesichtspunkten auch von einer individuellen Emanzipation sprechen. „Der Mensch wird nur unter Menschen zum Mensch.“ (Kant 2000, S. 519) Friedrich Kümmel (Flitner 1963, S. 162 ff.)beschreibt dies als „Erziehung zur Wirklichkeit“. Darin erfolgt die Darstellung des Kindes als unbefangenes Wesen, bevor es lernt etwas aus sich zu machen- bevor es gezwungen ist eine soziale Person zu werden und eine Maske zu tragen.

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Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656247531
ISBN (Buch)
9783656248514
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v198475
Institution / Hochschule
Berufsakademie Sachsen in Breitenbrunn
Note
1,3
Schlagworte
erziehungsbedürftigkeit menschen erziehung bildung sozialisation

Autor

  • Heiner Eims (Autor)

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Titel: Erziehungsbedürftigkeit des Menschen